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Die dreißig tolldreisten Geschichten ? Zweites Zehent

Honoré de Balzac: Die dreißig tolldreisten Geschichten ? Zweites Zehent - Kapitel 6
Quellenangabe
pfad/balzac/tolldr-2/tolldr-2.xml
typenarrative
authorHonoré de Balzac
booktitleDie dreißig tolldreisten Geschichten ? Erster und zweiter Band
titleDie dreißig tolldreisten Geschichten ? Zweites Zehent
publisherGustav Kiepenheuer Verlag Leipzig und Weimar
printrunErste Auflage
illustratorGustave Doré
year1981
translatorBenno Rüttenauer
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20081104
modified20150212
projectid96c1b999
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Wie das Schloß von Azay erbaut wurde

Jehan, der Sohn des Simon Fournier, genannt Simonin, ein Bürger von Tours, der aber aus dem Dorf Moulinot bei Beaune stammte, von welcher Stadt er später, nachdem er das Amt eines Schatzmeisters bei Ludwig dem Elften erhalten hatte, nach dem Beispiel andrer den Namen annahm, floh eines Tages, da er bei dem König in Ungnade gefallen war, mit seiner Frau in die Languedoc und ließ seinen Sohn Jacques arm und nackt in der Stadt zurück. Dieser, der außer seiner Person nichts in der Welt besaß als seinen Mantel und seinen Degen, den aber die Alten, deren Hosenladen längst die Seele aufgegeben, als ungeheuer reich beneiden durften, brütete in seinem Gehirn den festen Entschluß aus, seinen Vater zu retten und sein Glück am Hof zu machen, der damals die gute Stadt Tours zu seiner Residenz erwählt hatte.

Alltäglich in aller Frühe verließ er seine Wohnung, und in seinen Mantel eingewickelt bis an die Nase, die er als Wegweiser benutzte, durchstreifte er kreuz und quer die Stadt, ohne von seiner Verdauung belästigt zu sein. Er trat in die Kirchen ein und bewunderte ihre Schönheit, inspizierte die Kapellen, beaugenscheinigte die Bilder, zählte Säulen und Pfeiler, kurz, betrug sich wie einer, der nicht weiß, was er mit seiner Zeit und mit seinem Geld anfangen soll. Manchmal tat er, als ob er einen Rosenkranz betete, aber in Wahrheit richtete er stumme Gebete an die Damen, bot ihnen beim Ausgang aus der Kirche das Weihwasser, folgte ihnen von weitem und war darauf bedacht, mit allerlei kleinen Aufmerksamkeiten ein hübsches Abenteuerchen zu ergattern, worin er, wenn er dabei nicht gerade in eine Degenklinge rannte, vielleicht einen mächtigen Beschützer oder eine huldreiche Geliebte finden könnte. Er hatte in seinem Beutelchen zwei Dublonen, die er sorgfältiger schonte als seine Haut, da eine Haut nachwächst, zwei Dublonen aber keineswegs. Er nahm täglich nur so viel von seinem Schatz, um sich ein Brot und einige runzlige Äpfel für seine Mahlzeit zu kaufen, dazu trank er, soviel ihm nur schmeckte, Wasser aus der Loire. Diese vorsichtige und vernünftige Lebensweise war nicht nur seinen Dublonen gesund, sie erhielt ihn auch selber frisch und behend wie einen Windhund und bewirkte, daß sein Kopf kühl und sein Herz warm blieb, denn das Wasser der Loire ist ein wahrhaft erwärmender Likör, da es von weither kommt und sich also sehr erhitzt, indem es überall die Kiesel rollt und rundet, bevor es die gute Stadt Tours erreicht.

Auch könnt ihr euch denken, daß sich der arme Schwartenhals tausendundein Abenteuer mit den wunderbarsten und seltsamsten Glücksfällen träumte, und es fehlte nur ein Haar, daß sie alle wahr und wahrhaftig geworden wären. Oh, die schönen Tage!

Eines Abends nun, als Jacques de Beaune – er schmückte sich mit diesem Namen, obwohl er in seinem Leben nicht an die Herrschaft von Beaune gerochen hatte –, als Jacques, sagte ich, den Wall entlang flanierte und gerade seinen Stern und die ganze Welt verfluchte, da just seine letzte Dublone Miene machte, ohne Urlaub das Weite zu suchen, wäre er, um eine Wegecke biegend, fast wider eine verschleierte Dame gerannt, die ihn einstweilen mit einer ganzen Nase voll köstlicher Wohlgerüche beschenkte.

Ihre Füße waren mit den feinsten Stiefelchen bekleidet, sie trug ein Kleid von italienischem Samt, mit langen, seidengefütterten Hängeärmeln, und – was dem Junker besonders vielversprechend in die Augen stach – durch ihren Schleier hindurch sah er einen weißen Diamanten von seltener Größe im Strahl der untergehenden Sonne zwischen einem Haargebäude blitzen, das so kunstreich gerollt, gelockt, gezopft und so akkurat aufgesteckt war, daß ihre Zofen wohl drei Stunden dazu gebraucht haben mochten. Ihr Gang war der einer Dame, die gewohnt ist, nur in der Sänfte auszugehen. Ein bewaffneter Leibwächter folgte ihr. Es war gewiß ein buhlerisches Weib, das mit Leib und Leben einem hohen Herrn zu eigen gehörte, oder auch eine Dame vom Hof, denn sie hob ihre Röcke ein wenig hoch auf; und wie nur allein die Damen der genannten Art, hatte sie ein gewisses wollüstiges Sichwiegen in den Hüften. Aber Herrin oder Hure, sie gefiel dem Herrn Jacques, der nicht den Heikeln spielte, sondern es sich in den Kopf setzte, so verzweifelt war er, sich der Unbekannten an die Fersen zu heften, und wenn es ihn das Leben kosten sollte. Er beschloß also, so lange hinter ihr her zu sein, bis er wüßte, wo sie wohnte, im Paradies oder im Pfuhl der Hölle, unterm Galgen oder im Bordell: alles schien ihm besser als seine jetzige Hungerleiderei.

