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Die dreißig tolldreisten Geschichten ? Erstes Zehent

Honoré de Balzac: Die dreißig tolldreisten Geschichten ? Erstes Zehent - Kapitel 11
Quellenangabe
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typenarrative
authorHonoré de Balzac
booktitleDie dreißig tolldreisten Geschichten ? Erster Band
titleDie dreißig tolldreisten Geschichten ? Erstes Zehent
publisherGustav Kiepenheuer Verlag Leipzig und Weimar
printrunErste Auflage
illustratorGustave Doré
year1981
translatorBenno Rüttenauer
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20081104
modified20150212
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Die Belustigungen König Ludwig des Elften

Der König Ludwig der Elfte war ein guter Gesell, der zu scherzen liebte und, solange es sich nicht um das Wohl seines Staates und die Sachen unsrer heiligen Religion handelte, gern lustig zechte und den ungefiederten Schnepfen nicht weniger gern nachjagte als den gefiederten und andrem königlichem Hochwild. Einige griesgrämige Skribifaxe haben uns diesen guten König als einen bigotten Duckmäuser und Kopfhänger geschildert, ihr Geschrei ist erstunken und erlogen. Der König war seinen Freunden ein guter Freund, er war ein Spaßvogel und Lacher wie nur einer seines Königreichs. Er war es, der in guten Stunden gern zu sagen pflegte, vier köstliche Dinge gäbe es im Leben: »Frisch trinken, warm scheißen, Hartes eingeben und Weiches schlucken.« Einige haben ihm den Vorwurf gemacht, daß er sich gern mit lasterhaften Weibern eingelassen. Aber auch das ist erlogen, da ja jedermann weiß, daß seine Töchter der Liebe, deren eine legitim gemacht wurde, aus hochangesehenen Familien stammten und große Häuser gegründet haben. Er haßte freilich allen Flitterkram und alles verschwenderische und prahlerische Getue. Auf den Schein und die Außenseite gab er keinen Dreck. Haushälterisch war er wie einer, den Leuteschindern, Volksaussaugern und sonstigen Blutegeln gab er auch kein Bröselchen zu verdienen. Sie haben ihn darum gehaßt und verleumdet. Aber die wahren Gelehrten und Liebhaber der Wahrheit wissen, daß der genannte König in seinem Privatleben ein guter und charmanter Kerl war, und niemals hat er einen seiner Freunde den Kopf abschlagen lassen, womit er dennoch nicht knickerig umging, als wenn er schmählich von einem betrogen worden; seine Rache war immer gerecht. Nur in einem Fall, den Meister Verville erzählt, hatte sich der würdige König geirrt; aber einmal ist keinmal, und außerdem trifft die Schuld mehr den Tristan, seinen Gevatter, als den König selbst. Wenn ihr wollt, erzähle ich euch die Geschichte, wie sie Meister Verville berichtet hat, den ich im Verdacht habe, daß er sich einen Spaß damit machen wollte. Ich mag aber die Sache ganz gern erzählen, weil niemand das ausgezeichnete Werk meines geschätzten Landsmanns kennt. Doch ich kürze und gebe nur die Quintessenz, das Drum und Dran ist ein bißchen weitschweifig, wie die Gelehrten wissen:

›Ludwig der Elfte hatte die Abtei Turpenay (wovon in der »Schönen Imperia« die Rede war) einem Edelmann verliehen, der die Einkünfte bezog und sich einen Herrn von Turpenay nannte. Nun geschah es, daß der König zu Schloß Plessis-les-Tours hofhielt, wo dann eines Tags der wahre Abt, ein Mönch, sich an den König herandrängte und ihm vorstellte, daß er es sei, der nach kanonistischem und monachistischem, auch monarchistischem Recht sich Abt von Turpenay nenne, jener Edelmann aber wäre ein Usurpator und Kirchenräuber. Das möge Seine Majestät allergnädigst einsehen und dem wahren Abt und Hirten von Turpenay zu seinem Recht verhelfen. Der König, wie es seine Gewohnheit war, schüttelte seine Perücke und versprach dem Mönch, daß er ihn zufriedenstellen wolle. Dieser aber war ein aufdringlicher und lästiger Geselle, wie alle Esel es werden, wenn man sie in eine Kutte steckt, und stand nun Tag für Tag unter der Tür des Saals, wo der König speiste, und reichte Seiner Majestät das Weihwasser nach der Mahlzeit. Diese Zudringlichkeit ärgerte den König, und am dritten Tag winkte er seinem Gevatter Tristan. – ›Gevatter‹, sagte er, ›hier treibt sich einer von Turpenay herum, ein flegelhafter Zudringling, schaff ihn mir aus der Welt.‹ Ob nun der brave Tristan eine Kutte für den Mönch oder den Mönch für eine Kutte nahm, kurz, er ging hin zu dem Edelmann, den man am ganzen Hof den Herrn von Turpenay nannte, nahm ihn ein wenig auf die Seite und erklärte ihm, daß er sterben müsse, um dem König ein Vergnügen zu machen. Alles Sträuben und flehentliche Bitten nützte dem Armen nichts, er wurde zwischen Hals und Schultern mit einem hänfenen Strick so gekitzelt, daß er sich wahr und wahrhaftig zu Tode lachte, und eine Stunde später konnte Tristan dem König melden, daß der Turpenayer nach den Auen der Seligen abgereist sei. Aber fünf Tage danach, als welcher der Tag ist, an dem die Toten als Gespenster wiederkommen, sah plötzlich der König den widerwärtigen Mönch in seinem Saal. So etwas war ihm noch nicht vorgekommen. Er ruft den Gevatter und flüstert ihm ins Ohr: ›Ihr habt meinen Befehl nicht ausgeführt?‹ – ›Verzeiht, Majestät, ich habe ihn ausgeführt, der von Turpenay ist tot.‹ – ›Ei, Gevatter, ich hatte den Mönch gemeint.‹ – ›Ich habe den Edelmann verstanden.‹ – ›Es ist also geschehen?‹ – Ja, Majestät.‹ – ›So ist es gut.‹ Und sich zu dem Mönch wendend: ›Komm her, Pfäfflein! Auf die Knie!‹ Ihr könnt euch denken, wie das Priesterlein zitterte. Aber der König lachte. ›Danket Gott‹, sprach er, ›er hat nicht gewollt, daß Ihr gehängt werdet, wie ich es befohlen hatte. Der Strick hat sich an den verirrt, der Euch Eure Einkünfte weggenommen hat. Gott selbst hat Euch zu Eurem Recht verholfen. Gehet hin und betet für mich, aber für mein Weihwasser laßt mich selber sorgen.‹«

So gnädig und voller Güte war König Ludwig. Er hätte aus Ärger über den Irrtum den Mönch hängen lassen können, der schuld war, daß der König einen treuen Diener verlor.

