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Die dreißig tolldreisten Geschichten ? Erstes Zehent

Honoré de Balzac: Die dreißig tolldreisten Geschichten ? Erstes Zehent - Kapitel 15
Quellenangabe
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typenarrative
authorHonoré de Balzac
booktitleDie dreißig tolldreisten Geschichten ? Erster Band
titleDie dreißig tolldreisten Geschichten ? Erstes Zehent
publisherGustav Kiepenheuer Verlag Leipzig und Weimar
printrunErste Auflage
illustratorGustave Doré
year1981
translatorBenno Rüttenauer
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20081104
modified20150212
projectid96c1b999
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Der lustige Pfarrer von Azay-le-Rideau

In jener Zeit hatten die Priester schon keine angetrauten Ehefrauen mehr, dafür hielt sich jeder seine Beischläferin, hübsch oder häßlich, wie er sie eben bekommen konnte. Dieses Wesen wurde später, wie jeder weiß, durch die Konzilien verboten, denn wahrhaftig, es war ein kitzlig Ding, wenn man denken mußte, daß wohl der und jener Pfarrer den Inhalt heimlicher Beichten so einem Weibsbild anvertraute, die sich darüber lustig machte, ganz abgesehen von andern geheimen Gründen, kirchlichen Rücksichten und Absichten, wovon es nur so wimmelte in diesem Punkt der hohen römischen Politik. Der letzte Priester unsres Landes, der nach alttheologischer Regel eine Frau in seinem Presbyterium unterhielt und mit seiner scholastischen Liebe beglückte, war ein gewisser Pfarrer von Azay-le-Rideau, einem lustigen Ort, dessen Schloß eines der schönsten ist im ganzen Tourainer Land. Wenn also heute, wie jedermann weiß, die Frauen einen Priester, nach dem, was man zu sagen pflegt, nicht riechen können, so ist das noch nicht allzu lange her.

Denn es saß damals auf dem Bischofsstuhl von Paris ein Herr von Orgemont, der Sohn des vorangegangenen Bischofs, und die langwierigen Kriege der Armagnaken waren noch nicht beendet.

Und wahrlich, der gute Pfarrer hatte eine feine Nase, daß er sich noch in jenem Säkulum und nicht später mit seiner Pfarrei belehnen ließ; denn ich sage euch, das war ein Kerl, ein Mordskerl sag ich euch. Er war nicht nur vierschrötig von Gestalt und von blühender Farbe, er aß und trank auch für viere. Er hatte einen Hunger wie ein Rekonvaleszent, und wirklich genas er alle Tage, will sagen, genoß die Genesung von einer nicht unangenehmen Krankheit, die ihn zu gewissen Stunden regelmäßig befiel: er hätte in späterer Zeit sein eigener Henker und Schinder sein müssen, wenn er die kanonische Enthaltsamkeit hätte üben wollen. Bedenkt auch, daß der Mann ein Tourainer war, ein brauner Satan mit soviel Feuer in den Augen, um alle Herde und Feuerstellen seiner Pfarrei damit in Brand zu setzen, auch Wasser genug, um sie zu löschen, wenn gelöscht werden sollte. Einen solchen Pfarrer hat man zu Azay nicht wieder gesehen. Er war immer wohlauf, immer lustig, immer die Nase in der Luft, wo er einen guten Braten erschnüffeln möge, mit einem Wort, ein Sapperlotspfarrer, dem die Hochzeiten und Kindtaufen lieber waren als die Beerdigungen, dabei ein Spaßmacher und so fromm in der Kirche wie außerhalb.

