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Die echten Sedemunds

Ernst Barlach: Die echten Sedemunds - Kapitel 1
Quellenangabe
typedrama
booktitleDie echten Sedemunds
authorErnst Barlach
year1920
firstpub1920
publisherPaul Cassirer
addressBerlin
titleDie echten Sedemunds
pages111
created20080624
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die echten Sedemunds

Drama von Ernst Barlach

PERSONEN:

        Der alte Sedemund
Der junge Sedemund
Onkel Waldemar Sedemund
Grude
Frau Grude
Sabine
Schneider Mankmoos
Candido Franchi
Ring
Gierhahn
Ehrbahn
Schaukelstrick
Wachtmeister Lemmchen
Bildhauer Bromann
Kutscher Karl
Grabbesorger
Grete Mankmoos
Schützen
Publikum
Tischlerlehrling
Gärtnerlehrling
Anstaltswärter
Wandervogel Susemihl

5 I. Bild.

Budenstraße. Man sieht gerade auf die »Zirkus-Menagerie« von Candido Franchi, deren Schauseite mit Jagddarstellungen von blutiger Romantik tapeziert ist, zu oberst aber und am zermalmendsten ist der Überfall kakaofarbiger Menschen durch einen scheinbar vom Himmel herabspringenden Löwen getüncht. Es ist früh am Nachmittag des dritten Schützenfesttages. Der Rummel ist vom gestrigen Überdruß noch nicht erwacht. Sabine im Rollstuhl mit einem Gefolge von 2–3 Wandervögeln, von denen einer auf der Gitarre klimpert, fährt langsam vorüber. Ein Tischlerlehrling mit einem Kindersarg auf der Schulter kommt und gafft auf das Löwenbild. Ein Gärtnerlehrling mit einem Trauerkranz hilft ihm.

Tischlerlehrling: Wo willst du denn den Deubel mit deinem Kranz hin – hm?

Gärtnerlehrling: Hat ein Herr herbestellt, zur Beerdigung auf dem alten Kirchhof, da werd ich den Kranz loswerden.

Tischlerlehrling: Mit meinem Sarg ist das nicht so einfach. Mein Meister stand schon heut früh in Saufstiefeln und hat gesagt: trag ihn zur rechten Zeit hin, hat aber vergessen, daß ich wissen muß, wo Hin – hin ist. Hast ihn nicht gesehen?

Gärtnerlehrling schüttelt den Kopf und spuckt aus: Was 6 mir wohl dein Meister angeht. Aber vor drei wird nicht geschossen, weil wer mit Musik begraben werden soll. Geh man zu rechter Zeit nach dem Schützengarten, da wirst ihn wohl treffen.

Beide trödeln ab.

Grude, im Begräbnisanzug, erscheint und betritt das Tierzelt, nachdem er sich hastig umgesehen. Gleich darauf kommt Frau Grude. Man sieht, sie ist auf der Spur ihres Mannes und will ihm folgen, sie zögert aber und bleibt endlich unschlüssig stehen. Von anderer Seite ist zugleich der junge Sedemund mit dem Schneider Mankmoos auf dem Platz angelangt und steht still, um zu sprechen. Frau Grude hält sich zurück. Mankmoos ist eine Jammergestalt mit einem Säufergesicht und einem weißen Patriarchenbart. Auf der Brust glänzt eine Ehrenmünze am bunten Band.

Der junge Sedemund: Sie sind also ganz früh zu meinem Vater gelaufen, haben Sie gute oder schlechte Geschäfte mit ihm gemacht?

Mankmoos: Meine Frau ist mir heute nacht hops gegangen, Herr Sedemund, und da dachte ich . . . sehen Sie, Herr Sedemund, ich habe fünf kleine Kinder zu Haus, meine Frau wog ihre guten 160 Pfund, Herr Sedemund, und sie wußte was zu beschaffen –. Nu, dachte ich, geh zu Herrn Sedemund, und so ging ich zu Ihrem Herrn Papa. Aber da fing mich Ihr Herr Onkel Waldemar ab, wissen Sie, und war auch soweit ganz frisch und freundlich zu mir und versprach, weil Ihr Herr Vater, Herr Sedemund, bettlägerig zu Bett läge, ich sollte man einen Moment warten un schließlich schickte er mir diesen Zettel herunter. Holt einen Zettel hervor.

7 Der junge Sedemund nimmt und liest: »Nach Durchsicht meiner Kasse finde ich mich außerstande, Ihnen mit einem nennenswerten Betrage beizuspringen« – So, das schickte er Ihnen herunter und was da?

Mankmoos, der inzwischen das Löwenbild angestarrt hat: Da ging ich hinauf und kam gerade ins Krankenzimmer.

Der junge Sedemund: Und?

Mankmoos: Und hörte noch mit an, wie Ihr Herr Onkel, Herr Waldemar, die Geschichte zu Ende erzählte und wie sie lachten. Sie lachten darüber, daß meine Frau 160 Pfund gewogen hätte. Da wurde ich aber wütend, wissen Sie wohl, und wollte mich direkt an Ihren Vater wenden und ging auch an sein Bett ran, wo er breitbeinig darin bei zu frühstücken war. Ja, Herr Sedemund, wenn ich auch so krank wäre und so gut gegessen hätte!

Der junge Sedemund: Und wie kam es dann zuletzt?

Mankmoos: Zuletzt? Soll ich nicht erst erzählen, was ich ihm gesagt habe?

Der junge Sedemund: Nein, das kann ich mir denken.

Mankmoos: Zuletzt – da machte mir Herr Waldemar die Tür auf und sagte ganz freundlich, ob ich so freundlich sein wollte – aber das war gar nicht so gemeint.

Der junge Sedemund: Wieso nicht?

Mankmoos: Nicht freundlich, vielmehr falsch.

Der junge Sedemund: Also auf die Art haben Sie dann das Haus geräumt, Mankmoos?

Er sieht Frau Grude und geht zu ihr, Mankmoos bleibt stehen. Frau Grude? Guten Tag Frau Grude! Sie begrüßen sich. Sagen Sie mir nur, Frau Grude, wo ist Grude? Ich war 8 eben in der – – – Anstalt und hörte, daß er für diesen Tag zu einem Begräbnis beurlaubt ist, hier auf dem alten Kirchhof – neben dem neuen Schützenhause. So kam ich her, ihn zu sehen.

Frau Grude verwirrt: Ja, das ist wohl richtig, der alte Gimpel wird heute begraben. Um 2 Uhr.

Der junge Sedemund: Und wo ist unser Grude jetzt?

Frau Grude deutet auf den Eingang der Tierbude.

Der junge Sedemund blickt überrascht hin.

Frau Grude trocknet ein paar Tränen: Ich war auch in der Anstalt und bekam denselben Bescheid, wie Sie, Herr Sedemund, und nun ist er wie gescheucht eilig ins Zelt getreten, gerade als ginge er vor mir ins Versteck.

Der junge Sedemund faßt einen Augenblick ihre Hand: Gott, Frau Grude! Zu Mankmoos. Mensch, Mankmoos, was wollen Sie noch – aber nein, ich muß Sie vielleicht noch nach Allerlei fragen, warten Sie im Schützengarten auf mich. Oder müssen Sie nach Haus zu Ihren Kindern?

Mankmoos: Ich warte lieber noch einen Moment auf Sie, Herr Sedemund, da weiß ich doch, was ich sozusagen tun soll. Zu Haus heißt es immer bloß: Mankmoos hier, Mankmoos da, als ob ich was dabei machen könnte, daß meine Frau tot ist, mir wär's lieber, sie lebte noch.

Der junge Sedemund: Also warten Sie im Schützengarten.

Mankmoos ab.

Der junge Sedemund: Frau Grude, wie ist es eigentlich zugegangen, daß Grude in die Anstalt kam? Sie wissen, ich bin seit Jahren nicht mehr hiergewesen.

9 Frau Grude: Ach, Herr Sedemund, ich habe ihn wirklich nicht hineingebracht. Wenn ich so sagen soll, ist er freiwillig hineingegangen, ganz gegen meinen Wunsch; ist selbst zu Herrn Doktor gekommen und hat um Aufnahme gebeten. Er sagte ja immer schon: entweder seid ihr alle verrückt, oder ich allein.

Der junge Sedemund: Ja, ja, das war so seine närrische Note, er brachte seine Sachen immer kurios heraus.

Frau Grude: Er ist auch nicht verrückt, er ist nur – wunderlich, wissen Sie.

Der junge Sedemund: Aber glauben Sie, daß er sich selbst dafür hält?

Frau Grude: Ach, Herr Sedemund, seitdem Sie weg sind, ist sein guter Geist ganz von ihm gewichen.

Der junge Sedemund: Ich dächte aber, Frau Grude, Sie hätten das Zeug gehabt, mich in meiner Rolle als heilsamer Geist zu ersetzen, wenigstens die Gelegenheit – wie?

Frau Grude: Ach – ich – das ist es ja, – was bin ich, was kann ich, nur ihn liebhaben konnte ich!

Der junge Sedemund: Und das genügte ihm wohl nicht?

Frau Grude weint: Sollte ich mich anstellen, als teilte ich seinen Aberglauben? Wenn man auf dem Lande groß wird und einen Gespensterseher von Großvater zum Erzieher hat wie er, dann kann es ja auch wirklich mit einem Menschen nicht ganz richtig werden.

Der junge Sedemund: Ich weiß – aber das sind ja alte Geschichten.

Frau Grude: Bitte, Grude glaubt noch, wenn auch nicht mehr an den Hauskobold Gruwelmann, so doch – – ach, was 10 weiß ich, – an irgend was – fragen Sie ihn selbst. Es kam so weit, daß ich mir seinen unsichtbar geisternden Gast verbat. Etwas Lebendiges, sagte er, hat immer irgendwelche Beziehungen zum Verborgenen, jeder ist ein Doppelgänger und ist nicht bei sich und mit sich allein – du bist eine Papierblüte, ein Ding und weiter nichts, du treibst keine Schäkerei im Verborgenen mit dem Sonnenlicht wie jede Butterblume tut. Und so ging es weiter, und er wurde immer wilder und wütender in seinen Verweisungen. Als er schließlich in die Anstalt ging, tat er's vornehmlich meinetwegen, weil ich – glaube ich wohl – kränker war als er von all den Widerwärtigkeiten.

Der junge Sedemund: Ein echter Grude.

Frau Grude: Und sehen Sie, Herr Sedemund – nun will ich Ihnen als einem guten alten Freund meines Mannes etwas gestehen, was ich ihm heute selbst sagen wollte. Ich bin doch kein Ding, ich bin nicht allein, wenigstens nicht mehr. Lächelt unter Tränen. Er ist immer bei mir, aber nicht als Gruwelmann und Spukgeist. Beinah er selbst und doch jemand anders und ganz Wirkliches. Darum bin ich heute morgen hingegangen, und Herr Doktor schickte mich ihm schnellstens nach zum Kirchhof. Nun sah ich ihn von weitem vor mir hergehen, und sicher sah er mich auch. Da ist er abgebogen und eilig ins Tierzelt hineingegangen und ich stehe hier draußen.

Der junge Sedemund: Soll ich hinterhergehen und ihn benachrichtigen, daß Sie ihn allein sprechen müssen?

Frau Grude schüttelt den Kopf, legt ihm die Hand auf den Arm: Ich kann ihm doch nicht nachschreien, was man 11 nur leise sagen kann, nicht wahr? Nein, Herr Sedemund, warten Sie hier auf ihn, sagen Sie ihm nichts weiter. Was er von mir wissen soll, mag er selbst aus mir heraushorchen. Haben Sie nur Geduld mit ihm!

Der junge Sedemund: Wie Sie wollen, Frau Grude, mit Geduld muß man sich wechselseitig einander wärmen, und so geleite ich Sie einige Schritte bis an die nächste Ecke.

Beide ab.

Grude tritt mit Candido Franchi aus dem Zelt.

Franchi: Wenn Sie mir ein Dottore sagen können – wirklich, ich bin so traurig für den armen Schesar, er schaut so unfreundlich rechts und links zu Boden, – daase ist kain gutes Zaichen, nein, besonders, daase er sitzt, als mochte er wohl ein Ei legen, so steht es mit ihm so böse, so böse.

Grude: Armer Kerl, der Schesar! Gestern brüllte er noch vor Wüstenhunger, daß die Luft im Lustgarten hinter der Anstalt lebendig wurde. Ja, bester Herr Franchi, wir haben alle einen unhörbar brüllenden Löwen hinterm Rücken. Das ist noch das Beste an uns, daß uns jemand in Majestät fangen und fressen will – daß wir's verdienen – wie?

Franchi: O, iche versteh sehr gut.

Grude: Ich dachte gerade gestern immerfort bei seinem Gebrüll: was bin ich eigentlich anders als sein Magengeist, seine Leibseele – außerhalb seines Mauls und Magens, versteht sich. Darum bin ich erst – Ich, sehen Sie, weil die Majestät die Freude daran hat, mich zu fressen.

Franchi: O, iche versteh . . .

Grude: Wir sind eben immer zwei, der Löwe hinter mir 12 ist auch ein Stück von mir, eine Art eigentliches Ich – so ungefähr werden Sie es auch meinen?

Franchi: Genau gesagt, ganz genau!

Grude: Man bekommt ordentlich Respekt vor sich selbst, daß man einen so brillanten Brüller aus der wüsten Weite hinter sich weiß, der unser Bein und bißchen Seele überschlucken will und darob vor Freude brüllt – möchte man nicht selbst vor Freude brüllen?

Franchi: Ich versteh sehr gut.

Grude: Na, laufen Sie nur zum Tierarzt, wie wollen Sie Ihr Leibesleben fristen, wenn seine Frist abläuft. Dr. Braunreiter, Seegrube 7, rechts herum und dann geradeaus, Seegrube 7!

Franchi: Wahrhaftig, für den guten Schesar will ich sausen wie besessen. Geht ab.

Grude: Ja, ja, dahin, wünsche alles Gute, Ihnen und Ihrem Schesar.

Inzwischen ist Sedemund wieder erschienen.

Der junge Sedemund: Paß auf, wer kommt da, Grude, alter Freund . . .

Grude: Hallo! Das ist herrlich, daß du heute kommst.

Sie drücken sich die Hände.

Der junge Sedemund: Warum gerade heute?

Grude zeigt auf das Löwenbild: Sieh, wie er über sie kommt, das Kafferngewissen über uns Kaffern. Und da der arme Kerl im Zelt es erbärmlich in den Därmen hat und gar nicht brüllen, viel weniger springen mag, so kommst du mit deinen Pranken und kannst mir den Kopf waschen. Schüttelt ihm nochmals die Hände. Ich will dir gleich alles 13 sagen: der Doktor bestimmt mit entschiedener Stimme meinen Fall griechisch, von verrückt will er nichts wissen. Das Griechische will er mir austreiben, siehst du, und so bleibt das andre beim Alten. Lacht. Meine Frau hat dir natürlich alles gesagt, hat sie auch geweint?

Der junge Sedemund: Ja, Grude, geweint. Und ihr gutes Herz hofft für dich und für sich.

Grude: Halt! Faßt ihn an und dreht ihn um und um. Mensch, bist du denn der, von dem all das Geschrei geht? Besinnt sich. Adamist, politisches Wickelkind und so weiter? Was hast du bei deiner derartigen Berühmtheit in unsern schmalen Breiten zu besorgen?

Der junge Sedemund zieht ein Telegrammformular aus der Tasche und gibt es Grude.

Grude liest: »Vater schwer erkrankt, dein Kommen unerläßlich, Onkel Waldemar« – Ist er tot?

Der junge Sedemund faltet das Formular zusammen: Er ist gar nicht krank.

Grude: Das ist vernünftig von ihm, aber inwiefern ist Onkel Waldemars Ruf an dich vernünftig?

Der junge Sedemund zuckt die Achsel: Sei du so gut und spiele mir nichts vor, du bist so vernünftig, wie du immer warst, vernünftig mit einem Rest, der Rast zum Klären braucht. Nur hättest du als Mensch mit einem Gruwelmann im Gewissen keine Frau nehmen sollen, die noch bis vor kurzem selbst ein Kind war.

Grude blickt ihn scharf an.

Der junge Sedemund: Ich darf nichts ausplaudern, sie hat's verboten. Aber nun, was willst du wissen? Ich bekam 14 das Telegramm, reiste, suchte am Morgen noch ungewaschen mein Vaterhaus und traf vor der Tür einen tollen Kerl von Flickschneider, der mich anrempelte und mir ein konfuses Langbreit von meinem gesunden todkranken Papa auf einem mit Frühstück fürstlich besetzten Sterbelager als Frühstück auftischte. Was hältst du davon? Noch eins: der Schneider muß bessere Ohren haben, als es scheint, denn er hatte irgendwie den Namen des behandelnden Arztes gehört: Professor Türklinke aus Rostock. Ich wußte gleich: Professor Druckhammer heißt es, und nun fiel mir folgendes ein . . .

Grude: Ja, ja – ich erinnere mich an das, was du erzählen willst: als deine Mutter nicht lange mehr zu leben hatte, nahm sie dich in einer Dämmerstunde beim Schopf und drehte dein Gesicht zur Wand, daß du sie nicht ansähest und sagte: Junge, wenn dein Vater einmal auf dem Sterbelager liegt und Professor Druckhammer aus der Ferne die Behandlung leitet, wenn Onkel Waldemar dabei waltet, dann halt deine Ohren steif und versprich nichts, was du nicht halten kannst.

Der junge Sedemund: Professor Druckhammer war meines Vaters Zuflucht für und für, wenn es irgendwie gegen meiner Mutter Meinung ging. Durch seine Autorität gedieh meines Vaters Glück gegen meiner Mutter Geltung, denn mein Vater ist und war ein Mann, über den allerlei Unziemlichkeiten Gewalt hatten, und so fand oder erfand er in Professor Druckhammer eine Art ärztliches Kameel, das ihn durch die Wüste zu fernen Oasen trug, wo er bei seiner dank Professor Druckhammers Fügsamkeit festlich verlaufenden Lebensordnung gut gedieh.

15 Grude: Professor Druckhammer muß für dich und deine Mutter eine Art von Gruwelmann gewesen sein.

Der junge Sedemund: Ganz recht, eine spukhafte Autorität zur Stütze der väterlichen Weltanschauung, insofern er die Welt vom Standpunkt der Heilsfrage aus schaute: was muß ich tun, um auf meine Fasson selig zu werden . . .

Sabine fährt wieder vorüber. Sie sehen ihr nach.

Grude legt Sedemund den Arm auf die Schulter: Einen Augenblick! Sieh dir das lahme Mädchen an, ich bin ihr schon heute morgen begegnet und einzig auf ihrer Spur habe ich mich in dies Budenlabyrinth gestohlen. Die kann's einem antun, weißt du – Augen falsch und fromm zugleich und dabei ein so schweinisches Mündchen – eine Teufelin!

Der junge Sedemund: Man könnte sie eben auch für eine Heilige halten.

Grude zerstreut: Und – Onkel Waldemar, Sedemund?

Der junge Sedemund: Onkel Waldemar zuckt die Achsel – bläst wohl immer noch seine Choräle hintenaus, genau wie damals.

Grude: Damals, was war da?

Der junge Sedemund: Als sich etwas Gewisses mit meiner Mutter ereignet hatte, von dem ich nichts erfuhr, was ihr aber, wie ich glaube, den Kummertod gebracht hat. Sie kümmerte fortan bis ans Ende, während man mich, scheinbar zu ihrer Schonung, meistens außer Hause hielt. Ich erinnere mich nur, daß ihre Klagen in mir widerklangen, wenn sie am Klavier saß und ich denken mußte: aus dem Jammer bin ich selbst gewoben. Das war wohl in jener 16 Dämmerstunde, von der du vorhin sprachst, und nun halte ich die Ohren steif und denke an meine Mutter – denn Vater zeigt das Telegramm liegt auf dem verdächtigen Sterbelager.

Grude nachdenklich: Aber Sedemund, was hat es mit den Gerüchten auf sich über dich selbst, oder besser über dich und die Deinen, die du um dich gesammelt hast?

Der junge Sedemund: Wenig genug, mein Lieber.

Grude: Aber doch genug . . . was ist es z. B. mit eurem Adamismus, über den alle Welt lacht?

Der junge Sedemund: Ein übles Wort, Adamismus. Man hat es uns angehängt, und wir wollen es verantworten, wir Adamisten. Adam grub, heißt es in der Bibel, das will heißen, er grübelte nicht länger. Adam hatte auch keinen Papa, weißt du, keinen überkommenen moralischen Komment, sondern konnte seinem frischen Ursinn vertrauen, und so geben wir unsere Briefe heraus und lassen sagen von uns, was man will, nur lesen soll man uns danach.

Grude: Ich kann mir die Gedanken deines Vaters darüber vorstellen, lieber Freund Adam. Nun, und was wissen die politischen Wickelkinder über sich zu sagen?

Der junge Sedemund: So nannte uns ein entfremdeter Freund, so verlachte er unser Geschrei als besinnungsloses Geplärr und verhalf dem, womit wir aus uns herausgingen, zu dem Geruch übler Kindlichkeit.

Grude: Dein Vater muß sich sehr geehrt in seinem so verehrten Sohn fühlen! Vielleicht hat ihn das so sehr gekränkt, daß er zum Schein das Sterbelager aufsuchen mußte? Du wolltest doch hören, was ich von seinem Übel halte?

17 Der junge Sedemund: Du kannst recht haben. Übrigens will ich dir gern unseren ganzen Wickelkinderfall entwickeln, wenn du willst. Unser Vorhaben ist höchst simpel. Sie gehen langsam ab. Wir inventarisieren uns und unsere Mitmenschen. Wir wollen, wenn schon neu geordnet werden soll, wenigstens erst einmal wissen, wie beschaffen das ist, das zu besserem Gedeihen geführt werden soll, damit es endlich keinen Hohn mehr bedeutet, wenn den p. p. Hochzeitspaaren auf die Seele gebunden wird: seid fruchtbar und mehret euch – wir . . .

Grude zeigt auf das Tierzelt: Ihr müßt ihnen ein Kafferngewissen, wo nicht von Gestalt, so doch von Gehalt eines Löwen zur Aussteuer von Staats wegen einimpfen lassen.

Beide ab.

Candido Franchi kommt eilig und trifft mit dem Flohzirkusbesitzer Ring zusammen.

Ring: Candido! Candido!

Franchi: Nichts, nichts Herr Flohzirkus!

Ring: Warum brüllt er nicht mehr, der Schesar? He – ist das nichts? Es hört sich schrecklich an, kann ich dir sagen, mir geht's durch und durch, daß er so still geworden ist.

Franchi: Waißt ese auch schon?

Ring: Kann man's lauter ausschreien, wenn's so mäuschenstill bei dir wird? Du kannst doch nicht für ihn brüllen, hast du einen Arzt dazu?

