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Die Edda

Karl Simrock: Die Edda - Kapitel 125
Quellenangabe
typelegend
authorKarl Simrock
year1878
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleDie Edda
pagesI-VII
created20031015
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1851
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8. Hymiskwida.

Thors Fischfang mit Hymir erzählten auch Skaldenlieder, von welchen uns Bruchstücke erhalten sind, unter andern Ulfs Husdrapa, die bei der Darstellung, welche die j. Edda in D. 48 von diesem Abenteuer liefert, benutzt wurde. Von unserm Liede weicht sie unter Anderm darin ab, daß weder des Kelchs, noch des Keßels und des Gastmals erwähnt wird, durch welche letztere unser Lied mit dem folgenden in Verbindung steht. Ebensowenig ist der Begleitung Tyrs noch der beiden Frauen in Hymirs Behausung gedacht, von welchen die ältere Str. 7 mit ihren neunhundert Häuptern an des Teufels Großmutter in deutschen Märchen erinnert, die jüngere etwa an des Ogers Frau in Klein Däumchen. Daß sie sich der Gäste annimmt, ist hier durch ein verwandtschaftliches Verhältnis eingeleitet, indem sie als Tyrs Mutter erscheint. Die j. Edda weiß nichts davon, daß Tyr eine solche Mutter habe, sie nennt ihn nur Odhins Sohn; da sie aber seiner Mutter geschweigt, so besteht auch kein Widerspruch. Diese jüngere Frau wird Str. 30 Hymis Frille d. i. Kebsweib genannt; sie räth zu seinem Schaden, und da sie als golden und weißbrauig Str. 8 geschildert wird, so ist sie wohl so wenig als Gerda, obgleich es von dieser doch gesagt wird, riesiger Abkunft. Ob aber der Riese die Verwandte der Asen geraubt hat, nachdem Odhin den Tyr mit ihr erzeugt, oder ob er sie als Skirnir im Frühjahr befreit hat, während der neue Winter sie wieder in die Gewalt der Forstriesen brachte, errathen wir nicht. Als Tyrs Wesen giebt D. 25 die Kühnheit an, indem sie als Beweis seiner Unerschrockenheit meldet, daß Er allein es gewagt habe, die Hand in Fenrirs Rachen zu stecken. Aehnlich überträgt ihm D. 34 die Fütterung Fenrirs, weil er allein den Muth gehabt habe, zu ihm zu gehen. Uhland nimmt ihn daher als die Personification des kühnen Entschlusses: »Auf Tyrs Rath unternimmt Thor die gefahrvolle Fahrt zu Hymir, er folgt der Eingebung des verwegensten Muthes. Der Besuch der Eismeere muste selbst dem unerschrockenen Sinne der nordischen Seefahrer für das Gewagteste gelten.« Dem gemäß hat ihm die Verwandtschaft Tyrs im äußersten Riesenlande den Sinn, daß der Kühne im Lande der Schrecken und Faßlichkeiten heimisch sei, und die lichte Mutter, die dem ankommenden Sohne den Trank der Stärke bringt, erscheint ihm als »die edle strebsame Heidennatur, die den kühnen Muth gebar, ihn zum Hause der Gefahren hinzieht, in demselben vertraut macht und kräftigt.«

Für Hymiskwida mag diese Deutung gelten, obwohl Tyrs Sohnschaft zu jener lichten Erdgöttin, welche unter der Allgoldenen verborgen ist, gewiss aus uralter Ueberlieferung fließt. Daß seine Mutter eine Erdgöttin war, muß an anderer Stelle erwiesen werden; aber schon Handbuch §. 43 ist dargethan, daß er den Fenrir nicht fütterte, weil er der Kühnste ist unter den Göttern, sondern weil dieser lichte Himmelsgott im Norden zuletzt nur noch für den Gott des widernatürlichen Krieges galt, der Verwandte wider Verwandte führt, und die Leichen der darin Erschlagenen den Untergang großziehen. der in Fenrir vorgestellt ist. Wenn er den Arm dem Fenrir verpfändet haben sollte D. 34, wie Odhin dem Mimir das Auge, so ist dieser Arm das Schwert, wie er selber der Schwertgott. Als solcher ist er seiner Natur nach einarmig, da das Schwert nur Eine Klinge hat, ganz wie Odhin einäugig sein muß, weil er der Himmelsgott ist und der Himmel nur ein Auge hat, die Sonne; wie aber der Widerschein der Sonne im Waßer zu der Dichtung von Odhins verpfändetem Auge Veranlaßung gab, so ist das Schwert, das dem Fenrir den Rachen sperrte, zu der andern von Tyrs dem Wolf verpfändeten Arme benutzt worden.

Tyr spielt in der Hymiskwida nur eine Nebenrolle; gleichwohl ist in seinem Verhältnis zu der Allgoldenen, in welcher wir die Erdgöttin erkannt haben, ein für das Verständnis seines Mythus zu wichtiger Zug gerettet, als daß wir ihn in so abstracte Gedanken sich verflüchtigen laßen möchten, wie diejenigen, welche Uhland auf das Zeugniss der j. Edda von Tyrs Kühnheit gründet.

