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Die dreißig tolldreisten Geschichten ? Zweites Zehent

Honoré de Balzac: Die dreißig tolldreisten Geschichten ? Zweites Zehent - Kapitel 5
Quellenangabe
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typenarrative
authorHonoré de Balzac
booktitleDie dreißig tolldreisten Geschichten ? Erster und zweiter Band
titleDie dreißig tolldreisten Geschichten ? Zweites Zehent
publisherGustav Kiepenheuer Verlag Leipzig und Weimar
printrunErste Auflage
illustratorGustave Doré
year1981
translatorBenno Rüttenauer
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20081104
modified20150212
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Seltsame Reden der Nonnen von Poissy

Die Abtei von Poissy ist durch die alten Chronisten berühmt geworden als die lustigste der Christenheit, wo die Ausschweifungen und Ausschreitungen der Nonnen ihren ersten Ursprung genommen haben und von wo sich so viele kribbelige Geschichten herschreiben und weitererzählt wurden zum Gaudium der Laien und auf Kosten unsrer heiligen Religion. Die genannte Abtei hat Veranlassung gegeben zu zahlreichen Sprichwörtern und Redewendungen, die heute von den Gelehrten nicht mehr verstanden werden, als welche sie, wie sie dieselben auch kauen und wiederkäuen, doch nicht verdauen können.

Wenn ihr einen von ihnen fragt, was das sind: ›die Oliven von Poissy‹, so werden sie euch würdevoll antworten, daß das eine Umschreibung für die Trüffel sei und daß die ›Art sie zuzubereiten‹, wovon man ebenfalls sprach, unter allerhand Anzüglichkeiten auf die tugendhaften Jungfrauen, eine ganz spezielle Salze oder Brühe zu bedeuten habe – ein Beispiel dafür, daß ein Schwein auch einmal eine Perle findet und daß ein Bücherwurm unter hundert Fällen auch einmal auf die Wahrheit stößt.

Um auf die guten Nonnen zurückzukommen, so wurde behauptet, im Jux natürlich, daß sie in ihren Hemden lieber eine Hure als eine tugendsame Frau fänden. Andre Spaßmacher warfen ihnen vor, daß sie das Leben der Heiligen auf eine eigne Art nachahmten, und sagten, daß sie in der heiligen Maria von Ägypten nichts so sehr verehrten als die Art und Weise, wie sie die bekannten Ruderknechte bezahlte; daher das Sprichwort: ›Die Heiligen verehren in der Weise von Poissy.‹ In diesem Sinn sprach man auch von dem ›Kruzifix von Poissy‹, das den Magen wärmte, ebenso wie von den ›Metten von Poissy‹, bei denen Chorknaben den Schluß machten. Endlich war es üblich, von einer ganz besonders gelehrigen und experten Jüngerin der Frau Venus zu sagen: ›Das ist eine wahre Nonne von Poissy.‹ Eine gewisse Sache, die ihr kennt und die der Mann nicht vergeben, sondern nur verleihen kann, nannte man den ›Schlüssel der Abtei von Poissy‹. Von dem ›Portal‹ der Abtei oder deren Pforte, Tor oder Türe sagte man, daß sie immer angelwagenweit offenstände, überhaupt leichter zu öffnen als zu schließen wäre und unausgesetzt in Reparatur begriffen sei.

Kurz, was man auch von Liebesschelmereien in jener Zeit erdichtete, wurde unfehlbar dem guten Kloster von Poissy angehängt. Ihr werdet begreifen, daß in allen diesen Sprichwörtern, Witzreden und verschmitzten Reden, in allen diesen Epigrammen und Anzüglichkeiten, die oft gar nicht angezogen waren, viel Lügereien und hyperbolische Übertreibungen mit unterliefen.

Die Nonnen des genannten Poissy waren ganz liebe Fräulein, die wohl hie und da einmal den lieben Gott zugunsten des Teufels hintergingen wie so viele andre auch, da die menschliche Natur gebrechlich ist und auch Nonnen, so nönnisch sie sein mögen, keine vollkommenen Wesen sind. Auch in ihnen gibt es notwendig eine Stelle, wo das Zeug oder der Stoff nicht hinreicht, um dem Teufel den Weg zu versperren.

Und so war freilich manches wahr, insonderheit was sich auf jene Äbtissin bezog, die vierzehn Kinder hatte, als welche, weil sie recht mit Vergnügen gemacht waren, auch alle recht vergnüglich lebten. Die phantastischen Liebesabenteuer und Tollheiten dieser Dame, die eine Prinzessin von königlichem Geblüt war, machten also das Kloster von Poissy sprichwörtlich, so daß denn jede Gaudi, die sich nur in irgendeinem Kloster des Königreichs zugetragen oder auch nicht zugetragen haben mochte, den armen Mädchen von Poissy in die Sandalen geschoben wurde, die froh gewesen wären, wenn auch nur der hundertste Teil der Wahrheit entsprochen hätte. Später wurde dann die Abtei reformiert, wie jedermann weiß, wobei den heiligen Nönnchen das bißchen Freiheit und Vergnügen, dessen sie sich bisher erfreut hatten, vollends entzogen wurde.

In einer alten Urkundensammlung der Abtei von Turpenay bei Chinon, die in den letzten unruhigen Zeiten in der Bibliothek von Azay-le-Rideau untergebracht und vom Schloßherrn gut aufgenommen worden ist, habe ich ein Bruchstück entdeckt unter dem Titel: ›Die Stundengebete von Poissy‹, das offenbar von einem übermütigen Abt von Turpenay zur Ergötzung seiner Nachbarn, der Mönche von Ussay, Azay, Monganger, Sachez und anderer Klöster der Umgegend, verfaßt worden ist. Ich bringe es hier unter Verantwortung des gesalbten Autors, aber in meinem Stil, sintemal ich mich genötigt sah, es aus dem Lateinischen ins Französische zu übertragen.