Es hat wohl noch andere Pfarrer gegeben, die gern gebetet, und noch mehr derer, die gern geknetet haben; aber sie alle haben doch höchstens einen Bruchteil von dem geleistet, was dieser Pfarrer von Azay-le-Rideau vermochte. Er übertraf alle in Fülle und Überfluß seiner Segnungen; er tröstete die Betrübten und verbreitete Freude weithin. Seine Pfarrkinder hätten ihn fressen mögen, so sehr liebten sie ihn. Er war der erste, der es in einer Predigt aussprach, daß der Teufel lange nicht so schwarz wäre, als man ihn mache. Sogar Wunder tat er. Er verwandelte für die Herzogin von Candé Rebhühner in Fische, indem er ihr bewies, daß die Barben der Inder nichts anderes wären als Wasserrebhühner, hingegen die Rebhühner nichts andres als gefiederte Barben. Dieser Pfarrer war kein Duckmäuser, er war keiner von denen, die sich mit schlechtem Gewissen hinter die Moral verstecken wie ein Kind hinter die Röcke seiner Mutter. Er sagte oft, daß er lieber in einem guten Bett liegen als in einem Testament stehen wolle und daß sich Gott selber mit allem reichlich versehen habe und uns nicht dazu brauche. Um so mehr, meinte er, brauchten uns die Armen. Er schor seine armen Schäflein nicht, er gab ihnen Wolle dazu. Er hatte immer die Hand in der Tasche, und von so hartem Stoff er sonst war, der Anblick von Armut und Elend machte ihn weich wie Butter, er meinte, er müsse alle Wunden verbinden.

Tausend Schwänke waren über diesen König der Pfarrer im Umlauf. Als zum Exempel der: wie er auf der Hochzeit des Herrn von Valesnes die Hochzeitsgäste zum Lachen gebracht hat, wo die Mutter des genannten Herrn ein solches Fressen anrichtete, daß man eine ganze Stadt damit hätte versehen können, was aber auch nötig war, da die Leute von weither kamen zu diesem Beilager, von Tours, von Montbason, von Chinon, kurz, von allen Städten des Tourainer Landes, und das Gelag und Gezech acht Tage dauerte und noch einige darüber.

Hatte sich da der gute Pfarrer ein wenig aus der Halle entfernt, wo die ganze Kumpanei bankettierte, und läuft ihm, wie er wieder zurückkehrt, ein Küchenjunge zwischen die Beine, der nach der Halle rennen will, um die Schloßherrin auf einen Augenblick in die Küche zu rufen, weil da alles bereit war, Fettes und Mageres, Gesalzenes und Gepfeffertes, kurz, Brüh und Brocken, womit die große Blutwurst, das Haupt- und Meisterwerk der hochzeitlichen Gastronomie, zustande gebracht werden sollte, und welche geheime gastrologische Manipulation und Kompilation die Hausfrau zum Wohl der Ihrigen selber überwachen wollte. Diesen Jungen nimmt unser Pfarrer am Ohr und sagt ihm, daß er sich so fettig und schmutzig nicht vor der illustren Gesellschaft zeigen dürfe; er solle sich nur wieder in die Küche machen, sein Auftrag werde ausgerichtet werden. Tritt also dieser Schelm von einem Pfarrer in die Halle vor die Gesellschaft hin und hart vor die Schloßherrin, macht die Finger seiner linken Hand rund, daß sie eine Scheide bilden, und mit dem ausgestreckten Mittelfinger seiner Rechten vollführt er nun wiederholt kurze Stöße in die Scheide, indem er die Dame des Hauses verschmitzt anblinzelt:

»Kommt, kommt«, flüsterte er, »es ist alles bereit.« Die ganze Gesellschaft, die die Dame sich erheben sah, um dem Pfarrer zu folgen, und die nicht wußte, worum es sich handelte, brach in ein unbändiges Lachen aus; denn die Schloßherrin allein verstand, daß der Pfarrer die Blutwurst meinte und nicht das, was die andern sich dachten.

Eine richtige Geschichte aber ist die Art und Weise, wie dieser würdige Pastor seine Betthälfte verlor, die nach den neuesten Vorschriften des Erzbischofs keine Nachfolgerin haben durfte. Dem guten Pfarrer ging aber deswegen nichts von seinem Hausrat ab. Er bekam, was er nötig hatte, gern von jedermann geliehen, sie machten sich alle eine Ehre daraus, denn er war dafür bekannt, daß er nichts verdarb, sondern das Geliehene wohlgescheuert wieder zurückgab, der Prachtkerl von einem Mann. Nun aber die Geschichte:

Eines Abends kam der Pfarrer von einem Begräbnis zurück; er war ganz traurig und niedergeschlagen, denn der Eingescharrte, ein Pächter, war auf eine so kuriose Art ums Leben gekommen, daß man noch nach Jahr und Tag davon sprach. So wenig hatte dem Pfarrer das Essen nie geschmeckt, er machte der Schüssel voll Kutteln, die ihm doch mit einem ganz verführerischen Geruch in die Nase stachen, ein Paar Augen, als ob er bei einer Giftmischerin zur Nacht äße; die gute Haushälterin war ganz unglücklich darüber.