Im Uebrigen erzählt das Lied den Hergang ganz verständlich und wir können dem Leser seine Deutung selbst überlaßen. Gelingt ihm dieß nicht, so mag er sich bei Uhland Raths erholen, dessen Erläuterungen uns nur darin nicht ganz genügen, daß die nordische Färbung der Erzählung, welche den Hymir zu einem Frostriesen gemacht hat, ihn übersehen läßt, daß es auch hier wieder wie in andern von Thor erzählten Fahrten, z. B. der nach Geirrödsgard D. 60 und der in D. 4647 berichteten zu Utgardaloki, die Unterwelt ist, zu welcher er, ein deutscher Hercules, hinabsteigt. Darum seh ich auch einen Nachklang unseres Götterliedes in der Heldensage von Herzog Ernst, dessen Reiseziel gleichfalls die Unterwelt ist, aus der er den Waisen, den Hauptedelstein der deutschen Kaiserkrone, herausholte, und der wie Thor von Tyr, dem Schwertgott, von Wetzel begleitet ward, dessen Name auf die Schärfe des Schwertes zu deuten ist. Vgl. Handb. d. Myth. 260 §. 85.

Wir haben noch den Zusammenhang unseres Liedes mit dem folgenden, und demgemäß auch mit der Einkleidung von Bragarödur zu erläutern.

Der Meergott Oegir, der auch mit Hler identisch ist (vgl. die Anm. zu Hrafnag. 17), hieß, wie das folgende Lied im Eingang ausdrücklich sagt, mit anderm Namen Gymir. Unter diesem haben wir ihn in Skirnisför als Gerdas Vater kennen gelernt. Obgleich nach D. 37 Bergriesengeschlechts (vgl. Str. 2) steht er mit den Asen in gastfreundlichem Verkehr. Wir sahen oben, daß in Bragarödur Oegir die Götter besucht und von ihnen bei Schwertlicht bewirthet wird. Wir glaubten darin eine Umkehrung der Fabel des folgenden Liedes zu erkennen, nach welcher Oegir die Asen bei Goldlicht bewirthet hatte. Es wird sich aber wohl so verhalten, daß nach der ältesten Sage Oegis Besuch bei den Göttern das frühere Ereigniss war, und in unsern Liedern der Gegenbesuch der Asen bei dem Meergott, der sie bei Goldlicht bewirthet, dargestellt ist. In Skaldskaparmal 33 (s. o.) heißt es nämlich, ehe von der Bewirthung der Götter erzählt wird was wir aus dem folgenden Liede wißen, Oegir sei in Asgard zu Gaste gewesen, bei der Heimreise aber habe er Odhin und alle Asen über drei Monate zu sich geladen. Von diesem Besuche Oegis bei den Göttern ist demnach die Sage verloren bis auf den Nachklang, der sich davon in Bragarödur findet, und wir wißen nicht wie sich das gastfreundliche Verhältniss zwischen den Asen und dem Meergotte zuerst entspann. Ob etwa durch Freys Vermählung mit Gymis (Oegis) Tochter Gerdha?

Unser Lied und das folgende haben nun beide den Gegenbesuch der Asen bei dem Meergotte zum Gegenstand. Das Lied von Hymir behandelt ihn aber selbständig und ist der Ergänzung durch das folgende nicht bedürftig, obgleich es das Gastmal Oegis nur einleitet, und mit Herbeischaffung des Braukeßels, in welchem Oegir den Göttern das Bier brauen soll, abschließt. Es setzt aber damit das folgende Lied voraus und kann jünger sein als dieses. Zwar scheint auch wieder das folgende unseres voraus zu setzen, indem sich Thors spätes Erscheinen in Oegis Halle, wo doch Sif, seine Gattin, sich gleich Anfangs eingefunden hatte, am Besten dadurch erklärt, daß er den Braukeßel herbeizuschaffen ausgesandt war. Davon ist aber in der Einleitung nichts gesagt, es heißt da nur, Thor sei auf der Ostfahrt gewesen. Auch in dem Liede selbst wird auf den Braukeßel nicht erst gewartet, da die Bewirthung wirklich vor sich geht.

Mit Gymir (Oegir) ist Hymir, den die j. Edda Ymir nennt, nicht zu verwechseln, obgleich die Vermuthung, daß sie ursprünglich Eins gewesen, nicht ganz abzuweisen ist. Gymir weiß Grimm nur als epulator zu deuten, Hymir heißt ihm der schläfrige, träge, während ihn Uhland, von derselben Wurzel ausgehend, mit Dämmerer übersetzt und auf die Lichtarmut des hochnordischen Winters bezieht. In ihm, der an des Himmels Ende im Osten der Eliwagar, der urweltlichen Eisströme, wohnt, bei dessen Nahn die Gletscher dröhnen, dessen Kinnwald gefroren ist, vor dessen Blick die Säule birst, ist ein lebensvolles Bild der nordischen Frostriesen, ja des Frostes selber aufgestellt; die neunhunderthäuptige Mutter und die vielgehauptete Schar, die ihm die Gäste verfolgen hilft, sind entsprechende Nebenfiguren. Wie leicht schloß sich hier die »geschnäbelte Diet« u. s. w. der Herzog Ernstsage an!

