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Die dritte Stiege

Eduard Graf Keyserling: Die dritte Stiege - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie dritte Stiege.
authorEduard Graf von Keyserling
year1985
publisherCarl Winter Universitätsverlag
addressHeidelberg
isbn3-533-03635-9
titleDie dritte Stiege
pages1-294
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1892
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Eduard Graf von Keyserling

Die dritte Stiege

I.

Die erste Nacht, die Lothar von Brückmann in Wien verbrachte, war von keinem erquickenden Schlafe gesegnet. Die ermüdende Reise von Genf hierher, die nächtliche Ankunft, die Plackereien des Bahnhofs und des Quartiernehmens hatten ihn abgespannt und aufgeregt zugleich. In seinen Träumen dauerte das Führen und Schaffen fort und ließ ihn der Ruhe nicht froh werden. Spät am Vormittage des andern Tages erwachte er erst. Er kannte das an sich: Die Ankunft in einem fremden Ort, das Verhandeln mit Wirth und Kellner, das Einziehen in unfreundliche Gasthausstuben machten ihn melancholisch; er fühlte sich dann verlassen und ältlich. Der nächste Morgen an einem solchen Ort jedoch brachte gewöhnlich eine angeregte und lebensfrohe Stimmung.

Er blieb noch im Bette liegen, die Decke bis zum Kinn emporgezogen. Heller Sonnenschein drang durch die gelben Fenstervorhänge. Blendende Lichtflocken zitterten auf dem weiß und rothen Teppich. Wagengerassel, Klänge einer Drehorgel, das Klingeln der Pferdebahn tönten von der Straße herauf.

»Margarethenstraße – 2 –« murmelte Lothar vor sich hin: »In – zwei –; im ersten, zweiten oder dritten Stock; wo war es? Gleichviel! das erfahre ich dort.« Er gähnte, streckte die Beine weit von sich und suchte sich auf dem Kopfkissen eine kühle Stelle für seine Wange: »Erster wäre mir lieber. Im ersten Stock kann man gewiß eben so tüchtige Gesinnungen haben, wie im dritten. Gott! es wird sicherlich der dritte sein! Rotter gab von jeher nichts auf solche Aeußerlichkeiten – breite Hutkrämpen und Dachwohnungen. Als ob eine gute Wohnung das Erbübel der Gesellschaft sei.« – Ein guter Junge dieser Rotter, mit seinem hübschen Gesicht und der stürmischen Art, mit den Leuten zu verkehren. Lothar freute sich ihn wieder zu sehen. – Er richtete sich auf. Ungeduld, seinen Tag zu beginnen, ergriff ihn.

Es war schon halb elf Uhr geworden, als er auf den Kärnthner-Ring hinaustrat. Die Sonne beschien heiß das Pflaster und ließ den Staub, der die Luft erfüllte, glänzen. Die mageren Kastanienbäume der Reitallee, die Häuser, selbst der lebhaftblaue Himmel – Alles hatte ein hübsches Flimmern an sich, als wäre es leicht mit Goldstaub angespritzt worden. Auch die Luft mit ihrem Geruch nach warmem Asphalt erschien Lothar angenehm.

Er setzte sich in den schmalen Schattenstreif, den das linn'ne Vordach eines Café auf das Pflaster warf; frühstückte und dachte nach.

Unmittelbar vor ihm befand sich eine Haltestelle der Pferdebahn. Hier kreuzten sich die gelben Wagen; es ward gepfiffen, gerufen; die Conducteure nickten und lächelten einander zu. Eine mächtige, alte Frau mit einem mächtigen Korbe stieg in einen gedrängtvollen Wagen; ihr rothes Gesicht lachte, während sie schonungslos die Leute stieß, und diese lachten auch, laut, daß es die Straße hinabschallte; selbst der Kutscher lachte. Dort, in einem andern Wagen stand ein blondes, rundes Mädchen, fest in die graue Sommerjacke geknöpft, mit der einen Hand sich am Halteriemen haltend, in der andern eine Mappe. Sie stand den Kopf ein wenig gebeugt und lächelte verhalten, denn hinter ihr an die Brüstung der Plattform lehnte ein junger Mann und flüsterte eifrig in die blonden Löckchen des Nackens hinein.

»Wie fröhlich die Alle sind!«

Dicht neben Lothar trieben die Fiaker ihr Wesen. Sie hatten ihre Fuhrwerke verlassen und versammelten sich vor einem Gasthause. Der Kellnerbube trug ihnen große Stangen voll Bier zu. Sie tranken, schreiend, sich stoßend, lachend, wie Leute, die auf der Gasse zu Hause sind.