In den ersten Zeiten seiner Hofhaltung auf Schloß Plessis-les-Tours verschmähte es der Genannte, die Tapeten der königlichen Gemächer zu Zeugen seiner Saufgelage und sonstigen Liederlichkeiten zu machen; er hatte noch diesen Respekt vor der eignen Majestät, ein Feingefühl, das seine Nachfolger später abgelegt haben. Er war aber damals in eine gewisse Dame verliebt mit Namen Nicole Beaupertuys, eine Bürgersfrau aus der Stadt Tours (in deren nächsten Nachbarschaft das ebengenannte Schloß gelegen war), und der König hatte ihren Mann, ich weiß nicht in welchen Geschäften, nach der Levante geschickt und ihr selber in der Vorstadt Chardonneret ein Haus gekauft, nahe bei der Rue Quincangrogne, also genannt, weil die ganze Umgebung für eine unbewohnte und unheimliche Gegend galt. Der genannte Ehemann und seine Frau waren also dem König sehr ergeben, dem die Beaupertuys eine Tochter schenkte, die als Äbtissin gestorben ist. Die Nicole aber war eine gewitzigte Person, mit feinem Mundwerk, von ansehnlichem Leibesumfang, mit zwei ganz natürlichen Kissen vor der Brust, so weiß wie die Flügel eines Cherubs. Im übrigen war sie als große Philosophin bekannt. Ihre Philosophie war nur gerade nicht die peripatetische, als welche im Gehen betrieben wird. Und eine vollkommene Meisterin war sie in ihrer Wissenschaft, in der sie täglich neue Argumente, Beweise, Konklusionen, Schlüsse und Trugschlüsse und immer neue Ausdrücke und Wendungen fand, womit sie dem König ein großes Vergnügen machte. Auch war sie der lustigste Fink im Finkenbusch, sang und lachte, zwitscherte und trällerte den ganzen Tag, die Nacht mit inbegriffen, und konnte niemand ein Leid zufügen. Kurz, sie verstand ihr Handwerk aus dem Effeff, und der König besuchte sie oft in dem genannten Hause, wobei er auch gern einige gute Gesellen, seine Freunde, mitnahm.

Nur zur Nachtzeit machte er diese frommen Wallfahrten, denn er hatte, wie gesagt, Respekt vor der eignen Majestät, die er auf solchen Gängen dann nicht mitnahm. Weil er aber selber der Gegend nicht traute, hatte er der dicken Nicole die bissigsten und geifrigsten Hunde seiner Meute geschenkt, unheimliche Gesellen, die jedermann bei der Gurgel packten, ohne erst Achtung zu rufen, und keinen Spaß verstanden, außer mit der Nicole und dem König. Sobald dieser seine Ankunft meldete, ließ sie die Rüden los, also konnte der König ungefährdet in das Haus gelangen, zu dessen eisenbeschlagener Tür er den Schlüssel in der Tasche trug, und konnte ohne Furcht vor Verrat seine Freunde regalieren und mit Schindludereien traktieren, ganz wie es ihm beliebte. Und sagt, war das nicht echt königlich gehandelt?

Die lustige Kumpanei konnte um so sorgloser sein, als Gevatter Tristans schirmendes Auge über ihr wachte. Wer es sich in einer solchen Nacht hätte einfallen lassen, auf dem Maifeld von Chardonneret Astronomie zu studieren ohne einen königlichen Ausweis in der Tasche, hätte sich im Handumdrehen in die Lage versetzt gesehen, den Vorübergehenden seinen Segen mit den Füßen zu spenden. Nur mit königlichem Paß gelangte man zu dem Hause an der Rue Quincangrogne. Denn der König ließ oftmals, seinen Freunden zuliebe und sich zum Spaß, auch aus zarter Rücksicht auf Nicole und ihre Gäste gewisse Weibsbilder und andres Volk aus der Stadt herbeiholen, angesehene Bürger nicht ausgenommen, mit denen der König gern einen Jux machte, die aber wohl wußten, daß es ein wenig gefährlich war, aus der Schule zu schwatzen, so daß erst nach dem Tode des Königs das ganze lustige Treiben von der Nacht an den Tag gekommen ist.

Das Possenspiel ›Küß mich am Hintern‹ wird als besonders geniale Erfindung diesem König zugeschrieben. Obwohl dieser urlustige Schwank eigentlich nichts mit dieser Geschichte zu tun hat, will ich ihn doch kurz hier erzählen, weil die Spaßvogelnatur und der erhabene Witz des guten Königs damit in ein besonders helles Licht gerückt werden.

Es gab damals in der Stadt Tours drei berühmte Geizhälse. Der eine war der Gevatter Cornelius, den man kennt. Der andere hieß mit Namen Peccard und trieb einen Handel mit Rosenkränzen, Kreuzen, Kirchenlotterien und andern vergoldeten und unvergoldeten Bigotterien. Der dritte aber war der Meister Marchandeau, ein reicher Weingärtner. Die beiden letzten waren Tourainer und haben trotz all ihrer Schmutzereien sehr angesehene Familien gegründet.