Die Dame ging an der Loire hin, flußabwärts in der Richtung auf Le Plessis und atmete wie ein Karpfen die Kühle des Wassers. Sie schlenderte in aller Behäbigkeit und Gemächlichkeit und ließ neugierig ihre Augen umgehen nach allen Seiten wie eine Maus, die sich aus ihrem Loch gewagt hat und sich helläugig ein wenig die Welt beschaut. Als der schon erwähnte Leibwächter darauf aufmerksam wurde, daß Jacques nicht Miene machte, die Fährte seiner Herrin aufzugeben, und ihr nicht nur Schritt für Schritt folgte, sondern auch anhielt, wenn sie stehenblieb, und sie rücksichtslos und frech musterte, wie wenn er die Erlaubnis dazu habe, kehrte er sich einmal barsch um und drohte ihm mit einer Miene, die von derjenigen eines wütenden Bulldoggen nicht sehr verschieden war.

Aber der gute Tourainer ließ sich nicht einschüchtern; er meinte, wenn ein Hund, ohne daß es ihm jemand wehrt, zuschauen darf, wenn der Papst vorüberzieht, so werde es ihm, einem getauften Christen, doch nicht verwehrt sein, nach einer hübschen Frau hinzuschielen. Er ging jetzt der Dame voraus und tat so, als ob er dem Mann in Waffen freundlich zulächle, indem er zugleich bestrebt war, sich vor der Dame ein stolzes Ansehen zu geben. Sie ihrerseits sagte kein Wort, sie betrachtete den Himmel, der bereits sein Taggesicht mit dem Nachtgesicht vertauscht hatte. Die aufgehenden Sterne schienen ihr ein besonderes Vergnügen zu machen, und soweit ging alles gut. Als sie gegenüber von Portillon angelangt war, blieb sie einmal plötzlich stehen, warf, um besser zu sehen, den genannten Schleier auf die Schulter zurück und musterte den Gesellen mit dem Blick eines gewitzigten Weibleins, das sich vergewissern möchte, wie es mit dem respektiven Männlein daran ist.

Nun müßt ihr aber wissen, daß Jacques de Beaune unter gewissen Umständen die Arbeit von drei Ehemännern zu leisten vermochte und sich selbst an der Seite einer Prinzessin hätte sehen lassen dürfen, ohne ihr Schande zu machen, auch kühn und entschlossen dreinsah, wie es die Damen lieben. Auch konnte man nicht zweifeln, daß seine Haut, wenn er jetzt auch ein wenig gebräunt aussah von seinem vielen Herumflanieren unter der Sonne Gottes, im Schatten der Bettgardinen wie schönstes Elfenbein schimmern werde. Bei dem schlangenartig flüchtigen Blick der Dame sagte er sich, daß sie ganz gewiß ihr Meßbuch nicht oft mit solchen Augen ansah. Schöpfte also aus diesem verteufelten Blick die schönste Hoffnung auf ein nahes Liebesglück und war fest entschlossen, sein Abenteuer weiter zu treiben als nur bis zum Saum ihrer Schleppe, weiter und höher, selbst wenn es ihm nicht nur das Leben – daran lag ihm nichts –, sondern auch beide Ohren und vielleicht noch etwas anderes kosten sollte.

Also hielt er sich weiterhin hart hinter der Dame, die durch die Rue des Trois-Pucelles wieder in die Stadt einlenkte und durch ein Gewirr von engen Gäßchen auf den viereckigen Platz gelangte, wo man später den Gasthof »Zum goldenen Kreuz« gebaut hat. Hier, vor dem Portal eines vornehmen Hauses, hielt sie an, und ihr Begleiter klopfte an das Tor. Nachdem ein Diener von innen geöffnet, trat die Dame ein, und die Tür fiel ins Schloß. Der Junker von Beaune aber stand mit aufgerissenem Mund davor und sah so dumm aus wie Sankt Dionys auf dem Monte Martyrium, ehe ihm der Einfall kam, seinen abgeschlagenen Kopf vom Boden aufzuheben und damit seines Weges zu ziehen. Er drehte seine Nase in die Höhe, um zu sehen, ob nicht aus einem Fenster ein Tröpfchen Gunst für ihn herunterfalle; aber er sah nichts als ein Licht, das erst die Treppe hinaufstieg, dann die Halle durchquerte und in einem hübschen Erker anhielt.

Dort mußte also die schöne Dame wohnen. Da stand der arme Verliebte ganz melancholifiziert, ganz in Träume versunken, ratlos, was er beginnen solle. Plötzlich aber ging oben das Erkerfenster auf. Das gab ihm einen Ruck; er dachte nicht anders, als daß seine Dame ihm ein Zeichen geben wolle, und wieder drehte er die Nase in die Höhe. Aber ohne den vorspringenden Erker, der ihm nun als Regenschirm dienen mußte, wäre er über und über mit kaltem Wasser begossen worden, nicht zu reden vom Topf selber, von dem die Person, die dem Verliebten also den Kopf abzukühlen gedachte, auf einmal nur noch den Henkel in der Hand hielt.

Jacques de Beaune war nicht übel zufrieden, daß die Sache so ablief, und er blieb die Antwort nicht schuldig; er ließ sich platt auf den Boden fallen und stöhnte wie ein Sterbender. Dann blieb er steckensteif zwischen den Scherben liegen und stellte sich tot, abwartend, was nun kommen werde. Da hörte er, wie drinnen eine große Bewegung unter dem Gesinde entstand, das offenbar in großer Angst vor der Dame war, der sie den Streich gestehen mußten. Dann öffnete sich rasch die Türe, und die Dienerschaft schickte sich an, den tödlich Verwundeten aufzuheben und ins Haus zu befördern. Jacques mußte sich Gewalt antun, um nicht über seinen eignen Leichenzug die Treppe hinauf laut herauszulachen.

»Er ist schon kalt«, sagte ein Page.

»Er ist ganz blutübergossen«, bemerkte der Hausmeister, der ihn betastete und das Wasser für Blut hielt.

