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Die dreißig tolldreisten Geschichten ? Erstes Zehent

Honoré de Balzac: Die dreißig tolldreisten Geschichten ? Erstes Zehent - Kapitel 14
Quellenangabe
pfad/balzac/tolldr-1/tolldr-1.xml
typenarrative
authorHonoré de Balzac
booktitleDie dreißig tolldreisten Geschichten ? Erster Band
titleDie dreißig tolldreisten Geschichten ? Erstes Zehent
publisherGustav Kiepenheuer Verlag Leipzig und Weimar
printrunErste Auflage
illustratorGustave Doré
year1981
translatorBenno Rüttenauer
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20081104
modified20150212
projectid96c1b999
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Der Waffenbruder

Im Anfang der Regierung des Königs Henricus secundus, desselben, der so sehr die schöne Diana von Poitiers liebte, war noch ein alter Brauch in Übung, der sich nach und nach immer mehr verloren hat und heute ganz verschwunden ist, wie viele andre schätzenswerte Sitten und Gebräuche aus der guten alten Zeit: ich meine die Wahl eines Waffenbruders, die in jenen Tagen jeder ehrliche Ritter pflegte. Und also war es damit beschaffen: Zwei junge Männer, die sich einmal als tapfer und redlich erprobt hatten, betrachteten sich gleichsam wie miteinander verheiratet ihr Leben lang. Sie wurden Brüder. Ein jeder hatte die Pflicht, den andern zu verteidigen, sei es gegen seine Feinde, die ihn in der Schlacht bedrängten, sei es gegen seine Freunde, die ihm bei Hof durch üble Nachreden Schaden brachten. Wenn in Abwesenheit des einen ein Böswilliger ihm Unredlichkeit, Treulosigkeit oder sonst eine Schlechtigkeit nachsagte, hatte der andere die Pflicht, dem zu sagen: ›Das lügst du in deine Gurgel hinein‹ und mit ihm auf den Rasen hinauszugehen und durch die Tugend seines Schwertes die Redlichkeit, Treue und ehrliche Ritterschaft seines Bruders zu beweisen.

Es braucht nicht erst gesagt zu werden, daß der eine immer der Beistand und Sekundant des andern war in jeder Sache, ob sie gut oder schlimm sein mochte, und daß sie Glück und Unglück getreulich miteinander teilten. Sie fühlten sich enger verbunden als leibliche Brüder, die nur Brüder sind durch eine Laune der Natur; die Waffenbrüder aber verband ein heiliges und unverbrüchliches Gesetz. Auch gibt es ganz bewunderungswürdige Exempel von Waffenbrüderschaften, die hinter den berühmten Beispielen bei den Griechen, Römern und andern Völkern nicht zurückstehen. Aber davon zu erzählen ist nicht meine Sache; unsre Chronisten und Historienschreiber, die jedermann kennt, haben das längst getan.

Es war also zu jener Zeit, da schlossen zwei junge Männer aus dem Tourainer Land miteinander Waffenbrüderschaft an demselben Tag, wo beide ihre Sporen erhielten; der eine war der Junker von Maillé, der andre ein Herr von Lavallière. Beide waren als Pagen am Hofhalt des Herrn von Montmorency aufgewachsen und hatten in der Schule dieses berühmten Feldhauptmanns die besten ritterlichen Sitten und Tugenden gelernt. Wie nun in so guter Gesellschaft Tugend und Tapferkeit quasi ansteckend sind, das haben die beiden Jünglinge in der Schlacht von Ravenna gezeigt, wo sie von den ältesten Rittern mit Lob überschüttet wurden.

An diesem heißen Tage war es gewesen, wo der genannte Maillé von dem Herrn von Lavallière, mit dem er verschiedene Händel ausgefochten hatte, aus höchster Lebensgefahr errettet wurde, wodurch er von der Ritterlichkeit des genannten Lavallière den höchsten Begriff bekam. Da beide nicht ohne Wunden davongekommen waren, tauften sie ihre Brüderschaft mit ihrem Blute, und unter dem Zelt des Herrn von Montmorency, ihres Patrons, wurden sie in ein und demselben Bett gepflegt.

Es ist aber hier zu sagen, daß der junge Maillé, ganz entgegen dem Herkommen in seiner Familie, wo die Menschen immer schön und wohlgeraten waren, eine wenig einschmeichelnde Physiognomie und höchstens das besaß, was man im gallischen Land eine ›beauté du diable‹ nennt. Im übrigen jedoch war er schlank wie ein Windhund und zugleich von breiten Schultern und stark wie der König Pippin, bekanntlich ein Haudegen ersten Ranges. Der Herr von Schloß Lavallière dagegen war ein wahrhaft goldiger Junge, so ein leckerer Tausendsassa, für den man feine Spitzen und Bänder, seidene Kurzhöschen und durchbrochene Strümpfe ganz expreß hätte erfinden müssen, wenn sie noch nicht dagewesen wären. Sein aschblondes, seidenweiches Haar hätte dem schönsten Fräulein Ehre gemacht, kurz, es war ein Knabe, den gern alle Weiblein zum Spielkameraden gehabt hätten, und eines Tags sagte die Dauphine, nämlich die Kronprinzessin von Frankreich, eine Nichte des Papstes, lachend zur Königin von Navarra, die dafür bekannt war, daß sie einen Spaß vertragen konnte: »Dieser Page«, sagte die Papstnichte, »scheint mir das beste Pflaster für alle Übel«, worüber der hübsche Tourainer, der noch nicht ganz sechzehn zählte, sehr errötete, weil er die drollige Bemerkung für einen hochprinzeßlichen Tadel aufnahm.

