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Die dreißig tolldreisten Geschichten ? Erstes Zehent

Honoré de Balzac: Die dreißig tolldreisten Geschichten ? Erstes Zehent - Kapitel 4
Quellenangabe
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typenarrative
authorHonoré de Balzac
booktitleDie dreißig tolldreisten Geschichten ? Erster Band
titleDie dreißig tolldreisten Geschichten ? Erstes Zehent
publisherGustav Kiepenheuer Verlag Leipzig und Weimar
printrunErste Auflage
illustratorGustave Doré
year1981
translatorBenno Rüttenauer
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20081104
modified20150212
projectid96c1b999
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Die läßliche Sünde

Wie der ehrenwerte Ritter Bruyn zu seiner Frau kam

Der edle Herr Bruyn, derselbe, der das Schloß La Roche-Corbon-les-Vouvray an der Loire ausgebaut hat, war in seiner Jugend ein wilder Gesell und Tunichtgut. Er ging noch halb in den Knabenschuhen, da war schon keine Jungfer mehr vor ihm sicher, und überall machte er einen Spektakel, als wenn er das Haus zum Fenster hinauswerfen wolle. Als er dann, noch ganz jung, seinen Vater, den Baron von La Roche-Corbon, zu begraben hatte, wurde er vollends ein richtiger kleiner Teufelsbraten. Er war nun sein eigener Herr und konnte erst recht das Haus mitsamt allen Truhen und Kisten und was alles sich darin versteckt hatte, zum Fenster hinauswerfen.

Wirklich lebte er in Saus und Braus alle Tage, vertat sein Geld mit Saufen, Spielen und Huren und kümmerte sich den Teufel um Gesetz und Sitte, daß er sich bald aus der Gesellschaft der ehrsamen Menschen exkommuniziert sah und nur noch die Wucherer, Halszuzieher, Beutelschneider und andere Schnapphähne zu seinem Umgang hatte. Aber selbst die Herren Hypothekenjäger und Geldverleiher wurden stachelig wie eine Kastanienschale, als er kein anderes Pfand mehr einzusetzen wußte als die genannte Herrschaft La Roche-Corbon, in Anbetracht nämlich, daß dieses Besitztum, als ein königliches Lehen, keinerlei Sicherheit und Bürgschaft zu bieten vermochte. Da war Bruyn im besten Zug, ein gefürchteter Saufbold und Raufbold zu werden, der wegen nichts mit den Leuten Händel anfing und kein größeres Vergnügen kannte, als Rippen einzustoßen und Schulterblätter und Schlüsselbeine entzweizuschlagen.

Dieses Treiben sah der Abt von Marmoustiers, sein Nachbar, ein Mann, der nicht gern ein Blatt vor den Mund nahm. Das sei ja alles sehr schön, sagte er zu dem Ritter, und wenn er so fortfahre, werde er sicher noch ein Ausbund aller ritterlichen Tugenden werden; aber noch fehle seinem schädelspalterischen Tun die Krone, nämlich: daß er zur Ehre Gottes hinziehe in das Heilige Land und sein Schwert an den Knochen der sarazenischen Mohammedaner und mohammedanischen Sarazenen, die jetzt das Heilige Land vollscheißen, schartig mache und dann zurückkehre, mit Reichtum und Ablässen überhäuft, entweder zurück in seine geliebte Touraine, den Garten Frankreichs, oder ins himmlische Paradies, den Garten Gottes, von wo alle christlichen Barone herkommen.

Diese weisheitsvollen Worte des Prälaten leuchteten dem Ritter ein, und ausgerüstet vom Kloster und gesegnet vom Abt, ging er zu Schiff und fuhr übers Meer, zur nicht geringen Freude seiner Nachbarn. Er belagerte nun zahlreiche Städte in Asien und in Afrika, hieb auf die Ungläubigen ein, ohne Pardon zu geben, machte ein wahres Gemetzel unter Sarazenen, Griechen, Engländern und andern, ohne viel danach zu fragen, ob es Freunde wären oder Feinde, denn er war als echter Mann wenig neugierig und befragte die Leute nach solchen Lappalien erst, nachdem er sie umgebracht hatte.