»Wenn er wieder zu sich kommt, will ich zu Sankt Gatian eine Messe stiften«, gelobte der Schuldige.

»Unsre Frau ist nicht umsonst die Tochter ihres Vaters; wenn sie dich nicht aufhängen läßt, so wird es das geringste sein, daß sie dich aus ihrem Hause und ihrem Dienste jagt«, bemerkte ein Dritter, »denn er ist wahrhaftig tot, er wäre sonst nicht so schwer.«

»So bin ich denn wirklich bei einer hohen Frau«, dachte Jacques.

»Riecht er schon?« fragte der Junker, der das Unheil angerichtet hatte.

Wie sie also mit großer Mühe den Tourainer die Wendeltreppe hinaufbeförderten, verfing sich einmal sein Wams in einem Haken des Geländers, und unwillkürlich rief der Tote: »Achtung, mein Wams!«

»Er hat gestöhnt«, rief der Schuldige und atmete auf.

Die Dienerschaft der Frau Regentin – denn es war der Palast dieser Dame, der Tochter des verstorbenen Königs Ludwig des Elften tugendhaften Angedenkens –, die Dienerschaft, sagte ich, trug Jacques in die Halle, wo sie ihn der Länge nach über einen Tisch legten, überzeugt, daß der hübsche Fant zum letzten Male in seinem Leben gefenstert hatte.

»Geht, lauft, ruft einen Arzt herbei!« befahl die Frau Regentin.

In weniger als einem Vaterunser waren sie die Treppe hinuntergestiebt, dann schickte die Königstochter ihre Frauen fort nach Salben, Wundleinwand, Hoffmännischen Tropfen, kurz, nach tausend Dingen, nur um mit dem Toten allein zu bleiben. Sie betrachtete den schönen ohnmächtigen Mann, und indem sie seine stattliche Körperlichkeit und seine vom Tod keineswegs verstellten Züge heimlich bewunderte, rief sie aus:

»Ah! Gott straft mich allzu hart. Für ein armes einziges Mal in meinem ganzen Leben, daß sich ein sündhafter und verdammlicher Wunsch in meiner Natur geregt und sie zum Aufruhr gebracht hat, zürnt mir noch immer meine heilige Patronin und stibitzt mir den schönsten Edelmann, den ich je gesehen, vor der Nase weg. Aber, Herrgott, Himmelsakrament, bei der Seele meines Vaters, ich werde sie alle aufhängen lassen, die an dem Unglück schuld sind.«

»Hohe Frau«, rief Jacques, indem er von der Tischplatte heruntersprang und der Regentin zu Füßen fiel, »ich lebe, um Euch zu dienen, und bin so wenig beschädigt, daß ich Euch für die Nacht so viele Seligkeiten verspreche, als das Jahr Monate hat, in Nachahmung jenes berühmten heidnischen Barons, des Herrn Herkules. Seit zwanzig Tagen«, fuhr der Geselle fort, dem es schwante, daß er hier ein wenig lügen müsse, um seine Sache ins rechte Geleis zu bringen, »seit zwanzig Tagen«, sagte er, »bin ich Euch, ich weiß nicht wie oft, begegnet, worüber ich bis zur Tollheit verliebt wurde, ohne, aus Ehrfurcht vor Eurer Person, den Mut zu finden, Euch nahe zu kommen; Ihr könnt Euch aber denken, wie berauscht ich sein mußte von Eurer königlichen Schönheit, um zuletzt diese Posse zu erfinden, dank welcher ich hier zu Eurer Herrlichkeit Füßen liege.«

Darauf küßte er diese mit äußerster Verliebtheit und sah zu der guten Dame auf mit einem Blick, daß sich ihr dabei das Herz im Leibe umdrehte.

Eine verfluchte Sache das Alter, nicht einmal auf Königinnen nimmt es Rücksicht. Die genannte Regentin aber, wie jedermann weiß, stand zur Zeit in der Blüte ihrer Jugend, nämlich, wohlverstanden, jener zweiten Jugend der Frauen, die eine kritische und gefährliche Jahreszeit ist, wo selbst die frömmsten, die bis dahin die Tugend selber waren, toll werden nach der entbehrten Liebe und alle Rücksicht beiseite setzen, wenn sie sicher sind, daß es außer Gott niemand erfährt; denn sie möchten gar nicht gern mit leeren Händen, mit leerem Herzen und, was weiß ich, mit was sonst noch für einem leeren Ding in den Himmel kommen, ohne eine gewisse Sache, ihr wißt schon welche, näher kennengelernt zu haben.

Die genannte Frau Regentin, Dame von Beaujeu mit Namen, tat also gar nicht erstaunt bei dem Versprechen des jungen Manns, da königliche Personen ohnedies gewohnt sind, alle Portionen zwölffach zu bekommen, sondern bewahrte das großmäulige Wort treu in ihrem Herzen oder auch an einem andern Örtchen, wo es ihr schon ganz kribbelig davon wurde. Darauf nötigte sie den Tourainer, sich zu erheben, welcher bei all seinem Elend den Mut fand, der strengen Herrin zuzulächeln. Diese aber strahlte in der Majestät einer welkenden Rose, hatte Ohren wie von Juchtenleder und eine Haut glatt wie eine räudige Katze; dafür war sie aber königlich geschmückt und aufgetakelt, auch von wahrhaft königlichem Wuchs, von zierlichem Fuß und mächtigen Hüften, daß der Tourainer immerhin hoffen konnte, in dem verdammten Glücksfall auf einige Verdecktheiten und Verstecktheiten zu stoßen, die ihm die Einlösung seines Versprechens erleichtern könnten.

»Wer seid Ihr?« fragte die Regentin, indem sie die Polizeimeistermiene des verstorbenen Königs aufsetzte.