Die Nonnen von Poissy hatten also die Gewohnheit, wenn ihre Dame Äbtissin, die Tochter des Königs, schlafen gegangen war ... Sie war es, von welcher der Name ›Gänseklein‹ herrührt, als welches darin bestand, sich damit zu begnügen, was bei geistreichen Schriftstellern dem Haupt-, Grund- und Urtext ihrer Liebeswerke voranzugehen und voranzustehen pflegt, als Präambula, Präliminarien, Prolegomena und Prologe, als Protokolle, Vorwörter und Vorreden, Hinweisungen und Anmerkungen, Prospekte und Inhaltsanzeigen, Kapitelverzeichnisse und Summarien, Titel und Untertitel, Scholien und Randglossen, Titelkupfer und Vignetten, Einbandpressung und Schnittvergoldung, Rückenrosetten und Rand- und Kopfleisten, kurz, all die tausenderlei sinnreichen Ausschmückungen, die auch bei geschlossenem Buch seinen lustigen Inhalt ahnen, ja quasi lesen und studieren, ergreifen und begreifen lassen. Sie zuerst, die genannte Äbtissin, faßte alle dieses Spiel betreffenden Regeln und Gesetze in einem Lehrbuch zusammen, schrieb sozusagen als erste eine Grammatik jener kitzeligen Sprache, die wohl von den Lippen hervorgebracht wird, aber doch lautlos ist, und verfolgte die Theorien in der Praxis so genau, daß sie nach authentischen Dokumenten in jungfräulicher Unverletztheit gestorben ist. Diese vergnügliche Wissenschaft wurde seitdem vertieft und erweitert, besonders von den Damen des Hofs, die sich mehrfach nach der genannten Methode Liebhaber nahmen, teils spieleshalber, teils ehrenhalber, einige andre in der Absicht und zu dem Zweck, alle Rechte, die hohe und die niedere Gerichtsbarkeit und jede Art Herrschaft über sie auszuüben, ein ganz absonderliches Vergnügen, das gar oft jedem andern vorgezogen wird...

Ich komme auf meine Hammel, will sagen auf meine Lämmlein zurück. Wenn also die besagte tugendhafte Königstochter sich nackt und ohne alle Scham ihren Matratzen und Bettüchern anvertraut hatte, so war es an der Zeit, daß die Horen der Nönnchen, derjenigen mit glattem Kinn und lustigem Sinn, ihren stillen Anfang nahmen. Geräuschlos schlüpften und huschten sie aus ihren Zellen und schlichen auf den Zehen nach dem Kämmerlein irgendeiner Schwester, die von allen ganz besonders geliebt wurde. Da gab es dann ein Getuschel und Gemuschel, ein Gezirp und Gezwitscher, gewürzt mit Konfitüren, Zuckerwerk und Schleckertrünkchen, mit mutwilligen Stänkereien und Zänkereien, recht nach Mädchenart; sie foppten und agierten die Alten, ließen in unschuldiger Weise ihren Unwillen an ihnen aus, erzählten sich Geschichten zum Totlachen, kurz, trieben tausenderlei Schabernack. Sie maßen ihre Füße aneinander, um die kleinsten und zierlichsten herauszufinden, sie verglichen die Rundheit ihrer Hüften und Arme, sie stellten fest, welche Nase die unangenehme Gewohnheit hatte, nach dem Essen sich zu röten, sie zählten ihre Sommersprossen, zeigten sich ihre Muttermale und stritten sich, welche unter ihnen die zarteste, weißeste Haut und den zierlichsten Wuchs hätte. Ihr könnt euch denken, daß es unter diesen Bräuten Gottes allerlei gab, rundliche und glatte, steckensteife und geschmeidige, übervolle und überschlanke, von jeder erdenkbaren Art eben. Dann wieder stritten sie, welche unter ihnen am wenigsten Stoff zu ihrem Gürtel brauchte, und diejenige, die am wenigsten spannte, war ganz glücklich, ohne eigentlich zu wissen, warum. Sie erzählten sich ihre Träume und kleinen Beobachtungen, und oft hatte eine oder die andre, manchmal auch alle, vom Schlüssel der Abtei geträumt. Dann wieder befragten sie sich untereinander wegen ihrer kleinen Wehwehs. Da hatte die eine den Finger verschunden; die andre hatte den Nagelfluß; diese war aufgewacht mit einem Blutäderchen im Weiß des Auges; jene hatte sich beim Beten des Rosenkranzes den Daumen ausgerenkt. Jede hatte ihren kleinen Schmerz.

»Ah, du hast unsre Mutter angelogen. Deine Nägel sind weiß getüpfelt«, sagte eine zu ihrer Nachbarin. »Du bist lange im Beichtstuhl geblieben heute morgen, meine Schwester«, versetzte die andre. »Du hattest wohl viele kleine Sünden zu beichten?«

Und dann, da nichts so sehr einer Katze gleicht als eine Katze, schlossen sie schwärmerische Freundschaften und entzweiten sich, trutzten und schimpften wie die Rohrspatzen, versöhnten und verküßten sich wieder, führten Eifersuchtsszenen auf, pfetzten sich, um zu lachen, lachten und kicherten, um sich zu pfetzen, und trieben Schindluder mit den Novizen. Sagte eine:

»Wenn uns nun ein hübscher Junker vom Himmel fiele, wo könnten wir ihn am besten verstecken?«

»Bei der Schwester Olivia«, erwiderte eine andere, »sie hat die größte Zelle, da ginge er hinein mitsamt Helm und Pike.«

»Was soll das heißen?« rief Schwester Olivia. »Sind denn unsere Zellen nicht gleich groß?«

Und der ganze Schwarm fing an vor Lachen zu platzen wie reife Feigen.