»Was haben nur all' diese Leute? Ah! hier kommt einer, der nicht lacht. Nein! der sieht recht ärgerlich vor sich nieder und geht so heftig; der hat Sorgen und ein eiliges, unangenehmes Geschäft.«

Und doch – – vor dem Blumenmädchen an der Ecke bleibt er stehen, wählt lange hin und her, kauft eine Rose, sagt etwas; es muß etwas Lustiges sein, denn das Mädchen kichert; dann steckt er die Rose in das Knopfloch und rennt weiter.

»Wenn man Zeit hat, sich eine Rose zu kaufen und sie sich in's Knopfloch zu stecken, dann sind wohl die Sorgen nicht allzu groß und die Geschäfte nicht allzu eilig.«

Ja! so hatte es sich Lothar gedacht, so hatte es der Meister in Genf geschildert! »Du sollst die Lehre einem Volke bringen, welches ein leichtes, heiteres Leben liebt, gerne lacht, keck und unbefangen nach allem Guten und Angenehmen der Erde greift. Vergiß das nicht.« Lothar glaubte sein Aufgabe klar zu erfassen und er begriff, daß diese Aufgabe gerade seine Aufgabe sei. Wollte er hier den Boden für die große Lehre und die große That vorbereiten, so mußten seine Lehren heiter und freundlich sein. Und das war nicht schwer! Der Zukunftsstaat sollte die Menschen ja glücklich und heiter machen. Bisher freilich hatte die große Sache ein finsteres Ansehen gezeigt, von Blut und Eisen gesprochen. Er wollte zeigen, daß Nichts von allem Schönen, Nichts von Lust und Fröhlichkeit verloren gehen dürfe; nur gleich auf Alle sollten sie vertheilt werden. Neue reiche Quellen des Genußes werden sich öffnen. Den Wienern sollte nach dieser Zukunft der Mund wässern. Ganze Leitartikel schwirrten ihm durch den Kopf; ungeduldig pochte er mit dem Geldstück auf den Tisch; er wollte gehen – – sein Werk beginnen.

Während er sich durch die Menschenmenge der Kärnthner-Straße hindurchwand, war er noch so tief in seine Gedanken versunken, daß er halblaut vor sich hin sprach: »Die Leute dürfen nicht immer mit der Aussicht auf die harten Uebergangszeiten gequält werden; das schöne Ziel müssen sie sehen.« Der Meister sagte: »Du, Brückmann, hast weiche, vornehme Hände, Du wirst die Wiener fein und weich anfassen; das brauchen wir.« An ihm sollte es nicht fehlen! Das haßerfüllte Gerede hatte er ohnehin satt. Es mußte gezeigt werden, daß die große, heilige Sache auch eine schöne, eine lustige Sache ist.

Aus dem Gedränge des Naschmarktes bog er nun in die stillere Margarethenstraße ein. Das stand das Haus, welches er suchte; ein großes viereckiges Gebäude mit zwei Thoren, an der Ecke der Margarethen- und der Wiedener-Hauptstraße gelegen. Den geräumigen Hof durchschreitend, sah er – dort gegenüber – über jenem Eingang in goldenen Buchstaben die Aufschrift: »Dritte Stieg.« Nun gerieth er in einen Flur, der nur mäßig durch ein Fenster erhellt ward, welches auf einen Lichthof hinaus ging. Eine Stiege mit schönem, gußeisernem Geländer wandt sich ich ausgiebigen Biegungen vier Stockwerk hinauf. Auf der untersten Stufe stand ein Holzkübel voll Wasser, lag ein nasser Fetzen und daneben an dem Schlußpfeiler der Treppenrampe lehnte ein Mädchen. Lothar fragte nach dem Hausbesorger. Das Mädchen war halb nackt. Der Rock reichte kaum bis an das Knie, die Aermel des gelben Camisol's waren aufgestreift. Bei Lothar's Frage hob es den Kopf und schaute ihn unter dem schwarz und kraus auf die Stirn herabhängenden Haar mit dunkeln, blanken Augen ruhig an: »Was schaffen's denn?« –

»Im dritten Stock – glaube ich – bei einer Frau Pinne, sind Zimmer für mich genommen worden,« erwiderte Lothar. – »Hm« – das Mädchen dachte einen Augenblick nach und warf sich dabei zerbröckeltes Schwarzbrot in den Mund, indem es die flache Hand auf die dicken, rothen Lippen drückte. »Ja, ja, gehn's nur hinauf. Die erste Thür' links,« sagte es dann. »Was giebt's, Tinni –« erscholl eine Frauenstimme aus der Hausmeisterwohnung. »Nix –« meinte Tinni. »Der Zimmerherr der Frau Pinne ist kommen.«

Zerstreut betrachtete Lothar das Mädchen, wie es sich nachlässig an den Treppenpfeiler lehnte, ruhig und behaglich seine braune Nacktheit zeigend. »Ich finde mich schon zurecht,« meinte er dann, griff an seinen Hut und stieg langsam die Treppe hinan. Wenn er an einer Biegung den Hohlraum der Stiege hinabschaute, sah er Tinni unten stehen, sie warf sich mit der flachen Hand Brotkrumen in den Mund und blickte, den Kopf zurückgebogen, zu Lothar empor. So aus der Tiefe hinaufstarrend, erschienen diese Augen wunderbar groß und schwarz.