In diesem Beruf, dem lieben Gott, dem König und ihm selber sehr angenehm, gewann Bruyn einen großen Ruhm als ritterlicher Christ und christlicher Ritter und hatte viel Spaß in den heidnischen Ländern, wo er es trieb wie daheim und lieber einer Hure einen Taler als einem Bettler einen roten Heller schenkte, obwohl er mehr arme Teufel antraf, die einem Cherub gleichsahen, als er Weiber unter die Hände bekam, die auch nur von weitem den Huris des Mohammed geglichen hätten; aber er war ein guter Tourainer, dem seine Suppe aus jedem Teller schmeckte.

Als er aber dann die Türken satt hatte bis an den Hals und sein Durst nach Reliquien und andern Gnadenspenden des Heiligen Landes hinlänglich gestillt war, kehrte er zur großen Verwunderung seiner Nachbarn aus dem Kreuzzug zurück, über und über beladen mit Gold und Edelgestein, im Gegensatz zu so viel andern, die reich auszogen und – auch über und über bedeckt, nämlich mit dem Grind des Aussatzes, zu ihren lieben Ehegesponsen heimkamen.

Sein Ruhm drang bis zu den Ohren des guten Königs Philipp, der ihn zum Grafen ernannte und dem ganzen Tourainer Land als Seneschall vorsetzte. Da wurde Bruyn von allem Volke geliebt und mit hohen Ehren umgeben, besonders da er es mit seinen Heldentaten nicht genug sein ließ, sondern auch in Carmes-Deschauls in der Gemeinde Esgrignolles eine schöne Kirche baute zur Sühne für die Sünden seiner Jugend.

Er wurde ganz und gar der Liebling Gottes und der Kirche. Aus einem Raufbold und Schnapphahn, der er ehedem war, wurde er ein kluger und gesetzter Mann, dem allmählich die Haare ausgingen und der darum die lustigste Sünde der lästigsten Tugend nur noch wenig vorzog. Sein Gemüt sänftigte sich immer mehr, und er geriet nur noch in Zorn, wenn jemand Gott lästerte vor seinen Ohren, was er nicht ertragen konnte, weil er selber schon für alle andern in seiner Jugend gelästert hatte. Er überfiel und belagerte auch die Leute nicht mehr; denn da er Seneschall war, gaben sie ihm alles freiwillig; auch sah er in Wahrheit alle seine Wünsche erfüllt, und da wird ein Mensch, wenn er nicht ganz ein gottverfluchter Teufel ist, vom Scheitel bis zur Sohle voller Faulheit und Behagen.

Bruyn bewohnte ein altes Schloß an den Ufern der Loire, in deren Wasser es sich spiegelte. Dieses Gemäuer war von außen voller Löcher und Scharten wie ein spanisches Wams, im Innern aber, in den Sälen und Kemenaten, mit königlichen Tapeten bekleidet und erfüllt mit Gerätschaften und tausenderlei Pomp sarazenischer Herkunft, daß die guten Leute von Tours davor Maul und Augen aufsperrten und sogar der Erzbischof und der hohe Klerus von Saint-Martin, denen der Graf ein seidenes Banner mit goldenen Fransen verehrte, die fremde Pracht und Herrlichkeit nicht genug bewundern konnten. Zu dem Schloß gehörte eine große Menge von Landgütern und Stadthäusern mit reichen Einkünften, mit Mühlen, Fischwassern und Wäldern, also daß seine Herrschaft eine der reichsten war im Land und unserem Herrn, dem König, zu seinem Heerbann wohl an die tausend Mann zu stellen vermochte.

Wenn ihm jetzt sein Amtmann, der nicht wenige in seinem Leben hatte hängen lassen, manchmal einen armen Bauer vorführte, der über irgendeinem kleinen Frevel betroffen worden, da lächelte der bejahrte Schloßherr oft gar gnädig:

»Laßt ihn laufen, mein lieber Breddif«, sagte er; »ich habe in früheren Jahren so viele ohne Grund umgebracht, mag er dafür das Leben haben.«

Doch nicht immer lief es so gut ab. Noch genug Bauern mußten an seinen Galgen oder an den Eichen seiner Wälder baumeln, denn ›Gerechtigkeit muß sein‹, pflegte er zu sagen, ›und wenn es auch nur wäre, um eine alte Sitte nicht in Abgang kommen zu lassen‹.

