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Die dreißig tolldreisten Geschichten ? Drittes Zehent

Honoré de Balzac: Die dreißig tolldreisten Geschichten ? Drittes Zehent - Kapitel 8
Quellenangabe
pfad/balzac/tolldr-3/tolldr-3.xml
typenarrative
authorHonoré de Balzac
booktitleDie dreißig tolldreisten Geschichten ? Zweiter Band
titleDie dreißig tolldreisten Geschichten ? Drittes Zehent
publisherGustav Kiepenheuer Verlag Leipzig und Weimar
printrunErste Auflage
illustratorGustave Doré
year1981
translatorBenno Rüttenauer
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20081105
modified20150212
projectid9a89b586
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III. Von dem furchtbaren Strafgericht, das über Berthe hereinbrach, ihre Sühne und ihr seliges Ende

Die Kammerzofe der Dame von Bastarnay, jetzt in ihrem fünfunddreißigsten Jahre, verliebte sich in einen der Kriegsleute ihres Herrn und war so einfältig, ihm zu erlauben, sich einige Brote zum voraus aus ihrem Backofen zu holen, infolgedessen sie eine natürliche innere Anschwellung davontrug, die man im Volksmund eine neunmonatige Hydropsie nennt. Dieses arme Weib flehte nun ihre Herrin an, sich doch bei dem gnädigen Herrn für sie zu verwenden, zu dem Zwecke, daß er den schlechten Menschen zwinge, vor dem Altar zu vollenden, was er im Bette angefangen hatte. Der Dame von Bastarnay fiel es leicht, ihr diese Gunst auszuwirken, und die Kammerzofe war sehr glücklich darüber.

Ließ also der alte Kriegsmann Bastarnay, der in diesen Dingen keinen Spaß verstand und barsch und harsch sein konnte wie der Kriegsgott selber, sich seinen Mann kommen, schalt ihn gehörig aus und stellte ihm kurzerhand die Wahl, ob er sich lieber mit der Jungfer Hänfin oder mit der Jungfer Zofe vermählen wolle, mit andern Worten: was er vorziehe, den Galgen oder das Joch der Ehe.

Der Soldat, der lieber seine Ruhe als seinen Kopf verlor, wählte von den beiden Übeln ohne Besinnen das letztere. Darauf ließ sich der Herr von Bastarnay auch das Weibsbild kommen, um ihr, weil er dies der Ehre seines Hauses schuldig zu sein glaubte, gründlich den Text zu lesen. Er tat dies mit soviel schmückenden Beiwörtern, mit soviel hochtönenden Tiraden, daß die arme Zofe fürchten mußte, nicht verheiratet, sondern für den Rest ihres Lebens in ein finsteres Kerkerloch geworfen zu werden; denn sie meinte nicht anders, als ihre Herrin wolle sich ihrer entledigen, um die Mitwisserin ihrer Geheimnisse auf diese Weise aus der Welt zu schaffen. Als nun der ungeleckte Affe ihr solche Reden an den Kopf warf, wie zum Beispiel: »Man wäre ein Narr, wenn man eine Hure im Hause behielte«, erwiderte sie dem Alten, »er sei allerdings ein Erznarr, da seine Frau schon seit langer Zeit zur Hure gemacht worden und noch dazu von einem Mönch, was für einen Kriegsmann die schlimmste wäre von allen Sorten Schande, die man sich erdenken kann«.

Nun stellt euch das furchtbarste Gewitter vor, das ihr je erlebt habt, und ihr bekommt ein schwaches Bild von dem rasenden Zorn des Greises, der sich an einer Stelle des Herzens verletzt fühlte, wo sein zartestes Leben seinen Sitz hatte. Er packte die Zofe an der Gurgel und wollte sie erwürgen. Das Mädchen aber, um sich zu verteidigen, nannte ihm das Wann, Wo und Wie und fügte hinzu, wenn er ihren Worten keinen Glauben schenken wolle, so solle er sich auf seine Ohren und Augen verlassen an dem Tage, an dem Herr Johannes, der Prior von Marmoustiers, zu Besuch aufs Schloß komme; dann werde er schon selber sehen, wie der Vater sich für die Entbehrung langer Monate tröste und seinen Sohn an dem einen Tag küsse und herze für ein ganzes Jahr.

