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Die dreißig tolldreisten Geschichten ? Erstes Zehent

Honoré de Balzac: Die dreißig tolldreisten Geschichten ? Erstes Zehent - Kapitel 6
Quellenangabe
pfad/balzac/tolldr-1/tolldr-1.xml
typenarrative
authorHonoré de Balzac
booktitleDie dreißig tolldreisten Geschichten ? Erster Band
titleDie dreißig tolldreisten Geschichten ? Erstes Zehent
publisherGustav Kiepenheuer Verlag Leipzig und Weimar
printrunErste Auflage
illustratorGustave Doré
year1981
translatorBenno Rüttenauer
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20081104
modified20150212
projectid96c1b999
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Welchergestalt eine Todsünde zu einer läßlichen Sünde wird

Es war am nächsten Sonntag nach der Ankunft Renés auf dem Schlosse, daß Blancheflor ohne ihren Gemahl zur Jagd auszog und in dem Wald bei Carneaux einen Mönch bemerkte, der eine junge Bauerndirne ungebührlich zu mißhandeln schien. Sie gab ihrem Zelter beide Sporen und rief ihren Leuten zu, den Mönch zu verhindern, daß er das Mädchen töte. Aber angelangt bei den beiden, riß sie plötzlich ihr Pferd herum, und der Anblick dessen, was sie bei dem genannten Mönch gesehen hatte, machte sie stumm und nachdenklich für die ganze Dauer der Jagd. Diesmal ging ihr ein helles und ganzes Licht auf und warf seinen erleuchtenden Schein auf tausend Dinge, die sie bisher nicht begriffen hatte, auf heilige und profane Bilder, Historien und Gedichte der Troubadours, das Gebaren der Vögel und andrer Tiere des Waldes. Mit einem Schlag begriff sie das Geheimnis der Liebe, das in allen Sprachen geschrieben ist, sogar in der der Karpfen. Wie wäre es auch möglich gewesen, ihr allein diese Wissenschaft auf immer zu verheimlichen!

Blancheflor ging diesen Abend früher als gewöhnlich zu Bett.

»Bruyn«, sagte sie zu dem Manne an ihrer Seite, »Ihr habt mich schnöd hintergangen. Ihr müßt Euch aber endlich bequemen, mit mir zu tun, wie der Mönch von Carneaux mit der Dirne.«

Der gute Seneschall brauchte nicht nach dem Vorgang zu fragen, er ahnte ihn und fühlte sein Unglück über sich hereinbrechen.

»Mein süßes Herz«, antwortete er sanft, indem er seiner Bettgenossin einen schmachtenden Blick zuwarf, der leider schielte, »als ich Euch zur Frau nahm, da hatte ich mehr Liebe als Kraft zur Liebe und zählte auf Euer Mitleid und Euren christlich keuschen Sinn. Das Unglück meines Lebens ist, daß ich nur noch stark bin im Herzen. Ich werde aus Kummer bald sterben, und über kurz oder lang werdet Ihr frei sein ... Seht, ich flehe Euch an, ich, Euer Herr und Meister, der Euch befehlen könnte und der nichts andres sein will als Euer ergebenster Knecht und Diener: Habt Mitleid mit meinen weißen Haaren! Häuft nicht Schande auf mein greises Haupt! Bedenkt auch ein wenig, daß schon mancher Edelmann seine Frau erwürgt hat um dieser Sache willen.«

»Ihr wollt mich töten?« rief sie.

»Nein«, antwortete der alte Mann, »ich liebe dich allzusehr, mein Herz. Siehe, du bist die Blume meines Alters, die einzige Lust meiner Seele, du bist mein vielgeliebtes Kind. Mein Auge wird hell bei deinem Anblick; von dir kann ich alles hinnehmen, selbst ein Schmerz, den du mir zufügst, macht mich glücklich. Du sollst deinen Willen haben in allem, wenn du dem alten Bruyn nicht allzusehr grollen willst dafür, daß er dich zu einer großen Dame, daß er dich reich und geehrt gemacht hat. Geh, du wirst eine hübsche Witwe sein! Ich aber werde gern sterben, denn ich werde denken, daß es dein Glück ist.«

Und er fand in seinen vertrockneten Augen eine letzte Träne, die ihm heiß über die lederfarbene Wange rann und niederfiel auf die Hand seiner Frau. Blancheflor aber fühlte sich tief erschüttert von dieser großen Liebe des alten Mannes, der in die Grube steigen wollte, um ihrem Glück nicht im Wege zu stehen.

»Na, na«, sagte sie, »weint nur nicht, ich werde schon warten können.«

Der Seneschall küßte ihr die Hand und überhäufte sie mit tausend Zärtlichkeiten nach seiner Art.