Nach der Rückkehr aus Italien gefiel es dem jungen Maillé, sich unverweilt ins warme Nest zu hocken und eine Heirat zu schließen, die ihm seine Mutter in der Person eines Fräuleins von Annebault quasi auf dem Präsentierteller entgegenbrachte. Die junge Frau war eine anmutige Person mit einnehmender Physiognomie und wohlausgestatteter Leiblichkeit; sie besaß in der Rue Barbette ein großes schönes Haus mit feinen Möbeln und italienischen Gemälden und weit im Land eine ganze Anzahl einträglicher Güter. Einige Tage aber nach dem Tod des Königs Franz, von dem das Gerücht ging, daß er an den Folgen der Napolitanischen Krankheit gestorben sei, also daß eine wahre Panik kam über alles Weibliche, weil sich niemand mehr sicher fühlte, die höchsten Prinzessinnen nicht ausgenommen, war der mehrgenannte Maillé gezwungen, den Hof zu verlassen, um jenseits der Alpen im Lande Piemont ein Geschäft von größter Wichtigkeit in Ordnung zu bringen. Ihr könnt euch denken, wie es ihm wenig vergnüglich war, seine junge, leckere, überlebhafte Frau inmitten der Gefahren und Verfolgungen, Fallgruben und Überraschungen dieser galanten Gesellschaft zurückzulassen, wo so mancher kecke Knabe voll frecher Kühnheit gieriger war, über ein armes Weiblein herzufallen, als die Geier über ein Aas oder fromme Christen über einen Schinken, wenn die Fasten vorüber sind.

Der gute Ehemann wußte sich in seiner Eifersucht keinen Rat. Erst zuallerletzt kam ihm der Gedanke, wie er sich der Tugend seiner Frau auch in Ermangelung eines Vorlegeschlosses versichern könne. Hört, wie er es anstellte. Er lud seinen guten Waffenbruder ein, am Tag seiner Abreise in aller Morgenfrühe zu ihm zu kommen. Und als er im Hof kaum den Hufschlag des Herrn von Lavallière hörte, sprang er aus dem Bett, ohne seine zartere und weißere Hälfte zu wecken, die sich noch dem süßen morgendlichen Hindämmern überließ, das allen Feinschmeckern der Faulheit so teuer ist. Lavallière kam auf ihn zu, und die beiden Kameraden, zurückgezogen in die Fensternische, umarmten sich brüderlich.

»Ich wäre auf deinen Ruf schon diese Nacht gekommen«, sprach Lavallière, »aber ich hatte einen Liebesstrauß auszufechten mit einer Dame, die mich in die Arena gerufen. Eine solche Herausforderung abzulehnen ging nicht an, aber ich bin früh aufgebrochen. Willst du, daß ich dich begleite? Ich habe ihr deinen Fall erzählt, und sie hat mir Treue versprochen für die Zeit meiner Abwesenheit. Wenn sie wortbrüchig wird ... ein Freund muß mir mehr gelten als eine Geliebte.«

»Ach, mein Bruder«, antwortete Maillé, aufs tiefste bewegt von diesen Worten, »ich muß deine ritterliche Gesinnung auf eine viel härtere Probe stellen. Willst du, daß ich dir meine Frau auf den Hals lade, willst du sie verteidigen gegen alle und jeden, willst du ihr Führer sein, willst du sie im Zaum halten und mir Bürge sein für meine Ehre? Willst du hier wohnen während meiner Abwesenheit, drin in dem grünen Saal, und der Kavalier sein meiner Frau?«

Der Herr von Lavallière runzelte die Stirne, er sagte:

»Nicht daß ich an dir zweifelte noch an deiner Frau, noch auch an mir, aber Böswillige werden den Fall nutzen und werden unsre Freundschaft verwirren wie einen Knäuel Seide.«

»Da laß mich vor sein!« rief Maillé, indem er Lavallière an seine Brust drückte; »wenn es Gottes Wille sein sollte, daß ich zum Hahnrei werde, so will ich es noch lieber durch dich werden als durch einen andern. Aber mein ritterliches Wort, ich würde dran sterben. So vernarrt bin ich in meine gute, süße, meine tugendhafte Frau.«

Bei diesen Worten wandte er sich ab, um vor Lavallière seine Tränen zu verbergen; aber der schöne höfische Mann ließ sich nicht täuschen. Mit festem Entschluß ergriff er die Hand des ritterlichen Freundes.

»Mein Bruder«, sprach er, »ich schwöre es dir bei meiner Mannesehre, daß ich jedem mein Schwert in die Gedärme stoßen will, der Miene machen sollte, deiner Frau auch nur ein Haar zu krümmen. Solange ich lebe, kannst du sicher sein, sie unberührt wiederzufinden, unberührt am Körper, wenn nicht im Herzen, denn Gedanken und Gefühle liegen nicht in der Gewalt eines Edelmannes.«

»So werde ich denn«, rief Maillé aus, »auf ewig dein Schuldner sein.« Danach bestieg er sein Pferd und ritt davon, um sich das Herz nicht allzuschwer machen zu lassen von Tränen und Händeringen, die die Frauen bei solcher Gelegenheit einmal nicht lassen können. Lavallière begleitete ihn bis vor das Tor der Stadt, dann kam er in den Palast zurück, wartete geduldig, bis die schöne Frau von Maillé sich aus den Tüchern geschält hatte, und nachdem er ihr die Mitteilung gemacht von der Abreise ihres Herrn Gemahls, versicherte er ihr, zu ihren Diensten zu sein, und benahm sich dabei so fein und höfisch, daß auch die tugendhafteste Frau von dem Wunsche gekitzelt worden wäre, einen solchen Kavalier für immer bei sich zu haben. Aber sein Aufwand von Liebenswürdigkeit wäre nicht einmal nötig gewesen, die Dame zu ködern. Sie hatte natürlich gelauscht, hatte die ganze Unterredung der beiden Freunde mit angehört und fühlte sich nicht wenig verletzt durch das Mißtrauen ihres Mannes.