Imbert befahl dem Weibe, sofort das Schloß zu verlassen; denn er würde sie ebenso sicher töten, wenn sie wahr gesprochen, als wenn sie eine Lüge erfunden hätte. Er schenkte ihr zu ihrem Manne noch hundert Gulden und befahl den beiden, sich unverweilt außer Landes zu machen. Der Sicherheit halber ließ er sie durch einen seiner Offiziere nach Burgund begleiten. Seiner Frau machte er die Mitteilung davon mit der Begründung, die Zofe sei ein schlechtes Mensch, weshalb er es für richtig erachtet, sie zu entlassen und aus seinem Hause hinauszuschmeißen. Er habe ihr aber zuvor hundert Gulden ausgezahlt und ihrem Kerl am Hof von Burgund eine Anstellung verschafft. Berthe war erstaunt, daß ihre Zofe schon das Schloß verlassen hatte, ohne von ihrer Herrin Urlaub genommen zu haben, aber sie sagte kein Wort darüber. Sie hatte jetzt schlimmere Sorgen und Befürchtungen, da sie merkte, daß ihr Gemahl plötzlich einen andern Ton anschlug und oft wie mit bittrem Scherz Vergleiche anstellte zwischen sich und seinen beiden Söhnen, wobei er in dem jüngeren, den er so liebte, in Kinn, Nase, Stirne oder sonst nicht das geringste von seinen eignen Zügen entdeckte.

»Er gleicht ganz mir«, sagte Berthe eines Tags, als er wieder einige Anzüglichkeiten hierüber fallenließ. »Wißt Ihr nicht, daß in den guten Ehen die Kinder abwechselnd dem Vater und der Mutter gleichen? Jedes kommt an die Reihe. Manchmal vermischt es sich auch, wie die Frau ihr eignes Blut mit dem des Manns vermischt. Auch sagen die Doktoren, daß es Kinder gibt, die keinem der beiden Eltern im geringsten nachschlagen, welche geheimnisvolle Sache eine Laune des lieben Gottes sei.«

»Ihr seid ja sehr gelehrt worden, mein Liebchen«, antwortete Bastarnay. »Ich für meinen Teil bin ganz unwissend, aber ich halte daran fest, daß, wenn ein Kind einem Mönch ähnlich sieht ...«

»So müßte es das Kind des Mönchs sein?« versetzte Berthe, indem sie ihrem Gatten furchtlos ins Gesicht schaute, trotzdem ihr Blut in den Adern zu Eis zu erstarren drohte.

Der gute Ehemann war schon fast überzeugt, einer verleumderischen Lüge zum Opfer gefallen zu sein. Er verfluchte heimlich die Zofe, versteifte sich aber nur noch hartnäckiger darauf, dem Geheimnis auf den Grund zu kommen.

Als der Tag, der dem Dominus Prior gehörte, nahe bevorstand, schrieb Berthe, ängstlich gemacht durch die Worte ihres Gemahls, dem Freunde einen Brief, worin sie ihn bat, er möge ihr die Liebe tun und dieses Jahr fernbleiben; den Grund dafür werde sie ihm später erklären. Darauf begab sie sich zur alten Fallotte, die den Brief überbringen sollte, und glaubte für diesmal der Gefahr glücklich vorgebeugt zu haben. Sie beglückwünschte sich um so mehr zu ihrem Schritt, als ihr Gemahl, der sonst um diese Zeit in die Provinz auf seine Güter zu reisen pflegte, sich nun unerwartet zu Hause hielt, indem er die Vorbereitungen zum Aufstand des Prinzen Ludwig gegen den König vorschützte, als welcher, wie jedermann weiß, an den Folgen der erneuten Empörung starb. Dieser Grund schien so glaubhaft, daß Berthe sich dabei beruhigte und sich still und abwartend verhielt. An dem bestimmten Tage kam der Prior wie sonst. Berthe, erbleichend, fragte, ob er ihre Botschaft nicht bekommen habe?