»Seid Ihr beim Wucherer vorübergegangen?« fragte sie, »oder ist Euch ein altes Weib über den Weg gelaufen? Oder hat etwa gar der Begrabene an seinem Sargdeckel gekratzt, daß Euch so Essen und Trinken vergangen ist?«

Der Pfarrer brummte nur.

»So sagt doch.«

»Mein Schatz«, antwortete der Pfarrer, »ich bin noch ganz entsetzt über den Tod dieses armen Cochegrue. Auf zwanzig Meilen im Umkreis wird man heute abend keine Gevatterinnenzunge und keinen Gevatterbart beisammen finden, die nicht das schreckliche Ereignis besprechen.«

»Was für eins?« rief die Pfarrerin.

»Hör nur. Der gute Cochegrue kommt vom Markt zurück, wo er sein Getreide und zwei fette Schweine verkauft hat. Auf seiner hübschen Stute reitet er seines Wegs, während das Tier allmählich hengstig wird, ohne daß der gute Pächter Geruch davon bekommt. So trottet er also vor sich hin und rechnet still im Kopf seinen Marktgewinn zusammen. Bei dem sogenannten alten Weg, der nach der großen Heide führt, die Heide Karls des Großen genannt, graste hinter Planken der Hengst des Herrn von La Carte, den dieser zur Zucht hielt, ein prachtvolles Tier, ein Kerl, der seinesgleichen suchte, wohlgenährt wie ein Abt, dabei ein famoser Renner, so daß neulich der Herr Admiral nur deswegen nach La Carte gekommen ist, um dieses Prachtexemplar von einem Hengst zu beaugenscheinigen, und nachher ausgesagt hat, daß das Tier von hoher Rasse sei. Dieser Satanshengst nun bekommt Wind von der Stute, spitzt die Ohren und bricht, als gerade die Stute in den alten Weg einlenkt, ohne Wiehern und sonstige hengstische Präambeln über die Planken und ein Rebstück von vierzig Ruten hinweg, setzt hinter der Stute her, schlägt mit seinen vier Eisen den Boden, daß Staub und Funken sprühen, wiehert jetzt, stößt ganze Salven brünstiger Notschreie aus, und so fürchterlich klingt es, daß dem Herzhaftesten davon das Herz in die Hosen gefallen wäre und daß man es mit Entsetzen bis nach Champy hinein vernommen hat. Dem armen Cochegrue ahnt nichts Gutes, er nimmt die Richtung der Heide und gibt seiner liederlichen Stute beide Sporen. Auf deren Schnelligkeit setzt er seine Rettung. Sein Tier ist auch willig, setzt sich in Galopp, und wie eine Kugel aus dem Rohr fliegt es hin über die Heide. Aber der verteufelte Hengst, tattata, tattata, tattata, alle Muskeln gespannt, die Mähne gesträubt, folgt ihm auf den Fersen. Der Pächter begreift, daß der Tod hinter ihm her rast. Er spornt sein Tier, und bleich, halbtot erreicht er seinen Pachthof. ›Zu Hilfe!‹ schreit er, ›Frau, Frau, zu Hilfe!‹, denn das Tor zu den Stallungen war geschlossen. Er umsprengt ein paarmal den Teich in der Hoffnung, dem brünstigen Ungeheuer zu entrinnen, aber der wütige Hengst mit heißem Atem und schrecklichem Geschnaube ist ganz nahe hinter ihm her. Die Knechte und Mägde waren so entsetzt bei dem Anblick, daß sie das Tor nicht zu öffnen wagten; einen Tritt von diesem verliebten Hengst zu riskieren war keine Kleinigkeit. Endlich findet die Pächterin den Mut und öffnet. Aber just unter dem Tor ergreift der Hengst die Stute, packt sie mit seinen Vorderbeinen, kneift und preßt und zwängt sie mit solcher Gewalt, schlägt aus, beißt, wütet so auf das Tier ein, kurz, zerdrückt und zerquetscht zugleich den armen Cochegrue und richtet ihn so zu, daß er ganz unförmlich aussieht und braun wie ein ausgepreßter Ölkuchen. Wahrlich, es war ein Jammer zu sehen, wie er so geschunden wurde, lebendigen Leibes, und sein Wehgeschrei sich vermischte mit dem Liebesgewieher seines Tiers.«

»Gott, so eine Stute ...« seufzte das Pfarrmensch.