Da sieht man nun wieder, wie nichts vollkommen ist außer Gott. Wenn der Mensch glaubt, etwas noch so fein ausgedacht zu haben, irgendeine Dummheit hält sich immer noch darin versteckt. Denn wahrlich, es wäre eine herrliche Wissenschaft des Lebens, jedes Ding, und sollte es auch nur ein Stock sein, am richtigen Ende anzufassen. Hierin aber hat noch keiner ausgelernt. Und der Grund, warum es so schwer ist, es den Damen recht zu machen, beruht darin, daß es in jedem Weibe etwas gibt, das man noch weiblicher nennen könnte als das Weib selber. Und wäre nicht die Achtung, die man den Frauen schuldig ist, würde ich mich hier noch ganz anders ausdrücken. Jedenfalls müssen wir uns hüten, dieses böse Etwas in der Form wach zu machen. Die Aufgabe, eine Frau vollkommen richtig zu behandeln, kann den Mann zur Verzweiflung bringen. Zuletzt bleibt uns nichts übrig nach meiner Meinung, als uns ihnen ganz und gar zu unterwerfen. Das bleibt immer noch die beste Lösung des Rätsels, das die furchtbare Sphinx, die Ehe genannt, uns zu raten aufgibt.

Die schöne Marie von Maillé war also ganz glücklich über die feine Art und höfischen Ehrerbietungen des Ritters. Aber es lag in ihrem anmutigen Lächeln ein ganz malefizer Zug, nämlich, um es rundheraus zu sagen, die wohllöbliche Absicht, ihren ritterlichen – wie nenn ich's nur gleich – Kleinsiegelbewahrer zwischen der Pflicht und dem Vergnügen in eine größere Verlegenheit zu bringen als den Esel des Buridan zwischen seinen zwei Bündeln Heu und ihm so anzufeuern unter dem Hammer- und Pochwerk seines Herzens, ihm so mit weicher Hand den Bart zu krauen, ihn so mit Blicken in die Enge zu treiben, daß seine Freundschaftspflicht im Feuer des Gottes Amor zergehen und zerrinnen sollte wie Märzenschnee in der Mittagssonne.

Die Umstände kamen ihrer löblichen Absicht aufs beste entgegen, denn der Herr von Lavallière war durch sein Wort gehalten, in ihrem Palast zu wohnen, also daß ein häufiges Zusammensein der beiden gar nicht vermieden werden konnte. Und da nichts in der Welt eine Frau von dem abbringen kann, was sie sich einmal in den Kopf gesetzt hat, ließ die Äffin keine Gelegenheit vorübergehen, den Ahnungslosen gehörig einzuspinnen.

Bald hielt sie ihn bei sich am Feuer des Kamins bis über Mitternacht hinaus zurück und sang ihm dabei nicht nur verliebte Liedchen vor, sondern reizte ihn auch mit ihren entblößten Schultern und was sonst noch Weißes und Rundes in der Nähe leuchtete und lockte. Blicke warf sie ihm zu, heißer als das Feuer des Herdes, und alles das in einer Art, als ob sie nicht im geringsten an das dächte, was doch einzig und allein ihr ganzes Denken ausfüllte.

Bald mußte er sie auf einem Morgenspaziergang im Garten begleiten, und dabei stützte sie sich, mehr als sie es gerade nötig hatte, auf seinen Arm, drückte sich eng an ihn, seufzte und ließ sich jeden Augenblick ihre Stiefelchen von ihm schnüren, die die Gefälligkeit hatten, immer wieder von neuem aufzugehen.

Dann bezauberte sie ihn mit herzig lieben Worten und den tausend Dingen, den tausend kleinen Besorgtheiten und Aufmerksamkeiten für den Gast, worauf die Damen sich so gut verstehen. Sie kam, um nachzusehen, ob er auch alle Bequemlichkeiten um sich habe, ob das Bett sorgfältig gemacht, das Zimmer sauber und gut gelüftet, ob er bei Nacht nicht dem Zug ausgesetzt und bei Tag nicht von der Sonne molestiert sei; sie bat ihn, ihr nichts zu verheimlichen in seinen kleinsten Bedürfnissen und Wünschen, sie sagte:

»Seid Ihr vielleicht gewohnt, morgens im Bett etwas zu Euch zu nehmen, etwa ein Glas Met oder Milch oder Pfefferkuchen? Seid Ihr auch mit dem Essen ganz zufrieden, ich möchte jeden Eurer Wünsche wissen. Ihr müßt mir alles sagen, Ihr dürft nicht schüchtern sein, Ihr müßt verlangen, was Euch ansteht. Wie kann ein Ritter schüchtern sein, geht!«

Sie hatte dabei die einschmeichelndsten Manieren; wenn sie ins Zimmer trat, sagte sie:

»Da komme ich schon wieder, Euch zu belästigen, aber schmeißt mich nur hinaus, Ihr seid hier der Herr ... ich gehe auch schon wieder ...«

Und natürlich wurde sie stets auf die verbindlichste Art eingeladen zu bleiben.