»Welche Botschaft?«

»So sind wir also verloren, alle drei, du, das Kind und ich.«

»Warum?« entgegnete der Prior.

»Ich weiß nur, daß unsre letzte Stunde heute gekommen ist.« Sie fragte ihren geliebten Sohn, wo der Herr von Bastarnay sich aufhalte, worauf der Knabe antwortete, daß sein Vater durch einen Eilboten nach Loches gerufen worden und erst zum Nachtmahl zurückkehren werde. Als Dominus Johannes dies hörte, bestand er darauf, der Bitten seiner Freundin nicht achtend, den Tag mit ihr und ihrem lieben Kinde zu verbringen. Nachdem nun seit der Geburt ihres Sohnes, so meinte er, zwölf Jahre ohne Unheil verflossen seien, könne ihnen keine Gefahr mehr drohen durch eine Zofe oder wen. Aber als Berthe ihm den Grund ihrer Befürchtungen auseinandergesetzt hatte, ward auch Johannes unruhig. Die beiden blieben wie immer zur Feier dieses Jahrtags die ganze Zeit auf Berthes Zimmer und nahmen früh das Mittagsmahl ein. Dom Johannes suchte Berthes Mut zu stärken und die Freundin zu beruhigen. Er verwies sie auf die großen Privilegien der Kirche. Der Herr von Bastarnay, sagte er, der jetzt ohnedies bei Hof nicht gut angeschrieben sei, werde sich hüten, an einen Würdenträger von Marmoustiers Hand anzulegen.

So setzten sie sich also zu Tisch, während der Knabe im Schloßhof einen jungen spanischen Hengst tummelte, ein Geschenk des Herzogs Karl von Burgund an den Herrn von Bastarnay, und sein lebhaftes Spiel nicht lassen wollte, trotz der wiederholten Bitten seiner Mutter. Und da die jungen Knaben sich gern groß machen und die Knappen sich gern als Ritter dünken, so wollte auch der Kleine dem Mönch zeigen, was er inzwischen gelernt hatte. Er ließ den Hengst die kühnsten Sprünge machen und blieb dabei so fest im Sattel sitzen wie der älteste Landsknecht.

»Laßt ihn gewähren, teure Freundin«, sagte der Mönch zu Berthe; »die unfolgsamen Kinder werden später starke Männer.«

Berthe aß wenig, so beklommen und eng war ihr ums Herz. Der Mönch aber, in allen Wissenschaften bewandert, fühlte schon beim ersten Bissen in seinem Magen ein eigentümliches Gefühl und in seinem Gaumen einen bittern Geschmack, was ihm sofort den Gedanken eingab, daß ihnen der Herr von Bastarnay das Mahl gewürzt habe. Leider hatte Berthe schon gegessen, als er dazu kam, seinen Verdacht auszusprechen. Er faßte das Tischtuch mitsamt den Schüsseln und warf die ganze Mahlzeit in den Kamin.

Berthe dankte der Heiligen Jungfrau, daß ihr Sohn so auf sein Spiel erpicht gewesen, und der Mönch, der sein altes Handwerk noch nicht verlernt hatte und den Kopf oben hielt, eilte in den Hof, riß seinen Sohn von dem Hengst herunter, gab dem Gaul die Sporen und raste mit solcher Schnelligkeit davon, daß ihr hättet glauben können, eine Sternschnuppe zu sehen. Bis aufs Blut spornte er seinen Hengst und erreichte in so kurzer Zeit, wie wenn der Teufel selber geritten, die Stadt Loches und das Haus der alten Fallotte. In zwei Worten teilte er ihr den Fall mit und bat sie um ein Gegengift, denn er fühlte, wie ihm die Würze des Ritters bereits in den Eingeweiden fraß.

