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Die dreißig tolldreisten Geschichten ? Zweites Zehent

Honoré de Balzac: Die dreißig tolldreisten Geschichten ? Zweites Zehent - Kapitel 4
Quellenangabe
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typenarrative
authorHonoré de Balzac
booktitleDie dreißig tolldreisten Geschichten ? Erster und zweiter Band
titleDie dreißig tolldreisten Geschichten ? Zweites Zehent
publisherGustav Kiepenheuer Verlag Leipzig und Weimar
printrunErste Auflage
illustratorGustave Doré
year1981
translatorBenno Rüttenauer
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20081104
modified20150212
projectid96c1b999
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Die Fasten König Franz' des Ersten

Jedermann weiß, durch was für ein Abenteuer der König Franz, der Erste seines Namens, wie ein Gimpel gefangen genommen und in die Stadt Madrid in Spanien abgeführt wurde. Dort hielt ihn der Kaiser Karl als eine Sache von hohem Preis in engem Gewahrsam auf einem Schlosse, wo denn der hohe Herr ewigen Angedenkens viel Pein und Langeweile erdulden mußte, da er, der das Freie und das Freien liebte und jede Art Bequemlichkeit, so wenig dazu gemacht war, in einen Käfig eingesperrt zu sein, als eine Katze, Brüsseler Spitzen aufzuwickeln.

Auch verfiel der König bald in eine so vertrackte Traurigkeit, daß die Mitglieder des Hohen Rats, denen das Wohl des Staates anvertraut war und die ihren König und seine verliebte Komplexion nur allzugut kannten, aus seinen Briefen große Besorgnis schöpften. – Es war das seine Mutter, die Herzogin von Angoulême, dann seine Schwieger, die künftige Königin Cathérine, dann der Kardinal Duprat, auch der Herzog von Montmorency nebst andern Großen des Reichs. Diese berieten zusammen die heikle Sache und beschlossen zuletzt, die Königin Margarete von Navarra an den armen Franz abzusenden, um ihn zu trösten in seiner Betrübnis; denn die junge Königin war heiter, in allen Wissenschaften unterrichtet und vom König über alles geliebt. Sie aber wandte dagegen ein, daß es bei dieser Botschaft um ihr Seelenheil ginge, da sie keineswegs die Gefahr verkenne, der sie sich aussetze, wenn sie den König allein in seinem Kerker besuchte. Darum wurde schleunigst ein gewandter Sekretarius an den Hof von Rom abgesandt und ihm Auftrag gegeben, beim römischen Pontifex ein Breve auszuwirken mit ganz speziellen Ablässen und Absolutionen für etwaige kleine Sünden – es handelte sich um Bruder und Schwester –, die die genannte Königin Margarete bei ihrem Geschäft, die Melancholie des Königs zu heilen, allenfalls begehen könnte.

Zu dieser Zeit war ein Holländer, genannt Hadrian, im Besitz der dreifachen Krone, ein guter Kerl im übrigen, der trotz der schulmeisterlichen Bande, die ihn mit dem Kaiser verknüpften, nicht vergaß, sondern wohl in Erwägung zog, daß es sich hier um den ältesten Sohn der heiligen Kirche handle. Er zeigte sich so entgegenkommend, daß er einen außerordentlichen Legaten nach Spanien sandte, mit voller Plenipotenz, alles zu gewähren und vorzusehen, was, ohne dem Vorteil Gottes zu nahe zu treten, die Seele der Königin und den Leib des Königs zu salvieren nur irgend erforderlich sei.

Diese hochwichtige Angelegenheit beschäftigte aber nicht nur die Köpfe aller Höflinge, sondern kitzelte ganz außerordentlich auch die Damen des Hofs, die, aus Ergebenheit gegen die Krone, sich fast alle angeboten hätten, nach Madrid zu gehen, wenn sie nicht das finstere Mißtrauen des Kaisers gekannt hätten, der dem König die Gunst verweigerte, einen seiner Untertanen, ja auch nur ein Mitglied seiner Familie bei sich zu empfangen.

