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Die dreißig tolldreisten Geschichten ? Zweites Zehent

Honoré de Balzac: Die dreißig tolldreisten Geschichten ? Zweites Zehent - Kapitel 12
Quellenangabe
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typenarrative
authorHonoré de Balzac
booktitleDie dreißig tolldreisten Geschichten ? Erster und zweiter Band
titleDie dreißig tolldreisten Geschichten ? Zweites Zehent
publisherGustav Kiepenheuer Verlag Leipzig und Weimar
printrunErste Auflage
illustratorGustave Doré
year1981
translatorBenno Rüttenauer
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20081104
modified20150212
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Der Sukkubus

I. Was das war, der Sukkubus

† In nomine Patris, et Filii, et Spiritus Sancti. Amen.

Im Jahre nach Unsres Herrn Geburt Eintausendzweihundertundeinundsiebzig. Vor Uns, Hieronymus Cornill, Groß-Pönitentiario und oberstem Strafrichter in kirchlichen Angelegenheiten und Bevollmächtigtem des Kapitels von St-Maurice, der Kathedrale von Tours, sind heut auf Unsre Vorladung, nachdem Wir zuvor Beratschlagung gepflogen mit Unsrem gnädigen Herrn, dem Erzbischof, über die Beschwerden mehrerer Bürger der Stadt, deren Klageschrift unten angefügt ist: sind erschienen einige Edelleute, Bürger und Bauern der Diözese und haben die unten folgenden Aussagen gemacht über die großen Ausschweifungen und Ausschreitungen eines Dämons in Weibsgestalt, der den Seelen der Diözese ein groß und schwer Ärgernis gegeben und in diesem Augenblick festgehalten ist in dem Gefängnis des Kapitels. Und haben Wir darum zur Feststellung und Bekräftigung der Wahrheit am heutigen Montag, dem 11. Dezember, nach der Messe dies gegenwärtige Verhör eröffnet und zu Protokoll gebracht zu dem Zweck und Ende, daß die Aussagen der Geladenen und Augenzeugen dem Dämon zur Beantwortung vorgelegt und das Urteil über ihn gefällt werde kraft Unsrer Gesetze contra daemonios.

Bei diesem Verhör war gegenwärtig und mit der Niederschrift des Protokolls beauftragt der gelehrte Herr Guillaume Tournebouche, Rubrikator im Archiv des Kapitels, ein gelehrter Mann.

Und ist als erster vor Uns erschienen ein gewisser Jehan Tortebras, ein Bürger von Tours, der mit obrigkeitlicher Genehmigung die Herberge ›Zum Storchen‹ auf dem Platz bei der großen Brücke hält, und hat, seine rechte Hand auf den heiligen Evangelien, beim Heil seiner Seele geschworen, daß er nichts aussagen wolle, als was er selber gesehen und gehört hat. Er hat dann ausgesagt und bezeugt wie folgt:

»Ich sage aus, daß ungefähr zwei Tage vor Sankt Johannis, wo wir die Freudenfeuer anzünden, ein Edelmann mich aufsuchte, der mir beim ersten Blick unbekannt vorkam, der aber, wie ich nachher erfuhr, zum Hof des Königs gehörte und vor kurzem aus dem Heiligen Lande zurückgekehrt war. Dieser Edelmann machte mir den Vorschlag, ihm ein mir gehöriges und von mir selber erbautes Landhaus bei Saint-Etienne, das dem Kapitel zinspflichtig ist, zur Miete zu überlassen, und hat dieser Edelmann besagtes Landhaus für die Dauer von neun Jahren in Pacht genommen und dafür drei gute goldene Pfennige hinterlegt, worauf er mit einem sehr schönen Weibsbild, das ihm zu gehören schien, sich dort eingerichtet hat.

Dieses Luder hatte ganz das Aussehen einer leibhaftigen Frau, war nach sarazenischer und mohammedanischer Mode gekleidet, hatte einen seltsamen Kopfputz aus bunten Federn, eine unnatürliche Hautfarbe und Augen, die so verzehrend brannten wie das höllische Feuer, was ich alles nur in einem kurzen Augenblick wahrnehmen konnte, da der edle jetzt verstorbene Herr, mein Mieter, niemand dieser schönen Zauberin weiter, als eine Armbrust trägt, nahe kommen ließ und jeden mit dem Tode bedrohte, der es sich einfallen lassen sollte, an besagtes Haus auch nur von ferne zu schnüffeln. So habe ich aus großer Furcht mich ferngehalten und habe bis zum heutigen Tage meine Vermutungen und Zweifel über die seltsame Frauensperson, die so schön war, wie ich nie etwas Ähnliches gesehen, in meinem Innern verwahrt.

Gegenüber den Reden gewisser Leute von allerlei Herkunft, welche behaupten, der edle Herr sei überhaupt schon tot gewesen und nur durch Salben, zauberische Tränklein und teuflische Hexereien von diesem Satan, der in Weibsgestalt unser Land heimsuchen wollte, bei einem künstlichen Leben erhalten worden, erkläre ich hiermit, daß ich den edlen Herrn immer so bleich gesehen, daß ich seine Gesichtsfarbe nur mit der Farbe einer Osterkerze vergleichen konnte. Wie alle meine Leute in der Herberge ›Zum Storchen‹ wissen, hat man den Ritter neun Tage nach seiner Ankunft begraben. Nach Aussage seines Stallmeisters ist der Verstorbene vor seinem Tode ohne Unterbrechung volle sieben Tage in der Verkuppelung mit der genannten Mohrin verharrt, und ich selber habe das Geständnis dieser Scheußlichkeit, als ihm schon der Tod auf den Lippen saß, aus seinem eignen Munde vernommen.

Einige sagten damals, daß diese Teufelin den edlen Herrn mit ihren langen Haaren über sich festgebunden; daß in diesen Haaren das höllische Feuer wohnt, das sich in Gestalt von Liebesraserei den armen Christenmenschen mitteilt und ihnen so lange zusetzt, bis ihnen die Seele aus dem Leibe fährt, eine reife Frucht für die Hölle. Aber ich muß bekennen, daß ich davon nichts wahrgenommen, daß ich aber den Ritter gesehen, wie er, halbtot, ausgemergelt, hüftenlahm, nicht mehr imstande sich zu rühren, in Gegenwart seines Beichtvaters immer wieder nach dem Weibsbild verlangte. Dieser Ritter aber wurde als der edle Herr von Bucil erkannt, der ins Heilige Land gezogen war und der dort, so sagen die Leute, in dem Lande Damaskus oder anderswo im Asiatischen dem Zauber eines Dämons anheimgefallen ist.