Eines Abends nun, als der König bei der Beaupertuys einmal wieder einen besonders guten Tag hatte (obwohl es längst Nacht war), weil man vom Besten trank und nicht nur die Soßen, sondern auch die Reden mehr als gewöhnlich gesalzen waren, der König aber bereits im Oratorium seiner lieben Frau, der Beaupertuys nämlich, seine brünstig inbrünstige Abendandacht gehalten hatte und nun einen andern Zeitvertreib brauchte, sagte er plötzlich zu seinen Kumpanen, dem Gevatter Le Daim, der sein Barbier war, dem Kardinal La Balue und dem alten Dunois, der noch wieherte wie ein junger Hengst: »Meine Freunde«, sagte er, »ihr sollt heut noch einen Spaß erleben. Ich meine, es müßte ein köstlicher Anblick sein, drei Geizhälse vor einem Haufen Gold zu sehen, daran sie nicht rühren dürfen ... Holla!«

Ein Kammerdiener erschien auf seinen Ruf.

»Mach dich auf zu meinem Schatzmeister«, sagte der König, »er soll unverzüglich sechstausend Goldgulden hierherbringen; dann suche mir meinen Gevatter Cornelius auf, du wirst ihn in der Schloßwache finden, dann den Paternosterschacherer in der Rue du Cygne und endlich den alten Marchandeau und bringe ihnen Order, wie sie gehen und stehen, vor ihrem König zu erscheinen.«

Nach dieser Unterbrechung fuhr die Gesellschaft fort in ihren geistreichen Tischgesprächen. Sie diskurrierten gerade die Streitfrage, was besser sei, eine Frau, die nach der natura naturans, oder eine solche, die nach Seife riecht, eine magere oder eine fette; und da hier die Blüte der Wissenschaft versammelt war, so lautete die hochweise Antwort: die beste sei die, die man wie eine Schüssel voll Austern vor sich habe just in dem Augenblick, wenn einem Gott einen Gedanken schickt, den man ihr mitteilen kann. Der Kardinal warf die Frage auf, was köstlicher sei für ein Weib, der erste oder der letzte Kuß, und erhielt von der Beaupertuys die Antwort, daß man sich wohl für den letzten entscheiden müsse, da eine Frau dann genau weiß, was sie verliert, während sie beim ersten noch nicht weiß, was sie zu erwarten hat. Über solchen Reden und andern, die zum Unglück der Wissenschaft verlorengegangen sind, kamen die sechstausend Goldgulden an, die mindestens den Wert von dreimalhunderttausend Francs hatten nach unserem heutigen Geld, was auch wieder beweist, wie wir in allen Stücken nur ärmer werden. Der König ließ sie auf einem wohlerleuchteten Tisch aufhäufen, und man konnte beobachten, wie die Augen seiner Freunde bei diesem Anblick unwillkürlich aufblitzten; sie mußten sogar selber darüber lachen. Auch die drei Geizhälse erschienen, blaß und zitternd vor Furcht, ausgenommen Meister Cornelius, der mit den Launen und Einfällen seines Königs vertraut war.

»Ihr lieben Leute«, sprach Ludwig, indem er auf den Haufen Goldstücke wies, »wie gefällt euch das?«

Ihr könnt euch denken, was für Blicke die drei nach dem goldnen Haufen warfen. Die Diamanten der Beaupertuys waren trüb im Vergleich zu dem stechenden Gefunkel ihrer kleinen Grauäuglein.

»Das soll euer sein«, setzte der König hinzu.

Da sahen die drei Filze nicht mehr die Dukaten, sondern sahen sich selber an, einer den andern, und ich sage euch, drei alte zahnlose Affen, die eine dicke welsche Nuß beschnüffeln und beäugeln, schneiden keine verzwickteren Grimassen und drolligeren Gesichter als diese drei.

»Bei der Jungfrau«, sprach der König, »dem von euch dreien, der, die Hand auf dem Golde hier, den andern dreimal hintereinander sagt: ›Ihr könnt mich am Hintern küssen‹, soll der ganze Haufen gehören, nur mag er sich in acht nehmen, daß er ernst dabei bleibt wie ein Fliegerich, der seine Nachbarin notzüchtigt. Wer auch nur im geringsten das Maul zum Lachen verzieht, zahlt der Frau des Hauses einen Dukaten. Es darf aber jeder die Probe dreimal machen.«

»Das will ich schnell gewonnen haben«, sagte Cornelius, dessen Mund in der Eigenschaft als Holländer ebenso ernst und verschlossen war wie der Mund der Beaupertuys, deren anderer Mund sich doch gern jeder Spaßigkeit offen und zugänglich zeigte.

Er legte also entschlossen die Hand auf die Taler und sagte höflich zu den beiden andern: ›Küßt mich am Hintern.‹ Die beiden Geizkragen fürchteten nicht umsonst den holländischen Ernst, sie antworteten: ›Wohl bekomm's!‹ so etwa, wie wenn er geniest hätte.

Die ganze Gesellschaft und Cornelius selber mußte lachen.

Als der alte Marchandeau seine Hand nach den Dukaten ausstreckte, prickelte und kitzelte ihn der Lachreiz derartig, daß sein altes Gesicht, das von Blatternarben durchlöchert war wie ein Sieb, das Lachen so wenig zurückhalten konnte wie ein Seiher das Wasser oder ein alter sprüngiger Ofen den Rauch. Es drang mit Gekicher durch alle Poren, er konnte schon gleich kein Wort hervorbringen.

Jetzt kam die Reihe an den Rosenkranzhändler, ein kleines, spaßiges Männlein; seine Lippen waren zusammengezogen wie der Hals eines Gehängten. Er ergriff eine Handvoll Dukaten, blickte die andern der Reihe nach an, den König nicht ausgenommen, und mit lauernder Pfiffigkeit sagte er:

»Ihr könnt mich am Hintern küssen.«

»Ist er auch sauber?« fragte Marchandeau.

»Ihr könnt ihn euch ansehen«, antwortete ernst der Rosenkränzler.

Der König fürchtete schon für seine Dukaten; denn Peccard war bereits daran, das sakramentale Wort ohne das geringste Lachen zum dritten Male auszusprechen, als ihm die Beaupertuys ein Zeichen machte, wie wenn sie sagen wollte: »Ich auch?«, worüber der zusammengepreßte Mund des Bigotterienhändlers ein pfuchzendes Lachen fahrenließ gleich einem Furz.

»Wie hast du es nur fertiggebracht, so lange ernst zu bleiben?« fragte Dunois.