Eines Abends zogen sie eine hübsche Novize zu ihrem kleinen Konzil hinzu. Sie war erst siebzehn, schien unschuldig wie ein neugeborenes Kind, und man hätte ihr den Fronleichnam ohne Beichte gegeben. Der lief das Wasser im Munde zusammen bei diesem heimlichen Getuschel und all dem Jux und Geschluchz, womit die guten Nönnchen ihre sakrosankte, göttliche Leibeigenschaft sich versüßten. Sie würde geweint haben, wenn sie nicht mehr zugelassen worden wäre.

»Nun«, sagte Schwester Olivia, »hast du auch gut geschlafen, mein sanftes Täubchen?«

»Gar nicht«, antwortete sie, »ein garstiger Floh hat mich keinen Augenblick in Ruhe gelassen.«

»Ah, du hast Flöhe in deiner Zelle? Aber da mußt du sofort deine Zelle säubern. Weißt du nicht, daß die Regel unsres Ordens dies gebietet? Nicht den Schwanz von einem Floh soll eine Schwester in ihrem klösterlichen Leben zu sehen bekommen.«

»Aber was tun?« fragte die Novize.

»Das sollst du hören. Schau dich um, siehst du einen Floh in meiner Zelle? Siehst du auch nur ein Flohschißchen? Siehst du auch nur die Spur von einem Floh? Riechst du den Geruch von einem Floh? Ist auch nur eine Ahnung von einem Floh in meiner Zelle? Spür und spür, wo du willst.«

»Ich kann nichts finden«, sagte die Kleine, die ein Fräulein von Fienne war, »ich rieche auch nichts, es sei denn unseren eigenen Geruch.«

»Also tue, was ich dir sage, und du wirst nicht mehr gebissen werden. Sobald du wieder einen Flohstich an dir bemerkst, meine Tochter, mußt du deinen Körper aussuchen in allen Gegenden und Richtungen und das Hemd aufheben von oben und unten, aber ohne sündige Gedanken, was du auch sehen magst, das merke dir. Du darfst mit nichts beschäftigt sein als mit dem kleinen Teufel von Floh, du mußt ihn suchen mit allem Eifer und darfst sonst auf nichts achthaben; an nichts darfst du denken, als wie du den Floh erwischen magst, was ohnedies keine leichte Sache ist, um so mehr, als dich vielleicht ein kleines braunes Fleckchen von Muttermal leicht irreführen kann. Hast du ein Muttermal oder mehrere?«

»Gewiß«, antwortete die Kleine, »ich habe zwei violette Linschen, das eine auf der Schulter, das andre auf dem Rücken, das heißt ein wenig tief, man kann es übrigens nicht sehen, es sitzt zwischen ...«

»Woher weißt du denn das?« fragte die Schwester Perpetua.

»Ich wußte nichts davon, der Herr von Montrezor hat es entdeckt.«

»Oho«, riefen die Schwestern, »und hat er sonst nichts gesehen?«

»Er hat alles gesehen«, antwortete sie. »Ich war noch ein ganz kleines Ding, er war so an die neun Jahre, und wir spielten zusammen ...«

Da merkten die Nonnen, daß sie zu früh gelacht hatten.

»Der gedachte Floh«, nahm Schwester Olivia wieder das Wort, »der gedachte Floh hat also gut seine Sprünge machen, vom Knie zum Nabel, vom Nabel zum Auge und sich zu verschanzen hinter Wällen, sich zu verkriechen in den Gräben, sich zu verstecken in den Wäldern und dir immer und immer wieder zu entwischen. Die Regel unsres Ordens gebietet, ihn zu verfolgen mit der äußersten Hartnäckigkeit, indem du andächtig dein ›Gegrüßet seist du‹ betest. Beim dritten ›Gegrüßet seist du‹ bekommt man ihn übrigens fast immer.«

»Den Floh?« fragte die Novize.

»Nichts als den Floh«, erwiderte Schwester Olivia. »Um aber die Gefahren dieser Jagd zu vermeiden, ist es nötig, wo du auch den Finger auf das Tier setzest, nicht etwas anderes mitzugreifen, kein Härlein und nichts. Und dann darfst du dich nicht erweichen lassen von seinem Geschrei, Gewimmer und Geseufz, und wie er sich auch wehrt und windet und sich gegen dich aufbäumt, was oft vorkommt, du mußt ihm den Daumen aufs Auge setzen oder auch einen andern Finger, der gerade zur Hand ist, und mit der andern freien Hand mußt du nach einem Stück Band greifen und ihm das Gesicht verbinden, daß er dir nicht davonhüpft. Denn wenn er nicht mehr sieht, kann er auch den Weg nicht mehr finden. Übrigens könnte er dich immer noch beißen, denn so ein Floh kann mordswütig werden in seinem Zorn; du mußt ihm also sachte das Maul ein wenig aufreißen und ihm einen Keil hineinstoßen, und zwar muß das ein Spreißel sein von dem Buchsbaumzweig, dessen du dich sonst bedienst, um dich mit Weihwasser zu besprengen. So zwingst du den Floh, artig zu bleiben. Aber bedenke wohl, daß die Disziplin unsres Ordens uns auf nichts in dieser Welt ein Eigentumsrecht gibt, du darfst also auch den Floh nicht für dich behalten. Du mußt vielmehr nicht vergessen, daß dieser Floh ein Geschöpf Gottes ist, dein Trachten muß darauf ausgehen, ihn Gott wohlgefällig zu machen. Es ist darum vor allem nötig, drei wichtige Dinge festzustellen, als da sind: ob der Floh ein Männchen ist, ob er ein Weibchen ist, und drittens, ob er noch jungfräulich ist. Nehmen wir an, er sei noch jungfräulich, was aber selten vorkommt, da diese Biester keine Religion haben und insgemein ein wahres Luderleben führen, indem sie sich von jedem greifen lassen, den nur die Lust ankommt. Du packst seine Hinterbeine, ziehst sie ihm nach oben über den Brustkorb, bindest sie mit einem Haar aus deinem Zopf zusammen, und so bringst du ihn zur Priorin, die, nachdem sie ihrerseits das Kapitel zu Rate gezogen, über den Fall entscheidet. Wenn es ein Männchen ist ...«

