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Die dreißig tolldreisten Geschichten ? Zweites Zehent

Honoré de Balzac: Die dreißig tolldreisten Geschichten ? Zweites Zehent - Kapitel 3
Quellenangabe
pfad/balzac/tolldr-2/tolldr-2.xml
typenarrative
authorHonoré de Balzac
booktitleDie dreißig tolldreisten Geschichten ? Erster und zweiter Band
titleDie dreißig tolldreisten Geschichten ? Zweites Zehent
publisherGustav Kiepenheuer Verlag Leipzig und Weimar
printrunErste Auflage
illustratorGustave Doré
year1981
translatorBenno Rüttenauer
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20081104
modified20150212
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Die drei Scholaren von Saint-Nicolas

Der Gasthof ›Zu den drei Karpfen‹ in der Stadt Tours war ehemals der Ort, wo man in der ganzen Stadt am besten aß. Der Wirt war berühmt als Papst aller Bratenkünstler weit und breit; bis Chastellerault, Loches, Vendôme und Blois mußte er alle Hochzeiten mit seinen Brühen würzen. Dieser alte Knickebein, übrigens ein wirklicher und perfekter Meister in seiner Kunst, zündete niemals eine Kerze an, solange es hell war, hätte sogar die Eier geschoren, wenn es möglich gewesen wäre, verkaufte alles und jedes teuer, Haare, Haut und Federn, hatte das Auge überall, ließ sich niemals um eine Zeche prellen und würde um einen Heller zuwenig sogar einem Fürsten Grobheiten gesagt haben.

Sonst war er ein Spaßmacher erster Güte, trank und lachte mit allen, die einen guten Zug in der Gurgel und die Leber auf der Sonnenseite hatten, und stand nie anders als sein Käppchen in der Hand vor Leuten, die reichlich fromme Sprüche im Mund führten als wie: ›Wo du nicht bist, Herr Jesus Christ ...‹ Er ermunterte sie zum Trinken und gab ihnen in lustigen Wendungen zu verstehen, daß der Wein teuer sei, daß man in Touraine nichts geschenkt bekomme, sondern alles kaufen, das heißt bezahlen müsse, kurz, er hätte, wenn es ohne Schande möglich gewesen wäre, angekreidet: soviel für die gute Luft und soviel für die Aussicht. Auch lebte er herrlich und in Freuden mit dem Geld andrer, wurde dick und rund wie ein Maltersack, wenn er voll ist, fett wie ein Schwein und ließ sich mit ›Herr‹ anreden. Nun war es bei der letzten Messe, da erschienen am Ort drei Gesellen, die bei einem Advokaten das Handwerk lernten und eher das Zeug zu drei Spitzbuben als zu einem einzigen Heiligen aufwiesen. Sie hatten schon so viel bei ihrem Advokaten profitiert, daß sie wußten, wie weit man gehen dürfe, ohne mit der Wehsaite der hohen Harfe, die man auch Galgen nennt, in Berührung zu kommen. Gut zu leben und sich lustig zu machen auf Kosten irgendeines Meßkrämers oder sonstiger harmloser Leute war die Beschäftigung, die sie sich vorgenommen hatten.

Diese losen Vögel von Schülern, richtige Teufelsbraten, waren also ihrem Advokaten ausgerissen, bei dem sie in der guten Stadt Angers die Kunst studierten, aus krumm gerade und aus gerade krumm zu machen, und kamen zur großen Messe nach Tours, wo sie in der Herberge ›Zu den drei Karpfen‹ abstiegen, die großen Staatszimmer in Beschlag nahmen, alles zuunterst und zuoberst kehrten, sich als die Verwöhnten aufspielten, auf dem Markt die Lampreten zum voraus für sich aufkaufen ließen und sich als Großkaufleute ausgaben, die bekanntlich, wenn sie reisen, nicht nötig haben, sich mit Waren zu schleppen.

Und der gute Wirt begann zu laufen, zu rennen, den Spieß in Bewegung zu setzen, vom Besten zu zapfen, kurz, ein wahres Advokatenessen für die drei Taugenichtse zuzubereiten, die schon für wenigstens hundert Taler Lärm gemacht hatten und die, wie man sie auch ausgequetscht hätte, nicht mehr von sich gegeben haben würden als zwölf Tourainer Kupferkreuzer, mit denen der eine unter ihnen in der Tasche klimperte.

Aber wenn sie auch kein Geld hatten, fehlte es ihnen doch nicht an andern Hilfsmitteln, und die Rolle von Jahrmarktsdieben wußten sie vortrefflich zu spielen.

Das war ein lustiges Handwerk, und zu essen und zu trinken gab es genug dabei; sie machten sich seit fünf Tagen mit solchem Geschick an die Marktvorräte heran, daß ein Fähnlein Landsknechte weniger verdorben hätte, als sie stibitzten. Jeden Morgen nach dem Frühstück, nach gutem Essen und Trinken, erschienen die drei Schnapphähne auf der Messe, und da war keine Bude, die sie nicht unsicher gemacht hätten. Sie mausten, grapsten, spielten, und dazwischen ergötzten sie sich mit kindischen Streichen, nahmen die Budenschilder ab, um sie auszuwechseln, machten das des Schusters an die Goldschmiedebude und das des Goldschmieds an die Seifensiederbude; sie warfen Staub und Schmutz auf die Waren, reizten und hetzten die Hunde, durchschnitten die Stränge der Pferde vor den Wagen, warfen unversehens eine Katze auf die Köpfe der Menge, schrien plötzlich: »Ein Dieb, haltet den Dieb!« oder fragten jedermann, der ihnen begegnete: »Seid Ihr nicht der Herr Arsch aus Angers?«

