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Die Edda

Karl Simrock: Die Edda - Kapitel 126
Quellenangabe
typelegend
authorKarl Simrock
year1878
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleDie Edda
pagesI-VII
created20031015
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1851
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9. Oegisdrecka.

Dieses Lied führt auch die Namen Lokasenna und Lokaglepsa, Lokis Zank und Lokis Zähnefletschen, ja vielleicht gehört die Ueberschrift Oegisdrecka, Oegirs Trinkgelag, nur zu der vorausgeschickten prosaischen Einleitung. Den Hauptgegenstand bilden allerdings Lokis Schmähreden gegen die Götter und die Strafe, welche er dafür nach dem Schlußwort empfängt. In welchem Verhältnisse es zu dem vorhergehenden Liede und zu Bragarödur, einem Abschnitt der jüngern Edda, steht, ist so eben entwickelt worden.

Von der Einleitung des Liedes, mit der Skaldsk. c. 33 zu vergleichen ist, hat schon Uhland bemerkt, daß sie eine von dem Inhalt des Liedes verschiedene Darstellung des Mythus zu benutzen scheine, indem die Erzählung, wie Fimafengr von Loki erschlagen und letzterer dann von den Asen verfolgt wird, nicht zu dem Anfang des Liedes passt, woselbst Loki, ohne irgend einen Bezug auf jenen Vorgang, neu hinzu kommt. Statt Fimafengr lese ich mit Grimm G. D. Spr. 767 Funafengr (Feuerfänger), wie Eldir, der Name des andern Dieners Oegis, den Zünder bedeutet. Beide Namen scheinen auf das Goldlicht zu gehen, bei dem Oegir seine Gäste bewirthet. Ueber die in der Einleitung benutzte abweichende Gestalt des Mythus vermuthet nun Grimm a. a. O., daß Loki darum mit Oegis Dienern in Streit gerathen, weil er der neue Gott des Feuers sei, der Meergott Oegir aber, wie das Goldlicht und jene Namen verriethen, einst auch Feuergott gewesen sei. Vgl. jedoch Handb. §. 122.

Eins deutet doch vielleicht dahin, daß noch in unserm Liede selbst Funafengs Ermordung vorausgesetzt sei. Unter den Personen dieses kleinen Dramas treten nämlich auch Beyggwir und sein Weib Beyla auf, welche die Einleitung als Freyrs Dienstleute bezeichnet. Was diese sonst völlig unbekannten Wesen, von Uhland ihrem von Biegen abgeleiteten Namen gemäß als milde Sommerlüfte gedeutet, hier sollen, ist nicht leicht einzusehen. Beyggwir giebt Str. 45 an, er sei behülflich, daß die Gäste in Oegis Halle Ael trinken könnten, und so sehen wir auch Beyla Str. 53, wenn nicht, wie wir angenommen haben, Sif zu lesen ist, dem Loki schenken. Die Vermuthung läge nun nahe, daß die Bewirtung der Gäste von diesen beiden übernommen worden sei, nachdem Funafeng, auf den Oegir gezählt hatte, von Loki erschlagen worden war. Die ersten Worte der Einleitung sagen uns, daß Oegir mit anderm Namen Gymir hieß, Gymis Tochter (Str. 42) war aber nach D. 37 Gerdha, Freys Gemahlin, und so konnte dieser mit seinem Gefolge als zu Oegis Hause gehörig angesehen werden.

Die prosaische Schlußerzählung enthält Lokis auch sonst (D. 50, Wölusp. 38) bekannte Bestrafung, die aber mit seinen Schmähungen gegen die Götter willkürlich in Verbindung gesetzt ist.

Ueber Werth und Charakter unseres Liedes sind sehr verschiedene Urtheile gefällt worden. Einige haben es für ein Spottlied voll lucianischen Witzes, wohl gar für das eines Christen auf die heidnischen Götter gehalten. Dagegen findet Köppen, der es für ein echt heidnisches Lied erklärt, seinen Grundton tief tragisch. Jene furchtbare Zerrißenheit, welche dem Untergang vorhergeht, habe sich der Götter bemeistert und diese werde unnachahmlich schön geschildert, so daß man nicht umhin könne, das Gedicht für eins der tiefsinnigsten und best ausgeführten zu erklären. Die Wahrheit liegt wohl auch dießmal in der Mitte. Von einem tieftragischen Grundtone des Liedes kann man wohl so wenig als von seinem großen Tiefsinn sprechen, eher noch von einer schon ziemlich leichtfertigen Reflexion über die Götter, die nicht mehr die beste Zeit verräth. Der Untergang der Asen, den auch dieß Lied behandelt, lag zwar schon früh in dem Gefühl der Nordbewohner, und die Ahnung, daß sie an ihrer eigenen Schuld zu Grunde gehen, spricht bereits die Wöluspa aus; unser Lied sucht aber die Schuld an den einzelnen Göttern nachzuweisen, wobei es viel klügelnden Scharfsinn aufbietet, und wo dieser nicht ausreicht, sogar zu absichtlichen Erdichtungen und Entstellungen greift, weshalb es der Mythologe nur mit Vorsicht benutzen sollte. Indem es dem Loki diese Anklagen der Götter in den Mund legt, und ihn so zum Feinde, zum bösen Gewißen der Götter macht, faßt es dessen Wesen schon in einem ziemlich modernen Sinne auf, von dem z. B. Thrymskwida noch nichts weiß.