Gemäß den Klauseln, wie sie in unserm Mietsvertrag verzeichnet waren, habe ich der unbekannten Dame mein Haus überlassen, und da der Gestrenge nicht mehr am Leben war, habe ich es gewagt, mich in mein Haus zu begeben, um die Fremde zu fragen, ob sie den Wunsch habe, ferner in meiner Wohnung zu verbleiben. Es gelang mir nur unter vielen Schwierigkeiten, sie zu sehen. Ich wurde durch einen halbnackten schwarzen Mann mit weißen Augen zu ihr geführt. Da saß sie auf einem asiatischen Teppich, in einem mit Gold und Edelsteinen übersäten Gewand, das seltsam flimmerte und glitzerte, aber sie nur wenig bekleidete, und neben ihr ein neuer Edelmann, der seine Seele, das sah ich, bereits ganz und gar an sie verloren hatte. Ich wagte kaum sie anzuschauen, da ich merkte, wie mich schon ihre Augen behexten, wie ihre Stimme mir das Herz im Leibe umdrehte, das Gehirn verwirrte und die Seele verbrannte. Ich lief also auf und davon aus Furcht Gottes und der Hölle, überließ ihr mein Haus, solange sie es haben wollte, und hatte seitdem nie mehr den Mut, es wieder zu betreten, so sehr fürchtete ich mich davor, diese braunhäutige Mohrin zu sehen, die wie geladen schien mit Feuer und Funken, diesen kleinen Fuß, der viel zu klein ist, als daß er einer wahrhaftigen Frau gehören könnte, diese Stimme zu hören, die alle Eingeweide in Aufruhr brachte. Und wahrlich, ich hätte gefürchtet, mich geradewegs in den Abgrund der Hölle zu stürzen, wenn ich es gewagt haben würde, den Fuß über die Schwelle meines Hauses zu setzen. Ich habe gesprochen.«

Dem genannten Jehan Tortebras haben Wir sodann einen abessinischen, äthiopischen oder nubischen Mann vorgeführt, der schwarz vom Kopf bis zu den Füßen war und beraubt seiner Vorteile der Männlichkeit, mit denen gute Christenmenschen sonst versehen sind. Und haben Wir aus diesem schwarzen Afrikaner nach mehrfach angewandter Tortur, wobei er viel gestöhnt und gejammert, aber nichtsdestoweniger in ein hartnäckiges Stillschweigen sich versteift hat, so viel herausgebracht und ihn überführt, daß er die Sprache unsres Landes nicht sprechen konnte.

Besagter Tortebras hat ausgesagt und beglaubigt, den abessinischen Heiden in seinem Hause in Gesellschaft des weiblichen Teufels gesehen zu haben, und liegt daher die Vermutung nah, daß dieser Teufel in schwarzer Gestalt dem andern Helfershelfer und Sozius war.

Hat darauf besagter Tortebras bei dem heiligen katholischen Glauben geschworen, außer den bereits notierten Punkten nichts weiter zu wissen, als vom Hörensagen die verschiedenen umlaufenden Gerüchte, wie sie jedermann bekannt sind.

Ist sodann auf Unsre Vorladung erschienen ein sicherer Mann namens Matthias, genannt Cognefestu, Taglöhner auf dem Kirchengut von Saint-Etienne, welcher, nachdem er auf die heiligen Evangelien geschworen, die Wahrheit zu sagen, Uns gestanden hat, daß er die Wohnung des genannten fremden Weibsen immer hell erleuchtet gesehen, daß er bei Tag und bei Nacht, an den heiligen Festtagen, den höchsten Feiertagen und insbesondere in der Woche vor Weihnacht und der heiligen Karwoche tolles und teuflisches Lachen von dort vernommen, wie wenn eine große Anzahl von Menschen daselbst versammelt gewesen wäre. Sodann hat er behauptet, durch die Fensterläden des besagten Hauses frische Blumen gesehen zu haben, jede Art von schönen Blumen, besonders Rosen, die zu ihrem Wachstum eine große Wärme nötig haben, und dies alles mitten im Winter, bei frostigem Wetter, einzig durch Zaubermittel hervorgebracht. Aber darüber habe er sich nicht so sehr verwundert, da er bemerkt, daß die sonderbare fremde Person eine solche Hitze um sich verbreitet, daß von einem Tag zum andern ihre Gemüse gewachsen, an denen sie am Abend entlanggegangen, und daß jedesmal, wenn ihr Gewand die Bäume gestreift, der Saft aus den Zweigen gequollen und die Knospen hervorgebrochen seien. Zum Schluß hat der genannte Cognefestu erklärt, nichts weiter zu wissen, außer daß er vom frühen Morgen an arbeite und abends mit den Hühnern zu Bett gehe.

Ist danach die Ehefrau des Genannten aufgerufen worden, auf Eid auszusagen, was in Sache dieses Prozesses zu ihrer Kenntnis gekommen, und hat solche beteuert und sich darauf versteift, nichts als Gutes von der Fremden aussagen zu können, da seit der Ankunft der schönen Fremden, die um sich her Liebe verbreite wie die Sonne Strahlen und Wärme, sogar ihr Mann sie besser behandle, und anderes ungereimtes Zeug, das Wir nicht von Belang und der Mühe wert gefunden, hier aufgezeichnet zu werden.

Dem vorhin genannten Cognefestu und seiner Ehefrau haben Wir danach den besagten unbekannten Afrikaner vorgeführt, der von ihnen beiden in den Gärten des Hauses gesehen und als dem weiblichen Dämon zugehörig erkannt worden ist.

Ist als dritter vor Uns erschienen der edle Herr Harduin V., Schloßherr von Mayen, und wurde in schuldiger Ehrfurcht von Uns gebeten, seinen katholischen Glauben zu bekennen. Dazu hat derselbige sich bereit erklärt und Uns noch obendrein sein ritterliches Ehrenwort verpfändet, nichts andres auszusagen, als was er gesehen hat.

Erklärte und bezeugte er darauf, den Dämon, um den es sich hier handelt, in dem Heer der Kreuzfahrer gesehen zu haben. In der Stadt Damaskus war er Zeuge, wie der verblichene Herr von Bueil sich vor den Schranken in den Zweikampf begeben zu dem Zweck, der alleinige Herr des besagten Teufels in Weibsgestalt zu sein, der um diese Zeit dem Herrn Geoffroy IV., Schloßherrn von Roche-Pozay, zugehörte, als welcher die Teufelin, wie er sagte, obwohl sie eine Sarazenin und Mohammedistin war, aus unsrem Touraine mit ins Heilige Land genommen hatte. Darüber haben sich die Edelleute von Frankreich höchlich verwundert, ebensosehr wie über die Schönheit der Teufelin, die großes Aufsehen im Feldlager machte und Veranlassung zu viel Ärgernis und tausend tollen Händeln gab. Schon auf der Fahrt war die Hexe Schuld und Ursache von verschiedenen Morden gewesen, indem der edle Herr von Roche-Pozay mehrere Kreuzfahrer erschlug, die die Absicht verraten hatten, das Teufelsweib für sich gewinnen zu wollen, als welches, wie einige insgeheim von ihr begünstigte Edelleute aussagten, den Männern eine Wollust zu kosten gab wie kein andres Weib der Welt.