Dann gaben sie den Leuten unversehens heimliche Rippenstöße, machten Löcher in die Kornsäcke, suchten ihr Nasentüchlein in den Taschen der Damen, hoben dabei deren Röcke auf, taten, als ob sie ein Juwel suchten, jammerten und sagten: »Ach, es wird sich in ein Loch verkrochen haben.« Sie lockten die Kinder von ihren Eltern weg, tollten umher bis in die tiefe Nacht hinein, belästigten jedermann und bepißten und beschissen, was ihnen nur zugänglich war.

Kurz, der Teufel würde sich vernünftig und wohlerzogen ausgenommen haben neben diesen aus der Schule gelaufenen Strolchen, die sich lieber aufgehängt hätten, als eine ordentliche Handlung zu begehen, also daß es leichter gewesen wäre, von zwei aufeinander loshackenden Advokaten ein Almosen zu erhalten als von ihnen eine gute Tat.

Wenn sie ihres Treibens einmal müde waren, verließen sie das Marktfeld und ließen sich in den ›Drei Karpfen‹ auftragen, was nur das Zeug hielt, Essen und Trinken, bis zur Vesperstunde; darauf kehrten sie mit Fackeln zurück, und nach den Marktleuten kamen die Dirnen und Freudenmädchen daran, denen sie übel mitspielten und denen sie nichts gaben, als was sie erhielten nach dem Axiom des Justinianus: Suum cuique ius tribuere, das heißt, man soll jedem in seiner Münze herausgeben oder, wie es andre übersetzen, Jux mit Jux bezahlen. Endlich beim Nachtmahl, wenn sie niemand hatten, um ihn zu kujonieren, kujonierten und frotzelten sie sich untereinander, weil sie der Sache gar nicht genug kriegen konnten, und beschwerten sich beim Wirt über die Mücken, behaupteten, anderswo seien die Gastgeber so rücksichtsvoll, diese Viecher fein anzubinden, die die Frechheit haben, vornehmen Herren auf die Nase zu scheißen.

Als auf diese Weise ungefähr der fünfte Tag heranrückte, der bei Fiebern der kritische Tag ist, und der Wirt, wie sehr sich auch seine Augen aus ihren Höhlen hervorbohrten, noch niemals ein königliches Antlitz auf Goldgrund bei seinen Kunden gesehen hatte, abgesehen davon, daß noch lange nicht alles Gold ist, was glänzt, fing er an, ein schiefes Gesicht zu schneiden, und sein Gang, wenn die Herren Großkaufleute bestellten, wurde immer langsamer und schleppender. Er befürchtete bereits, ein schlechtes Geschäft mit den Herren zu machen, und begann ihnen ein wenig den Puls zu fühlen.

Als die Spitzbuben das merkten, befahlen sie ihm mit dem Aplomb eines Profosen, der einen armen Strauchdieb hängen läßt, ihnen unverzüglich ein gutes Nachtessen aufzutragen, da sie noch am Abend abzureisen gedächten. Ihre lustige Sicherheit tat bei dem Wirt die Wirkung, daß seine Sorgen ausflogen wie ein Bienenschwarm. Das mußten also doch ernste Leute sein. Er bereitete ein Mahl, das eines Domherrn würdig gewesen wäre, und tat außerdem alles, um sie zu berauschen; denn in diesem Zustand konnte er sie leichter, wenn es je dazu kommen sollte, den Kerkerknechten übergeben. Die drei losen Buben aber dachten nur daran, wie sie sich mit Glimpf aus der Schlinge ziehen könnten, und es war ihnen ungefähr so wohl in ihrer Haut wie einem Fisch im Stroh.

Um so wütender machten sie sich über das Essen und noch mehr über das Trinken her und schielten dabei nach den Fenstern, wie hoch sie seien und ob sie wohl als lose Vögel, die sie waren, durch diese Expedienz davonfliegen könnten; doch mußten sie den Gedanken daran als unausführbar aufgeben. Sie vermaledeiten ihre Lage und strengten vergeblich ihren Witz an. Der eine wollte im Freien unter dem Vorwand einer Kolik seine Hose ein wenig ausklopfen, der andre wollte für den dritten, der eine Ohnmacht heucheln sollte, einen Arzt suchen. Aber der verdammte Wirt war zwischen seinem Herd und dem Saal wie ein Pendel hin und her, ließ die Quidams nicht aus den Augen, machte einen Schritt vor, um von seinem Guthaben zu reden, und wich zwei zurück, um bei den hohen Herren nicht anzustoßen für den Fall, daß es wirklich hohe Herren sein sollten, kurz, benahm sich wie ein Wirt und Erzwirt, der das Geld liebt und die Prügel haßt. Aber unter dem Schein, dienstwillig aufzuwarten, hatte er stets ein Ohr im Saal und einen Fuß im Hof, glaubte jeden Augenblick, daß man ihn rufe, kam herbeigesprungen, sowie er ein Lachen hörte, zeigte ihnen sein breites Gesicht nicht anders, als wie man eine Rechnung vorweist, und sagte unaufhörlich:

»Was gefällig, meine gnädigen Herren?«

Als Antwort auf diese Frage hätten sie ihm am liebsten alle seine Bratspieße in die Gurgel gestoßen, denn er machte Miene, ab ob er recht wohl wisse, was ihnen gefiel oder vielmehr mißfiel in dieser Konjunktur. Diese war aber also beschaffen, daß für zwanzig vollwichtige Taler jeder einzelne ein Drittel seiner Seligkeit gegeben hätte. Nicht anders war es ihnen zumut, als wenn die Bank unter ihnen ein glühender Rost gewesen wäre, solchergestalt brannte ihnen der Hintere und kribbelte es ihnen in den Beinen. Schon hatte ihnen der Wirt die Birnen, den Käse und die Zuckerspeise unter die Nase gestellt; sie aber nippten nur noch an den Bechern, kauten, wie wenn sie Kieselsteine unter den Zähnen hätten, und blickten sich verstohlen an, ob nicht einer von ihnen noch zu guter Letzt, wenn nicht einen guten Dukaten, so doch einen guten Einfall aus dem Sack ziehen werde. Kurz, ihre Lustbarkeit war schließlich eine solche von der ganz traurigen Art. Der Pfiffigste unter ihnen, ein Burgunder, sah wohl, daß die bekannte Viertelstunde des Vaters Rabelais herannahte, er sagte lächelnd: »Meine Herren, ich beantrage Vertagung«, ganz wie wenn er der Vorsitzende einer Gerichtsverhandlung gewesen wäre.

Die andern beeilten sich zu lachen, so wenig es ihnen darum war.

»Was sind wir schuldig?« fragte derjenige, der die schon erwähnten zwölf Kupferkreuzer in seinem Beutel hatte; dabei schüttelte er sie, wie wenn er gehofft hätte, daß sie durch die heftige Bewegung Junge machen könnten.

Er war ein Pikarde, ein zorniger Teufel, der bereit war, unter dem nichtigsten Vorwand Händel anzufangen und den Wirt zu seinem eignen Fenster hinauszuschmeißen, ohne sich ein Gewissen daraus zu machen. Er stieß darum seine Frage in einem unhöflich barschen Ton hervor, wie wenn er eine Rente von tausend Dublonen unter der Sonne besessen hätte.

»Nur sechs Taler«, antwortete der Wirt und machte die Hand hohl.

»Ich werde nicht dulden, Baron, von Euch regaliert zu werden«, sagte darauf der dritte Scholar, der ein Angeviner und voller Listen war wie eine verliebte Frau.

»Noch ich«, rief der Burgunder.

»Ihr scherzt, meine Herren«, entgegnete der Pikarde, »ich bin euer gehorsamer Diener.«

»Schockschwerenot!« rief der Angeviner. »Ihr könnt nicht der Meinung sein, daß wir dreifach bezahlen sollen; unser Wirt würde es nicht annehmen.«

»Ich will euch einen Vorschlag machen, meine Herren«, sprach der Burgunder; »derjenige von uns, der den dreistesten Schwank erzählt, soll die Zeche bezahlen.«

»Und wer soll Richter sein?« fragte der Pikarde, indem er seine zwölf Kreuzer wieder einsackte.

»Unser Wirt natürlich«, beeilte sich der Angeviner zu antworten, »er muß sich darauf verstehen, er ist ein Mann von Geschmack. Auf, Meister Habenichts, setzt Euch dahin, schenkt fleißig ein und leiht uns Eure beiden Ohren. Die Akademie ist eröffnet.«

Und also setzte sich der Wirt zu seinen Gästen an den Tisch und fing sein Amt damit an, daß er sich selber reichlich einschenkte.

»Ich fange an«, sprach der Angeviner.

»In unserm Herzogtum von Anjou sind die Landleute sehr eifrige Anhänger unsrer heiligen katholischen Religion, und kein einziger unter ihnen würde auf seine Ecke im Himmel verzichten, indem er eine Buße versäumte, die ihm aufgegeben worden, oder einen Ketzer nicht erwürgte, wenn er ihm unter die Hände kam. Herrgott, wenn es einem Prediger dieser ›Liffer-loffers‹ einfallen sollte, sich in der Gegend sehen zu lassen, er müßte schnell ins Gras beißen und hätte nicht Zeit, sich vorher umzusehen, von wo der Junker Tod herkam. War also da ein Mann aus Jarzé, der kam eines Abends von der Vesper zurück, die in der Schenke ›Zum goldenen Tannenzapfen‹ gesungen wurde, und hatte mit dem Geist des Weins die viel schwächeren Geister, als Verstand, Besinnung und Gedächtnis, vollständig aus seinem Gehirn verjagt, derart, daß er sich vor seinem Hause in seine Mistlache legte, weil er sie mit seinem Bett verwechselte. Einer seiner Nachbarn, Godenot mit Namen, sah ihn dort liegen, als er schon fast eingefroren war, denn die Adventszeit hatte längst begonnen.

›Auf wen wartest du denn da?‹ fragte er scherzend.

›Auf Tauwetter‹, antwortete der Betrunkene, da er merkte, daß ihm die Krallen des Eises den Hals umklammerten.