Absichtliche Erdichtungen und Entstellungen finden wir in dem Vorwurf der Buhlerei, welchen Loki der Reihe nach fast gegen alle Göttinnen richtet. Was zunächst Idun (Str. 17) betrifft, so ist von ihr nicht bekannt, daß sie den Mörder ihres Bruders umarmt habe. Von Gerda freilich, mit der sie sich, wie wir bei Skirnisför angedeutet haben, zu berühren scheint, kann dieß gesagt werden, da Freyr ihren Bruder Beli erschlagen hatte. Da aber beide Wesen sonst in diesem Gedicht auseinander gehalten sind, indem Idun als Bragis Gattin erscheint, und Gerda Str. 42 als Freys Gemahlin, so war der Dichter zu solcher Identification nicht berechtigt, und es ist ein Nothbehelf, wenn er sich dieses sonst gebräuchlichen Mittels hier bedient. Gefion wird D. 36 als jungfräulich gedacht, was freilich mit D. 1 nicht zum Besten stimmt. Was ihr aber Str. 20 Schuld gegeben wird, scheint wieder auf einer absichtlichen Verwechselung, und zwar mit Freyja zu beruhen, die sich für das Kleinod Brisingamen den Zwergen Preis gab, vgl. Sn. 354–357 und Gr. Myth. 283. Nun führt zwar Freyja nach D. 35 auch den Namen Gefn, der dem Gefions verwandt sein mag; aber diese darum mit Freyja zusammenzuwerfen, während sie doch wieder neben ihr erscheint, heißt die Willkür übertreiben. Was der Frigg vorgeworfen wird, daß sie außer Odhin auch seine Brüder Wili und We umarmt habe, geht von der Identität der drei Brüder aus und ist mindestens Sophistik. Was Ynglingasaga c. 3 Bestätigendes meldet, kann hier entliehen sein. Freyjas Unschuld wollen wir nach dem Obigen nicht in Schutz nehmen, obgleich die Bezichtigung weit geht, und der Gattin Tyrs Str. 40, die völlig unbekannt ist, werden wir uns nicht zum Anwalt aufwerfen; der Gunst Skadis, deren Gegner er Skaldsk. 16 heißt, rühmt sich aber Loki mit keinem andern Schein als daß dazu bei Iduns Befreiung (D. 56) Gelegenheit gewesen wäre. Mit mehr Grund mag er sich Sifs (Str. 54) rühmen, welcher er nach D. 61 das Haar abgeschoren hat, obgleich wir auch hier nur Anlaß haben, den Scharfsinn des Dichters zu bewundern. Die gegen Beyla geschleuderte Lästerung endlich mag gleichfalls nur für diesen zeugen, wenn Uhland Recht hat, sie und Beyggwir für milde Sommerlüfte zu halten, von deren buhlerischem Spiel auch unsere Dichter reden. Uebrigens macht die sechsmalige Wiederholung desselben Vorwurfs der Erfindungsgabe des Verfaßers keine große Ehre, und so deutet es auch auf seine Armut, daß von Gefion (Str. 21) und von Frigg (Str. 29) fast das Gleiche gerühmt wird. Zwar will Weinhold (Zeitschr. VII, 10) Lokis Buhlerei mit den Göttinnen daraus erklären, daß er einst als Ehegott gegolten, was die jüngere Zeit, die den symbolischen Ausdruck einfacher Verhältnisse nicht mehr verstand, grob entstellt habe; aber dieß passt nur auf diejenigen Göttinnen, deren Gunst Loki selber genoßen zu haben vorgiebt.

Diese allgemeinen Bemerkungen über unser Lied haben der Erläuterung einzelner Strophen schon das Meiste vorweggenommen. Was übrig bleibt, beschränkt sich auf Folgendes:

9. In den ältern Mythen erscheint Loki als Odhins Gefährte, wo nicht Bruder, und die Dreiheit Odhin Hönir Loki gleicht der in Str. 26 erwähnten: Odhin (Widrir) Wili We. Die jüngste Form derselben Trias, Har, Jafnhar und Thridi, kennen wir aus Gylfaginning; aber die Namen finden sich unter denen Odhins schon in Grimnismal 46. 49.

