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Die dreißig tolldreisten Geschichten ? Erstes Zehent

Honoré de Balzac: Die dreißig tolldreisten Geschichten ? Erstes Zehent - Kapitel 16
Quellenangabe
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typenarrative
authorHonoré de Balzac
booktitleDie dreißig tolldreisten Geschichten ? Erster Band
titleDie dreißig tolldreisten Geschichten ? Erstes Zehent
publisherGustav Kiepenheuer Verlag Leipzig und Weimar
printrunErste Auflage
illustratorGustave Doré
year1981
translatorBenno Rüttenauer
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20081104
modified20150212
projectid96c1b999
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Die schöne Wäscherin von Portillon

Schon früher wurde in diesem Buch ein höchst spaßhaftes Wort der hübschen Wäscherin aus Portillon, welches ein Vorort der Stadt Tours ist, angeführt. Dieses Mädchen stak so voll Bosheit und List, daß sie wenigstens die von sieben Priestern oder drei Frauen gestohlen haben mußte. So fehlte es ihr denn auch nicht an Liebhabern, sondern sie hatte deren so viel, daß sie davon wie von einem Bienenschwarm umschwirrt und umhummelt war.

Kam da eines Abends ein alter Seidenfärber, der in der Rue Montfumier wohnte und daselbst ein Haus voll heidenmäßiger Reichtümer besaß, von seinem Weingarten Grenadiere, bei den schönen Hügeln von Saint-Cyr, zurück und ritt auf seinem Gaul gemächlich durch die Vorstadt Portillon gegen die große Brücke, die die Stadt von der Vorstadt trennt. Es war ein warmer Sommerabend, und als der Färber die schöne Wäscherin erblickte, die auf der Schwelle ihres Hauses saß, wurde er von einer heftigen Begierde nach ihr ergriffen. Er träumte übrigens schon lange von der schönen Dirne, und heute faßte er den Entschluß, sie zu seiner Frau zu machen.

So wurde aus der Wäscherin eine Färberin, eine reiche Bürgersfrau der Stadt Tours, mit feiner Wäsche und schönen Spitzen, mit Hausgerät in Hülle und Fülle, eine glückliche Frau, trotz ihres Färbers, den sie, wenn ihm auch kein Ring daran saß, aufs zierlichste an der Nase herumzuführen wußte.

Der genannte Färber hatte zum Gevatter einen gewissen Meister Mechanikus, der die verschiedenen Werkzeuge der Seidenweberei anfertigte; er war klein von Gestalt, bucklig, seitdem er lebte, und dazu ein Nickel, wo ihn die Haut anrührte.

»Du hast wohl daran getan, dich zu verheiraten«, sagte er am Hochzeitstag zu dem Gevatter, »wir werden eine hübsche Frau haben.« Und mit tausenderlei Scherzreden und Anzüglichkeiten, wie sie so üblich sind, foppte er die Neuvermählten und hofierte der schönen Färberin, die mißratene Gewächse in ihrem Leben nicht leiden gekonnt und den Mechanikus und seine Bewerbungen frank heraus auslachte.

Sie neckte ihn den ganzen Tag mit seinen Spulen, Spindeln und Zapfen und sagte, daß er davon nicht nur die Bude, sondern auch den Buckel voll habe. Aber der Bucklige ließ sich dadurch in seiner Leidenschaft nicht irremachen und fiel der schönen Färberin so lästig, daß sie sich entschloß, ihm einmal einen recht schlimmen Streich zu spielen, um ihn zu heilen.

Eines Abends, nachdem er sie wieder mit hartnäckiger Ausdauer verfolgt hatte, sagte sie ihm, er möge denn in Gottes Namen gegen Mitternacht an die Hintertüre kommen, so werde sie ihm für sicher ihre Vordertüre öffnen. Die Nacht war aber eine schöne helle Winternacht, und da die schon genannte Rue Montfumier am Ufer der Loire endet und so mit dem Fluß eine Ecke bildet, wo selbst im Sommer einem der Wind durch Haut und Knochen geht, so könnt ihr euch den Buckligen wohl vorstellen, wie er, um sich warm zu halten, in seinen Mantel gewickelt heftig da auf und ab schritt, bis die ersehnte Stunde herannahte. Als die Uhr auf Mitternacht ging, war er bereits steckensteif gefroren; er fluchte wie siebenundzwanzig Teufel und war nahe daran, auf sein Glück zu verzichten, als er bemerkte, daß sich an den Fenstern ein Licht hinbewegte und sich zuletzt, indem es immer tiefer stieg, der besagten Hintertür näherte.