Godenot war ein guter Christ, er befreite den Nachbar aus seiner eisigen Umkrallung und öffnete ihm die Türe seines Hauses, nicht zum wenigsten aus Hochachtung für den Wein, der der Patron unsers Landes ist. Drinnen aber fiel der gute Mann in das Bett seiner Magd, die jung war und nicht aus dem Munde roch. Er glaubte bei seiner Frau zu sein, der Wein in ihm tat seine Wirkung, und als erfahrener Pflüger, der er war, erstaunte er nicht wenig, so unvermutet auf jungfräulichen Boden zu stoßen, wo er doch glaubte, schon so oft nicht nur gepflügt, sondern auch geerntet zu haben.

Darüber erwachte die Frau und erhob ein ketzerisches Geschrei. Da merkte der Gute, daß er in einen neuen Irrtum gefallen und zum andern Male den Weg des Heils verfehlt habe, worüber der arme Pflüger so unglücklich wurde, daß es gar nicht auszusprechen ist.

›Ah!‹ rief er aus, ›Gott straft mich, weil ich neben die Kirche gegangen bin.‹ Dann entschuldigte er sich bei seiner Alten mit dem Wein, der seinem Hosenlatz das Gedächtnis verwirrt habe, und indem er zu seiner Frau unter die Decke kroch, versicherte er, daß er seine liebste Kuh darangäbe, um sich diesen Stein vom Gewissen zu wälzen.

›Das ist weiter nichts‹, sagte die Frau, bei der sich die Magd ausredete, indem sie behauptete, von ihrem Schatz geträumt zu haben. Sie bekam nichtsdestoweniger gehörig den Buckel voll, damit sie sich in Zukunft so lebhafte Träume abgewöhne. Der Mann aber, dem seine Sünde immer schwerer auf der Seele lastete, jammerte und weinte, teils weil er das besoffene Elend hatte, teils aus frommer Zerknirschung.

›Beruhige dich, dummer Schatz‹, sagte die Frau, ›geh morgen früh zur Beichte, so wird alles vergeben und vergessen sein.‹

Und also macht sich der gute Mann am andern Morgen auf, kommt in die Kirche, drückt sich scheu in den Beichtstuhl und erzählt in Demut seinen Fall dem Pfarrer, einem guten alten Priester, begabt genug, um dem lieben Gott im Jenseits als Pantoffel zu dienen.

›Irren ist menschlich‹, sagt der Priester, ›du sollst morgen fasten, und so spreche ich dich los und ledig.‹

›Fasten!‹meinte der Gevatter, ›mit Vergnügen, das erstreckt sich nicht aufs Trinken.‹

›Oho!‹ rief der Pfarrer, ›so war's nicht gemeint, du wirst fasten bei einem Viertel Brot und einem Apfel, und dazu magst du Wasser trinken, soviel dich gelüstet.‹

Und der Gevatter, der seinem Gedächtnis immer noch nicht recht traute, machte sich auf den Heimweg, die ihm auferlegte Buße immer vor sich hinmurmelnd. Im Anfang sagte er sein Sprüchlein auch ganz richtig:› in Viertel Brot und einen Apfel‹, ›ein Viertel Brot und einen Apfel‹; aber durch die ewige Wiederholung wurde er irre, und als er zu Hause anlangte, war er auch glücklich bei der Umkehrung angelangt:

›Einen Laib Brot und einen Viertelapfel‹, ›einen Laib Brot und einen Viertelapfel.‹

Er machte sich also daran, seine Fasten zum Heil seiner Seele zu beginnen. Die gute Hausfrau hatte ihm von der Brotkammer einen Laib, und nicht den kleinsten, ebenso von der Hürde einen Apfel heruntergelangt, und langsam und bedächtig fing er an, mit dem Säbel des Kain zu hantieren. Als aber noch ein Viertel des Brotes übrig war, wußte er wahrlich nicht mehr, wo er damit hin sollte, denn schon hing ihm die Menge des Verschlungenen zum Hals heraus. Seine Frau meinte, daß Gott ja nicht den Tod des Sünders wolle, und wegen eines Trumms mehr oder weniger würde es nicht gleich um die ewige Seligkeit gehen.

›Schweig, Versucherin!‹ rief er, ›und wenn ich verrecken muß, ich will mein Fasten halten.‹«

»Ich habe meine Schuldigkeit getan, an dir ist die Reihe, Baron ...«, fügte der Angeviner hinzu, indem er dem Pikarden listig zublinzelte.

»Die Kannen sind leer«, bemerkte der Wirt; »holla, Küfer, Wein her!«

»Bibamus, trinken wir!« rief der Pikarde, »besser fließt eine angefeuchtete Rede als eine trockene.«

Er schüttete sich seinen vollen Becher hinter die Halsbinde, daß auch nicht die Nagelprobe zurückblieb, und nachdem er wie alle berühmten Redner sich geräuspert, begann er also:

»Ihr müßt wissen, daß bei uns in der Pikardie die jungen Mädchen, ehe sie eine eigene Haushaltung anfangen, sich ihre Kleider, Geräte, Schränke, kurz, die ganze Heiratsausstattung selber zu verdienen pflegen. Zu diesem Zwecke nehmen sie Dienste in guten Häusern, sei es zu Peronne, zu Abbeville, Amiens und andern Städten; da werden sie Zimmermädchen, schwenken die Gläser, spülen die Schüssel, mangeln und bügeln das Weißzeug, tragen das Essen auf und lassen sich selber auftragen, was es nur aufzutragen gibt. Sie sind dann sehr begehrt von den Männern, da sie manches gelernt haben, was zur Ehe und Wirtschaft gehört, und außerdem in den Haushalt etwas mitbringen. Das gibt die besten Hausfrauen der Welt, sie kennen den Rummel im voraus.