Immer kam sie im leichtesten Morgengewand und war nicht geizig, ihm die zierlichsten Musterproben ihrer Schönheit vor die Augen zu bringen, daß selbst ein Patriarch, der nicht mehr Lebenssäfte übrig gehabt hätte als der Herr Methusalem in seinem neunhundertneunundsechzigsten Jahr, von dem Anblick lüstern geworden wäre.

Sie hatte es aber mit einem feinen Kumpan zu tun, oh! fein wie Seide. Der ließ das alles über sich ergehen und war wohl zufrieden, daß das schöne Weib sich so um ihn bemühte, gereichte ihm doch alles nur zu seinem Vorteil; aber als ritterlicher Freund brachte er stets und unverbrüchlich die Rede auf den abwesenden Gemahl.

Und so eines Abends, nach einem heißen und schwülen Tag, als es dem Ritter fast angst und bang wurde vor den Blicken der Dame, begann er davon zu reden, wie sehr Maillé sie liebe und welch ein Mann von Ehre er sei, ein hitziger Edelmann, voll Feuer für sie und gar kitzlig im Punkt seiner Ehre.

»Wenn er so kitzlig ist«, antwortete sie, »warum hat er denn Euch da hereingesetzt?«

»Aus höchster Vorsicht«, erwiderte er; »war es denn nicht Klugheit, Euch einen Verteidiger Eurer Tugend an die Seite zu stellen? Nicht weil Eure Tugend ihn nötig hätte, sondern um Euch zu bewahren vor üblen ...«

»Ihr seid also mein Hüter?« unterbrach sie ihn.

»Und bin stolz darauf«, rief Lavallière.

»Ich finde seine Wahl recht ungeschickt«, lachte sie.

Und diese Worte begleitete sie mit einem so lüsternen, ja frechen und herausfordernden Blick, daß der redliche Waffenbruder, um sie zu strafen, sich kühl zurückzog und die Schöne mit sich allein ließ, aufs höchste gereizt und voll Ärger über diese stumme Abweisung ihres Liebesgeplänkels.

Sie wurde nachdenklich und bemühte sich, der Sache auf den wahren Grund zu kommen. Denn keine Dame wird in ihrem Köpfchen je begreifen, daß ein ordentlicher Edelmann jene gewisse Kleinigkeit verachten könne, die doch in der ganzen Welt einen so hohen Preis hat; aber ihre Gedanken verwickelten und verwirrten sich derart, und so verhäkelte sich einer in den andern, und zwar um so mehr, je länger sie daran weiterspann, daß nichts dabei herauskam, als daß sie sich immer tiefer in ihre eigene Leidenschaft verstrickte, woraus denn die Frauen die Lehre entnehmen mögen, nie mit den Waffen des Mannes (als welche die Gedanken sind) zu spielen und nie Pech kneten zu wollen, weil ihnen davon immer etwas an den Händen kleben wird.

Zuallerletzt kam die schöne Marie Maillé auf einen Gedanken, von dem man sich wundern muß, daß er ihr nicht zuerst eingefallen ist: nämlich sie dachte, daß der gute Ritter sicher nur dadurch ihren Fallstricken und Leimruten entgehen konnte, weil er schon von einer andern eingefangen war, und indem sie allenthalben umhersuchte, wo etwa der schöne Hausgast sich in die Frucht verbissen haben könne, die er bei ihr verschmähte, kam sie zu dem Ergebnis, daß gar die drei Töchter der Königin Cathérine, die Damen genannt von Nevers, von Estrées und von Giac, die erklärten Freundinnen des Herrn von Lavallière seien und daß er wenigstens eine davon, wahrscheinlich die schöne Limeuil, bis zur Verrücktheit lieben müsse.

Nun hatte sie einen neuen Grund, nämlich die Eifersucht, alles daranzusetzen, ihren Tugendwächter zu verführen, gegen den sie aber durchaus nichts Böses im Schild führte, dem sie das Haupt nicht abschlagen, sondern vielmehr mit Rosen bekränzen, mit Wohlgerüchen salben und mit Küssen bedecken wollte.

Sie war ohne Zweifel hübscher, jünger, appetitlicher, zierlicher als ihre Nebenbuhlerin; wenigstens konnte sie es sich hinter ihrer schmalen Stirne nicht anders denken. Und also fühlte sie sich angetrieben von allen moralischen und physischen Beweggründen, die je eine weibliche Natur bewegt und angetrieben haben, einen neuen verstärkten Angriff auf das Herz des Ritters zu machen. Denn eine richtige Dame erobert am liebsten, was am stärksten befestigt ist.

Sie wurde nun ganz und gar zur Katze, rieb sich gegen ihn, sooft sie nur konnte, ging ihm um den Bart, kurz, spann ihn so ein, daß er weichmütig und zahm wurde wie ein Täubchen, und eines Abends, als sie die schwärzeste Melancholie und Traurigkeit heuchelte, während in Wahrheit ihr Herz frohlockte, fiel der strenge Zionswächter richtig auf ihre List hinein und fragte, was ihr fehle.