Franchi: Kommt balde, balde, hat er gesagt, hat gleich gefragt, obe ich ihn gut versichert täte, dabei bin ich so erschrocken gewesen.

18 Ring: Na, in der Sterbekasse da ist er doch drin, was?

Franchi: Freilich, freilich ist er drin, drin schon!

Ring: Ist alt, hat eine Mottenmähne, aber Zähne keine!

Franchi: Immerhin, dich wie du bist, könnt er laichte schlucken, aber, obe er deine Gräten wieder auskacken könnte, waiß nicht – Herr Kolleg, mit waase futterst denn deine Flöhe, hast große Spesen davon?

Ring zeigt auf den Oberarm: Jede Woche zweimal pudelsatt.

Franchi: Gibt's auch Dottore fürs Aaszeug, wenn ains der Beine bricht? Beruhigt sich, zieht den Tabaksbeutel und stopft die Pfeife. Waase ich dir sage, vielleichte, wenn der Taback zu Ende vergeht, ist der Schesar aine Laiche. Sieh her, du Afe, sind noch 6–7 Pfeifen voll drin. Legt ihm die Hand auf die Schulter. Nur niekse weiter gesagt, Herr Kolleg. Schesar ist wohl und schläft ause.

Ring: Gibst du ihm ein Klystier, macht er's wohl wieder ein paar Wochen weiter.

Franchi: Hab kainen Spas mehr am Spaase. Armer Schesar, Dottor wird balde kommen. Willst ihn noch mal sehen? Komm ein.

Sie gehen ins Zelt.

Gierhahn und Ehrbahn als Schützenbrüder in grünen Joppen.

Gierhahn: Hast du ihm gesagt, Bruder Ehrbahn, daß der Bengel meine Brut ist?

Ehrbahn: Keinen Namen, nichts als daß des Kindes Vater keinen kleinen Schilling Geld gibt. Er heißt übrigens Schaukelstrick.

19 Gierhahn: Schaukelstrick? Nanu?

Ehrbahn: Ja doch, Bruder Gierhahn, er will's aber schriftlich machen.

Gierhahn: Hat Bange, daß ich ihn betrüge, der Bandit?

Ehrbahn: Sei zufrieden, daß er das Kind anerkennt, er fragt nicht nach dem Vater, das ist ihm eklig egal, aber im Geschäft ist er genau. Wir sehen ihn im Schützengarten.

Beide ab.

Der Tischlerlehrling mit dem Sarg geht eilig vorbei. Der Gärtnerlehrling mit dem Kranz trottelt heran.

20 II. Bild.

Schützengarten. Königschuß in voller Glorie. Rechts geht es zu den Räumen des Wirtschaftsgebäudes, links verliert sich der Platz in Bäumen und Büschen nach dem Schützenstand, von wo Schüsse fallen. Schützen in grünen Röcken gehen ab und zu oder sitzen beim Bier an hölzernen Tischen. Nach hinten zu ist der Blick auf die Landstraße von einer dichten Hecke sowie höheren Bäumen behindert, doch sieht man durch Lücken hindurch Leute vorübergehen. Ein Zugang nach der Straße bleibt frei. Mankmoos drückt sich herum, zugleich kommt der Tischlerlehrling von der Straße mit seinem Sarg heran und schreitet suchend zwischen den Bäumen durch. Im Vorübergehen fragt er Mankmoos.

Tischlerlehrling: Wo ist Tischler Teßmer?

Mankmoos: Wenn er hier nicht ist, ist er anderswo. – – Ich kann den Sarg nicht brauchen.

Tischlerlehrling stellt den Sarg ab: Aber ankucken können Sie'n gern, das kost nichts – bildschön, was?

Mankmoos wendet sich mit Würde ab.

Der Gärtnerlehrling kommt.

Gärtnerlehrling: Was, Hannes, wenn du deinen Sarg hier 'n büschen kühl stellen willst, dann kann ich dasselbe mit meinem Kranz tun. Ja, ja, kein Meister fällt vom Himmel – deinem gefällt es in seinem so gut, daß ihm nicht einfällt, 21 daß das Kind zu dem Sarg noch fehlt.

Legt den Kranz nieder, sie setzen sich. Man sieht den verquasteten und mit Emblemen überladenen, schwarzverhängten Leichenwagen auf der Straße vorbeifahren, voran turnierroßartig vermummte Pferdeköpfe über der Hecke mit nickenden Haarbüschen. Der Wagen hält so, daß man seine hintere Hälfte mit Rädern vor dem Eingang sieht. Leichenkutscher und Grabbesorger treten ein und setzen sich an einen Tisch im Vordergrunde.

Kutscher Karl: Meine Frau hat mir's gesagt und ich sag's euch und nu wißt ihr Bescheid. Hat keiner was in der Pulle?

Erster Leichenträger: Du, alter Freund, mit deiner Pulle bist beim Grabe ganz dichte bei. Du solltest sehen, wie du dir'n kleinen Umweg ausklamüsterst, aber nee, du fährst Galopp und nimmst Richtwege.

Kutscher Karl: Meine Frau hat's gesagt und dabei bleibt's.

Zweiter Leichenträger: Lohnbesserung hin, Lohnbesserung her, so was will wohl überlegt sein. Deine Frau ist nicht meine Frau, und nu weißt du auch Bescheid.

Kutscher Karl faßt den Kellner beim Rockschoß und drückt ihm die leere Pulle in die Hand: Voll – hörst? Zu den Leichenbesorgern. Paßt mal alle genau Achtung.

Sie stecken flüsternd die Köpfe zusammen.

Franchi und Ring treten ein und setzen sich nebenan.

Ring: Na, Herr Kollege, ist die Pfeife ganz aus?

Franchi wehrt mit traurigem Kopfschütteln ab: Iche bin ain armer Teufel, Freund, aber sei gut und sprich gut vom Schesar.

22 Ring: Aber was hilft dir das, Candido. Dein Schesar hat sich nicht lang besonnen und ist seiner Wege gegangen. Setz deine Pfeife wieder in Feuer, Freund, und schaff dir einen neuen Schesar an.

Franchi: Das kannst du sagen, deine Flöhe, die zähmst du dir ause dem Nachthemd, aber mein Schesar war nie der erste beste.

Grude und Sedemund treten ein und gehen auf und ab. Mankmoos wartet darauf, gesehen zu werden.

Grude: Na ja, das sehe ich, mit Politik hat deine Sache nichts zu tun, darin bist du unschuldig verrufen.

Der junge Sedemund: Nicht so ganz, mein Lieber, nur wagen wir uns seitwärts der üblichen Wege, unser Werk wird gleichsam durch die Nasen eindringen – Augen zuklappen, Ohren verstopfen, das gilt nun nicht mehr, Luft holen müßt Ihr, und darum sollt Ihr riechen, wie es um Euch steht.

Der Kellner hat dem Kutscher Karl die Flasche gebracht. Er trinkt und reicht sie weiter. Mankmoos schaut zu.

Kutscher Karl: Nanu, kuckt doch mal den an, wo hast du denn deinen Orden verdient, oller Knopp?

Mankmoos tritt näher: Den hat mir der Großherzog für 25jährige Zugehörigkeit zum Gemeinnützigen Verein geschickt.

Kutscher: Für unnützliche Gemeinheit? Dafür kannst auch mal trinken.

Mankmoos trinkt: Ich habe nämlich heute noch nicht gefrühstückt.

Kutscher: Aber dein Mittagessen hast doch binnen, was?

Mankmoos: Wer soll mir Mittag machen, wenn meine Frau tot ist?

23 Kutscher: Deine Frau ist dod? Na, ich möcht auch lieber dod sein als deine Frau vorstellen. Ich will dir 'n schönen Rat geben, laß sie bei Gierhahn und Ehrbahn begraben. Aber zahlen mußt du können, und nicht zu knapp – frag die ehrenwerten Herrn in Schwarz.

Erster Leichenträger: Meine Frau hat heut mittag Schweinebauch geschmort und das ist immerhin Gierhahn und Ehrbahnscher Schweinebauch gewesen, das kannst nicht abstreiten, Karl. Wenn deine Frau dir nichts Guts auftischt, dann liegt das wohl mehr an deine Frau als an Gierhahn und Ehrbahn.

Kutscher gibt Mankmoos die leere Pulle: Na, wenn du so willst, dann wollen wir noch 'n Gierhahn und Ehrbahnschen Droppen drinken. Geh du hin un hol sie voll.

Mankmoos ab.

Sedemund bleibt vor Grude stehen: Die Leute glauben nur ans Habeglück, sie sollen doch auch ans Gebeglück glauben lernen. Geben gibt Gnade. Sich selbst geben – die größte. Der Mensch ist so geartet: er giert nach einem Gut, einem Glauben, einem Altar, auf dem er sich opfern darf. Also: nur ein Ziel, einen Sinn, und der Mensch stürzt sich selbst verschwendend in Glück und Gnade. So – ohne Sinn und überpersönlichen Zweck gilt der ganze Aufwand dem Bauch und dem Beutel.

Grude: Ums Himmels willen, denk daran, daß wir Königschuß haben, wenn du so weiter redest, wird man dich auch ins Narrenhaus bringen. Er sieht Franchi. Sieh da, mein Löwenpapa, der um seinen Wüstensohn Kummer leidet. Mit ihm muß ich ein paar Worte sprechen. Gibt Franchi die Hand. Was macht der kranke Schesar?

24 Sedemund sieht Mankmoos mit der Flasche kommen und stellt ihn. Mankmoos trinkt zerstreut einen Schluck nach dem andern.

Ring für Franchi: O Herr, er ist uns entsprungen und nun sitzen wir auf einem Haufen zu grübeln, wie er wieder einzufangen wäre.

Franchi sieht Ring bekümmert an: Ache Gott, wo iche wollt, es wäre so! Heute abend, garantiert Herr, er säße zufrieden daheim im Käfig und sollte vor lauter Freude frisch Fleisch fressen. Leise zu Grude. Aber leider, er springt niechte mehr: iche hab ihn schon abegezogen und zum Trocknen aufgespannt. Daase sieht mich nun so schrecklich natürlich an, daß es mir wollte das Herz schlimm machen, und da bin ich mit Ring ausegegangen.

Grude: Und haben die Bude zugemacht?

Franchi: Alles dichte, ganz dichte und auch Ring läßt seine Flöhe faiern.

Grude: Ja, wenn er doch entsprungen wäre, würden wir nicht alle wie Flöhe entfleuchen?

Franchi verächtlich: Iche nicht, Herr, müßt erbärmlich ungelehrt sain. Er kennte maine Stimme und waise, wie ich's maine. So Herr: Schesar, bist braf, braf, guter Schesar, denne so wird er blöd und dummerlich und denkt für sich: ist's so gemaint und waise nicht, ist es die Peitsche oder Pferdefleisch, dann tut er gut – o ja.

Sedemund und Mankmoos heran.

Grude zu Mankmoos: Haben Sie die Ohren gehörig aufgetan und gehört, wie man's macht? Sie können sich eine Belohnung verdienen. Zwinkert mit den Augen gegen Franchi.

25 Franchi gefällig: Viele Geld, o ja, sehr viele.

Mankmoos: Ist es weit weg? Wenn es nicht zu eilig ist, müßt ich vorher essen. Trinkt.

Grude: Mensch, es ist ja vom Löwen die Rede, Sie sollen ihn beim Lappen kriegen und einliefern.

Mankmoos: Wie sieht denn der Löwe aus?

Grude: Kennen Sie keinen? Wenn er durch die Büsche schleicht, ist's wie ein großer gelber Hund, einen großen gelben Hund haben Sie doch schon mal gesehen?

Mankmoos: Vorbei gelaufen ist mir schon mal einer. Aber wie soll ich es denn dann anstellen, soll ich ihn bloß so beistecken?

Ring: Paß auf, wenn er da kommt, dann schreist: Hu, Schesar, bist brav, bist brav, brav. Zu Franchi. So ist's, was?

Franchi nickt und lacht: Schrei mal.

Mankmoos: Hu, Scheisser, bist brav, brav, brav!

Ring: Nu weiter: dann greifst ihn am Schwanz.

Mankmoos: Aber wie soll ich an seinem Maul vorbeikommen?

Ring: Weil er sich umdreht und abgeht, er denkt, es gibt Schläge, siehst du, das denkt er. Aber du schlägst ihn nicht, sondern kneifst ihn am Schwanz, wo du seinen Puls fühlst, zu unterst am Quast, da geht ihm zu oberst am Maul die Luft aus, und dann leit'st du ihn vorsichtig heim. Zu Franchi. Ist es nicht so?

Franchi: Genau so, der Ring iste ain so guter Fachmann wie ich.

Ring: Wie sollen wir Löwen greifen, wenn wir keine Kunstgriffe haben?

26 Mankmoos sieht verstört um sich: Kann ich nicht vorher 'n büschen zu essen haben?

Grude: Er soll zu essen haben.

Mankmoos: Eierrühr?

Grude: Rührei macht einen rüstig und rührig – gut. Der olle Fritz fraß sich an Eierrühr seine berühmte Gockelgalle heran, das wissen Sie doch!

Mankmoos: Das weiß ich woll, also Eierrühr! Abgemacht!

Grude bringt Mankmoos zu den Grableuten und bestellt zu essen. Zwischendurch leise zu Franchi: Wollen Sie mir das Fell verkaufen, Herr Franchi?

Franchi: Viellaichte – viellaichte nicht.

Grude: Ich komme heut abend oder morgen bei Ihnen vor.

Der Anstaltswärter tritt auf.

Wärter: Herr Doktor lassen grüßen, und Herr Grude möcht sich erinnern, daß er das Wiederkommen nicht vergißt. Aber wenn Herr Grude noch nicht mit Frau Grude gesprochen hätten . . .

Grude: Ja, ich muß mit meiner Frau sprechen, und dann habe ich auch noch einen kleinen Einkauf zu machen.

Wärter: Dann ist es gut. Ab.

Der junge Sedemund: Grude, Herr Waldemar, mein Onkel, ging draußen vorüber. Hier im Gedränge hat es keine Gefahr, daß er mich sieht, aber du begreifst wohl, daß ich mich doch nach mehr Schatten, als hier ist, umsehe.

Sie gehen seitwärts zwischen die Bäume.

Onkel Waldemar tritt suchend herein und steht am Tisch der Gierhahnschen Leute still.

Onkel Waldemar: Geht Hä Gie'hahn nicht zum 27 Schießen? Ich wah schon in seiner Wohnung, von wo man mich hiehäwies.

Kutscher: Ja, Herr, wir sind bloß Gierhahn- und Ehrbahnsche Leute, wenn er hier so herum wäre, täten wir nicht hier sitzen. Mit seinen Leuten setzt Gierhahn und Ehrbahn die Beine nicht unter einen Tisch.

Onkel Waldemar späht umher.

Grude kommt mit absichtlicher Ahnungslosigkeit und will vorübergehen, sieht dann verloren Onkel Waldemar an.

Onkel Waldemar: Herr Gwude, wenn ich nicht iwwe?

Grude: Ich bin's, Herr Sedemund, was steht zu Diensten?

Onkel Waldemar: Ich bin ganz übeuascht – ein ganz unvemutetä Zufall, Herr Gwude!

Grude: Gewiß, Herr Sedemund, aber unvernünftige Leute wie ich lassen sich manchmal unvermutet finden, sehen Sie. Er führt ihn im Gespräch nach vorn und stellt sich so, daß Onkel Waldemar dem Garten den Rücken kehrt. Er selbst sieht über Onkel Waldemars Schultern, wie Sedemund unbemerkt den Garten verläßt, es sieht aus, indem er durch den Eingang schlüpft, als verschwände er hinter den Vorhängen im Innern des Leichenwagens. Grude schlägt sich vor die Stirn.

Grude: Gott, Herr Sedemund, sind Sie für den Gang zum Grabe angezogen? Entschuldigen Sie die Frage.

Onkel Waldemar: Was ist Ihnen, Herr Gwude, ich wunde'e mich, wie Sie hier auf dem Fest flanieren dürfen.

Grude feierlich: Ich habe Urlaub zur Beerdigung – aber Sie – Herr Sedemund – und wie kommt es, daß Ihr Bruder fernbleibt?

Onkel Waldemar verwundert und mitleidig lächelnd, als 28 bedächte er, daß er's ja mit einem Kranken zu tun hat: Mein Bwuder, Herr Gwude, ist schwer, sehr schwer erkwankt.

Grude: Und kann nicht kommen?

Onkel Waldemar: Naturgemäß nicht, Herr Gwude, aus welchem Anlaß, wenn ich fwagen darf, sollte oder müßte er denn kommen?

Grude: O Gott, Herr Sedemund, wie können Sie nur so fragen!

Onkel Waldemar: Ich begweife ganz und gar nicht, Herr Gwude, was Ihre Worte vergegenwä'tigen sollen.

Grude: Und Sie sind ganz ahnungslos – – Ihr Neffe, Herr Sedemund, sagen Sie, wo ist Ihr Neffe?

Onkel Waldemar: Mein Neffe Gähadd? Der wird morgen wo nicht heute wohl schon hie' sein. Wir äwarteten ihn wegen Erkwankung seines Vate's schon gesten abend – aber . . .

Grude läßt ergeben die gefalteten Hände sinken: Welch eine Verwirrung! Gefaßt. Ist Ihr Herr Bruder sehr krank?

Onkel Waldemar zögernd: Er liegt auf Anordnung von Pwofessor Dwuckhammer zu Bett . . . allerdings befindet er sich . . .

Grude: Und Sie haben selbst kein Telegramm bekommen? Mein Heiland, wie schnell muß das alles mit ihm, wie so schrecklich schnell, gekommen sein! Seine politischen Freunde haben es sich natürlich nicht nehmen lassen . . .

Onkel Waldemar: Hä Gwude, um Gotteswillen, was ist geschehen?

Grude starrt in Gedanken vor sich nieder: Sehen Sie den Leichenwagen, Herr Sedemund?

29 Onkel Waldemar: Nein, nein, nein, das kann nicht sein, mein armer Bwuder, Herr Gwude, das, das, das . . .

Grude: Das ist fast zu schwer für einen Vater und Onkel wie Sie, Herr Sedemund, fassen Sie sich, seien Sie fest.

Onkel Waldemar: Gütigä Gott, o Gott – wie konntest du das geschehen lassen – und ich habe den hälichen Jungen so häzlich gähn gehabt. Wie verlassest du so f'üh Vate' und auch mich, du gutä, gutä Junge. Sie sehen, Hä Gwude, ich kann nur schlichte Worte machen –

Grude: Getrösten Sie sich eines getreuen Gottes, Herr Sedemund. Aber wie wird der Vater sprechen, wenn es gilt, den Verlust des teuren Toten zu verwinden?

Onkel Waldemar: Ich muß ohn Zaudän zu ihm eilen.

Sabine fährt, ihr Gefolge hinter sich, vorüber und sieht sich nach ihnen um. Sie drehen sich und schauen ihr nach und sehen dann prüfend einander an.

Grude: Herr Sedemund, das Begräbnis soll bestimmt in einer Stunde stattfinden. Wie denken Sie nun – soll ich dem Redner ein paar Worte über die Krankheit des Vaters Sedemund, der naturgemäß, wie Sie sagen, der Feier fernbleibt, zufließen lassen? Ein bündiges Wort: wie benennt Professor Druckhammer den bedenklichen Zustand Ihres Bruders? Ihr Name, Herr Sedemund, wird im Munde des Sprechers den mächtigsten Klang gewinnen. Wo ist der Vater, und warum weilt er nicht am Grabe eines solchen Sohnes: sehen Sie, das müssen die Herren wissen, die allem, was Freundessorge vorschreibt, sonst nachgekommen sind.

Onkel Waldemar: Bestä Hä Gwude, Sie sind so sehr teilnehmend, Ihnen darf ich es, da die Dinge zu so twau'uigem 30 Ende gelangt sind, schon sagen: mein Bwuder hatte bei jenem Telegwamm vor allem die Tendenz, seinen Sohn, der nach einstimmigem U'teil auf eine uns bloßstellende Weise bekannt geworden, wiedä ans Haus zu ziehen. Wir hö'ten, wie wahscheinlich Ihre Wiedähestellung im Sanatorium des Doktor Faßlich sei und hofften ihn anuegen zu können, sich mit gleicher Geduld unsewes armen Gähadd anzunehmen. Ganz unter uns, Hä Gwude – nicht wahr?

Grude: Ganz und gar Herr Sedemund.

Onkel Waldemar: Ihr Beispiel konnte Gähadd bestimmen, sich beweitwillig zu fügen, wo es doch sonst kaum ohne ein schmäzliches, aber gutgemeintes Zutun unseräseits abgegangen wäre.

Tischler- und Gärtnerlehrling stehen auf und gehen mit ihren Sachen vorüber.

Grude: Mit Hilfe von Professor Druckhammer, nicht wahr – – ach, da ist ja der Kranz. Zum Gärtner. Gut, daß Sie kommen, geben Sie her.

Gärtnerlehrling: Denn bin ich ihn ja doch noch los geworden, ich dachte schon, er ginge als Ziegenfutter zugrunde.

Grude bezahlt: Traurig, traurig, Herr Sedemund, aber wer weiß, ob wir ihn nicht glücklich schätzen sollen, daß es nicht noch schlimmer gekommen ist!

Onkel Waldemar: Mein Neffe war, unter uns, niemals nett mit mir. Wie sollte ich nun . . .

Gärtner und Tischler ab.

Grude: Pst, Herr Sedemund! Fürchten Sie nicht, daß er es versteht?

Onkel Waldemar blickt ängstlich auf Grude.

31 Grude: Er hörte nämlich immer sehr hell. Wie würden wir beide dastehen, wenn er sich ins Gespräch mischen wollte? Ich habe zur Not einen Kranz, um mein Gesicht dahinter zu stecken, – sehen Sie doch zu, daß Sie sich gleichfalls versorgen. Die Zeit ist kurz bis zum Begräbnis, bester Herr.

Onkel Waldemar: Ja, ich will eilen, gutä Gott, was wird mein Bwuder sagen.

Grude: Sie gehen einen schweren Gang, gehen Sie ihn mit Gott.

Begleitet ihn zum Ausgang. Man hört in der Ferne eine heitere Drehorgelmelodie, und Grude summt, wie sie neben dem Leichenwagen stehen, ein paar Takte mit. Onkel Waldemar sieht ihn von der Seite an.

Grude: Sie wundern sich, Herr Sedemund, daß ich singen mag. Es hat keinen Anlaß in meiner Krankheit, vielmehr träumte ich heute nacht, ich schwämme mit dem gnadenvollen Gefühl bergstromstarker Gesundheit und unbändiger Heiterkeit in einem schnellstrudelnden Strom und sang dabei; das fiel mir bei dem Gedudel da hinten wieder ein. Wahrlich, ich sage Ihnen, es ist noch nicht des Tages Abend mit den Menschen. Nun, leben Sie wohl, auf fröhliches Wiedersehen.

Onkel Waldemar ab.

