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Die dreißig tolldreisten Geschichten ? Zweites Zehent

Honoré de Balzac: Die dreißig tolldreisten Geschichten ? Zweites Zehent - Kapitel 7
Quellenangabe
pfad/balzac/tolldr-2/tolldr-2.xml
typenarrative
authorHonoré de Balzac
booktitleDie dreißig tolldreisten Geschichten ? Erster und zweiter Band
titleDie dreißig tolldreisten Geschichten ? Zweites Zehent
publisherGustav Kiepenheuer Verlag Leipzig und Weimar
printrunErste Auflage
illustratorGustave Doré
year1981
translatorBenno Rüttenauer
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20081104
modified20150212
projectid96c1b999
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Wie eine schöne und tugendsame Frau zur Hure gemacht werden sollte

Über die Ermordung des Herzogs von Orleans, des Bruders Karls VI., kennen nur wenige die volle Wahrheit. Dieser gewaltsame Tod hatte verschiedene Ursachen, deren wichtigste aber ist der Gegenstand folgender Geschichte.

Dieser Prinz war, daran ist kein Zweifel, der größte und unverschämteste Matratzenheld, der geriebenste Lüstling und Wüstling aus dem königlichen Geschlecht des weiland heiligen Ludwig, der zu seinen Lebzeiten König von Frankreich war, ohne übrigens die lasterhaften Ausschweiflinge dieser illustren Familie auszuroden, als welche Familie mit den lästerlichen und auch sonst ganz besonderlichen Eigenschaften unsrer braven und immer lustigen Nation so verwandtschaftlich verwachsen ist, daß man sich eher die Hölle ohne den Junker Teufel denken kann als das schöne Frankreich ohne diese tapfern, glorreichen und unwiderstehlichen Unterrockshelden und Strohsackpurzler von Königen.

Lacht also mit mir, meine Freunde, nicht nur über die armseligen Philosophaster, die behaupten, unsre Väter seien besser gewesen als wir, sondern auch über die Leimsieder von Philanthropaster, die den Satz verteidigen, daß die Menschen in der Vervollkommnung fortschritten. Das sind alles Blinde, die das Gefieder der Austern und die Muschelschalen der Vögel gar schlecht beobachtet haben, die sich doch in alle Ewigkeit nicht ändern, so wenig wie unser eignes Gehaben und Gebaren. Darum eßt warm, trinkt frisch, lacht lieber, als ihr weint, und bedenkt, daß eine Unze Schwartenmagen mehr wert ist als ein Zentner Melancholie.

Die Ausschweifungen des genannten Prinzen, des Geliebten der Königin Isabelle, die auch ein munteres Vögelchen war, verwickelten ihn in mancherlei ergötzliche Abenteuer; denn dieser königliche Sprößling war stets zu den tollsten Tollheiten aufgelegt, er hatte einen wahrhaft alkibiadischen Witz und war mit einem Wort ein echter Franzose der alten Rasse.

So war er es, der zuerst den Gedanken faßte, sich auf den Poststationen nicht nur Pferde, sondern auch Weiber in Bereitschaft halten zu lassen, derart, daß, wenn er von Paris nach Bordeaux reiste, er überall, wo er aus dem Sattel stieg, außer einer guten Mahlzeit auch ein Bett vorfand, nicht nur mit weißem Leinen, sondern auch mit weißen Armen und Beinen. Der glückliche Prinz! Er starb im Sattel. Und im Sattel hatte er sein Leben vollbracht, die Zeit zwischen den Bettüchern mit eingerechnet. Von seinen ausgelassenen Possen aber hat der allerfürtrefflichste König Ludwig der Elfte eine der verwunderlichsten in dem Buch der ›Hundert Neuen Historien‹ aufzeichnen lassen, welche kostbaren Geschichten während seiner kronprinzlichen Verbannung am Hofe von Burgund unter den Augen des Prinzen niedergeschrieben wurden und die so entstanden sind, daß der Verbannte und sein Vetter, der Herzog von Charolais, wenn sie an den Abenden Langweile hatten, sich die galanten Hofgeschichten ihrer Zeit erzählten, und die Höflinge, wenn es an wahrhaftigen fehlte, ihnen erfundene zum besten gaben, eine toller als die andre. Aus schuldigem Respekt vor dem königlichen Blut hat der genannte Prinz Ludwig die Sache, die der Dame von Cany zugestoßen ist, einem Bürgersmann in die Schuhe geschoben, und zwar unter dem Titel ›Die Kehrseite der Medaille‹, wie jedermann in den ›Hundert Neuen Historien‹ nachlesen kann, wo sie eine der lustigsten und bestgedeichselten ist und nicht mit Unrecht an der Spitze der ganzen Sammlung steht.