Da war denn eine aus dem Dorf Azonville, demselben, wo mein Schloß und mein Gut liegt, das mir erb- und eigentümlich zugehört. Diesem Dirnlein hatte man von Paris erzählt, allwo sich niemand bücke wegen eines Weißgroschens und wo man schon satt werde, wenn man nur an den Garküchen vorüberging, so fett und nahrhaft sei da die Luft. Setzte sich darum die Kleine in den Kopf, nach Paris zu gehen, in der Hoffnung, von dort ein Vermögen mit nach Hause zu bringen. Sie machte sich also auf den Weg mit ihren zierlichen Füßen und kommt denn auch, ihr Körbchen am Arm, das wohlgefüllt war mit nichts und wieder nichts, wohlbehalten vor den Toren an, das heißt vor einem unter ihnen, das nach dem heiligen Dionysius genannt ist.

Hier befand sich gerade ein Fähnlein Landsknechte auf Posten, denn es war wieder einmal große Unruhe im Land wegen der Ketzer und Hugenotten, die nicht nur in ihren Predigten, sondern auch um ihre Predigten wie von jeher alle Ketzer ein ewiges Wesen und Gerumor machten. Wie nun der Weibel die Dorfpomeranze im weißen Häubchen erblickt, schiebt er seinen Schlapphut aufs rechte Ohr, schüttelt die Feder zurecht, dreht sich den Schnurrbart in die Höhe, wirft sich in die Brust, macht ein Paar Augen wie Holofernes, stemmt die Arme in die Hüften und hält kurzerhand die Pikardin an, wie wenn er sich überzeugen müsse, ob sie vielleicht ihre Jungfernschaft bei sich habe, womit sie ohne Zoll nicht eingelassen werden dürfte. Scherzend, aber mit strenger Miene fragte er sie, in welcher Absicht sie komme; wie wenn er sie für fähig gehalten hätte, Paris im Sturm einzunehmen. Das unschuldige Mädchen antwortete, daß sie eine gute Stelle suche, um sich etwas zu verdienen, daß sie aber gewiß nichts Böses im Schild führe.

›Das habt Ihr gut getroffen, Gevatterin‹, sagte der Spaßvogel, ›ich bin Euer Landsmann, Ihr könnt bei mir eintreten, man wird Euch behandeln, wie eine Königin nur wünschen kann, öfter behandelt zu werden, und überdies sollt Ihr nicht leer ausgehen.‹ Er führte sie dann in die Wachtstube und sagte ihr, daß sie den Boden zu kehren, die Töpfe zu spülen, das Feuer anzumachen und sonst zu tun habe, was es zu tun gebe; dafür solle sie einen halben Taler von jedem seiner Leute bekommen, wenn man mit ihrem Dienst zufrieden wäre. Die Mannschaft sei hier für einen Monat, sie könne also einen Haufen Geld gewinnen. Außerdem könne sie bei den andern bleiben, die nachfolgten und die sie jedenfalls auch nicht schlechter behandeln würden, also daß sie eines Tages, beladen mit Gold und vielen Geschenken, lauter Pariser Artikeln, in ihre Heimat zurückkäme. Sofort machte sich das gute Mädchen daran, die Stube zu kehren, alles zu reinigen, das Essen zuzurichten, dabei immer trillernd und zwitschernd, dergestalt, daß die Soldaten ihre Spelunke am Abend wie umgewandelt fanden; und wahrlich: im Refektorium einer Benediktinerabtei hätte es nicht netter und sauberer aussehen können. Sie waren auch sehr zufrieden, und jeder zahlte mit Vergnügen den ausbedungenen Lohn.

Sie setzten sich zum Schmaus, und nach einem reichlichen Zechen hießen sie das Mädchen schlafen gehen im Bette ihres Kommandanten, der in der Stadt bei seiner Frau zu Besuch war. Als philosophische Soldaten, id est solche, die in alles verliebt sind, was vernünftig ist, brachten sie das gute Kind unter viel Besorgtheiten, Aufmerksamkeiten und Zärtlichkeiten unter die Decke, und um Streit und Händel zu vermeiden, zogen sie das Los, und nach der Ordnung der gezogenen Nummern, hübsch friedlich in der Reihe, einer nach dem andern, gingen sie ohne Lärm und Getöse in die Kammer zu der Pikardin, jeder wohlversehen mit seiner Pike.

Das war ein harter Nachtdienst für das gute Mädchen, wie sie ihn nicht gewohnt war; aber sie hielt tapfer aus auf ihrem Posten und schloß die ganze Nacht nicht das Auge noch anderes. Gegen Morgen, nachdem sie die Landsknechte eingeschlafen sah, erhob sie sich von ihrem Lager, glücklich, mit ganzer Haut davongekommen zu sein; und nur ein wenig ermüdet von den Strapazen der Nacht, machte sie sich mit ihrem Lohn auf den Weg, wo sie das freie Feld gewann und bald einer Freundin begegnete, die, lüstern gemacht durch der andern Beispiel, ebenfalls im Begriffe stand, in Paris ihr Glück zu suchen, und sie über den Dienst befragte. ›Ich rate dir, Perrine, bleib weg‹, sagte die Gewitzigte, ›da muß man einen eisernen Hintern haben, und dann hält er's noch nicht aus. ‹«

»An dir ist die Reihe nun, Dickbauch von Burgund«, rief der Pikarde, indem er seinem Nachbar auf den dicken Podex einen Klatsch versetzte wie ein Feldweibel; »huste uns deine Geschichte oder bezahle.«

»Bei der Königin der Knackwürste!« rief der Burgunder. »Bei meiner Treue! Bei der Pest! Bei Gott! Beim Teufel! Ich weiß nur Historien vom Hof von Burgund, und die haben nur Kurs zusammen mit unsrer burgundischen Münze.«

»Brav, Kamerad«, schrie der andre, »wir sind hier nicht in Abstinenzlingen ...« Und er wies den Wirt auf die leeren Kannen.