»Ah«, sagte er, »da ist sie.«

Und dieser Gedanke erwärmte ihn. Er drückte sein Ohr an die Tür und hörte drinnen eine feine Stimme.

»Seid Ihr da?« fragte die Färberin.

»Ja.«

»Hustet, daß ich Euch erkenne.«

Der Bucklige fing an zu husten.

»Das seid Ihr ja gar nicht.«

»Wie!« rief laut der Mechanikus, »das bin ich gar nicht? Kennt Ihr denn meine Stimme nicht? öffnet doch!«

»Wer ist da?« rief der Färber, der einen Fensterflügel aufgerissen hatte.

»Da, nun habt Ihr meinen Mann aufgeweckt, der diesen Abend unversehens von Amboise zurückgekommen ist.«

Unterdessen hatte sich der Färber, nachdem er im Mondschein erkannt, daß sich ein Mann an seiner Türe zu schaffen machte, einen Zuber kaltes Wasser herbeigeholt, und mit dem Ruf: »Diebe, Diebe!« schüttete er es hinunter auf den verliebten Gevatter, dem nichts übrigblieb, als die Flucht zu ergreifen. Aber in der Hast stolperte er über die Kette, welche die Straße gegen den Fluß absperrte, und fiel in eines der stinkenden Schmutzlöcher, darein jedermann seinen Unrat ablud in Ermangelung von Senkgruben, die eine hochlöbliche Polizei erst später erfunden hat. Der Mechanikus geriet hierüber ganz außer sich und fluchte nicht übel auf die schöne Tascherette, denn so pflegte man, da ihr Eheherr Taschereau hieß, die schöne Färberin in der Stadt allgemein zu nennen.

Carandas aber, wie der Spulen-, Spindel- und Haspelmacher hieß, war nicht so sehr auf den Kopf gefallen, um an die Unschuld der Färberin zu glauben, er schwur ihr eine fürchterliche Rache.

Einige Tage danach aber, nachdem er sich von seinem duftenden Bad im Färbergraben erholt hatte und bei seinem Gevatter zu Abend speiste, da wußte die schöne Färberin ihm derart um den Bart zu gehen, ihm solchergestalt Speckschwärtchen durch den Mund zu ziehen und ihm eine schöne Versprechung nach der andern als Köder vorzuhalten, daß er ganz und gar von seinem finstern Verdacht zurückkam. Er bat um ein neues Stelldichein, und die schöne Tascherette, als ob sie selber den ganzen Abend an nichts anderes gedacht hätte, sagte:

»Kommt morgen, mein Mann wird drei Tage zu Chenonceaux bleiben; die Königin möchte gern alte Stoffe färben lassen, da wird es von wegen der Farben eine lange Konferenz und Beratung geben, also ...«

Carandas zog seine besten Sachen an und erschien auf die Minute. Das Abendmahl war vorzüglich, die Lampreten frisch, der Wein von der besten Lage zu Vouvray, das Tischtuch weiß wie Schnee – denn die ehemalige Wäscherin hatte die Farbe des Frischgewaschenen noch nicht vergessen; alles blinkte und blitzte, die Schüsseln und Teller aus Zinn waren eine wahre Freude anzusehen, und der Geruch der Speisen ließ dem Buckligen das Wasser im Mund zusammenlaufen. Noch mehr jedoch ließ ihm die schöne Tascherette das Wasser im Mund zusammenlaufen, die herausfordernd dasaß in ihrem Sessel, lockend und lachend wie an seinem Zweig ein Borsdorfer Apfel, der das Gold des sonnigsten Sommertags zurückstrahlt. So verführerisch lächelte sie ihn an, daß er glaubte, er könne nicht anders und er müsse nun gleich einbeißen in die lachende Frucht (die man sich gewöhnlich für den Nachtisch aufzuheben pflegt) – als plötzlich Meister Taschereau heftig an der Haustür pochte.