Hört nun aber die meinige.

Hatte da der mehrfach genannte Herzog von Orleans einen treuen Diener und Vasallen, pikardischer Edelmann seines Herkommens, genannt Raoul de Hocquetonville. Dieser heiratete, sehr zum nachherigen Schaden des Herzogs, ein reiches Fräulein aus dem herzoglichen Hause von Burgund, die im Gegensatz zu dem, was bei Erbtöchtern herkömmlich ist, von einer so verblüffenden Schönheit war, daß in ihrer Gegenwart alle Damen des Hofs, die Königin und Prinzessin Valentine nicht ausgenommen, wie in den Schatten gestellt erschienen. Aber die reiche Sippschaft und Erbschaft wie auch Schönheit und anmutsvolles Wesen waren das geringste bei der Dame von Hocquetonville; diese seltenen Vorzüge erhielten durch eine engelhafte Unschuld, keusche Erziehung und anmutsvolle Bescheidenheit erst ihre Weihe und wahren Wert.

Der seltene Blütenschmelz dieser vom Himmel gefallenen Blume stach alsobald dem Herzog in die Augen, der sich an ihrem Duft bis zur Tollheit berauschte. Er verfiel in Melancholie, fand auf einmal alle Hurenhäuser stinkend, und wenn er der Königin Isabelle, die doch kein schlechter Brocken war, noch hie und da ihren Gefallen tat, geschah es nur mißmutig und widerwillig. Er geriet nach und nach in eine wahre Wut und schwur, daß er, sei es mit geheimer Zauberei oder offenbarer Gewalt, mit List oder Hinterlist – oder auch mit ihrer einfachen Einwilligung, die sehr anmutreiche Dame haben wolle, als welche allein schon durch ihre graziöse Erscheinung ihm Schlaf und Ruhe raubte, daß all seine Nächte trist und trostlos wurden.

Er begann zunächst damit, sie mit zuckrigen Worten zu ködern, erkannte aber bald an ihrem heiteren und offenen Wesen, daß sie bei sich fest entschlossen war, tugendhaft zu bleiben; sie zeigte gar kein Erstaunen über seine Anträge und trug auch nicht nach der Art dummer Gänse eine geheuchelte Entrüstung zur Schau.

»Mein hoher Herr«, sagte sie lächelnd, »ich muß Euch frei heraus erklären, daß ich mit unerlaubter Liebe nichts zu tun haben will, nicht aus Verachtung der Ergötzungen, die man uns dabei verspricht und die wahrlich nicht gering sein müssen, da eine Menge Frauen alles dieser Sache opfern, sich und ihr Haus, Ehre, Zukunft und Glück, vielmehr allein aus Liebe zu meinen Kindern, denen ich Vorbild und Exempel sein soll. Ich will nicht, daß mir die Schamröte auf die Stirne tritt, wenn ich einst meinen Töchtern einrede, daß unsre wahre Glückseligkeit allein in der Tugend liegt. Und sehet, hoher Herr, da wir mehr alte Tage haben als junge, müssen wir nicht öfter an jene denken als an diese? Durch diejenigen, so mich erzogen haben, habe ich das Leben nach seinem wahren Wert schätzengelernt und weiß, daß alles darin vergänglich ist, außer die ehrbaren Zuneigungen in der Familie. Ich bedarf der Achtung aller, am meisten aber der meines Gemahls, der für mich die Welt ist. Darum bin ich entschlossen, ehrbar zu bleiben in seinen Augen. Ihr kennt nun meinen Bescheid, hoher Herr, und so bitte ich Euch inständig, mich in Frieden meinen häuslichen Pflichten nachgehen zu lassen; wenn nicht, so will ich ohne Erröten alles meinem Herrn und Meister gestehen, der sich auf der Stelle von Euch zurückziehen wird.«

