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Gutenberg > Karl Simrock >

Die Edda

Karl Simrock: Die Edda - Kapitel 18
Quellenangabe
typelegend
authorKarl Simrock
year1878
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleDie Edda
pagesI-VII
created20031015
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1851
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14. Fiölsvinnsmâl.
Das Lied von Fiölswidr.

                     

Vor der Veste   sah er den Fremdling nahn,
Den Riesensitz ersteigen.

 
Wächter (Fiölswidr).

Welch Ungethüm ists,   das vor dem Eingang steht,
Die Waberlohe umwandelnd?

Wes verlangt dich hier,   was erlauerst du?
Was willst du, Freundloser, wißen?
Auf feuchten Wegen   hebe dich weg von hier,
Hier ist deines Bleibens nicht, Bettler!

 
Fremdling.

Welch Ungethüm ists,   das vor dem Eingang steht,
Und weigert dem Wanderer Gastrecht?
Gönnst du nicht Gruß und Wort,   so bist du gar nichts werth:
Hebe dich heim von hinnen.

 
Fiölswidr.

Fiölswidr heiß ich   und habe klugen Sinn,
Bin meines Mals nicht milde.
Zu diesen Mauern   magst du nicht eingehn:
Rechtloser, hebe dich hinnen.

 
Fremdling.

Von Augenweide   wendet sich ungern
Wer Liebes sucht und Süßes.
Die Gürtung scheint zu glühen   um goldne Säle:
Hier möcht ich Frieden finden.

 
Fiölswidr.

Welcher Eltern Kind   bist du, Knabe, geboren;
Welchem Stamm entstiegen?

 
Fremdling.

Windkaldr heiß ich,   Warkaldr hieß mein Vater,
Des Vater war Fiölkaldr.

Sage mir, Fiölswidr,   was ich dich fragen will
Und zu wißen wünsche:
Wer schaltet hier   das Reich besitzend
Mit Gut und milder Gabe?

 
Fiölswidr.

Menglada heißt sie,   die Mutter zeugte sie
Mit Swafr, Thorins Sohne.
Die schaltet hier   das Reich besitzend
Mit Gut und milder Gabe.

 
Windkaldr.

Sage mir, Fiölswidr,   was ich dich fragen will
Und zu wißen wünsche:
Wie heißt das Gitter?   nie sahn bei den Göttern
So üble List die Leute.

 
Fiölswidr.

10 

Thrymgialla (Donnerschall) heißt es,   das haben drei
Söhne Solblindis gemacht.
Die Feßel faßt   jeden Fahrenden,
Der es hinweg will heben.

 
Windkaldr.

11 

Sage mir, Fiölswidr,   was ich dich fragen will
Und zu wißen wünsche:
Wie heißt die Gürtung?   nie sahn bei den Göttern
So üble List die Leute.

 
Fiölswidr.

12 

Gastropnir heißt sie,   ich habe sie selber
Aus des Lehmriesen Gliedern erbaut
Und so stark gestützt,   daß sie stehen wird
So lange Leute leben.

 
Windkaldr.

13 

Sage mir, Fiölswidr,   was ich dich fragen will
Und zu wißen wünsche:
Wie heißen die Hunde?   ich hatte so grimmige
Lange nicht im Land gesehen.

 
Fiölswidr.

14 

Gifr heißt einer   und Geri der andre,
Weil dus zu wißen wünschest.
Eilf Wachten   müßen sie wachen
Bis die Götter vergehen.

 
Windkaldr.

15 

Sage mir, Fiölswidr,   was ich dich fragen will
Und zu wißen wünsche:
Ob Einer der Menschen   eingehn möge
Dieweil die schnaufenden schlafen.

 
Fiölswidr.

16 

Abwechselnd zu schlafen   war ihnen auferlegt
Seit sie hier Wächter wurden:
Einer schläft Tags,   der Andre Nachts,
Und so mag Niemand hinein.

 
Windkaldr.

17 

Sage mir, Fiölswidr,   was ich dich fragen will
Und zu wißen wünsche:
Giebt es keine Kost,   sie kirre zu machen
Und einzugehn weil sie eßen?

 
Fiölswidr.

18 

Zwei Flügel siehst du   an Windofnirs Seiten,
Weil dus zu wißen wünschest.
Das ist die Kost,   sie kirre zu machen
Und einzugehn weil sie eßen.

 
Windkaldr.

19 

Sage mir, Fiölswidr,   was ich dich fragen will
Und zu wißen wünsche:
Wie heißt der Baum,   der die Zweige breitet
Ueber alle Lande?

 
Fiölswidr.

20 

Mimameidr heißt er,   Menschen wißen selten
Aus welcher Wurzel er wächst.
Niemand erfährt auch   wie er zu fällen ist,
Da Schwert noch Feur ihm schadet.

 
Windkaldr.

21 

Sage mir, Fiölswidr,   was ich dich fragen will
Und zu wißen wünsche:
Welchen Nutzen bringt   der weltkunde Baum,
Da Feur noch Schwert ihm schadet?

 
Fiölswidr.

22 

Mit seinen Früchten   soll man feuern,
Wenn Weiber nicht wollen gebären.
Aus ihnen geht dann   was innen bliebe:
So wird er der Leute Lebensbaum.

 
Windkaldr.

23 

Sage mir, Fiölswidr,   was ich dich fragen will
Und zu wißen wünsche:
Wie heißt der Hahn   auf dem hohen Baum,
Der ganz von Golde glänzt?

 
Fiölswidr.

24 

Widofnir heißt er,   der im Winde leuchtet
Auf Mimameidis Zweigen.
Beschwerden schafft er,   und schwerlich raubt
Den Schwarzen Wer sich zur Speise.