»Mein Gott, was ist geschehen?« rief die Färberin; »schnell, versteckt Euch in diesen Schrank ... ich bin, ohnedies Euretwegen schon gezankt worden; wenn Euch mein Mann hier fände, er wäre imstande, Euch den Garaus zu machen, denn Ihr ahnt nicht, wie heftig und bösartig er sein kann.«

Und also schiebt sie den Buckligen in den Schrank, steckt den Schlüssel zu sich und geht, ihrem Mann zu öffnen, den sie zum Abendessen erwartet hat. Da wird nun der Färber herzig geküßt, nicht nur auf die beiden Augen, sondern auch auf die beiden Ohren, und er selber gibt seiner Frau einen Schmatz, den man bis in die Straße hinunter hören konnte. Darauf setzt sich das Ehepaar zu Tisch, und nachdem sie eine Zeitlang gescherzt und geplaudert, gehen sie zu Bett. Der Mechanikus aber muß alles das mit anhören, aufrecht in dem engen Schrank, ohne sich zu rühren und zu räuspern. Wie eine Sardine in der Büchse war er zwischen dem Weißzeug eingeklemmt und hatte nicht mehr Luft, als die Karpfen Sonne haben in der Tiefe ihres schlammigen Wassers. An Unterhaltung fehlte es ihm jedoch nicht, die Seufzer des Färbers und die zierlich neckischen Erwiderungen der Tascherette, die ganze Musik dieses Liebeskonzerts hatte er gratis. Als er aber endlich den Gevatter eingeschlafen glaubte, suchte er die Schranktür aufzuhaken.

»Was gibt's?« rief der Färber.

»Was denn, mein Schatz?« antwortete die Frau, indem sie ihre Nase unter der Decke hervorstreckte.

»Hat es da nicht gekratzt?« sagte der Mann.

»Es wird die Katze gewesen sein, das bedeutet Regen.«

Da legte der Mann sich wieder aufs Ohr, die Frau jedoch konnte sich's nicht versagen, ihn noch ein bißchen zu hänseln.

»Du hast wahrhaftig einen allzu leichten Schlaf«, begann sie, »da dürfte man sich wohl in acht nehmen, wenn es einem beikommen sollte, dich in das bekannte Hochwild zu verwandeln. Ach, du kannst ruhig schlafen, Väterchen ... Aber deine Nachtmütze sitzt dir ja ganz schief auf dem Ohr. Komm, mein Engel, ich will sie dir zurechtrücken. Man muß immer hübsch sein, sogar im Schlaf. Liegst du jetzt gut?«

»Ja.«

»Schläfst du?« fragte sie ihn noch einmal, indem sie ihn küßte.

»Ja.«

Am andern Morgen schlich sich die Färberin an den Schrank, um den Mechanikus frei zu machen. Der Bucklige war bleicher als der Tod.

»Luft, Luft!« schnappte er.

Geheilt von seiner Liebe, machte er sich aus dem Staube und trug mehr Haß in seinem Herzen mit sich hinweg, als ein Hamster Weizen forttragen kann in seinen Backentaschen. Er verließ bald darauf die Stadt Tours und begab sich nach Brügge, wohin ihn ein Kaufmann berufen hatte, daß er ihm das Werkzeug zur Fabrikation von Panzerhemden herstelle.

