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Gutenberg > Karl Simrock >

Die Edda

Karl Simrock: Die Edda - Kapitel 10
Quellenangabe
typelegend
authorKarl Simrock
year1878
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleDie Edda
pagesI-VII
created20031015
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1851
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Odhins Runenlied.

           

139 (1) 

Ich weiß, daß ich hing   am windigen Baum
Neun lange Nächte,
Vom Sper verwundet,   dem Odhin geweiht,
Mir selber ich selbst,
Am Ast des Baums,   dem man nicht ansehn kann
Aus welcher Wurzel er sproß.

140 (2) 

Sie boten mir   nicht Brot noch Meth;
Da neigt' ich mich nieder
Aus Runen sinnend,   lernte sie seufzend:
Endlich fiel ich zur Erde.

141 (3) 

Hauptlieder neun   lernt ich von dem weisen Sohn
Bölthorns, des Vaters Bestlas,
Und trank einen Trunk   des theuern Meths
Aus Odhrörir geschöpft. 57

142 (4) 

Zu gedeihen begann ich   und begann zu denken,
Wuchs und fühlte mich wohl.
Wort aus dem Wort   verlieh mir das Wort,
Werk aus dem Werk   verlieh mir das Werk.

143 (5) 

Runen wirst du finden   und Rathstäbe,
Sehr starke Stäbe,
Sehr mächtige Stäbe.
Erzredner ersann sie,   Götter schufen sie,
Sie ritzte der hehrste der Herscher.

144 (6) 

Odhin den Asen,   den Alfen Dain,
Dwalin den Zwergen,
Alswidr aber den Riesen;   einige schnitt ich selbst.

145 (7) 

Weist du zu ritzen?   weist du zu errathen?
Weist du zu finden?   weist zu erforschen?
Weist du zu bitten?   weist Opfer zu bieten?
Weist du wie man senden,   weist wie man tilgen soll?

146 (8) 

Beßer nicht gebetet   als zu viel geboten:
Die Gabe will stäts Vergeltung.
Beßer nichts gesendet   als zu viel getilgt;
So ritzt' es Thundr   zur Richtschnur den Völkern.
Dahin entwich er,   von wannen er ausging.

147 (9) 

Lieder kenn ich,   die kann die Königin nicht
Und keines Menschen Kind.
Hülfe verheißt mir eins,   denn helfen mag es
In Streiten und Zwisten   und in allen Sorgen.

148 (10) 

Ein andres weiß ich,   des Alle bedürfen,
Die heilkundig heißen.

149 (11) 

Ein drittes weiß ich,   des ich bedarf
Meine Feinde zu feßeln.
Die Spitze stumpf ich   dem Widersacher;
Mich verwunden nicht Waffen noch Listen.

150 (12) 

Ein viertes weiß ich,   wenn der Feind mir schlägt
In Bande die Bogen der Glieder,
So bald ich es singe   so bin ich ledig,
Von den Füßen fällt mir die Feßel,
Der Haft von den Händen.

151 (13) 

Ein fünftes kann ich:   fliegt ein Pfeil gefährdend
Uebers Heer daher,
Wie hurtig er fliege,   ich mag ihn hemmen,
Erschau ich ihn nur mit der Sehe.

152 (14) 

Ein sechstes kann ich,   so Wer mich versehrt
Mit harter Wurzel des Holzes:
Den Andern allein,   der mir es anthut,
Verzehrt der Zauber, Ich bleibe frei.

153 (15) 

Ein siebentes weiß ich,   wenn hoch der Saal steht
Ueber den Leuten in Lohe,
Wie breit sie schon brenne,   Ich berge sie noch:
Den Zauber weiß ich zu zaubern.

154 (16) 

Ein achtes weiß ich,   das allen wäre
Nützlich und nöthig:
Wo unter Helden   Hader entbrennt,
Da mag ich schnell ihn schlichten.

155 (17) 

Ein neuntes weiß ich,   wenn Noth mir ist
Vor der Flut das Fahrzeug zu bergen,
So wend ich den Wind   von den Wogen ab
Und beschwichtge rings die See.

156 (18) 

Ein zehntes kann ich,   wenn Zaunreiterinnen
Durch die Lüfte lenken,
So wirk ich so,   daß sie wirre zerstäuben
Und als Gespenster schwinden.

157 (19) 

Ein eilftes kann ich,   wenn ich zum Angriff soll
Die treuen Freunde führen,
In den Schild sing ichs,   so ziehn sie siegreich
Heil in den Kampf,   heil aus dem Kampf,
Bleiben heil wohin sie ziehn.

158 (20) 

Ein zwölftes kann ich,   wo am Zweige hängt
Vom Strang erstickt ein Todter,
Wie ich ritze   das Runenzeichen,
So kommt der Mann und spricht mit mir.

159 (21) 

Ein dreizehntes kann ich,   soll ich ein Degenkind
In die Taufe tauchen,
So mag er nicht fallen   im Volksgefecht,
Kein Schwert mag ihn versehren.

160 (22) 

Ein vierzehntes kann ich,   soll ich dem Volke
Der Götter Namen nennen,
Asen und Alfen   kenn ich allzumal;
Wenige sind so weise.

161 (23) 

Ein funfzehntes kann ich,   das Volkrörir der Zwerg
Vor Dellings Schwelle sang:
Den Asen Stärke,   den Alfen Gedeihn,
Hohe Weisheit dem Hroptatyr.

162 (24) 

Ein sechzehntes kann ich,   will ich schöner Maid
In Lieb und Lust mich freuen,
Den Willen wandl ich   der Weißarmigen,
Daß ganz ihr Sinn sich mir gesellt.

163 (25) 

Ein siebzehntes kann ich,   daß schwerlich wieder
Die holde Maid mich meidet.
Dieser Lieder,   magst du, Loddfafnir,
Lange ledig bleiben.
Doch wohl dir, weist du sie,
Heil dir, behältst du sie,
Selig, singst du sie!

164 (26) 

Ein achtzehntes weiß ich,   das ich aber nicht singe
Vor Maid noch Mannesweibe
Als allein vor ihr,   die mich umarmt,
Oder sei es, meiner Schwester.
Beßer ist   was Einer nur weiß;
So frommt das Lied nur lange.

165 (27) 

Des Hohen Lied ist gesungen
In des Hohen Halle,
Den Erdensöhnen noth,   unnütz den Riesensöhnen.
Wohl ihm, der es kann,   wohl ihm, der es kennt,
Lange lebt, der es erlernt,
Heil Allen, die es hören.

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