»Woran kann man aber sehen, daß ein Floh jungfräulich ist?« fragte die neugierige Novize.

»Zunächst«, antwortete Schwester Olivia, »ist er schwermütig, lacht nicht wie die andern, beißt nicht so heftig, sperrt das Maul weniger weit auf und errötet, wenn man ihn, du weißt schon wo, berührt.«

»Da muß ich wohl von einem Männchen gebissen worden sein«, sprach die Novize.

Darüber ein erschütterndes Lachen aller Nonnen. So heftig mußten sie lachen, daß einer unter ihnen ein Ton in b-Moll entwischte, wovon sogar der Boden feucht wurde.

»Da seht ihr wohl«, sagte Schwester Olivia, »auf einen Wind folgt immer auch ein Regen.«

Die Novize mußte selber lachen, sie meinte, die Schwestern hätten nur über den Knalleffekt gelacht.

»Wenn es also ein Männchen ist«, begann Schwester Olivia von neuem, »da nimmst du deine Schere oder den Dolch deines Geliebten, wenn er ihn dir vielleicht bei deinem Eintritt ins Kloster zum Andenken geschenkt hat, kurz, du nimmst irgendein scharfes Instrument und machst ihm mit aller Vorsicht einen Einschnitt in die Lenden. Du mußt dich drauf gefaßt machen, daß er nun anfängt zu husten und zu prusten, zu würgen und zu schnappen, zu wimmern und zu jammern; schaue nicht hin, wie er sich wälzt und windet, wie ihm der Angstschweiß ausbricht, wie er dich jammervoll anfleht, oder was ihm sonst einfallen mag, um sich der heilsamen Operation zu entziehen. Beiße die Zähne aufeinander und bedenke, daß du ihm nur wehe tust, um ihn auf den Weg des Heils zu bringen. Nimm dann geschickt seine Eingeweide heraus, die Gedärme, die Leber, die Lunge, das Herz, den Kropf, die edlen Teile; das alles tauche behutsam, und zwar zu wiederholten Malen, in deinen Weihwasserkessel, sie also waschend und reinigend unter fortwährender Anrufung des Heiligen Geistes, daß das Unreine möge rein werden. Endlich bringst du den ganzen Plunder rasch, aber vorsichtig wieder in den Körper des Flohs, der ohnedies seine Geduld längst verloren hat. Derart hast du ihn getauft und einen Christen aus ihm gemacht. Nimm dann endlich Nadel und Faden und vernähe ihm sein Bäuchlein mit all der Schonung und Rücksicht, die du einem Bruder in Jesu Christo schuldig bist. Bete sogar für ihn; an seinen Kniebeugungen und an den Blicken, die er dir zuwirft, wirst du sehen, daß er nicht unempfindlich dafür ist. Er wird nicht mehr schreien und zappeln, er wird dich auch nicht mehr beißen, und es sind schon Fälle vorgekommen, wo ein solcher Floh vor lauter Glück, zu unsrer heiligen Religion bekehrt worden zu sein, gestorben ist. Du machst es so mit jedem, den du nur erwischen und erhaschen kannst; wenn das die andern sehen, werden sie bald die Flucht ergreifen, nachdem sie sich über die Konversion ihrer Brüder nicht wenig verwundert haben, denn so eine schwarze Flohseele hat eine höllische Scheu vor dem Christentum.«

»Das ist nicht schön von den Flöhen«, sagte die Novize.

»Denn kann es ein höheres Glück geben, als in einem Kloster Gott zu dienen?«

»Da hast du recht«, sprach Schwester Ursula. »Hier sind wir wohlbehütet vor allen Gefahren der Welt, besonders vor der Liebe, in der einem ganz schlimme Sachen passieren können.«

»Noch andre, als unversehens ein Kind zu bekommen?« fragte eine junge Schwester.

»Unter der Regierung des neuen Königs«, antwortete Schwester Ursula achselzuckend, »ist Gott Amor vom Aussatz befallen worden, wie der heilige Antonius selig, von Schlimmerem als dem Aussatz, von einer scheußlichen Krankheit, die der Teufel erfunden, und hat das furchtbare, gärende und schwärende Gift mit seinem Gefolge von Fiebern, Todesängsten, Salbereien und Schmierereien überall herum ausgespritzt zum Glück für die Klöster, da unzählige Damen aus Furcht und Entsetzen davor tugendhaft geworden sind.«

Entsetzt von diesen Worten, drängten sie sich ängstlich aneinander, hätten aber doch gern mehr erfahren.

»Und also braucht man nur zu lieben, um elend zu werden?« fragte eine Schwester.

»Nicht anders, mein Lämmlein«, beteuerte Schwester Olivia.