»Ich habe«, antwortete der Mann, »zuerst an meinen Prozeß gedacht, der morgen zur Verhandlung kommt, und dann an meine Frau, die eine verdammte Kratzbürste ist.«

Aus Gier nach dem Haufen Gold versuchten sie das Spiel nun noch einmal und belustigten wohl eine Stunde den König durch ihre Vorbereitungen, Gesichtsverzerrungen, Fratzen, Grimassen und andere Affigkeiten; aber wie große Duckmäuser sie auch waren und ganz und gar von der Art, die den Ärmel mehr liebt als den Arm, war doch zuletzt das Ergebnis kein anderes, als daß jeder von ihnen der Hausfrau dreihundert Taler zahlen mußte. Und mit gesenkten Ohren zogen sie ab.

»Majestät«, sagte Nicole, »wollt Ihr es nicht auch einmal mit mir probieren?«

»Papperlapapp«, erwiderte Ludwig lachend, »ich will ihn Euch gern küssen, aber so teuer darf's nicht sein.«

Das war noch ein haushälterischer König. Er hat es auch in anderen Fällen bewiesen.

Natürlich fanden auch die Freunde des Königs die dicke Nicole nach ihrem Geschmack und beehrten sie mit gelegentlichen Nachstellungen. Der vollblütige Kardinal La Balue trieb den Scherz eines Abends in Worten und Handgriffen um ein beträchtliches weiter, als es das kanonische Recht vorschreibt, aber die Beaupertuys war nicht auf den Kopf gefallen.

»Glaubt mir«, sagte sie zu dem Kardinal, »das Ding, das mein König liebt, braucht noch lange nicht die letzte Ölung.«

Auch Meister Olivier, der Barbier, trug ihr galant seine Dienste an.

»Nun«, sagte sie, »ich werde den König fragen, ob er erlaubt, daß ich mich rasieren lasse.« Da Meister Olivier nicht einmal um Verschwiegenheit bat, schöpfte sie den Verdacht, die beiden könnten im Auftrag und auf Anstiften des Königs gehandelt haben, dessen Eifersucht sie erweckt haben mochte. Am König selber konnte sie sich nicht rächen, sie beschloß also, sich an seine beiden Affen zu halten und ihnen einen Possen zu spielen, an den sie denken sollten. Sie wußte, daß sie zugleich dem König damit das größte Gaudium machte.

Als nun König Ludwig wieder einmal zum Abendessen kam, hatte Nicole eine Dame von hohem Rang bei sich, die Seine Majestät gern gesprochen hätte, um die Begnadigung ihres Mannes zu erflehen. Da gedachte die geriebene Nicole nicht nur zwei, sondern drei Mücken mit einer Klappe zu schlagen: die königlichen Hanswürste zu prellen, ihrem Ludwig einen gespaßigen Abend zu machen und die genannte Dame, ihre Freundin, in die königliche Gunst einzuschmuggeln. Denn diese Dame sollte ihr bei der Posse behilflich sein.

Sie nahm darum den König auf die Seite und sagte ihm, daß es heut einmal einen Spaß geben sollte, wie es noch keinen gegeben habe. Er solle nur die Herren bei Tisch in guter Eßlaune erhalten, sie gehörig nötigen, daß sie bis zum Übermaß schöpften und schenkten, und sie nach aufgehobener Tafel nicht aus dem Auge lassen, sie festhalten, sie zappeln lassen, so werde er Gesichter und Grimassen sehen, wie er noch keine gesehen, also daß er gewiß die Dame für ihre Beihilfe an dem saftigen Spaß nur so überschütten werde aus dem Füllhorn seiner königlichen Gunst und Gnade.

»Zu Tisch, meine Herren!« rief der König, in den Saal tretend, »die Jagd war lang, ich habe einen Hunger wie sieben.« Es waren aber gegenwärtig der buckelige Barbier, der Kardinal, ein fetter Bischof, der Hauptmann der schottischen Leibwache und ein Abgesandter des Parlaments. Diese ganze Gesellschaft folgte nun den Damen in die Halle an den gedeckten Tisch und machte sich alsbald mit Fleiß und Eifer daran, sich die Wämser zu wattieren. Was das heißen will? Das will heißen, sich den Magen zu laden wie eine Bombe, die Retorte zu heizen, die Platten zu leeren, mit dem Degen des Kain einzuhauen, gebratene Leichname zu begraben, aus seinem Maul eine Mühle zu machen und aus seinen Zähnen Mühlsteine, philosophischer ausgedrückt: seinen Gedärmen Füllsel zu verschaffen. Wißt ihr nun, was das heißen will? Braucht man, bei Gott! einen Haufen Wörter, um euch die verrostete Gehirntüre aufzusprengen!

Der König sorgte dafür, daß sie nicht feierten. Mit wahrhaft königlichen Worten spornte er ihren Eifer an, wenn er nur im geringsten erlahmen wollte. Er rühmte ihnen den Pickelsteiner mit den gelben Rübchen, er ließ ihnen ganze Berge grüner Erbsen auf die Teller häufen, er sagte zu dem einen: »Warum eßt Ihr nicht?«, zu dem andern: »Trinken wir auf die Gesundheit unsrer Wirtin« und dann wieder zu allen: »Mit diesen Krebsen müssen wir fertig werden.« »Schenkt ein zu diesen Lampreten, Fische müssen schwimmen.« »Bei Gott, ich glaube, dies ist die schönste Barbe der Loire. Da dreht mir nur gleich einem Dutzend Flaschen den Hals um.« »Dieses Wildschwein ist von meiner Jagd, wer ihm nicht Ehre antut, beleidigt den König.« »Meine Herren, eine solche Blutwurst habe ich noch nicht gegessen, da schmeckt gelber Sauternes gut dazu.« Und wieder: »Trinkt, meine Herren, der König schaut nicht hin.« »Zum Wein schmeckt das Süße gut, verachtet mir diese kleinen Kuchen nicht. Und dieses Eingemachte, ihr würdet die Hausfrau kränken, sie hat es selber bereitet.« »Und seht, wie euch die Birnen anlächeln und diese goldigbraunen Trauben. Holla, meine Herren, sie sind von meinem Weinberg.«

Wahrhaftig, dieser König war nicht faul im Zureden. Dazu lachte er mit ihnen, gab derbe Scherze zum besten, beklatschte die Schweinereien des dicken Kardinals, kurz, es ging zu, wie wenn der König gar nicht der König gewesen wäre. Darüber wurden von Gesottenem, Gebratenem und Gebackenem ganze Wagenladungen voll eingeschifft und der Wein kübelweise in die Rinnen gegossen, die man die Gedärme nennt, als welche sich füllten von einem Ende zum andern, daß die Wänste schwollen bis zum Bersten und die Bäuche strotzten wie ein Ansbacher Preßsack.