»Ach«, rief die Hexe, »hätte ich gewußt, daß das Gift für Euch bestimmt gewesen, so hätte ich lieber den Dolch verschluckt, mit dem man meine Kehle bedrohte, und hätte mein armes Leben gelassen, um einen Mann Gottes zu retten und die süßeste Frau, die je auf dieser Erde geblüht hat; denn seht, mein Freund, ich habe nur noch dieses Restchen Gegengift in der Flasche.«

»Wird es hinreichen für sie?«

»Ja, aber eilt!« rief die Alte.

Der Mönch raste noch schneller zurück, als er gekommen. Im Schloßhof angekommen, brach der Hengst unter ihm zusammen. Er trat in Berthes Gemach, die ihre letzte Stunde gekommen glaubte und weinend ihr Kind liebkoste und küßte, das nun allein dem Grimme des Herrn von Bastarnay ausgeliefert war. Über der Vorstellung an dieses grausame Geschick vergaß die Arme ihre eignen Qualen.

»Nimm dies«, rief der Mönch; »ich selber bin gerettet.«

Dom Johannes hatte den Mut, diese Worte ohne Zucken einer Miene auszusprechen, trotzdem er die kalten Krallen des Tods schon in seinem Herzen spürte. Kaum hatte Berthe getrunken, als der Prior tot zu Boden fiel, nachdem er seinen Sohn geküßt und dabei seine Geliebte mit einem Blick umfaßte, der sich auch im Tod nicht zu verändern schien. Ihr Herz erstarrte bei diesem Anblick. Sie blieb unbeweglich vor dem Leichnam, der zu ihren Füßen ausgestreckt lag. Dann drückte sie ihrem weinenden Knaben die Hand, während ihr eignes Auge trocken blieb wie das Rote Meer, als die Israeliten unter der Führung ihres Herzogs Moses ihren Durchzug nahmen. Der armen Frau schien es, als ob sie anstatt Tränen heiße Sandkörner unter den Wimpern hätte. Betet für sie, barmherzige Seelen, keine Frau hat je so viel gelitten bei dem Gedanken, daß ihr Freund um ihretwillen in den Tod gegangen. Mit Hilfe ihres Sohns bahrte sie selber den Mönch in einem Bette auf und kniete mit dem Knaben, dem sie sagte, daß dies sein eigner Vater war, betend zu seinen Füßen nieder. So erwartete sie die schwere Stunde.

Diese ließ nicht auf sich warten. Gegen die elfte Stunde der Nacht kam Bastarnay zurück, und als er die Zugbrücke überschritten, sagte man ihm, daß der Mönch tot, die Herrin jedoch und ihr Sohn am Leben seien. Er sah seinen schönen Hengst am Boden liegen, und von einer wilden Wut gepackt, Mutter und Sohn dem Mönch nachzuschicken, sprang er die Stufen der Treppe mit einem Satze hinauf. Beim Anblick des Toten, für dessen Seele die beiden, ohne sich zu unterbrechen, Gebete murmelten, fand der Ritter nicht mehr den Mut, seinen blutigen Vorsatz auszuführen. Nachdem seine erste Wut verraucht war, wußte er nichts zu tun, als ratlos im Gemach auf und ab zu gehen. Es überkam ihn das Gefühl, als ob er der einzig Schuldige wäre, und er wurde ganz kleinlaut bei den unaufhörlich gebeteten Litaneien für die Seele des Mönchs.

Die Nacht ging in Tränen, Seufzern und Gebeten dahin. Auf Befehl der Herrin mußte ihre Zofe in der Stadt Loches ein Gewand, wie es die Edelfrauen auf der Reise tragen, und für ihren Sohn ein Pferd und ritterliche Waffen besorgen. Darüber verwunderte sich der Herr von Bastarnay nicht wenig. Er schickte nach seiner Frau und seinem Sohn, die ihm keine Antwort gaben, sondern sich stumm mit den von der Zofe gekauften Gewändern bekleideten. Nach Berthes Weisung mußte die Zofe über den ganzen Besitz ihrer Gebieterin, Kleider, Perlen, Diamanten und alles, Rechenschaft aufstellen und dem Gemahl hinterlegen wie bei feierlicher Verzichtleistung einer Witwe auf ihr Erbrecht. Um die Zeremonie vollkommen zu machen, wurde sogar auf Berthes Befehl der Inhalt ihrer Almosentasche dem übrigen hinzugefügt.