»Ich werde euch also ein Abenteuer erzählen, das in Dijon jedermann kennt und das sich zugetragen hat in der Zeit, wo ich dort ein Kommando hatte; auch hat es gewiß irgendein Schreiber in ein Buch gesetzt. War da ein gewisser Gerichtsbüttel namens Muffler, dessen Haut war nichts als ein alter Sack voller Niederträchtigkeiten, er brummelte, schimpfte, fluchte in einem fort, machte jedem ein Gesicht, wie wenn er ihn fressen wollte, und nie geschah es, daß er einem armen Teufel, den er zum Galgen führte, den Weg durch einige lustige Scherze verkürzt hätte; kurz, er war ein Kerl, um auf einem Kahlkopf Läuse und sogar beim lieben Gott Fehler zu finden.

Diesem Meister Muffler, so ziemlich der Abscheu von jedermann, fiel es eines Tages ein, sich eine Frau zu nehmen, und aus Zufall geriet er an eine, die zart und weiß war wie die Haut einer Zwiebel und die, als sie die Schäbigkeit und Hinfälligkeit des alten Schinderhannes sah, sich mehr Mühe gab, sein Haus zu einer Wohnung des Glücks zu machen, als eine andre getan hätte, um seinen Kahlschädel in einen Wald hörnerner Gewächse zu verwandeln.

Aber obwohl sie sich eine Lust daraus machte, ihm in allen Stücken gehorsam zu sein, und um des lieben Friedens willen ihm am liebsten lauter Goldstücke in den Nachttopf gemacht hätte, wenn es Gottes Wille gewesen wäre, hatte das Scheusal dennoch fortwährend an ihr auszusetzen und war mit Prügel so verschwenderisch gegen die gute Bettgenossin wie ein Schuldenmacher mit Versprechungen am Verfalltag. Diese Mißhandlungen hörten nicht auf, trotz der Engelsgeduld der armen Frau und ihrer Sorgen und Mühen; sie konnte sich aber mit der Zeit keineswegs daran gewöhnen und nahm endlich ihre Zuflucht zu ihren Verwandten.

Als darauf die Familie im Hause des Büttels erschien, erklärte dieser, daß seine Hausfrau halb blödsinnig sei, daß er nichts als Ärger und Verdruß mit ihr habe und daß sie ihm das Leben unerträglich mache; bald wecke sie ihn mitten im Schlaf auf, bald ließe sie ihn, ohne ihm aufzuschließen, in Nebel und Kälte vor der Türe warten. Nie seien seine Sachen in Ordnung. Überall fehlten die Knöpfe und die Haften. Seine Wäsche verschimmele, der Wein werde zu Essig, das Holz sei nie trocken, das Bett knarre, um es nicht auszuhalten, kurz, es sei ein Elend. Auf diese niederträchtigen Reden antwortete die Frau damit, daß sie Kleider, Wäsche und alles vorzeigte, da fehlte es nirgends am Richtigen. Der Gerichtsbüttel aber gab sich nicht geschlagen, er behauptete, daß sie ihn schlecht behandle, daß das Essen nie rechtzeitig bereit sei, daß die Fleischbrühe keine Augen habe und daß niemals die Suppe anders als kalt auf den Tisch komme. Wenn Wein da sei, fehlten die Gläser, und zu den Gläsern gäbe es keinen Wein. Das Fleisch sei halb roh, nichts sei mit Liebe zubereitet, der Senf sei schimmlig, in den Brühen fände er Haare, das Tischtuch sei so unsauber, daß ihn ekele; nichts könnte sie machen, wie es seinem Geschmack entspräche. Die Frau, aufs höchste bestürzt, wies die ungerechten Anschuldigungen zurück, so gut und so höflich sie konnte.

›Was?‹ schrie er, ›du leugnest noch, du Sudelgans? Gut, ich lade euch alle für heut abend hier zum Essen ein; da mögt ihr dann urteilen. Wenn sie's auch nur das eine Mal fertigbringt, mich zufriedenzustellen, will ich unrecht haben in allem und jedem, will nie wieder die Hand gegen sie erheben, sie mag die Hosen anziehen und den Pantoffel schwingen, ich werde ihr das Kommando abtreten.‹

›Gott sei gelobt‹, sprach sie in der Freude ihres Herzens, ›so werde ich von nun an nicht mehr Magd, sondern Herrin sein.‹

Der Ehemann, der mit der weiblichen Natur und Schwäche rechnete, befahl, daß der Tisch im Hof unter der Weinlaube gedeckt werden solle; wenn sie sich dann auf dem weiten Hin- und Hergange verspätete, wollte er ein Mordsgeschrei machen.