»Du brauchst nur«, fuhr Schwester Ursula fort, »du brauchst nur ein einziges klein winziges Mal einen hübschen Junker zu lieben, und bald, wenn es dein Unglück will, wird dir ein Zahn nach dem andern schwarz werden, werden dir eins ums andre unter gräßlichem Schmerz die Haare ausfallen und die Augenwimpern, und wo sonst deine Haut rosig war, wird sie blau werden ... oh, wie schmerzlich der Abschied von all den schönen Dingen. Es gibt Frauen, denen ein ekelhafter Krebs die Nase zerfrißt, andre haben ein scheußliches, tausendfüßiges und tausendmäuliges Tier im Leib, das ihnen bei lebendigem Leibe das frißt und verzehrt, was sie Zartestes an sich haben. Kurz, so ruchlos ist die Natur dieser Liebe, daß der Papst sich genötigt gesehen hat, die Exkommunikation über sie zu verhängen.«

»Gott, wie bin ich glücklich«, rief die kleine Novize aus, »daß ich so fürchterlichen Qualen glücklich entronnen bin.«

Bei diesem Ausruf sahen sich die Nonnen untereinander an. In dieser Kleinen hatten sie sich geirrt. Die war also längst irgendwo mit dem Kruzifix von Poissy in Berührung gekommen und hatte Schwester Olivia schön über den Löffel barbiert. Sie freuten sich dessen und daß der Gelbschnabel eine so lustige Haut war. Nur hätten sie gern gewußt, durch welches Abenteuer sie hinter die Klosterriegel geraten war.

»Ach«, sagte sie, »ich habe mich von einem großen Floh beißen lassen, der schon getauft war.«

Bei diesen Worten entschlüpfte der Schwester in b-Moll ein zweiter hörbarer Seufzer.

»Ah«, rief Schwester Olivia, »nun nur noch den dritten. Hüte dich aber, im Chor eine solche Sprache zu führen. Es könnte der Äbtissin einfallen, dich zur Diät der Schwester Petronella zu verdammen. Ich rate dir, deiner Musika einen Dämpfer aufzusetzen.«

»Du hast ja Schwester Petronella bei ihren Lebzeiten gekannt«, sprach nun Schwester Ursula, »ist es wahr, daß Gott ihr die Gnade verliehen hatte, nur zweimal im Jahr – wie sagt gleich das Volk – auf dem Unterhofgericht zu erscheinen?«

»So ist es«, erwiderte Schwester Olivia. »Dafür mußte sie aber auch einmal, als sie sich am Abend schon gestellt hatte, harren bis zu den Frühmetten. Sie sagte aber immer nur: »Herr, dein Wille geschehe.« Beim ersten Glockenzeichen aber wurde sie von dem, was sie gedrückt hatte, befreit, damit sie die Messe nicht versäume. Dennoch wollte die verstorbene Äbtissin nicht zugeben, daß irgendein Wunder oder spezielle Gunst von oben dabei im Spiel sei; sie sagte, die Augen Gottes tauchten nicht in diese Regionen. Ich will euch aber die Geschichte in der Ordnung erzählen: Unsre Schwester selig, deren Heiligsprechung unser Orden im Augenblick am päpstlichen Hofe betreibt und auch bereits erlangt hätte, wenn er imstande wäre, die gesetzlichen Gebühren zu bezahlen, diese Schwester Petronella hatte frühzeitig den Ehrgeiz, ihren Namen in den Kalender zu bringen, was ja dem Orden kein Schaden war. Sie lebte in ewigem Gebet, hatte Ekstasen vor dem Bild der Heiligen Jungfrau drüben bei den Wiesen, und wie es Hanswurste gibt, die das Gras wachsen hören wollen, so behauptete sie, den Flug der Engel zu hören droben im Himmel, ja, sie war sogar imstande, deren Flügelschwingungen in Musik umzusetzen, und ihr entzückender Kantus ›Adoremus‹, den jedermann kennt und den kein Mensch je hätte erfinden können, ist in der Tat aus jener Quelle geflossen. Ihr Blick war oft tagelang unbeweglich wie ein Stern, sie fastete jeden Tag des Jahrs und nahm kaum mehr Nahrung zu sich, als auf einem Fingernagel Platz gehabt hätte. Sie hatte ein Gelübde getan, niemals an Fleisch zu rühren, gekochtes oder rohes, und ein wenig Brotrinde war ihre tägliche Nahrung; nur an den Hauptfesttagen des Jahres gönnte sie sich ein wenig getrockneten Fisch mit Salz, ohne eine Spur von Brühlein.