 
Windkaldr.

25 

Sage mir, Fiölswidr,   was ich dich fragen will
Und zu wißen wünsche:
Ist keine Waffe,   die Widofnir möchte
Zu Hels Behausung senden?

 
Fiölswidr.

26 

Häwatein heißt der Zweig,   Loptr hat ihn gebrochen
Vor dem Todtenthor.
In eisernem Schrein   birgt ihn Sinmara
Unter neun schweren Schlößern.

 
Windkaldr.

27 

Sage mir, Fiölswidr,   was ich dich fragen will
Und zu wißen wünsche:
Mag lebend kehren,   der nach ihm verlangt
Und will die Ruthe rauben?

 
Fiölswidr.

28 

Lebend mag kehren,   der nach ihm verlangt
Und will die Ruthe rauben,
Wenn das er schenkt   was Wenige besitzen,
Der Dise des leuchtenden Lehms.

 
Windkaldr.

29 

Sage mir, Fiölswidr,   was ich dich fragen will
Und zu wißen wünsche:
Giebts einen Hort,   den man haben mag,
Der die fahle Vettel freut?

 
Fiölswidr.

30 

Die blinkende Sichel   birg im Gewand,
Die in Widofnirs Schweife sitzt,
Gieb sie Sinmara'n,   so wird sie gerne
Die blutige Ruthe dir borgen.

 
Windkaldr.

31 

Sage mir, Fiölswidr,   was ich dich fragen will
Und zu wißen wünsche:
Wie heißt der Saal,   der umschlungen ist
Weise mit Waberlohe?

 
Fiölswidr.

32 

Glut wird er genannt,   der weisend sich dreht
Wie auf des Schwertes Spitze.
Vor dem seligen Hause   soll man immerdar
Nur von Hörensagen hören.

 
Windkaldr.

33 

Sage mir, Fiölswidr,   was ich dich fragen will
Und zu wißen wünsche:
Wer hat gebildet   was vor der Brüstung ist
Unter den Asensöhnen?

 
Fiölswidr.

34 

Uni und Iri,   Bari und Ori,
Warr und Wegdrasil,
Dorri und Uri,   Dellingr und Atwardr,
Lidskialfr, Loki.

 
Windkaldr.

35 

Sage mir, Fiölswidr,   was ich dich fragen will
Und zu wißen wünsche:
Wie heißt der Berg,   wo ich die Braut,
Die wunderschöne, schaue?

 
Fiölswidr.

36 

Hyfiaberg heißt er,   Heilung und Trost
Nun lange der Lahmen und Siechen.
Gesund ward jede,   wie verjährt war das Uebel,
Die den steilen erstieg.

 
Windkaldr.

37 

Sage mir, Fiölswidr,   was ich dich fragen will
Und zu wißen wünsche:
Wie heißen die Mädchen,   die vor Mengladas Knieen
Einig beisammen sitzen?

 
Fiölswidr.

38 

Hlif heißt Eine,   die Andere Hlifthursa,
Die dritte Dietwarta,
Biört und Blid,   Blidur und Frid,
Eir und Oerboda.

 
Windkaldr.

39 

Sage mir, Fiölswidr,   was ich dich fragen will
Und zu wißen wünsche:
Schirmen sie Alle,   die ihnen opfern,
Wenn sie des bedürfen?

 
Fiölswidr

40 

Jeglichen Sommer,   so ihnen geschlachtet
Wird an geweihtem Orte,
Welche Krankheit überkommt   die Menschenkinder,
Jeden nehmen sie aus Nöthen.

 
Windkaldr.

41 

Sage mir, Fiölswidr,   was ich dich fragen will
Und zu wißen wünsche:
Mag ein Mann wohl   in Mengladas
Sanften Armen schlafen?

 
Fiölswidr.

42 

Kein Mann mag in Mengladas
Sanften Armen schlafen,
Swipdagr allein: die sonnenglänzende
Ist ihm verlobt seit Langem.

 
Windkaldr.

43 

Auf reiß die Thüre,   schaff weiten Raum,
Hier magst du Swipdagr schauen.
Doch frage zuvor   ob noch erfreut
Mengladen meine Minne.

 
Fiölswidr.

44 

Höre, Menglada!   ein Mann ist gekommen:
Geh und beschaue den Gast.
Die Hunde freuen sich,   das Haus erschloß sich selbst,
Ich denke, Swipdagr sei's.

 
Menglada.

45 

Glänzende Raben   am hohen Galgen
Hacken dir die Augen aus,
Wenn du das lügst,   daß der Verlangte endlich
Zu meiner Halle heimkehrt.

46 

Von wannen kommst du?   wo warst du bisher?
Wie hieß man dich daheim?
Nenne genau   Namen und Geschlecht,
Bin ich als Braut dir verbunden.

 
Swipdagr.

47 

Swipdagr heiß ich,   Solbiart hieß mein Vater,
Her führten mich windkalte Wege.
Urdas Ausspruch   ändert Niemand,
Ob er unverdient auch träfe.

 
Menglada.

48 

Willkommen seist du,   mein Wunsch erfüllt sich,
Den Gruß begleite der Kuss.
Unversehenes Schauen   beseligt doppelt
Wo rechte Liebe verlangt.

49 

Lange saß ich   auf liebem Berge
Dich erharrend Tag um Tag;
Nun geschieht was ich hoffte,   da du heimgekehrt bist,
Süßer Freund, in meinen Saal.

 
Swipdagr.

50 

Sehnlich Verlangen   hatt ich nach deiner Liebe
Und du nach meiner Minne.
Nun ist gewiss,   wir beide werden
Miteinander ewig leben.

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