Grude geht lächelnd und pfeifend auf und ab. Während er zum zweitenmale nach vorn schreitet, schlüpft Frau Grude herein und steht, wie er umkehrt, vor ihm.

Grude: So, da bist du!

Frau Grude: Sedemund schickte mich zu dir.

Grude: Sedemund? Und du selbst – kommst du nicht deinetwegen?

32 Frau Grude: Ja – auch. Aber zuerst muß ich Sedemund sagen, ob er sich wieder sehen lassen kann.

Sabine fährt vorbei.

Grude: Hat er dir von dem fahrenden Sabinchen erzählt? Wo nicht, so frag ihn.

Frau Grude: Wie kann ich ihn so nach seinen Sachen fragen, das muß er mir selbst sagen.

Grude: Er spricht von ihr, als hegte er ihre Seele wie eine fromme Taube an seinem Busen. Was sagst du von ihr?

Frau Grude: Das arme Ding.

Grude: Warum arm, weil sie lahm ist?

Frau Grude schüttelt den Kopf.

Grude: Weil sie keinen Mann kriegen wird?

Frau Grude wie oben.

Grude: Weil sie rasch welken wird?

Frau Grude wie oben.

Grude: Weil sie ein Hexlein ist mit einem Teufelchen verwachsen?

Frau Grude wie oben.

Grude: Nun, warum?

Frau Grude: Weil sie ewig einsam bleibt, denke ich.

Grude: Tut sie das? Da irrst du, sie hat einen guten Teil der Welt zur Wahl. Sieh nur hin: Männerwelt umhüllt sie, hegt sie, hängt ihr nach.

Frau Grude: Aber Mutter, meine ich, wird sie nicht werden.

Grude: Das weiß man noch nicht, und freilich wird es kein großes Glück für sie bedeuten.

Frau Grude: Und sie wird's kaum weiter zu erzählen wagen, wie ich.

33 Grude: Du?

Frau Grude: Ja, ich hab's Sedemund erzählt, bevor ich's dir selbst sagen konnte. Er sollte doch sehen, daß ich kein Ding bin – keine Sache, denn das ist man doch nicht, wenn man so seltsam zu zweien ist?

Grude schöpft Atem: Und was sagte er dazu?

Frau Grude: Was soll man dazu sagen, was frag ich danach! Da hört das Sagen auf. Du weißt es nun und es ist gut. Wenn es euch gelüstet, groß darüber zu sprechen, so tut es untereinander – ich bleibe nicht hier, ich schicke ihn her. Ab.

Grude will ihr nach, kehrt aber um und geht wieder lächelnd und pfeifend auf und ab. Ein ärmlich gekleidetes 11–12jähriges Mädchen, Grete Mankmoos, kommt schüchtern und blickt suchend um sich. Wie sie ihren Vater bei den Grableuten sitzen sieht, bleibt sie stehen.

Grude: Suchst du jemand?

Grete: Vater.

Grude: Wie heißt dein Vater?

Grete: Herr Schneidermeister Mankmoos. Mutter ist doch tot und Vater kommt nicht nach Haus. Ich habe schon lange sein Mittag fertig und er hat den ganzen Tag noch nicht gegessen.

Grude: Er hat hier gespeist. Aber es wäre wohl gut, daß er ginge. Hast du noch Geschwister?

Grete lächelnd: Fritze, Walter, Maxing und Alize.

Grude: Wer sorgt denn für sie?

Grete: Ich. Aber Tante will sich heute abend mal nach uns umsehen.

34 Grude: Komm, wir wollen deinen Vater überraschen. Sie gehen hin.

Mankmoos dreht sich um und starrt sie an: Na Grete, bist du das?

Grete: Komm doch zum Essen, Vater, ich hab schon so vielerwo nach dir gefragt.

Mankmoos: Solltst mich bei mein büschen Essen hier man ganz zufrieden lassen, Grete. Paß gut auf Maxing. Weißt du nicht, wie leicht ihm wieder was passiert?

Grete: Ja, Vater, er hatte wieder so'n Anfall, aber jetzt schläft er wieder ganz schön, Alize sitzt bei ihm.

Erster Leichenträger: Menschenskind, so läßt du deine Kinder zusitzen?

Kutscher Karl: Dumm Schnack, sie soll sich mit hinsetzen und zusehen, wie Vater frißt, das wird ihr gut tun.

Grude geht wieder auf und ab, schüttelt nachdenklich den Kopf, halb lachend, halb ergrimmt: Ach wir Väter!

35 III. Bild.

Wieder im Schützengarten, nur ist es etwas später, die Grableute sind noch beisammen. Mankmoos hat sich beiseite gesetzt und macht sich wichtig mit allerlei Schreiberei auf kleinen Zetteln. Grete sitzt neben ihm. Der Wärter sucht Grude.

Kutscher Karl zu Mankmoos: Mensch, mach doch, du drippelst ja die ganzen Bettelbriefe voll mit Nasendroppen. Das soll woll aussehen, als ob du dein Zeug mit Tränen getuscht hast?

Mankmoos: Bettelbriefe sind das? Ich will gar nichts geschenkt haben, man bloß einen kleinen Beitrag zu den Beerdigungskosten bitte ich mir bei meinen Kunden aus. Das geht nachher von der Lieferung ab, sie sollen mir man was tun.

Kutscher stellt sich hinter ihn und will lesen.

Mankmoos: Wenn Sie was Lustiges lesen wollen, denn lesen Sie lieber das. Holt den Zettel von Onkel Waldemar hervor. Den Brief schickte mir Herr Sedemund, als er mir schon 'n Beitrag zu den Beerdigungskosten versprochen hatte. Na?

Kutscher liest und schlägt mit der Faust auf den Zettel: Heiliger Hundedreck von ihre vornehmen Manieren! Da bleibt ja die Läuse die Luft weg, wenn sie sich auf den Lappen verlaufen. Gibt Grete zu trinken. Na drink mal, du, dein Vater hat schon genug davon, der muß sich auf seine fünf Finger verlassen und mit die Feder fummeln.

36 Grete nippt und hustet.

Kutscher: Hat's geschmeckt?

Grete nickt unter Tränen.

Kutscher streichelt sie: Bist viel zu schade vor son'n schimmligen Schinder von Vater.

Grude und Sedemund aus dem Hintergrunde.

Grude: Du, wir wollen uns niederlassen. Wir haben sonst so sorgenfrei zusammen gesessen – wie, willst du versuchen, ob es da drin irgendeinen guten Tropfen gibt?

Der junge Sedemund geht ins Wirtschaftsgebäude.

Grude zu Mankmoos: Sie werden sich doch mit dem Löwen nicht lumpen lassen? Lieber tot als ein Luder, was? Wann kann's denn nun losgehen?

Mankmoos: Bloß einen Brief brauchte ich noch zu schreiben, an Frau Dr. Schön, ob sie mir nicht auch einen Beitrag zu den Beerdigungskosten tun will.

Grude: Immerzu, Mankmoos, machen Sie, daß Sie die Arme frei kriegen. Wollen Sie nicht 'n büschen Kaffee und Kuchen? Ihre Tochter kann's holen und holt auch was für sich. Einen großen Teller voll Kuchen, Grete. Gibt ihr Geld. Und eine ganze Kanne Kaffee. Grete ab.

Mankmoos: Das kann ich beim Schreiben kauen, daß es nicht so lang mehr dauert.

Grude: Aber wissen Sie, reden Sie nicht zu viel von der Löwengeschichte, sonst schnappt Ihnen irgendein Lump das schöne Geld vor der Nase weg. – Wenn wir und noch einige wenige es wissen, gut; aber wie gesagt, machen Sie sich nicht mit all und jedem gemein, Mankmoos.

Der Wärter kommt.

37 Grude zum Wärter: Schönen Gruß an Herrn Doktor, und Herr Sedemund und ich, wir wären zusammengetroffen und wollten uns, um den schönen Abend zu genießen, besaufen.

Wärter: Ja, Herr Grude, Sie haben immer zu viel gegrübelt, Sie kommen ja von Ihrem Grund nicht los, das ist das Ganze, warum Sie bei uns sind. Feiern Sie die festliche Gelegenheit, und mir soll verlangen, was Sie dann für'n Gesicht machen tun.

Der alte Sedemund und Onkel Waldemar in Schwarz mit Kränzen treten von der Straße aus herein. Zugleich tritt der junge Sedemund mit einer Likörflasche unterm Arm und Schnapsgläsern zwischen den Fingern aus der Tür. Sie erkennen sich von weitem und bleiben stehen, zu weit, um zu sprechen. Grude steht ungefähr in der Mitte.

Onkel Waldemar: Herr Gott, Herr Gwude, was ist das?

Grude: Ich hoffe herzlich allerseits angenehme Überraschung!

Der junge Sedemund: Grude, du Gauner!

Grude: Was willst du? Es sah wirklich so aus, als wärest du kopfüber in den Leichenwagen gesprungen, und gegen solche Einflößung ist mein zerrüttetes Gehirn gewaltlos. Nach rechts und links. Je mehr man sich wundert, desto offenbarer wird das Wunder für die Menge. Also ganz gemütlich zusammen an einen Tisch gesessen!

Der alte Sedemund zu Onkel Waldemar: Alle Achtung, Waldemar, wie wir alt geworden sind! Zu seinem Sohn. Ja, lieber Junge, da sind wir deinetwegen hergehetzt und wollten dich begraben helfen. Na – Gott sei Dank, Gott sei Dank! 38 Weißt du, ich hasse das Begraben bei so viel Sonnenschein. Jede Laus lebt, so lustig ihre Natur es leistet – und ein Mensch soll hinunter?

Der junge Sedemund: Du siehst, wir leisten uns hier im Schatten ein bißchen lausige Lustigkeit. Gott sei Dank, es reicht zur Not für vier, freilich, ein flaues Vergnügen, aber doch – Gott sei Dank, Gott sei Dank – ein schaler Wermut, ein schäbiges Willkommen.

Der alte Sedemund: Gerhard, ein bißchen simpler könntest du es sagen, wie? Ich sagte: Gott sei Dank, daß ich dich lebendig vor mir sehe.

Der junge Sedemund: Gott sei Dank sagte die ältliche Dame auch, wenn ihr Ami leichteren Stuhlgang hatte. Immerhin, Vater, freue ich mich mit dir. Ganz wie die Frau in der Bibel, die den Groschen verlor und ihn wiederfand, wie du den ganzen Sohn und sparst einen guten Haufen Groschen fürs Begraben. Du siehst zugleich, wie richtig ich dein Telegramm erfaßte. Ich zagte nicht und zauderte nicht, sondern sagte zu mir selber: der Alte hat handfesten Humor und hänselt seinen Hans in einem weißen Sterbelaken.

Der alte Sedemund: Ich weiß schon, Gerhard, ich versteh, du hast mich mit gleicher Münze ausgezahlt, bist ein echter Sedemund und läßt dich nicht lumpen. Komm nur zu Stuhl, das Stehen wird mir sauer, der Schreck ist mir in die Beine gefahren.

Grude rückt Stühle an einen Tisch, man setzt sich und legt die Kränze auf den Nebentisch.

Grete zu Grude: Fufzig Pfennig sind bloß über, so viel Kuchen hat er mir gegeben.

39 Grude: Behalt das Geld, Grete, wenn dein Vater, Herr Schneidermeister Mankmoos, es erlaubt, den mußt du vorher fragen. Aber Grete, sei doch so gut und hol uns noch zwei solche Gläschen, wir haben nämlich Besuch gekriegt.

Grete ab.

Onkel Waldemar: Da Stweich kann Ihnen Gefängnis einbwingen, Hä Gwude!

Grude: Ich sitze ohnehin – Sie sind also wohl der Ansicht, daß ich noch nicht so vernünftig bin, wie Sie dachten, Herr Sedemund? Die Kur hat noch immer nicht angeschlagen.

Grete kommt mit den Gläsern, knixt und geht ab.

Grude schenkt ein, zu Onkel Waldemar: Gratulieren Sie also Ihrem gesunden Neffen, daß er nicht gleich mir Dr. Faßlichs Patient geworden. Zu dem alten Sedemund. Ein Glück, für das wir nicht dankbar genug sein können. Zum jungen Sedemund. Du warst nämlich auserwählt, nach eigener Wahl womöglich, sonst widerwillig, am selben Ort mit mir zu gesunden.

Der junge Sedemund zerrt an den Kränzen: So also war's gemeint! Und das sind meine Totenkränze und ich kann mich damit behängen, über jeden Arm einen: seht, so betrübte sich mein Vater über meinen Tod, mit Kränzen ist er bei der Hand, die Krankheit fiel von ihm zu seinen Füßen, und er stand auf und wandelte, statt zu seinem Grabe zu meinem Grabe . . . Wollen wir sie nicht Mutter widmen? Sie liegt so frostig in ihrem Prunkbegräbnis, ja, sie sollen Mutters sein, und du bringst sie ihr – von mir? Sterben wir in unserer Familie, ich meine die echten Sedemunds, leicht oder schwer?

40 Der alte Sedemund: Leicht, Junge, leicht, schön sanft und schonsam für andere und uns selbst – und nobel begraben dazu, so halten wir's.

Der junge Sedemund: Mutter starb schwer, sieh mal, ich mag das leichte Sterben nicht, obgleich es bitter ist zu sterben wie Mutter, aber nobel war es, weißt du warum? Zoll für Zoll trat sie hinüber, es verbrannte alles in ihr, – schon hier, sie wollte als durchsichtige Seele drüben neu werden. Es war ein Selbstmord, indem sie sich so zurichtete, daß von ihr selbst nichts blieb. Warum tat sie das? Unbehagliches Stillschweigen.

Franchi und Ring stehen auf und gehen langsam zum Eingang, an den Grableuten vorbei.

Kutscher Karl zu Franchi: Du, wenn dein durchgebrannter Tiger Roßfleisch frißt, mach ihn scharf auf die Pferde draußen vor den Leichenwagen, sind Gierhahn- und Ehrbahnsche Gäule, laß ihn sich 'n düchtiges Stück von ihre Beine abbeißen – – heda du, Menageriefritze, du bist gemeint!

Franchi wendet sich ab und geht mit Ring hinaus.

Kutscher springt wütend auf.

Leichenträger: Er kümmert sich um nichts als um seinen Kummer, Karl, laß ihn laufen. Zu Mankmoos. Du wirst mir doch nicht weiß machen, daß du den Löwen hast lungern gesehen.

Mankmoos: So dichte bei, das hab' ich nicht gesagt, aber 'n büschen weiter weg, durch die Büsche hab' ich ihn streichen sehen, so wie 'n großer gelber Hund, ja gerade so sah er aus.

41 Kutscher ist bis zum Eingang gelaufen, kommt zurück: Nu passiert was, Leute, paßt auf. Gierhahn und Ehrbahn kommt geraden Ganges auf den Schützengarten zu. Trinkt. Sie müssen schon um die Ecke biegen.

Gierhahn und Ehrbahn gehen, wobei Gierhahn nach der andern Seite sieht, dicht an den Leuten vorbei und setzen sich an den Tisch Franchis. Schaukelstrick kommt von der andern Seite.

Ehrbahn: Da kommt Schaukelstrick, Bruder Gierhahn, er will unterschreiben.

Gierhahn: Auch, daß er der Vater von dem Kind ist?

Ehrbahn: Unsere Anstalten loben ihren Herrn – er unterschreibt alles.

Gierhahn: Das ist Schaukelstrick, Bruder? Hast du dir den Kerl mal näher besehen? Und dann sieh auch mich an – ich für ihn!

Schaukelstrick setzt sich.

Ehrbahn mit dem Protokoll: Also beim Tanzen haben Sie die Mutter von dem Kind kennen gelernt?

Schaukelstrick: Na ja, das kann so gehen.

Ehrbahn: Und das Datum, damit ja alles klappt – September – Oktober – nein, Herr Schaukelstrick, passen Sie auf.

Schaukelstrick: Nee, ich will nicht mehr, die Sache ist mir zu umständlich, viel zu umständlich, das ist ja mehr Arbeit als Vergnügen.

Gierhahn legt Geld hin: Und nu?

Schaukelstrick streicht ein und kratzt sich: Aber das Vergnügen ist kurz und die Arbeit fängt ja schon wieder an.

Gierhahn schlägt mit der Hand auf den Tisch: 42 Unterschreib, du Lümmel, oder ich dresch dich! Sind wir fertig, Bruder Ehrbahn?

Ehrbahn: Wir sind zu Ende. Nun wird unterschrieben, Schaukelstrick.

Schaukelstrick: Na Gott sei Dank. Reibt sich die Hände.

Gierhahn: Mensch, was haben Sie für Dreckpfoten, waschen Sie sich erst mal, daß Sie das saubere Schriftstück beim Unterschmieren nicht beschmutzen.

Schaukelstrick ab.

Gierhahn: Fällt dir nicht ein, Bruder, was das Göhr mal dazu sagen wird? Du machst ein stockdummes Gesicht dabei, das muß ich sagen. Immerhin ist es mein Jung und du hast in die Hände gespuckt und mit deinen Fingern meinen Jungen ins Drecknest gelegt.

Ehrbahn: Aber zu deinem Nutzen, Bruder.

Gierhahn: Bruder hin, Bruder her, du hast es getan!

Schaukelstrick zurück, unterschreibt und gibt Gierhahn die Hand.

Schaukelstrick: Nun können Sie zufrieden sein, was ich unterschreib, das habe ich unterschrieben. Sind Sie eigentlich der Vater von dem Kind?

Gierhahn: Vormund, nicht Vater.

Schaukelstrick: Das hab' ich noch nie gehört, daß einer so viel Geld bezahlt, um eine Vormundschaft los zu werden. Na, mir kann's egal sein, für wessen Vaters Kind ich Vater geworden bin.

Gierhahn faltet ingrimmig dreinschauend das Protokoll, steckt es ein und knöpft seine Schützenjacke darüber fest zu.

Onkel Waldemar zu dem alten Sedemund: Liebä Bwuder, antworte nicht, deines Sohnes Hand liegt hart auf dir. Ich 43 muß nur ein paar Worte in Geschäften mit Hä'n Gie'hahn reden, dann gehen wir. Geht zu Gierhahn.

Der alte Sedemund steht auf, sein Sohn folgt ihm und geht als stummer Begleiter an seiner linken Seite auf und ab.

Grude bleibt sitzen.

Gierhahn zu Onkel Waldemar: Es sind meine Leute, die da sitzen und saufen, und meine Pferde, die da in der Sonne stehen und dürsten, und mein Wagen, der heute nicht mehr gewaschen wird. Ich seh nicht hin, will sie nicht sehen.

Kutscher Karl: Der Alte dreht seine verdammte Nase rechts ab, richtig, als wären wir ihm beim Ausspucken im Wege! Spuckt aus, steht auf, stülpt den Dreimaster in den Nacken. Laßt euch die Zeit 'ne Zeitlang nicht lang werden, ich muß 'n büschen frische Luft schöpfen. Geht auf die Straße hinaus.

Erster Leichenträger: Ich bin doch neugierig, was das da draußen für frische Luft sein mag. Er steht auf und geht hinterher. Man hört halblautes Rufen und unbestimmte Geräusche. Dann erscheint, während die Leichenträger unruhig werden, der erste Leichenträger mit dem Kutscher, den er halb mit Gewalt hereinführt. Der Kutscher sträubt sich, ohne Hut, mit blutigen Händen und greift nach seinem Messer, das sein Kamerad im ausgestreckten Arm hält.

Leichenträger beschwichtigend: Nichts, gar nichts, Kinder, bleibt ruhig hinter eure Gläser sitzen. Zum Kutscher. Was hat dir Biest die arme Bestie getan! Nimm dir zusammen, denn da sitzt ja doch dicht bei der Olle.

Kutscher: Scheiß dir an, du oller Esel mit deinen Ollen! Gib's Messer her! Greift nach dem Messer.

Leichenträger: Nu kommt man lieber ran und klappt 44 mal erst das Messer zu. Wirft das blutige Messer zu Boden. Sie umringen die beiden, man hört halblaut, aber deutlich genug: Er hat die Pferde ihre Ohren abschneiden wollen, der Schinder, sie bluten über die schwarzen Laken weg.

Zusammenlaufen.

Gierhahn geht in krampfhafter Grandezza hinzu. Halberstickt: Ist das der Dank dafür, du Schlingel, daß ich dir zehnmal verziehen und dich versorgt habe? Hab' ich dir nicht hundertmal gesagt, das soll nun das letztemal sein? Muß ich dich eigenhändig aufhängen, daß du aufhörst, mir das Leben zu versalzen? Packt ihn, als wolle er ihn erdrosseln. Lärm und Verwirrung, beide Sedemunds bleiben abseits stehen.

Der alte Sedemund: Hörtest du, was Onkel Waldemar gottlob genial wie immer, sagte: deine Hand liegt hart auf mir, die Hand meines Sohnes?

Der junge Sedemund zeigt die Spitze des kleinen Fingers: Soviel – nur soviel wirkliche Wahrheit, ein einziges Wörtchen Wahrheit, nichts mehr! Warum mußte Mutter Selbstmord begehen?

Der alte Sedemund: Wieso Selbstmord? Übrigens, findest du nicht, daß deine Rede etwas von der unaussprechlichen Suade Onkel Waldemars hat – Nein? Nun – nichts für ungut. Also: sie trat Zoll für Zoll hinüber, um ganz rein zu sein? Halb für sich: Könnte man nicht sagen, sie starb einen freiwilligen Feuertod, ging durch ein selbstentfachtes Fegefeuer ins Jenseits?

Der junge Sedemund: Es geschah, als ich ausgetan war, daß du gefährlich erkranktest, Professor Druckhammer behandelte dich aus der Ferne und Onkel Waldemar war das, als was er sich heute bewies, Bruder und Beistand. Was sich 45 damals begab, Vater, das hat Mutter betroffen, das hat sie beleidigt, bekümmert, darum hat sie sich ins Grab gegrämt.

Der alte Sedemund halb bittend: Sie starb an ihrer Krankheit, Gerhard! Freilich schwer und schmerzhaft und trug ihr Leiden mit mehr Würde, als ich vermocht hätte. Du findest für dies alles eine echt Sedemundsche Formel, nicht umzubringen, fürcht' ich, glimmt zäh wie Zunder.

Der junge Sedemund: So gerade könnte es auch Onkel Waldemar sagen – das wäre also nun die Wahrheit?

Der alte Sedemund zuckt die Achsel.

Der junge Sedemund: So wahr, daß du von hier mit den Kränzen zum Grabe gehen könntest? Sagst du wieder nichts?

Der alte Sedemund: Verdammt – ja. Geh selbst hin und sieh, daß ich gehe.

Das Gedränge um den Kutscher dauert an. Man sieht Gierhahn mitten im Haufen.

Grude steht auf, zu einem Schützen: Wissen Sie Bescheid, warum der Mann so wütend ist?