Auf diese tapfere Rede hin wurde der Bruder des Königs nur noch verliebter, und er beschloß bei sich, der edlen Frau eine Falle zu stellen, wo sie unfehlbar, tot oder lebendig, in seine Gewalt fallen mußte. Er war sicher, daß ihm das vornehme Wild nicht entgehen werde. Denn er rühmte sich mit Recht einer großen Wissenschaft und Gelahrtheit in dieser Art Jagd und Venerie, der lustigsten von allen, wo man Witz und List aller andern Jagden brauchen kann, da, wohlgemerkt, das hübsche Wild sich auf alle Arten fangen läßt: mit der Hatz, mit Spiegeln und mit Lockfeuern, bei Nacht und bei Tag, in der Stadt und auf dem Lande, im Dickicht und an Flußufern, mit Netzen am Boden und mit hochsteigenden Falken, auf dem stillen Anstand und mit Hussasa und Halali, mit dem Schießgewehr und mit Lockvögeln, mit Angeln, mit Schleiern und Leimruten, mit Schalmeien und Hörnern, im Schlaf und im Flug, mit Fallen und Fangeisen, kurz, mit allen Listen und Hinterlisten, die man seit der Verbannung Adams aus dem Paradies erfunden hat. Und zuletzt erhalten sie den Gnadenstoß, die armen Opfer.

Der königliche Frechling ließ also kein Wort mehr von seiner Liebe fallen, aber er wußte es so einzufädeln, daß die Dame von Hocquetonville ein Amt in der Hofhaltung der Königin übertragen erhielt. Und da begab es sich nun eines Tages, daß die mehrfach genannte Isabelle nach Vincennes ging, um den kranken König zu besuchen, also daß der Herzog als Herr des Palastes allein zurückblieb. Bestellte nun der königliche Fallensteller für diesen Abend beim Koch ein wahrhaft königliches Mahl und gab Befehl, daß es in den Gemächern der Königin aufgetragen wurde. Dann ließ er seine spröde Dame durch einen Pagen der Königin nach dem Schloß ordinieren. Die Gräfin von Hocquetonville dachte nicht anders, als daß sie in Angelegenheiten ihres Amts oder als Gast einer augenblicklich ersonnenen Belustigung von der Frau Königin gerufen werde, und kam in aller Eile herbei. Der heimtückische Liebhaber hatte Anstalt getroffen, daß niemand sie von der Abwesenheit ihrer Patronin unterrichten konnte, und so begab sie sich unverzüglich nach dem Saal des Palastes, der an das Schlafzimmer der Königin grenzte. Dort fand sie den Herzog von Orleans allein. Sie argwöhnte sofort ein tückisches Unternehmen und trat rasch in das Schlafzimmer, fand aber keine Königin, sondern hörte nur hinter sich das laute Lachen des Herzogs.

›Ich bin verloren‹, sprach sie bei sich.

Dann wollte sie fliehen.

Aber der ausgelernte Frauenjäger hatte überall ergebene Diener aufgestellt, die, ohne zu wissen, worum es sich handelte, alle Türen des Schlosses verriegelten und verbarrikadierten. Und wahrlich, die die Dame von Hocquetonville wäre in einer Wildnis besser daran gewesen als in diesem Palast, der so groß war, daß er ein ganzes Viertel von Paris einnahm, und wo sie sich, außer von Gott und den Heiligen, von aller Hilfe verlassen sah. Da befiel sie eine schlimme Ahnung, und schrecklich zitternd am ganzen Körper sank die arme Dame in einen Stuhl, während der Prinz, mit der heitersten Laune von der Welt, die Fäden, die er so fein gesponnen, zusammenzuziehen begann. Als aber der Herzog Miene machte, ihr nahezutreten, erhob sie sich, bewaffnete sich mit strengen Worten, und mehr als ihre Rede sagte ihr Blick.

»Ihr werdet mich haben, aber nicht bei lebendigem Leibe«, rief sie aus. »Ach, hoher Herr, zwingt mich nicht zu einem Kampfe, dessen Ausgang keinen Zweifel leidet. Noch ist die Möglichkeit, mich zurückzuziehen, ohne daß der Graf von Hocquetonville den Schimpf ahnt, den Ihr mir für immer angetan habt. Ihr, Herr Herzog, schaut viel zuviel in die Augen schöner Frauen, um noch Zeit übrig zu haben, den Blick der Männer zu studieren. Ihr seid ohne Ahnung, wer der ist, der Euch so treu dient. Der Herr von Hocquetonville ist imstande, sich für Euch in Stücke hauen zu lassen, so sehr ist er Euch ergeben aus Dankbarkeit für Eure Wohltaten und auch, weil er Euch liebt. Aber so stark wie seine Liebe, so heftig ist sein Haß, und ich bin überzeugt, daß er Manns genug ist, Euch ohne Furcht den Schädel zu spalten für einen einzigen Angstschrei, den ich Euretwegen ausstoßen müßte. Wollt Ihr meinen Tod und den Eurigen, Ungeheuer? Seid sicher, daß ich mein Unglück nicht würde verheimlichen können, es würde sichtbar auf meiner reinen Stirne geschrieben stehen. Und nun noch einmal: wollt Ihr mich freigeben oder nicht?«