»Wenn du wüßtest, Blancheflor, mein Herzlieb, wie ich mich so oft in Leidenschaft verzehrte, während du ruhig an meiner Seite schlummertest ...« und dabei streichelte sie der alte Affe zärtlich mit seinen beiden Händen, die nicht anders waren als die des Knochenmanns.

»Aber«, sagte er immer wieder, »ich wagte nicht, mein weißes Kätzchen zu wecken, ich hätte mich geschämt; denn nur mein Herz war stark von der Liebe.«

»Oh«, sagte sie, »Ihr dürft mich lieben nach Eurer Art, auch wenn ich die Augen offen habe, das macht mir nichts.«

Bei diesen Worten ergriff der arme Seneschall einen kleinen Dolch, der auf dem Tischchen neben dem Bett lag, und drückte ihn seiner Frau in die Hand.

»Mein Herzlieb«, rief er, »töte mich oder laß mich glauben, daß du mich ein klein, klein wenig liebst.«

»Gewiß«, antwortete sie, »und ich will trachten, Euch recht sehr zu lieben.«

Auf diese Weise geschah es, daß so ein unwissendes Ding von Jungfernschaft sich diesen Greis zum Sklaven machte und daß die gute Blancheflor mit der allen Frauen natürlichen Grausamkeit den alten Bruyn kommen und gehen hieß wie einen Mühlesel, alles im Namen jenes geheimen Gärtleins, das so elend brachlag bei ihr: ›Mein guter Bruyn, ich möchte das! Bruyn, hör doch, ich möchte dies! Bruyn, hörst du! Bruyn!‹ Und immer wieder: ›Bruyn!‹

Also, daß Bruyn mehr litt unter der Liebenswürdigkeit seiner Frau, als er von ihrer Bosheit gelitten hätte. Sie verdrehte ihm den Kopf ganz und gar, derart, daß er bei ihrem geringsten Augenzwinkern nicht wußte, wo aus und ein. Wenn sie aber traurig war, war es vollends um ihn geschehen. Was man ihm dann vor seinem Richterstuhl auch vortrug, er hatte zu allem nur die Antwort: »Hängt ihn!«

Ein andrer wäre taumelig geworden wie eine Fliege im Dezember in dieser verrückten Jungfernschaftshetze. Aber Bruyn war von einer eisernen Natur und nicht so leicht umzubringen. Eines Abends, als Blancheflor das ganze Haus zuoberst, zuunterst gekehrt hatte, Menschen und Tiere, und mit ihren unglaublichen Launen sogar den lieben Gott in Harnisch gebracht haben würde, der doch wahrlich, wie könnte er uns sonst ertragen, einen unerschöpflichen Vorrat an Geduld hat:

»Mein guter Bruyn«, sagte sie beim Zubettgehen, »ich leide unter Vorstellungen, die mich verfolgen wie Furien, die mir Herz und Hirn erfüllen, wo sie Böses ausbrüten; und des Nachts im Schlaf, da träume ich von dem Mönch von Carneaux.«

»Mein Herzlieb«, antwortete der Seneschall, »das sind teuflische Versuchungen, deren sich auch die Nonnen in den Klöstern zu erwehren haben. Darum, wenn Euch Euer Seelenheil lieb ist, geht noch morgen in die Beichte zu dem Abt von Marmoustiers, unserm Nachbarn; er wird Euch gut beraten und Euch den rechten Weg weisen.«

»Ich werde gehen«, antwortete sie.

Sie verlor keine Zeit, und der heraufsteigende Tag sah sie bereits auf dem Wege nach dem Kloster der guten Mönche, die ganz in Ekstase gerieten beim Anblick der entzückenden Frau, also daß sie am Abend manche Sünde ihretwegen begingen. Für jetzt aber führten sie die hohe Besucherin mit großer Zuvorkommenheit vor ihren ehrwürdigen Abt.

Blancheflor fand den guten Greis in einem abgesonderten Garten, nahe bei den Felsen, im Schatten des Kreuzgangs. Die Haltung des heiligen Mannes flößte ihr Ehrfurcht ein, obwohl sie wahrlich nicht gewohnt war, sich aus weißen Haaren viel zu machen.

»Gott grüß Euch, verehrte Frau«, sagte er. »Was führt Euch, jung wie Ihr seid, in die Nachbarschaft des Todes?«

»Eure unschätzbare Weisheit«, antwortete sie, indem sie ihn grüßte mit einem tiefen Knicks. »Und wenn Ihr geruhen wollt, ein verirrtes Schaf auf den rechten Weg zu weisen und mein Beichtvater zu sein, würdet Ihr mich über alles glücklich machen.«

Hier ist zu sagen, daß der alte Bruyn sich bereits mit dem Mönch verständigt und die heuchlerische Rolle, die er spielen sollte, mit ihm verabredet hatte.