Im dritten Stock an der ersten Thür links schellte Lothar. Sie ward vorsichtig ein wenig geöffnet. »Wer ist's,« fragte Jemand, ohne sich zu zeigen. »Brückmann, – von Brückmann,« meldete Lothar. »Hier sind Zimmer für mich gemiethet worden.« – »Ah!« – Die Thür öffnete sich und vor Lothar stand eine kleine, alte Frau in dürftiger Kleidung. Der Kopf war mit einem gelblichen Tuch umbunden, das kleine wachsgelbe Gesicht stand voller Falten und Blatternarben, die Augen waren glanzlos und gelb. Das Ganze sah uralt und verwittert aus, und zwar wie etwas, das ganz vernachlässigt, das ohne jede Pflege alt geworden, an dem Wind und Wetter, Staub und Rost ungestört gezaust und genagt hatten.

»Sie sind die Frau Pinne?«

»Freilich. Ich wart' auf Sie schon lang'. Jesus! der da, Ihr Freund, der hat ein' Eil' gehabt. Der Herr kann jeden Augenblick kommen. Da war es! Vier Tage schon sind die Zimmer parat.« Sie schurrte auf ihren weichen Schuhen voraus in das Nebenzimmer. »Dies hier,« erklärte sie: »ist das Schlafzimmer; ein sehr gutes Zimmer. Die Vorhänge sind neu; der Ueberzug der Stühle auch.« Die Zimmer waren rein und geräumig; die Wände mit gelben Papiertapeten beklebt, die Möbel recht neu und, was Lothar wichtig schien, das Licht drang voll durch die zwei Fenster eines jeden Zimmers und warf goldene Tafeln auf den Fußboden.

»Also hier!« sagte Lothar und machte sich in seiner sauberen und sorgsamen Weise daran, Alles zu ordnen. Die Alte stand noch in der Thüre und sah zu. »Wohnen Sie hier allein?« begann Lothar ein Gespräch. Diese Frage jedoch mißfiel der Frau. »Ja, was brauch' ich denn Jemand. Wer soll bei mir sein?« Dabei wandte sie sich mürrisch ab und verließ das Zimmer.

Lothar arbeitete eifrig fort. Erst als die Zimmer nicht mehr das Aussehen einer Wohnung, sondern, wie er meinte, seiner Wohnung trugen, gönnte er sich Ruhe. Er rückte einen Sessel an das Fenster, streckte sich darin aus und zündete sich eine Cigarrette an. Mit der ersten Cigarrette, die er bedächtig in einer Wohnung rauchte, pflegte er von dieser Besitz zu nehmen, und diese Handlung war denn auch gewöhnlich von einer feierlichen oder doch nachdenklichen Stimmung begleitet.

Unten lag der Hof voll Morgenlicht; gegenüber ein Café, aus dem das Klappern der Billardkugeln herübertönte. Davor stand ein Brunnen, dessen Rohr von einer steinernen Mutter Gottes mit dem Kinde geschmückt war. An diesem Brunnen lehnte Tinni; Lothar sah ihren Rücken und die schwere Last der schwarzen Haare am Nacken. Sie sprach mit einem langen, breitschultrigen Burschen im blauen Arbeitskittel. Sein rothes, bartloses Gesicht lachte. Tinni mußte den Kopf ganz zurückbiegen, um ihn anzusehen.

»Das Bild dieses Hofes,«, dachte Lothar, »wird mich nun durch das Stück Leben, welches mir hier beschieden ist, begleiten. Diese Gottes-Mutter mit ihrem grauen Steingesicht, dieses Cafégeklapper, dieses schwarze Mädchen – – – zu jeder Tageszeit werde ich sie sehen. In der sachten und bedeutungsvollen Weise der Sachen, die uns umgeben, werden sie in meine Gedanken, in all' meine Erlebnisse, die ich von der Straße hereintrage, hineinsprechen und mein Leben mit laben.«

Die unstäte Art seines bisherigen Lebens machte, daß Lothar gefühlvoll wurde, wenn er eine neue Wohnung bezog. Vielleicht wurde aus dieser fremden Umgebung eine Heimath. Vielleicht fand er hier den stillen lieben Winkel, nach dem ihn zuweilen verlangte. In solchen Augenblicken, – er hatte es schon oft erfahren, kamen ihm regelmäßig Kindheitserinnerungen, – Erinnerungen an eine ganz in altgewohnte Räume eingesponnene Existenz – und zwar so lebhaft, daß es ihm oft das Herz bewegte. –

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