Bei dieser magern Kost wurde sie selber mehr als mager, wurde gelb wie Safran und ausgetrocknet wie ein Knochen, den man auf dem Kirchhof aufliest. Zu alledem wurde sie verzehrt von einem innern Feuer, und wenn einer sie zufällig angestoßen hätte, würde sie Funken gesprüht haben wie ein Kieselstein. Doch sowenig sie auch aß, konnte sie sich doch nicht ganz von der Notdurft emanzipieren, der wir alle zu unserm Glück oder Unglück mehr oder weniger Opfer bringen müssen, worüber wir uns nicht beklagen sollen, da wir ohne die Opferungen manchmal übel daran wären. Und darin besteht dieser Tribut und die Notdurft der Natur, daß wir, nachdem wir gegessen und getrunken haben, ganz nach Art der Tiere einen Teil davon in schmutziger Weise wieder abgeben müssen, mehr oder weniger stinkend, je nach der Natur jedes einzelnen. Hierin war nun Schwester Petronella von andern Menschen nur insoweit verschieden, als das gedachte Produkt bei ihr trocken und hart war, ähnlich der Losung einer Hirschkuh zur Zeit der Brunst, als welche ein Gebäck ist gleich Kieselsteinen, wie ihr vielleicht zufällig einmal auf einem Pfad im Park zu beobachten Gelegenheit hattet und das denn auch wegen seiner Härte in der höheren Jagdsprache mit Ausdrücken wie Knoten oder Knöpfe bezeichnet wird. Es handelte sich also bei der Schwester Petronella, die ja auch infolge ihres fortgesetzten Fastens immerwährend von einer innern Glut verzehrt wurde, keineswegs um eine übernatürliche Sache; denn noch heut wissen ältere Schwestern von ihr zu erzählen, wie sie derartig von göttlichem Feuer durchflammt war, daß sie, ins Wasser gelegt, zischte wie eine feurige Kohle. Einzelne Schwestern haben ihr nachgesagt, sie habe sich öfter in der Nacht unter ihren Achselhöhlen Eier hart gekocht, um ihre Fasten besser auszuhalten; aber das waren niederträchtige Verleumdungen, um diese große Heiligkeit zu verdächtigen, welche längst die Eifersucht andrer Klöster erregt hatte. Unsre Schwester hatte aber auf dem Weg zum Heil und zur göttlichen Vollkommenheit einen vortrefflichen Lotsen in dem Abt des Klosters von Saint-Germain des Prez, draußen vor der Stadt Paris, der ein heiliger Mann war und seinen frommen Ratschlägen immer diesen letzten hinzufügte: all unsre Pein und Schmerzen Gott aufzuopfern und uns seinem Willen zu unterwerfen, ohne dessen Zulassung uns kein Haar vom Haupte fällt.

Diese Auffassung und Lehrmeinung, so fromm sie aussieht, hat dennoch den Gegenstand zu heftigen Kontroversen abgegeben und ist schließlich auf den Vorschlag des Kardinals von Chastillon verdammt worden, weil eine solche Lehre jede Sünde ausschlösse, was notwendig die Einkünfte der Kirche vermindern müßte.

Aber Schwester Petronella lebte in dieser Lehre, ohne etwas von der Ketzerei zu riechen, die darin stak.

Nun geschah es, daß sie nach der Zeit der großen Fasten im verflossenen Jubiläumsjahr zum ersten Male nach acht Monaten sich wieder gedrängt fühlte, das goldene Gemach aufzusuchen, was sie denn auch tat. Schamhaft hob sie ihre Röcke in die Höhe und brachte ihren heiligen Körper in die Positur, die nötig ist, das zu vollbringen, wozu wir gewöhnlichen armen Sünderinnen uns ein wenig öfter veranlaßt fühlen. Aber die gute Schwester Petronella brachte das Werk nicht über seinen ersten Anfang hinaus, und wie ein gewisser Dichtersmann einmal geseufzt hat: ›Hier stock ich schon, wer hilft mir weiter fort‹, so hätte auch der sagen können, der jetzt seinen Kopf zu einem gewissen Fenster hinausstreckte, aber wenig Lust zu verspüren schien, das gebenedeite Haus zu verlassen, trotzdem dieses die närrischsten Anstrengungen machte, den Gast loszuwerden solche Anstrengungen, daß die Sparren krachten und das ganze Gebälk aus den Fugen zu gehen drohte. Wie ein Frosch, der nach Luft schnappt, sah der Kerl aus dem gedachten Fenster hervor, wollte aber um keinen Preis den Weg nehmen, den so viele seiner Kameraden schon genommen hatten. Wahrscheinlich fürchtete er, dort unten den Geruch der Heiligkeit zu verlieren. Und wahrlich, als einfacher Dreck, der er war, war er zu dumm. Die gute Heilige, die es nach und nach mit jedem Zwangsmittel versucht hatte, daß zuletzt die Backenmuskeln ihres mageren Gesichts sich über Gebühr und die Nerven ihrer Schläfen sich bis zum Zerspringen spannten, mußte sich gestehen, daß es auf der Welt kein furchtbareres Übel gäbe. Als aber ihre sphinkteriale Folterspannung den letzten möglichen Grad erreichte, rief sie: ›Oh, mein Gott‹, indem sie eine letzte Anstrengung machte, ›ich opfere ihn dir!‹ Bei diesem Stoßgebet barst die steinerne Masse und kollerte wie ein Kieselstein, an der Mauer hin und wider prallend, in die Tiefe, man hörte klick, klack, plumps. Ihr begreift, meine Schwestern, daß sie kein Arschwischlein nötig hatte.«

»Und diese Heilige hat die Engel im Himmel gesehen?« fragte eine Schwester.

»Haben die Engel auch einen Hintern?« fragte eine andre.

»Aber nein doch«, antwortete Schwester Ursula: »weißt du denn nicht, daß eines Abends bei einer großen Festgesellschaft der liebe Gott in der Vergeßlichkeit den Engeln befahl, sich zu setzen, worüber sie in große Verlegenheit gerieten, worauf sie sich setzen sollten.«

Endlich gingen die guten Nönnchen schlafen, die einen allein, die andern fast allein; es waren liebe Kinder, die niemand schadeten als sich selber.

Ich kann mich auch gar nicht von ihnen trennen, ich muß noch ein Abenteuer erzählen, das sich in ihrem Kloster ereignet hat, zur Zeit, als die Reform mit dem Schwamm darüberfuhr und sie alle zu Heiligen machte, wie ich es bereits erwähnt habe.