Aber zuletzt war es der Herr von Bueil, der, nachdem er seinen Nebenbuhler, den von Roche-Pozay, aus dem Wege geräumt, alleiniger Besitzer und Herr dieser mörderischen Weibsperson wurde und sie in ein Kloster oder, wie man auf sarazenisch sagt, in einem Harem einschloß. Wer sie vorher bei ihren Festereien gekannt, der hat sie in den verschiedensten transmediterraneischen Sprachen kauderwelschen hören als: Arabisch, Neugriechisch, Latein, Maurisch, bis auf unser christliches Tourainisch und das besser als irgendeiner im Kriegsvolk der Christen, auch wenn einer sein Fränkisch noch so gut konnte, woraus zuerst der Glaube aufgetaucht ist, daß sie mit dem Teufel im Bund sein müsse.

Der genannte Herr Harduin hat ferner ausgesagt: Wenn er selber nicht ihrem Zauber verfallen sei im Heiligen Land, so schreibe er das nur einem Splitter des heiligen Kreuzes zu, den er immer auf seinem Herzen getragen, und außerdem der Liebe eines griechischen Weibs, das ihn solchergestalt mit Zärtlichkeit eingehüllt Tag und Nacht und ihm von seinem Herzen und sonst so viel weggenommen, daß ihm für kein andres Weib mehr etwas übriggeblieben.

Und hat derselbige Herr Harduin die Dame in dem Hause des Jehan Tortebras als diejenige erkannt, die er in dem Lande Syrien gesehen. Diese Bewahrheitung hat er konstatiert bei Gelegenheit eines Gastmahls, das der junge Herr von Croixmare ihr gegeben, allwo er, Herr Harduin, unter den Geladenen gewesen. Dieser Jungherr von Croixmare aber sei sieben Tage nach jenem Festmahl gestorben, beraubt von allem durch jene Teufelin, wie die Dame von Croixmare, seine Mutter, aussagte: von seinen Lebensgeistern und Lebenskräften nicht nur, sondern auch von seinen guten goldenen und silbernen Gulden.

Hierauf, von neuem von Uns befragt in seiner Eigenschaft als Mann von Rang, Wissenschaft und Ansehen in diesem Land und aufgefordert, über die Meinung, die er von der genannten Dame hege, alles zu bekennen, was ihm noch auf der Seele liege, in Anbetracht dessen, daß es sich um einen ganz außerordentlich peinlichen Fall handle in Sachen der christlichen Kirche und der göttlichen Gerechtigkeit, hat Uns der edle Herr Harduin erwidert: Von all den Kreuzfahrern, die sich mit der Teufelin eingelassen, sei behauptet worden, daß sie für jeden immer wieder von neuem eine Jungfrau war, daß Mohammed ihr für jeden neuen Liebhaber wieder eine neue Jungfernschaft gemacht habe und was dergleichen Geschwätz mehr ist unter berauschten Männern, deren Aussagen nicht, so sagte Herr Harduin, als ein fünftes Evangelium aufgenommen zu werden brauchen.

Aber soviel sei wahr und sicher, daß er selber, ein Greis auf der Neige seiner Tage, der nichts mehr habe wissen wollen von den Weibern und der Liebe, sich auf jenem Gastmahl des Herrn von Croixmare wieder plötzlich als Jüngling gefühlt, daß die Stimme der Teufelin, ohne seine Ohren zu berühren, ihm gerade ins Herz gedrungen und er eine so brennende Liebe in seinem Körper gefühlt, infolge davon alles Leben an dem einen Punkt zusammenströmt, von wo das Leben ausgeht, in einem solchen Grad, daß, wenn er sich nicht dem Wein von Zypern mit Leidenschaft hingegeben und davon, um die flammenden Augen der teuflischen Gastgeberin nicht mehr zu sehen, so viel getrunken hätte, bis er unter den Tisch gesunken, er gewiß den Herrn von Croixmare umgebracht haben würde, um die schöne Hexe auch nur ein einziges Mal besitzen zu können. Inzwischen habe er alles getan, diese bösen Gedanken zu beichten und abzubüßen. Auch habe er auf höhere Eingebung seinen Splitter vom heiligen Kreuze von seiner Gemahlin zurückverlangt, wieder an sich genommen und sei ruhig auf seinem Schloß verblieben; aber trotz dieser christlichen Vorsichtsmaßregeln klinge ihm noch manchmal die süße Stimme der Teufelin im Ohr, und oft des Morgens sehe er das Weib vor sich, an dem das Herz des Manns sich entzünde wie Zunder am springenden Funken.

Und deswegen, weil die schöne Hexe ein solches Feuer ausstrahle, daß sie ihm, dem schwachen Greis, der schon bald ein Toter, noch einmal wie einem Jüngling das Herz versengt hatte, nicht anders als wie einer grauen Motte geschieht in flackernder Flamme: hat Uns der edle Herr ersucht, ihn nicht dieser Allgewaltigen in der Liebe gegenüberzustellen, die, wenn nicht vom Teufel, so doch sicher von Gottvater mit übernatürlicher Macht über die Menschen begabt worden sei, also daß er um Seele und Leben Schlimmstes befürchten müßte. Hierauf, nach Lesung des Protokolls, hat sich der Herr Harduin von Mayen zurückgezogen, nicht ohne vorher den afrikanischen Mann als Diener und Leibwächter der Dame erkannt zu haben.

Als vierter ist sodann vor Unserm Richterstuhl erschienen und von Uns versichert worden im Namen des Kapitels und Unsres Herrn Erzbischofs, daß er nicht gefoltert noch mit glühenden Eisen gezwackt, daß er weder an seiner Person oder seiner Habe in irgendeiner Weise geschädigt noch auch nach getaner Aussage verhindert werden solle, frei von hinnen zu gehen und seinen Reisen und Handelsgeschäften unbelästigt obzuliegen: ein Jude mit Namen Salomon al Rastschild.