In der Tat mußten vor der Abreise der Königin von Navarra nach Spanien lange Unterhandlungen gepflogen werden, und in all der Zeit sprach man am Hof von nichts als von dieser bedauerlichen Fastenübung und Mönchsenthaltsamkeit, die der teutonische Karl einem König auferlegte, der sein Leben lang so ausgiebig an das Gegenteil gewöhnt war. Soviel des Redens war hierüber, daß die guten Damen zuletzt alle nur noch vom Hosenladen des Königs träumten. Die Königin besonders bedauerte, keine Flügel zu haben, worauf ein Herr Odon von Castilion antwortete, daß sie deren nicht bedürfe, um ein Engel zu sein. Eine andre Dame, die Frau Admiralin, haderte mit Gott, daß sie nicht durch einen Kurier dem König das schicken konnte, was ihm so sehr abging und das ihm doch jede von ihnen so gern geliehen hätte ...

»Wie gut, daß es der liebe Gott festgemacht hat«, bemerkte lachend die Frau Dauphine und künftige Königin Catherine, »unsre Männer würden es sonst auf ihren Reisen und Fahrten mit sich nehmen, und wir hätten das Nachsehen ...«

So wurde hin und her geredet, und als die süße Margarete abreiste, wurde es ihr von den christlichen Damen dringend ans Herz gelegt, den armen Gefangenen zu küssen für alle Damen des Königreichs zusammen. Wenn es diesen guten Weibsen möglich gewesen wäre, Vorräte von Süßigkeiten der Liebe einzumachen wie Pflaumenmus oder Latwerge, bei Gott! Margaretchen hätte so viel mitgenommen, um beide Kastilien damit zu versorgen.

Während nun die Frau Margarete, als gelte es, eine Feuersbrunst zu löschen, mit ihren Maultieren, dem Schnee zum Trotz, das Gebirge durchzog, war der König an einem Punkt angelangt, daß er meinte, die brennende Qual seiner Lenden nicht mehr länger aushalten zu können. In seinem Leben hatte er nicht so gelitten. In dieser höchsten Tribulation vertraute er sich dem Kaiser und bat ihn um ein klein bißchen Barmherzigkeit. Es sei, meinte er, eine ewige Schande für einen König, so rücksichtslos einen andern König umkommen zu lassen und noch dazu in seinem eignen Feuer. Der Kastilianer zeigte sich lieb Kind, und da er gedachte, sich für seine Hispaniolinnen an dem Lösegeld seines Gastes schadlos zu halten, machte er denen, die ihm für den Gefangenen hafteten, gewisse versteckte Anspielungen, dem König in dieser Sache zu Gefallen zu sein. Da war nun ein gewisser Don Hijos de Lara y Lopez Barra di Pinto, ein armer Obrist und Habenichts, unbeschadet seines ellenlangen Namens und noch längerer Genealogie, der schon lange daran dachte, sein Glück am französischen Hof zu suchen, und der darum meinte, ein Kataplasma von lebendigem Menschenfleisch könnte nicht nur das Herz des Königs heilen, sondern auch ihm selber ein Pflaster sein auf seine Wunde, will sagen auf seinen leeren Beutel ... und wer den Hof von Frankreich und den guten König kennt, weiß, ob der Spanier sich hierin verrechnet hat.

Als darum an den genannten Obristen wieder die Reihe kam, im Gemach des Königs aufzuwarten, fragte er respektvollst, ob der König in Gnaden geneigt wäre, ihm eine Frage zu erlauben, an deren Beantwortung ihm mehr liege als an einem päpstlichen allgemeinen Ablaß. Bei dieser Rede trat der König ein wenig aus seiner finstern Melancholie heraus, machte eine kleine Bewegung in seinem Sessel und gab ein Zeichen, daß er einwillige. Der Obrist bat ihn, es nicht in Ungnaden aufzunehmen, wenn er eine allzu freie Sprache führe. Niemand sei es unbekannt, was für ein gewaltiger Eroberer der König sei, nämlich Eroberer von Weibern, und da möchte er gern aus des Königs eignem Munde hören, ob die Damen an seinem Hofe in Liebessachen wirklich so gelehrt und gelehrig wären, als man sagt. Der arme König, der sich bei diesen Worten an die schönsten Augenblicke seines Lebens erinnerte, seufzte tief auf und versicherte, daß keine Frauen der Welt, die auf dem Mond mit eingerechnet, den Damen Frankreichs in dieser alchimistischen Geheimwissenschaft gleichkämen und daß er in Erinnerung an ihre süßen, zarten und heftigen Liebkosungen sich Manns genug fühle, um mit einer jeden von ihnen auf einem fauligmorschen Brett tausend Klafter über einem Abgrund den bekannten Ritt ins gelobte Land zu wagen.