Zu dieser Zeit saß auf dem erzbischöflichen Stuhl zu Paris ein wahrhaft heiliger Mann, der seine guten Werke nicht an die große Glocke hängte und sich um nichts sorgte als um die Armen und Leidenden, die er alle in sein Herz, das goldene Herz eines alten, frommen Bischofs, eingeschlossen hatte. An sich selber dachte er nicht im geringsten, sondern war nur immer auf der Suche nach armen Unglücklichen, um sie zu trösten mit Worten und Werken, mit Geld und guten Dingen, wie es die Umstände verlangten, und ging zu den Reichen nur in ihrer bösen Stunde, ihre Seelen aufrichtend und auf Gott hinweisend. So wachte er Tag und Nacht über die ihm anvertraute Herde und war ein guter Hirte in aller Strenge des Worts. Es focht ihn nicht an, daß sein Mantel und seine Soutane, seine Strümpfe und seine Überdenstrümpfen alt und abgetragen waren; die Blößen der Armen zu decken lag ihm näher am Herzen. Seine Mildtätigkeit ging so weit, daß er am liebsten seine eigne Person ins Pfandhaus geschickt hätte, wenn es galt, einem Nebenmenschen, und wäre er auch der ärgste Ketzer gewesen, lindernd und helfend beizuspringen.

Für ihn selber mußte seine Dienerschaft sorgen. Und oft genug schalt er und wurde ungehalten, wenn man ihm, ohne ihn zu fragen, seine alten Kleider, solange sie ihm nicht wie Zunder vom Leibe fielen, durch neue ersetzte; er ließ die alten flicken und ausbessern bis in extremis.

Diesem frommen alten Erzbischof war zu Ohren gekommen, daß der Schloßherr von Poissy seine Tochter ohne Heller und Hemd von sich gestoßen, nachdem er, sollte man es für möglich halten, ihr Erbe in Fressen und Saufen, Huren und Würfelspiel verludert und verloren hatte. Das arme Fräulein wohnte in einem elenden Loch, wo im Winter kein Feuer und im Frühling kein Sonnenstrahl anzutreffen war, und verdiente ein elendes Stück Brot durch seiner Hände Arbeit, da es sich weder unstandesgemäß verheiraten noch seine Schönheit verkaufen mochte. Schon lange dachte der hohe Prälat darüber nach, einen würdigen Gemahl für sie zu finden; da ihm das noch nicht gelungen war, hatte er den Einfall, sie einstweilen mit dem Modell eines Manns zu versehen und zu versorgen, indem er ihr jeweils seine brüchigen Unaussprechlichen zur Ausbesserung schickte, wofür das ganz und gar entblößte Mädchen ihm unendlich dankbar war. Einmal nun, als der Erzbischof bei sich überlegte, ob er nicht im Kloster von Poissy einen Besuch machen wolle, wie es die neue strenge Kirchenzucht ihm vorschrieb, trat eben Saintot herein. Diesem reichte der Erzbischof ein Paar alte Kurzhosen in bedenklichem Zustand. »Bringe das«, sagte er, »den Fräulein von Poissy.« Er hatte aber sagen wollen: dem Fräulein von Poissy. Und da all seine Gedanken auf die Sorge um das Kloster gerichtet waren, vergaß er ganz, dem Diener die Wohnung des Fräuleins anzugeben, von dem er überdies aus zarter Schonung noch nie gesprochen hatte.

Also packte der Diener die gedachten Hosen mit dem altfränkischen großen Laden unter den Arm und machte sich wie ein lustiger Zeisig auf den Weg nach Poissy, nicht jedoch ohne des öfteren mit einem Freund da und einem Kameraden dort eine Kanne zu leeren, da mehr als eine Kneipe am Weg lag, wobei dann der Hosenlatz des würdigen Erzbischofs manches zu sehen und zu hören bekam, was ihm in seiner Unschuld noch nicht vorgekommen war. Er gelangt aber doch zum Schluß beim Kloster zu Poissy an und sagt zur hochwürdigen Äbtissin, daß sein Herr ihn schicke, um ihr dies zu überbringen. Darauf trottete er sich ohne weiteres davon und ließ die heilige Mutter allein mit dem nicht zu nennenden Kleidungsstück, das schon so lange gewohnt war, die erzbischöflichen Formen in Hoch- und Basrelief zu modellieren, ebenso wie den Abdruck dessen, was nach dem Sagen der Schwester Ursula der liebe Gott seinen Engeln vorenthalten hat und wovon diesem guten Prälaten auch nicht übermäßig viel beschert worden war. Ohne das hochwürdige Geschenk, unter dem sie sich keine kleine Kostbarkeit dachte, erst auszupacken, rief die Äbtissin ihre Nonnen herbei. Neugierig huschte es aus allen Zellen hervor, und in einer Aufregung, wie sie in einem Ameisenhaufen entsteht, in deren Republik die Bombe einer fallenden Kastanie hineingefahren ist, kamen sie von allen Seiten getrippelt, streckten die Hälse und drängten sich um die geheimnisvolle Sendung. Als sie aber plötzlich den Hosenlatz klaffen sahen – er sperrte ganz fürchterlich das Maul auf –, da stießen sie einen einzigen Schrei des Entsetzens aus, drückten die Hände vor das blasse Gesicht, und einige sahen schon den Teufel sich leibhaftig daraus emporrecken.

»Bedeckt euer Antlitz, meine Töchter«, sprach die Äbtissin, »das ist die Wohnung der Todsünde, die Fleisch geworden ist.«

Die Oberin der Novizen stellte fest, indem sie sich selber durch die Finger schaute, daß nichts Lebendiges in der Hülle sei, worüber sich die ganze Gesellschaft ein wenig beruhigte und mit ganz behaglichem Erröten das seltsame Habitaculum beaugenscheinigte. Dann berieten sie sich, ob es vielleicht die Absicht des heiligen Priesters gewesen sei, ihnen mit diesem Symbol, ungefähr wie in Form einer biblischen Parabel, eine heilsame Ermahnung zukommen zu lassen. Es waren ohnedies lauter sehr tugendhafte Kinder, und wenn auch manches Herzchen nicht ganz ruhig dabei blieb, sie achteten dessen nicht weiter, und nachdem sie ein wenig Weihwasser in den teuflischen Abgrund gespritzt, wurden sie allmählich ganz vertraut damit und wagten nicht nur hinzusehen, sondern auch dran zu rühren. Auch die Äbtissin hatte sich von ihrem Schrecken so weit erholt, daß sie bereits die Sprache wiederfand.