Und ist dieser genannte Jude trotz der Ehrlosigkeit seiner Person und seines judäischen Glaubens zu dem Zwecke verhört worden, um alles zu erfahren, was über die Aufführungen des in Frage kommenden Teufels in Weibsgestalt einige Aufklärungen geben könnte. Nicht aufgefordert worden ist genannter Salomon, irgendeinen Eid zu schwören, da er außerhalb unsrer Kirche steht und durch das Blut Unsres Herrn und Heilands von uns getrennt ist (trucidatus Salvator inter nos).

Von Uns befragt, warum er ohne die grüne Mütze auf dem Kopf und ohne das gelbe Rad auf der Brust, wie es die königlichen und geistlichen Gesetze vorschreiben, erschienen sei, hat Uns der besagte Salomon Rastschild einige von Unserm Herrn König ausgefertigte und von den Herren Seneschallen von Touraine und Poitou bestätigte Dispense und Verbriefungen vorgezeigt.

Hat Uns dann der vorher genannte Jude bekannt, mit der im Hause des Meisters Tortebras wohnhaften Dame ein großes Geschäft gemacht und ihr eine Menge Kostbarkeiten, als wie verschiedene kunstreich gearbeitete Leuchter, silberne Teller und Schüsseln, reiche, mit Smaragden und Rubinen geschmückte Trinkgefäße, goldene Kannen und Kelche, ferner aus der Levante eine Unmenge kostbarer Stoffe, persische Teppiche, leinene und seidene Gewänder, endlich so prächtige Geräte für Haus und Küche verhandelt zu haben, daß keine Königin der Christenheit sich rühmen könne, mit Zierschmuck, Kleinodien und Hausrat so wohl versehen zu sein; auch daß er allein für allerlei seltene Spielereien, wie indische Blumen, Papageien und andere fremdartige Vögel, Straußenfedern, Diamanten, Spezereien, Gewürze und griechische Weine an Geldwert dreihunderttausend Tourainer Pfund von ihr erhalten habe.

Von Uns, dem Richter, aufgefordert zu bekennen, ob er ihr keine Ingredienzen zu zauberischen Tränklein wie Blut von Neugebornen, keinerlei Zauberbücher oder ähnliche Dinge, wie sie Hexen brauchen, verschafft habe, hat der Jude Rastschild, nachdem Wir ihm versichert, daß er weder bestraft noch verfolgt, noch sonst beunruhigt werden solle, auf seinen hebräischen Glauben geschworen, keinerlei Handel dieser Art zu treiben. Dann hat er erklärt, daß er viel zu sehr von großen Negoziationen und Geschäften von hoher Importanz in Anspruch genommen sei, um sich mit solchen Lappalien abzugeben; er sei der Bankmann und Geldversorger verschiedener, sehr mächtiger Herren wie des Markgrafen von Montserrat, des Königs von England, des Königs von Zypern und Jerusalem, des Grafen von der Provence, des Hohen Rats von Venedig und vieler deutscher Fürsten. Er sei außerdem der Besitzer einer Flotte von Handelsschiffen, die unter dem Schutze des Sultans nach Ägypten und andern Ländern des Morgenlands ginge. Besonders handle er mit Gold und sonstigen edlen Metallen, durch welchen Handel er öfter mit der Münze von Tours geschäftlich verkehre. Zum Überfluß hat er noch versichert, daß er die genannte Dame, um die es sich handelt, für sehr redlich und durchaus für ein natürliches Weib halte; allerdings mit soviel Liebreiz der Form und solcher Grazie des Wesens, wie er noch keine gekannt habe; er hat auch gestanden, daß er, angezogen von ihrem Ruf, eine Zauberin, Hexe oder teuflischer Dämon zu sein, und auch aus Verliebtheit, sie eines Tags, da sie gerade ledig war, um ihre Gunst angegangen, die ihm denn auch nicht verweigert worden sei.

Aber obwohl er die Wirkungen jener Nacht noch lange Zeit in seinen Knochen und Lenden gespürt, habe er doch keineswegs die Erfahrung gemacht, wovon so viele fabelten, daß der Mann, der sich einmal mit ihr abgegeben, nicht mehr von ihr loskommen könne, sondern von ihr verzehrt werde und hinschmelze wie Blei in dem Tiegel eines Alchimisten.

Obwohl die Aussagen des genannten Salomon Rastschild mehr als zur Genüge sein Einverständnis und seine Mitschuld an dem satanischen Komplott bewiesen und bis zur Evidenz dartaten, da er heil davongekommen, wo alle guten Christen ihr Verderben gefunden, konnten Wir infolge des ihm zugesagten freien Geleits ihn in seiner Person nicht behelligen oder beeinträchtigen, und hat Uns derselbe darauf einen Vertrag in Sachen des obengenannten Dämons unterbreitet, dahin lautend, daß er das Anerbieten mache, dem Kapitel der Kathedrale für den genannten Dämon in Weibsgestalt, wenn solcher zum Scheiterhaufen verurteilt werden sollte, als Lösegeld eine hinlängliche Summe zu bezahlen, damit der eben in Angriff genommene höchste Turm der Kathedrale von Saint-Maurice bis zu seiner Vollendung ausgebaut werden könnte.

Diesen seinen Vorschlag haben Wir zu den Akten genommen, um ihn dem versammelten Kapitel, wenn es an der Zeit wäre, zur Beratung vorzulegen. Hat sich alsdann der genannte Salomon Rastschild zurückgezogen, sich aber hartnäckig geweigert, Uns seine Wohnung zu bezeichnen, sondern nur bemerkt, daß er von den Entschlüssen des Kapitels durch einen Juden der Tourainer Judenschaft mit Namen Tobias Nathan unterrichtet werden könne. Dem genannten Juden Salomon ist vor seinem Abtritt der Afrikaner gegenübergestellt worden, den er als den Diener jenes Dämons erkannt hat. Er hat Uns erklärt, daß die Sarazenen ihre Sklaven, die zur Überwachung der Frauen bestimmt sind, auf diese Weise ihrer Männlichkeit beraubten, als welches ein uralter Brauch sei, wie aus verschiedenen Profanhistorikern, zum Beispiel der Geschichte des Narses, eines konstantinopolitanischen Feldherrn, unter anderm hervorgehe.

Am andern Tag nach der Messe ist in fünfter Linie vor Uns erschienen die sehr edle und hochgeborne Dame von Croixmare. Dieselbige hat auf ihren Glauben und die heiligen Evangelien geschworen und weinenden Auges ausgesagt, daß sie erst jüngst ihren ältesten Sohn begraben, als welcher an der seltsamen und extravaganten Liebe zu einem weiblichen Dämon gestorben war. Der junge Edelmann stand im Alter von dreiundzwanzig Jahren, so sagte die Mutter aus, war von männlich kräftiger Komplexion und starkem Bartwuchs wie sein verstorbener Vater. Ungeachtet seiner gesunden Natur sei er in einem Zeitraum von neunzig Tagen langsam dahingesiecht, ganz verstört durch seine Verbindung mit dem Sukkubus in der Brenzelgasse, wie das gemeine Volk allenthalben erzähle.