Der Priester verstand sie nicht gleich.

»Wieso?« fragte er erstaunt.

»Nun ja, Euereins würde nicht einmal eine Zwetsche – wie soll ich sagen – zerquetschen.«

»Oho!« schrie der Priester. »Den Vorwurf verdiene ich nicht.«

Er warf sie im Zorn auf sein Bett, zog derart am größten Glockenschwengel seines Kirchspiels, läutete dergestalt die große Messe ein ... daß die arme Glocke barst und die gute Frau starb und den Geist aufgab, also daß sie den Ausgang seines Läutens schon nicht mehr hörte ... auch kein Chimist noch Alchimist auf die Ursache dieses unglaublichen Berstens je geraten hätte. Und sagt, war das nicht ein Sapperlotskerl, ein Schwerenöter von einem Pfarrer, wie ich gesagt habe?

Die anständigen Leute vom Ort, die Frauen insbesondere, kamen überein, daß der Pfarrer damit kein Unrecht getan, sondern nach Fug und Recht gehandelt hatte. Und daher ist vielleicht das Sprichwort entstanden, das man damals allenthalben hören konnte: ›Den soll doch ein ...‹ Doch halt! Die Ausdrücke dieses Sprichworts sind zu ungewaschen; ich unterdrücke sie mit Rücksicht auf die Damen ...

Dieser edle und ehrwürdige Pfarrer hatte übrigens auch noch andere Stärken, und lange vor dem erzählten Unglück hat er einmal einen Streich ausgeführt, davon allen Spitzbuben und Langfingern ein Schreck in die Glieder fuhr, daß nicht mehr leicht eine Gaunerbande, und wenn sie auch ihrer zwanzig gewesen wären, die Lust verspürt hat, mit diesem Satanspfaffen anzubändeln. Eines Abends, es war zur Zeit, als seine gute Frau noch lebte, eines Abends, sage ich, nach dem Abendessen, nachdem er durch lange Zeit hindurch einer gebratenen Gans, einer Stütze Wein und vor allem seiner Hausfrau alle Ehre angetan hatte und nun, behaglich im Sessel sitzend, bei sich überlegte, wo er die neue Scheuer für seine Zehnten bauen wolle, meldete sich plötzlich im Hof ein Bote des Herrn von Sacchez und sagte, daß sein Herr in den letzten Zügen liege und nach der Aussöhnung mit Gott und der letzten Wegzehrung lechze. »Das war immer ein guter Kerl und gerechter Herr«, sagte der Priester, »ich werde zu ihm eilen.«

Unverweilt erhob er sich, begab sich nach der Kirche, versah sich mit der silbernen Kapsel, die das heilige Brot enthielt, und ohne erst den Mesner zu wecken, machte er sich auf den Weg, indem er selber das Glöcklein vor sich her läutete. Also Mesner und Pfarrer in einer Person, schritt er rüstig fürbaß in der finstern Landschaft. Wie er an den Quäd kommt, einen wilden Bach, der sich hier in die Indre stürzt, bemerkt er einen Wegelagerer, der ihm auflauert. Ihr werdet fragen: Was ist das, ein Wegelagerer? Ein Wegelagerer, müßt ihr wissen, gehört in die Sippe der Schnapphähne. Das ist eine Menschensorte, die wie die Katzen und Eulen bei Nacht besser sehen als bei Tag und aus reiner Neugierde und Liebe zur Wissenschaft den Leuten die Beutel umkehren. Ist das klar? Also, dieser Wegelagerer und Schnapphahn spekulierte auf die sehr wertvolle silberne Kapsel des Priesters.

»Oho!« rief der Pfarrer, indem er das Ziborium auf der steinernen Brücke niederstellte. »Bleib du einmal hier und rühre dich nicht«, fügte er hinzu, geht dann auf den Spitzbuben los, versetzt ihm einen Fußtritt in die Rippen, entreißt ihm seinen eisenbeschlagenen Stock und bleut ihn derart damit durch, daß dem Nachgestellten Hören und Sehen vergeht. Dann kehrt er zu seinem Viatikum zurück.