»Meine Tochter«, antwortete der Abt, »wenn ich nicht die Kälte von hundert Wintern auf diesem kahlen Schädel aufgehäuft hätte, dürfte ich Eure Sünden nicht anhören; so aber mögt Ihr sagen, was Euch bedrückt, ohne Gefahr für mich und noch weniger für Euch.« Da fing die Seneschallin an, all den kleinen Krimskrams ihres Sündenvorrats vor dem Abt auszupacken, die Hauptsache aber ersparte sie für das Postskriptum.

»Heiliger Vater«, sagte sie da, »ich muß Euch bekennen, daß ich Tag und Nacht von dem Wunsch verfolgt werde, ein Kind zu bekommen. Ist das eine arge Sünde?«

»Nein«, antwortete der Mönch.

»Aber«, entgegnete sie, »meinem Gemahl ist es von Natur aus untersagt, für meine Bedrängnis eine offene Hand zu haben, wie die Bettler zu sagen pflegen.«

»Wenn es so ist«, entgegnete der Priester, »bleibt Euch nichts übrig, als Euch jeden Gedanken dieser Art aus dem Kopf zu schlagen.«

»Ich habe aber die Dame von Jallanges sagen hören, daß es keine Sünde sei, wenn man weder Vorteil noch Vergnügen davon habe.«

»Vergnügen ist immer dabei«, sprach der Abt; »und rechnet Ihr es nicht für einen Vorteil, ein Kind zu bekommen? Also laßt Euch gesagt sein, daß es immer eine Todsünde ist vor Gott und ein Verbrechen vor den Menschen, ein Kind zu bekommen durch Beihilfe und Mitwirkung eines Mannes, mit dem man nicht kirchlich getraut ist ... Frauen, die die heiligen Gesetze der Ehe verletzen, werden in der andern Welt entsetzlich dafür gestraft, sie werden dort fürchterlichen Ungeheuern übergeben, die sie mit ihren scharfen Krallen in glühende Öfen werfen, damit sie des sündhaften Feuers gedenken, das sie auf Erden in ihrem Herzen genährt haben.« Blancheflor kratzte sich hinter den Ohren. Aber nachdem sie ein wenig nachgedacht, sagte sie zu dem Priester:

»Und die Heilige Jungfrau Maria, wie hat die es denn angefangen?«

»Oho!« rief der Abt, »das ist ein Mysterium.«

»Was ist das, ein Mysterium?«

»Eine Sache, die man nicht erklären kann und die man ohne Untersuchung glauben muß.«

»Und könnte mir nicht auch ein Mysterium widerfahren?«

»Ein solches«, antwortete der Abt, »hat sich nur einmal ereignet, da hat es sich um den Sohn Gottes gehandelt.«

»Hört mich, heiliger Vater, glaubt Ihr, daß Gott meinen Tod will? Oder daß, klaren Geistes wie ich bin, mein Blut mir das Gehirn verbrenne? Und wahrlich, ich fürchte es sehr. Denn seht, wenn manchmal alles in Aufruhr in mir ist, dann verliere ich derart den Kopf, daß ich nach nichts mehr in der Welt frage und daß ich über Mauern wegspringen und schamlos querfeldein laufen möchte, um mir den ersten besten Mann zu nehmen, ja alles hintansetzen könnte, um nur das Ding zu sehen, das bei dem Karmelitermönch also glühte und sprühte. Wenn ich in diesem Zustand bin, gibt es für mich weder Gott noch Teufel, noch Gemahl; ich zittere und bebe, ich bin in ewiger Unruhe, ich meine es nicht mehr aushalten zu können in meiner Haut und möchte alles in Trümmer schlagen, Geschirre, Geräte, den Geflügelhof, die ganze Wirtschaft, mit einem Worte, alles, und ich kann gar nicht sagen, wie mir ist. Ich wage auch nicht, Euch alle meine Missetaten zu gestehen, ich kann nicht davon reden, ohne daß mir, möge mich Gott verdammen, das Wasser im Mund zusammenläuft und mich's also juckt, um toll und verrückt zu werden. Wollt Ihr, daß der Wahnsinn mich peitsche und meine Tugend töte? Kann mich Gott verdammen, nachdem er das Feuer in meinen Eingeweiden entzündet hat?«

Da war es nun an dem Priester, sich hinter dem Ohr zu kratzen, ganz ratlos gegenüber diesen Lamentationen und dieser erstaunlichen Philosophie, Wissenschaft und Beredsamkeit einer armen Jungfernschaft.