Der Wüstling tat einen hellen Pfiff. Als die Dame das hörte, stürzte sie in das Zimmer der Königin, dort ergriff sie – an einem bekannten und vertrauten Ort – ein eisernes Werkzeug mit scharfer Spitze; und als der Herzog ihr folgte, um zu sehen, was ihre Flucht zu bedeuten habe, rief sie ihm entgegen, indem sie auf eine Fuge des Fußbodens deutete:

»Wenn Ihr diesen Strich überschreitet, so werde ich mich töten, seid dessen sicher!«

Der Herzog aber nahm in aller Gelassenheit einen Stuhl und fing an, indem er sich hart vor sie hinsetzte, zu unterhandeln und auf sie einzureden, in der Hoffnung, die Lebensgeister des scheuen Weibs aus ihrer kühlen Ruhe aufzupeitschen, sie dahin zu bringen, daß ihr Sehen und Hören verging, und durch verführerische und laszive Bilder ihr Gehirn, ihr Herz und all ihr Blut zu hellem Aufruhr zu entzünden. In wohlgesetzten und feingewählten Ausdrücken, wie es Prinzen gewohnt sind, erklärte er ihr, daß den tugendhaften Frauen die Tugend wahrlich allzu teuer zu stehen komme, indem sie, mit Rücksicht auf eine unsichere Zukunft, die höchsten Ergötzlichkeiten der Gegenwart verschmähten; denn ihre Eheherren hüteten sich wohl aus Gründen einer hohen Politik der Ehe, ihre Neugierde zu reizen, und hielten die Schatulle mit den wahren Kleinodien der Liebe aufs sorgfältigste vor ihnen versteckt. Denn diese Kleinodien hätten ein allzu heftiges Feuer und strahlten eine solche Wonne und wollüstige Regung in Herz und Hirn, daß es so einer armen Frau aus den lauen Regionen der Häuslichkeit dabei wind und wehe würde. Eine solche Ehemanns- und Ehestandspolitik sei aber eine rechte Scheußlichkeit von Seiten des Gemahls, der, im Gegenteil, aus Dankbarkeit für das tugendsame Leben und die unschätzbaren Verdienste der Frau sich kreuzlahm und lendenlahm arbeiten müßte, um ihr im üppigsten Übermaß die seltensten und ausgesuchtesten Leckerbissen der Liebe und die süßen, berauschenden Tränklein von tausenderlei Couleuren und von tausenderlei Namen auf ihren Tisch zu besorgen. Er versicherte ihr, wenn sie erst die leckeren Dinge kennenlernte, die ihr bis jetzt böhmische Dörfer wären, so würde sie gern all ihr übriges Leben für einen Pfifferling hingeben; und dann schwur er, wenn sie ihm zu Willen sein wolle, stumm zu sein wie das Grab, also daß auch kein Spritzerchen eines Verdachts ihren Ehrenschild besudeln werde.

Als der geriebene Lüstling sah, daß sich die Dame keineswegs die Ohren verstopfte, fing er an, ihr im Stil der Arabesken- und Groteskenmalerei, die damals sehr beliebt war, die lasziven Erfindungen der famosesten Ausschweiflinge zu schildern und auszumalen. Seine flammenden Worte begleitete er mit flammenden Blicken, immer einschmeichelnder wurde seine Rede, er berauschte sich selber an der Erinnerung seiner Laster wie derjenigen seiner edlen Freunde. Mit nichts verschonte er die Dame von Hocquetonville, nicht einmal mit den lesbischen Schleckereien und Leckereien auf der Tafel der Königin Isabelle. Immer einschmeichelnder, immer eindringlicher wurde die Eloquenz des Versuchers, und einen Augenblick schien es ihm, als ob seiner Dame die scharfe Waffe aus der Hand gleiten wollte. Er trat ihr rasch näher. Sie aber war voll Scham, daß der Satan in Menschengestalt sie über einer augenblicklichen Träumerei ertappt hatte:

»Schöner Herr«, sagte sie, »ich danke Euch. Ihr lehrt mich meinen edlen Gemahl doppelt und dreifach lieben; aus Euren Reden ersehe ich, wie hoch er mich achtet und welche Ehrerbietung er mir erzeigt, indem er es verschmäht, das eheliche Lager mit den Verruchtheiten und Scheußlichkeiten verworfener Dirnen und den Hurensitten von Euresgleichen zu beschmutzen und zu verunehren. Ich hielte mich für geschändet und der ewigen Verdammnis sicher, an solche unreinen Sachen nur zu rühren. Etwas andres ist die Frau und etwas andres das Liebchen eines Mannes.«