Die gute Hausfrau nahm alle fünf Zipfel zusammen. Die Schüsseln waren blank, um sich drin zu spiegeln, der Senf war frisch und vorzüglich angemacht, das Essen war gekocht mit aller Kunst, es kam so heiß auf den Tisch, um sich die Zunge daran zu verbrennen, und war appetitlich wie eine verbotene Frucht. Die Gläser blinkten, der Wein war richtig abgekühlt, blank und funkelnd, mit einem Wort, die Mahlzeit würde der Köchin eines Bischofs Ehre gemacht haben. – Die Frau aber war gerade daran, am Tischtuch das letzte Fältchen zu glätten und, wie gute Hausfrauen pflegen, über das Ganze zum Überfluß noch einen Blick zu werfen, als ihr Mann an die Türe klopfte. Nun war aber ein vermaledeites Huhn auf das Weingeländer geflogen, um sich an den süßen Trauben seinen Nachtisch schon vor Tisch zu nehmen, und siehe, diese Kanaille ließ im letzten Augenblick einen wüsten Haufen Schmutz mitten auf das weiße Tischtuch fallen.

Die gute Frau fühlte sich aus Verzweiflung einer Ohnmacht nahe; sie wußte sich nicht anders zu helfen, als daß sie auf die Schweinerei, die ihr das Vieh gemacht, rasch einen Teller setzte und ihn mit den Früchten füllte, wovon sie alle Taschen voll hatte, unbekümmert darum, daß die Symmetrie ein wenig gestört wurde. Damit niemand etwas bemerke, trug sie rasch die Suppe auf, lud jeden auf seinen Platz und wünschte freundlich: ›Gesegnete Mahlzeit!‹ Da waren alle voll Bewunderung über die schöne Ordnung und die guten Schüsseln, nur der Satan von Ehemann machte ein finsteres Gesicht, runzelte die Stirn und trommelte mit den Fingern auf dem Tischtuch, brummte und ließ seine Augen herumgehen wie ein Spion, ob er nicht etwas fände, womit er seine Frau vernichten könne. Da nahm sich die Frau ein Herz, denn diesmal in Gegenwart ihrer Verwandten war sie ihrer Sache sicher und durfte ihren Tyrannen einmal ungestraft ein wenig ärgern.

›Nun‹, sagte sie, ›ist das Essen nicht recht, ist es nicht vorzüglich zubereitet, ist das Tischtuch nicht tadellos weiß? Ist das Salzfaß nicht frisch gefüllt? Sind die Krüge nicht geschwenkt, der Wein nicht frisch, das Brot nicht braun wie Gold? Was fehlt noch? Was sucht Ihr? Wonach schaut Ihr aus? Was könnt Ihr noch wünschen? Nun, so sagt doch, was wollt Ihr noch?‹

›Einen Dreck!‹schrie er, rot vor Zorn.

Hob schnell die Hausfrau jenen Teller auf und antwortete:

›Hier, mein Freund.‹

Da wurde der Büttel ganz kleinlaut, er dachte, der Teufel müsse in seine Frau gefahren sein. Von den Verwandten bekam er strenge Vorwürfe, sie gaben ihm schwer unrecht, sagten ihm tausend Dinge, die er lieber nicht gehört hätte, und gossen in einer Spanne Zeit soviel Hohn und Spott über ihn aus, als ein Aktuarius in einem Monat nicht aufzuschreiben vermocht hätte.

Seit diesem Tage vertrug sich der Büttel aufs beste mit seiner Frau, denn wie er nur das Maul verzog, fragte sie: ›Willst du wieder einen Dreck, mein Lieber?‹«

»Wer hat das Unglaublichste erzählt?« rief der Angeviner, indem er dem Wirt auf die Schulter klopfte, als ob er einen Ochsen töten wollte.

»Er selber, er selber!« riefen die beiden andern.

Und dann fingen sie an zu disputieren wie Kirchenväter auf einem Konzil, gerieten sich in die Haare, warfen sich die Krüge an den Kopf, alles nur als Vorspiegelung natürlich, um von ihrer Bank loszukommen und im Gewühl der Schlacht sich unvermerkt zu drücken und das Weite zu gewinnen.

»Laßt mich entscheiden!« rief der Wirt, der sich bedenklich hinter den Ohren kratzte, daß nur noch von Erzählung und nicht mehr von Zahlung die Rede war. Sie mußten innehalten.

»Ich will euch eine bessere Geschichte zum besten geben, und ihr sollt mir nur zehn Groschen zahlen auf den Kopf.«

»Hören wir den Wirt!« rief der Angeviner.

»Es war einmal«, begann der Wirt, »in unsrer Vorstadt hier und der Pfarrei Notre-Dame La Riche, zu der auch meine Gastwirtschaft gehört, ein hübsches Mädchen, das außer seinen körperlichen Vorzügen einen schönen Sack voll Taler sein eigen nannte. Kaum alt und groß genug für die Würde und Bürde der Ehe, wurde sie auch schon von mehr Verliebten umschwärmt, als der Opferstock von Sankt Gatian am Tag der Ostern Pfennige enthalten mag. Sie wählte sich nun einen aus, der, mit Respekt zu vermelden, die Arbeit von zwei Mönchen, ihr wißt schon was für eine, zu leisten imstande war. Sie wurden bald handelseinig, und die Hochzeit stand nahe bevor. Aber die Verlobte sah der Brautnacht nicht ohne geheime Besorgnis entgegen. Sie litt nämlich an einer ärgerlichen Schwäche. In den Minengängen ihrer Kellerwohnung sammelten sich allzu häufig nichtsnutzige und ungeduldige Gase, die sich von Zeit zu Zeit mit Bombenknall entluden.