Das Gerücht über diese Vorbereitungen ging wie ein Lauffeuer durch das Schloß. Ein jeder sah, daß die edle Dame sie verlassen wolle, was alle Herzen zur Trauer stimmte; selbst ein kleiner Küchenjunge, der erst seit einer Woche im Schlosse weilte, weinte bitterlich, hatte ihm die Herrin doch auch schon ein gütiges Wort gesagt.

Entsetzt über diese Anstalten, begab sich Bastarnay in das Zimmer seiner Frau, wo er sie weinend über der Leiche ihres Freundes fand. Denn jetzt hatte sie ihre Tränen wiedergefunden. Als sie ihren Gemahl erblickte, trocknete sie ihre Augen. Auf seine Fragen antwortete sie kurz mit dem Geständnis ihrer Schuld. Sie erzählte ihm, wie sie sich hatte täuschen lassen; wie der arme Page sich habe töten wollen (hier zeigte sie die Wunde auf dessen Brust); wie seine Heilung lange gedauert; wie er sich dann aus Gehorsam gegen ihren Wunsch und aus reuiger Bußfertigkeit vor Gott und den Menschen in ein geistliches Gewand gehüllt, indem er, seine ritterliche Laufbahn verlassend, auf die Fortdauer seines Namens verzichtet, was gewiß eine härtere Buße sei als der Tod. Darum habe sie gedacht, Gott selber möchte dem Mönch nicht verweigert haben, seinen Sohn, für den er alles hingeopfert, einmal im Jahr zu sehen. Dann erklärte sie, daß sie nicht mit einem Mörder unter einem Dache wohnen könne und darum, nachdem sie sich all ihres Eigentums begeben, sein Haus verlassen werde; daß es nicht ihre, sondern seine Schuld sei, wenn die Ehre derer von Bastarnay einen Makel erlitten, da es ihre beste Absicht war, alles zum Guten zu führen; endlich, daß sie das Gelübde getan, mit ihrem Sohn über Täler und Berge zu pilgern, bis all ihre Schuld vollkommen getilgt wäre. Sie hatte aber ihre eignen geheimen Gedanken darüber, wie sie ihre Sühne zu erlangen und Genugtuung zu leisten hoffte.

Nachdem sie mit einem edlen Ausdruck in ihrem bleichen Gesichte diese schönen Worte gesprochen, nahm sie ihren Sohn bei der Hand, und schöner und stolzer in ihrem Schmerz als die Dame Hagar beim Abschied vom Patriarchen Abraham, verließ sie das Schloß, also daß bei ihrem Anblick alles mit gefalteten Händen in die Knie fiel, wie wenn es Unsre Liebe Frau selber gewesen wäre. Es war ein Anblick zum Erbarmen, wie der alte Herr von Bastarnay, der Größe seiner Schuld bewußt, ihr kläglich und unter Tränen folgte, wie ein Verbrecher, der zum Schafott geführt werden soll.