»Na«, sagte er, »diesmal wären wir futsch gewesen, wenn ich mich auf deine Vorsehung hätte verlassen müssen.« Auf der Landstraße ausgesprochen, war das keine Blasphemie. Der Priester meinte aber damit nicht den lieben Gott, sondern den Erzbischof von Tours, der ihn mit dem Interdikt bedroht und vor dem ganzen Kapitel wie einen Schulbuben heruntergekanzelt hatte, weil der Pfarrer in seiner Sonntagspredigt dem faulen Volk gesagt hatte, daß eine gute Ernte nicht dem Gebet und der Gnade Gottes, sondern allein der Mühe und Arbeit zu verdanken ist, was allerdings eine brenzlige Rede war. Brenzlig nämlich, weil es darin nach dem Scheiterhaufen roch. Der gute Priester hatte auch zweifellos unrecht, insofern die Feldfrüchte des einen so gut bedürfen wie des andern. Aber der Pfarrer von Azay-le-Rideau hat seine Ketzerei mit ins Grab genommen, weil er nicht begreifen konnte, daß eine Ernte, wenn es dem lieben Gott gefiele, auch ohne Aussaat wachsen könne, was doch, wie die Gelehrten bewiesen haben, eine unbestreitbare Wahrheit ist, da offenbar das Getreide, um zu wachsen, nicht erst auf den Menschen gewartet hat.

Ich kann mich von diesem Muster von Pfaffen nicht trennen, ohne noch einen Zug aus seinem Leben erzählt zu haben, der beweist, mit welchem Eifer er jene Heiligen nachahmte, die mit den Armen am Weg nicht nur ihren Mantel, sondern auch ihren Rock und alles geteilt haben.

Er kam eines Tages von Tours zurück, wo er dem Bischof seine Aufwartung gemacht hatte. Wie er so auf seinem Maultier die Straße dahinreitet, begegnet er nicht weit von Ballan einer hübschen Dirne, die barfuß ging im Staub des Wegs, und hatte Mitleid mit dem armen Ding, dem es nicht einmal so gut wurde wie einem verachteten Hund, als welchem niemand zumutet, auf zwei Füßen zu gehen. Das Mädchen war müde und schleppte sich nur so hin auf dem harten Weg. Er pfiff ihr, sie sah sich um, und der Pfarrer, in dessen Art es nicht lag, hübsche Grasmücken zu verscheuchen, besonders nicht solche, die weiße Häubchen aufhaben, lud das Mädchen freundlich ein, sich hinter ihm auf sein Maultier zu setzen. Die schöne Magd sträubte sich zwar sehr unter vielen Knicksen und Entschuldigungen, wie sie eben alle tun, wenn man sie auffordert, von etwas zu essen und zu trinken, wonach sie heimlich schielen, willigte aber doch zuletzt ein. Hat sich also die Magd hinter dem Pfarrer zurechtgerückt, und das Maultier geht seinen Trott weiter, wobei die Dirne bald nach der einen, bald nach der andern Seite gleitet und sich so schlecht im Gleichgewicht hält, daß der Pfarrherr, nachdem sie Ballan hinter sich hatten, sie aufforderte, sich doch an ihm festzuhalten, was sie sich auch nicht zweimal sagen ließ, sondern mit ihren dicken, drallen Armen, wenn auch ein wenig schüchtern, den Priester umfaßte, so gut es gehen mochte.

»Schwankst du immer noch? Sitzest du nun gut?« fragte der Pfaff.

»Ganz gut, Herr Pfarrer, und Ihr?«

»Noch besser«, erwiderte er.

Es war ihm in der Tat recht behaglich.

Er fühlte von hintenher eine köstliche Wärme in seinen Körper eindringen, die von zwei Sinussen ausging, welche sich an seinen Schulterblättern rieben, als ob sie in seinen Rücken eindringen wollten, was wahrhaftig schad gewesen wäre, da hier nicht der Speicher lag für solche Ware. Nach und nach, wie sich das Maultier heftiger in Bewegung setzte, steigerte sich die Temperatur seiner Reiter in gleichem Grad, und wie sie sich aneinander akklimatisierten, der Reiter an die Reiterin und umgekehrt, und ihre Pulse wie der Trott des Maultiers in crescendo gingen, konnte es nicht fehlen bei der engen Berührung, daß auch ihre Gedanken und Wünsche sich begegneten.