Sie war darum in höllischer Angst, ein solcher vermaledeiter und vorlauter Windbeutel könnte in der gedachten Brautnacht ein Wort mitreden wollen, ohne daß er gefragt worden, und sie entschloß sich endlich, ihren Fall der Mutter zu gestehen, ob sie ihr vielleicht raten und helfen könne. Die gute Dame gestand ihr, daß diese Schwäche erblich sei in der Familie, daß sie selber seinerzeit viel darunter gelitten, daß ihr aber Gott in vorgerückterem Alter die Gnade verliehen, ihr Ventil in ihrer Gewalt zu haben, und daß ihr seit sieben Jahren, wo sie sich mit dem letzten sozusagen von ihrem sterbenden Manne verabschiedet, kein einziger Laut oder kein lauter Einziger mehr entschlüpft sei.

›Ich habe aber auch‹, sagte sie, ›von meiner Mutter ein sicheres Rezept erhalten, um den unberufenen Schreihälsen und vorlauten Trompetern das Maul zu stopfen, daß sie kaum mehr piepsen konnten, sondern sich leise und unvermerkt davondrücken mußten. Da ist dann, vorausgesetzt, daß sie nicht riechen, das Unglück vollständig abgelenkt. Das Rezept aber besteht darin, die windigen Gesellen kleinzukriegen, nämlich wenn sie sich melden, sie so lange zurückzuhalten, bis sie quasi ganz mürbe werden und keine Kraft mehr haben, also daß sie sich schämen und sich davonstehlen wie der Dieb in der Nacht. Man nennt das in unserer Familie: einen streichen lassen.‹

Die Tochter bedankte sich bei ihrer Mutter und war glücklich, in die Tradition und Geheimwissenschaft ihrer Familie eingeweiht zu sein. Das Hochzeitsmahl war gut, sie aß für sieben, also daß sie nach und nach, ohne dran zu denken, geladen war wie der Blasbalg einer Orgel in dem Augenblick, wo der Pfaff sein ›introibo ad altare dei‹ anstimmt. Im Brautgemach nahm sie sich nun vor, die Bälge unmerklich etwas zu erleichtern in der kurzen Spanne Zeit, in der sie noch in dem Bett allein war, aber die bösen Windteufel trutzten und zeigten sich hartnäckig. Kam alsdann der Bräutigam, und los ging die lustige Schlacht, wo man mit zwei Dingen tausend Dinge macht, wenn man kann. Gegen die Mitte der Nacht wollte sich die Neuvermählte plötzlich unter irgendeinem Vorwand erheben, sie wollte gerade ein Bein über den Bräutigam hinwegsetzen, als es eine Explosion gab und einen derartigen Knall tat, daß ihr geglaubt haben würdet, die Balken der Decke seien geborsten.

›Ha‹, sagte sie, ›das habe ich schlecht gemacht.‹

›Gut hast du's gemacht, mein Schatz‹, antwortete ich, ›aber geh ja sparsam damit um, du kannst als Kanonier spielend dein Brot verdienen ...‹ Die Neuvermählte war meine Frau.«

Und die Scholaren brachen in ein schallendes Gelächter aus. Sie lachten, bis ihnen das Zwerchfell weh tat. Dann konnten sie nicht genug Ausdrücke des Lobes finden.

»Hast du je einen tolleren Schwank gehört, Baron?«

»Ah, welch eine Geschichte!«

»Das heiß ich mir eine Geschichte.«

»Eine wahre Erz- und Kardinalgeschichte.«

»Die Königin aller Geschichten.«

»Ha, jede andre Geschichte muß sich schämen vor dieser Geschichte.«

»In Zukunft wird kein Mensch mehr andre als Herbergsgeschichten hören wollen.«

»Bei meinem Christentum, das ist die beste Geschichte, die ich in meinem Leben gehört habe.«

»Wahrhaftig, ich höre den Knall.«

»Ich, ich rieche ihn.«

»Ich möchte das Register küssen.«

»Wahrlich, Herr Wirt«, sprach feierlich der Angeviner, »nun können wir nicht abreisen, ohne die schöne Frau Wirtin gesehen zu haben, und wenn wir nicht auch noch verlangen, ihr das wunderbare Instrument zu küssen, so geschieht es nur aus Respekt vor dem kunstreichen Erzähler.«

Und also standen sie alle zusammen und machten den Wirt ganz närrisch wegen seiner Erzählung und sagten soviel Schmeichelhaftes über ihn und seine Frau, daß der Mann vom Bratenspieß, den das franke Lachen und soviel Beifall kirre machten, zuletzt nicht widerstehen konnte und die Treppe hinaufrief, daß doch seine Frau ein wenig herunterkommen möge. Sie hütete sich aber.

»So laßt uns zu ihr hinaufsteigen«, rieten arglistig die drei Schnapphähne.

Sie erhoben sich, der Wirt nahm das Licht und stieg voran die Treppe hinauf, um ihnen zu leuchten und den Weg zu zeigen. Aber die Spitzbuben, die gemerkt hatten, daß die Hoftüre unverschlossen geblieben war, verschwanden leise wie Schatten und ließen es dem Wirt anheimgestellt, sich in der klingenden Münze seiner Frau bezahlt zu machen.

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