Berthe hörte nicht auf ihn. In der allgemeinen Ratlosigkeit war vergessen worden, die Hängebrücke aufzuziehen, so sehr hatte alles den Kopf verloren, und in Angst, daß man das Versäumte nachholen könne, überschritt die Schloßherrin in fast hastiger Eile den luftigen Steg. Am Rand des Burggrabens setzte sie sich nieder, angesichts der ganzen Einwohnerschaft des Schlosses, die sie alle unter Tränen anflehten, zu bleiben. Der arme Herr von Bastarnay stand da, die Hand auf der Kette der Zugbrücke, stumm und starr wie einer der steinernen Heiligen am Portal der Burgkapelle; er sah, wie Berthe ihrem Sohn befahl, den Staub von seinen Schuhen zu schütteln, damit er nichts von denen von Bastarnay mit sich trage, und wie sie selber seinem Beispiel folgte. Dann zeigte sie mit einer langsamen Bewegung ihrer Hand auf den Grafen und sprach also:

»Mein Kind, sieh hier den Mörder deines Vaters, als welches der arme Prior war, wie du weißt; du hast bis jetzt den Namen jenes Mannes dort getragen, du wirst ihn zurückgeben, gleichwie du hier den Staub des Schlosses von deinen Schuhen schüttelst. Was du an Nahrung und Kleidung dem Grafen schuldig geworden bist, diese Rechnung auszugleichen werden wir mit Gottes Hilfe Mittel und Wege finden.«

Bei diesen feierlichen Worten ward der alte Herr so erschüttert, daß er seiner Frau ein ganzes Kloster von Mönchen geschenkt haben würde, nur um nicht von ihr und ihrem jungen Sohne, der der Stolz seines Hauses war, verlassen zu werden.

»Bist du nun zufrieden, Teufel?« rief Berthe, die trotz dieser Anrufung nicht ahnte, welche wichtige Rolle der Herr Satan in der ganzen Angelegenheit gespielt hatte. »So will ich jetzt auf den Beistand Gottes, der Heiligen und Erzengel hoffen, zu denen ich so inbrünstig gebetet habe.«

Berthes Herz wurde plötzlich wunderbar getröstet, da gerade jetzt mit wehenden Fahnen an der Biegung eines fernen Feldwegs ein langer Zug der Brüder vom Kloster von Marmoustiers erschien, deren geistliche Lieder ihr wie himmlische Gesänge im Ohr klangen. Die Mönche, von dem Mord ihres vielgeliebten Priors unterrichtet, kamen, begleitet von der kirchlichen Justiz, um seinen Körper in feierlicher Prozession nach ihrem Kloster zu geleiten. Als der Herr von Bastarnay dies sah, fand er gerade noch Zeit, mit seinem Kriegsvolk abzuziehen, um alles hinter sich im Stiche zu lassen und sich zu seinem Herrn, dem Kronprinzen Ludwig, zu schlagen.

Die arme Berthe, hinter ihrem Sohne im Sattel sitzend, begab sich zunächst nach Schloß Montbazon, um ihrem Vater Lebewohl zu sagen. Sie erklärte ihm, daß sie sterben wolle an ihrem Kummer, und alle Tröstungen der Verwandten waren nicht imstande, ihrem Herzen den Frieden zu geben. Der alte Herr von Rohan schenkte seinem Enkel eine schöne Rüstung mit den Worten, daß er durch seinen Mut und ruhmreiche Taten die Schuld der Mutter zu ewigem Ruhme wandeln solle. Berthe selber hatte keinen andern Gedanken in das Herz ihres Sohns gepflanzt, als das Übel wiedergutzumachen und dadurch sie und den Prior von der ewigen Verdammung zu retten.

Beide, Mutter und Sohn, machten sich nun nach der Gegend auf, wo die Rebellion des Thronfolgers wider seinen Vater ihren Kriegsschauplatz hatte, ob sich vielleicht dort Gelegenheit böte, daß sie dem Herrn von Bastarnay einen Dienst leisteten, dem er sein Leben, ja viel mehr als sein Leben zu verdanken haben würde.

Die Flammen der Empörung hatten, wie man weiß, außer andern Orten besonders die Umgebung von Bordeaux und die Provinz Angoulême ergriffen, wo große Schlachten zwischen den Empörern und der königlichen Truppenmacht bevorstanden.