Ihre mütterliche Autorität habe keinerlei Einfluß mehr auf diesen Sohn ausüben können, und in seinen letzten Tagen habe er nur noch einem halbtoten Nachtfalter geglichen, den die Stubenmagd beim Reinmachen manchmal in einer Zimmerecke findet und hinauskehrt. Aber solange noch ein Fünkchen Leben in dem Armen gefunden worden, habe er sich nicht enthalten können, mit der verfluchten Hexe zusammenzukriechen.

Sein ganzes väterliches Erbe sei ebenfalls in diesem Abgrund versunken. Nachher, so fuhr die Dame von Croixmare fort, als er sich nicht mehr vom Lager erheben konnte und sein letztes Stündlein herannahen fühlte, fluchte er, tobte, raste, sagte mir, seiner Mutter, seinen Geschwistern, ja dem Priester tausend Beleidigungen und harte Worte ins Gesicht, verleugnete Gott und wollte als Verdammter sterben, so daß alle Diener des Hauses entsetzt waren und zur Rettung seiner Seele aus den Qualen der Hölle zwei jährliche heilige Messen in der Kathedrale von Saint-Maurice gestiftet haben. Um dem Armen ein Begräbnis in geweihter Erde zu sichern, habe das Haus Croixmare sich verpflichtet, dem Kapitel für seine Kirche nebst sämtlichen Kapellen auf hundert Jahre hinaus das Wachs zu den Osterkerzen zu liefern. Zum Schluß hat die edle Dame beteuert: Abgesehen von den gottlosen und erschrecklichen Reden, die ihr der Beichtvater ihres Sohns von ihm berichtet, der hochwürdige Luis Pot, ein Benediktiner von Marmoustiers, der dem Unglücklichen in seiner letzten Stunde beigestanden, habe sie selber aus seinem Munde kein einziges Wort vernommen, so sich auf die Teufelin, die sein Leben ausgetrunken, bezogen hätte.

Und hat sich darauf die sehr edle und hochgeborne Dame in großer Trauer zurückgezogen.

Ist zum sechsten sodann vor Uns erschienen Jacquette, genannt Dreck-Schminke, die als Putz- und Spülmagd von Haus zu Haus ihr Brot sucht und gegenwärtig am Fischmarkt wohnt. Und hat dieselbe auf ihren heiligen Glauben geschworen, nichts anderes zu sagen, als was sie für wahr hält. Folgendes aber hat die Genannte ausgesagt: Eines Tags, als sie sich in der Küche des besagten weiblichen Dämons befand, will sie die Angeklagte gesehen haben, die ihr, als nur den Männern gefährlich, keinerlei Furcht eingeflößt. Jene Hexe sei ganz wie eine vornehme Dame reich gekleidet und in Gesellschaft eines jungen Edelmanns, mit dem sie scherzte und lachte wie eine natürliche Frau, in ihrem Garten spazierengegangen. Die genannte Dreck-Schminke habe bei dieser Gelegenheit in dem angeklagten weiblichen Dämon das wahre Ebenbild einer Mohrin erkannt, die man zu ihrer Zeit in dem Kloster Notre-Dame zu Esgrinolles als Nonne eingekleidet hatte. Diese Mohrin sei vor ungefähr achtzehn Jahren von einer Truppe Ägyptianer im Dome an Stelle des Bildes der Heiligen Jungfrau und Mutter Unsres gebenedeiten Heilands in der Mauernische zurückgelassen und durch den Herrn Bruyn, Seneschallen von Touraine und Poitou, Grafen von La Roche-Corbon, vor dem Scheiterhaufen bewahrt worden, indem sie, anstatt lebendig gebraten zu werden, die heilige Taufe empfangen, wobei der selige Herr Seneschall und die selige Frau Seneschallin selber in Person zu Gevatter gestanden. Durch anderweitige große Unruhen in der Stadt sei es gekommen, daß dieses Höllenkind, ungefähr zwölf Jahre alt bei seiner Taufe, nachher gänzlich vergessen worden. Sie aber (die Zeugin), damals als Spülmädchen im Kloster angestellt, erinnere sich noch an die Flucht, die, zwanzig Monate nach ihrer Einkleidung, von besagter Ägyptianerin so fein ins Werk gesetzt worden ist, daß man nie herausgebracht hat, auf welche Weise und durch welchen Ausgang sie so spurlos entkommen sein mochte. Von allen Einwohnern des Klosters wurde angenommen, daß sie mit Hilfe des Teufels durch die Luft geflogen sei, da trotz Nachforschung und Untersuchung keinerlei Spur mehr von ihr zu finden und im Kloster alles in unverrückter Ordnung geblieben war.

Nachdem Wir der Sprecherin den Afrikaner vorgeführt, hat sie ausgesagt, ihn nicht gesehen zu haben, trotzdem sie sehr neugierig danach gewesen wäre, da dieser Afrikaner als Wache an dem Platz aufgestellt war, wo die Mohrin mit den eingefangenen Männern ihre Ludereien trieb.

Ist als siebenter vor Uns geführt worden der zwanzigjährige Sohn des Herrn von Bridoré, Hugo Dufou, der, als der väterlichen Gewalt unterstellt, von seinem für ihn verantwortlichen und mit seiner ganzen Herrschaft für ihn haftenden Vater hierhergeleitet worden, weil er verdächtig und überführt war, daß er mit Hilfe einiger schlimmer Gesellen unbekannten Namens das Gefängnis des erzbischöflichen Kapitels belagert und mit Gewalt zu erbrechen gesucht, um den mehrgenannten Dämon zu befreien und der kirchlichen Justiz zu entziehen. Ungeachtet seiner bösen Absichten haben Wir den ebengenannten Hugo Dufou aufgefordert und ermahnt, der Wahrheit gemäß alles zu bekennen, was er von dem besagten Dämon wisse, mit dem viel verkehrt zu haben er im Ruf stehe, und haben Wir nicht versäumt, ihm einzuschärfen, daß es sich um sein ewiges Heil und um das Leben der genannten Teufelin handle. Hat selbiger danach auf seinen Schwur hin ausgesagt:

›Ich schwöre bei meiner ewigen Seligkeit und bei den heiligen Evangelien, auf denen meine Hand liegt, daß ich die Frau, die im Verdachte steht, eine Teufelin zu sein, für einen Engel halte, für eine Frau mit allen Vollkommenheiten, noch mehr der Seele wie des Körpers; für eine Frau, die, aufrichtig und edel, keinen bösen Gedanken im Herzen hat, die mildtätig und hilfreich gegen die Armen und Elenden sowie voll Sanftmut und tausend anmutiger Liebreize ist. Ich bezeuge hiermit, daß ich sie bittere Tränen vergießen sah beim Tode meines Freundes, des Herrn von Croixmare, und daß sie an diesem Tage das Gelübde zu Unsrer Lieben Frau getan hat, keine jungen Edelleute mehr zu ihrem Körper zuzulassen, die des harten Dienstes nicht gewachsen wären. Sie hat mir mit großer Beständigkeit den Genuß ihres Schoßes verweigert und hat mir bloß den Besitz ihres Herzens gewährt, in dem ich den ersten Platz einnehmen durfte. Meiner wachsenden Liebe hartnäckigen Widerstand entgegensetzend, ist sie ohne einen andern Mann in ihrer Wohnung verblieben, in der ich den größten Teil meiner Tage in ihrer Gesellschaft verbrachte, zufrieden, sie nur zu sehen und zu hören, dieselbe Luft zu atmen, die sie atmet, das Licht zu sehen, wie es sich in ihren Augen spiegelt, und mich glücklicher fühlend als die Engel im Paradies. Ich Armer, der ich mir sie erwählt habe, für immer meine Dame zu sein, meine Geliebte, meine Freundin, mein Ein und alles, ich armer Tor, ich habe von ihr noch nicht die geringste kleine Abschlagszahlung auf künftige Freuden bekommen, dafür aber tausend tugendhafte Ratschläge: wie ich ein tapferer Ritter werden solle, ein starker, schöner Mann, der nichts fürchtet außer Gott, der die Frauen ehrt, aber in Erinnerung ihrer, der Mohrin, nur einer dient und sie liebt; wenn ich aber, gestärkt und gestählt durch das Kriegshandwerk, eines Tags zurückkehren sollte und ihr Herz dem meinigen immer noch wert und teuer sei, dann wolle sie mir gehören; sie könne auf mich warten, denn ihre Liebe zu mir sei stark genug...«

So sprechend, weinte der junge edle Herr, und weinend fügte er hinzu, daß diese zarte Frau, deren weißen Arm schon die leichte Last ihrer goldenen Zieraten hart zu drücken schien, nun in eisernen Ketten liege und im Düster des Gefängnisses unschuldig schmachte: diesen Gedanken habe er nicht zu ertragen vermocht und darum den Versuch gemacht, sie mit Gewalt zu befreien. Hier aber, angesichts des kirchlichen Gerichts, erkläre er frei heraus: So eng verbunden hänge sein Leben mit dem seiner geliebten Herrin und Freundin zusammen, daß er an dem Tage, wo ihr ein Leid geschehen würde, sich unfehlbar das Leben nehmen wolle.

Hat auch des weiteren besagter junger Edelmann noch tausend Lobeserhebungen über den genannten Dämon hervorgebracht, was augenfällig aufs neue beweist, wie schrecklich, teuflisch, trügerisch, wie unerhört der höllische Zauber sein muß, dem er zum Opfer gefallen ist. In dieser Sache wird Unser gnädiger Herr, der Erzbischof, das Urteil fällen und dem armen Verführten zu dem Zwecke, diese junge Seele aus den Klauen der Hölle zu befreien, die geeigneten Bußen und Exorzismen auferlegen.

Hierauf haben Wir den edlen Jungherrn, nachdem von ihm der Afrikaner als Diener der Angeklagten erkannt worden ist, dem Herrn von Bridore, seinem Vater, wieder überantwortet.

Zum achten haben die Diener Unsres gnädigen Herrn, des Erzbischofs, in großer Ehrfurcht vor Uns geführt die hochgeborene und hochwürdige Dame Jacqueline von Champchevrier, Äbtissin des Klosters Notre-Dame zu Esgrinolles, Filiale der Kongregation vom Mont-Carmel, deren Händen die genannte Ägyptianerin, die in der Taufe den Namen Blancheflor Bruyn erhalten, als Novize übergeben worden durch den Herrn Seneschallen von Tours, den Vater des gegenwärtigen Grafen von Schloß Roche-Corbon, zur Zeit Vogt des genannten Klosters.

Der hochwürdigen Dame haben Wir in Bündigkeit erklärt, daß es sich in dem gegenwärtigen Fall um die heilige christliche Kirche, um den Ruhm Gottes, um das ewige Heil unzähliger Menschen unserer Diözese, die von einem Teufel in Weibsgestalt beunruhigt wird, und um das Leben eines Geschöpfs handle, dessen Unschuld möglicherweise bewiesen werden kann. Hierauf, nachdem Wir den Fall also vorgetragen, haben Wir die hochgeborne und hochwürdige Frau Äbtissin ersucht, Uns mitzuteilen, was zu ihrer Kenntnis gelangt sei über das wunderbare und unerklärliche Verschwinden ihrer Tochter in Gott Blancheflor Bruyn, als Braut Unsers Heilands Schwester Claire genannt.

Hierauf hat die sehr edle, hochgeborne und hochwürdige Dame ausgesagt wie folgt:

»Schwester Claire, von unbekannter Herkunft und also wahrscheinlich von ketzerischen Eltern und Feinden unsrer christlichen Religion abstammend, ist schlecht und recht in dem Kloster eingekleidet worden, dessen Regierung und Verwaltung mir, obwohl ich dessen unwürdig bin, nach den Vorschriften des kanonischen Rechts übertragen worden ist. Sie hat ihr Noviziat tapfer bestanden und dann nach der heiligen Regel des Ordens ihre Gelübde abgelegt. Bald darauf aber ist sie in große Traurigkeit verfallen und ist hingewelkt vor unsern Augen. Von mir, der Äbtissin, über ihre Krankheit und Melancholie befragt, hat sie unter Tränen geantwortet, daß sie selber nicht wisse, warum, daß sie aber manchmal meine, an ihren Tränen ersticken zu müssen, wenn sie ihre schönen Haare nicht mehr auf dem Kopfe fühle; daß sie außerdem eine unbezwingliche Sehnsucht nach der freien Luft und den unwiderstehlichen Drang in sich spüre, zu springen, auf Bäume zu klettern, sich zu schaukeln und im Tanz ihre Glieder zu üben, wie sie es von ihrem Leben unter freiem Himmel gewohnt war; daß sie ganze Nächte mit Weinen verbringe und von den Wäldern träume, in denen sie einst im Laub übernachtet, daß sie in solchen Erinnerungen die eingeschlossene klösterliche Luft entsetzlich finde, daß sie oft meine, nicht mehr atmen zu können und ersticken zu müssen; daß sie oft in der Kirche und im Gebet auf die tollsten Gedanken verfalle und manchmal ganz und gar den Kopf verliere. Ich habe dann die Arme auf die heiligen Lehren der Kirche hingewiesen, habe sie an die unaussprechliche Seligkeit erinnert, deren die gottgeweihten, reinen Jungfrauen im Paradies teilhaftig werden, und wie vergänglich das irdische Leben, wie unerschöpflich und ohne Grenzen aber die Güte Gottes sei, der uns in seiner unendlichen Liebe für die flüchtigen Entbehrungen im Diesseits ewige Freuden bereitet hat im Jenseits. Ungeachtet dieser mütterlichen Zusprüche verharrte die Unglückliche in ihrer boshaften Verstocktheit. Immer sah sie während der Messe und dem Gebet durch die Fenster nach dem Laub der Bäume und den Blumen der Wiese. Aus reiner Bosheit wurde sie immer blasser wie Linnen auf der Bleiche, um zuletzt die Erlaubnis zu erhalten, in ihrem Bette bleiben zu dürfen. Dann wieder lief sie durch die Säle und Kreuzgänge des Klosters wie eine Ziege, die sich von ihrem Pflock losgerissen hat. Zuletzt ist sie ganz abgemagert, hat ihre Schönheit, die von allen bestaunt wurde, verloren und ist umhergeschlichen wie der Schatten an der Wand. In diesem Zustand haben Wir, als die Äbtissin und Mutter, weil Wir fürchteten, daß sie Uns unter den Händen wegsterbe, verordnet, daß sie in den Saal der Kranken gebracht werde. Und dann, eines Morgens im Winter, war sie spurlos verschwunden, ohne daß eine Tür erbrochen, ein Riegel abgerissen, ein Fenster geöffnet, worden oder sonstige Anzeichen sich gezeigt, die auf ihre Flucht hätten hindeuten können. Es war ein unheimlich grausig Ding um diese Flucht, und Wir konnten nicht anders glauben, als daß der Dämon, der sie so lange behelligt und gequält hat, ihr dabei behilflich war. Unterdessen wurde von den höchsten Autoritäten unserer Metropolitankirche der schreckliche Fall so erklärt, daß dieses Kind der Hölle die Sendung erhalten habe, unsre Nonnen von ihrem heiligen Wege abspenstig zu machen, und dann, geblendet von unserm Leben in der Reinheit, durch die Luft wieder zurückgekehrt sei zu den unreinen Geistern und Zauberern, die sie, um unsre katholische Religion zu verhöhnen, seinerzeit in der Kathedrale an Stelle der Heiligen Jungfrau zurückgelassen hatten.«

Nachdem die edle Frau Äbtissin so gesprochen, ist sie gemäß der Weisung Unsres gnädigen Herrn, des Erzbischofs, mit großen Ehren zu ihrem Kloster, als welches Notre-Dame vom Mont-Carmel genannt wird, zurückgeleitet worden.

Ist als neunter auf Vorladung vor Uns erschienen ein gewisser Joseph, genannt der Ruderer, Wechsler seines Zeichens und wohnhaft oberhalb der Brücke in dem Hause ›Zum goldenen Pfennig‹, der, nachdem er auf seinen katholischen Glauben geschworen, in Sachen des Prozesses, der vor Unserm geistlichen Gericht zur Verhandlung steht, nichts andres auszusagen als die Wahrheit, soweit er sie wisse, gesprochen hat wie folgt:

›Ich bin ein armer, von Gott geschlagener Mann. Vor der Erscheinung des Sukkubus in der Brenzelgasse hatte ich als einziges Gut einen Sohn, der schön war wie nur ein Edelmann und gelehrt wie ein studierter Herr, da er weit in der Welt umhergekommen und viel von den fremden Ländern erzählen konnte. Als ein guter katholischer, Christ, der er war, hielt er sich fern von den Lockungen der Liebe und war auch jedem Gedanken an eine Heirat abhold. Er zog es vor, die Stütze meiner alten Tage, die Freude meiner Augen, das Glück meines Herzens zu sein. Er war ein Sohn, auf den der König von Frankreich hätte stolz sein können, ein Sohn mit einem goldenen Herzen, voll Mut und Tugend, die Freude des Hauses, die Seele des Geschäfts, mit einem Wort: ein unschätzbarer Reichtum in Anbetracht dessen, daß ich allein bin auf dieser Welt, da ich zu meinem Unglück meine Gefährtin verloren habe und zu alt bin, mir eine andre zu suchen. Dieser Schatz ohnegleichen ist mir durch einen Teufel verführt worden und muß nun in der Hölle braten. Oh, mein Herr Richter, von dem Augenblick an, wo mein armes Kind auf diese Teufelin gestoßen ist, auf diese Scheide für tausend Klingen, diese Werkstatt der Wollust, diesen Ausbund von Verderbnis, diese mörderische Schlinge, diese giftige Schlange, an der alles Verführung, alles Versuchung ist, stürzte der Unglückliche mit seinem ganzen Hunger nach Liebe hinein in diese Fanggrube, in diesen weiblichen Zwinger und lebte seitdem einzig in diesem Tempel der Venus und lebte nicht lange darin, denn an diesem Ort brennt eine solch höllische Glut, daß die Quellen der ganzen Welt sie nicht löschen würden. Ach, mein armer Sohn, all sein Ehrgeiz, seine Hoffnung auf Nachkommenschaft, all sein Vermögen, sein ewiges Heil, sein ganzes Sein, mehr noch, alles verlor sich in diesem Abgrund wie ein Körnlein Hirse im Rachen eines Stiers.

So bin ich verwaist worden in meinen alten Tagen, und nun hab ich keinen andern Wunsch mehr, als diese Blutsaugerin, die mehr Christenmenschen ausgesaugt hat, mehr Ehen zerstört, mehr Brautfackeln ausgelöscht, als es Aussätzige gibt in allen Hospitälern der Welt, diese Giftspinne, sage ich, die sich nährt von Blut und Gold, lebendig braten und schmoren zu sehen. Martert diese Hexe, rädert sie, röstet sie lebendigen Leibs, diese blutdürstige Tigernatur, diese giftgeschwollene Schlange! Verschüttet ihn, diesen Schlund, wo kein Mann sich wieder herausfindet! Ich will euch das Holz zum Scheiterhaufen liefern, ich will ihn selber anzünden... Bindet sie mit Ketten, die Teufelin, sie hat die Kraft des Samson in ihren Haaren, sie hat das Feuer der Hölle in ihrem Schoß, sie scheint euch himmlische Musik in ihrer Stimme zu haben, sie tötet mit ihrem Hexenzauber Körper und Seele. Ihr Lächeln schon ist Verderben, und ihre Küsse wollen euch verschlingen. Sie würde einen Heiligen verführen und ihn zum Gottesleugner machen.