Während seiner langen Abwesenheit brütete der genannte Carandas, dem maurisches Blut in den Adern rollte, denn er stammte von einem alten Sarazenen ab, der für tot auf dem Schlachtfeld geblieben war, als die Mohren und Franken sich das Gefecht auf der Heide geliefert hatten, die noch heute die Heide Karls des Großen genannt wird, wovon schon in der vorigen Erzählung die Rede war und wo kein Kräutlein wächst, weil die verfluchten Ungläubigen da begraben sind und nicht einmal eine Kuh hier ein Gras fressen mag ... Carandas, habe ich gesagt, brütete in dem fremden Lande bei Nacht und bei Tag über seinem Haß und hatte keinen andern Gedanken, als wie er recht teufelsmäßig seine Rache ins Werk setzen möge. Er plante nichts Geringeres als den Tod der schönen Färberin. »Ich will von ihrem Fleische essen«, sagte er oft zu sich selber; »beim Beelzebub, ich werde mir eine ihrer Brüste braten, und sie soll mir ohne Brühe schmecken.« Wahrlich, sein Haß war ein blutigroter, und er war in der Wolle gefärbt. Es war ein Kardinalhaß, ein Haß, giftig wie eine Hornisse oder wie eine alte Jungfer. Es war vielmehr aller Haß der Welt zusammengebraut in einen einzigen Haß, in dem es brodelte und gischte von einem teuflischen Elixier mit giftigen Dämpfen der Hölle, es war mit einem Wort ein verruchter Haß.

Eines schönen Tages tauchte dieser Carandas von neuem in der Stadt Tours auf. Er brachte schwer Geld mit, das er sich in Flamland durch den Handel mit seinen mechanischen Erfindungen erschachert hatte. Damit kaufte er sich ein schönes Haus in der Rue Montfumier, das noch heute zu sehen ist und von vielen neugierig bestaunt wird, weil in seiner Mauer seltsam lustige Figuren ausgemeißelt sind.

Im Hause seines Gevatters, des Färbers, fand der haßgierige Carandas vieles verändert. Der Gevatter hatte zwei hübsche Kinder, die unglücklicherweise weder der Mutter noch dem Vater im geringsten ähnlich sahen. Da aber Kinder doch mit irgendjemand in der Welt eine Ähnlichkeit haben müssen, so nehmen die kleinen Schlingel oft die Züge ihrer Großeltern an, wenn dieselben hübsch sind. So was weiß sich zu helfen, und so fand denn auch der Färber bald heraus, daß die Kleinen einem seiner Onkel glichen, der ehemals Pfarrer an der Notre-Dame von Esgrignolles war. Einigen Witzbolden zu glauben, waren aber die beiden Sprößlinge die ausgeschlüpften Ebenbilder eines hübschen Pfäffleins aus der Pfarrei Notre-Dame La Riche, einem berühmten Ort zwischen Tours und dem königlichen Schloß Le Plessis.

Und nun, glaubt mir das eine und prägt es tief in euer Gedächtnis ein – und wenn ihr in dem ganzen Buch nichts gefunden, aufgelesen und zu euch gesteckt haben solltet als diese eine Wahrheit, die eine Wahrheit von Grund aus ist, so könnt ihr euch schon glücklich schätzen –, nämlich das eine: daß der Mensch nicht leicht seine Nase entbehren kann, id est, daß er ohne Rotz nicht auskommt, das heißt, daß er immer Mensch bleiben wird und daß er also per saecula saeculorum fortfahren wird, zu lachen und zu trinken und immer als derselbe in seinem Hemd zu stecken, nicht besser und nicht schlechter als von allem Anfang an, kurz, daß er sich immer in demselben Kreis drehen wird. Doch das ist nur die Präambel meiner Wahrheit, die ich euch so vorsichtig als möglich beibringen muß, um euch nicht vorzeitig scheu zu machen, und die darin besteht, daß dieser liebe Zweihänder oder Zweibeiner immer und zu allen Zeiten das für das Wahre und Richtige halten wird, was seine Leidenschaften kitzelt, was seiner Liebe dient und seinem Hasse schmeichelt. Und die Logik daraus?

Am ersten Tage also, als der bucklige Carandas die Kinder seines Gevattermanns sah und den hübschen Priester, sah er auch die schöne Färberin und den Taschereau, wie sie alle zusammen rund um den Tisch saßen, wie auch, daß die Tascherette zu seinem Leidwesen das schönste Lendenstück der Lamprete ihrem geistlichen Freund zuschob mit einem gewissen Ausdruck im Blick; da brauchte dem Neidhammel niemand zu sagen, daß sein Gevatter Hahnrei geworden, daß die Tascherette mit ihrem Beichtvater unter einer Decke stak, in jedem Sinn, und daß der Weihwasserschwengel des Pfaffen und die Kinder der Färberin eine geheime Beziehung zueinander haben mußten.