Als die Gäste in den Saal zurückkehrten, stand ihnen bereits der kalte Schweiß auf der Stirne, und schon bereuten sie ihre Unmäßigkeit. Der König spielte den Stummen, und die andern hatten um so weniger Lust zur Rede, als am liebsten ihr Bauch und Hinterer das Wort ergriffen hätte, was zu verhindern keine kleine Anstrengung kostete. Sie fingen an, Schlimmes zu befürchten. Einer sagte heimlich zu seinem Nachbar: »Ich glaube, von dieser Kapernbrühe hätt ich nicht essen sollen.« Ein anderer: »Mir ist, als ob der Aal in meinem Bauch lebendig würde.« Ein dritter: »Ich wollte, der Teufel hätte die Blutwurst im Leib.« Am meisten hatte der Kardinal geladen. Er hatte auch einen Wanst wie drei Benediktiner-Äbte zusammen, er stieß die Luft durch die Nase wie ein Roß, das Unheil wittert. Ihm entfuhr auch zuerst ein lauter Rülps. Man war aber zum Unglück nicht in Deutschland, wo man dazu ›Helf Gott!‹ sagt. In diesem Punkt verstand der König keinen Spaß. Er fand die gastrische Sprache garstig. Er zog drohend die Augenbrauen in die Höhe.

»Haltet Ihr mich für Euren Meßpfaffen?« fuhr er den Kardinal an.

Alles zitterte, da der König doch sonst einen kunstgerechten Rülps nach Gebühr zu schätzen wußte. Und heimlich berieten sie bei sich, wie sie ihre Ballen Luft auf andern Wegen gefahrlos über die Grenze schmuggeln könnten, doch sahen sie leider keine Möglichkeit, wie auch der Wurm in ihnen sich krümmte. Ihre Bedrängnis wurde von Minute zu Minute größer.

Nicole, die ihre Tortur lächelnd mit ansah, nahm den König auf die Seite.

»Nun gebt acht«, sagte sie, »was ich mir ausgedacht habe. Ich habe mir von Meister Peccard, dem Rosenkränzer und Wachsstockhändler, zwei Puppen machen lassen, die mir und meiner Freundin auf ein Haar ähnlich sehen. Wenn nun die Herren da von den Laxierpulvern, die ich unter die Speisen gemischt habe, sich so bedrängt fühlen, daß sie nicht mehr wissen, wo ein noch aus, und in Hast und Eile das Örtlein suchen, zu dem wir alle unsre Zuflucht nehmen müssen, solange wir im Fleische wandeln, werden sie diesen Stuhl der Könige und Thron der Menschlichkeit immer schon besetzt finden; und Ihr sollt sehen, das gibt einen Heidenspaß.«

Die Damen entfernten sich nun aus dem Saal, und nach einer kurzen Weile kehrte Nicole allein zurück, so daß es den Eindruck machte, als ob die andere Dame sich irgendwo noch ein wenig aufhalte, wo in diesem Augenblick mehr als einer sich hinwünschte, am inbrünstigsten der Kardinal. Diesen aber winkte jetzt der König zu sich heran, und indem er das goldene Kreuz auf seiner breiten Brust ergriff, wie um das Email zu studieren, fing er an, ernstlich von Geschäften zu reden, kam vom Hundertsten ins Tausendste und konnte gar kein Ende finden. Der Kardinal sagte zu allem nur »ja, ja«, um so rasch wie möglich von der hohen Ehrenbezeigung loszukommen; denn er fühlte, wie das Wasser sich in seinen Kellern staute, und hatte eine Mordsangst, den Schlüssel zu jener Tür zu verlieren, wo man die Leute hinausläßt, aber niemand hinein. Die anderen waren nicht besser daran. Sie machten alle die Erfahrung, daß nicht nur das Wasser, sondern auch der Dreck von Natur die Eigenschaft erhalten hat, als hartnäckig unvernünftige Kreatur mit dem Kopf durch die Wand zu wollen und dem Gesetz der Gravitation zu folgen, wie alles, was Schwere hat. Diese verdammten Substanzen, was sie für ein Bollern und Kollern machten und immer ungebärdiger wurden gleich allen Gefangenen, denen widerrechtlich die Freiheit vorenthalten wird. So ein Dreck ist vollends ein gar unverschämter Geselle. Er ist so frech, er bricht aus, wo er kann, er stinkt sogar vor der Nase einer königlichen Majestät. Und also waren groß die Gebresten dieser Herren, die all ihre Kraft und Wissenschaft zusammennehmen mußten, um nicht vor den Augen des Königs ausgemachte Scheißkerle zu werden. Der gute Ludwig tat, als ob er nichts merkte. Seine Güte war heut grenzenlos. Er zog einen nach dem andern ins Gespräch, und wenn er dann sah, wie sie die Zähne aufeinanderbissen, wie ihre totenblassen Gesichter sich verzerrten, wie ihnen der kalte Schweiß von der Stirne tropfte, hatte er so recht das Gefühl, bei Gott, daß es sich doch noch der Mühe lohne, ein König zu sein.