»Ich bin Euer allertreuester Untertan Jacques de Beaune, der Sohn Eures Säckelmeisters, der trotz seiner redlichen Dienste in Ungnade gefallen ist.«

»Gut«, antwortete die hohe Frau; »aber nun kuscht Euch wieder auf Eure Tischplatte, ich höre kommen, und es wäre nicht gut, wenn die Leute meines Hauses denken könnten, daß ich in dieser Posse und Narretei Eure Mitwisserin bin.«

An dem sanften Ton ihrer Stimme hörte der Fant, daß die gute Dame die Ungeheuerlichkeit seiner Liebe in Gnaden aufnahm. Er kletterte also wieder auf den Tisch und dachte bei sich, daß schon mancher Edelmann mittels eines alten Steigbügels das Roß bestiegen hat, das man Glück bei Hofe nennt; damit tröstete er sich über sein eignes Glück.

»Es ist schon gut«, sagte die Regentin zu ihren Zofen, »hier ist weiter nichts nötig, es geht dem Edelmann besser, sagen wir Gott und der allerheiligsten Jungfrau Dank, daß sie den Mord von meinem Hause abgehalten haben.«

Indem sie so sprach, streichelte sie das Haar des Geliebten, der ihr recht eigentlich vom Himmel gefallen war; dann nahm sie von dem Kölnischen Wasser (oder wie man das Zeug damals genannt hat) und rieb ihm ein wenig die Schläfen. Sie knüpfte ihm auch das Wams auf, und unter dem Schein zärtlich mütterlicher Besorgtheit stellte sie bei sich fest, besser als ein geschworener Sachverständiger, wie zart und jung die Haut dieses prahlerischen Versprechers sich anfühlte. Die ganze Dienerschaft, Männer wie Frauen, waren über dieses Gehaben ihrer Herrin nicht wenig erstaunt; aber Menschlichkeit ist königlichen Personen keine Schande.

Unterdessen richtete Jacques sich auf, spielte den Verwirrten, dankte in tiefster Demut der Regentin und beurlaubte die Physikusse, Pflasterschmierer, Quacksalber und die andren schwarzen Teufel, indem er erklärte, sich vollkommen erholt zu haben. Dann nannte er seinen Namen und wollte sich drücken, indem er die Dame von Beaujeu angstvoll grüßte, wahrscheinlich weil sein Vater in Ungnade war, vielleicht aber auch, weil ihr fürchterlicher Anblick ihn in Schrecken setzte.

»Noch einen Augenblick!« sagte sie; »wer in mein Haus kommt, darf nicht empfangen werden, wie Ihr empfangen worden seid. – Der Junker von Beaune wird hier zu Abend essen«, wandte sie sich an den Hausmeister. »Derjenige unter euch, der ihm so übel mitgespielt hat, soll ihm auf Gnade oder Ungnade überlassen sein; wenn sich der Mann nicht von selber meldet, wird ihn der Hausprofos unverzüglich zu finden wissen, und er wird zum Galgen keinen weiten Weg haben.«

Bei ihren Worten trat der Leibwächter hervor, der sie auf ihrem Gang begleitet hatte.

»Hohe Herrin«, sprach Jacques, »möge ihm Gnade und Verzeihung zuteil werden, da ich ihm ja das Glück verdanke, vor Euch zu stehen, und die Gunst, in Eurer Gesellschaft zu Abend zu speisen, vielleicht sogar die, meinen Vater von neuem in sein Amt eingesetzt zu sehen, das ihm in Gnaden zu übertragen Eurem glorreichen Vater gefallen hat.«

»Wohlgesprochen!« erwiderte die Regentin. »Und du, plumper Wasserspeier«, wandte sie sich an den Leibwächter, »du erhältst eine Kompanie Bogenschützen, aber wirf nichts mehr zum Fenster hinaus in Zukunft.«

Und die Regentin, schon dreiviertel verliebt in den Junker von Beaune, reichte ihm huldreich die Hand, und er führte sie mit Grazie in den Saal, wo sie Rede und Widerrede pflogen bis zur Stunde des Essens.

Jacques verfehlte nicht, reichlich Witz und Wissen auszupacken, seinen Vater zu rechtfertigen und sich selber vor der hohen Dame ins beste Licht zu stellen, die, wie jeder weiß, nach dem Beispiel ihres Vaters selig bei jeder Art Geschäft wenig Federlesens machte. Bei sich dachte Jacques, daß es wohl einige Schwierigkeiten haben werde, bei der Regentin zu schlafen. Den Katzen war so was leichter gemacht, die fanden immer ein Dach oder eine Dachrinne über den Häusern, um sich dort nach Wohlgefallen anzumiauen. Er freute sich schon im geheimen, bei der Regentin auf seine Rechnung zu kommen, ohne das verteufelte Dutzend, das er etwas unvorsichtigerweise versprochen, in barer Münze bezahlen zu müssen, weil denn dazu doch nötig gewesen wäre, das ganze Hausgesinde beiseite zu bringen, um die Ehre zu retten. Nichtsdestoweniger war es ihm, wenn er zwischenhinein die Regentin mit kennerischem Blick musterte, angst und bange, ob er auch bestehen werde für den Fall, daß sie es darauf ankommen lasse. Ungefähr an dieselbe Sache dachte, zwischen all den höfischen Reden, auch die gute Regentin, der doch schon viel schwierigere Dinge vorgekommen waren. Und da noch feine Redensarten drechseln zu müssen! Sie winkte plötzlich einem ihrer Sekretäre, so einem, der, was Staats- und Regierungsgeschäfte anbetraf, mit allen Hunden gehetzt war, und gab ihm Befehl, ihr während der Mahlzeit heimlich eine erfundene Botschaft zu überbringen.

Das Essen wurde aufgetragen, ohne daß die Herrin daran rührte, deren Herz übervoll war und dem Magen allen Platz wegnahm. Sie dachte nur an den schönen und stattlichen Mann und hatte nach nichts Appetit als nach ihm. Jacques aber aß für sieben aus mehr als einem Grund. Kommt dann plötzlich der Bote, und die Frau Regentin beginnt in ein Toben auszubrechen, wütige Blicke zu werfen und ganz in der Art des seligen Königs auszurufen: »Wird man denn nie einen Augenblick Ruhe haben in diesem Staat? Herrgottsakra, wird einem jede Feierstunde verdorben?« und dann aufzuspringen und mit großen Schritten auf und ab zu gehen.