Der Schluß setzt die Zeit, wo die Götter bei Oegir zu Gast sein sollen, in die Leinernte, welche in den Spätsommer fällt, wo nach Uhlands Deutung die dauerndste Meeresstille herrscht. Drei Monate vorher war also Oegir bei den Asen zu Gaste. Diese Zeit hat er zu deuten nicht unternommen. Sie würde in das Frühjahr fallen, wo die See am Unruhigsten und die Schifffahrt am Gefährlichsten ist. Da er nun Oegir für das schiffbare Meer nimmt und den Braukeßel, der aus des winterlichen Hymirs Verschluße befreit werden muste, für die geöffnete See, so würde dieß zu seiner Auslegung unserer Lieder stimmen.

Zu den einzelnen Strophen mögen wenige Bemerkungen ausreichen.

Str. 1 werden zweierlei Arten die Zukunft zu erforschen genannt: die Götter warfen Zweige und besahen das Opferblut. Die letzte Art bedarf kaum einer Erklärung, die andere scheint auch unsern Vorfahren bekannt gewesenen sein, denn ohne Zweifel ist es dieselbe, deren Tacitus in der Germ. Cap. 10 gedenkt. Den in Stäbe zerschnittenen Zweigen waren Zeichen (Runen) eingeritzt, und aus den Runen, welche den drei aufgehobenen Stäben eingeritzt waren, konnte der Priester weißagen, weil die Namen dieser Runen ihm drei Begriffe zuführten. Vgl. Handb. §. 75 und 138.

2. Der Felswohner ist nicht Hymir, wie Gr. Myth. 495 durch Versehen annimmt, sondern der Meergott Oegir (Gymir), der auch nach D. 37 Bergriesengeschlechts ist. Die Behaglichkeit, die in der Riesennatur liegt, drückt das »froh wie ein Kind« gut aus, während der Zusatz »doch ähnlich eher« &c. schon auf die Tücke vorbereitet, womit er in der folgenden Str. auf Rache an den Göttern sinnt.

3. Dem Abenteurer, zu dem hier Oegir den Thor auffordert, glaubt er ihn nicht gewachsen. Oft kehrt in Sagen und Märchen der Zug wieder, daß Helden und Dümmlinge von Böswilligen in Gefahren geschickt werden, in welchen sie ihren Untergang finden sollen, die aber erst recht zu ihrer Verherlichung gereichen.

5. Hundweise heißt hundertfach weise, hund verstärkt auch in andern Zusammensetzungen die Bedeutung. Vater meint hier wohl nur Stiefvater.

11. Der Name Weor, welchen Thor in diesem Liede zu führen pflegt, wird Wöl. auf Midgard bezogen; wir haben ihn dort mit Weiher, d. i. Heiligender übersetzt, der von Uhland 28 und Grimm 171 angenommenen Deutung gemäß. Hier aber ist er so wenig als Hlorridi Str. 5 (vgl. Gr. 152.) der Uebertragung fähig. Als Werkzeug jener Heiligung sehen wir in Thrymskwida und D. 44. 49. den Hammer Miölnir gebraucht.

31. Hüne für Riese ist in den nordischen Quellen nicht gebräuchlich. Wenn hier der Stabreim dazu verführte, so mag zur Beschönigung dienen, daß Grimm bei Hymir daran dachte, unser Hüne von einem jenem nordischen Namen entsprechenden alth. hiumi abzuleiten.

34. Von dem etwas erhöhten Golf (Vorsaal) steigt Thor in die Halle hinab, um sich den Keßel leichter aufs Haupt stellen zu können. Lüning.

37. 38. Was hier von einem der Böcke Thors erzählt wird, dem der Fuß lahmte, wofür Thor zur Sühne zwei Kinder des Riesen empfing, kehrt in anderm Zusammenhang D. 44 wieder. Der Beschädiger ist aber dort ein Bauer und seine beiden Kinder, die er zur Buße gab, sind Thialfi und dessen Schwester Röskwa, die seitdem in Thors Gefolge blieben. Dem Verfaßer des Liedes scheint es nach dem Anfang von Str. 38 nicht unbewust, daß er hier ein auch sonst in anderer Anknüpfung bekanntes Ereigniss berühre. Selbst die Einführung Lokis, der hier nicht, wohl aber bei dem Abenteuer in D. 44 zugegen war, kann daraus deuten, daß ihm dieses im Sinne lag. Vgl. Uhland 33. Handb. §. 80.

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