»Bei der Heiligen Jungfrau«, sagte der Parlamentsherr zu dem Barbier, »ich würde mein Amt dafür geben, wenn ich mich auf anderthalb Minuten an den Hasengraben wünschen dürfte.«

»Ja, ja«, antwortete Meister Olivier, »es geht nichts über einen guten Schiß, und wahrhaftig, ich wundere mich nicht mehr über die Fliegen, die alles um einen her vollmachen.«

Unterdessen dachte der Kardinal, das oberhofgerichtliche Verhör der Dame müsse doch einmal ein Ende erreicht haben. Mit einem heftigen Ruck, wobei das Kreuz in des Königs Hand blieb, riß er sich los, und ›laufst nicht, so gilt's nicht ...‹

»Holla, Kardinal«, rief der König, »ist der Teufel in Euch gefahren?«

»Wahrhaftig«, schrie das Ungetüm von La Balue, »er will aber mit Gewalt wieder heraus.« Unter diesen Worten entwischte er, indem er es den andern überließ, seinen Witz zu belachen. Mit großen Schritten strebte er dem gebenedeiten Örtlein zu, riß die Tür auf, auch ein wenig die eigene Hintertür, und fuhr zurück. Wie ein Papst, wenn er gesalbt wird, saß da die Dame auf dem Stuhl. Der Kardinal machte also seinen Riegel von hinten wieder sicher; er gedachte nun in den Garten zu kommen. Aber er hörte die Hunde anschlagen und fürchtete für seine kostbaren Hemisphären. Und nicht wissend wohin, mit dem ungeduldigen Gast im Gedärm, mit klappernden Zähnen wie vom Fieber geschüttelt, erschien er wieder in dem Saal. Bei seinem Erscheinen glaubten die übrigen, er sei glücklich genug gewesen, seine natürliche Kloake und geweihten Abzugskanäle zu entleeren. Schnell, wie wenn er ein gemeiner Ausüber seiner Profession gewesen wäre, erhob sich der Hofbarbier und gewann, ehe ihm ein anderer zuvorkommen konnte, die Tür. Er ließ seinem Sphinkter schon jetzt die Zügel ein wenig locker, und indem er eine Melodie zwischen den Zähnen summte, eilte er nach dem hochnotpeinlichen Gerichtsstuhl. Aber es erging ihm nicht anders als dem Kardinal.

Er richtete an die Adresse dieser ewigen Scheißerin ein kurzes Gemurmel von Entschuldigungen, und so hastig, wie er das ersehnte Pförtlein geöffnet hatte, schloß er es wieder und erschien, ohne abgeladen zu haben, vor dem König.

So einer nach dem andern. Aber nicht lange, so waren sie alle wieder um den König herum, und jeder wußte vom andern nur zu gut, wo ihn der Schuh drückte. Sie verstanden einander sozusagen besser in dem, was ihnen vom After, als was ihnen vom Munde ging. Denn in der Sprache dieser natürlichen Dinge gibt es keine Zweideutigkeiten. In ihr kommt ein ganz allgemein verständlicher Rationalismus zum Ausdruck und eine Wissenschaft, die wir alle schon mit auf die Welt bringen.

»Mir scheint«, sagte der Kardinal, »daß diese Dame kacken will bis morgen früh. Was ist denn der Nicole nur eingefallen, eine solche Diarrhöetikerin einzuladen.«

»Über eine Stunde drückt sie nun schon daran herum, wozu mir eine halbe Sekunde genügen sollte«, antwortete Meister Olivier. »Daß sie doch die Pestilenz kriegte!«

Man müßte sie gesehen haben, wie kläglich sie aussahen, wie sie sich nicht am Platze halten konnten, wie sie von einem Fuß auf den andern trippelten, die Zähne aufeinanderbissen, daß ihnen das Wasser aus den Augen rann, wie sie jetzt erblaßten, jetzt einen roten oder blauen Kopf bekamen, wie sie hörbar aufatmeten, als die verwünschte Dame endlich im Saal erschien. Oh, wie sie sie schön fanden und ganz holdselig. Sie hätten sie küssen mögen, küssen dort, wo sie's so brannte. Nie in ihrem Leben hatten sie so beglückt den Eintritt des Tages begrüßt wie den Eintritt dieser Befreierin aus der höchsten Not.

Unverzüglich erhob sich der Kardinal. Die andern standen bescheiden zurück und faßten sich in Geduld. Dem Klerus gehört der Vortritt. Ihre Grimassen wurden aber immer fürchterlicher, worüber der König sich im geheimen höllisch freute und nicht weniger die Beaupertuys, in deren Kopf alles entsprungen war. Der schottische Hauptmann, der von dem gepulverten Gericht am meisten gegessen hatte, konnte nicht mehr an sich halten; kein Zähneaufeinanderbeißen half mehr, er dachte also, der Gescheitste gibt nach, oder vielmehr, er dachte gar nichts, es entfuhr ihm einfach. Er hatte gehofft, es werde nur ein leiser Wind sein. Aber nein, in seiner ganzen Pracht und Fülle entfuhr's ihm, und er hatte nur noch die Hoffnung, daß das Zeug wenigstens so anständig sein werde, in der Gegenwart des Königs nicht zu stinken.

In diesem Augenblick erschien, fürchterlich zugerichtet in seinem Aussehen, auch der Kardinal wieder im Saal. Er hatte draußen Nicole auf dem Posten gefunden, und nun stand sie auch hier vor ihm. Er glaubte ein Gespenst zu sehen in seiner Qual, und ein verzweifelter Fluch entfuhr ihm.

»Was soll das?« fragte der König mit einem Blick, daß der Priester in den Boden sinken zu müssen glaubte. Doch gibt ein Pfaff seine Sache nicht so schnell verloren.

»Majestät«, antwortete La Balue, »die Dinge des Jenseits gehören zu meinem Amt, und da muß ich Euch sagen, daß es in diesem Haus, wie mir scheint, nicht mit rechten Dingen zugeht.«

»Willst du deinen König zum Narren haben?« schrie Ludwig der Elfte. Seine Stimme nahm einen Ton an, daß die ganze Gesellschaft nun schon aus Angst in die Hosen machte.