»Dennoch wette ich«, sagte der Herzog lächelnd, »daß Ihr von heute an Eurem Gemahl bei dem gewissen Spiel lebhafteren Widerpart leisten werdet.«

Die Dame erbebte am ganzen Körper bei diesen Worten. »Ihr seid ein Monstrum!« rief sie aus. »Ich verachte und verabscheue Euch. Meine Ehre könnt Ihr mir nicht nehmen, dafür wollt Ihr mir meine Seele besudeln. Ah, hoher Herr, diese Stunde wird Unheil über Euch bringen.

Auch wenn ich zu verzeihen wüßt,
Euch Gott vermaledeien müßt!

Seid nicht Ihr es, der das Verslein gemacht hat?«

»Schöne Frau«, sprach der Herzog blaß vor Zorn, »ich kann Euch binden lassen ...«

»O nein!« rief sie, indem sie ihr Eisen schwang, »ich halte meine Freiheit in meiner Hand.«

Der Lotterbube lachte.

»Langsam!« versetzte er; »ich kann Euch mit den Scheußlichkeiten loser Dirnen, wovor Euch so sehr graut, in allernächste Berührung bringen.«

»Nicht bei lebendigem Leibe.«

»Im Gegenteil, mit Seele und Leib sollt Ihr dabei sein, auf beiden Beinen, mit beiden Händen, mit Euren beiden Brüsten wie Elfenbein, mit Euren beiden Schenkeln weiß wie Schnee, mit Euren Zähnen, mit Euren Haaren, mit allem ... Freiwillig sollt Ihr dabei sein und schamlos Eurer Lüsternheit die Zügel schießen lassen, einer wild gewordenen Stute gleich, die wiehernd über die Stränge schlägt, aufsteigt, sich bäumt, die Nüstern bläht ... ich schwöre es bei Sankt Luzifer!«

Und wieder pfiff er. Den Leibdiener, der erschien, nahm er auf die Seite und befahl ihm insgeheim, den Herrn von Hocquetonville aufzusuchen, ferner den Savoisy, den Tanneguy, den Cypierre und andre feine Gesellen seiner Bande und sie hierher zum Nachtmahl einzuladen, danach aber, wenn das geschehen, eine Anzahl hübscher Weiberhemden nebst Inhalt herbeizuschaffen.

Er selber kehrte wieder auf seinen Stuhl zurück in einer Entfernung von zehn Schritten von der Dame, die er, auch während er heimlich mit dem Pagen verhandelte, nicht aus dem Auge verloren hatte.

»Raoul ist eifersüchtig«, sagte er, »ich möchte Euch also einen guten Rat geben. Hinter diesem Verschluß« – er zeigte auf eine heimliche Türe – »bewahrt die Königin ihre Salben, wohlriechenden Öle und kostbaren Spezereien. Dort in dem andern Kämmerlein wäscht und badet sie sich in kosmetischen Essenzen und verrichtet ihre andern weiblichen Obliegenheiten. Ich weiß aus vielfacher Erfahrung, daß eine jede von euch in ihrem geheimen Müschelchen einen ganz besonderen und eignen Duft mit sich trägt, woran man euch erkennt. Wenn also Raoul, wie Ihr sagt, wie sieben Teufel eifersüchtig ist – die schlimmste Leidenschaft von allen –, könnt Ihr nichts Besseres tun, als Euch da drinnen, den andern gleich, nach Gefallen zu bedienen.«

»Was soll das heißen?«

»Ihr werdet es erfahren, wenn es an der Zeit ist. Ich bin Euch nicht bös und gebe Euch mein ritterliches Wort, daß ich Euch mit allem schuldigen Respekt behandeln und auch über meinen Korb schweigen will in saecula saeculorum. Kurz, Ihr werdet bald sehen, daß der Herzog von Orleans ein guter Kerl ist, der sich an den Damen, die ihn verachten, auf eine edle Weise rächt, indem er ihnen den Schlüssel zum Paradies in die Hand gibt. Nur empfehle ich Euch, spitzt Eure Ohren und gebt mir wohl acht auf die lustigen Reden, die man im Gemach nebenan zum besten geben wird; vor allem aber tut keinen Muckser, wenn Euch Eure Kinder lieb sind.«

Das königliche Schlafzimmer hatte keinen zweiten Ausgang, und die Fenster waren zu eng vergittert, um auch nur den Kopf hinauszustrecken, so daß der Herzog, der die Türe hinter sich abschloß, sicher sein konnte, die Dame in gutem Gewahrsam zu halten, der er vor dem Weggehen noch einmal anempfahl, vor allem mäuschenstill zu sein.