Schütze: Auf jeden Fall ein bedenklicher Bockmist von Balgerei.

Grude: Weiter nichts? Ich dachte, es wäre wer dem Löwen in den Weg gelaufen.

Schütze: Was für ein Löwe?

Grude: Wissen Sie nicht, daß einer ausgebrochen ist? Gestern hörte man ihn bis hierher brüllen. Heute den ganzen Tag hat's schon gehießen: warum brüllt er nicht? Hören Sie ihn, bitte? Aber man schweigt am besten still, sonst hat am Ende die Festfreude vorzeitig ihr Ende.

Schütze eilig ab. Mankmoos kommt mit mehreren Briefen.

46 Grude: Unglücksmensch, Sie haben einen Riß im Sack und nun ist das ganze Geheimnis herausgerutscht. Es ist so gut wie ausposaunt, aus der Kanone geknallt.

Es sammeln sich Leute.

Mankmoos: Es wollte ja doch keiner glauben, da hab' ich mich auch nicht mehr ums Geheimnis gekümmert.

Grude: Der ganze Königsschuß kann verkrachen, wissen Sie das? Schreien Sie, so laut Sie können, daß Sie keinen Schwanz gesehen haben, viel weniger einen ganzen Löwen.

Mankmoos laut: Ich hab' mich überhaupt nicht danach umgesehen, es ist mir viel zu gefährlich, ihn einzufangen. Was bin ich bei solche Beine für ein Löwenjäger!

Stimme von hinten: Was ist los?

Grude: Ein Löwe soll ausgebrochen sein, aber ich glaub, es ist gelogen.

Der Lärm um den Kutscher hat Menge herbeigelockt. Die Legende vom Löwen umfängt sie und breitet sich aus. Der Wärter kommt dazu.

Wärter: Herr Grude, ich glaube, Sie wollen nun doch lieber mitgehen, ich für mein Teil denk mir, das Saufen hat an dem Löwen mehr Schuld, als der Löwe selbst. Legt die Hand auf seine Schulter.

Grude: Was der Löwe kann, kann ich auch. Hui! Entspringt.

Wärter lacht: Man möcht meinen, er hätt ihn selbst losgelassen, der dolle Herr Grude. Ist sonst ein famoser Kerl, aber man kann nicht so schnell klug aus ihm werden, wie sonst bei Verrückten.

Stimme: Wenn Sie einen Verrückten loslassen, ist es kein Wunder, wenn der Verrückte den Löwen erlöst.

Wärter zeigt auf Mankmoos: Da steht der Mann, der kennt 47 Parole und Feldgeschrei, da fassen Sie man feste zu, er hat den ganzen Nachmittag das Lied vom Löwen geleiert.

Mankmoos: Ich – ich muß nach Haus, da ist bei meiner toten Frau niemand sonst als sie selbst und die Kinder. Grete, wo bist du?

Grete im Gedränge: Hier, Vater!

Ein Schütze hält Mankmoos fest: Still gehalten, Rede gestanden, Sie Nachttopf!

Mankmoos: Fragen Sie den verrückten Herrn Grude, der weiß alles, ich – ich hab' gehört, wie er selbst sagte, daß der Löwe gerade aussieht, wie ein großer gelber Hund. Will sich losreißen, die Briefe entfallen ihm und werden zertreten. Au wei, au wei, nun haben Sie mir aber den abgerissen, Sie, suchen Sie mal, seien Sie so gut, sonst kriegen Sie's mit 'm Großherzog zu tun. Meinen Orden, meinen schönen Orden!

Schütze läßt los: Ich habe, offen gestanden, keinen Orden gesehen. Scharrt im Staub. Oder sollte es das da sein, Deuwel auch, da ist er! Hebt den Orden auf. Mein Name ist Mamerow, es tut mir entsetzlich leid, entschuldigen Sie bloß!

Mankmoos: Vollständig zerschrammt! Putzt ihn. Sie Spucknapf Sie, wissen Sie nu, was Sie sind? Sehn Sie mal, quer übern Großherzog sein Gesicht geht 'n dicker Strich. Haben Sie wenigstens eine Sicherheitsnadel bei sich?

Ein aufgeregter Schütze drängt sich durch die Menge: Wenn der Mann 'nen Orden hat, hat er auch was Ordentliches zu bedeuten. Erst fangen wir den Verrückten wieder ein, und der Mann soll die Schützen führen. Seine Frau kann dann immer bei kleinem auch noch begraben werden. Laut. Schützen an die Gewehre!

48 IV. Bild.

Ein Budenplatz, rechts begrenzt von der Andeutung eines kleinen Karussels, links eine Schießbude mit lebensgroßen hölzernen Türken zu beiden Seiten des Einganges. Einige Krambuden sind in die Ecken gedrängt. Es dämmert. Man sieht Spuren, daß der Platz schnell geräumt ist. In der Ferne Drehorgelspiel, das sich langsam nähert.

Grude noch immer in Gehrock und mit Zylinder, trägt ein großes Bündel unterm Arm, das Löwenfell. Er steht auf dem Platze still, schaut sich um, rollt das Fell auf und hebt es mit beiden Händen hoch: Armer Schesar! Aber so geht's – wo keine Furcht bildet, muß ein Bild schrecken. Wer das stille sanfte Säuseln nicht hört, dem muß man mit Donnern und Hörnern ins Ohr trompeten. Dicke Kanonen sind zeitgemäß in dieser mäßigen Zeit. Sieht sich um. Sieh an, Schesar, wie sie vor dir davon gescheest sind. Alles leer. Dein Herr, Schesar, machte in dieser kurzen Zeit ein paar Flaschen so leer, daß ihm geholfen ist, er hat vollen Trost für heute! Er vertauscht seinen Zylinder mit einem Schlapphut, der am Boden liegt, zieht statt des Gehrockes eine leinene Jacke an, die er auf dem Tisch der Schießbude findet, rollt das Fell wieder zusammen und verstaut es im Innern der Schießbude, unter dem Tisch.

Zwei Männer kommen vorsichtig um die Ecke und nähern sich der Mitte des Platzes, stehen still und horchen. Sobald sie 49 aber die Töne hören, die Grude im Dunkel der Bude verursacht, laufen sie wieder zurück. Grude, wie er die Schritte der Laufenden hört, duckt sich und hält sich einige Zeit still. Indem kommt ein Dieb, der schwer an einem Bündel schleppt, das er einen Augenblick absetzt.

Dieb: Ich bin der ehrlichste Mensch von der Welt. Niemand hat was gesehen, und solange ich allein weiß, was geschieht, wer will dann sagen, was geschehen ist? Solange mein Ruf gut ist, kann ich mit mir zufrieden sein.

Stöbert umher und rafft aus den Buden allerlei Kram zusammen, bindet ein zweites Bündel, das er am ersten mit einem Strick festknotet.

Grude rüttelt an einer der Figuren der Schießbude und wirft sie um. Der Dieb will entfliehen, kann aber die Bündel nicht mehr tragen und läßt sie endlich im Stich. Grude tritt heraus.

Ein Herr will über den Platz gehen: Haben Sie nichts gesehen?

Grude zeigt, wohin der Dieb gelaufen: Da ist er hingelaufen.

Herr grüßt durch Hutabnehmen und kehrt schnell um: Danke sehr. – Ab.

Grude wälzt die Bündel neben die am Boden liegende Holzfigur und bedeckt sie flüchtig, so daß man denken könnte, es läge ein Toter am Boden. Tritt, da man Schritte hört, in den Schatten der Schießbude.

Sabine mit dem Wandervogel Susemihl.

Susemihl: Wollen Sie noch immer weiter, Fräulein Eberstein? O Gott!

Sabine: Haben Sie Angst, Herr Susemihl, Sie spielen ja gar nicht mehr auf Ihrer Laute?

50 Susemihl: Ja, aber nur, weil ich schieben muß und nicht, weil ich mich fürchte, nein gewiß nicht. Aber scheint es Ihnen hier ganz geheuer – ich meine Ihretwegen?

Sabine: Sehen Sie mal zu, was da liegt.

Susemihl: Wo, wo?

Sabine: Links vor Ihnen, ist es nicht eine Leiche?

Susemihl: Leiche? Lieber Gott, ja, da wäre es wohl das richtigste, ich liefe auf die Polizei um Hilfe.

Er läßt die Laute fahren und entweicht.

Sabine allein auf dem Platz im Rollstuhl, sieht unruhig hinter sich und murmelt endlich: Lieber – lieber Teufel, komm und hilf mir – hilf – aber Kinder wollen wir keine kriegen.

Grude tritt von hinten heran: Was er kann, kann ich auch, Sabine.

Sabine hastig herum: Was willst du hier?

Grude: Helfen, Sabine, sei getrost. Er zieht das Tuch von der Figur. Hier sind keine Leichen, wir leben und wollen uns liebhaben. Hilfst du mir, so helf ich dir, Sabine.

Sabine: Woher wissen Sie, wie ich heiße?

Grude: Das sieht man, daß du Sabine heißt.

Sabine: Ich heiße aber anders, es geht Sie nichts an, wie.

Grude: Dann bist du eben meine liebe Sabine. Willst du nun den Löwen sehen?

Sabine: Ist da wirklich einer?

Grude: Wo Teufel sind, können auch Löwen sein. Ich glaubs, hilfst du mir glauben, so ist es so gut, als wäre er wirklich.

Sabine schüttelt den Kopf.

Grude: Aber der kopflose Ohnehut hatte ihn schon im 51 Leibe, den Löwen, und schon andere stecken voll von ihm – und wo war er? Weit weg und nur nah gedacht!

Sabine: Was soll ich auch mit ihm? Die Drehorgel kommt näher.

Grude: Hast du die Liebe des Löwen in dir, des guten Löwen, dem der Wüstenlöwe bloß die Majestät nachäfft, gegen den ein lebendiger Löwe bloß ein Affe ist, also des guten, wahren, einzigen, dann, ja dann . . .

Sabine: Was dann?

Grude: Dann sperrt er seinen Rachen in deinem Innern auf und frißt dich mit Haut und Haar und macht dich zum Teil seiner Majestät. Ohne Löwen, liebe Sabine, ist man lieb- und leb- und lustlos. Willst du mir nicht helfen, den Löwen zu hetzen, wo nicht den guten, so doch den Affenlöwen, auch genannt Kafferngewissen?

Frau Grude und Sedemund kommen.

Frau Grude sucht und will vorbeigehen, als sie ihren Mann erblickt: Du – es heißt, du hast das Tier befreit; sie hetzen hinter dir her.

Sedemund tritt zu Sabine, damit die beiden anderen ungestört sprechen können. Sie mustert ihn verstohlen; er bekundet mit Gebärden seine Bereitwilligkeit, ihr gefällig zu sein. Man sieht seiner ungelenken Galanterie an, daß er von einer Art frommer Scheu befangen ist.

Grude zu Frau Grude: Sie sollen lieber den Löwen jagen, statt des Karnickels – – und was denkst du davon?

Frau Grude: Es sieht dir ähnlich genug, Grude.

Grude: Es ist auch richtig, soweit sie überhaupt recht haben. Wo geht ihr hin?

52 Frau Grude: Einerlei wohin – wir gehen gleich.

Grude: Kannst du mir sagen, wo sie sind, die mich hetzen?

Frau Grude: Sie gehen in Gruppen, einige kommen nicht weit hinter uns, andere sind zum Kirchhof; da, heißt es, hält sich der Löwe versteckt.

Grude mit Blick auf Sabine: Wolltest du sonst noch etwas?

Frau Grude schüttelt den Kopf: Ich habe nichts gegen sie, aber sie pomadisiert und parfümiert sich dazu – Reseda und Patschuli, ein gräßliches Gemenge.

Grude: Du hast recht: sie ist ein armes Ding, und weißt du, sie will wirklich nicht einmal Mutter werden. Sedemund soll für euch sorgen, solange der Spaß sich hinzieht.

Frau Grude: Für uns, sagst du, soll er sorgen?

Grude: Unbesorgt, er tut es gern, er wird euch hüten wie ein himmlisches Geheimnis, das ihr seid, gehegt werden muß. Er geht wieder zu Sabine.

Sedemund und Frau Grude ab.

Sabine: War das Ihre Frau?

Grude Frau? Was gehen mich die Frauen an, liebe Sabine, was frag ich danach, frag du mich auch nicht.

Sabine: Sie wird mich umbringen.

Grude: Keine Angst, denk an den Löwen. Liebst du den Löwen, so liebst du mich. Mich hat er im Rachen und beißt, und man weiß nicht, bin ich noch ich, oder schon er? Das ist das Lange und Breite von mir, liebe Sabine, so ist das wahre Leben: ein Freßprozeß, ein Verwandlungs- und Verdauungswunder, und wer weiß, was sonst noch!

Eine Patrouille von drei Schützen kommt und macht Halt. Der Drehorgelspieler biegt um die Ecke, setzt die Orgel nieder, schneidet sich ein Stück Priem ab und schiebt's in den Mund.

Orgelspieler: Ach, ich kann mir denken, die Herrn sein hintern Lewen her.

Erster Schütze: Haben Sie vielleicht einen Mann im Zylinder und im schwarzen Rock gesehen – nicht?

Orgelspieler: Ja freilich, schon efter.

Erster Schütze: Aber heute abend noch nicht, nicht wahr?

Orgelspieler: Hett'ch gewußt, es wird so eener gesucht, hett'ch uff'm acht gegäben. Aber was soll ich denn bestellen, wenn er mir noch vorbeerennt?

Erster Schütze: Was da bestellen! Er soll aufgehoben werden, er hat den Löwen losgelassen – er ist nicht bei Trost – zum Teil – nicht?

Grude: Wenn es einer mit einem Spitzbart war, so einen hab' ich laufen sehen, weiß Gott wohin – – aber in der Richtung zum Kirchhof gewiß. Zylinder, das stimmt, in Schwarz auch, aber den Spitzbart kann ich nicht beschwören.

Erster Schütze: Was machen Sie denn hier?

Grude: Na, sehen Sie denn nicht? Ich fahre das Fräulein, das hier nämlich stehen geblieben ist, als alles ins Rennen kam.

Zweiter Schütze: Was bedeutet denn das da am Boden?

Grude: Nichts weiter als der zweite von den beiden, oder der erste, wie man's nimmt. Wenn Sie aber mal ein bißchen das Karussel verkundschaften wollen – was? Da im Dunkeln drückt sich was rum, hab ich schon ein paar Mal denken müssen.

54 Erster Schütze: Mir will nämlich auch vorkommen, als wiegt sich das Gestänge mitsamt den ganzen Gäulen. Zu Grude: Was meinen Sie?

Grude deutet auf Sabine: Das Fräulein hat schon ein paarmal über die Schulter hingeschielt, und dabei bin ich auch scheu geworden.

Sabine hält sich die Ohren zu: Ich höre ihn schon brüllen.

Erster Schütze: Ja, was machen wir da, nicht wahr? Marsch, drauf los?

Zweiter Schütze bedächtig: Patronen haben wir wohl bloß ein paar mit? Habt ihr welche, gebt mir was ab.

Dritter Schütze: Mein Gewehr ist geladen, aber weiter kann ich keinen Schuß tun.

Erster Schütze: Ich auch nicht.

Sabine: Wenn geschossen wird, krieg ich Krämpfe, ich höre deutlich Schnaufen und Scharren.

Zweiter Schütze: Leute, ich will euch was sagen: soviel Schützenkurage, wie zum Löwenschießen zu gehören scheint, hab' ich nicht. Dann häng' ich lieber den grünen Rock an den Nagel. Macht, was ihr wollt, ich will keine Komödie spielen.

Erster Schütze: Schäm dich, so was sagst du so ruhig und grade raus? Nicht? Ich werde Ihr Verhalten vorbringen, das lassen Sie sich gesagt sein. Kein Schützenbruder kauft mehr bei dir, das sollst du merken.

Zweiter Schütze: Ich trete aus. Blas deine Töne selber, ich blas nicht mit, und niemand kann verlangen, daß ich in die Posaune stoße, wenn ich dazu keine Puste habe. Wenn das Fräulein mit will, gut und gern, dann will ich sie heil heimbringen, sonst geh ich allein.

55 Sabine schüttelt den Kopf.

Zweiter Schütze ab.

Grude: Das sag ich auch, wenn man schon Angst hat, soll man's wenigstens verhehlen.

Erster Schütze: Ein ordentlicher Schütze soll überhaupt keine Angst haben, nicht?

Grude: Brav gesprochen, und was denken Sie nun zu tun?

Erster Schütze: Mit meinen zwei Gewehren kann ich den Gegner nicht angreifen. Worum sich's noch handelt, ist einzig und allein, ihn festzustellen.

Orgelspieler: Wie wärsch denn, wenn Se mich mit meine Orgel rinpfeffern lassen täten? Wenn ich de Kurbel riehre, das verträgt die Karnallje nicht, da kenn' Se Gift druff nähm.

Grude: Ich glaube, er hat recht.

Sabine: Ich auch.

Erster Schütze: Ich auch. Dann marschieren Sie mal zu und lassen Sie Ihre Donner los, nicht?

Orgelspieler spuckt aus: Na, eener von die Herrn Schitzen wird mir doch 's Geleite gäben tun?

Beide Schützen: Gewiß, versteht sich. Sehen einander an.

Orgelspieler: Na, denn marsch annawang! Dreht um und marschiert mit Musik gegen das Karussel.

Die Schützen gönnen einander den Vortritt so sehr, daß schließlich keiner mitgeht. Vor dem Karussel steht der Orgelspieler still.

Orgelspieler: Se kenn nu ganz ruhig nachricken, hier is nischt drin zu sahn, als was allemal drin is.

56 Erster Schütze: Ich wußte es von vornherein und hab' gleich nicht geglaubt, daß was anderes dabei herauskäme, nicht?

Dritter Schütze: Ich auch.

Sabine: Ich auch.

Grude: Und ich wette, der Mann hat's selbst nicht geglaubt, wo will der so viel Kurage herkriegen!

Erster Schütze: Wenn Sie wissen, daß da kein Löwe ist, warum machen Sie uns hinterher scharf auf das Tier, nicht?

Grude: Wenn Sie glauben, daß da keiner ist, warum gehen Sie nicht heran? Was werden Sie alles über Ihren anderen Kameraden reden; hat er nicht mehr Mut gezeigt als Sie, denn er blieb so lange ruhig da, bis sein Spiel aus war – er glaubte an den Löwen.

Erster Schütze: Ich auch, damals dachte ich auch, es säße was drin.

Dritter Schütze: Ich auch, damals dachte ich's auch.

Sabine: Ich auch.

Orgelspieler kommt heran: Und ich, ich gloob's noch! Ich wollt die Herrschaften und das Freilein nur nich erschrecken, darum hab' ich gesagt, ich seh nischt, aber geheert hab ich doch was, denn in'n Dustern da kann eener immer besser heern als sehn, sehn Se. Da is een dichtger Zahn an der Orbeet, das glooben Se man, da frißt een Maul, dem's eenerlei is, ob er uff Knochen oder Fleesch beißt. Das Freilein hat schon ganz recht geheert. Zum ersten Schützen: Na, gehn Se man ran, das kann Se nu nich vill mehr schaden, er hat's Maul voll und wird nicht gleech den Zweeten anbeißen.

Die Schützen sehen sich an, der Orgelspieler zwinkert Grude zu.

57 Grude: Ja, wenn Sie's sagen, muß ich's, mag ich mögen oder nicht, doch wohl glauben.

Sabine: Ich auch.

Dritter Schütze: Ich auch.

Erster Schütze faßt sich ein Herz und geht halbwegs zum Karussel, kehrt schnell wieder um: Ja, die Sache hat ihre Richtigkeit, ich habe den Löwen festgestellt. Er liegt im Dunkeln, ich habe sogar seine feurigen Augen funkeln sehen. Man riecht's auch.

Grude: Ganz wie Patschuli und Reseda, ich riechs auch.

Orgelspieler: Ich ooch.

Sabine: Ich auch.

Der Besitzer des Karussels, einen Wassereimer in der Hand, sauersehend, kommt gemächlich gegangen. Wie er die gestürzte Holzfigur sieht, setzt er den Eimer ab und richtet die Figur auf.

Karusselbesitzer: Gehen Sie ruhig nach Haus, der ganze Halloh hat sich da hinten hingezogen. Nach dem Kirchhof zu, und Polizei ist auch schon da, Gott sei Dank, und nicht zu knapp. Will zum Karussel.

Erster Schütze: Ich mache Sie darauf aufmerksam, daß Sie sich einer Lebensgefahr aussetzen, wenn Sie näher herantreten. Ich bin nämlich nahe beigewesen und habe mich überzeugt, daß der Löwe auf der Lauer liegt, nicht wahr?

Besitzer: In meinem Etablissemang? Greift nach dem Eimer. Denn wird's die höchste Zeit, daß aufgeräumt wird. Betritt das Innere des Karussels und beginnt zu kramen. Hinter den Pferden hervor: Wenn das eine Überzeugung von Ihnen selbst ist, wovon Sie überzeugt sind, dann möchte ich das Zeugungsglied sehen, das Sie bei der Zeugung strapaziert haben.

58 Grude faßt die am Boden liegende Gitarre und zupft unharmonische Töne:
Da war ein Schweineigel – Schweineigel – drin
Und fraß Freßreste, Spickaalköpfe und wer weiß was.
Wer hat sein Löwenauge funkeln sehn?
Wer sah mit Mut die Stachelmähn' im Dunkeln wehn?

Sabine lacht, der Orgelspieler dreht ein paar Male die Kurbel.

Grude: Die Ohren auf und frisch!
Die Klimperdose gezwackt.
Die Nasen zu, wenn das
Schützenherz in die Hosen sackt.
Ihr wißt: der Schütze ist kein Frosch,
Sondern ein Ritter ohne Furcht und zang Reprosch,
Freßreste, Spickaalköpfe stinken stark,
Doch hat Odör und Duft des Schützen Mark und Quark.
Zum ersten Schützen: Mensch, riechen Sie noch nichts? Es stinkt, Mensch, aber nicht mehr nach Löwen, sondern menschlicher. Werden Sie Ihr Verhalten auch vorbringen, soll ich's noch einmal bebänkelsängern?

Sabine lacht, Orgelspieler dreht.

Erster Schütze: So was ist mir in meinem ganzen Leben noch nicht passiert, nicht?

Dritter Schütze: Meinst du, mir?

Erster Schütze: Wollen wir den Kerl wohl verhaften, Bruder?

Dritter Schütze: Na, weißt du, Bruder, der Kunde hat ein Löwenmaul, und wenn die Sache zum Schwur kommt, leckt er uns leicht das Fleisch von den Knochen. Da laß die 59 Hand lieber los! Was der da in seiner Dummheit gedröhnt hat, hab' ich mir in meiner Dämlichkeit auch schon öfter gestanden. Ich will mal genau zuhören, was ich mir selbst rate, ob ich den grünen Rock nicht auch an den Nagel hänge. Geht ab.