Indem der König, brünstig wie nie in seinem Leben, dies sagte, schoß ihm derart das innere Feuer aus den Augen, daß der Obrist, ein tapferer Krieger, bis ins Gedärm hinein erschrak, so flammte und loderte die allerheiligste Majestät im Feuer wahrhaft königlichen Temperaments. Doch nahm sich der Spanier ein Herz und fing an, das Lob der spanischen Damen zu singen, ja er rühmte sich, daß man allein in Kastilien wisse, was Liebe ist. Denn hier seien die Damen inbrünstiger in der Religion als in irgendeinem Lande der Welt, und je mehr die Frauen Angst hätten vor der ewigen Verdammnis, mit um so größerem Ungestüm und um so ungezügelter würden sie vorgehen, wenn sie sich einmal einem Geliebten ergäben, weil sie sich bewußt wären, daß sie sich für das Glück einer ganzen ewigen Seligkeit zum voraus bezahlt machen müßten. Und wenn der König, setzte er hinzu, eine der besten und einträglichsten Domänen seines Königreichs dagegen wetten wolle, sei er, sein ergebenster Knecht, in der Lage, ihm eine Liebesnacht zu verschaffen, die derart mit spanischem Pfeffer gewürzt sein sollte, um sich die Seele aus dem Leibe zu husten, wenn er sich nicht sehr in acht nähme.

»Eingeschlagen!« rief der König, indem er von seinem Sitz aufsprang, »ich gebe dir, bei Gott! die Domäne Ville-aux-Dames im Land Touraine mit allen Privilegien der Jagd und der hohen und niedern Gerichtsbarkeit.«

Der Obrist kannte die Konkubine des Kardinal-Erzbischofs von Toledo; sie hatte er dazu ausersehen, den König mit der Flut ihrer Zärtlichkeit zu ersticken und ihm die hohe Überlegenheit der kastilianischen Phantasie über die gewöhnlichen Spitzfindigkeiten der Französinnen durch die Tat zu beweisen. Und die Marquesa war ihm gern zu Willen, einmal zur Ehrenrettung Spaniens und dann, weil sie doch gern gewußt hätte, aus was für einem Teig der liebe Gott die Könige gemacht hat, sintemal sie bis dato nur Kirchenfürsten gekannt hatte. Sie kam also und war ungestüm wie eine Löwin, die ihren Käfig durchbrochen hat. Und derart brockte sie es dem König ein – als ob sie ihm alle Knochen im Leib und das Mark zerbrechen müsse –, daß es wahrlich mit jedem andern Matthäi am letzten gewesen wäre. Aber dieser König war so gut ausgestattet und so gut ausgehungert, er biß so gut, daß er keine Zeit hatte, Bisse zu fühlen. Doch war's ihm zumute nach dem Zweikampf mit der schrecklichen Marquesa, als ob er den Teufel zur Beichte gehört hätte.

Der Obrist, der keinen Augenblick an seinem Erfolg zweifelte, kam, um dem König seine Aufwartung zu machen und ihm für das Lehen zu huldigen. Spöttisch sagte ihm der König, daß die Hispaniolinnen wahrlich nicht wenig Temperament hätten und derb zugriffen, daß sie aber auch dort ein allzu frenetisches Con fuoco anschlügen, wo ein zärtliches Adagio besser am Platze wäre, daß er die Wollust nicht als einen Gewaltakt begreife, daß der französische Champagner nur immer mehr Durst mache und niemals widerstehe, kurz, daß mit den Damen seines Hofs die Liebe eine Lust sei sondergleichen und nicht ein Sichabarbeiten gleich dem eines Bäckerburschen, der den Teig knetet in seinem Backtrog.