»Meinen Zelter! Wo ist mein Stallmeister? Natürlich, er muß gerade jetzt in der Pikardie sein. Ihr aber, D'Estouteville, Ihr werdet mit Eurem Fähnlein meinen Hofhalt nach Schloß Amboise begleiten. Und Ihr«, sich an Jacques wendend, »Ihr sollt mein Stallmeister sein, Herr von Beaune. Ihr wollt dem König dienen, die Gelegenheit ist gut. Himmelsakra, kommt! Ein Aufstand ist ausgebrochen, ich brauche treue Diener.«

Und in kaum der Zeit, die ein alter Bettler gebraucht haben würde, um ein Dutzend Aves zu beten, war alles fertig, die Pferde gesattelt und gezäumt, die Regentin auf ihrem Zelter, der junge Tourainer ihr zur Seite, und auf und davon im Galopp nach Schloß Amboise, ein großer Haufen Kriegsvolk hinterdrein.

Um hier kurz zu sein und ohne Umschweife zur Hauptsache zu kommen, ist zu sagen, daß der Junker von Beaune um ein Dutzend Klafterlängen von der Regentin entfernt einquartiert wurde, weit weg von den Mauern und Wällen. Die Hofleute aber und das Volk fragten sich voll Verwunderung, wo denn nur der Feind versteckt sei; der Mann der Dutzendprahlerei, der sich beim Wort genommen sah, hätte es ihnen wohl sagen können.

Im ganzen Königreich war die Tugend der Regentin bekannt und ihr Betragen daher über jeden Verdacht erhaben. Die strenge Frau galt für mindestens so uneinnehmbar, um in einem damals geläufigen Sprichwort zu reden, wie die Festung von Peronne. Zur Stunde nun, da alle Feuer gelöscht, das ganze Schloß stumm und alles geschlossen war, die Ohren und die Augen, verabschiedete die Frau Regentin ihre Zofen und ließ ihren Stallmeister kommen, der sich wohl hütete zu zögern. Dann saßen sie, die hohe Frau und der Abenteurer, unter dem Mantel des hohen Kamins, Seite an Seite auf der samtüberzogenen Bank, und die neugierige Regentin, indem sie den Junker mit einem zärtlichen Blick streichelte, fragte: »Seid Ihr auch nicht in allen Gliedern zerschlagen? Es war recht grausam von mir, einem treuen Diener, den meine Leute vorher auf den Tod verwundet hatten, gleich darauf einen zwölf Meilen weiten Ritt zuzumuten. Wahrlich, das tat mir so leid, daß ich nicht schlafen gehen konnte, ohne Euch vorher gesehen zu haben. Habt Ihr wirklich nicht Schmerz und Wunde?«

»Meine Ungeduld ist mein Leiden«, entgegnete der Dutzendmann, der bei sich bedenken mochte, daß jetzt nicht der Ort und die Stunde sei, den Widerborstigen zu spielen. »Doch«, fügte er hinzu, »zu meinem Glück sehe ich, meine allerschönste hohe Herrin, daß Euer Diener Gnade gefunden hat in Euern Augen.«

»Hört einmal«, sprach sie, »habt Ihr nicht ein wenig gelogen, als Ihr mir sagtet ...«

»Was?«

»Als Ihr mir sagtet, daß Ihr mir wohl ein dutzendmal nachgefolgt wäret, in Kirchen und an andern Orten, wohin ich mich mit meiner Person verfügte?«

»Aber ganz gewiß«, antwortete er.

»Da muß ich mich füglich verwundern«, erwiderte die Königstochter, »daß ich erst heut einen braven Jüngling bemerkt habe, dem doch die Tapferkeit auf dem Gesicht geschrieben steht. Ich widerrufe nichts von allem, was Ihr etwa gehört haben mögt, als ich Euch auf den Tod verwundet glaubte. Ihr habt mein Wohlgefallen erregt, ich will Eure Wohltäterin sein.«

Da merkte Jacques, daß die Stunde des kleinen Teufels, den die unwissenden Heiden Gott Amor nannten, gekommen sei; er warf sich der Regentin zu Füßen, küßte ihre Hände, ihre Knie und alles, und unter Küssen und Liebkosungen bewies er der etwas ältlichen Tugend seiner Herrscherin mit vielen treffenden Argumenten, daß eine Dame, die die Last eines Staates auf ihren Schultern trug, das Recht habe, sich einigermaßen zu verteidigen. Die Regentin auch wollte ihre Souveränität nichts verdanken, sie wollte mit Gewalt genommen sein, um die ganze Sünde auf ihren Geliebten abschieben zu können. Im übrigen könnt ihr euch denken, daß sie sich mit Wohlgerüchen und Spezereien weislich versehen hatte, recht wie eine Königin geschmückt war und daß das Feuer der Liebe ihr aus allen Poren leuchtete und ihre Hautfarbe besser illuminierte als die kostbarste Schminke. Auch geschah es, trotz ihrer Verteidigung, die ja nicht allzu ernst gemeint war, daß sie wie ein junges Ding genommen und auf das königliche Lager getragen wurde, allwo die gute Dame und der Junker von Dutzendmalingen die Brautnacht ihrer Gewissensehe im Sturm einläuteten.

Und da, unter Spiel und Kampf, unter Lachen und Gerauf behauptete die Regentin, eher an die Jungfrauschaft der Königin Maria zu glauben als an das Dutzendversprechen ihres Ritters. Jacques aber fand die hohe Dame unter den Bettüchern auf einmal gar nicht mehr alt, so hatte der Schein der Nachtampel sie verwandelt. Ach, so manche Frauen, die bei Tag fünfzig haben, haben um Mitternacht kaum zwanzig, wie andre, die um Mittag zwanzig sind, hundertjährig werden, wenn die Sterne aufgehen. Er war also glücklicher von diesem Zusammentreffen als einer, der zum Galgen geführt wird, von einer Begegnung mit dem König, und beteuerte von neuem seine Wette; die Frau Regentin aber war nicht wenig verwundert und versprach ihm außer redlicher Mithilfe die Herrschaft von Azay mit zugehörigen Lehen sowie die Begnadigung seines Vaters, wenn sie als die Besiegte aus dem Kampf hervorginge.