Erster Schütze ruft hinterher: Dein Verhalten wird auch vorgebracht, verstehst du? Zu Grude: Mit solchem Käsehöker, wie Sie, lohnt es nicht, sich einzulassen. Also kehrt marsch! Ab.

Grude zum Orgelspieler: Sie geborener Löwenjäger Sie! Verraten Sie das Fräulein nicht; es fährt flott mit auf die Löwenjagd und fühlt sich im Schutze Ihrer Donnerbüchse wohlbehütet. Leisten Sie uns also lustig Ihren Beistand.

Er schiebt Sabine vorwärts, der Orgelspieler spielt, und so ziehen sie zusammen ab.

60 V. Bild.

Kirchhof. Platz vor dem Sedemundschen Erbbegräbnis, gleichsam einer Prunkvilla für die Toten des Geschlechts. Links schneidet eine zaunartige dichte Hecke ein Stück Kirchhof ab, der Kehrichtplatz des Friedhofes, der Begräbnisort für Selbstmörder. Der junge Sedemund und Frau Grude.

Der junge Sedemund: Ich denke denn doch, schließlich klingt alles im All zum schönsten Ohrenschmaus zusammen – nur der Rest ist Schweigen.

Frau Grude: Der Rest?

Der junge Sedemund: Ja, der Rest gehört doch auch dazu, die Pause, die Atem- und Schöpfungspause, die Höhlen des Nichts, die das herrliche Was gliedern. Solch ein Rest ist mein Onkel, ein Schweigen im All, trotz der Munterkeit seines Mundwerks, eine Pause – und – mein Vater, wer weiß, vielleicht klagt's, klingt's oder klappert's bei ihm irgendwo und kündigt Besseres.

Mankmoos, sich fortwährend umsehend, stolpert atemlos heran. Frau Grude tritt abwartend ein wenig zurück.

Mankmoos hält sich an Sedemund fest.

Sedemund: Mann, was ist Ihnen?

Mankmoos starrt ihn blöde an: Mann? Meinen Sie mich?

Sedemund: Na, wenn es sonst nicht stimmt, sind Sie doch der Mann von Ihrer toten Frau; warum drücken Sie sich so dicht an mich?

61 Mankmoos: Sie hetzt mich hin und her.

Sedemund: Hetzt, wer hetzt?

Mankmoos: Sie, von die Sie sagen, sie war tot. Ich höre hier Schritte und da Schritte und wenn ich umschau – –

Sedemund: Dann ist es Ihre Frau?

Mankmoos: Sie geht um – immer um mich herum, wer sollte es sein, wenn sie es nicht wäre? Wenn da nichts ist, was doch was ist, dann denk ich, sollte lieber der Löwe da laufen. Erblickt Frau Grude, erschrocken: Was – will – die – die – da?

Sedemund: Es ist Frau Grude – Mensch, machen Sie Ihre Augen auf.

Mankmoos: Aber was will sie von mir? Meine Frau hat mir alle Kinder auf 'n Hals geladen, und da sitz ich nu mit zu und kann zusehen, wie sie zu Gange kommen; und von wem soll ich selbst was für mich kriegen?

Frau Grude: Hier scheint sich auch so ein Rest aufzutun, Herr Sedemund, wie können die armen Kinder dafür büßen müssen, daß ihr Vater so ein Rest von einem Mann ist?

Sedemund: Es wundert mich doch, daß seine Gedanken sich in Form und Gestalt seiner Frau fügen. Ein Rest merkt nichts. Sehen Sie, da ist sie. Spricht zu Mankmoos' Entsetzen in die leere Luft. Ja, Frau Mankmoos, es kommt alles in Ordnung, und die Kinder sollen nicht verkümmern. Frau Grude verspricht es auch. Frau Mankmoos, lassen Sie Ihren Mann nun in Frieden. Zu Mankmoos: Sagen Sie ihr, daß Sie für Ihre Kinder sorgen wollen, sprechen Sie, aber laut.

Mankmoos bebend: Ja – Line – ja – ja –, ich will ja, 62 laß mich man machen. Grete soll gleich ein gutes schwarzes Kleid kriegen.

Sedemund: Sie winkt, kehrt zufrieden um – und nun ist sie fort. Sie sind den Geist los, Mankmoos, aber denken Sie daran, daß sie Frieden findet. Sie gehen nachher mit mir, ich will sehen, was ich für Sie tun kann.

Mankmoos wankt hinter die Selbstmörderhecke.

Sedemund: Da ist das Abseits, wo die Selbstmörder liegen – in ungeweihter Erde; ein Wort, das wider uns aufstehen will, wie der Geist von Mankmoos' Frau wider ihren Rest von Mann.

Sie gehn zusammen nach hinten und verschwinden. Grude mit Sabine und dem Orgelspieler kommt.

Grude: So, hier sei Sabine als Lamm dem Löwen preisgegeben. Zum Orgelspieler: Und Sie halten hier aus und hüten das Lamm – – ich – er zieht den Rock aus und legt den Hut ab – ich, in Hemdsärmeln, trete in Löwenhalter Candidos Dienste und laufe dem Entlaufenen nach.

Orgelspieler: Und mit die Possen, die heite passieren, wer'ch mich als alter Mann noch bei junge Mächen wichtig machen.

Grude in Hemdsärmeln verschwindet hinter dem Erbbegräbnis.

Gierhahn und Ehrbahn mit Gewehren.

Gierhahn: Irgend wen muß ich kalt machen, wenn nicht den Kutscher Karl, den Lumpen, so wenigstens das Luder, den Löwen.

Ehrbahn: Du gehst zu unvorsichtig drauf los, Bruder Gierhahn, wir sollten leiser sein.

63 Orgelspieler: Ja, die Herrn därften gern leiser laufen, denn, ob mer hier Lumpen sein oder Luder, den Leewen is', weeß Gott egal, der frißt die Luder so gern wie die Lumpen, for den, wie for'n lieben Gott, sein mer alle gleech.

Gierhahn: Hallo! Das Fräulein im Fahrstuhl, wie geht das zu?

Sabine trocknet Tränen und schaut dankbar auf.

Orgelspieler: Das arme Mächen, ihr Fihrer is forn Leewen fortgemacht – nu, da wüßt ich gleech, for was mich Gott hat glicklich bis daher leben lassen – das wern die Herrn Schitzen verstähn, daß sich fir Schitzen und orme Orgeldreher nichts Besseres begäben kann, als so een krankes gutes Kind zu hiten, nich wahr, meine Herrn?

Gierhahn: Wollen Sie denn den Löwen zu Tode orgeln? Machen Sie Platz, Mensch – wo ist er denn?

Orgelspieler: Sein Se nich beese, daß ich aus eenen Orgeldreher un zwee Schitzen eenen Mundvoll mache. Wo der Leewe is? Ja, der is nich gar so weit weg, wenn eener den Herrn Obergehilfen von'n Löwenhalter trauen darf, der'n da hinten in de Bische nachpirscht, das is een ungeheier mutiger Mensch, sehn Se, aber freilich, er is auch den Umgang mit die Ungeheier geweent.

Gierhahn: Ich frage nicht nach dem Löwenfänger, ich frag nach dem Löwen!

Orgelspieler: Schießen Se bloß nich bums los, wenn Se was Weißes sehn, das sein nämlich den Herrn Obergehilfen seine Hemdärmel. Der Leewe hat keen Hemde angezogen. Nich wahr, Freilein, da driben in de Bische, da is er rin?

Sabine: Ja, aber daß der Mann so sehr mutig ist, meine 64 ich nicht. Er mußte sich immer bloß den Schweiß abtrocknen. Und Sie selbst bekreuzigen sich ja jedesmal, wenn ich nicht so genau hinsehe; Sie sind wohl katholisch? Zu Gierhahn: Ach, lieber Herr, lassen Sie mich nicht wieder mit ihm allein. Hören Sie mal: Gierhahn beugt sich herab, leise: Ich hab' ihn huschen hören und dann die große Spur auf dem Sand war greulich anzusehen.

Orgelspieler: Das Schrecklichste an den Leewen is seine Schnelleifigkeit; wissen Se noch, Freilein, wie er ibern Weg wischte? Eeen Husch – und rin in'n Busch.

Sabine: Ja – ja.

Orgelspieler: Und wie Ihr Fihrer ihn in die Geleifigkeit zu iberbieten dachte – weg wie der Wind und – blaß wie'n Blitz.

Sabine: Stellen Sie sich vor mir hin, und wenn er kommt, dudeln Sie tüchtig zu, daß ich's Schießen nicht höre.

Orgelspieler stellt sich vor Sabine.

Gierhahn: Gehn Sie da weg, ich habe die Verantwortung, und mit Ihren vermaledeiten Veranstaltungen locken Sie bloß das Tier an.

Orgelspieler: Immer besser, sagte der Floh, da fing er uff den linken Schinken an zu hinken. Denn geh ich bei Sie. Stellt sich zu Gierhahn.

Gierhahn: Den Teufel sollen Sie, scheren Sie sich schnellstens davon!

Orgelspieler: Se meenen, ich soll de Landschaft mit meine liebliche Abwesenheit verscheenen?

Gierhahn: Genau das, Sie sollen Luft hinlassen, wo Sie sind.

65 Orgelspieler: Ooch recht, denn bin ich woll hinter die Wand weniger im Wege. Nur noch'n kleenen Tusch zum Abschied geschmettert.

Orgelt und marschiert gegen die Selbstmörderhecke. Ehe er verschwindet, erscheint, aufgescheucht, nach Luft schnappend, der geängstigte Mankmoos.

Orgelspieler: Halten Se sich nich uff, Mensch, oder der Leewe beißt Se in'n Hintern.

Gierhahn schreit ihn an: Verdammtes Hasenbein, ich schieß dich durch deine Gedärme – sag' was hast gesehn?

Mankmoos wirbelt mit den Händen, weiß nicht, soll er vor oder zurück: Huh, Schesar, bist brav, brav, brav.

Ehrbahn: Schieß nicht, Bruder Gierhahn, schieß nicht, wenn du mich lieb hast.

Gierhahn: Der Schuß muß raus, nochmal: eins, zwei, drei, wo ist er? Hebt das Gewehr.

Grude von hinten: Nicht schießen, Leute, ich muß ihn lebendig liefern – er hockt hinter der Hecke – scheucht ihn her, schreit, aber schont sein Leben.

Gierhahn: Schonen, Sie Affenschwanz! Schießt aufs Geratewohl in die Hecke. Das war dumm – Bruder Ehrbahn, dein Gewehr her, und halte meins. Vertauscht die Gewehre und springt hinter die Hecke.

Orgelspieler zu Mankmoos: Brillen Se, Mann, zeigen Se de Bestie den Meisterbriller, sonst is Ihr Balg bald een Leewenbutterbrot – – da, da, da schlupft er durch die Dannen, da wutscht er hin wie de wilde Wut!

Grude: Schreit, Leute, schreit.

Verwirrung, Geschrei.

66 Ehrbahn: Bruder Gierhahn, Bruder Gierhahn, zu Hilfe, zu Hilfe!

Gierhahn bricht wieder durch die Hecke.

Orgelspieler: Platz gemacht forn Keenigschuß. Er blutet schon, Herr Schießmeester, noch so eens uff das verflixte Fell! Der Leewenteter soll leben!

Grude versteckt sich wieder.

Gierhahn: Es war Zufall, Leute, aber da war so was wie ein schneller Schatten – – – jetzt . . .

Ehrbahn: Nicht zu dreist, Bruder Gierhahn, denk daran, daß diese Tiere wütend werden, wenn sie verwundet sind.

Orgelspieler: Uff de linke Hinterpfote gelähmt, Herr Feierhahn, links gelähmt, da wird er keene rechten Springe mehr machen. Der Herr Obergehilfe is gleich wie'n wietender Windhund uff de Spur geglitten.

Gierhahn geht spürend umher.

Schuß und Lärm haben Leute herbeigelockt, von hinten erscheinen Sedemund und Frau Grude, durch den Kreis der Umstehenden bricht Wachtmeister Lemmchen.

Lemmchen zum Orgelspieler: Kommen Sie ran! Sind Sie an dem Unfug beteiligt?

Orgelspieler: Man unverfänglich, Herr Obachtmeester. Aus mei'n Leierkasten kommen woll ooch beschissene Tene, aber keene Flintenschisse. Zeigt auf Ehrbahn. Wenden Se sich gitigst an den Herrn Gewehrinhaber.

Lemmchen nimmt das Gewehr Ehrbahns und riecht an der Laufmündung: Mit diesem Gewehr ist soeben geschossen worden, warum ist aus dem Gewehr soeben geschossen worden?

67 Gierhahn tritt heran: Ich habe dem Löwen eins aufs Fell gebrannt, Herr Wachtmeister. Es ist mein Gewehr.

Lemmchen: Sind Sie nicht Herr Gierhahn, Herr Gierhahn? So, das ist mir recht lieb, es stimmt also mit dem Löwen?

Gierhahn: Vollkommen, Herr Wachtmeister, verlassen Sie sich auf mich. Zu Ehrbahn: Nicht wahr, Bruder Ehrbahn, wir zwei sind Herrn Lemmchen Zeuge genug?

Lemmchen: Ach, Herr Ehrbahn – ja, Herr Ehrbahn, ich erkannte Sie nicht sofort, hätten Sie nur gleich Ihren werten Namen genannt. So, so, da wollen wir ein patentes Protokoll aufsetzen. Alles nach der Reihe. Zuerst muß ich verhüten, daß alle diese Leute sich in der Gefahrzone verstreuen. Laut: Sie bleiben alle hier versammelt und fügen sich Herrn Gierhahns Vorschriften, verstanden? Keiner verläßt den Platz, bevor ein Schutzmann kommt.

Orgelspieler: Ich fihl mich in Herrn Feierhahns Schooße so sicher wie in Abraham seinen.

Lemmchen: Herr Gierhahn ist mit obrigkeitlicher Gewalt ausgestattet. Wer etwa noch vorbeigeht, für den gilt der gleiche Befehl. Zu Gierhahn: Ich schicke alle, die mir begegnen, hierher, und alle müssen sich bei Ihnen melden.

Gierhahn zu Sedemund und Frau Grude: Nicht aus dem Kreis treten! Alle auf einen Haufen hierher!

Sedemund und Frau Grude heran, Lemmchen ab.

Der alte Sedemund und Onkel Waldemar mit Kränzen.

Onkel Waldemar: Hä Gie'hahn, Sie glauben gar nicht, wie ich mich über Ihr Glück fweue. Gwatuliere, gwatuliere! Sie sind sonder Zweifel der Held des heutigen Tages! Schütteln sich die Hände.

68 Gierhahn: Danke ergebenst, Herr Sedemund. Wenn Sie mit Ihrem Herrn Bruder zum Grabe gehen, tun Sie gut, sich nicht mehr als nötig zu gefährden. Kommen Sie gleich zurück.

Onkel Waldemar: Pietät, Hä Gie'hahn, waltet ohne Pwüfung der Gefahr. Zeigt auf den alten Sedemund. Eine Wallfah't zätlichen Gemüts zum Gwabe seines Glücks.

Sie gehen zum Erbbegräbnis. Onkel Waldemar schließt auf und steckt den Schlüssel wieder ein. Der junge Sedemund tritt herzu.

Der junge Sedemund: Geht das so geschwind, Vater – hui hinein und hui hinaus?

Der alte Sedemund: Ja, mein Junge, Eile ist uns anempfohlen, aber wir hasten nicht.

Onkel Waldemar: Ein schmäzlicher Seufzä, Gähadd, soll das Andenken der Guten heute heiligen.

Der junge Sedemund: Soll der Seufzer das, seufzest du auch?

Onkel Waldemar: Gähadd, könntest du nicht wenigstens am Gwabe deiner Mutter weniger gehässig mit mir ueden?

Der junge Sedemund: Ja, da steht der Sarg, ach Gott, Mutter, nun kommen sie mit Kränzen, um dein Andenken zu heiligen.

Onkel Waldemar: Eins muß ich dich bitten, einzusehen, Gähadd, daß die gwoße gegenwätige Menge nicht da schickliche Hintägwund für die von dir däart beliebten Anfälle bildet. Spwich leiser, Gähadd.

Der junge Sedemund tritt in den Eingang und steht gleichsam als Torhüter da, leise: Bleib draußen stehen, Onkel Waldemar, auch du, Vater, hast deine Füße nicht abgetreten 69 und willst in ein so stilles sauberes Gemach, der einzige Erdenwinkel, gehen, der meiner Mutter geblieben ist?

Er hat nach und nach wieder lauter gesprochen, die Leute sind aufmerksam geworden und unmerklich näher getreten.

Der Orgelspieler dreht einige Töne.

Der alte Sedemund nimmt den Kranz aus der rechten in die linke Hand und fährt sich mit der Hand übers Gesicht.

Der junge Sedemund: Gott, Vater, ich glaubte, du wolltest dich mit der Faust vors Gesicht schlagen! Er tritt beiseite und läßt den Eingang frei.

Onkel Waldemar: Bwuder, spwich ein Wort zu Hän Gie'hahn, ä ist ein edler Mann und wird dich vor dem Stein da Schande, den dein Sohn gegen dich ähebt, schützen wollen.

Der alte Sedemund sieht sich um und überfliegt die Menge mit den Augen, dann kehrt er sich ab. Er ist scheinbar im Begriff, ins Grab zu treten, zaudert aber und bleibt stehen.

Onkel Waldemar: Bestä Hä Gie'hahn, nicht wah', Sie fühlen mit mir, daß vor so viel Augen und Ohwen diese Ausspwache bei unsäm Äbbegwäbnis katast'ophal sein muß.

Gierhahn: Wir wollen zurücktreten, Leute. Stellt auch hier dicht an die Hecke heran, drängt euch nicht zu Dingen, die euch nichts angehen.

Man stellt sich ein wenig weiter weg längs der Selbstmörderhecke auf.

Der junge Sedemund: Wenn es nach priesterlicher Grundgerechtigkeit ginge, Vater, müßte Mutter nicht auch hinter jener Hecke liegen? Das nennst du nun meine so echt Sedemundsche Formel, die nicht umzubringen ist und zäh wie Zunder glimmt?

70 Onkel Waldemar: Höwe ich wecht, Bwuder, und ich höhte bisher nicht nur gut, sondern västand auch meine Folgewungen zu finden, höwe ich wecht, so ist Gähadd dwauf und dwann, dem Sarg der Seligen in unserm hälichen Äbbegwäbnis das Wecht auf seinen Platz zu bestweiten. Bwuder, dein armer Anblick macht mich zittän, obgleich dein Häz es sich nicht väsagen will, selbst hewanzutweten, laß mich für dich hingehen, gib mir den Kwanz, um ihn als kummervolle Klage über den Sohn da Mutter zu bwingen.

Gierhahn: Seid froh, Männekens, daß dies nicht Eure Familiengrube ist. Vor solcher Familie kann einem grausen, die solche Greuel nicht rechtzeitig eingraben kann. Ihr hört hier hinten auch, was da unter ihnen hübsch öffentlich vorgeht und geheim bleiben sollte.

Der alte Sedemund wehrt Onkel Waldemars Anerbieten ab und geht selbst langsam näher zur Grabtür. Dann dreht er sich, ohne einzutreten, plötzlich um und ruft: Was steht ihr da, geht und gafft wo anders!

Gierhahn: Herr Sedemund, gehn Sie ruhig hinein, raffen Sie sich eine Kleinigkeit von gutem Gewissen zusammen, dann geht's noch mal.

Onkel Waldemar: O Hä Gie'hahn, Sie sollten sich auch ein Familiengwab gwünden, wo Sie däeinst Ihren Sohn beisetzen können. Da gute Schaukelstwick hat schon alle Lust an dem Kinderhandel verloren, wir er mir soeben selbst ganz hübsch öffentlich anvätwaute. Ganz wecht, Schau–kel–stwick – Kin–der–han–del, Handel für Geld um Ihr ei–ge–nes Kind, Hä Gie'hahn!

Der Orgelspieler rührt die Kurbel.

71 Gierhahn: Kinderhandel? O Herr Sedemund, wenn ich Sie wäre und wünschen müßte, Ihren Fall hinter einem andern Fall zu verstecken, würde ich kein solches Ungetüm heranzerren, das doch den Deubel niemand für lebendig hält. Also Kinderhandel – gut! Doch wie geht's nun bei Ihrem Fall weiter?

Lemmchen erscheint im Hintergrunde.

Onkel Waldemar: Sä fweundlich, mir das Wort zu vägönnen, Hä Gie'hahn! Denken Sie vielleicht noch an das solenne Fwühstück im »Äbgwoßhäzog«, wo wir uns wechselseitig allälei kuwiose und vätwauliche Konfidenzen machten? Sie als Fuhrhä schossen den Vogel von der Stange ab. Ach, Sie wissen doch, wenn Ihwe Lastwagen auf die Stadtwage fahren – dann, na besinnen Sie sich bitte – zwischen das zweite und dwitte Fuder legen Sie Ihwe bewühmte Buttelpause ein und hintehä, was wissen denn die vollen Häzen davon, ob das zweite Fuder schon schön gewogen ist odä nur gwade auf die Wage gegangen – und na, das zweite wird dä Sicherheit zuliebe – doppelt gewogen und angekweidet, alles wegen dä Buttelpause, und bei Leibe nicht zu Ihwem Schaden. Ach, Hä Gie'hahn, wir wawen ja alle so selig über solchen Geschäftsspaß! Und wie geht's nun mit Ihnen weiter, immer lustig weiter, möcht ich meinen, bei einer so hübsch öffentlichen Gelegenheit, was?

Der Orgelspieler dreht die Kurbel.

Gierhahn: Was hat das alles mit der Öffentlichkeit zu tun, Herr Sedemund? Sieht sich um. Herr Wachtmeister Lemmchen!

Onkel Waldemar: N'Abend, Hä Lemmchen, haben Sie auch schon vom Gie'hahnschen Kinderhandel gehört?

72 Lemmchen: Meine Herren, meine Herren – – ich sollte denken, daß das alles wohl nicht partu Privatangelegenheiten sind, aber doch hier heute abend nicht hergehören. Alles nach der Reihe! Was geht denn da am Grabe vor?

Der junge Sedemund: Herr Lemmchen, mein Vater verbeißt sich drauf, aus Barmherzigkeit, aus allgemeiner Menschenbrüderlichkeit und anderen Bedenken eine hochherzige Stiftung zu begründen. Da liegt hinter der Hecke in ungeweihter Erde so mancher elende Erdenbürger bestattet. Mit dem Genaueren will ich Ihre Geduld nicht ermüden, kurz, mein Vater will auf jedes dieser verwahrlosten Gräber ein bescheidenes Steinchen stellen. Er wird sogleich gehen und ein Auge auf den Anger werfen, nicht wahr, Vater? Wolltest du nicht hingehen und die Gräber zählen? Oder willst du vorher – deinen Kranz niederlegen?