Im ganzen hielten sich seine Hintersassen ruhig und still wie die Nonnen in der Mette und waren ihm in Klugheit ergeben, denn er beschützte sie vor jeder Art von schlimmem Gesindel, vor den Vogelfreien und Vagabundierern, vor Beutelschneidern und Buschkleppern, die er unnachsichtig verfolgte, da er aus eigner Erfahrung wußte, welch eine Landplage dieses Raubzeug sein kann. Er betrieb seine Obliegenheiten in der Furcht Gottes und mit großem Eifer, war bei allem mit ganzer Seele dabei, beim Gottesdienst wie beim Trinken, machte aber bei Streitigkeiten, wie in allem, gern kurzen Prozeß, versüßte harte Urteile mit lustigen Scherzen, und wenn er einem hart weh getan hatte durch seinen Richterspruch, lud er sich bei ihm zu Gast und schmauste und zechte mit ihm, um ihn zu trösten. Er ließ sogar die Gehängten in geweihter Erde begraben, denn er pflegte zu sagen: »Die gehören dem lieben Gott und sind schon genug gestraft, daß sie nicht mehr leben dürfen.« Über die Juden fiel er immer nur dann her, wenn er wußte, daß sie sich mit Wucherzinsen, dem Saft der Nation, vollgesaugt hatten wie die Blutegel mit rotem Menschensaft; die übrige Zeit ließ er sie gewähren und pflegte sie seine lieben Bienen zu nennen, die ihm die Waben mit goldenem Honig füllten. Wenn er sie aber beraubte, geschah es immer nur zum Nutzen der Kirche, des Königs und des Landes wie allenfalls zu seinem eignen Gewinn und Vorteil.

Seine Leutseligkeit gewann ihm immer mehr die Liebe von groß und klein. Oft, wenn er in vergnügter Stimmung vom Gericht nach Hause ritt und dem alten Abt von Marmoustiers begegnete, sagte dieser:

»Ihr habt, scheint es, dem Galgen wieder reiche Dotationen vermacht, daß Ihr so lustig und zufrieden ausseht.«

Und wenn er von seinem Schloß La Roche-Corbon nach der Stadt Tours hineinritt durch die Gassen der Vorstadt von Sankt Symphorion, da sagten die kleinen Gassendirnen unter sich: »Es muß heut Gerichtstag sein, da kommt der edle Herr Bruyn«, und ohne Furcht sahen sie ihm nach, wie er auf seinem weißen Zelter, den er von der Levante mitgebracht, langsam und gemütlich dahinritt. Auf der Flußbrücke unterbrachen die Knaben ihr Klickerspiel und riefen freimütig: »Guten Tag, Herr Seneschall.«

Und er antwortete: »Spielt weiter, meine Kinder, spielt weiter, um so besser werden euch nachher die Prügel schmecken.«

»Au weh, Herr Seneschall!« riefen die Buben und lachten.

So schaltete Bruyn als gnädiger Herr und säuberte derart das Land von Spitzbuben und Diebsgesindel, daß man im Winter nach der großen Überschwemmung nur noch zweiundzwanzig Gehängte zählte, abgesehen von einem Juden, der verbrannt wurde, weil er in der Gemeinde Chasteauneuf eine Hostie gestohlen oder, wie andre sagen, gekauft hatte, da er ein sehr reicher Mann war.

Nun geschah es im darauffolgenden Jahr, ungefähr um Sankt Johann den Täufer oder Sankt Johann den Grasmäher, wie die Bauern hierzulande sagen, da kam eines Tages eine Truppe seltsames Volk in der Stadt an. Ägyptianer oder Bohemianer sagten die einen, Zigeuner oder Mahomedisten meinten die andern, kurz, ein Haufen fremden Raubgesindels, das im Münster von Saint-Martin nicht nur eine Anzahl heiliger Gegenstände entwendete, sondern auch an Stelle eines Bildnisses Unsrer Lieben Frau, um in schnöder Weise unsern heiligen Glauben zu verspotten, ein wunderhübsches Mädchen in der Mauernische zurückließ, eine Art weiblichen Seiltänzer und Scheuerpurzler, fasernackt, ein freches Ding und nicht älter an Jahren wie ein alter Hund.

Über diese unerhörte Schandtat war jedermann aufs äußerste ergrimmt, und die Leute des Königs wie die der Kirche waren darüber einig, daß die Mohrin für die andern bezahlen solle, also daß man festsetzte, das nackte Tierlein lebendig zu braten, zu welchem Zweck und Ende man auf dem viereckigen Platz vor Saint-Martin nahe bei dem Brunnen, wo der Gemüsemarkt abgehalten wurde, einen mächtigen Holzstoß auftürmte.

