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Die Edda

Karl Simrock: Die Edda - Kapitel 147
Quellenangabe
typelegend
authorKarl Simrock
year1878
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleDie Edda
pagesI-VII
created20031015
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1851
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31. Das andere Gudrunenlied.

Rask nimmt dieses mit dem dritten Liede zusammen und giebt ihnen die gemeinschaftliche Ueberschrift Godrunar-Harmr, welcher er das vorige Stück, »Mord der Niflunge«, mit dem prosaischen Eingange unseres Liedes verbunden folgen läßt. Der Name scheint den Schlußworten des dritten Gudrunenliedes entliehen zu sein, wie auch Oddrunargratr sich am Ende selbst seinen Namen giebt, indem es ganz nach der Sitte deutscher Heldenlieder, die noch in den Nibelungen gewahrt ist, mit den Worten schließt: Hier ist Oddruns Klage zu Ende. Allein der Harm Gudruns, welcher ihr im dritten Liede durch Herkias Bestrafung gebüßt wird, ist ein ganz anderer als der, welchen sie in dem gegenwärtigen klagt: aus den Schlußworten jenes: »So ward der Gudrun vergolten der Harm,« kann mithin für dieses keine Ueberschrift hergeleitet werden. Auch scheinen mir diese beiden Lieder, die so vereinigt werden sollen, wenig gemein zu haben. Von dem zweiten haben wir gesehen, daß es das alte Gudrunenlied genannt wurde; in der Nornagests. c. 2 scheint es unter Gudruns alter Weise verstanden und die Vergleichung mit dem ersten hat nichts ergeben, was der Meinung widerspräche, daß es älter sei als dieses. Gegen die Composition unseres Liedes finden wir wenig einzuwenden: es faßt Gudruns Schicksale, mit Ausschluß ihrer dritten Vermählung, geschickt zusammen, und obgleich der Zeitpunkt vor ihrer Rache an Atli genommen ist, wird diese doch zuletzt als Vorsatz angekündigt, und bei Auslegung der Träume Atlis geschildert. Der Eindruck, den dieser Schluß hervorbringt, ist stark genug, und wir müßen die Kunst des Dichters, der dieß vermochte ohne daß vorher die Ermordung ihrer Brüder gemeldet wurde, bewundern. Denn daß diese erfolgt ist, wird verschwiegen und nur als Prophezeiung Gudruns vor ihrer Vermählung mit Atli Str. 31 dieß Motiv ihrer Rache beigebracht. Vielleicht ist zur Erklärung dieser Sehergabe Gudruns die Nachricht ersonnen, welche der Eingang des ersten Liedes bringt, Gudrun habe von Fafnirs Herzen gegeßen.

Mit dem s. g. Bruchstück eines Brynhildenliedes hat das unsere Einiges gemein. Daß in Beiden Sigurd draußen erschlagen wird, hat der Schlußsatz jenes schon selber bemerkt. Aber auch Granis ledige Heimkehr Str. 4, seine Trauer um den Herrn Str. 5, Gudruns Frage, die Högni beantwortet Str. 6 bis 8, fanden sich, wenn auch weniger ausgeführt, schon dort.

Was sich nun zunächst begiebt, findet sich in keinem andern Liede wieder; der Wölsungasage c. 41 hat es für diese Vorgänge als alleinige Quelle gedient, die sie fast wörtlich ausschreibt. Sie erklärt uns auch die Str. 13 nicht, wo in Einem Athem Alf neben Thora, Hakons Tochter in Dänemark, genannt wird, während der Schlußsatz unseres ersten Liedes nur letzterer gedenkt. Zwar setzt sie an Alfs Stelle dessen Vater Hialprek, und da sie selber diesen zum König von Dänemark macht (c. 21), so fällt ihr kein Widerspruch auf; das Verhältnis Alfs zu Thora läßt sie unerörtert. In der That scheinen unsere Lieder darin einig, Hialprek in Dänemark herschen zu laßen – in Helreid Str. 11 heißt sogar Sigurd selbst ein Dänenfürst – obwohl es damit nicht zum Besten stimmt, daß das Reich Borghildens, der ersten Gemahlin Sigmunds, in Dänemark lag. Das Ursprüngliche bewahrt wohl die Meldung der Nornagestsage c. 3, wonach Hialprek in Frankenland Hof hält, zumal da die Deutung auf Chilperich so nahe liegt. Man könnte noch zweifeln, ob unser Lied wirklich Alfs Hallen nach Dänemark setzte, da die Erwähnung dieses Landes sich vielleicht allein auf Hakon bezieht. Wenn nämlich Alf, welchem sich Hiördis, Sigurds Mutter, nach Sigmunds Tode vermählte, in zweiter Ehe Thora, die Tochter Hakons von Dänemark, gefreit hätte, denn anders läßt es sich doch kaum deuten daß beide zusammen genannt werden, so brauchte man den Schauplatz dieser und der folgenden Strophen nicht nach Dänemark zu legen, zumal auch die dänischen Schwäne Str. 14, welche Thora in Gold stickte, sich einfach genug aus deren dortiger Heimat erklären ließen. Allein nach Str. 13 braucht Gudrun fünf Nächte um vom Rhein zu Alfs Hallen zu gelangen, was auf Dänemark beßer passt als auf Frankenland. Die drei Wochen, welche nach Str. 35 erforderlich sind, um von Alfs Hallen zu Atlis Burg zu gelangen, geben keine Auskunft, da wir nicht wißen wo der Dichter sich diese dachte. Ebenso wenig kann Str. 16 entscheiden, wo Sigmunds, Sigars und Siggeirs Waffenthaten in Stickwerk dargestellt werden, denn diese konnten in Dänemark so bekannt sein als in Frankenland. Endlich kann auch Str. 19 nicht den Ausschlag geben, wo neben slawisch klingenden Namen wie Jarisleif (Jaroslaw) Waldar der Däne genannt wird, denn wie ich diese Str. verstehe, gehört er zum Gefolge Grimhilds. Allerdings mag man in der vielfachen Einmischung Dänemarks eine Vorliebe des Dichters für dieses Land, wie in der des Haddingelands Str. 22 für den Norden überhaupt sehen; aber die nordische Heimat der Dichter oder Ueberdichter unserer Lieder hat doch sonst nicht vermocht, die Spuren ihres deutschen Ursprungs aus den geographischen Angaben zu tilgen.