Jacques war ein guter Sohn, er sprach bei sich: ›Das, um meinen Vater aus der Ungnade zu lösen, das für den Lehnsbrief, das für den Zehnten und Gülten, das für den Wald von Azay, item für das Fischrecht, item für die Flußinsel, noch eins für das Weideland; und gewinnen wir auch die Ablösung der Gerichtsbarkeit auf der Herrschaft La Carte, die mein Vater so teuer gekauft hat; und dann ist ein Hofamt nützlich und angenehm ... ‹

Als er ohne Hindernisse in der Abzahlung so weit gekommen war, fühlte er wohl, daß sein Beutel leer werde. Er sagte sich aber, daß es hier nicht um seine, sondern auch um die Ehre der Krone gehe; darum gelobte er seinem Patron, dem heiligen Jakobus, auf Azay eine Kapelle zu seinen Ehren zu erbauen; und davon ermutigt, leistete er der Regentin einen neuen Vasalleneid in elf klaren, flüssigen und wohlklingenden Erklärungen. Das letzte Wort aber und den Epilog seiner bauchrednerischen Leistungen gedachte der verwegene Tourainer bis zum Erwachen aufzusparen, wo er seiner Lehnsherrin ohnedies einen Morgengruß und Tribut schuldete als neugebackener Lehnsmann von Azay.

Das war wohl und weise gedacht, aber die Natur ist manchmal tückisch und unberechenbar; sie gebärdet sich oft geradezu wie ein Pferd, das, wenn es sich einmal hingeworfen hat und alle viere von sich reckt, durch keine Macht der Peitsche in die Höhe zu kriegen ist, das lieber krepiert als sich rührt, sondern sich nur aufrichtet, wenn es ihm eben gefällt. Und siehe, als die Salutkanone von Schloß Azay am anderen Morgen die Tochter Ludwigs des Elften begrüßen sollte, da wurde es, trotz aller schuldigen Reverenz, ein blinder Schuß, womit übrigens im allgemeinen die Souveräne begrüßt zu werden pflegen. Aber die Regentin, die sich nun von ihrem Lager erhoben und mit Jacques de Beaune, jetzt legitimer Schloßherr von Azay, an den Frühstückstisch gesetzt hatte, beschwerte sich höchlich über den mangelhaften Morgensalut und behauptete, wenn auch nur um ihren Stallmeister ein wenig zu necken, daß er weder seine Wette noch infolgedessen Lehnsherrschaft und was davon abhängen sollte gewonnen habe.

»Beim heiligen Leib des heiligen Praktikus«, rief der Junker, »Ihr werdet nicht leugnen, daß ich fast gewonnen habe; doch weder Euch, Herrin meiner Seele und hohe Monarchin, noch mir steht es an, in eigener Sache Richter zu sein. Unser Fall ist aber ein Allodialfall und gehört vor Euren Hohen Rat, da das Leben von Azay reichsunmittelbar von der Krone abhängt.«

»Bei der Heiligen Jungfrau«, schwur die strenge Dame lachend, und es kam selten vor, daß sie lachte, »ich mache Euch zu meinem Ersten Kammerherrn, ich stelle die Verfolgung Eures Vaters ein, ich belehne Euch mit der Herrschaft Azay und verschaffe Euch ein Amt beim König, wenn Ihr Euch getraut, die Sache, ohne meiner Ehre nahezutreten, vor den Hohen Rat zu bringen. Aber wenn Ihr auch nur mit einem einzigen Wörtlein, nur mit einem Spritzerchen den blanken Schild meiner Frauenehre trüben solltet, so schwöre ich ...«

»Gehängt will ich werden!« rief der Dutzendmann, indem er scherzhaft auszuweichen suchte, da er eine Spur von Unwillen in den Augen der Regentin zu bemerken glaubte.

In der Tat war es der Tochter Ludwigs des Elften viel mehr um ihren königlichen Vorteil zu tun als um ein vollzähliges Dutzend von Zuckernüssen oder Knackmandeln, woraus sie sich in Wahrheit gar nichts machte, besonders jetzt im Augenblick, wo sie sich daran satt gegessen hatte, ohne, wie sie bestimmt dachte, den königlichen Beutel dafür aufmachen zu müssen. Sie verzichtete deshalb darauf, es noch einmal, wie ihr der Tourainer anbot, auf die Wette ankommen zu lassen. Auch war sie als Weib viel zu neugierig darauf, was er dem Hohen Rat für eine Rede vorbringen werde.

»So werde ich also sicher«, sprach der Geselle, »Euer Erster Kammerherr sein.«

Die Schloßhauptleute, Sekretäre, Räte und andres Volk, die durch Amt und Dienst der Regentin verpflichtet waren, hatten sich alle zusammen, nachdem sie mit Erstaunen die plötzliche Abreise ihrer Herrin vernommen, unverweilt auf den Weg nach Schloß Amboise gemacht, voll Neugierde, was diesen überstürzten Aufbruch veranlaßt habe, und hielten sich hier in aller Frühe zur Ratsitzung bereit, zu der die Regentin sie auch sofort zusammenrief, um jeden Verdacht zu vermeiden, ab ob sie gewillt sei, ihrer zu spotten. Sie band ihnen auch keine andren Bären auf, als die Hochweislichen sich freiwillig aufbinden ließen. Gegen Ende der Sitzung erschien der neugebackene Kammerherr, um seine Herrin zurückzubegleiten. Die hohen königlichen Räte hatten sich bereits von ihren Sitzen erhoben, der kühne Tourainer aber nahm ohne Umstände das Wort und bat sie um ihr Urteil in einer Streitfrage, die sowohl für ihn als für das königliche Krongut von höchster Wichtigkeit wäre.