Bei dieser Gelegenheit nun zeigte Bruyn, der Seneschall, daß er weiter dachte als alle andern, indem er dartat, was man für einen großen Gefallen Gott erweisen könne, wenn man die schwarze afrikanische Seele für die wahre Religion gewönne. »Wenn aber der Teufel, der diesen weiblichen Körper bewohnt«, so schloß er seine Rede, »etwa den Hartnäckigen spielen sollte, wäre der Holzstoß immer noch da, um ihm Gelegenheit zu geben, seinen dummen Eigensinn zu bereuen.«

Das fand der Erzbischof weise gedacht und mit dem kanonischen Recht, den Geboten der christlichen Liebe und den Lehren des Evangeliums vollständig in Übereinstimmung.

Die Damen der Stadt jedoch und andre Leute von Autorität und Ansehen erhoben lauten Widerspruch dagegen, daß man sie um eine so schöne Zeremonie betrügen wolle (als die des Verbrennens nämlich). Denn die Mohrin weinte in ihrem Kerkerloch und stieß jammernde Schreie aus wie ein gebundenes Zicklein; da war also nicht zu zweifeln, daß sie das Wasser dem Feuer vorziehen und sich mit Vergnügen bekehren werde, um ihr Leben zu retten und ihre Tage zu verlängern wie die eines Raben, wenn es möglich wäre. Darauf aber erwiderte der Seneschall, daß die Bekehrung der Heidin zur heiligen christlichen Religion ja noch eine viel lustigere Zeremonie sei und daß er sich anheischig mache, der Stadt Tours ein wahrhaft königliches Fest zu geben; er selber wolle als Taufpate zu Gevatter stehen, und seine Mitgevatterin solle eine Jungfrau sein, um Gott eine besondere Freude zu machen, weil er doch selber ein alter Hagestolz oder Stolzhaken sei.

Denn so nennt man bei uns zu Lande die Männer, die nicht verheiratet sind oder doch dafür gelten, um sie von den Ehemännern und Witwern zu unterscheiden; aber die Weiblein würden sie auch ohne Gattungsbenennung unter den Ehekrüppeln leicht herausfinden.

Das schöne Mohrenkind schwankte nicht lange zwischen den Flammen des Scheiterhaufens und dem Wasser der Taufe. Diese Wahl war für sie keine Qual, sie wollte tausendmal lieber eine lebendige Christin als eine verbrannte Heidin sein. Aber statt einen Augenblick am Leibe gebraten zu werden, fiel ihr nun das Los, daß eine Flamme durch lange, lange Jahre sie langsam verzehrte, denn um ihrer Bekehrung sicher zu sein, steckte man sie in das Nonnenkloster nahe bei Chardonneret, wo sie eine Heilige werden sollte. Die genannte Zeremonie, ihrer Bekehrung aber vollzog sich im Palaste des Erzbischofs, und es wurde bei der Gelegenheit zur Ehre unsres Herrn und Heilands mehrere Tage bankettiert und getanzt, woran sich alle schönen Damen und hohen Herren des ganzen Tourainer Landes beteiligten, eines Landes, wo man mehr tanzt und turniert, bankettiert und Feste feiert und lustige Saufgelage hält als in der ganzen übrigen Welt zusammen.

Der gute Seneschall hatte zur Mitgevatterin die Tochter des Herrn von Azay-le-Ridel oder Azay-le-Brusle ausgewählt, der zur Eroberung des Heiligen Landes ausgezogen und bei der Belagerung von Acre in die Hände eines Sarazenen gefallen war, welcher, da der fränkische Ritter danach aussah, ein königliches Lösegeld für ihn forderte.

Um die Summe zusammenzubringen, hatte die Dame von Azay den Wechslern und Halszuziehern ihr ganzes Lehen verpfändet und wartete nun, arm wie eine Kirchenmaus, in einer elenden Stadtwohnung auf die Ankunft ihres Herrn und Gemahls. Obwohl sie keinen Stuhl besaß, um sich darauf zu setzen, war sie stolz wie die Königin von Saba und tapfer wie eine Bulldogge, die das Eigentum ihres Herrn verteidigt. Der Seneschall, der ihre Bedrängnis kannte, erwählte ihre Tochter für die genannte Taufhandlung, um der Mutter eine Unterstützung zukommen zu lassen, die sie nicht ausschlagen durfte. Er besaß eine schwere goldene Kette, den Ehrenpreis für die Eroberung von Zypern, und er beschloß, sie seiner schönen Mitgevatterin um den Hals zu hängen. Er hängte aber an die Kette noch alle seine Landgüter und ersparten Schätze, seine Reitpferde, seine weißen Haare, mit einem Worte alles, sobald er die schöne Blancheflor von Azay zwischen den Damen von Tours eine Gavotte hatte tanzen sehen. Trotz der Ägyptianerin, die in ihrem Leben für das letztemal tanzte und in Volten und Sprüngen, Biegungen und Beugungen, in Beinspreizen und Zehenwirbeln sich selber übertraf, trug doch Blancheflor nach dem Urteil aller den Preis über sie davon, denn sie tanzte mit wahrhaft jungfräulicher Anmut.