»Ihr vergeßt den Respekt vor der königlichen Majestät!« rief der König in so gut gespieltem Zorn, daß sie erbleichten. Zugleich öffnete er ein Fenster: »Holla, Gevatter Tristan!«

In wenigen Minuten stand er im Saal, der Oberhofscharfrichter Seiner Majestät. Und da es lauter Lumpenkerle waren, denen nur die Sonne der königlichen Gunst den Schein von etwas gab, so genügte auch der leiseste Wink des Königs, wenn ihn der Zorn ankam, um sie ins Nichts zurückzuschleudern; das wußten sie wohl, und mit Ausnahme des Kardinals, der sich auf sein geistliches Gewand verließ, standen sie da wie der Dieb vor dem Galgen.

»Führe die Herren zum Hofgericht ab«, sprach der König, »zum Hofgericht am Maifeld. Sie haben alle die Hosen voll ...«

»Nun, hab ich meine Sache nicht gut gemacht?« sagte Nicole.

»Die Posse ist gut, aber sie stinkt teuflisch«, antwortete der König lachend.

An diesem königlichen Wort merkten die Gäste, daß es diesmal nicht um ihre Köpfe ging, und dankten dem Himmel. Wirklich, dieser König verstand noch einen Spaß. Er war kein böser und heimtückischer Mensch. Das sagten auch seine Gäste, während sie sich am Rand des Maifelds zu ihrer Bequemlichkeit hinsetzten und Gevatter Tristan als guter Franzose ihnen Gesellschaft leistete, der ihnen auch später auf dem Heimweg das Geleit gab. Von daher aber schreibt sich die Gewohnheit der Bürger von Tours, nirgendwo lieber sich die Hosen zu lüften als auf dem Maifeld von Chardonneret, wo einmal so vornehme Hofleute geschissen hatten. Von diesem großen König muß ich noch eine hübsche Sauerei erzählen.

In der nächsten Nachbarschaft der Nicole wohnte ein altes Fräulein namens Godegrand, ein unglückliches versauertes Wesen in seiner welken gelblichen Haut und voll Verbissenheit über die Welt, wo sie in langen vierzig Jahren für ihr Töpfchen keinen Deckel gefunden hatte und jungfräulich geblieben war wie ihre Nachthaube.

Ihre Wohnung in der Rue de Hiérusalem war auf der einen Seite nur durch ein schmales Gäßchen von dem Haus der Beaupertuys getrennt, so daß man von dem Balkon dieser Dame alles sehen und hören konnte, was in den Zimmern der Godegrand vorging, und hundertmal machte sich der König das Vergnügen, zusammen mit seinem Kebsweib das ahnungslose alte Mädchen zu belauschen. Nun geschah es, daß der König eines Tages einen Bürgerssohn der Stadt hängen ließ, der einer ältlichen Edeldame Gewalt angetan, weil er sie für ein junges Mädchen gehalten hatte. Dabei war an sich kein Unglück, die Dame konnte es sich noch zur Ehre anrechnen, für eine Jungfrau angesehen worden zu sein; aber der Bursche wurde wütend, als er seinen Irrtum merkte, überhäufte die Dame mit Schimpfreden, und da er den Verdacht hegte, mit Absicht getäuscht worden zu sein, nahm er ihr einen goldenen Becher aus der Tasche, um wenigstens auf seine Kosten zu kommen, wie er sagte. Er war ein so schöner Bursche, daß jedermann zusehen wollte, als er gehängt wurde, teils aus Bedauern, teils aus Neugierde, doch sah man natürlich mehr Hauben in der Menge als Hüte. Der Bursche baumelte auch wirklich ganz lustig an seinem Strick, und nach der Sitte der Gehängten jener Zeit machte er seinen Ritt ins Jenseits ritterlich mit vorgestreckter Lanze. Den ganzen Tag sprach man von nichts als von dem schönen Gehängten, und einige Damen meinten, es sei doch jammerschade, daß ein solches Prachtstück von Lanze außer Brauch gesetzt werde.

»Was meint Ihr«, sagte Nicole zu König Ludwig, »wenn wir den Burschen der Godegrand ins Bett legten?«

»Sie würde allzusehr erschrecken«, meinte der König.

»Nicht die Spur«, erwiderte die Beaupertuys; »die Godegrand hat sich so lange vergeblich nach einem Lebendigen gesehnt, daß sie zuletzt auch um einen Toten froh sein wird. Noch gestern habe ich ihr zugeschaut, wie sie vor dem Barett eines jungen Mannes, das sie auf eine Stuhllehne gehängt hatte, sich ganz toll aufgeführt; ihr Geplausch und Getue dabei würde Euch nicht wenig ergötzt haben.«

Es war um die Stunde des Abends, wo das vierzigjährige Mädchen zur Vesper ging. Der König ließ den Gehängten, der gerade seinen letzten Schnaufer getan, abschneiden und herbeischaffen. Zwei Soldknechte bekleideten ihn mit einem frischen Hemd, brachten ihn mittels einer Leiter über die Gartenmauer der Godegrand und von dort nach deren Schlafkammer auf der Seite des Hauses der Beaupertuys. Im Bett des Fräuleins drückten sie ihn hart an die Wand, strichen die Decke glatt und machten sich aus dem Staub. In dem Balkonzimmer der Beaupertuys aber pflegte der König mit seiner Dame des Brettspiels bis zur Stunde, wo drüben das pünktliche Mädchen sich jeden Abend schlafen legte. Mit kleinen, sachten Mädchenschritten kam die Godegrand von der Kirche zurück, der von Saint-Martin, die nahe lag, da die Rue de Hiérusalem gerade auf den Münsterplatz hinausläuft. Tritt also das gute Ding in seine Stube, legt seine Almosentasche, sein Stundenbuch, seinen Rosenkranz ab und mit was sonst für frommem Kram sich alte Betschwestern zu umgeben pflegen; sie deckt ihr Feuer auf, facht die Glut an, wärmt sich die magern Hände, streichelt und liebkost die Katze, weil sie nichts anderes hat, geht in ihr Speisekämmerlein, um sich selber ihr Essen aufzutragen, setzt sich mit einem Seufzer hin und ißt und trinkt in der traurigen Gesellschaft ihrer vier Wände. Und nachdem sie gegessen und getrunken, läßt sie ein Fürzlein hören, nicht ahnend, daß es ein König vernehmen würde.