Der arme Obrist machte ein verdutztes Gesicht zu dieser Rede des Königs. Trotzdem dieser sein königliches Wort und Wort eines Edelmanns verpfändet, das er noch nie gebrochen, dachte der Kastilianer nicht anders, als daß ihn der Franz um die Zeche prellen wolle, etwa wie ein lausiger Schüler zu Paris, der sich in ein Hurenhaus geschlichen hat und sich um die Bezahlung drückt. Da er übrigens nicht sicher war, ob die Marquesa den König doch am Ende allzusehr hispanisiert hatte, bot er dem Gefangenen Revanche an, versprach ihm für diesmal eine wahre Fee und versicherte, auf sein Leben verzichten zu wollen, wenn der König wieder nicht zufrieden sei. Franz war zu höflich und ritterlich, um diese zweite Wette zurückzuweisen, von der er nur wünschte, wie er mit königlicher Liebenswürdigkeit hinzufügte, daß er sie verlieren möge. Und dann nach Feierabend sah er eine Dame in sein Gemach eintreten, eine Dame, weiß und zart wie Mailuft voll graziöser Lustigkeit, mit langen Haaren, mit Händchen weich wie Samt, mit einem Körper unter dem Kleid voll Fülle und Rundheit, mit lachendem Mund, mit Augen voll Glanz und Schmelz, ein Weib, bei dessen Anblick und süßer Rede der Teufel in der Hölle fromm geworden wäre, der aufständische Geselle aber in des Königs Hosen – nur um so wilder wurde.

Am andern Morgen, als nach dem Frühstück die Schöne Urlaub genommen vom König, trat der Obrist ins Gemach, und seine stolze Siegermiene tat kund, daß er diesmal seiner Sache sicher sei.

Bei seinem Anblick rief ihm der König schon von weiten zu:

»Mein lieber Baron von Ville-aux-Dames«, sagte er, »möge Euch Gott so glücklich machen wie mich, nun liebe ich mein Gefängnis und, bei Unsrer Lieben Frau, ich will nicht mehr richten, ich nehme mein Urteil zurück über die Liebe in meinem und Eurem Land, ich bezahle die Wette.«

»Ich wußte es wohl«, erwiderte der Obrist.

»Wieso?« fragte der König.

»Herr König, es ist meine Frau.«

Das ist der Ursprung derer von Larray ... zu Ville-aux-Dames im Lande Touraine, wo man den spanisch allzu langen Namen Lara y Lopez auf gut altfränkisch abkürzte in Larray. Es war das eine ausgezeichnete Familie, die sich allezeit im Dienste des Königs hervorgetan hat.

Die Königin von Navarra aber kam endlich zur rechten Zeit für den König, der den spanischen Wein schon wieder satt hatte und sich auf französischen Champagner freute. Die Räusche, die er sich daran getrunken hat, gehören nicht zu meiner Geschichte. Ich behalte mir vor, ein andermal zu erzählen, auf welche Art der Legat beider Sünden getilgt hat und was für ein hübsches Sprüchlein die Königin Margarete bei dieser Gelegenheit zum besten gab. Denn sie, die als erste so lustige Geschichten geschrieben hat, verdient eine Nische für sich in dem Heiligtum dieses Buches.

Klar und einfach ist diesmal das Fabula docet. Zunächst lernen wir daraus, daß ein König sich im Krieg nicht gefangennehmen lassen soll, so wenig wie ein Architypos in dem Spiel des Herrn Palamedes; denn es ist klar, daß es keine größere Kalamität und schrecklicheres Unglück für ein Volk geben kann als die Gefangenschaft seines Königs. Wenn es eine Königin gewesen wäre oder gar eine Prinzessin, um wieviel schlimmer noch. Auch bin ich überzeugt, daß so was, außer bei Kannibalen, niemals vorkommt. Denn ist auch nur ein Fünkchen Vernunft dabei, die Blume eines Königreichs im Kerker welken zu lassen? Ich denke viel zu gut von den Teufeleien einer Astaroth, eines Luzifer und andrer, um zu glauben, daß sie während ihrer Regierung auf den satanischen Gedanken gekommen wären, die Freude der Menschheit, das wohltätige Licht, das alle wärmt und tröstet, in ein Loch sperren zu wollen. Und es mußte schon der schlimmste Satan, id est ein altes, böses, ketzerisches Weib, eines Tags auf den Thron kommen, um die schöne Maria von Schottland also einzusperren, zur Schande der gesamten christlichen Ritterschaft, als welche ohne Aufforderung und Aufruf hätte herbeieilen müssen, um von den Mauern von Fotheringhay auch nicht einen Stein auf dem andern zu lassen.

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