»Er spricht die Wahrheit«, sagte die Regentin, »hört ihn.«

Und ohne sich um die Formenfaxen und andern Hokuspokus eines Hohen Gerichtshofes weiter zu kümmern, begann Jacques de Beaune ungefähr folgendermaßen seine Rede:

»Sehr edle Herren, ich bitte euch inständigst, mir aufmerksamst zuzuhören, wenn ich auch gleich nur von Nußschalen reden werde, und mir die Ungefügigkeit meiner Rede in Gnaden zu verzeihen. Nämlich ein Edelmann, der mit einem andern Edelmann in seinem Baumgarten lustwandelte, gewahrte vor sich einen schönen Nußbaum Gottes, einen Nußbaum, wohlgewachsen, schön zu sehen und anzuschauen, wenn er auch gleich ein wenig hohl war, einen grünen, frischen Nußbaum, der einen guten Geruch ausstreute, einen Nußbaum, der auch euch angestanden haben würde, wenn ihr ihn gesehen hättet – ein wahres Wunder von einem Nußbaum, der wahrlich dem Baum der Erkenntnis glich, dem Baum des Guten und des Bösen, den der Herr unser Gott verboten hatte und um dessentwillen unsre Stammutter Eva mitsamt ihrem Herrn Gemahl aus dem Paradies verstoßen wurde. Dieser Nußbaum, meine ehrwürdigen und hohen Herren, wurde der Gegenstand eines kleinen Streits zwischen den beiden Edelleuten und einer lustigen Wette, wie man sie unter Freunden einzugehen pflegt. Der jüngere von beiden rühmte sich, in die Krone des belaubten Nußbaums zwölfmal hintereinander seinen Stock zu werfen, den er in der Hand trug, wie jeder von uns gelegentlich einen Stock in der Hand trägt, wenn er in seinem Baumgarten lustwandelt, und verschwur sich, mit jedem Wurf des genannten Stocks wolle er unfehlbar eine Nuß herunterwerfen ... Habe ich den Streitpunkt klar und richtig expliziert, definiert und annonciert?« fragte er mit einer leichten Wendung gegen die Regentin.

»Ja, meine Herren«, nickte diese, erstaunt über die Gewandtheit ihres Stallmeisters.

»Der andre wettete dagegen«, fuhr der Tourainer fort. »Und also fing der erste an zu werfen und warf seinen Stock mit solcher Zuversicht und Gewandtheit und also geschickt und sicher, daß alle beide ihr Vergnügen dran hatten. Und siehe, durch die besondere Gunst der Heiligen, die ohne Zweifel desgleichen ein Vergnügen hatten, sie an der Arbeit zu sehen, geschah es, daß bei jedem Streich eine Nuß zur Erde fiel, und waren zuletzt ein volles und rundes Dutzend Nüsse. Doch wollte es das Unglück, daß die letzte Nuß hohl war, ohne Keim und Samen, woraus ein neuer Nußbaum hätte kommen können, wenn ein Gärtner sie in die Erde gelegt hätte. Hat nun der Mann mit dem Stock gewonnen? Dixi, ich habe gesprochen. An euch, meine Herren, das Urteil.«

»Alles ist gesagt«, antwortete der hochgelahrte und beider Rechte Doktor, mit Namen Fumatus, ein Tourainer, der zur Zeit die Siegel des Königreichs in Verwahrung hatte. »Dem andern bleibt nur eins übrig ...«

»Was?« fragte die Regentin hastig.

»Zu bezahlen, hohe Herrin.«

»Er ist allzu fein«, sprach die Regentin, indem sie ihrem Stallmeister einen leisen Backenstreich versetzte; »er kommt sicher eines Tages an den Galgen.«

Sie dachte zu scherzen. Aber ihr Wort wurde das wahrhaftige Horoskop des nachherigen königlichen Schatzmeisters, der, nachdem er auf der Staffel der königlichen Gunst sehr hoch gestiegen, zuletzt noch höher stieg, nämlich die Leiter hinauf, wo oben der hänfene Strick hängt, und zwar infolge der Rache eines andern alten Weibes und der niederträchtigen Verräterei eines Herrn aus Ballin, seines Schreibers, dessen Glück er gemacht hatte und der mit Namen Pretest hieß, nicht René Gentil, wie ihn einige mit großem Unrecht genannt haben. Dieser Ganelon und untreue Diener lieferte, wie erzählt wird, der Herzogin von Angoulême die Quittung aus für das Geld, das ihr Jacques de Beaune ausgezahlt hatte, der unterdessen Baron von Semblançay, Schloßherr von Carte und Azay und einer der höchsten Würdenträger des Staats geworden war. Von seinen zwei Söhnen war der eine Erzbischof von Tours, der andere Steuerpächter und Gouverneur des Landes Touraine. Aber das hat mit diesem Abenteuer am Ende nichts zu tun.

Um auf die Jugendgeschichte unsers Jacques zurückzukommen, so ist zu sagen, daß die Frau Regentin, die Regentin ein wenig spät und Frau noch später geworden war, mit großer Befriedigung die hohe Wissenschaft und Tüchtigkeit in öffentlichen Geschäften bei ihrem Günstling und Geliebten gewahr wurde; sie machte ihn zum Verwalter der königlichen Kasse, in welchem Amt er sich so umsichtig zeigte und auf fast mirakulöse Art die königlichen Taler verdutzendfachte, daß er eines Tags zum Generalverwalter der Finanzen ernannt wurde, die er ebenfalls sehr vermehrte, fast wie seine eignen, denn auch diese vergaß er darüber keineswegs, was nur recht und billig war. Auch zahlte die gute Regentin ihre Wette und ließ ihrem Stallmeister die Herrschaft von Azay-le-Rideau ausliefern, dessen Schloß, wie jedermann weiß, als erstes in Touraine von bombardierenden Kanonieren zusammengeschossen worden. Wegen dieses höllischen Wunders mit Blitz und Donner wären die neumodischen Kriegskumpane vor dem Geistlichen Gericht des Kapitels, wenn der König sich nicht dazwischengelegt hätte, fast als Ketzer und der teuflischen Zauberei überwiesen, verurteilt worden.