Der Orgelspieler dreht die Kurbel.

Der alte Sedemund schaut umher, alles hält den Atem an. Dann wendet er sich jäh an Onkel Waldemar: Hast du nicht den Schlüssel bei dir? Es wird abgeschlossen.

Onkel Waldemar flüsternd: Bwuder, wenn da Kwanz nicht an seinen Platz kommt, wird unsä Ansehn am Ort begwaben werden. Denk dawan. Geh hin und wieder her, beiß in den Bart!

Der alte Sedemund heftig: Den Schlüssel! Glaub mir, wenn ich's könnte, täte ich's doch nicht, ob ich's also nicht kann oder warum ich kneife, macht keinen Unterschied – – da halt den Kranz. Er gibt den Kranz, empfängt den Schlüssel, dreht um, schließt ab und steckt den Schlüssel ein. Schreitet dann, während man vor ihm zur Seite weicht, auf die 73 Selbstmörderhecke zu. Es erhebt sich ein Gemurmel. Onkel Waldemar folgt ihm und sucht ihn zu halten.

Onkel Waldemar: Bwuder, bist du bei Sinnen? Willst du wirklich diesen Büßerweg gehen?

Der alte Sedemund bleibt stehen und zuckt die Achsel: Ich weiß wirklich nicht, warum ich es nicht sollte, aber wenn du es besser weißt, will ich es lassen. Die Steine mögen zu stehen kommen, wie mein Sohn in meinem Namen – hübsch öffentlich angeordnet, ohne daß ich widersprochen habe.

Onkel Waldemar: Hättest du nur widäspwochen!

Der alte Sedemund für sich: Widersprochen, wieso, wer dachte an Steine, als von Steinen die Rede war! Wie vielerlei zugleich in Waldemars Kopf geht, ist großartig.

Lemmchen: Meine Herren, diese Sache, die wie eine persönliche Privatsache aussieht, sei nun abgetan. Ich kann Ihnen leider nicht länger Zeit dabei lassen. Laut. Alle Anwesenden begeben sich aber einstweilen in die Kapelle, da sind die Bildhauer bei Licht an der Arbeit, wie ich eben sah, also alle Mann! mit mir marschiert!

Er geht voran, alle folgen bis auf den Orgelspieler und Sabine, Frau Grude zögert.

Orgelspieler dreht die Kurbel, schüttelt den Kopf: Von dem Pläsier hätt'ch mir mehr Vergnigen versprochen – na, wie hat's denn Sie gefallen, Freilein?

Sabine: Ich bin in der Welt noch zu wenig herumgekommen, wissen Sie, ich weiß gar nicht, war es lustig oder traurig.

Frau Grude kommt eilig und beginnt den Rollstuhl mühsam in der Richtung der Kapelle zu schieben. Da springt aus dem 74 Gebüsch Grude und umfängt sie von hinten. Sie erschrickt und will sich wehren, läßt aber, nachdem sie ihn erkannt, geschehen daß er sie herzhaft und ergiebig abküßt. Man hört Schritte und er springt wieder ins Dunkel.

Ein Mann: Herr Wachtmeister Lemmchen schickt mich, er hat schön gescholten, daß niemand den Rollstuhl schiebt. Ich soll ihn holen – wer war denn da der Mann in Hemdärmeln?

Frau Grude: Der Mann? Das war nur mein verrückter Mann.

Der Mann: Also flink fort, ehe uns der Löwe frißt.

Alle ab.

75 VI. Bild.

Das Innere einer baufälligen frühgotischen Kapelle, ausgeräumt und als Magazin für allerlei unverwendbares, antikes städtisches Eigentum, wie alte Grabkreuze, geborstene Holzfiguren, auch Plunder aus neuerer Zeit, etwa Reste von Festdekorationen, dienend. Das eigentliche kirchliche Inventar ist abgedankt. Im Hintergrund zwei überschlanke Spitzbogenfenster und rechts seitwärts ein riesiges Kruzifix in Holz, ein in Renovierung begriffenes uraltes, strenges Schnitzwerk an die Wand gelehnt. Vor ihm steht beim Schein einiger Kerzen, die auch den übrigen Raum dürftig belichten, der Bildhauer Bromann auf einem Tritt, indem er einen von ihm geschnitzten Arm des Christus an seinen Ort paßt. Dann steigt er nieder und prüft die Gesamtwirkung. Die Menge ist verteilt. Die meisten sitzen auf dem Grümpel herum. Links auf einem alten Holzkreuz hockt der Alte Sedemund, Onkel Waldemar steht neben ihm, während der junge Sedemund mit dem Bildhauer zu reden beginnt. Frau Grude geht ab und zu. Sabine hält so ziemlich den Mittelpunkt des Raumes inne. Der Orgelspieler wird kaum bemerkt. Der Christus in Holz in seiner schrägen Lage ist gleichsam in beginnendem Aufschweben.

Bromann zu dem jungen Sedemund: Wir bekommen morgen Besuch vom Bezirksbaurat, und dann besieht er auch meinen Christus. Das heißt, der Christus selbst, sagt er, ist aus allerbester Zeit und manche sagen von ihm selbst, daß er 76 ein ganz bedeutender Kenner und Bewunderer der Zeit ist, die er für die allerbeste hält. Der Arm von mir, befiehlt er, muß auch wie aus allerbester Zeit sein, aber er ist so geworden, wie ich ihn auf der Akademie machen gelernt habe. Das ist ein bedeutender Unterschied, wie Sie gefälligst bedenken wollen.

Der junge Sedemund: Der Christus ist aus Marter und Mühsal gemeistert, der Arm ist der Arm eines faulen Menschen, der sein Leben lang keine Mahlzeit überschlagen hat. Entschuldigen Sie!

Frau Grude hat zugehört und tritt zufällig unter die Kreuzarme.

Bromann begeistert: Ach, sehen Sie doch – so wie die Dame da steht, genau so gehört die Maria darunter, die Mutter, deren überlebensgroßer Sohn über ihr, abgewandt, nicht achtend ihrer kläglichen Mütterlichkeit ob der Welt hinschaut. Sehen Sie, verehrter Herr, unsere Söhne, das sollten alle Mütter und am Ende auch alle Väter fassen, unsere Söhne sind unsere Richter und Rächer unserer Unwerte. Das müßten alle werdenden Mütter sich sagen – – habe ich recht?

Der junge Sedemund: Es könnte so einigermaßen hinkommen.

Bromann saugt an der Zigarre: Sie begehrt einen Blick von ihm, aber er – schaut beleidigend über sie hin. Die Frauen bedenken nicht, daß ihre Kinder von Geistes Gnaden sind, sie vergiften sie im Leibe mit gemeiner Menschlichkeit. Sie glauben an keinen Geist als Gewissen um sich und in sich.

Da Sedemund sieht, daß Frau Grude sich getroffen fühlt, legt er Bromann den Arm auf die Achsel und bedeutet ihm, zu schweigen. Sie treten, um die Unterbrechung des Gesprächs zu 77 motivieren, zurück, wie um einen freien Blick auf den Christus zu gewinnen und stehen nun knapp vor dem alten Sedemund.

Der alte Sedemund: Drehen Sie sich um und decken Sie mir weitere väterliche Verfehlungen gegen höhere Kindlichkeit auf, aber sprechen Sie direkt, ich dank's Ihnen.

Sie kehren sich zum Alten. Frau Grude geht langsam und geneigten Hauptes, als ginge sie durch ein niedriges Tor, vor den Christus und sieht hinauf. Der junge Sedemund geht schnell, froh, vom Vater loszukommen, zu ihr.

Frau Grude: Wissen Sie, was er sagt? Er sagt: jeder Geborene wird einmal ans Kreuz geschlagen. Darum bringe deinen Sohn so auf den Weg, daß er in der grausamsten Stunde hinaufschaut und über der Welt schwebt. Ich höre noch mehr.

Der junge Sedemund: Recht, Frau Grude. Es gibt schon genug Schacher auf der Welt. Er führt sie im Gespräch nach hinten.

Der alte Sedemund: Na, Herr Bromann, Christus hin, Christus her, wenn er heute lebte, würde er als Vagabund und Aufwiegler in Nummer Sicher gebracht – und sehr mit Recht.

Bromann: Aber er fände vielleicht vorher Gelegenheit, zu sagen: »Sei sehend, Herr Sedemund«, wie zu dem Blinden.

Der alte Sedemund: Ach was, er riß ein Streichholz an und wies ihm den rechten Weg, das war die ganze Kunst. Im Dunkeln brauchen wir alle Stöcke, die Blinden wie die Gesunden – alle stockblind.

Bromann: Sie sagen, Christus hin, Christus her, Gekreuzigte hat es tausendmal Tausende gegeben. So sind 78 Sie mit den Menschen umgesprungen, fühlen Sie kein Mitleid?

Der alte Sedemund: Hat er Mitleid mit mir? Er ist nicht schlimmer dran als ich. Breitet die Arme aus. So – braucht es nicht immer auszusehen, wenn es einem kreuzübel ist.

Bromann: Sie?

Onkel Waldemar: Sein eigenä Sohn, Herr Bwomann, hat ihn sozusagen ans Kweuz da öffentlichen Kennzeichnung geschlagen. Gwausam und unkindlich.

Bromann schüttelt den Kopf: Wieso, Herr Sedemund, was kann sein Sohn über ihn bringen, das ihn kennzeichnete?

Der alte Sedemund: Da muß schon etwas dran sein, meinen Sie?

Bromann sieht ihn sprachlos an.

Der alte Sedemund: Sehen Sie, schon geben Sie meinem Sohn recht. Warum nicht gar, wir sind allzumal Sünder, wie Sie wissen. Lassen Sie nur und tun Sie mir den Gefallen und gehen Sie ein Stück seitwärts, damit ich kreuzkameradschaftlich Ihren frischlackierten Christus beschauen kann.

Bromann geht beiseite.

Onkel Waldemar: Bwuder, Bwuder, das war fueilich unklug, das war falsch, taktisch verfehlt.

Der alte Sedemund: Taktisch? Donnerwetter, Waldemar, was gibt's hier für Taktik?

Onkel Waldemar beschwörend: Du sitzest da, wiklich wie ein armä Sündä, das geht nicht an, Bwuder; hingegen solltest du die Leute liebä iwwe zu machen twachten, ob sich Lust und Liebe zum Klatsch in deinem Falle lohnen.

79 Der alte Sedemund: Das Aas soll den Fliegen Rosenduft vorflunkern – das wäre wahrlich ein gescheites Aas, Waldemar.

Onkel Waldemar: Glaube mir, du gewinnst Obäwasser, wenn du die günstige Gelegenheit, die sie alle hier mit uns zusammengebwacht hat, benutzen wolltest. Ich habe schon manches Wort für das Wohl des Hauses Sedemund fallen lassen. Die Leute sind in Zweifel und wissen nicht uecht, wie das Exempel des Auftwitts am Gwabe zu uechnen ist. Waff dich auf, zeige dich unauffällig und leite ihwe Köpfe an, des Wätsels Lösung unlamentabel zu finden.

Der alte Sedemund: Der Schlingel, der Junge, hat mir einen Zentner ans Bein gebunden und du sagst: hopsa, lustig gesprungen!

Onkel Waldemar: Penibel bist du, alter Junge, dein allzu uobust entwickeltes Zahtgefühl macht dich zimperlich. Denke mal, was für Wundägeschichten mögen fwüh übe uns hinwimmeln.

Der alte Sedemund: Es ist ein gefundenes Fressen für Moritatenmaler. Übrigens. Laut. Ich muß ein bißchen die Füße verpedden, will ein paar Mal durchs Lokal laufen. Er geht durch die Menge. Man weicht aus und sieht ihm verstohlen nach, zeigt nach ihm und einer macht den andern aufmerksam.

Der alte Sedemund zu einer jungen Frau, die Spaten und Gießkanne in der Hand trägt: Haben Sie jetzt erst Kartoffeln gepflanzt? Reichlich spät, junge Frau.

Frau: Ich hab mein Grab in Ordnung gebracht.

Der alte Sedemund: Und dann kam der Löwe dazwischen, wie? Da sind Sie wohl gar nicht fertig geworden?

80 Frau: Doch!

Der alte Sedemund setzt zu einer munteren Frage an, verwirrt sich, hustet und blickt um sich, zu einem alten Mann: Sagten Sie was zu mir?

Mann: Von Sie hätte ich was sagen können.

Der alte Sedemund: Ja, nicht wahr, wir haben lange keinen Regen gehabt, alle Landleute lassen die Köpfe hängen. Aber das tun sie immer – wissen Sie, was der Gärtner sagte, bei dem ich vorhin den Kranz kaufte? Ich kaufte nämlich einen für meine Frau, warum auch nicht?

Mann: Um ihn auf den Sarg zu legen, warum auch nicht, nicht?

Der alte Sedemund: Na ja, sehen Sie – man muß von Zeit zu Zeit, wenn die Erinnerungen kommen, irgend etwas vorhaben, man liest alte Briefe oder erzählt sich Geschichten von früher, oder nimmt ein paar Blumen . . .

Mann: Wenn Sie sich das so viel Geld kosten lassen können, so ein großes Grab und dann mit Blumen losgehen, warum kehren Sie dann gerade vor der Tür wieder um?

Der alte Sedemund: Ach, fragen Sie morgen mehr! Zu einem Andern. Was grinsen Sie denn, was haben Sie zu höhnen? Es geht hier ja heiter her!

Ein Laffe: Soll man sich nicht nach Belieben belustigen? Ich denke mir mein Teil, wenn ich an meinen Tod denke; daß dann Ihr Grab 'n ganz gutes Absteigequartier abgibt, wenn sich die Toten – eben – nach Belieben lieb haben. Was, das nehmen Sie übel, oller Herr? He?

Der alte Sedemund: Sie tun hier ja alle verdammt gnädig, gerade als hätte ich ein Sündenpack auf dem Buckel, 81 daß ich ein richtiges Rudel Beichtväter brauchte. Und wie steht's denn eigentlich? Zu einem Vierten. Wollen Ehrwürden mir das Ohr leihen? Flüstert, der Angesprochene erschrickt und hat offenbar etwas ganz Monströses gehört. Na ja, was ist da zu staunen und zu stutzen – es ist nicht mehr als ein Dutzendmal vorgekommen. Zu einem andern. Sie – Gnädiger – vernehmen Sie ein Geständnis – nee, nee, geben Sie Gehör, ich beiß Ihnen 's Ohr nicht ab. Flüstert. Es fällt sauer, aber es macht das müde Herz munter. Zu einem Weiteren. Sie sollen sehen, Ihnen beichte ich ein Bravourstück von Büberei, dazu pikant; wie ich nämlich während einer Krankheit meine schöne Schwester schwängerte – Krankenschwester – woran dachten Sie denn – –? Hat noch jemand Verlangen, es kann ganz forsch so weitergehen, einen passabeln Paß.

Die Leute sind verblüfft und angewidert.

Der alte Sedemund steckt die Hände in die Hosentaschen und schaut um sich: Seht mal an, seht ihr, was ihr wißt? Eure eigenen Eulenspiegeleien mit Treu und Glauben! Jedesmal der eine die des andern – der Nachbar des Nachbars – und nun tauscht aus, wir werden sehen, wie es stimmt. Lacht, zu dem grätigen Fräulein Ehrenreich: Von Ihnen weiß man eine Gespenstergeschichte – hört alle her –. Zeigt mit dem Finger auf sie. Als ihre Mutter im Sarg lag, hatte man ihr ein schön geschmücktes Schlummerkissen unter den Kopf getan – sie – sie da – seht sie an – sie fand das Schlummerkissen zu schade – sie bemauste ihre Mutter im Sarge und stopfte ihr einen stachelig gebündelten alten Schlüsselkorb unter. Nett – so was, nicht?

82 Fräulein: Sie haben wohl nie vom achten Gebot gehört: Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten?

Der alte Sedemund: Gehört? Gewiß! Aber sehen Sie! Sie bei Ihrer Fasson können schon gut und gerecht sein. Sie haben's eben um vieles leichter als unsereins.

Fräulein: Wieso? Leichter? Ich, warum ich?

Der alte Sedemund: Wieso – warum? Weil für Sie eben nur neun Gebote gelten. Jeder Junge in der Vorschule rechnet Ihnen an den Fingern vor, daß neun Gebote leichter zu leisten sind als zehn.

Fräulein: Ich denke denn doch, die zehn Gebote gelten für alle ohne Unterschied.

Der alte Sedemund: Na ja – sozusagen! Aber wie ist es mit dem sechsten? Sie kommen doch – und wenn meine Augen nicht trügen – kamen nie in die Lage, eine Ehe zu gefährden. Bei Ihrer Figur nicht! Sie können sich auf den Kopf stellen, Ihretwegen spaltet sich keine Ehe. Was folgt daraus? Das sechste Gebot findet auf Sie keine Anwendung, ist nicht da, wo Sie sind.

Fräulein empört in den Hintergrund.

Der alte Sedemund: Keiner hier ist besser als ich. Keiner weiß alles von allen, bloß Einer lebt, das ist wahr. Sucht mit den Augen den Christus und zeigt mit dem Finger. Da ist der Löwe, da hängt er, und das ist schlimm, schlimmer, als wenn er brüllte oder bisse. Ja, ja, das ist mein jüngster Sohn, der an mir kein Wohlgefallen hat. Ich habe ihn mir aus Holz machen lassen, damit er bei der nächsten Sintflut oben schwimmt, für 30 Silberschillinge, und das war billig. Predigt. O meine Lieben, was seid ihr für grundgute 83 Geschöpfe, solange niemand weiß, was ihr für große Gauner seid! Er weiß es und ist darum so mager, weil man von so viel Verschwiegenheit nicht feist wird, und ist doch noch so schwer, daß es an den Händen zerrt und zieht mit dem guten Gewicht eurer Sündenlast.

Onkel Waldemar ist herangetreten und zieht ihn nach vorn. Ach Bwuder, Bwuder, das machst du bös und immer böser!

Der junge Sedemund tritt heran.

Onkel Waldemar: Wie würde dir das Häz schmelzen, wenn ich mich wie du auf Dinge, die als Mängel mißdeutet würden, öffentlich bewufen wollte!

Der alte Sedemund: Du – du bist ein Simulant, was weißt du von Sünden?

Onkel Waldemar: Ach Bwuder, doch, doch – – es gibt Eide, gewisse Eide – beschwöwe mich nicht weitä, wer weiß, wie ich bestehen wüde.

Der alte Sedemund: Denkst du, Waldemar, der da hinten hat nur hölzerne Ohren? Nimm dich in acht, solche Sedemundschen Sachen verträgt er nicht, wie das andere sonst, ihm wird übel werden, er wird sich brechen über uns und sich beschmutzen, welche Blamage für uns! Bemerkt seinen Sohn. Wie, meinst du, würde Freund Grude meinen Fall befinden?

Der junge Sedemund: Er würde sagen, der Löwe beißt dich. Der gute Löwe verwandelt dich als Fraß in sich – so hörte ich aus dem Mund der kleinen Rollstuhlheiligen echt grudisch gevattern. Ist es nicht ein Wörtchen Wahrheit?

Der alte Sedemund: Meinst du? Leider kann ich das nun – offenbar – von mir erwartete Wörtchen Wahrheit 84 nicht weggeben wie mein Portemonnaie. Holt sein Portemonnaie hervor und gibt es seinem Sohn in die Hand. Die Erinnerungstaler bleiben in der Tasche und brennen mich an die Beine, das ist das Ganze, was bei dem Hokuspokus herauskommt.

Der junge Sedemund: Brennen dich die Taler darum, weil dein Sohn dich öffentlich auf die Tasche geschlagen hat? Weil das Löwenmaul Skandal die Zähne fletscht?

Der alte Sedemund: Wiegst du da nicht das Portemonnaie in der Hand, als wäre es mein verschrumpfter Herzbeutel? Herrn Sedemunds Herz! Ich möchte mir aber ausbitten, daß diese meine gegenwärtige famose Form nicht Herrn Sedemunds einzige ist! Da ist noch eine andere, großmächtig wie ein Punkt. Dieser Punkt Namenlos ist mit Herrn Sedemund eins, so eins, daß es sein Eigentliches ist, und so kommt es heraus, daß Herr Sedemund eigentlich gar nicht Herr Sedemund ist, sondern der Punkt, den keine Faust fassen kann; daß Herr Sedemund nur der Kofferträger seines Selbst ist, das wie ein Punkt ohne Öhr, ohne Odem, ohne Qual, rein wie das Nichts, sündlos wie die Sonne – ganz gemütlich drin sitzt. Wohin Herr Kofferträger Sedemund den Punkt abzuliefern hat, das weiß er nicht, der sogenannte Herr Sedemund, dessen kluger Sohn aus dem Narrenkram den Abfall von Antwort wohl selbst herausfindet. – – Nun will ich nur noch eilig der Rollstuhlheiligen meine Verehrung bezeigen. Geht zu Sabine.

Der junge Sedemund: Ich hörte dich von Eiden reden, Onkel Waldemar . . .

Onkel Waldemar: Sei gwoßhäzig, Gähadd, spwich nicht davon, hie' nicht!

85 Der junge Sedemund: Warum nicht? Darf ich nicht die Wolle von den Worten meines werten Oheims scheren? Wie wär's mit einer Bedingung? Hier nimm den Geldsack, tu den deinen dazu und dann taue in Meister Mankmoos' Trübsel ein Tröpfchen Trost – aber freundlich. Gibt ihm das Portemonnaie. Dann treten wir deine Eide tot.

Onkel Waldemar: Gäne, Gähadd, gäne! Geht zu Mankmoos.

Der junge Sedemund gesellt sich zu der Mittelgruppe Sabine, Frau Grude und dem alten Sedemund.

Der alte Sedemund zu Sabine: Ein bißchen Bewegung wäre gut, wie? Meine Wenigkeit weiß sich keine bessere Verwendung als im Heiligendienst. Sabine schüttelt den Kopf. Sie sind keine Heilige, wollen Sie sagen! Natürlich – Heilige sind im Himmel, Sie aber, wie ich, sitzen in der Hölle. Ja, ja, mitten drin, hilft nichts, wir sind beide Höllenbraten. Und damit Sie sich in dieser kühlen Hölle nicht erkälten, erlauben Sie schon! Er schiebt den Rollstuhl mitten durch die Menge, wendet nach vorn und hält. Wir wissen doch beide mit Herrn Satan Bescheid; glauben tu ich auch nicht an ihn, aber wissen tu ich's besser.

Sabine: Ich auch.

Der alte Sedemund: Sehen Sie, liebes Kind, ich bin ein schlechter Vater, aber ein guter Höllenbruder, fassen Sie also Vertrauen. Sind Sie nicht erst kürzlich konfirmiert?

Sabine nickt.

Der alte Sedemund: Da wissen Sie doch noch, wie es heißt im Vaterunser – »unser täglich Brot« . . .

Sabine: Vierte Bitte.