Da wir einmal bei diesen verweilen, so bemerken wir, daß die hunischen Helden Str. 15 noch in dem alten Sinne des Worts genommen scheinen, nach welchem Sigurds Voreltern hunische d. i. deutsche Könige waren, und er selbst mehrmals der hunische heißt. Die hunischen Töchter Str. 26 dagegen könnten schon hunnische sein sollen, denn in derselben Strophe wird Atli Gudrunen zum Gemahl vorgeschlagen. Winbiörg und Walbiörg Str. 33 scheinen erdichtete Namen.

Siggeir Str. 16 ist nach der Wölsungens. der Gemahl Signes, der Tochter Wölsungs, mit welcher ihr Bruder Sigmund den Sinfiötli zeugte, der deshalb im ersten Liede von Helgi dem Hundingstödter Str. 40 Siggeirs Stiefsohn heißt. Neben ihm ist im Text Sigar genannt, dessen Sage verdunkelt ist; mit Sigar zusammensetzte Ortsnamen in den Helgiliedern spielen noch darauf an. Wir sind aber hier der Wölsungasage gefolgt, die aus unsern Liedern schöpft, und neben Siggeir keinen andern als Sigmund nennt. Es ist also die Schlacht gemeint, in welcher König Wals fiel und Sigmund mit seinen Brüdern gefangen wird. Siggeir hatte seinen Schwäher nebst allen Söhnen in sein Haus geladen, wo das nachgeholt werden sollte, was ihnen bei Sigmunds Hochzeit (durch Siggeirs schnelle Heimreise) gefehlt hatte. König Wals war mit dreien Schiffen ausgefahren, ward aber gleich bei der Ankunft von Siggeirs Heer überfallen und erlag nach heldenmüthiger Wehr der Uebermacht. Von dieser Schlacht wird hier die Rede sein.

Der Name Hlödwers Str. 25 begegnet auch in der Wölundarkwida; in der Nornagests. c. 9 führt ihn ein König von Sachsenland; vergl. K. Maurer in Zachers Ztschr. II. 467.

Mitten zwischen den beiden Hälften der Str. 35 nehmen die Erklärer eine Lücke an, oder laßen Gudrun die Vermählung mit Atli und die Ermordung ihrer Brüder als dem Dietrich schon bekannt übergehen; die Wölsungasaga c. 41 schiebt wenigstens erstere hier ein. Nothwendig scheint uns keins von beiden. Gudrun kommt schlafend in Atlis Burg an; Atli, der sie erweckt, erfährt sogleich, welche Träume sie beängstigt haben. Dieß veranlaßt ihn, auch seine Träume mit dem Wunsch zu erzählen, daß sie eine günstige Deutung zulaßen möchten. Den ersten, welcher seine Ermordung von Gudruns Hand unverhüllt ausspricht, weiß sie ohne ihre Abneigung zu verbergen doch beruhigend auszulegen; die andern, deren Sinn nicht so zu Tage liegt, deutet sie auf die Ermordung seiner und ihrer Kinder, ohne deren Mörder zu bezeichnen. Seit diesem Gespräch mit Atli, dessen sich Gudrun nach dem Fall ihrer Brüder erinnert, müßen bis zu dem Tage, wo ihr dieß Lied in den Mund gelegt wird, Jahre verstrichen sein, denn es geschieht unmittelbar nach ihrer Ankunft in Atlis Burg; nun aber, da sie sich im Trotze des Rachegefühls vornimmt (Str. 42) Atlis Träume in Erfüllung zu bringen, hat sie schon lichtgelockte Söhne mit ihm erzeugt, sonst wäre dieser Vorsatz (So will ich thun) undenkbar. Zwischen den Fall ihrer Brüder und die Ausführung der Rache fällt also dieses Lied wie vielleicht auch das folgende.

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