Der alte Bruyn stand bezaubert bei dem Anblick des tanzenden Jungfräuleins, dessen Fersen Angst zu haben schienen vor der Berührung mit dem Fußboden und das so unschuldig tollte mit seinen siebzehn Jahren und Sprünge machte wie eine junge Zikade am Sankt-Johannis-Morgen. Ein heftiger Wunsch entbrannte da in dem Greis, eine apoplektische Begierde, eine solche, die stark ist aus Schwachheit und die ihn durchglühte von der Fußsohle bis zum Nacken hinauf; denn sein Haupt sah so winterlich verwüstet aus, daß die Liebe davor haltmachte. Zum erstenmal fiel es dem Seneschall ein, daß seinem Schloß die Hausfrau fehlte, und die schartige Burg kam ihm auf einmal so traurig und öde vor wie nie in seinem Leben.

Was war auch ein Haus ohne Hausfrau? Man möchte sagen: ein Klöppel ohne seine Glocke. Kurz, er kannte auf einmal keinen andern Wunsch als den, sich eine Frau zu nehmen. Und das so schnell wie möglich. Er hatte keine Zeit zu verlieren. Denn der ihm dort irgendwo in einer dunklen Ecke winkte, hielt wohl einen Bogen in der Hand, aber dieser Bogen war eine Sense. Der gute Bruyn verscheuchte indessen so unliebsame Visionen während all der rauschenden Festlichkeiten und verscheuchte auch den Gedanken an seine wohlgezählten sechzig Jahre, die ihm das Haupt verwüstet hatten. Er fand seine Augen hell und klar; denn darin stand das Bild der jungen Mitgevatterin, die nach den Anweisungen ihrer Frau Mutter ihm mit Blicken und Gebärden nicht wenig den Hof machte und in ihrer Unschuld glaubte, daß das bei einem so alten Mitgevatter weiter nichts zu bedeuten habe. Sie war im Gegensatz zu den andern Dirnen des Landes, die aufgeweckt sind wie ein Frühlingsmorgen, noch ganz und gar Kind und erlaubte ihm zuerst, ihr die Hand zu küssen, und dann noch einiges andre, als zum Exempel den Hals ein wenig tief unten ...

Aber das erst eine Woche darauf, nachdem der Erzbischof sie zusammengesprochen hatte, wobei die gute Stadt Tours die schönste Hochzeit und jedenfalls die schönste Neuvermählte sah seit langen Jahren.

Die genannte Blancheflor war frisch und anmutreich wie nicht leicht eine und so jungfräulich rein, als man es nur sein kann, nicht nur unschuldig, sondern auch unwissend, ein Menschenkind, das sich nicht genug verwundern konnte, was andere Leute im Bett für ungereimtes Spiel trieben, kurz, ein junges Ding, das an das Märchen vom Storch und vom Kinderbrunnen glaubte wie ans Evangelium. Sie war wie eine frisch erblühte Blume, leuchtend im Glanz ihrer Schönheit, wie ein Engel, dem nur die Flügel fehlten, um sich unerkannt unter die himmlischen Scharen zu mischen.

Als sie das arme Haus ihrer gerührten Mutter verließ, um als Braut in die Kathedrale einzuziehen, strömte das Landvolk scharenweise herzu, um die schöne Neuvermählte und auch die schönen Teppiche zu sehen, die man vor ihr her auf dem ganzen Weg über das Pflaster gebreitet hatte, und alle waren einig, daß niemals ein schönerer Fuß den Boden von Touraine berührt, niemals leuchtendere Augen in den Himmel geblickt und niemals die Stadt festlicher mit Blumen und Kränzen geschmückt war. Die Dirnen der Stadt, die von St. Martin und die aus der Vorstadt Chasteauneuf, wurden blaß vor Neid beim Anblick ihrer aschblonden Flechten, mit denen sich die Blancheflor, denn nicht anders war es möglich, einen Grafen eingefangen hatte, und ganz und gar krank wurden sie beim Anblick des golddurchwirkten Brautkleides, der funkelnden Edelsteine aus dem fernen Morgenlande, der blitzenden Diamanten und der schweren goldenen Ketten, womit das Bräutchen nach Kinderart spielte und die sie für immer an den Seneschall banden.