»Was ist denn nur dem guten Seelenhirten eingefallen«, rief sie aus; »was für eine Absicht kann unser ehrwürdiger Vater gehabt haben, uns eine Sache zu schicken, die eine Fallgrube der weiblichen Tugend ist?«

»Seit länger als fünfzehn Jahren«, erklärte eine Schwester, »haben meine keuschen Blicke nicht mehr auf diesem Felleisen des Teufels geruht.«

»Schweige, meine Tochter, du hinderst mich daran, ernstlich darüber nachzudenken, was hier zu tun ist.«

Und so lange und so oft wurde nun der genannte erzbischöfliche Hosenlatz um und um gedreht, nach außen und nach innen, beschnüffelt und betüftelt und in Betrachtung bewundert, so viel wurde auch darüber beraten und deliberiert, so viel daran gedacht und davon geträumt, zuerst bei Tage und dann in der Nacht, bis endlich am andern Morgen nach der Mette, wobei die Schwestern einen Vers und zwei Responsorien ausgelassen, eine der jüngsten folgenden Einfall hatte:

»Meine Schwestern«, sprach sie, »ich kann euch die Parabel des Erzbischofs deuten: er hat uns einfach seine Unaussprechlichen zum Ausbessern geschickt, weil er uns damit ermahnen wollte, den Müßiggang zu fliehen, als welcher der Anfang ist aller Laster.«

Darauf begann ein wahrer Wettstreit, wer zuerst Hand ans Werk legen dürfe; aber die Äbtissin gebrauchte ihre Autorität und behauptete, das sei ihr Vorrecht und Privilegium. Und zusammen mit der Priorin war sie über acht Tage beschäftigt, das hochwürdige Kleidungsstück von Grund auf zu reparieren, neues seidenes Futter einzusetzen, einen doppelten Saum anzunähen, alles in tiefer Demut. Darauf wurde das Kapitel einberufen und beschlossen, dem Herrn Erzbischof für sein liebevolles Gedenken an seine Töchter in Gott ein Zeichen der Dankbarkeit zu übergeben. Alle Schwestern bis auf die jüngste Novize hinunter sollten zusammen eine hübsche und kunstreiche Arbeit machen, und damit sollte der gute tugendhafte Erzbischof überrascht werden.

In all dieser Zeit hatte der genannte Prälat wieder so alle Hände voll Arbeit im Dienst für andre, daß ihm seine Hosen ganz und gar aus dem Gedächtnis gekommen waren. Er lernte nämlich bei Hof einen Edelmann kennen, der eben seine Frau verloren, als welche ein Teufel und eine Teufelin in einer Person war. Dieser trauernde Witwer hegte den lebhaften Wunsch, an Stelle der Verstorbenen eine Sanfte und Fromme zu nehmen, bei der er sich von der andern erholen und ohne Fährlichkeit für seine Ehre schöne und wohlgeratene Kinder zeugen könne. Er wandte sich mit diesem Anliegen an den Erzbischof, zu dem er volles Vertrauen hegte. Und der heilige Mann lobte ihm so über allen Schellenkönig das edle Fräulein von Poissy, daß die arme Schöne in kürzester Frist Frau von Genoihac wurde.

Die Hochzeit wurde im erzbischöflichen Palast zu Paris gefeiert, und ein Kranz schöner Damen aus der besten Gesellschaft, ja vom Hof selber, schmückte das Fest; die schönste aber von allen war die Braut in der Blüte ihrer Jungfräulichkeit, die vom Erzbischof verbürgt wurde.

Als schon Früchte, Eingemachtes und Gebackenes aufgetragen wurde in allerlei Schmuck und künstlicher Verzierung, trat plötzlich Saintot hinter den Erzbischof.

»Gnädiger Herr«, sagte er, »Eure geliebten Töchter in Gott vom Kloster zu Poissy schickten soeben eine Schüssel für Eure Tafel.«

»Setze sie in die Mitte«, sprach der freundliche Priester, der zu seiner Verwunderung einen hohen Aufbau vor sich sah von Samt und Seide, mit Stickereien in Gold und Silber, das Ganze in Form einer antiken Vase, der die feinsten Wohlgerüche entströmten.

Die Braut nahm den Deckel ab, und siehe, da war der Bauch ganz gefüllt von Zuckersachen, Spezereien, Marzipanen und tausend köstlichen Konfitüren, die man denn auch unverzüglich den Damen herumbot. War nun eine darunter, ebenso neugierig wie bigott, die unter all den Süßigkeiten ein seidenes Zipfelchen hervorragen sah und dem Verlangen nicht widerstehen konnte, daran zu zupfen und zu ziehen, so lange, bis das bewußte Habitaculum des männlichen Kompasses glorreich aus seiner Versenkung emporstieg, zur großen Verwirrung des guten Erzbischofs, zum allgemeinen Gaudium aber und Lachen der übrigen Gesellschaft.

»Wahrhaftig«, rief der Neuvermählte, »diese Schüssel verdiente den Ehrenplatz auf der Tafel. Die Fräulein von Poissy sind nicht dumm. Ihr Zuckerwerk ist bei einer Hochzeit wohl angebracht.«

Ich aber frage, ob es eine bessere Moral geben kann, als die der Herr von Genoihac damit aussprach? Und so kann ich es unterlassen, eine weitere hinzuzufügen.

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