»Wie wär's«, sagte der Pfarrer, indem er sich gegen die Dirne herumdrehte, »was hältst du von dem schönen dichten Gebüsch da?«

»Es ist zu nah am Weg«, erwiderte das Mädchen. »Die Buben all werden sich daraus Stecken schneiden und die Kühe die jungen Sprosse fressen.«

»Du bist doch nicht verheiratet?« fragte der Pfarrer wieder.

»Nein.«

»In keiner Weise?«

»Nein, bei Gott!«

»Das ist ja eine Schande in deinem Alter.«

»Wahrhaftig, Herr Pfarrer. Aber seht, so ein armes Mädchen, das ein Kind bekommt, ist ein unbeliebtes Haustier.«

Da hatte der Pfarrer Mitleid mit der Unwissenheit des armen Dings und bedachte, daß die Unwissenden zu belehren unter die geistigen Werke der christlichen Barmherzigkeit gehört und die kanonischen Gesetze ihm vorschrieben, seine Schäflein in den Pflichten und Aufgaben des Lebens, schweren und leichten, rechtzeitig zu unterrichten; er glaubte also wohl daran zu tun, die Dirne über ihr künftiges Schicksal ein wenig aufzuklären. Also bat er sie, keine Angst zu haben und sich ihm rückhaltlos anzuvertrauen. Er wolle ihr gemäß den kanonischen Vorschriften ohne weiteres und unentgeltlich einen gründlichen Eheunterricht erteilen, doch brauche niemand weiter davon zu wissen.

»Wenn Ihr so redet, werde ich absteigen«, sagte barsch die Dirne, der auf dem Weg von Ballan her die heftige Bewegung das Blut und anderes erhitzt hatte.

Der gute Priester aber ließ sich nicht irremachen in seinen Ermahnungen und Admonitionen, und als sie das Gehölz von Azay erreicht hatten und die Dirne um jeden Preis absteigen wollte, war ihr der Priester selber behilflich, da man in anderer Weise hätte im Sattel sein müssen, um diesen Disput zu Ende zu führen. Sie floh in das dunkelste Dickicht des Gehölzes.

»Ihr seid ein Schlimmer«, rief sie, »aber Ihr sollt mich nicht finden.«

Doch in einer Lichtung mit Moos und weichem Gras strauchelte die Dirne, und der Pfarrer auf seinem Maultier holte sie ein. Er begann alsbald seinen Eheunterricht. Seine Methode ließ an Anschaulichkeit und Eindringlichkeit nichts zu wünschen übrig, und die Schülerin brachte seiner Lehre einen offenen Sinn und eine fast erstaunliche Gelehrigkeit entgegen. Er fand wahrhaftig ihren Geist nicht weniger geschmeidig als ihre Haut, und er ärgerte sich nur über eins: daß er den Unterricht stark abkürzen und alle Repetitionen vermeiden mußte, da der Ort des Unterrichts kaum steinwurfweit von Azay-le-Rideau entfernt war. Sehr schmerzte ihn das; denn wie andere Weisheitslehrer liebte er es, seinen Schülern dasselbe immer wieder von neuem zu sagen.

»Ei, mein Schatz«, fragte er, »warum hast du dich denn so lange gewehrt, bis wir fast in Azay waren?«

»Weil ich von Ballan bin«, antwortete die tugendsame Jungfrau.

Als dieser gute Pfarrer starb – um zum Ende zu kommen –, trauerte das ganze Dorf um ihn, und viele, Kinder und andre, beweinten ihn wie ihren Vater. ›Wir haben unsern Vater verloren‹, hörte man allenthalben klagen. Das Frauenvolk, lediges und verheiratetes, war besonders untröstlich. Der Verstorbene, hieß es, war mehr als ein Priester, er war ein Mann.

Für solche Pfarrer ist unterdessen der Samen verlorengegangen. So was wird nicht mehr gesät und wächst nicht mehr, allen künstlichen Sämereianstalten, Seminarien geheißen, zum Trotz.

Sein Erspartes hatte er den Armen hinterlassen. Es war ein schlechter Trost für sie, sie verloren dabei mehr, als sie gewannen, und ein alter Stelzfuß, den er lange verhalten und der heulend in den Pfarrhof gehumpelt kam, fluchte dem Tod, daß er nicht ihn geholt statt des guten Pfarrers. Darüber lachten die Leute, aber dem Schatten des Verstorbenen würden diese Worte gewiß nicht wenig geschmeichelt haben.

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