»Was meint Ihr«, sagte Ludwig der Elfte zu Nicole, »wenn ihr der Gehängte plötzlich ein ›Wohl bekomm's!‹ zuriefe?« Über diese Bemerkung wären beide fast in lautes Lachen herausgeplatzt.

Und besonders aufmerksam sah der allerchristlichste König zu, wie das alte Mädchen nun anfing, sich zu entkleiden, indem es sich selbst bewunderte und sich da und dort kratzte, wo sie's juckte, wie es sich die Zähne putzte und ein Geschäft nach dem andern abmachte, dem die Damen nun einmal unterworfen sind, die Jungfrauen und die andern, was ihnen ein so großes Leidwesen ist. Aber ohne solche kleine Schwächen der Natur wären sie allzu stolz und gar nicht mehr zu haben.

Endlich war die Godegrand soweit, die musikalische Zwiesprache mit ihrem Töpfchen zu Ende ...

»Gebt acht«, sagte Nicole, »jetzt deckt sie das Bett auf.«

In diesem Augenblick hörte man einen Schrei. Mit einem Sprung war sie wieder aus dem Bett. Sie dachte aber nicht, daß es ein Toter sei, sondern meinte, er stelle sich nur so.

»Das ist mir ein übler Spaß«, sagte sie; »wollt Ihr Euch nun gleich davonmachen oder nicht!« Ihre Worte klangen mehr bittend als bös. Als sie aber sah, daß sich nichts rührte, untersuchte sie die Bescherung etwas näher, voll Erstaunen und Verwunderung über die strotzende Fülle männlicher Herrlichkeit. Endlich erkannte sie den gehängten Bürgerssohn. Sofort kam ihr der Gedanke, ob hier nicht Rettung möglich. Und begann mit sachkennerischen Manipulationen und Experimenten ihr möglichstes zu tun.

»Was macht sie denn?« fragte der König Nicole.

»Sie macht Wiederbelebungsversuche an ihm, das ist ein Werk der christlichen Barmherzigkeit.«

Und die Godegrand rieb und klopfte an dem schönen Toten herum und flehte zur heiligen Maria von Ägypten, daß sie ihr doch behilflich sein möge, den Mann wieder lebendig zu machen, der ihr so unerwartet und ganz verliebt vom Himmel herunter ins Bett gefallen war. In der Tat gelang es ihr, den Körper ein wenig zu erwärmen, schon schien es, als ob er die Augen aufschlagen wolle, sie legte ihre Hand auf sein Herz, und sie fühlte wahrhaftig ein leises Pochen. Sie verdoppelte nun ihre Anstrengungen, entwickelte einen solchen Feuereifer, dessen nur die ewig unterdrückte Liebesglut eines alten Mädchens fähig ist, und hatte die unaussprechliche Freude, den schönen Mann, mit dem der Henker offenbar kein Meisterstück gemacht, ins Leben zurückzubringen.

»Da seht Ihr, wie ich bedient werde«, sagte der König lachend.

»Ich hoffe, Ihr werdet ihn nicht zum zweiten Male hängen lassen«, erwiderte Nicole, »der Mann ist gar zu schön.«

»Das Urteil lautet nicht, daß er zweimal gehängt werden soll, aber, bei Gott! dafür soll er die Godegrand heiraten.«

Die alte Jungfer war unterdessen fortgesprungen, um einen Bader herbeizurufen, der nichts Eiligeres zu tun hatte, als nach seiner Lanzette zu greifen.

»Es ist zu spät«, sagte er kopfschüttelnd, »Ihr seht, nicht ein Tropfen. Die Transfusion des Blutes nach den Lungen hat sich bereits vollzogen.«

Doch was war das? Da sickerte ein kleines winziges Tröpfchen, und da noch eines, dann Tropfen auf Tropfen, und schon rötete das junge Blut die Tücher. Der Gehängte kam von seiner apoplektischen Erstarrung, die noch im Anfangsstadium war, zurück, er begann sich zu bewegen und schlug die Augen auf ... doch nur, um sie sofort wieder zu schließen und nach dem Gesetz der Natur in Erschlaffung und Erschöpftheit zurückzusinken. Die krampfhafte Spannung aller Muskeln und Nerven ließ nach, und die strotzende Fülle der männlichen Pracht sank in sich zusammen. Die gute alte Jungfer, die mit ängstlich aufmerksamen Bücken all diese Vorgänge und Verwandlungen verfolgt hatte, zog den Chirurgen am Ärmel, und indem sie ihn mit einer schämigen Augenverdrehung auf vorliegenden Vorfall und Verfall aufmerksam machte, fragte sie:

»Wird er nun immer so bleiben?«

»Die meiste Zeit«, antwortete der wahrhaftige Chirurgus.

»Wie schade, da war er mir gehängt fast lieber ...«

Bei diesen Worten brach der König in lautes Lachen aus, worüber das arme Mädchen und der Bader nicht wenig erschraken. Sie gewahrten durch das Fenster hindurch den König und sahen den Geretteten in ihrer Angst bereits zum zweiten Male gehängt. Aber der König hielt Wort und verheiratete sie miteinander. Damit aber die Gerechtigkeit nicht zu kurz komme, gab er dem Neuvermählten, der seinen bürgerlichen Namen am Galgen verloren hatte, den Namen eines edlen Herrn von Mortsauf, und da sich unter dem Strohsack der Godegrand ganze Nester voll goldener Dukaten fanden, gründeten beide eine hochangesehene Familie, die in unserm Land fortblüht bis auf den heutigen Tag. Der Herr von Mortsauf selber leistete dem König Ludwig dem Elften bei verschiedenen Anlässen die wichtigsten Dienste; aber dem Galgen und den alten Weibern ging er ängstlich aus dem Wege, und nie wieder hat er sich bei Nacht und Nebel auf ein verliebtes Abenteuer eingelassen.

Daraus können wir lernen, keine Katze im Sack zu kaufen und uns mit keiner Frau einzulassen, wenn wir nicht genau wissen, ob es Herbst oder Frühling bei ihr ist. Denn wenn wir auch nicht immer gehängt werden für einen solchen Irrtum, so können wir doch großen Verdruß davon haben.

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