»Meine arme Tochter«, sprach er, »Gott hat uns von den Tieren unterschieden und hat uns ewige Wonnen bereitet, die wir uns verdienen sollen; darum hat er uns die Vernunft gegeben als ein Steuer, wenn die Stürme der Sinnlichkeit uns zu verschlingen drohen; da heißt es fasten und arbeiten, wachen und beten, daß die Vernunft nicht schwach werde. Statt wie ein loses Füllen herumzutollen, werft Euch auf die Knie vor dem Bild der Heiligen Jungfrau, schlaft auf hartem Lager, haltet Euer Haus in Ordnung, vor allem seid niemals müßig.«

»Ach, mein Vater, wenn ich in der Kirche in meinem Stuhl sitze, da sehe ich weder Priester noch Altar, ich sehe nur das kleine Jesuskind, und schnell sind meine Gedanken bei andern Sachen als bei dem Gebet. Wenn mir dann der Kopf wirbelt in dem Grade, daß ich den Verstand verliere und nichts weiß von mir selber ...«

»Wenn es so mit Euch stünde«, sagte unvorsichtigerweise der Abt, »da wäret Ihr ja in der Lage der heiligen Lidoria, die eines Tages während der großen Hitze eingeschlafen war in verfänglicher Lage, nur wenig bekleidet, und der sich ein schlimmer junger Mann genaht, leise und schleichenden Tritts, und dergestalt mit ihr tat, daß sie ein Kind bekam, ohne eine Ahnung davon zu haben, und wie ihre Entbindung nahte, fest glaubte, ihre Schwangerschaft sei eine unheimliche böse Krankheit, und danach Buße tat, weswegen ihr Beichtvater ihren Fall für eine läßliche Sünde erklärte, da die Sache für sie ohne Wollust war und der Bösewicht auf dem Schafott, wo er hingerichtet wurde, eingestanden hat, daß sich die Heilige nicht gerührt und geregt habe.«

»Oh, mein Vater«, sagte die Seneschallin, »ich würde mich so wenig wie sie rühren und regen.«

Und gestärkt in ihrem Mut, leise in sich hineinlächelnd, kehrte sie auf das Schloß zurück, in Gedanken einzig damit beschäftigt, wie ihr auch eine solche läßliche Sünde gelingen möchte. Im Schloßhof sah sie den kleinen René, der, drall in den Schenkeln, unter der Aufsicht des alten Stallmeisters ein Pferd zuritt, mit Sprüngen, Wendungen und Kapriolen, sich allen seinen Launen anschmiegend, mit unglaublicher Gewandtheit im Lauf absitzend und wieder aufspringend, mit Volten und Überschlagungen, daß man es gar nicht sagen kann, kurz, sich so keck und tadellos produzierend, daß er sogar die berühmte Königin Lukretia lüstern gemacht hätte, die sich getötet hat, weil sie wider Willen einem Manne unterlegen war.

›Oh‹, sagte Blancheflor bei sich, ›wäre doch der Page bald fünfzehn, wie gern wollte ich einschlafen, wo er mich sehen sollte.‹

Seine große Jugend hinderte sie indessen nicht, bei allen Mahlzeiten unaufhörlich nach ihm hinzuschielen, sich an der Schwärze seiner Locken und der Weiße seiner zarten Haut die Augen aus dem Kopf zu schauen und an seinen feuchten Blicken sich zu berauschen, die sprühten von einer Überfülle von Jugendkraft und Leben.

Nach der Vesper fand der Seneschall sie nachdenklich in ihrem Sessel am Herdfeuer sitzen, und zärtlich besorgt fragte er sie von neuem, was sie für einen Kummer habe.

»Ich habe gerade gedacht«, sagte sie, »Ihr müßtet auf dem Schlachtfelde der Liebe gewiß sehr frühzeitig Lanzen gebrochen haben, daß Ihr nun so ganz und gar kampfunfähig seid.«

Wie alle Greise, die man auf die Erinnerung ihrer Liebestaten bringt, schmunzelte der Seneschall.

»Mit dreizehn Jahren«, sagte er, »habe ich der Kammerzofe meiner Mutter schon ein Kind aufgebunden.«

Und Blancheflor lächelte zufrieden, denn sie dachte an René, der schon bald vierzehn war. Sie wurde darüber ganz heiter und aufgeräumt, sagte dem Alten allerlei ausgelassene Neckereien und ließ sich wohlig von ihrem geheimen Wunsch durchwärmen wie eine Katze von der Frühlingssonne.

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