›Aber ich werde ihnen zeigen‹, sagte er bei sich, ›daß die Buckligen etwas haben, was den andern abgeht.‹

Und das war so wahr, wie es wahr ist, daß die Stadt Tours sich immer in der Loire gespiegelt hat und spiegeln wird gleich einem hübschen badenden Mädchen, das mit dem Wasser spielt und es peitscht mit seinen weißen Händen, flick, flack; denn diese lachende, lustige, verliebte Stadt, diese frische, blühende, diese Stadt voller Wohlgerüche ist schöner als alle andern Städte der Welt, die nicht einmal würdig sind, ihr das Haar zu kämmen oder ihr die Schuhriemen aufzulösen. Ihr werdet finden, wenn ihr die Stadt besucht, daß mitten hindurch eine breite Zeile führt, eine ganz entzückende Straße, wo die schöne Gesellschaft lustwandelt, wo es zu aller Zeit Wind und Regen, Sonne und Schatten gibt und die Liebe zwischen den Pflastersteinen wächst. Ihr lacht? Geht doch hin. Es ist das eine immer neue, immer königliche, immer kaiserliche, immer vaterstädtische Straße, eine Straße mit zwei Bürgerwegen, eine Straße, die offen ist an beiden Enden, eine wohlgezogene, wohlgebaute Straße, eine Straße, so breit, daß noch niemand darin ›Achtung!‹ gerufen hat, eine Straße, die sich niemals abnützt und die zur Abtei Grand-Mont führt und zu einem Graben, der fein mit der großen Brücke zusammengeht und an dessen Ende ein schöner Marktplatz liegt; die Straße ist wohlgepflastert und gepflegt, immer sauber gespült, immer blank wie ein Spiegel, einsam oder ganz voller Menschen, alles zu seiner Zeit, es ist eine kokette Straße, die sich bei Nacht noch fein ausnimmt in der Spitzenhaube ihrer blauen Dächer; kurz, es ist die Straße, in der ich geboren bin, es ist die Königin der Straßen, schön, zwischen Himmel und Erde, eine Straße mit einem Springbrunnen, eine Straße, der nichts fehlt, um gerühmt zu werden vor allen Straßen der Welt. Sie ist im Grund die wahre Straße, die einzige Straße von Tours. Es gibt wohl noch andere, aber sie sind schwarz und krumm, eng und feucht, und sie kommen alle demütig herangekrochen, um dieser einzigen vornehmen Straße zu huldigen und von ihr Befehle zu erwarten ... Aber wo stehe ich? Ach ja, einmal in dieser Straße, kommt man nicht wieder heraus, so herrlich und lustig ist sie. Und wahrlich, ich schuldete diese kindliche Huldigung, diesen Hymnus aus tiefstem Herzen, dieser meiner Geburtsstraße, der nichts fehlt als die Standbilder meines guten Lehrers Rabelais und des Meisters Cartesius, den aber die Eingeborenen nicht zu kennen scheinen.

Ich komme auf den genannten Carandas zurück. Er wurde seit seiner Rückkehr aus Flamland sehr gefeiert; nicht nur von seinem Gevatter, sondern auch noch von vielen andern, denen er wegen seiner Lustigkeit und drolligen Einfälle ein lieber Geselle war. Seine alte Liebe schien er vergessen zu haben, er war voller Freundschaft gegen die Tascherette und den Pfaffen, herzte und küßte die Kinder, und wenn er mit der Frau Färberin einmal allein war, erinnerte er sie scherzend an die Nacht mit der Mistgrube als an gute Spaße, worüber man lachen muß.