Mein Sohn, mein Sohn! Wo bist du jetzt, du Blume meines Lebens, nun vergiftet vom Biß einer Schlange, der deinen Saft vertrocknete und deine Kraft ausdorrte mit dem Pesthauch seines Odems? Meine hohen Herren, warum habt ihr mich gerufen? Könnt ihr mir meinen Sohn wiedergeben, dessen Seele von einem Leibe verschlungen worden, der allen das Leben nimmt und keinem das Leben gibt? Unfruchtbar aber ist allein der Teufel. Dies ist mein Zeugnis, ihr Herren, und ich bitte den Meister Tournebouche, kein Jota davon auszulassen in seiner Niederschrift. Auch bitte ich ihn, mir eine Abschrift davon zu geben, um sie täglich in meinen Gebeten Gott vorzutragen, damit das vergossene Blut der Unschuld zum Himmel schreie und ich von seiner unendlichen Barmherzigkeit die Verzeihung erflehe für meinen Sohn.‹

Folgen danach im Protokoll des Meisters Tournebouche noch siebenundzwanzig andre Aussagen, die hier wiederzugeben nach ihrem Wortlaut und vollem Umfang den Verlauf der Geschehnisse zu sehr in die Länge ziehen, den Faden unsres prozessualen Verfahrens verwirren und unsre seltsame Geschichte vom geraden Ziel ablenken würde, da doch, wie schon die Akten in ihren Vorschriften betonen, eine gute Geschichte darin einem Stier gleichen soll, der geradeaus und ohne Umschweife auf die Sache losgeht. Sei also in wenigen Worten nur die Quintessenz dieser verschiedenen Zeugenaussagen niedergelegt.

Durch eine große Anzahl guter Christen, Bürger und Bürgerinnen, Bewohner der edlen Stadt Tours, wurde eidlich ausgesagt:

Dieser Dämon habe tagtäglich tolle Hochzeiten und wahrhaft königliche Feste gehalten; niemals habe man ihn in einer Kirche gesehen; er habe Gott verflucht; er habe über die Priester gespottet; er habe sich niemals mit dem Zeichen des Kreuzes bezeichnet; er habe in allen Zungen der Erde geredet, welche Gnade doch allein den Aposteln von Gott verliehen worden; er sei oft im Freien gesehen worden, reitend auf einem seltsamlich fremden Tier, das vor den Wolken herzog; er sei nie gealtert, sondern immer jung geblieben in seinem Aussehen. Dieses Weib, eigentlich der Teufel, habe sich den Gürtel lösen lassen von Vater und Sohn an demselben Tage und gesagt, bei ihr sei das keine Sünde; sichtbar sei ein bösartiger und zwingender Zauber von ihr ausgegangen, dergestalt, daß ein Schneider, an dessen Bude sie vorübergegangen, so durch ihren Anblick von der Brunst übermannt worden, daß er sich auf seine Frau gestürzt und am andern Morgen tot aufgefunden worden, das Weib immer noch umschlingend im Starrkrampf der Liebe. Alte Männer der Stadt hätten den schwachen Rest ihrer Tage und ihrer Taler ihr zugetragen, um noch einmal in den Sünden ihrer Jugend zu schwelgen, und seien darüber hingestorben wie die Mücken zum Gewinn der Hölle, wobei einige schwarz geworden gleich den Mohren. Niemals habe dieser weibliche Dämon jemand bei seinen Mahlzeiten zugelassen, Frühimbiß, Mittagsmahl oder Vesperbrot, sondern habe stets einsam und allein gespeist, weil er sich von menschlichem Gehirn genährt. Er sei öfter bei Nacht auf Kirchhöfen gesehen worden, wo er junge männliche Leichname ausgegraben, da der Teufel, der wie ein eingeschlossener Gewittersturm in den Eingeweiden dieses Weibs hauste, sich an den Lebendigen nicht genugtun konnte. Durch diesen Teufel in ihrem Leib sei die Hexe zu einer wahren Furie und Windsbraut geworden in ihren Umarmungen, Umklammerungen und sonstigen Teufeleien der Liebe und Wollust, aus denen die Männer zurückkamen mit blauen Mälern und zerschlagenen Gliedern, zerrissen, zerkratzt, zerquetscht, also daß seit der Zeit, da Unser Heiland den Oberteufel in eine Sauherde verbannt, kein so bösartiges, giftiges, unheilvolles Tier auf dieser Erde gesehen worden, dergestalt, daß, wenn man ihm die ganze Stadt Tours zum Fraß hinwürfe, die Bestie sie wegschnappen würde nicht anders wie eine Erdbeere.

Außerdem standen noch eine ganze Menge anderer Aussagen, Zeugnisse und Beweise in dem genannten richterlichen Instrumentum, aus denen die infernalische Abstammung dieser Muhme, Schwester, Hausfrau, Großmutter oder Tochter des Teufels klar erhellet, abgesehen von den schon an und für sich genügenden Proben ihrer bösartigen Handlungen und des vielerlei Unglücks, das sie über zahlreiche Familien der Stadt gebracht. Und wenn es möglich wäre, allen diesen Missetaten und Greueln hier Raum zu geben, so wie sie in der Anklageschrift eins nach dem andern von Meister Guillaume Tournebouche aufgeführt sind und mehrere Hefte füllen, würde man einen Begriff bekommen von dem furchtbaren Entsetzen der Ägyptianer am Tag ihrer siebenten Plage. Denn wahrlich, der genannte Meister Tournebouche hat sich keinen kleinen Ruhm erworben und ein wahres Meisterstück geleistet mit seinen Protokollen.

Nach der zehnten Tagfahrt wurden die Zeugenverhöre abgeschlossen, da nun genügendes Material von authentischen Zeugnissen, Einzelheiten, Behauptungen, Gegenbehauptungen, Anklagen, öffentlichen und geheimen Beichten, Schwüren, Vergleichen und Kontroversen, Vertagungen, Vorladungen et cetera sich angehäuft hatten, auf die der Dämon nun zu erwidern haben wird; kurz, soviel schriftliches Beweismaterial, daß die Bürger von Tours den Ausspruch getan: auch wenn diese Frau eine wirkliche Teufelin und mit inwendigen Krallen und Hörnern versehen sein sollte, womit sie die Männer gegabelt und zerbrochen, würde es ihr doch schwer werden, sich durch dieses Maschenwerk von geschriebenen Anklagen hindurchzuwinden, um heil und sicher die Hölle wieder zu erreichen.

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