Mit schwärmerischem Augenaufschlag und mit Worten, die dem guten Ritter eingingen wie Zuckerbrot, antwortete sie, daß sie Maillé gegen ihren Willen geheiratet habe und daß sie sehr unglücklich sei, daß die Seligkeiten der Liebe ihr ganz unbekannt, daß ihr Mann ein Tölpel sei in diesen Dingen und daß sie seit Jahr und Tag ihr Bett mit Tränen netze. Kurz, sie ließ den guten Ritter glauben, daß sie fast vollkommen Jungfrau geblieben, im Herzen und sonst, und daß sie von der ganzen Sache bis jetzt nur Ekel und Enttäuschung gehabt habe. Und dennoch müsse, sagte sie, viel des Süßen und Seligen darin verborgen liegen, da alle Damen danach laufen, sich voll Eifersucht darum raufen, nicht davon lassen können und vielen unter ihnen kein Preis zu hoch dafür ist: weswegen ihr denn selber das Herz so von Neugierde und Verlangen angeschwollen sei, daß sie für eine einzige Nacht der vollkommenen Liebe ihr Leben hingeben und für immer und ohne Murren die unterwürfigste Sklavin ihres Freundes sein wolle; während leider derjenige durchaus nichts von ihr wissen wolle, mit dem sie die leckere Sache am liebsten erleben möchte, obwohl doch, bei dem unbegrenzten Vertrauen ihres Gemahls zu ihm, das süße Spiel zwischen ihnen beiden ein ewiges Geheimnis bleiben könnte; derohalb sie am liebsten gleich sterben möchte, wenn der Grausame in seiner Härte verharre.

Ein jeder Satz dieses kleinen Kantus, den alle Damen bereits kennen, wenn sie auf die Welt kommen, wurde mit wohlberechneten Kunstpausen aufgehöht, wurde unterbrochen mit Seufzern aus tiefster Seele, wurde illustriert mit Händeringen, mit Anrufungen heiliger Namen, mit schmerzlichen Blicken nach oben, mit errötendem Augenniederschlag, sooft es angebracht schien, mit Verzweiflungsgebärden, wie um sich die Haare auszuraufen, kurz, mit all den Grimassen und Mimiken, die die Komödie vorschreibt. Und da hinter ihren Reden sich das leidenschaftliche Verlangen barg, das selbst dem Häßlichen einen Anhauch von Schönheit gibt, fiel der Ritter überwältigt zu ihren Füßen, umfaßte sie, küßte sie und weinte bitterlich.

Ihr könnt euch denken, daß die Dame sich keine sonderliche Mühe gab, ihre Füße seinen Küssen zu entziehen, ja, daß sie gar nicht darauf zu achten schien, was er im Begriffe stand, mit ihr vorzunehmen, auch der Unordnung ihres Gewandes nicht im geringsten achtete; denn natürlich wußte die gute Frau, daß es Verrichtungen gibt, wobei man von unten anfangen muß ...

Aber es stand geschrieben, daß sie für diesen Abend tugendhaft bleiben sollte. Der schöne Lavallière erhob sich plötzlich und sagte mit dem Tone höchster Verzweiflung: »Verehrte Frau, ich bin ein Unglücklicher, ein Unwürdiger!«

»Was kommt Euch an?« fragte sie.

»Ach!« rief er, »das Glück, Euch zu gehören, ist mir untersagt.«

»Wieso?«

»Ich wage es nicht, Euch von der Sache zu sprechen.«

»Ist es etwas so Schlimmes?«

»Ihr würdet vergehen vor Scham«, antwortete er.

»Sagt immer«, entgegnete sie; »ich werde mir das Gesicht mit den Händen bedecken.«

Und die Schlaue maskierte sich mit ihrer weißen Hand, aber so, daß sie durch ihre Finger hindurch den geliebten Mann verstohlen anblinzelte.

»Sei es!« sprach er. »Seht, als Ihr mir neulich am Abend so liebe Worte gabt, entbrannte ich für Euch in verräterischer Weise, aber ich konnte an mein Glück nicht glauben und wagte nicht, Euch meinen Zustand zu gestehn. Da hat mich, wie ich von Euch weggegangen bin, der Teufel am Ohr genommen, oder sonstwo, und hat mich in ein verrufenes Haus geführt, wo Edelleute hinzugehen pflegen. Wegen heftiger Liebe zu Euch und weil ich meinem treuen Waffenbruder sein Wort halten und den Schild seiner Ehre nicht besudeln wollte, bin ich blindlings in eine stinkende Pfütze getappt, und das Ende wird sein, daß mein junger Körper hinsiecht, daß ich verfaule wie ein Aas; Ihr wißt, man nennt es die Italienische Krankheit.«

Die Dame, von Entsetzen ergriffen, stieß einen Schrei aus, als hätte sie Wehen bekommen. Aber erfüllt von Mitleid, stieß sie ihn nur sanft zurück. Lavallière erhob sich, und als ein kläglicher armer Sünder verließ er den Saal. »Wie schade!« rief Marie, die ihm nachschaute, wie er sich durch die Tür entfernte. Dann verfiel sie in eine große Traurigkeit und bedauerte in ihrer Seele den armen Edelmann, in den sie sich nur um so mehr verliebte, als er nun eine dreimal verbotene Frucht für sie war.

»Wenn es nicht wegen Maillé wäre«, sagte sie eines Abends zu ihm, da sie ihn über alle Maßen schön fand, »wollte ich mich nicht scheuen vor Eurer Krankheit. Sie würde uns nur fester aneinanderketten.«

»Da sei Gott vor«, sprach der Kavalier, »dazu liebe ich Euch zu sehr.«

Und er verließ sie und ging zur schönen Limeuil. Er war nun aber tagtäglich zur Essenszeit und in den Feierabendstunden, ohne es hindern zu können, dem Blickfeuer der verliebten Dame ausgesetzt, und ihr könnt euch wohl denken, daß dabei weder der eine noch der andere Teil sich merklich abkühlte, am wenigsten sie, die dazu verdammt war, an der Seite des schönen Ritters zu leben, ohne ihn anders zu berühren als mit ihren Blicken. Um so sicherer fühlte sie sich gefeit gegen alle Art galanter Angriffe bei Hof: denn es gibt keine uneinnehmbarere Festung und keinen besseren Wächter als die Liebe; sie ist in gewissem Sinn wie der Teufel: wovon sie Besitz ergriffen hat, das hüllt und birgt sie in Flammen.