»Ihr habt mich freilich schön zum Narren gehalten.«

»Ist Euch ganz recht geschehen«, erwiderte sie lachend, »denn wenn Ihr Euch noch einen kleinen Zipfel von Zeit hättet nasführen lassen aus lauter Liebe und foppen lassen und zum Narren halten, wäre es Euch so gut wie den andern am Ende gelungen, mich herumzubringen.«

Dazu lachte Carandas, im Innern aber kochte er vor Wut, und beim Anblick des Schranks, worin er um ein Haar krepiert wäre, verbiß er sich nur um so tiefer in seine Wut, als die schöne Färberin unterdessen noch schöner geworden war, wie alle, die sich im Jungbrunnen baden und darin verjüngen, welcher Jungbrunnen aber nicht andres ist als die Liebe.

Heimlich und noch immerfort auf dem giftigen Ei seiner Rache brütend, studierte der Mechanikus aufs eifrigste die hahnreiliche Naturgeschichte seines Gevatters, als welche in jedem Hause wieder eine andere ist; denn obgleich alle Liebschaften einander gleichen so wie alle Menschen untereinander, so hat doch die höhere und wahre Wissenschaft längst festgestellt, daß jede besondere Liebe, zum Glück der Frauen, auch ihre ganz besondere Physiognomie hat, ebenso wie, wenn auch nichts so sehr dem Menschen gleicht als der Mensch, dennoch jeder Mensch verschieden ist von jedem andern Menschen. Das klingt sonderbar und erklärt doch allein die tausend Launen der Weiber, die unter Leiden und Freuden suchen und immer wieder suchen und zuletzt selber nicht wissen, warum sie den einen dem andern vorziehen. Darum sind sie so wankelmütig, so voller Widersprüche und Unruhe. Soll man sie deswegen schelten? In der ganzen Natur ist alles Wandel und Wechsel, und ihr wollt, daß das Weib sich gleichbleiben soll? Wißt ihr, ob das Eis wirklich kalt ist? Nichts wißt ihr, und so könnt ihr auch nicht wissen, ob die Hahnreischaft eines Ehemanns nicht vielleicht eine höhere Fügung ist, um gelegentlich ein Gehirn hervorzubringen, das ein wenig besser ausstaffiert sei als andere Gehirne. Was studiert ihr die Wolken und die Winde unter dem Himmel? Ich versichere euch, daß man meinem konzentrischen Buche hier noch einmal eine tiefe Philosophie nachrühmen wird. Ja, ja, ihr dürft mir glauben, ein Apotheker, der Rattengift verkauft, ist ein größerer Philosoph als die, so sich einbilden, sie könnten der Natur die Röcke aufheben. Diese Natur ist aber ein stolzes und launisches Frauenzimmer, das sich nicht jedem zeigt und zu jeder Stunde. Versteht ihr? Sie gehört nicht umsonst in allen Sprachen der Welt zum weiblichen Geschlecht als ein Wesen, dem nichts so eigen ist als Veränderlichkeit und die Lust, zu verblüffen und zu überraschen.

Carandas kam bald zu der Überzeugung, daß von allen Hahnreitänzen der ekklesiastische bei weitem der sinnreichste und bestbehütete sei. Folgendermaßen aber hatte die gute Färberin ihre Sache einzufädeln gewußt.

Jeden Samstagabend begab sie sich nach ihrem Weingut Grenadière-les-Saint-Cyr, während ihr Mann die Wochenarbeit vollendete, die Rechnungen prüfte, die Gehilfen bezahlte. Am Sonntagmorgen machte auch er sich auf den Weg nach dem Weingut, wo er ein vortreffliches Frühstück sowie seine Frau in bester Laune antraf. Und stets brachte er den Priester mit. Der verdammte Pfaffe war aber immer schon am Abend auf einem Kahn übergefahren, um der Färberin, die ein wenig fürchtig war, Gesellschaft zu leisten, damit sie nachher ruhig schlafen konnte, worauf der Kerl sich vortrefflich verstand. Morgens in der Frühe kehrte dann der hübsche Beschwörer des bösen Nachtmahr-Ungeziefers in seine Wohnung zurück, wo ihn der Färber in seinem Bette fand, wenn er kam, um ihn für die ländliche Lustpartie abzuholen. Der Fährmann war gut bezahlt, so wußte niemand um die Schliche des Priesters, der seine abendliche Reise in tiefer Dunkelheit, seine morgendliche aber am hohen hellen Tage machte.