11. Daß Loki dem Bragi so feindlich gesinnt ist, daß er ihn allein in seinem Heilspruch ausnimmt, erklärt sich genügend daraus, daß ihm Bragi Str. 8 Sitz und Stelle beim Mal verweigert hat, die Odhin ihm auf sein Anrufen Str. 10 gewährt. Dafür bietet ihm Bragi Str. 12 Schwert, Ross und Ring zur Buße. Bragis auffallendes Hervortreten in unserm Liede, demzufolge er auch in der sich anschließenden Einkleidung des Abschnittes der jüngern Edda, der nach ihm Bragarödur genannt ist, dem Oegir zur Seite sitzt, würde sich vielleicht aufklären, wenn wir die ältere Sage von Oegis Bewirthung bei den Asen, wovon sich in jenem Abschnitt nur ein Nachklang zeigt (s. o. die Erläuterungen zur Hymiskw.), noch kennten. Grimm (Myth. 216) möchte irgend ein näheres Verhältnis zwischen Bragi und Oegir annehmen. Nahe liegt die Vermuthung, daß dieß durch die Identität Iduns und Gerdas, von der unser Dichter Str. 17 auszugehen scheint, begründet sein könne.

23. Der Vorwurf, den hier Loki von Odhin hinnehmen muß, scheint Str. 33 von Niördr wiederholt zu werden. Weinhold (Zeitschrift VII, 11) schließt daraus, daß Loki in der ältesten Zeit als Gottheit der Schöpfung und Fruchtbarkeit galt.

24. Was hier von Odhins Zaubereien gesagt wird, vgl. man mit dem was er im Harbardsliede selber von sich rühmt. Aehnliche Berichte mögen den Saxo Gram. verleitet haben, ihn nur als betrügerischen Zauberkünstler aufzufaßen.

32. Vor ihrer Aufnahme unter die Asen könnte Freyja dem Freyr vermählt gewesen sein, wie Niördhr der Nerthus, welche Str. 36 unter der Schwester Niördhs zu meinen scheint, mit welcher er den Sohn erzeugt habe.

36. Ynglingasaga c. 4 meldet, als Niördr noch bei den Wanen war, hab er seine Schwester zur Frau gehabt; aber bei den Asen sei es verboten gewesen, so nah in die Verwandtschaft zu heiraten. Ob freilich Niörds Schwester und erste Frau, denn bei den Asen nahm er Skadi, Thiassis Tochter, jene Nerthus war, die wir allein aus Tacitus kennen, läßt sich nur vermuthen.

38. Vgl. Liebrecht G. G. A. 1865. St. 12 S. 453.

43. Das bekannte Königsgeschlecht der Ynglinge, von dem die Ynglingasaga meldet, wird von Freyr abgeleitet. Ob aber die Verbindung, welche Freys Name mit dem des göttlichen Helden Ingo schon früh einging, nicht noch einen tiefern mythischen oder geschichtlichen Zusammenhang habe, ist Gr. Myth. 192. 320 ff. in Betracht gezogen.

53. Diese Strophe der Beyla in den Mund zu legen, und demgemäß auch ihren Namen in den einleitenden Worten mit dem Sifs zu vertauschen, verführte das ihr als der Gattin Beyggwis nach Str. 45 zugetraute Schenkamt und die Nachbarschaft der ihr wirklich gehörenden Str. 45. Aber auch Widar schenkt Str. 10 dem Loki, und Beyggwir hat wohl nur an der Stelle des erschlagenen Funafeng für Mal und Beleuchtung zu sorgen. Eines Schenkamts bedarf es nicht: die Einleitung sagt, der Meth habe sich selber aufgetragen: geschenkt wird daher nur dem Loki und nur von den Gästen selbst, da ihm der Wirth, dem er den Diener erschlagen hat, keinen Trunk gönnt, und darum wohl auch Bragi, der mit Oegir nahe befreundet ist, Sitz und Stelle verweigert. Daß aber Sif hier spricht, geht aus Lokis Entgegnung hervor, der auch den Hlorridi zum Hanrei gemacht zu haben versichert, was gar nicht hieher gehörte, wenn er mit Beyla spräche. Ueberdieß würde Sif in der Einleitung nicht unter den Anwesenden aufgeführt sein, wenn ihr im Liede selbst keine Rolle zugetheilt wäre.

Der mythische Inhalt dieses Liedes findet sich in dem Märchen von Meister Pfriem wieder wie es W. Grimm K. H. M. III. 250 erzählt, vgl. Kellers altd. Erz. S. 97 ff. und Mein Märchen Der Müller im Himmel in Westermanns Monatsheften 1858. S. 388 und Meinen deutschen Märchen Nr. 3. Am nächsten verwandt ist Bürgers Frau Schnips.

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