Kam alsdann ein Bruder Liederlich nach dem andern, und bald war die ganze herzogliche Bande beisammen und fand auf zierlich gedeckter und hell erleuchteter Tafel ein üppiges Nachtmahl in vergoldeten Schüsseln und in silbernen Kannen königlichen Wein die Fülle.

»Zu Tisch, zu Tisch, meine Freunde!« rief ihr herzoglicher Meister. »Ich habe mich gelangweilt, und da habe ich an euch gedacht, um in eurer Gesellschaft zu bankettieren und zu pokulieren nach antiklustigem Brauch aus der Zeit, wo Griechen und Römer ihre Paternoster an Sankt Priapus richteten und an den gehörnten Gott, der Bacchus mit Namen heißt in allen Ländern und Sprachen. Nichts soll fehlen bei unserm Gelag, und zum Nachtisch soll es Schnepfen geben von der Art derer mit drei Schnäbeln, wovon, wie ich aus der Praxis langer Jahre weiß, einer immer besser schnäbelt als der andre.«

Daran erkannten sie ihren Meister, Meister in jeder Beziehung; sie stimmten bei seiner ausgelassenen Rede ein unbändiges Gelächter an mit Ausnahme des Herrn Raoul von Hocquetonville, der, hervortretend, zu dem Prinzen also sprach:

»Hoher Herr«, sagte er, »ich mag Euch gern zur Seite stehen in der Männerschlacht, nicht aber in einem Gefecht mit Unterröcken, gern beim Waffenklingen, aber nicht beim Becher- und Fächerschwingen. Die guten Gesellen hier haben keine Frau zu Hause; so steht es nicht mit mir, ich habe eine edle Gemahlin, der allein gehör ich mit meiner Person, ihr bin ich Rechenschaft schuldig über mein Tun und Lassen.«

»Und ich«, antwortete der Herzog, »bin ich nicht verheiratet? Seit wann halten meine Freunde mir Strafpredigten?«

»Oh, teurer Herr«, rief Raoul, »Ihr seid ein Fürst, Ihr tut, was Euch gefällt.«

Bei diesen herzhaften Worten ihres Gemahls lief es der eingesperrten Dame, wie ihr euch denken könnt, heiß und kalt zugleich über den Rücken.

›Oh, mein Raoul‹, sprach sie bei sich, ›du bist ein edler Mann.‹

»Du bist«, sprach der Herzog, »ein Mann, den ich liebe, den ich für meinen treuesten und besten Diener halte, wir andern«, – dabei warf er den drei Edelleuten einen Blick zu – »wir sind rechte Luder. Aber setze dich, Raoul, wenn die Schnabelviecherchen kommen, die schon Viecherchen höheren Grades sind, sollst du Urlaub haben, wir wollen dich deiner Hausfrau nicht vorenthalten. Aber, beim Tod Gottes, siehst du, ich hatte dich für einen Tugendhelden gehalten, dem alle außerehelichen Liebesergötzungen böhmische Dörfer sind, und so hatte ich dir hier in dem Schlafgemach der Königin eine Königin andrer Art zugedacht, eine Königin von Lesbia, eine wahre Teufelin und Ausbund von einer Weibsmaschine. Und da wollte ich, daß du, der allzeit wenig Geschmack an den Konfitüren der Liebe finden konnte und nur von Jagden und Schlachten träumte, daß du wenigstens einmal in deinem Leben deine Nase mit dieser absonderlichen Spezerei in Berührung brächtest, denn wahrlich, es ist eine Schande für einen meiner Leute, in der vornehmsten Wissenschaft seines Herrn und Meisters ein Unwissender zu sein.«

Raoul setzte sich. Er wollte seinem Herrn gern in allem, was recht und billig war, zu Gefallen sein.

Und also ging es nun los in der Tafelrunde mit Lachen und liederlichen Reden über die Frauen; denn so war es bei ihnen Herkommen. Sie erzählten ihre Abenteuer und Wüstheiten, und außer der Dame ihres Herzens schonten sie keine Frau, sondern verrieten mit Geprahl die absonderlichen Bettgeheimnisse einer jeden. Sie gestanden sich Ungeheuerlichkeiten und Niederträchtigkeiten der schmutzigsten Art, die immer saftiger wurden, je weniger Saft in den Bechern und Kannen blieb. Der Herzog, aufgeräumt wie ein Universalerbe, reizte die Bande zum Äußersten und gab falsche Geschichten zum besten, um aus den andern die wahren herauszulocken, und also überboten sie sich immer mehr im Sauen und Saufen.