Eines Abends hatte Lavallière die Frau seines Freundes auf einen Ball der Königin Cathérine geführt, wo er fleißig mit der schönen Limeuil tanzte, in die er bis zur Tollheit verliebt war; denn in jener Zeit scheuten sich die Edelleute nicht, zugleich zwei Geliebten oder gar einem halben Dutzend öffentlich den Hof zu machen. Waren also alle Damen eifersüchtig auf die schöne Limeuil, die in diesem Augenblick sich vornahm, den schönen Lavallière endlich zu erhören. Er hatte sie zu einer Quadrille aufgefordert, und noch bevor der Tanz begann, gab sie ihm das alles versprechende Stelldichein bei Gelegenheit einer Jagd am nächsten Tag. Die große Königin Cathérine, die aus hoher Politik solche Liebesverhältnisse absichtlich schürte, nicht anders als wie die Kuchenbäcker das Feuer ihres Backofens durch Aufstöbern mit der Gabel zu höherer Flamme entfachen, diese Königin ließ ihren Blick über die verliebten Paare, die sich zur Quadrille gefaßt hatten, hingehen und sagte zu ihrem Gemahl:

»Solange sie sich so lustieren, werden sie keine Verschwörung gegen uns anzetteln, was meint Ihr?«

»Ja«, antwortete der König, »aber die Ketzer?«

»Wir fangen sie auch ein«, erwiderte die Königin lachend; »schaut nur den Lavallière dort, der für einen wütenden Hugenotten gilt, meine teure Limeuil hat ihn schon bekehrt; wahrhaftig, sie macht ihre Sache nicht schlecht für ein Mädchen von sechzehn Jahren. Es wird nicht mehr lange dauern, so ...«

»Glaubt das nicht, Frau Königin«, sagte Marie Maillé, »er ist angesteckt von der Napolitanischen Krankheit, durch die Ihr Königin geworden seid.«

Bei dieser naiven Rede brachen sie alle in lautes Lachen aus, die Königin, die schöne Diana und der König.

Und bald, so lief die seltsame Neuigkeit von Mund zu Mund. Und Lavallière wurde mit Hohn und Spottreden nur so übergossen. Man deutete mit Fingern auf ihn.

Und er hatte noch einen besonderen Grund, sein Schicksal zu verwünschen. Natürlich hatten seine Rivalen nichts Eiligeres zu tun gewußt, als die liebliche Zeitung brühwarm und mit tausend Spottreden verziert der schönen Limeuil zu überbringen. Sie gab ihrem Geliebten keinen sanften Abschied; denn der Abscheu und das Entsetzen vor diesem schrecklichen Übel ging über alle Begriffe. Lavallière sah sich von allen Seiten gemieden wie ein Pestkranker, der König warf ihm ein kaltes, strenges Wort hin, und der unglückliche Ritter, ganz verzweifelt hierüber, verließ den Festsaal als ein Ausgestoßener.

Marie Maillé folgte ihm. Sie hatte nun den Mann, den sie so sehr liebte, in jedem Sinn zugrunde gerichtet, sie hatte ihm seine Ehre genommen und sein Leben wertlos gemacht. Alle großen Heilkünstler und Physikusse hatten längst das Dogma aufgestellt, demgegenüber es keinen Zweifel gab: daß ein so Italienisierter sein schönstes männliches Vorrecht, die Zeugungskraft, verliere und faul und morsch werde bis in die geschwärzten Knochen hinein.

Kein Mädchen hätte den schönsten Edelmann des Königreichs zum Gemahl genommen, wenn auch nur der leiseste Verdacht auf ihm gelastet, daß er zu denen gehöre, die Meister François Rabelais so zierlich seine Eitergebirgslandschaften genannt hat.

Da auf dem Heimweg vom Fest, das im Palast Herkules stattfand, der Ritter schweigend blieb und trüben Sinns, nahm seine Begleiterin endlich das Wort:

»Mein teurer Herr, ich habe Euch ein großes Unrecht zugefügt.«

»Oh, schöne Dame«, antwortete er, »mein Schaden ist der geringste. Ihr selber habt Euch viel übler eingetunkt; denn wie durftet Ihr von der Gefährlichkeit meiner Liebe unterrichtet sein?«

»So bin ich denn sicher«, rief sie aus, »Euch jetzt und immerdar ganz für mich allein zu haben und im Austausch für soviel Unehre und Schande ganz Eure Freundin, Eure Wirtin, Eure Dame oder besser Eure Magd zu sein. Darum ist es mein Wille, mich Euch ganz hinzugeben, um alle Spuren der Schmach in Euch auszulöschen und Euch zu heilen durch Nachtwachen und tausendfältige Pflege und Sorgfalt. Wenn aber, wie die gelehrten Medizinmänner vermeinen, das Übel allzu hartnäckig ist und es Euch um das Leben gehen sollte wie dem guten König Franz selig, so will ich Euch dabei Gesellschaft leisten und will mir einen Ruhm daraus machen, an der Krankheit meines Geliebten zu sterben. O Gott«, seufzte sie mit Tränen in den Augen, »kein Leiden kann qualvoll genug sein für das Unrecht, das ich Euch zugefügt habe.«

Ihre Worte wurden von Tränen und Schluchzen unterbrochen, ihr tugendhaftes Herz drohte still zu stehen, sie sank ohnmächtig zu seinen Füßen. Lavallière erschrak. Er hob sie auf und legte seine Hand auf ihr Herz, dort unter der weißen Wölbung, die ohnegleichen war. Durch diese Berührung der geliebten Hand kam die Dame wieder zu sich selber; sie fühlte davon ein so heißes Entzücken, daß ihr von neuem die Sinne schwindelten.