Zu jener Zeit baute ein gewisser Generalpächter, namens Bohier, das Schloß von Chenonceaux und hatte den spaßigen Einfall, das Grundgemäuer so anzulegen, daß das Haus sozusagen rittlings über den Fluß, die Cher genannt, zu stehen kam.

Um nun auch etwas Besonderes zu haben, baute der Baron von Semblançay das neue Schloß mitten in den Fluß Indre hinein. Er baute es auf Pfähle und so fest und wohlgefügt, daß es heute noch aufrecht steht als das schönste Kleinod dieses freundlichen grünen Flußtals. Jacques de Beaune gab dafür auch dreißigtausend Taler aus, die Frondienste seiner Untergebenen ungerechnet. Ihr müßt aber wissen, daß dieses Schloß eines der schönsten, der entzückendsten, der zierlichsten, eines der kunstreichst erbauten Schlösser des reizenden Tourainer Landes ist und sich gleich einem fürstlichen Liebchen in der Indre badet bis auf den heutigen Tag, geschmückt mit hochbogigen Fenstern und Altanen, wie Spitzen gearbeitet, mit stolzen Kriegern auf den Türmen, die sich als Wetterfahnen drehen, weil sich nichts so leicht nach dem Winde dreht wie ein Kriegsmann. Dennoch war es noch nicht ganz vollendet, als der gute Semblançay gehängt wurde, auch hat sich niemand seither gefunden, der genug Taler gehabt hätte, um es vollends auszubauen. Das Schloß hat trotzdem den König Franz, den Ersten dieses Namens, als Gast beherbergt, und noch heut zeigt man das Zimmer, worin er geschlafen hat. Der gute Semblançay, derselbe, der später gehängt wurde, erfreute sich der Gnade, vom König nicht anders als ›mein Vater‹ angeredet zu werden, so ehrwürdig war sein Aussehen im Schmuck seiner weißen Haare. Als nun der König, den der Baron von Semblançay zärtlich liebte, sich damals anschickte, schlafen zu gehen, sagte er zu seinem Wirt, da eben die Schloßglocke Mitternacht schlug:

»Es scheint, daß Eure Uhr zwölf schlägt, mein Vater.«

»Ach, königlicher Herr«, antwortete der königliche Säckelmeister und Finanzverwalter, »zwölf wohlgezählten und wohlgezielten Schlägen eines Hammers, der jetzt alt und morsch ist, verdanke ich mein Baronat, das Geld, womit ich mein Schloß erbaut habe, und das Glück, Euch zu dienen.«

Der gute König war neugierig, was diese rätselhaften Worte sagen wollten, und indessen er unter die Bettücher kroch, erzählte ihm Jacques de Beaune die Geschichte, die ihr bereits kennt.

Der genannte König Franz der Erste war ein großer Freund von guten Geschichten, und die seines Wirts fand er ganz besonders artig und erlustigte sich um so mehr darüber, als um diese Zeit seine Frau Mutter, die Herzogin von Angoulême, auch eine zweite Jugend in sich verspürte und dem Konnetable von Bourbon nicht wenig zusetzte in Absicht eines oder mehrerer Dutzend, wovon ihr wißt. Das aber war die böse Liebe einer bösen Frau, wodurch das Königreich in Gefahr kam, der gute König gefangen wurde und der arme Semblançay, wie ich es schon gesagt habe, am Galgen baumeln mußte.

Ich habe es mir sehr angelegen sein lassen, deutlich darzutun, wie das Schloß von Azay-le-Rideau gebaut wurde, daß jedermann erkenne Grund und Ursprung des außerordentlichen Reichtums, den Herr von Semblançay zum Teil aufwandte zum Schmuck und zur Zierde seiner Vaterstadt, wo er denn auch mit ungeheuren Summen die beiden Türme der Kathedrale ausbauen ließ.

Auf dem genannten Schloß Azay-le-Rideau aber wurde die lustige Geschichte weitererzählt von Vater zu Sohn, von einem Schloßherrn zum andern. Und also könnt ihr sie heute noch dort hören. Die königlichen Bettgardinen kichern sie – man hat sie aus Ehrfurcht unberührt gelassen bis auf den heutigen Tag. Es ist deshalb erstunken und erlogen, wenn man, wie einige möchten, das genannte ›Tourainer Dutzend‹ einem deutschen Ritter zuschreibt, der dadurch das Herzogtum Österreich an das Haus Habsburg gebracht haben soll. Derjenige neuere Schriftsteller, der diese Mistifikatio, will sagen diesen Mist, ausgegraben hat, hat sich trotz seiner Gelehrsamkeit von obskuranten Chronisten an der Nase führen lassen; denn die Kanzlei des Römischen Reichs tut in ihren Akten und Protokollen dieses Modus bei der Erwerbung Österreichs keinerlei Erwähnung. Was ich aber dem genannten neueren Schriftsteller besonders übelnehme, ist der Umstand, daß er uns glauben machen wollte, ein deutscher Bierschlauch könnte ein Werk leisten, dessen nur ein tourainischer Weinhahn fähig ist, davon schon Meister Rabelais mit Bewunderung gesprochen hat. Und also habe ich mich aufgerufen gefühlt, zum Vorteil des Landes, zum Ruhm von Azay-le-Rideau, zur Ehre des Schlosses und zugunsten der Fama des Hauses von Beaune, wovon andre berühmte Geschlechter, wie die von Sauvs und Noirmoustier, sich abgezweigt haben, die Geschichte in ihrer wahren historischen, honorischen, unverdrehten und unverdreckten Gestalt wiederherzustellen. Sollte es nun schönen Damen einfallen, dem Schlosse Azay-le-Rideau daraufhin einen Besuch abzustatten, so werden sie gewiß einige der gedachten Dutzend, wenn auch stark verzettelt, noch immer in dem schönen Lande antreffen.

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