Dem Herrn von Hocquetonville stieg die Schamröte ins Gesicht. Aber allmählich und unmerklich gewöhnte er sich fast ein klein wenig daran, die empörenden Dinge zu hören. Trotz all seiner Tugend regte sich in ihm etwas wie Neugierde, immer mehr schlug ihm der Schmutz über dem Kopf zusammen, daß er darin untertauchte wie ein Heiliger in seinem Gebet. Mit heimlicher Freude und einem Vorgeschmack süßer Rache sah das der Prinz. Geräuschvoll stieß er mit dem Nebenmann an. »Bei Sankt Luzifer, Raoul«, sagte er, »unter uns heißt's ›gleiche Brüder, gleiche Kappen‹ oder auch umgekehrt, und außer bei Tafel sind wir sehr verschwiegene Leute. Genier dich nicht, wir werden der Gnädigen nichts verraten. Beim Leib des Herrn, du sollst heut die Wonnen des Paradieses kennenlernen ...«

»Hier drinnen« – er stieß bei diesen Worten gegen die Kammertüre, hinter welcher er die Dame von Hocquetonville gefangenhielt –, »hier drinnen ist eine Dame des Hofs und Freundin der Königin, eine Venuspriesterin, wie es größer keine je gegeben, die in ihrem Handwerk alle übertrifft: Kurtisanen, Freudenmädchen, Straßenhuren, Kupplerinnen und wie man sie alle nennen mag in dem zahlreichen und umfänglichen Geschlecht der Horizontalen ... Sie ist gezeugt worden in einem Augenblick, wo das Paradies berauscht war, wo die Natur neu wurde, wo Blumen und Bäume Hochzeit hielten, wo in Brunst loderte alle Kreatur. Sie ist imstande, einen Altar für ein Bett anzusehen. Aber sie ist eine zu große Dame, um sich sehen zu lassen, und ist eine zu bekannte Dame, darum bleibt sie stumm, die Schreie der Lust ausgenommen. Man braucht auch bei ihr kein Licht, ihre Augen leuchten wie Flammen, und noch weniger bedarf es ihrer Worte, sie spricht mit ihrem Leib eine wildere Sprache als die Tiere des Waldes in ihrer Berauschtheit. Das aber will ich dir sagen, Raoul, mit einem so aufbäumenden Roß ist jeder verloren, der sich nicht in der Mähne des tollen Tieres festhält. Du würdest, ohne zu wissen wie, aus dem Sattel fliegen, und mit einem einzigen Ruck ist sie imstande, dich, wenn du etwa Pech am Hintern haben solltest, an einen Balken der Zimmerdecke zu leimen. Es ist ein Weib, das nur lebt, wenn es eine Matratze unter sich hat. Sie ist mannstoll. Unser armer Freund selig, der Junker von Giac, hat sich an ihr den Tod geholt; in weniger als einem halben Frühling hat sie ihm das Mark aus den Knochen gesaugt. Aber bei Gott auch, welcher Mann gäbe nicht ein Drittel seines Lebens und künftigen Glückes dafür, sich an das Bankett setzen zu dürfen, zu dem sie die Glocken läuten läßt und die Fackeln anzündet. Wer sie gekannt hat, gibt gern für eine zweite Nacht seiner Seele ewige Seligkeit.«

»Sagt mir nur«, erwiderte Raoul, »wie es in einer so natürlichen und ewig gleichen Sache so ungeheure Unterschiede geben kann?«

Ein wieherndes Gelächter der Tafelrunde antwortete ihm. Und dann, vom Wein erhitzt und aufgefordert durch einen Wink ihres Meisters, begannen sie die ganze Geheimwissenschaft des Lasters vor den Ohren des unschuldigen Schülers auszukramen. Sie lärmten wie Tolle, wurden von ihren Worten noch berauschter als vom Wein und erzählten Dinge und hatten Ausdrücke und Redewendungen, daß die Skulpturen des Kamins und des Getäfels hätten erröten mögen. Sie selber hatten längst alle Scham im Wein ertränkt. Alle aber übertraf der Herzog. Die Dame, die in der Kammer eines Verliebten harre, sagte er, sei die Kaiserin aller Venuskünste und so unerschöpflich, daß sie jede Nacht deren neue erfinde, eine unerhörter als die andre.