86 Der alte Sedemund: Ganz recht, vierte! Und dann die Erklärung mit der schönen Liste, beginnend mit Essen, Trinken, Kleider, Schuh . . . was kommt sonst noch Gutes?

Sabine: Friede – Gesundheit . . .

Der alte Sedemund: Gesundheit – ein gesundes, langes Leben im Rollstuhl – wie? Sabine senkt den Kopf. Weiter!

Sabine: »Zucht – Ehre . . .«

Der alte Sedemund: Ehre und Zucht? Donnerwetter, da brauchen Sie nicht bange zu sein und lange bitten. Bei Ihnen gehört das dazu, wie der Knüppel zum Hund. Weiter . . .

Sabine: »Fromm Gemahl, fromme Kinder«.

Der alte Sedemund: Ich will Ihnen wohl raten, liebes Kind, wenn Sie beten, benutzen Sie die vierte Bitte zum Luftholen. Die ist nicht für Sie und desto kürzer ist Ihr Vaterunser.

Sabine sinkt zusammen.

Der alte Sedemund: Ja, es sieht traurig aus, aber kommt nicht noch was vom guten Wetter?

Sabine nickt.

Der alte Sedemund: Gut Wetter, zum Ausfahren, dafür hätten Sie doch Verwendung, sollt ich vermuten. Ein kleines, kümmerliches Stück täglich Brot das Ihre – ich fürchte, liebes Kind, davon werden Sie nicht satt, oh, oh!

Sabine weint.

Der alte Sedemund: Ein recht verschimmeltes Stück täglich Brot, aber was wollen Sie auch von der Kost in der Hölle Besseres erwarten! Er fährt sie wieder im Kreise herum.

87 Frau Grude tritt herzu und faßt Sabines Hand. Wie der Stuhl wendet, steht Mankmoos im Wege.

Der alte Sedemund zu Sabine: Sollte das nicht auch einer von unserer Sorte sein?

Sabine sieht ihn an und schüttelt sich.

Der alte Sedemund: Also nicht, er gehört zu den andern. Aus dem Wege, Wertester, die Hölle will Sie nicht. Er fährt zu.

Mankmoos weicht aus, trottet aber hinterdrein.

Der alte Sedemund sich umwendend: Es scheint ihm aber in unserer Gesellschaft zu gefallen, er geht zwar ohne Singen und Beten, aber doch getreu unseren Weg. Zu Mankmoos. Haben Sie was Wichtiges auf dem Herzen?

Mankmoos zeigt die Börsen: Ich wollt mich man bedanken für den Beitrag zum Begräbnis meiner Frau. Wenn Herr Sedemund es übel genommen hätte, als ich heute früh in Herrn Sedemund Ihr Krankenzimmer zu fragen anfing, ob Herr Sedemund nicht vielleicht so gut sein wollte . . .

Der alte Sedemund: Mensch, Sie sind ein so guter Höllenbraten wie nur einer. Lassen Sie die Gedanken los, aber halten Sie 's Geld fest, wo Sie es auch her haben – gehen Sie mit auf den Weg der Hölle, aber hinterher als Nachhut. Er fährt weiter, Mankmoos trampelt hinterher.

Der alte Sedemund flüsternd: Sagen Sie es nicht weiter, liebes Kind, aber Sie weinen nicht allein hier im Höllengehäuse. Es läuft mir nur nicht blank über die Backen, das ist der ganze Unterschied zwischen uns, und vielleicht ist meine Art Weinen wütender als die Ihre. Ihren Kummer können Sie doch künden, mir, wenn ich auch wollte, mir fangen die Kinnbacken an hin und her zu springen.

88 Sabine: Sagen Sie es mir, aber sprechen Sie nicht so schrecklich von Ihrem Weinen, ich fürchte mich vor Ihnen. Sagen Sie es.

Der alte Sedemund: Soll ich? Gut, aber wir wollen lieber noch eine Runde gehen. Er fährt, vor dem Orgelspieler hält er still. Wie gut der es hat! Er bläst seinen Kummer von sich mit donnernder Dampfpfeife. Laut und leise, gleich leicht gedreht! Zum Orgelspieler. Laben Sie uns doch mit einem Liebeslaut, guter Mann. Der Orgelspieler setzt an. Na, lassen Sie noch, aber ich engagiere Sie als Musiktrabant der Höllenreise, halten Sie sich hinter uns zur Hand. Zeigt auf Mankmoos. Das ist der Zahlmeister, wenn er bei Bemessung der Gage geizt, beklagen Sie sich bei mir. Er fährt weiter, der Orgelspieler schließt sich an. Neugierige folgen, es bildet sich ein Zug, der langsam, halb als Karnevalzug, halb als Leichenparade im Räume kreist.

Der alte Sedemund zu Sabine: Sieh an, Kind, was alles in der Hölle heimisch ist. Wollen alle – ihren Kummer klagen. Aber wir beide, du und ich, wir sind die, die am wehesten leiden, wir sind am Wort, wie?

Sabine: Ist es Zeit?

Der alte Sedemund: Ja. Er fährt den Stuhl in den Kreis und ergreift unwillkürlich Sabines Hände. Liebes Kind, wohin soll es kommen, wenn Leute wie jener Herr Sedemund frei in der Hölle herumlaufen, hm? Das muß in Ordnung gebracht werden. Weißt du eigentlich, daß ich eine Frau hatte?

Sabine nickt.

Der alte Sedemund: Aber sie ist tot und in ihrem eigenen Himmel. Es gibt keine Frau Sedemund mehr und 89 wird einmal keinen Herrn Sedemund mehr geben, Gott sei ihm gnädig, wie?

Sabine: Das wird er sein, glauben Sie mir, das ist gewiß.

Der alte Sedemund: Wissen Sie das so genau? Wenn jener Herr Sedemund kein Herr Sedemund mehr ist, so hat er ja mit Gnade und Ungnade nichts zu schaffen, aber einerlei – Herr Sedemund spielte seiner Frau ein Stückchen auf – Krankheit, Totenbett – nun? Sabine blickt fragend und zweifelnd. Das geht, o, das geht gut, Herr Sedemund verstand das gründlich, er ist klug und gebildet. Er gebärdete sich verzweifelt.

Sabine: Wirklich –? Warum taten Sie das?

Der alte Sedemund: Pst! Er! Weil er offenbar sterben mußte, man stirbt nicht leicht, wenn man seine Frau in Verdacht hat wegen – nun wegen was denn? Eine Komödie von nichts Gutem – jawohl! Eine abgestandene aber wieder angerührte Geschichte von früher, aufgetrieben vom Sauerteig des Verdachts – wessen Verdachts? Eines gewollten Verdachts, der schlägt, statt geschlagen zu werden, nach der Melodie: wie ich dir, so du mir, ist das klar?

Sabine: Ich versteh es nicht.

Der alte Sedemund: Sieh, Sabine, von dem, was ich – ihr getan, wünschte ich – ihr von gleicher Art und Ähnlichkeit etwas anzuhängen. Herr Sedemund verlangte ein Geständnis mit dem stattlichen Grunde, den Sterbende immer haben: du mußt ja sagen, sonst kann ich nicht ruhig sterben. Und so sagte sie: ja, aus Gnade und – na – Güte, bloß um meine Qual abzukürzen, denn sieh, Sabine, sie dachte: er stirbt und verzeiht zu seiner eigenen Beruhigung und 90 Labung, denn er glaubt nun doch einmal von andern, was ihm selbst geläufig ist. So dachte sie nach wie ich vorbedacht. Er wartet, sie sieht ihn fragend an. Warum? Himmel, ich hatte ihr so viel angetan, ich war höllisch in ihrer Schuld, ich wollte herzlich gern auch was zu verzeihen und nachzusehen haben. Ich wollte mit ihr quitt werden – heiliger Gott, verstehst du das nicht?

Sabine: War das nicht böse?

Der alte Sedemund: Böse? Nein, ich war wie Herr Sedemund immer war, und wurde von dem, was er tat, nicht besser und nicht schlechter. Also sie sagte: ja – ich tat es, weil sie glaubte, daß ich auf diesen Gedanken nun einmal eingeschworen wäre. Sie tat mir die Gnade an, sich eines Bösen zu bezichtigen, und sie wurde davon selbst auch nicht böse, denn sie war gut und blieb – – –

Sabine schüttelt den Kopf.

Der alte Sedemund: Hallo! Merkst du was von der Wirklichkeit? Also sie war brav, untadelig und tüchtig.

Sabine: Aber nicht gut.

Der alte Sedemund: Ach, Kind, woher weißt du das? Nun, wie sie auch war, sie hatte sich einen Makel aufgebrannt, sie war aussätzig, wie angesteckt durch meine böse Sucht, und mein Sohn sagt, sie starb daran – – – Er macht eine Grimasse. Man sieht die Tatzen kratzen scharf und graben große Gruben auf, wo unverwüstliche Wüstheiten noch lange nicht verwest sind. Zu Onkel Waldemar und dem jungen Sedemund, die herantreten. Was wollt ihr? Mit euch, wer hätte mit euch zu schaffen? Hier, das liebe Kind, das die vierte Bitte nicht aussprechen darf, da der Zahlmeister 91 Mankmoos, Bruder Orgeldreher Ohnegleich und alle die andern Höllenbraten und -brüder sind auf meine Fürsorge angewiesen. Sie heil aus der Hölle zu bringen und mich mit, soll meine Sache sein. Zum Orgeldreher. Gehen Sie voraus und blasen Sie die Posaune, daß die Mauern der Hölle bersten. Des Löwen Krallen sind jetzt kurz gekratzt und seine Zähne zahm gekaut, er wird vor unserem Hohn heimhinken, und unser Baß wird sein Brüllen brechen. Und somit seid alle dem Satan befohlen!

Er schiebt den Orgeldreher voraus, der sein volles Register zieht, der Zug der Zuschauer, die sich durch die Vorausgehenden gedeckt fühlen, läßt sich allmählich zum Folgen verleiten, die Gruppe an der Spitze verschwindet schnell durch die seitliche Tür.

92 VII. Bild.

Kirchhofs-Kreuzweg, dickes Gebüsch zu beiden Seiten. Der Zug der Höllenbrüder, vom Orgelspieler angeführt, kommt von hinten heran und biegt nach vorne um. Grude, wie zu Anfang mit Gehrock und Zylinder, das Löwenfell schleppend, begegnet ihm und bringt ihn zum Stehen.

Grude breitet das Fell aus und legt sich darauf: Kusch dich, Schesar, bist brav! Was wollt ihr denn? So geht's in der Welt, in euren Hosen und Jacken hängt euer Selbst selbst, euer Fell ist eure Farbe, und die Farbe bringt den Furor hervor. Das Löwenwams wirkte den Löwenwahn, Schesars Kleid und Ruf war so gut, wie der Kerl und sein Gebrüll selbst, wie jeder sehen kann, der hören kann. Tot ist nicht tot, wie könnte der Tod schrecken, wenn er tot wäre, wie?

Der alte Sedemund: Wer sagte so frech, der Löwe frißt uns? Da sieht man, was wir für Fetthämmel sind, wenn Löwen davon so dünn werden wie der da. Fressen und gefressen werden scheint auf gewisse Art dasselbe zu sein. Zu Grude. Wenn die Dinge aber so gleich ihrem Gegenteil sind, so können wir Höllenbrüder lustig sein, gut gleich böse, böse gut, das Lied klingt leidlich lieblich. Machen Sie Platz und protzen Sie nicht mit fremden Federn. Zum Orgeldreher. Blasen Sie Sturm, stopfen Sie dem Bärenhäuter auf seinem 93 Löwenbalg den Mund. Lassen Sie die Hölle heulen, es geht mit Hott und Hüh über Häute und Leute!

Der Orgeldreher setzt an.

Lemmchen kommt hastig mit Gierhahn: Wer hat hier den Zustand offenbarer Hanswursterei herbeigeführt? Zum Orgeldreher. Sie begehn Kirchhofsschändung, wissen Sie das nicht? Wer hat Ihnen erlaubt, hier zu orgeln?

Der alte Sedemund: Ich, Herr Wachtmeister, er und ich, wir führen vereint den Aus- und Umzug der Höllenbraten, er steht in meinen Diensten als musikalischer Hansnarr und seine Fingerfertigkeit ist phänomenal. Sie sehen erstaunt aus, blicken Sie um sich, Herr Wachtmeister, ja, ja, wir sind wirklich alle wieder da!

Lemmchen: Verehrter Herr Sedemund, ich muß Sie wahrhaftig ernstlich warnen. Ich hatte doch strengstens in der Kapelle zu bleiben beordert und Sie sprechen hier von Höllenbraten, wie wollen Sie solche Antwort verantworten?

Der alte Sedemund: Mit Freuden, Herr Wachtmeister. Denn sehen Sie, Sie sind einer Schar der Hölle Entsprungener begegnet, die des Löwen lachen. Erschrecken Sie nicht, wir sind bei vernünftigem Verstände, klar im Kopfe, keiner hat ein Loch im Leibe, jedes Fell ist ohne Fehl, bloß das des Löwen selbst, wenn Sie sich nur umsehen wollen . . . Zeigt auf Grude.

Lemmchen zu Grude: Sie da suchen wir doch, und Sie sind da? Sind Sie nicht der Mann aus dem Irrenhaus und im schwarzen Rock? Sie sollen den Löwen losgelassen haben, was haben Sie denn nun da zu liegen?

Grude: Einen Löwen, Herr Wachtmeister! Zwar er selbst 94 ist zu Hause geblieben, aber sein Fell hat er mir freundlichst vermacht, darauf ritt ich spornstreichs spazieren, so verrückt es auch aussieht. Da haben Sie Schesar, das Löwenfell. Steht auf und zeigt das Fell. Das da ist sein Schnauz, da sein Schweif, da sein Bauch, da seine Beine, aber sein Leib ist entseelt, und wir alle haben seine Seele im Leibe, wohlverstanden, sonst kann man es auch so sagen, daß Krüppelköpfe es kapieren.

Lemmchen schnüffelt am Fell, Gierhahn drängt sich heran.

Gierhahn: Wie kann er sich unterstehen und eignet sich diese Haut an – überhaupt – ein unheimlicher Mensch, wenn man bedenkt, was dazu gehört, ohne Hilfe und heimlich im Dunkeln zu hantieren.

Lemmchen zu Grude: Wie kommen Sie zu dem Fell, zeigen Sie mal die Pfoten vor.

Grude zeigt die Hände: Da klebt kein Blut dran, Herr Wachtmeister, und auch die Montierung von Manschetten bis zum Mannshemde, sowohl was sichtbar wie im Verborgenen Falten wirft – alles sauber und sonder Fleck. Zieht ein Papier hervor, gutmütig. Ich hab das Fell frisch vom Löwen, sozusagen noch warm weggekauft – sehen Sie: des Menageriebesitzers Candido Franchi grausam unorthographische aber doch rechtsgültige Quittung für – – na, sehen Sie selbst, ich will ein Streichholz anreißen. Zündet an. Hier haben Sie's: heute morgen tot, heute mittag abgebalgt, heut abend mein – nun, war's nicht vielleicht eher ein Karnickel als ein König der Wüste, vor dem unsere Welt gewankt hat?

Lemmchen liest, gibt das Papier mechanisch zurück, halb für sich. Der Herr Senator hat mittlerweile wohl das 95 Protokoll in Form einer Meldung in Händen, das Protokoll ist von Gierhahn unterzeichnet – – Zu Gierhahn. Nee, Gierhahn, das gönne ich Ihnen nicht, aber den Halloh hätten Sie um so'n Hundedreck nicht machen müssen.

Gierhahn stotternd: Wenn Sie mein kleines wenig Zutun bei dieser Sache so wichtig nehmen, Herr Wachtmeister . . .

Lemmchen: Gierhahn, gleich kommt die Feuerwehr angefahren, die ganze Schutzmannschaft ist im Anmarsch, bloß weil Sie das Tier gesehen haben, Sie haben's gesagt, Sie haben geschossen und Sie haben geschwindelt – mich beschwindelt nämlich, denn ich habe das ganze gegenwärtige Publikum im Glauben an Ihr gutes Wort sozusagen arretiert. Zuckt die Achsel.

Grude zu Lemmchen: Und wäre das alles, Herr Wachtmeister! Ihre Ohren haben die Beschuldigung über die Bestechung des städtischen Wagemeisters hören müssen, in Ihrer Nase steckt der Stank vom Gierhahnschen Kinderhandel, Ihre Augen bemerkten Herrn Waldemar Sedemunds Bereitschaft, noch mehr beizubringen und das ganze arretierte Publikum hat's auch begriffen; aber Sie haben's mit großherzoglichen Ohren und Augen und mit der amtlichen Nase genossen.

Lemmchen: Ich wüßte nicht zu erinnern, daß Sie gegenwärtig gewesen wären.

Der alte Sedemund: Aber ich war dabei.

Stimmen: Ich auch, ich auch!

Lemmchen: Oho? Wieso: ich auch, ich auch! Vorgetreten !

Orgeldreher: Ich ooch, Herr Obachtmeester. Ich 96 nämlich, aber ich steh ja an und für mir vor Sie da. Wenn Sie Zeigen suchen, so brauchen Sie mir bloß een Zeichen zu gäben.

Lemmchen: Die Sache sucht ihren Weg auch ohne Sie, seien Sie sicher. Ich will wissen, warum hier: ich auch, ich auch, gerufen wurde. Bezweifelt jemand, daß die Sache durch mich ihren gehörigen Gang bekommt, der soll vortreten. Sie, Herr Sedemund, warum auch Sie: ich auch?

Der alte Sedemund: Ein Hauch von einem Ich, Herr Wachtmeister, wenn die Trompete faucht am jüngsten Tag, dann mag's Zeit sein, wenn ich dann die Puste nicht für eigene Angelegenheiten sparen muß. Also ich will's nicht mitgewesen sein, ich ziehe den Schwanz ein.

Lemmchen: Sonst noch jemand? Vorgetreten! Alles ist still.

Lemmchen klopft auf die Brust: Sie müssen nämlich alle wissen, Herrn Sedemunds Bruder hat ausdrücklich von Späßen und Witzen gesprochen, die beim Frühstück im Erbgroßherzog vorgebracht wurden.

Onkel Waldemar hinten: Ganz uichtig, Herr Oberwachtmeister, gwade so!

Der junge Sedemund tritt hervor: Ihre Auffassung, Herr Wachtmeister, ist doch durchaus falsch. Es war wohl von Späßen die Rede, aber nicht im Spaß. Es war eine boshafte Bezichtigung und in ihrer Art zum Speien, aber keine Spur von Grund, aus einem Schwein schonend einen Schwan zu machen, wie Sie zu beabsichtigen scheinen.

Orgeldreher: Hat man uns bei der heiligen Taufe bloß mit Spihlwasser bespritzt?

97 Lemmchen: Schön, Sie sind der junge Herr Sedemund, und Sie sollen sichs nicht umsonst sauer werden lassen. Sprechen Sie nur ruhig weiter.

Der junge Sedemund: Ich bin bereits fertig mit Ihnen, Herr Wachtmeister.

Lemmchen: Aber ich nicht mit Ihnen, Herr, Sie werden von mir hören. Zu Gierhahn. Haben Sie sich Ihre Sache zurechtgelegt? Wie soll ich dem Herrn Senator den Fall vortragen? Zu den Umstehenden. Sie können, da keine Gefahr mehr zu besorgen, alle nach Hause gehen.

Die Leute gehen an Gierhahn vorüber, dieser sieht den Vordersten nach, als ob er gewärtigt, daß sie sich nach ihm umsehen. Nun stößt man sich mit den Ellenbogen an und dreht die Hälse nach ihm um. Schließlich steht ein frecher Bengel steif da wie ein Wegweiser und zeigt mit dem Finger auf Gierhahn. Gierhahn zieht die Schultern hoch und steht mit zusammengebissenen Zähnen abgewandt so lange da, bis der letzte verschwunden ist.

Der alte Sedemund, Sabine, der Orgelspieler, Mankmoos und Frau Grude ziehen langsam seitwärts ab, der junge Sedemund geht mit Grude nach der anderen Seite, und schließlich zupft Ehrbahn Lemmchen am Ärmel, winkt und zieht ihn vertraulich seitwärts.

Gierhahn allein, schaut sich um: Ich wollte, ich hätt so viel Kurage, mir die Nase abzuschneiden, daß mich kein Mensch wiederkennt, wenn ich morgen auf die Straße komme. Trampelt mit den Füßen, es klingt hohl, der Ton pflanzt sich unterirdisch fort und man hört in den Gräbern die Toten miteinander flüstern.

98 Eine halblaute Stimme: Wer ist da der Flegel, he? Schließlich wird aus dem unterirdischen Flüstern leises Gelächter, man hört erzählen und einzelne Worte wie: Gierhahn und Ehrbahn – der ehrbare Gierhahn. Dann kommt eine dunkle Gestalt und steht vor Gierhahn still.

Die Gestalt: Sie erzählen sich Geschichten von Gierhahn und Ehrbahn unter der Erde, sie lachen über dich, wie soll ich dabei ohne Gram in meinem Grabe ruhen?

Gierhahn: Mutter, hilf mir und bring wenigstens dies saubere Schriftstück beiseite. Er greift in die Brusttasche und holt das von Schaukelstrick unterzeichnete Papier hervor, reißt es in Fetzen und gibt es der Gestalt in die vorgestreckte Hand. Die Blätter fallen aber zu Boden.

Die Gestalt: Viel, viel zu schwer, ich kann es nicht tragen, es nützte auch nichts, wenn ich es mit unter die Erde nähme. Man zeigt schon lange mit Fingern auf dein Tun und Treiben, aber du siehst es nicht, man murmelt über dein Mißleben, aber du hörst es nicht, aber ich muß es hören. Jetzt lachen sie und werden noch lange lachen, laß mich fragen, ob du noch weitere Lasten Kummer auf mich laden willst?

Gierhahn: Sie wissen also alles da unten? Was weißt du sonst noch von mir?

Die Gestalt schüttelt den Kopf.

Gierhahn: Haben dir die andern nichts erzählt? Flüstert es nicht im Raum von – von . . . Er schlägt sich auf den Mund.

Die Gestalt weicht langsam zurück, Gierhahn folgt.

Gierhahn: Wißt ihr es, oder seid ihr doch blind und taub 99 gegen die Geschichte mit . . . heraus damit, ich will Bescheid haben, was Raum und Luft und Erde davon wissen.

Bei einem dunklen Grabstein ist die Gestalt scheinbar stehen geblieben, er tritt näher, es steht aber nur ein Grabstein da.

Gierhahn: Wer weiß, wo sie hin ist. Ein Spuk ist nichts, ein Spuk wird nicht vereidigt, und was ein Spuk sagt . . . .

Es beginnt wieder unter der Erde zu rumoren, diesmal in harten, beschuldigenden Tönen. Gierhahn erschrickt und hält sich die Ohren zu. Dann horcht er wieder, stampft mit den Füßen auf, worauf das Raunen verstummt. Er blickt befreit um sich, will gehen, stockt, tut einen Schritt, stockt wieder, beugt sich zur Erde, erbebt und horcht erschüttert.