Der alte Kriegsmann an ihrer Seite schien wie verjüngt, er schwitzte sozusagen sein Glück aus allen Poren. Obgleich sein Rücken ungefähr so gerade war wie ein Heidensäbel, stolzierte er doch voll Selbstbewußtsein an der Seite seiner Braut und drückte die Knie durch wie ein Landsknecht bei der Parade, wenn es um den Preis geht. Er hielt sich das Zwerchfell zu beiden Seiten wie einer, der ersticken will an seinem Behagen; und als nun die Glocken läuteten von den Türmen und die ganze Stadt sich hinzudrängte, um den hochzeitlichen Zug zu sehen, wovon später die Greise den Enkeln erzählten, da wünschten die genannten Dirnen, daß es Mohrinnen regnen und Seneschalle hageln und daß doch jeden Tag eine Ägyptianerin getauft werden möchte; aber wie jene die erste, so blieb sie auch die letzte im Lande Touraine, das von Bohemia oder Ägyptia weit abliegt.

Nach den Trauungsfeierlichkeiten erhielt die Dame von Azay eine beträchtliche Summe, die es ihr ermöglichte, nach der Stadt Acre im Morgenland ihrem Gemahl entgegenzuziehen; aber nicht nur Geld gab ihr der Seneschall, auch mit Kriegsvolk und was man sonst zu einer solchen Reise braucht, rüstete er sie aus. Am Tage der Hochzeit, nachdem sie ihre Tochter dem Grafen übergeben und sie ermahnt hatte, ihm eine fromme Hausfrau zu werden, reiste die gute Mutter beruhigt ab, und erst viel später kam sie mit dem Ritter von Azay zurück; er war aussätzig, sie aber pflegte und heilte ihn trotz aller Gefahr der Ansteckung, was allgemein bewundert wurde.

Drei Tage hatte das Hochzeitsgelage gedauert zur großen Befriedigung des Volkes, dann führte der gute Ritter sein Bräutchen mit großem Pomp und Gepränge auf sein Schloß La Roche-Corbon, und nach der Sitte der Neuvermählten hielten sie zusammen in feierlicher Zeremonie ein Schaubeilager auf dem neuen Ehebett, über das der Abt von Marmoustiers das Weihwasser sprengte, das Rauchfaß schwang und den Segen sprach. Nach der Feierlichkeit aber, als sich nun der alte Bruyn in dem herrschaftlichen Schlafgemach, das man mit den kostbarsten Tapeten aus grünem Brokat mit goldenen Borten neu ausgeschlagen hatte, gebadet und gesalbt, Seite an Seite sah mit seiner jungen Frau, da küßte er sie zuerst auf die Stirne, dann auf die blütenweiße Rundung der Brust, dort, wo sie ihm erlaubt hatte, das Schloß der goldenen Kette selber zu befestigen. Und dabei blieb's.

Denn bald merkte jetzt der alte Knickebein, daß er sich zuviel zugetraut, indem er gehofft hatte, das Süpplein, das er sich da eingebrockt, auch ausessen zu können. Amor saß weit weg im Winkel und schmollte, trotz der ausgelassenen Hochzeitsgesänge und frechen Schalkslieder, die unter schallendem Gelächter von der Halle herauftönten, wo Gelage und Tanz die ganze Nacht hindurch dauerten.

Der Ritter setzte den bräutlichen Stärketrank an seine Lippen, der, wie es die Sitte verlangte, ebenfalls geweiht und gesegnet war und in einem goldenen Pokal vor ihnen stand; das stark gewürzte Getränk erhitzte ihm wohl den Magen und die Gedärme, aber nicht das Herz in der Hose.

Die schöne Blancheflor verwunderte sich nicht im geringsten über die Schnödigkeit ihres Mannes; denn sie war jungfräulich nicht nur am Leib, sondern auch an der Seele und sah in der Heirat, was eben junge Mädchen darin sehen, nämlich schöne Kleider, Feste, Pferde, Dame und Gebieterin sein, eine Grafschaft haben, einer Dienerschaft befehlen können et cetera. Als das Kind, was sie war, spielte und tändelte sie mit den goldenen Eicheln der Bettgehänge und konnte sich nicht genug erstaunen über die reiche Zurüstung, worin ihre Jungfernschaft begraben werden sollte.

