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Die dreißig tolldreisten Geschichten ? Zweites Zehent

Honoré de Balzac: Die dreißig tolldreisten Geschichten ? Zweites Zehent - Kapitel 11
Quellenangabe
pfad/balzac/tolldr-2/tolldr-2.xml
typenarrative
authorHonoré de Balzac
booktitleDie dreißig tolldreisten Geschichten ? Erster und zweiter Band
titleDie dreißig tolldreisten Geschichten ? Zweites Zehent
publisherGustav Kiepenheuer Verlag Leipzig und Weimar
printrunErste Auflage
illustratorGustave Doré
year1981
translatorBenno Rüttenauer
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20081104
modified20150212
projectid96c1b999
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Prolog zum Sukkubus

Einige Herren und Damen aus unserm edlen Tourainer Land waren so begeistert von dem Autor und seinem patriotischen Werk, in dem soviel Altertümer, Aventiuren, gelungene Streiche und Schwänke aus jenen Gegenden von neuem aufleben, daß sie nicht anders meinten, als der genannte Autor müsse alles wissen, was nur irgendwie mit jenem gesegneten Land zusammenhängt, und eines Tags, nach reichlichem Trinken versteht sich, wandten sie sich an ihn mit der Frage, ob er nicht den etymologischen Grund wisse, warum eine Straße in Tours Rue Chaulde, die Brenzelgasse, heiße, worüber sich besonders die Damen schon oft den Kopf zerbrochen hätten. Er hat ihnen zur Antwort gegeben, wie sehr er sich verwundern müsse, daß selbst die ältesten Bewohner der Stadt die zahlreichen Klöster vergessen hätten, die man vor Zeiten in dieser Straße gefunden, wo denn die notgedrungene Enthaltsamkeit der Mönche und Nonnen die ganze Gegend also brenzlig gemacht habe, daß einige Frauen, die etwas langsam aus der Vesper zurückkehrten, in dieser Straße schwanger geworden sind. Ein Landjunker, der sich auf den Gelehrten hinausspielte, bestritt aber diese Konjunktur; nicht die Klöster, behauptete er, sondern alle Hurenhäuser der Stadt hätten in der Straße gelegen. Ein andrer verlor sich ganz und gar in dem Irrgarten der Wissenschaft und kramte eine solche Gelehrsamkeit aus, daß ihn kein Mensch verstand. Er sprach von Wortwurzeln und Wortstämmen, von Suffixen und Präfixen, von Lautwandlungen und Lautverschiebungen, von Alliteration und Assimilation und was dergleichen Gallimathias mehr ist. Er zog hundert Beispiele aus allen Sprachen der Welt seit der Sintflut sozusagen an den Haaren herbei, aus dem Hebräischen, Chaldäischen, Ägyptianischen, Griechischen und Lateinischen; er sprach von Turnus, der die Stadt Tours gegründet hat, und endete damit zu behaupten, daß Brenzel ein ganz verderbtes Wort sei und daß die Straße ehemals Brünzelgasse geheißen habe. Die Damen begriffen von alldem nur den Schluß.

Ein Greis aber stimmte ihm zu und versicherte, daß es ehemals einen warmen Brunnen in dieser Straße gegeben, wovon sein Ur-Urgroßvater noch getrunken habe. Kurz, in weniger Zeit, als ein Mückerich braucht, um seine Frau Nachbarin zu notzüchtigen, kam ein solcher Sack voll Etymologien zusammen, daß eine Laus im schmutzigen Bart eines Kapuziners leichter zu finden gewesen wäre als die Wahrheit in diesem bunten Haufen von Meinungen und Ansichten.

Befand sich da aber auch ein wirklicher Gelehrter, der dafür bekannt war, daß er mehr Groschen für Öl ausgegeben als für Wein, mehr dicke Folianten verschlungen als fette Schnepfen und aus alten Klöstern und Sakristeien mehr altes Gerümpel und verstaubte Pergamente, mehr Tryptiken, Dyptiken, mehr Archivkästen und Aktentruhen, mehr Regesten und Registraturen über die Geschichte des Tourainer Lands zusammengetragen hatte als ein Hamster Weizenkörner im Monat August. Dieser Kauz, ganz Haut und Knochen, mit dem Podagra in allen Gliedern, schlürfte still in der Ecke seinen Wein. Doch lag um seine Lippen ein verächtliches Lächeln, das richtige verächtliche Gelehrtenlächeln, bis ihm zuletzt der Ausruf ›Dummes Volk!‹ entfuhr, woraus der Autor schloß, daß der Mann im geheimen mit dem Embryo einer guten und wahrhaftigen Historie schwanger gehen müsse, die ihm für seine gegenwärtige Sammlung vielleicht willkommen sein dürfte. Kurz, er besuchte am andern Morgen das Podagramännlein, als welches ihm die folgende Rede hielt:

»Durch Euer Gedicht ›Die läßliche Sünde‹«, so begann er, »habt Ihr für immer meine Hochachtung gewonnen, weil darin von A bis Z alles wahr ist, was bei einem solchen Gegenstand nicht hoch genug angeschlagen werden kann. Aber, wie mir scheint, ist Euch ganz und gar unbekannt, was sich mit jener Mohrin, die durch den Herrn Bruyn von La Roche-Corbon eine Nonne bei den Karmeliterinnen wurde, weiterhin zugetragen hat. Ich kann Euch darüber aufklären. Wenn Euch also jene Straßenetymologie wie auch das Schicksal der ägyptischen Nonne ernstlich am Herzen liegen, so will ich Euch ein sehr kurioses, uraltes Aktenbündel leihen, das aus den Altertümern des erzbischöflichen Palastes stammt, dessen Archiv und Bücherei in jenen Tagen, wo niemand am Morgen wußte, ob ihm am Abend der Kopf noch zwischen den Schultern säße, ein wenig in alle Winde zerstreut worden ist. Würde Euch die Sache Spaß machen?«

»Sehr!« antwortete der Autor.

Und also übergab dieser würdige Sammler von Dokumenten der Wahrheit dem Autor einige staubige Pergamente, welche dieser, ich kann es euch gestehen, nicht ohne große Mühe übertragen hat. Es waren uralte Aktenstücke eines geistlichen Gerichtsverfahrens. Der Autor war der Meinung, daß es nichts Verwunderlicheres und Kurioseres geben könne als die Auferweckung aus Staub und Moder dieser seltsamlichen Stücke, die ein so grelles Licht werfen auf die kindische Unwissenheit der guten alten Zeit. Höret also! Ich bringe die Schriftstücke in der Ordnung, in der ich sie vorgefunden; nur habe ich sie mir auf meine Weise zurechtgemacht, denn die Originale waren in einem teufelsmäßig brenzligen Stil abgefaßt.

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