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Die Edda

Karl Simrock: Die Edda - Kapitel 116
Quellenangabe
typelegend
authorKarl Simrock
year1878
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleDie Edda
pagesI-VII
created20031015
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1851
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4. Poetischer Werth.

Ueber den poetischen Werth der Edda hat sich bei uns noch kein Urtheil festgestellt und konnte es kaum so lange noch keine Nachbildung vorlag. Nur die Thrymskwida, freilich eines der schönsten Lieder, hat in Chamissos doch nicht ganz genügender Uebertragung Anerkennung gefunden. Mir wird man kein Urtheil zutrauen, weil Uebersetzer gewöhnlich überschätzen. Doch würde ich, wenn man mich gleichwohl hören wollte, gerne zugeben, daß nicht Alles von gleicher Kraft ist, wie denn selbst manche der besten und ältesten Lieder durch spätere matte Zusätze geschwächt sein mögen. Ich gestehe gern, daß mir Gripisspa wenig und selbst das dritte Sigurdslied nur in seinen echten alten Theilen einen mächtigen Eindruck macht. Sogar in Wafthrudnismal und Grimnismal, wie eigentümlich und großartig sie angelegt sind, finde ich im Einzelnen das mythologische Verdienst bedeutender als das poetische. Von ersterm dünkt mich Alwismal eine schwache Nachahmung, wie Grôugaldr von Odhins Runenlied, einem ursprünglich selbständigen Theil des unschätzbaren Hawamals. Auch die drei Gudrunenlieder schlag ich nicht zu hoch an; im ersten, dessen Verdienst ich sonst anerkenne, erregt mir zwar nur der Schluß Bedenken; das dritte ist offenbar spät und unter fremden Einflüßen entstanden, und selbst das zweite, dem großer Reiz beiwohnt, ermangelt doch der vollen Kraft der alten Lieder. So auch Oddrunargratr, das ein unechtes schon romantisches Motiv in die Sage bringt. Beßer sind die beiden Atlilieder, obwohl überkünstelt und der alten einfachen Größe fern, die in Gudrunarhwöt und Hamdismal überraschend wieder auftritt. Diese und die beßern alten Lieder sind es allein, auf die ich Gewicht legen will. Ich rechne aber dahin von den Götterliedern besonders Wöluspa, Wegtamskwida, Thrymskwida, Harbardsliod, Hymiskwida und Skirnisför; von den Heldenliedern vor allen noch das Wölundurlied, die beiden von Helgi dem Hundingstödter, das Bruchstück (?) eines Brynhildenliedes und Brynhildens Todesfahrt; das andere Sigurdslied, Fafnismal und Sigurdrifumal nicht zu vergeßen, deren epischer Gehalt vielleicht noch aus Deutschland überkommen, im Norden aber stark mit Eddischen Zuthaten schon in alter Zeit versetzt ist. Wie knapp und abgerißen die Weise dieser alten Lieder sei, so scheinen sie mir doch in wildkühner Erhabenheit hoch über Allem zu schweben, was bis auf Goethes Faust eine moderne Literatur darbietet. Griechische maßvolle Ruhe darf man hier nicht suchen und eigentliche Schönheit, an die nur Thrymskwida rührt; aber dafür entschädigt der starke, unbeugsame Sinn des Nordens, dessen ungekünstelten Naturlaut wir in diesen Volksliedern vernehmen. Von den Mythen der jüngern Edda hat schon Grimm geurtheilt, daß sie uns reiner und ursprünglicher überliefert sind als selbst die griechischen.

Alles zusammengenommen ist die Edda ein unschätzbares Kleinod, das wir uns längst wieder hätten aneignen sollen. Denn uns gehört sie so gut wie den Dänen und Schweden, die sich gewöhnt haben, sie als ihr ausschließliches Eigentum zu betrachten. Aber die Göttersage war uns ursprünglich mit ihnen gemein und die landschaftliche Färbung und eigentümliche Ausbildung, die sie im Norden empfing, hebt unsern Anspruch nicht auf und wir sollten ihn um so eifriger geltend machen als sich von ihrer reindeutschen Gestalt nur so wenige Bruchstücke erhalten haben. Noch stärker ist unser Anspruch auf die eddische Heldensage, welche ihren deutschen Ursprung nicht verläugnen kann und noch in ihrer nordischen Gestalt durch die Hauptpersonen, die darin auftreten, und die Orte, wo sich die Begebenheiten zutragen, an Deutschland gebunden bleibt. »Die Sage kann,« sagt W. Grimm, »wenn sie verpflanzt wird, Namen und Gegend völlig verändern oder vertauschen; erkennt sie aber in der Fremde die Heimat noch an, so liegt darin ein großer Beweis ihrer Abkunft. Der Grundstoff kam aus Deutschland, das Wort im weitesten Sinne genommen, herüber, und wahrscheinlich in Liedern, die in der Darstellungsweise den nordischen ähnlich waren.« Neuerdings hat Jacob Grimm (Haupts Zeitschrift I, 3) auch aus der unnordischen, deutschen Ursprung verrathenden Gestalt der Namen den Beweis geführt, daß »der Norden von unsern Vorfahren empfing was er uns rettete.« Daß der Baldursmythus deutsch ist, beweist die Mistel, die ihren Namen vom Mist der Vögel hat, in deren Magen ihr Same reisen muß; der Norden kennt das Wort in diesem Sinne nicht. Ebenso ist Sifs Name niederrheinischen Ursprungs und noch bei uns im Gebrauch in Maria Sif: sie ist eine Regengöttin, von Sifen, Regnen benannt, vgl. Handb. §. 111. So bedeutet auch nach Handb. §. 115 Freyjas Halsband Brisingamen den Schatz der Brisinger oder Breisacher, also das Rheingold, nicht wie neuerdings Uhland wollte, den Bernstein der Preußischen Ostseeküste. Die Ansicht, daß ein Theil der deutschen Heldenlieder, welche Karl der Große aufzeichnen ließ, unter den eddischen geborgen sei, wenn auch in nordischer Sprache, ist, soviel ich weiß, noch von Niemand ausgesprochen; sie ruht auf den vorausgeschickten Gründen.

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