Zu spät fühlte nun der alte Seneschall sein Unrecht; er hoffte aber auf die Zukunft, die ihm doch logischerweise von Tag zu Tag immer mehr von dem nehmen mußte, wovon er schon jetzt soviel wie nichts besaß.

In Ermanglung von Taten nahm er einstweilen seine Zuflucht zu Worten und suchte seine Frau zu unterhalten, so gut es gehen mochte. Er versprach ihr die Schlüssel zur Schatzkammer, zum Vorratsspeicher und allen Schränken sowie die Verwaltung der Einkünfte aus seinen Häusern und Landgütern, ohne daß er ein Wort dreinreden wolle, kurz, hielt ihr einen Köder nach dem andern vor und machte ihr, wie man zu sagen pflegt, den Mund wässerig nach tausend Dingen.

Ihr wurde es dabei wohl wie einem jungen Streitroß vor der vollen Krippe, sie fand ihren Trottel von Ehemann charmant über alle Maßen; und indem sie sich im Bett aufsetzte und mit vergnügtem Lächeln umblickte, hatte sie eine neue Freude an dem großen und reichen Bett mit grünem Brokat und goldenen Borten, in dem sie nun jede Nacht schlafen durfte. Diese heitre Laune mißdeutete aber der ungewitzigte Ehemann, der wohl mit allen Hunden gehetzt war, aber, was eine Jungfrau ist, kaum anders als vom Hörensagen kannte. Er beurteilte das liebe Ding nach den Weibsbildern, mit denen er sich immer abgegeben, und meinte nicht anders – denn er wußte aus Erfahrung, daß die Frauen keineswegs so weiß von Seele sind wie von Haut –, als daß sie nun mit Gehätschel und Getätschel und heimlichen Manipulationen das bekannte Spiel und Scharmützel einleiten wolle, dem er sich ehemals sicher nicht entzogen hätte, das ihn aber jetzt so kalt ließ wie eine Seelenmesse für den Papst. Er wich ihr also aus bis zum Rand des Bettes, voller Angst vor dem drohenden Unglück.

»Nun, mein Liebchen«, sagte er, »da bist du also jetzt Seneschallin, und wahrlich, der Schalk schaut dir aus den Augen. Man sieht dir an, daß du glücklich bist.«

»Nicht im geringsten«, sagte sie.

»Wie!« rief er erschrocken; »habe ich Euch nicht zu einer großen Dame gemacht?«

»Nein«, sagte sie wieder, »ich bin ja noch immer ein Mädchen. Eine Frau bin ich erst, wenn ich ein Kind habe.«

»Habt Ihr die schönen Wiesen gesehen beim Ritt hierher?«

»Ja«, antwortete sie.

»Nun, sie sind Euer.«

»Oh!« rief sie lachend, »so will ich darauf nach Schmetterlingen jagen.«

»So gefallt Ihr mir. Und den Wald nach der andern Seite, habt Ihr den gesehen?«

»Darin würde ich mich fürchten allein, da müßt Ihr mich begleiten; aber gebt mir doch ein wenig von dem Trank, den die Barbara mit so großer Sorgfalt für Euch zubereitet hat.«

»Nicht doch, mein Kind, er würde dir die Eingeweide verbrennen.«

»Oh, ich will ihn versuchen«, rief sie voll Unwillen über seine Weigerung, »denn ich möchte Euch sobald wie möglich ein Kindlein schenken, und man hat mir gesagt, daß der Trank zu diesem Zweck gemacht ist.«

»Mein Liebes«, sagte der Seneschall, der jetzt wohl sah, ein wie unschuldiges Ding seine Frau war, »dazu gehört zweierlei: erstens, daß es der Wille Gottes sei, und zweitens, daß sich die Frau im Zustand der Heublüte befinde.«

»Und wann werde ich im Zustand der Heublüte sein?« fragte sie lächelnd.

»Wann es der Frau Natur gefallen wird«, antwortete er in spaßhaftem Ton.

»Was kann man aber dazu tun?« fragte sie wieder.