Gierhahn: Sie weint, o Gott, sie weint, hörst du nicht? Verdammt sollst du sein, daß sie weint. Horcht. Wäre ich wirklich wert, daß sich die alte Frau im Grabe um mich die Augen ausweint? Gott, sie weint noch immer! Nur das nicht, sonst tut mir alles an! Wie gönnte ich ihr, sie träumte schöne selige Dinge über mich, ich wollte, ich wäre wieder Kind und sie könnte still bei sich über mich lächeln. Horcht. Jetzt wird's wieder still, vielleicht schläft sie ein und ich wollte, sie könnte tausend Jahre träumen und vergäße ganz, wer ich wäre und daß ich wäre. Still, daß sie nur nichts von mir merkt. Weg mit dir, Gierhahn und Ehrbahn! Schleicht seitwärts ins Dunkel.

Die beiden Sedemunds begegnen sich.

Der junge Sedemund: Ich suche die Sabine.

Der alte Sedemund: Und findest deinen Vater – Gerhard, nun, was sagt der Sohn vom verlorenen Vater? Schämst du dich eigentlich nicht? Ich dächte doch, du hättest deine 100 Mutter reichlich gerächt – ist dir mein Bild am Pranger belustigend genug? Es war nur kümmerliches Kerzenlicht in dem Höllengehäuse da hinten, aber es hat genügt – wie? Hier im Dunkeln könnten wir uns zwar redlich raufen, aber Junge, wollte ich dir die ganze Wahrheit weisen, mit Wörtchen nicht, nein, mit Worten, die zur Sache stimmen, wir würden beide – hier im Dunkeln – vor einander rot werden. Sie war eine gute Mutter, – Gerhard, aber eine miserable Frau!

Der junge Sedemund: Pfui, Vater!

Der alte Sedemund: Gut, gut, was weißt du davon! Lern sehen, daß die Nähe, die gnadenlose Lebensgemeinheit ein gefährliches Ding ist, daß sich zwischen Leuten ein Abgrund spaltet, alles, weil sie keinen Abstand hielten, lern Dinge sehen, die sich ohne Laut ins Leben schieben und rücksichtslos Raum schaffen. Mensch, was haben wir verbrochen, daß wir uns immer nur durch das Schlüsselloch unserer Verwandtschaft belauern, geht's nicht anders?

Der junge Sedemund: Es soll von heute an heißen: der eine Sedemund und der andere, nichts von Vater und Sohn.

Der alte Sedemund: Weg damit! Meine Väterlichkeit ist in dir verfault und verpfuscht. Ich setzte deine Mutter ins Unrecht, ich nahm ihr mit Hilfe von Professor Druckhammer das Brot der Selbstgerechtigkeit aus den Händen und gab's den Hündchen. Ach, du weißt ja nicht, wie schön die Welt ist, davon verstand sie auch nichts. Nenne mich lasterhaft: Gott selbst hat lästerlich geliebt, als er die Welt mit ihren Gräueln gestaltete und ihre Schönheit schuf. Er wieherte donnernd wie ein geiler Hengst dabei.

101 Der junge Sedemund: Und ich sah dich doch eben schwer erschüttert, nein, du warst verdammt durch dich selbst, wie hieß es noch, – Höllenbruder?

Der alte Sedemund: Es war wohl so, ja, ich will's wahr haben.

Der junge Sedemund: Und sprichst du darauf so verächtlich von deinem eigenen Bekenntnis?

Der alte Sedemund: Wer weiß, wo unsere Wirklichkeiten sind. Ich klage mich oft mit der Lunge der Leute an, ja, es erschütterte mich, da am Sarge zu stehen und die Legende, die werden wollte, leise leiern zu hören.

Der junge Sedemund: Schaut kein Gespenst einer Tat zum Fenster hinaus, so weiß man nicht, wes Geistes dieses Haus ist, schaut eins aus der Dachluke, so wird sein Wesen offenbar für jedermann. Wie ist es damit?

Der alte Sedemund spöttisch: Du kannst auch so sagen: was ich nicht gesagt habe, ist so gut, als hätte ich's gesagt, oder was ich tue, ist so gut, als hätte ich's nicht getan, oder was ich nicht getan habe, ist so schlecht, als wäre es geschehen. Na, du weißt wohl jetzt, wes Geistes dieses Haus ist, weißt du denn, zu was für Dingen du dich einmal bequemst, ja, hast du nicht schon schlecht und recht recht schlecht an mir gehandelt?

Der junge Sedemund: Wovor ich sicher bin, daß ich's nicht einmal tue? Das laß meine Sorge sein.

Der alte Sedemund: Kann es nicht so herauskommen, daß man einmal belohnt wird dafür, böse gewesen zu sein, als Entschädigung – nämlich, und daß der Gute für sein enormes Glück büßen muß?

102 Frau Grude kommt mit Sabine.

Sabine zum alten Sedemund: Sie haben versprochen, mich, nachdem Sie mich aus der Hölle geholt haben, auch noch in den Himmel zu heben. Ich halte Sie beim Wort und darum bat ich sie Neigt den Kopf gegen Frau Grude mich herzuholen.

Der alte Sedemund: Ach, ja wohl, Kind, das habe ich versprochen. Und so will ich Dir doch einen himmlischen Vorgeschmack verschaffen, mehr kann ich nicht, so gern ich's täte. Du sollst ein Kind haben, und – von mir, einen Sohn, einen studierten Sohn – Faßt schnell Gerhards Hand. Sieh her, er soll dein Sohn sein, ich trete ihn dir ab, meinen Einzigen. Du weißt, wie einzig er an mir aus Liebe zur Mutter gehandelt hat – und er wird auch dich, deine neue Mutter – –

Der junge Sedemund: Vater, welch eine abgeschmackte Phantasie!

Der alte Sedemund: Nichts da, Vater! Ich bin's nicht mehr, nimm sie in deine Arme und mach die Arme reich. Flüstert ihm zu. Sie hat sich an den Teufel gewandt, in allem Ernst, wie sie mir selbst erzählte, so grimmig hat ihre Verlorenheit sie gegrämt. Verdirb mir nicht das Pläsir, sie zu unterhalten. Sieh sie dir nur an, sitzt sie nicht im Stuhl wie ein Vogeljunges mit geknickten Flügeln? Der junge Sedemund sieht Sabine an. Ja, nicht wahr, was will man anderes tun, als ihr einen Narrenkram vorgaukeln, so oder so, das ist das einzige, um sie im Ernst zu erbauen. Sie ist allein auf ihrer kleinen Insel, man muß schon hinüberschwimmen und vorher seine Brillen und Hüllen abwerfen. Los, sei kein Klotz!

Der junge Sedemund: Kann ein Mensch so allein sein und ein Mensch bleiben? Er atmet tief, tritt schnell zu Sabine 103 und küßt ihre Hand. Sabine schrickt, er beugt sich über sie, umfaßt und küßt sie.

Sabine: Wie heißt du eigentlich?

Der junge Sedemund: Gerhard hat man mich genannt.

Sabine: Gerhard ist gut, aber sieh mal, gut ist nicht gut genug, du wirst – so lange ich deine Mutter bin, umgetauft. Heiß Heinrich und sei ein armer sanfter Heinrich, hörst du?

Der alte Sedemund: Und denk doch, dein sanfter Heinrich wird bald heiraten und dann wirst du Großmutter und kriegst mehr Enkel in den Arm gelegt, als du halten kannst.

Sabine: Ist es schon Zeit für ihn, zu heiraten? Da muß er mich um Erlaubnis fragen, aber vorher habe ich ihm noch etwas anderes zu sagen. Zu dem alten Sedemund. Ich muß es ihm allein sagen, wenn es möglich ist.

Der alte Sedemund tritt zurück.

Sabine: Komm her, Heinrich, und versprich mir in die Hand – hier – versprichst du es?

Der junge Sedemund gibt die Hand.

Sabine: Siehst du, so ist's recht. Nun hör zu: es ist das allereiligste und heiligste, daß du dem alten Mann da hinten – ein guter Mann, ganz gewiß, ein sehr guter Mann – mehr als gut – daß du dem alten Mann etwas Gutes tust, mehr als Gutes, etwas Wunderbares. Das ist es, Heinrich, sonst kriegst du keine Erlaubnis zu heiraten.

Der junge Sedemund: Ist er wirklich gut, denkst du das?

Sabine biegt sich zurück: Geh weg von mir, ich will dich nicht sehen, weit weg. Und pfui, du hast mich geküßt. Sie wischt sich den Mund. Ich will keine Enkelkinder von dir 104 haben. Stampft mit den Füßen. Weg, geh weg, mir wird übel vor dir. Zu dem alten Sedemund. Sie sollen kommen, Sie sollen bei mir sein. Sie sind gut, und er ist schlecht, denn er weiß nicht, was gut ist, pfui, das weiß er nicht mal. Wenn Sie mich nicht in den Himmel heben können, sollen Sie mich wieder zur Hölle fahren.

Der alte Sedemund: Immer an einen anderen Ort, es gibt viele Halteplätze zwischen Himmel und Hölle. Er fährt sie weg, Frau Grude folgt.

Der Orgeldreher mit Mankmoos marschiert an dem jungen Sedemund vorbei hinterher.

Orgelspieler: Dieser dolle Olle hat'n dichtigen Deibel im Leibe. Sie, junger Herr, spießen sich mal rittlings uff ne spitze Wetterstange und lassen sich von alle vier witende Winde wiegen. Die kleene Scheene hat schonn 'n hellisch richtigen Riecher; daß die Beene gelähmt sind, das kann passiern, aber das Läben leiert ihr in die Gedärme herum wie's heilige Halleluja mit Prost und Appelmus – – Kommen Se, Herr Zahlmeester und befaichten Se ihre Fährte mit Tränentran und Nasendroppen. Ab mit Mankmoos.

Frau Grude kommt aufgeregt.

Frau Grude: Es ist unausstehlich mit diesen beiden. Den Orgeldreher und den Schneider schiebt er beiseite, mir schenkte sie so schiefe Gesichter, daß ich schnell begriff. Wenn es nicht zu schändlich wäre, würde ich sagen, sie suchen miteinander Einsamkeit und einen heimlichen Himmel. Wo ist Grude?

Der junge Sedemund: Dort oben und – – läuft seiner lieben Frau nach, bevor er nach Hause geht.

105 Frau Grude: Nach Haus, Himmel, was mag er meinen?

Der junge Sedemund: Seins, sein Heim, seinen Himmel. Er ist gesund wie ein Bergstrom und ausbündig bekehrt. Sie brauchen nur zu kommen.

Frau Grude: Und ich werde ihn nicht warten lassen. Eilt fort.

Ehrbahn und Lemmchen kommen.

Ehrbahn flüsternd zum jungen Sedemund, indem er im Dunkeln Gierhahn vor sich glaubt: Bruder Gierhahn, Bruder Gierhahn, sei ganz getrost, Herr Lemmchen ist über alles Lob lieb mit mir gewesen. Alles ist gut.

Der junge Sedemund: So gehts, Herr Ehrbahn, lassen Sie's noch ein bißchen dunkler sein und der Trost des Herrn Gierhahn kommt mir zugute. Wirklich, Herr Lemmchen, man ruft Ihr Lob leider nur zu leise aus! Sie wollten doch noch von mir hören, oder sollte ich's von Ihnen, wie war's damit, oder ist kein Unterschied zwischen beidem?

Lemmchen: Lieber Herr Sedemund . . . .

Der junge Sedemund: O nein, so heiß ich nicht, ich bin Herr Sedemund, das genügt.

Lemmchen: Also Herr Sedemund, wenn Sie so lieber wollen – da Sie mir die Wahl lassen, so sollen Sie von mir hören. Denken Sie mich zu ducken? Es scheint, Sie decken eine Pflichtversäumnis auf, Sie fangen mich in Amtsverfehlungen – ich sehe, Sie nicken, sehe es, trotz der Dunkelheit. Nehmen Sie also an, daß ich mich um das Gierhahnsche Tun und Treiben, wenn es sich nicht selbst kundbar macht, nicht kümmere. Herr Ehrbahn und ich wissen warum und wieso – solche Geschäfte gehen bei unsereins wie gutgeölte Maschinen. 106 Wir stehen zwischen stummen Gräbern, kein Ohr hört und kein Mund meldet sich zu Wort. Zu Ehrbahn, der die zerrissenen Fetzen Papier auf der Erde untersucht. Was sammeln Sie für Seltsamkeiten, Herr Ehrbahn?

Ehrbahn: Mir will scheinen, als müßte man die Lappen auflesen. Ja, ja. Eifrig suchend. Das sind solche Seltsamkeiten, daß man sie in Sicherheit bringen muß. Zwar sagen Sie ganz richtig, wir stehen zwischen stummen Gräbern. Steckt die Fetzen in die Tasche. Kein Ohr hört, kein Mund . . .

Gierhahn hastig aus dem Gebüsch: Wollt ihr still sein, ihr Mäuler! Was – stumme Gräber, taube Ohren?

Ehrbahn: Bruder Gierhahn, Bruder Gierhahn, wie hast du mich erschreckt.

Gierhahn: Bruder Ehrbahn, Bruder Ehrbahn, was hat das Eigentum meiner Mutter in deiner Tasche zu tun?

Ehrbahn: Sonderbar, was für ein Sohn bist du, daß du von deiner Mutter sprichst, sie ist doch lange tot!

Gierhahn: Einem Bruder stehen die Taschen des Bruders offen. Sei so gut! Er reißt ihm den Rock auf und zupft die Blätter heraus, die er wieder auf die Erde wirft. Hör zu, Bruder. Reißt ihm das Unterfutter heraus. Du weißt, welchen Verdruß ich kürzlich hatte und hast mir mit brüderlichem Bedacht beigestanden, aalglatt durchzuschlüpfen. Er zerreißt ihm den Rock und zieht die Weste ab. War's aber nicht in Wirklichkeit mein Sohn, der Verdruß von seinem Vater hatte? Solch ein sauberes Meisterwerk haben wir zusammen brüderlich gewirkt. Und eben, da ich angefangen habe, mir von der Säuberlichkeit die Hände zu säubern, kommst du mit Bruder Gierhahn, Bruder Gierhahn? Verstehst du, Bruder Ehrbahn, meine tote 107 Mutter soll endlich schlafen, du Schuft. Zerrt ihm die Hosenträger los. Halt die Hände am Hosenbund, sonst mußt du als Hemdenmatz heimhüpfen. So – nun lauf und schrei durch die Straßen: das hat mein Bruder Gierhahn mir getan!

Ehrbahn: Herr Wachtmeister, er ist wahrhaftig wahnsinnig geworden.

Gierhahn: Erde und Luft raunen darüber, im Raum rumort's davon und dann heißt's: Bruder Gierhahn? Still, sag ich, sonst fängt sie wieder an zu weinen.

Der junge Sedemund zu Lemmchen: Hier gibts nichts zu lachen, Herr Lemmchen, er wird die gutgeölte Maschine in gewaltige Unordnung bringen.

Lemmchen: Ein Wort, Herr Ehrbahn!

Gierhahn: In Geschäften Gierhahns hat er keine Stimme mehr, und wem keine Stimme zusteht, soll's Wortemachen wohl lassen. Was für ein Wort, Herr Lemmchen? Zu Ehrbahn. Du, geh zum Teufel – – also was für eins!? Faßt Lemmchen an der Schulter.

Lemmchen: Denken Sie nicht daran, mich zu handhaben, wie Herrn Ehrbahn. Lassen Sie los, lieber Freund, keine Faxen, geben Sie mich frei!

Gierhahn: Vater im Himmel, hilf, daß ich den lebendigen Lemmchen nicht löwentot mache. Umschlingt ihn in krampfhafter Wut. Hilf mir, daß ich's lassen kann! Zu Sedemund und Ehrbahn. Helft ihm doch, rührt die Hände, holt Leute!

Ehrbahn stürzt davon.

Lemmchen halberstickt: Ich hab meinen Revolver schon schußbereit, Herr Sedemund, beiseite – es knallt!

108 Gierhahn: Es knallt? Gott Lob, nun laß ich ihn los. Läßt los, leise. Nicht knallen, Kerl, keinen Lärm! Ich kam doch, um euch still zu kriegen, und nun . . . Horcht. Alles ist stumm, sie schlafen in den Gräbern, laßt uns auseinandergehen, ich will das Wort nicht wissen, nichts, was Tote wecken kann. Springt ins Dunkel und verschwindet.

Lemmchen lacht: Ist das nicht doch zum Lachen, Herr Sedemund? Ich hatte gar keinen Revolver bei mir – es war nur eine kleine Kriegslist. Vertraulich. Sehen Sie, wir wollen ohne Not bestrenommierte Bürger nicht behelligen, bloß weil sie ein bißchen flott wirtschaften. Ein guter Ruf gilt uns einen ganzen Hümpel mehr als genaue Gerechtigkeit. Herr Gierhahn ist das Beispiel eines wohlbewährten Mannes, und wir wollen bei Leibe keine Bresche ins Bestehende reißen. Der gute Schein schirmt die gute Sache und die gute Sache ist unser Schirm und Schutz.

Der junge Sedemund: Sie meinen: guter Schein, gutes Sein, nicht so? Ich sagte Ihnen übrigens schon, daß ich mit Ihnen fertig wäre. Wissen Sie noch?

Lemmchen gemütlich: So bitter, Herr Sedemund? Gierhahn ist noch lange nicht der Schlechteste, es wäre schade um ihn, da so viel andere herumlaufen, die zu Recht im Zuchthaus säßen. Und wie ist's mit der Buße für die Sünder, die ihre Sünden nicht begehen, weil ihnen die Gelegenheit nicht begegnet? Bloß weil die Gelegenheit fehlte, fahren sie vierelang flott durchs Land? Darum stolzieren sie straffrei herum? Lächerlich! Von Rechts wegen müßten gerade die Unverdächtigen bestraft werden – gerade die!

109 Er will gehen, stößt aber auf Onkel Waldemar, der aufgeregt und verzweifelt gegen ihn rennt.

Lemmchen: Hallo, wer da? Seien Sie doch vorsichtiger, Mensch! – – N'Abend, Herr Sedemund.

Onkel Waldemar: Wo ist ä, wenn Sie so gut sein wollen?

Lemmchen: Wer soll wo sein? Ihr Neffe steht da.

Onkel Waldemar: O, Hä Lemmchen, wenn Sie wüßten – ja, es ist gut, Hä Lemmchen, gehen Sie gäne zu.

Lemmchen: Meinen Sie mich?

Onkel Waldemar faßt sich: Entschuldigen Sie, Hä Obäwachtmeister, es handelt sich um vätwauliche Familien – ä – ötewungen, Hä Wachtmeistä!

Lemmchen: Gewiß, Herr Sedemund, gerne; n'Abend, Herr Sedemund. Ab.

Onkel Waldemar klammert sich an den jungen Sedemund. O Gähadd, Gähadd! Gähadd, geh mit und hilf mir, deinen Vater fotbwingen. Denk dir, ä plaudet ganz planlos mit diesä Sabine und sagte ihr, sie sei ein süsses Seelchen und was er alles salbadet. Ogottogott, und ganz zwischenduch, damit sie desto bessä zuhöht, sagt ä: mein Bwuder macht Meineide. Ihr Bwuder? fwagt sie mit väliebten Faxen. Ja, ja, natühlich ä selbst, Waldemar, sagt ä, wie wenn's nichts weitä wäre, und dann äzählt ä wiedä von sich. O Gähadd, Gähadd, komm schnell!

Der junge Sedemund: Laß nur, Onkel, ich denke, deine Eide sind nicht meine Eide.

Onkel Waldemar: Abä, ich bin doch dein Onkel, Gähadd – Gähadd, ich häng mich auf, wenn du nicht willst.

110 Der junge Sedemund: Und ich bin entschlossen, mich Vater zu Gefallen eine Zeit lang bei Dr. Faßlich in Gewahrsam zu tun. Sabine hat's mir so eingegeben. Nun gut, dann hast du ein Geschäft, Onkel und gehst hin und her und beschnackst hier und da die Schauergeschichte am Grabe und was weiterhin war. Also etwa so: was glauben Sie, sagst du, welche Kaprizen und welche unangängigen Torheiten, um nicht zu sagen Tollheiten im Kopfe meines armen Neffen – sagst du – saßen. Und was blieb meinem armen Bruder übrig, als auf alles einzugehen zu selbsteigner Demütigung, um nicht zu sagen Entwürdigung, sagst du – nein, du sagst: – Entweihung der eigenen Person vor dem Pöbel, also mit Entweihung seiner selbst auf alle Einbildungen des Sohnes wie auf eine sehr ernste Sache zu reagieren? Ja, sogar so weit ging er, daß ich selbst, der Onkel, sagst du, Onkel, nicht geschont werden durfte, also, daß wir, um ihn vor der eigenen Raserei zu retten, als Opfer seines wütenden Wahnsinns dastehen. – So sagst du und so ist wahr wie ein Eid von dir selbst. Ihr seid eben bestrenommierte Bürger alle beide und ins Bestehende wird so leicht keine Bresche gebrochen. Komm nur, Onkel, aber nicht, um Vater von Sabine zu scheuchen. Wenn du deinen Odem zu Vaters Bestem vertust, dann hast du das Aufsehen erregende Aufhängen gespart.

Onkel Waldemar: O Gähadd, liebä Junge, wie gut von dir – du – du – echter Sedemund.

Der junge Sedemund: Echter Sedemund? Ja, so sind sie, unverbesserlich! Es stinkt zum Himmel von Sedemunds wie ein Haufen Unrat, ein Löwenmaul spaltet sich und ein Löwenrachen heult Wut über uns und du nennst mich einen 111 echten Sedemund. Und es ist doch momentan in der Welt jeder Name löblicher genannt als just unser. Ein Farbenspiel auf einem bißchen Seifenschmiere, der ganze schöne Schein einer Seifenblase ist zur Zeit solider als unser Ansehen. Was hat's denn nun mit der Echtheit auf sich, wie ist Vaters und wie meine beschaffen, da wir beide echte Sedemunds bleiben?

Der junge Sedemund und Onkel Waldemar ab.

Grude und Frau kommen von hinten Arm in Arm. Plötzlich faßt er sie und tanzt mit ihr ein Stück des Weges.

Frau Grude: Nicht doch, du, tritt leise auf und tanz hernach. Laß uns erst aus den Gräbern heraus sein.

Grude: Ach was, gerade über Gräber hin, mitten zwischen dem Grauen durch, fort mit ihm unter unsere Füße in die Grube! Die Alten haben ihre Zeit gehabt und sind in Grund und Boden getreten, jetzt kommen wir und nach uns unsere Kinder, alles wird gründlich anders, es lebe die neue Zeit und die echten Grudes! Ab.








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