»So sei's«, sagte sie, »diese unbedeutende und leichte Liebkosung soll die einzige sein und bleiben, um unsre Liebe auszudrücken. Dieses unschuldige Vergnügen ist so voller Seligkeit für mich, daß ich es himmelhoch schätze über das, was der arme Maillé mir getan ... Lasset Eure Hand da«, sagte sie, »sie liegt wahrhaftig auf meiner Seele und berührt sie.«

Der Ritter blickte verlegen drein bei dieser Rede. Er gestand seiner Dame frei heraus, er finde diese Berührung also beseligend, daß sein schmerzhafter Zustand sich davon ins Ungeheure steigere und daß er einem solchen Martyrium den Tod bei weitem vorziehe.

»So laßt uns zusammen sterben!« rief sie.

Unterdessen waren sie mit ihrer Sänfte im Hof ihres Palastes angelangt, und da sie in Verlegenheit waren, wie sie es mit dem Sterben anfangen sollten, gingen sie zu Bett, jedes für sich und weit auseinander, aber ganz umflammt von Liebe.

So hatte also Lavallière seine Limeuil verloren und Marie ein Glück ohnegleichen gewonnen. Aber durch das böse Gerede der Leute, das beide nicht in Rechnung gezogen hatten, sah sich Lavallière unversehens von allem Recht auf Liebe und Heirat ausgeschlossen. Er wagte sich nirgend mehr zu zeigen, und er mußte nun einsehen, daß das Pförtlein einer Frau zu behüten keine Kleinigkeit sei. Aber je mehr Ehre und Tugend erforderlich war, um so glücklicher machten ihn die schweren Opfer, die die Treue der Brüderschaft ihm auferlegte. Dennoch wurde ihm in den letzten Tagen seine Wächterpflicht allzu brennend und dornig, ja fast unerträglich.

Und das kam so:

Das Geständnis ihrer Liebe, die sie geteilt glaubte, das Unheil, das sie über den Ritter gebracht, und ein Vorgeschmack ungekannter Seligkeiten verführten die schöne Marie Maillé zu tausend Kühnheiten, die ihr geringfügig und ungefährlich dünkten und doch das Platonische ihrer Liebe einigermaßen milderten. So verfiel sie allmählich auf all die verliebten Teufeleien, die von den Damen des Hofs seit dem Tod des Königs Franz erfunden worden waren, weil sie alle das pestilenzialische Übel fürchteten und doch von der Liebe nicht lassen mochten. Diesem grausamen Spiel konnte der Ritter in seiner Rolle sich nicht leicht versagen. Und also wiederholte sich jeden Abend die nämliche süße Tortur; unweigerlich heftete sie ihren Gast an ihre Röcke, sie hielt seine Hand, sie küßte ihn mit ihren Blicken, sie näherte ihre Wange seiner Wange; und während solcher tugendhaften Annäherungen, in denen sich der Ritter gefangen fühlte wie der Teufel im Weihwasserkessel, sprach sie von ihrer großen Liebe, die ohne Grenzen sei, geradeso unendlich und ohne Grenzen wie die Welt unerhörter Wünsche. All das Feuer, das die Damen sonst in materieller Liebe aufflammen lassen, während die Nacht kein anderes Licht hat als ihre Augen, in Marie Maillé verwandelte es sich in mystische Ausschweifungen des Gehirns, in Schwelgereien des Herzens und Verzückungen der Seele. So geschah es ganz natürlich, daß sie mit der Seligkeit zweier Engel, die sich körperlos vereinigen, immer von neuem zusammen jene süßen Strophen und Antistrophen anstimmten, die die Liebenden jener Zeit zum Preis der Liebe zu singen pflegten und die der Abt von Thelème gewissenhaft vor dem Vergessen gerettet hat, indem er sie Paragraph für Paragraph in die Mauern seiner Abtei eingraben ließ, als welche, nach dem Zeugnis des hochgelahrten Magisters Alcofribas, im Lande Chinon gelegen war, allwo ich sie in lateinischer Sprache vorgefunden und zum Nutzen aller guten Christen übertragen habe.

»Oh«, sagte Marie Maille, »du bist meine Kraft und mein Leben, mein Glück, mein einziger Schatz.«

»Und Ihr«, antwortete er, »Ihr seid eine Perle, ein Engel.«

»Du, mein Seraphim.«

»Ihr, meine Seele.«

»Du, mein Gott.«

»Ihr seid mein Morgen- und mein Abendstern, meine Ehre, meine Schönheit, Ihr seid mir die ganze Welt.«

»Du bist mein großer, mein göttlicher Meister.«

»Ihr seid mein Ruhm, mein Glaube, meine Religion.«

»Du bist mein edler, mein schöner, mein tapferer, mein vornehmer, mein treuer Ritter, mein Verteidiger, mein König, meine Liebe.«