»Ach Gott, dazu ist eine kabbalistische und alchimistische Operation erforderlich, die sehr gefährlich werden kann.«

»Ah«, erwiderte sie nachdenklich, »das ist also der Grund, warum meine Mutter so weinte beim Gedanken an diese Verwandlung; aber Berthe de Preuilly, die so glücklich ist über ihren neuen Stand, hat mir gesagt, daß es auf der Welt nichts Leichteres gebe.«

»Je nach dem Alter«, antwortete der alte Ritter; »aber habt Ihr im Stall den schönen weißen Zelter gesehen, von dem man spricht im ganzen Tourainer Land?«

»Gewiß, er ist so sanft und schön.«

»Nun denn, ich schenke ihn Euch, und Ihr könnt ihn besteigen, wann und sooft Euch nur die Lust ankommt.«

»Ihr seid wahrhaftig die Güte selber, man hat mich nicht belogen.«

»Alles ist hier Euer Eigentum, mein Liebchen: der Kellermeister, der Kaplan, der Schatzverwalter, der Stallmeister, der Koch, der Amtmann, sogar der Herr von Montsoreau, dieser junge Walter, mein Bannerträger, zusamt seinen Kriegsknechten, Hauptleuten, Menschen und Tieren; sie alle gehören Euch, und ein Wink von Euch wird ihnen Befehl sein unter Strafe des Stranges.«

»Aber«, erwiderte sie, »diese alchimistische und kabbalistische Operation, kann sie nicht gleich jetzt vorgenommen werden?«

»O nein«, antwortete der Seneschall, »dazu ist es nötig, daß wir beide im vollkommenen Zustand der Gnade seien. Andernfalls würden wir uns versündigen gegen das kanonische Gesetz, und unser Kind käme zur Welt, beladen mit dem Fluch Gottes. Aus diesem Grunde gibt es so viele böse und unverbesserliche Menschen auf der Welt. Ihre Erzeuger waren nicht im Zustand der Reinheit, darum sind ihre Kinder verworfene Wesen. Die Schönen und Tugendhaften kommen von Eltern, die rein und ohne Sünde waren. Darum lassen wir Edeln unser Bett weihen und einsegnen mit Kerzen und Weihrauch, wie der Abt von Marmoustiers mit diesem hier getan hat ... Wißt Ihr Euch auch keiner Sünde schuldig wider ein Gebot der heiligen Kirche?«

»Gewiß nicht!« rief sie lebhaft. »Ich habe vor der Messe die Absolution erhalten von allen meinen Sünden. Und seither hab ich nicht einmal ein Dreiviertelsündchen begangen.«

»Ja, Ihr seid die Tugend selbst«, beteuerte der listige Ehemann, »und ich bin glücklich, Euch zur Frau zu haben. Aber ich, bei Gott, ich habe geflucht wie ein Türke.«

»Oh, warum denn?«

»Weil der Tanz nicht enden wollte, während ich vor Ungeduld brannte, Euch hier allein zu haben und zu küssen.«

Er ergriff ihre Hand bei diesen Worten, streichelte sie zärtlich, und mit einigen nichtssagenden Liebkosungen drückte er die Frau an seine Brust, daß sie ganz glücklich und zufrieden war. Sie fühlte sich übrigens müde vom vielen Tanzen und all den Zeremonien.

»Morgen werde ich über Euch wachen, daß Ihr nicht wieder sündigt«, sagte sie und legte sich auf die Kissen zurück.

Mit Entzücken betrachtete sie der Greis in ihrer weißen Schönheit, voll Bewunderung für ihre zarte Natur, aber dann kratzte er sich verzweifelt hinter den Ohren. Es schien ihm ebenso schwer, sie in ihrer entzückenden Unwissenheit zu erhalten, als sich zu erklären, warum der Ochs sein Futter sozusagen zweimal frißt. Obgleich ihm aber nichts Gutes ahnte, geriet er immer mehr in Ekstase vor den seltenen Vollkommenheiten der schlummernden Blancheflor und faßte den Vorsatz, dieses Kleinod der Liebe zu bewahren und zu verteidigen bis in den Tod ... Mit Tränen in den Augen küßte er ihr das goldene Haar, die gesenkten Augenlider, den roten frischen Mund, aber sanft und vorsichtig, damit sie nicht erwache ...

Das war die einzige Frucht dieser Brautnacht, die ihm das Herz verbrannte, indes die ahnungslose Blancheflor den Schlaf eines Kindes schlief. Der arme Greis aber raufte sich verzweiflungsvoll das ergraute Haar, er hätte hohnlachen mögen, daß ihm Gott die schönste Nuß gerade so lange hatte aufheben wollen, bis er just keine Zähne mehr hatte, um sie aufzubeißen.

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