Nachdem Carandas diese Praktiken des Priesters und der Färberin ausspioniert hatte, wartete er nur einen Tag ab, wo das verliebte Paar wegen zufällig nötig gewordener längerer Fasten besonders hungrig aufeinander war. Ein solcher Tag ließ nicht lange auf sich warten, und der spionierende Carandas verfolgte im Hinterhalt die Vorbereitungen des Fährmanns, der unten am Tiefufer der Loire beim Sankt-Annen-Kanal den genannten Priester erwartete, als welcher ein hübscher junger Blondkopf und von schlanker, einnehmender Gestalt war wie des Meisters Ariosto so schön verherrlichter schüchterner Held. Nachdem der Mechanikus seiner Sache sicher sein durfte, machte er sich auf den Weg zum Gevatter Färber, der seine Frau mehr liebte wie je und sich nicht denken konnte, daß noch ein anderer außer ihm den Finger in ihr Weihwasserkesselchen tunken durfte.

»Guten Abend, Gevatter!« rief Carandas, und Taschereau zog grüßend sein Käppchen.

Und also bald beginnt der Mechanikus zu erzählen von den heimlichen Liebesfesten auf dem Weingut; er spart dabei nicht an Worten und verwundet den guten Färber, wo er nur kann, bis er ihn in der Verfassung sieht, seiner Frau und dem Pfaffen stante pede den Garaus zu machen.

»Mein guter Nachbar«, sagt er da, »ich habe aus Flamland einen vergifteten Degen mitgebracht, der unverzüglich tötet, wenn er auch nur die Haut eines Menschen ritzt. Ihr braucht damit Eure Hure von Frau und ihren Beischläfer nur zu berühren, so wird es mit ihnen aus und vorbei sein ganz und gar.«

»Kommt, holen wir uns das Instrument«, sprach der Färber. Und beide eilten unverweilt nach der Wohnung des Buckligen, nahmen den Degen an sich und machten sich auf den Weg nach dem Landhaus.

»Werden wir sie auch im Bett finden?« fragte Taschereau.

»Wenn Ihr es erwarten könnt«, antwortete höhnisch der Bucklige.

Der Hahnrei hatte aber keine große Pein des Wartens. Die hübsche Färberin und ihr Geliebter waren bereits daran, in dem hübschen See, den ihr kennt, den Fisch zu fangen, der immer entschlüpft, worüber sie jedesmal lachten und wieder lachten.

»Mein Liebling«, sagte das Täschelchen, indem sie den Priester an sich preßte, als ob sie einen Abdruck von ihm nehmen wollte, »oh, wie ich dich liebe! Ich möchte dich fressen. Noch besser, ich wollte, du stecktest in meiner Haut, um nie wieder herauszufahren.«

»Da kann geholfen werden«, antwortete der Priester. »Nur ganz geht es nicht, du mußt dich schon mit einem Teil von mir begnügen.«

In diesem Augenblick trat der Ehemann ein und schwang den nackten Degen. Die schöne Färberin, die sich auf das Gesicht ihres Mannes verstand, erkannte, daß es um den geliebten Priester geschehen sei. Aber plötzlich sprang sie auf, und halbnackt, mit fliegenden Haaren, schön vor Scham und noch schöner vor Liebe, fiel sie dem Wütenden in den Arm.

»Halt ein, Unglücklicher!« rief sie; »willst du den Vater deiner Kinder töten?«

Und der gute Färber, von dieser Anrufung der hochheiligen Majestät hahnreilicher Vaterschaft und vielleicht auch ein wenig von den flammenden Blicken seiner Frau ganz verdutzt, ließ seiner Hand den Degen entgleiten, der dem Buckligen, als welcher eben hinzutrat, auf den Fuß fiel und ihn tötete.

Daraus können wir lernen, daß wir dem Haß keinen Raum geben sollen in unsrem Herzen.

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