»Ihr seid meine Fee, Ihr seid die Blume meiner Tage, der Traum meiner Nächte.«

»Du bist mein Gedanke in jedem Augenblick.«

»Ihr seid die Freude meiner Augen.«

»Du bist die Stimme meiner Seele.«

»Ihr seid das Licht des Tags.«

»Du bist der Schein in meinen Nächten.«

»Ihr seid die Geliebteste unter den Frauen.«

»Du bist der Angebetetste der Männer.«

»Ihr seid mein Blut, mein besseres Selbst.«

»Du bist mein Herz, meine höchste Zierde.«

»Ihr seid meine Heilige, meine einzige Seligkeit.«

»Ich lasse dir die Palme der Liebe; so groß auch die meinige sei, du liebst mich doch noch mehr, denn du bist der Herr.«

»Nein, Euer ist die Palme, meine Göttin, meine Jungfrau Maria.«

»Nein, ich bin deine Magd, deine Sklavin, du kannst mich in ein Nichts verwandeln.«

»Nein, nein, ich bin Euer Knecht, Euer treuer Page, Ihr könnt mich wegblasen wie einen Hauch Luft, hinschreiten könnt Ihr über mich wie über einen Teppich. Mein Herz ist Euer Thron.«

»Nein, Freund, dein Wort hat Gewalt über mich.«

»Euer Blick verbrennt mich.«

»Ich sehe nur durch dich.«

»Ich fühle nur durch Euch.«

»Oh, so komm, lege deine Hand auf mein Herz, allein deine Hand, und alles Feuer meines Blutes wird in das deinige überfließen, ich werde erbleichen.«

Ihre heißen Blicke entflammten sich noch mehr an diesen Reden und Widerreden. Sicher war der gute Ritter der Mitschuldige an dem Glück, das Marie Maillé durchbebte, wenn sie seine Hand auf ihrem Herzen fühlte. Und da bei dieser Art Verkehr immer die ganze Kraft seiner Seele in Spannung blieb, seine Wünsche gestachelt wurden ohne Erfüllung und all sein Denken schmolz und sich auflöste, wurde er schwach bis zur Ohnmacht. Beider Augen weinten heiße Tränen, und die Liebe wurde ihnen zu einem verzehrenden Feuer. Aber dabei blieb es. Und in der Tat hatte Lavallière nur versprochen, ihren Körper heilig und heil dem Freund zurückzugeben; er hatte nichts versprochen von ihrem Herzen. Als aber Maillé endlich seine Rückkehr meldete, war es die höchste Zeit; denn welche Tugend hätte auf dem Rost dieses Glühfeuers auf die Dauer standgehalten? Je weniger die beiden Geliebten in Wirklichkeit sich erlauben durften, um so mehr nahmen sie sich in der Phantasie.

Lavallière ließ Marie zurück und ritt seinem Freund entgegen bis in das Dorf Bondy, um ihm in dem übelberufenen Wald, der darnach genannt ist, zur Seite zu sein. In der Herberge zu Bondy schliefen die beiden Brüder nach der Sitte der Zeit zusammen in einem Bett.

Und dort auf dem gemeinschaftlichen Lager erzählten sie, der eine seine Aventuren der Reise, der andere die Hofneuigkeiten, die Skandalgeschichten von Paris et cetera. Maillé aber fragte vor allem nach dem, was seine Frau betraf, und Lavallière schwur, daß sie unberührt sei in dem Punkt, wo die Ehre des Mannes liegt, womit Maillé, ganz erfüllt von Liebe, sehr zufrieden war.

Den andern Tag waren sie alle drei vereinigt, zum großen Leidwesen der Frau, die, nach den Grundsätzen der hohen weiblichen Politik, ihren Mann mit lautem Jubel feierte, aber verstohlen Lavallière zuwinkte und mit dem Finger nach ihrem Herzen deutete, wie um zu sagen: ›Dies ist dein.‹ Beim Nachtessen verkündete Lavallière, daß er entschlossen sei, in den Krieg zu ziehen. Über diesen schmerzlichen Entschluß erschrak Maillé, erklärte sich aber sofort bereit, seinem Waffenbruder zu folgen; doch dieser lehnte kurzerhand ab.

»Herrin«, sagte er zu Marie, »ich liebe Euch mehr als das Leben, aber mehr als Euch liebe ich die Ehre.«

Dies sagend, erbleichte er, und Marie erbleichte, indem sie es hörte; in diesem Augenblick fühlte sie, daß in all den verzuckerten Teufeleien und ihrem ganzen Liebesgetändel nicht soviel Liebe gewesen war, als in diesem einen Wort zum Ausbruch kam.

Maillé drang darauf, seinem Freund bis in die nächste Stadt das Geleit zu geben. Als er zurückkehrte, besprach er sich mit seiner Frau über die unbekannten Gründe und heimlichen Ursachen des unerwarteten Entschlusses, und Marie, die den Kummer Lavallières zu erraten glaubte, sagte: »Ich kenne den Grund recht wohl, Lavallière müßte hier umkommen vor Scham und Schande, er hat die Napolitanische Krankheit, das singen die Spatzen auf den Dächern.«

»Lavallière?« rief Maillé erstaunt. »Ich habe ihn gesehen, als wir neulich zu Bondy miteinander schliefen, und ich habe ihn gestern gesehen, da wir abermals eine Nacht miteinander verbrachten. Ihr redet Unsinn, er ist gesund wie Euer Auge.«

Da weinte die Dame bitterlich, voll Bewunderung über die seltene Redlichkeit, die erhabene Selbstverleugnung und die übermenschliche Qual dieser verheimlichten Leidenschaft. Aber da sie auch ihrerseits ihre Liebe tief im Herzen verbarg, wurde sie krank davon und starb am gleichen Tage mit Lavallière, der bei der Stadt Metz getötet wurde, wie es anderswo der ehrenwerte Herr Bourdeilles von Brantôme in seinen Historien erzählt hat.

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