Unterdessen waren die Kannen leer geworden, und Raoul ließ sich, so weit war es schon mit ihm gekommen, ohne viel Widerstreben von dem Prinzen in die Kammer stoßen, der also die Dame nötigte, sich zu entscheiden für den einen oder andern Dolch, für Leben oder Sterben.

Gegen Mitternacht verließ der Graf von Hocquetonville fröhlichen Herzens das Gemach, und nur in seinem Gewissen bedauerte er, seine gute Frau betrogen zu haben. Der Herzog von Orleans aber ließ durch eine geheime Gartentüre die Dame von Hocquetonville nach ihrem Palast geleiten, wo sie noch rechtzeitig vor ihrem Gemahl ankam.

»Dies wird unselig ausschlagen für uns alle«, hatte sie dem Herzog ins Ohr gesagt, als er sie an die Pforte brachte.

Und gerade ein Jahr später war es, daß Raoul de Hocquetonville, der inzwischen den Dienst des Herzogs mit dem Johanns von Burgund vertauscht hatte, in der Rue du Temple als erster mit einem Beile das Haupt des Herzogs traf, des königlichen Bruders, seines früheren Herrn, und ihn tödlich verwundete, wie jedermann weiß.

Schon vorher war die Dame von Hocquetonville gestorben; gleich einer Blume, die ein giftiges Insekt gestochen, war sie hingewelkt. Noch heut ist in einem Kloster zu Peronne ihr Grabstein zu sehen und darauf folgende Inschrift zu lesen, die ihr Gemahl eingraben ließ:

Hier liegt
Berthe de Bourgogne
die edle und anmutige Frau
des Monsieur Raoul Grafen von Hocquetonville
Ach, betet nicht für ihre Seele
Sie ist im Himmel neu erblüht
Den elften Januar
im Jahr des Heils
MCCCCVIII
Im Alter von zweiundzwanzig Jahren
Mit Hinterlassung zweier Töchter und ihres Gemahls,
die um sie trauern

Die Inschrift war in schönem Latein abgefaßt. Aber zur Bequemlichkeit der Leser war es nötig, sie zu übersetzen, wobei man beachten mag, daß ›anmutig‹ ein schwacher Ausdruck ist für ›formosa‹, als welches bedeutet ›voller Grazie in der Erscheinung‹.

Der Herzog von Burgund, genannt Ohnefurcht, dem eines Tags vor seinem Tode der Graf von Hocquetonville sein schweres und bekümmertes Herz ausgeschüttet und der sich sonst nicht leicht weichmachen ließ von menschlichen Dingen, hat dennoch öfter bekannt, daß ihn diese Grabschrift einen ganzen Monat lang traurig gemacht habe und daß unter den Scheußlichkeiten seines Vetters von Orleans eine sei, für welche er, der Burgunder, wenn es möglich wäre, diesen Unmenschen von neuem töten würde, der das Gift des Lasters in ein Gefäß göttlichster Tugend geträufelt und zwei edle Herzen vergiftet hatte, das eine durch das andre. Er dachte bei diesen Worten an die Dame von Hocquetonville, aber auch an die seinige, deren Bildnis von dem frechen Vetter in demselben Kämmerlein aufgehängt worden war, wo er auch die Bilder seiner Huren aufzuhängen pflegte.

Die ganze Geschichte hatte etwas so Verruchtes, daß der Thronfolger Ludwig, nachheriger König Ludwig der Elfte, dem sie vom Grafen von Charolais erzählt wurde, seinem Sekretär verbot, sie in seine Sammlung der ›Hundert Neuen Historien‹ aufzunehmen, aus Rücksicht auf seinen Onkel, den Herzog von Orleans, und dessen Bastard Dunois, der ihm ein alter Freund und Gesellschafter war. Aber die Persönlichkeit der Dame von Hocquetonville ist so schön im Licht ihrer Tugend und von so melancholischer Liebenswürdigkeit, daß man die Aufzeichnung ihrer Historie an diesem Ort verzeihen wird, trotz der teuflischen Erfindung und Rache des mehrfach genannten Herzogs von Orleans.

Das gerechte Ende dieses Lüstlings hat übrigens mehrere große Kriege verursacht, denen erst Ludwig der Elfte mit der Macht seines Schwertes ein Ende setzte.

Aus dieser Geschichte sehen wir, daß nichts geschieht in Frankreich und anderwärts, wo nicht das Weib im Spiel ist, und außerdem, daß wir für unsre Verbrechen früher oder später teuer bezahlen müssen.

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