Die Hauptschlacht, die den Krieg beendete, fand zwischen Ruffec und Angoulême statt, woselbst auch die Gefangenen gerichtet und gehängt wurden. Diese Schlacht, die der alte Bastarnay anführte, fiel in den November, ungefähr sieben Monate nach der Ermordung des Priors Dominus Johannes. Der Graf wußte nur zu gut, daß er als erster Ratgeber des aufrührerischen Prinzen auf der Liste derer stand, die zum Tod durch das Schwert verurteilt waren.

Es geschah nun, daß er sich plötzlich in einigem Abstand von den Seinigen von sechs Bewaffneten umringt sah, die ihn zu ergreifen suchten. Er konnte nicht zweifeln, daß man ihn lebend fangen wolle, um ihm den Prozeß zu machen, seine Güter einzuziehen und seinen Namen für immer auszulöschen aus dem Buch des Adels. Der edle Herr wollte aber lieber auf dem Schlachtfeld sterben, um seinen Namen zu retten und seinem Sohne die Herrschaft zu erhalten. Er verteidigte sich mit der Tapferkeit eines Löwen. Ungeachtet ihrer Überzahl mußten die Soldaten, als sie drei ihrer Leute fallen sahen, Bastarnay härter angehen, und nachdem sie seine zwei Knappen und einen Schildträger niedergestreckt hatten, warfen sie sich, auf die Gefahr hin, ihn zu töten, allesamt auf die Person des Grafen. In dieser äußersten Gefahr stürzte sich ein Knappe mit den Farben derer von Rohan wie ein Blitz auf die Angreifenden, und mit dem Rufe: »Gott schütze die Bastarnay!« tötete er ihrer zwei. Dem dritten, der den Grafen schon gefaßt hatte, versetzte er einen so wohlgezielten Stoß, daß er sein Opfer freigeben und sich gegen den neuen Angreifer wenden mußte, dem er, der schützenden Halsberge zum Trotz, seinen Dolch in die Gurgel stach. Bastarnay war ein zu ritterlicher Mann, als daß er geflohen wäre, ohne dem Befreier seines Hauses, den er erschlagen am Boden sah, zu Hilfe zu kommen. Mit einem kräftigen Hieb stieß er den Landsknecht zur Seite, hob den Knappen quer auf sein Pferd und gewann das freie Feld, wo er von einem unbekannten Führer zu dem Schloß von Rochefoucauld geleitet wurde.

Dort langte er mitten in der Nacht an und fand in der großen Halle Berthe von Rohan, die ihm diese Zuflucht bereitet hatte. Als er seinem Retter den Panzer löste, erkannte er den Sohn des Priors, der seinen letzten Seufzer aushauchte, indem er mit Anstrengung zum letztenmal seine Mutter küßte mit dem Ausruf: »Mutter, unsre Schuld ist bezahlt.«

Als Berthe diese Worte hörte, preßte sie den Körper des Kindes ihrer Liebe ans Herz und verband sich so auf ewig mit ihm, da sie in demselben Augenblicke tot mit dem toten Sohne zusammenbrach, ohne Bastarnays Verzeihung und Reue abzuwarten.

Dieses erschütternde Erlebnis beschleunigte sehr den Tod des armen Edelmanns, der den Tag der Krönung unsers Königs Ludwig des Elften nicht mehr erlebte. Er stiftete eine tägliche Messe in der Kirche von La Rochefoucauld, wo er Mutter und Sohn in einem Grab bestatten und einen Stein setzen ließ, worauf in lateinischer Schrift viel Rühmliches über ihr Leben zu lesen ist.

Die verschiedene Moral, die ein jeder beim Lesen dieser Historie sich selber aus den Fingern saugen kann, sind höchst nützliche Lebensweisheiten, da wir daraus lernen, daß ein Edelmann wohl daran tut, gegen die Geliebten seiner Frau immer fein höflich zu bleiben. Außerdem lehrt uns diese Geschichte, daß die Kinder ein Geschenk Gottes sind, also daß weder der falsche noch der wahre Vater ein Recht auf ihr Leben hat, wenn auch ein verabscheuungswürdiges heidnisches Gesetz im alten Rom das Gegenteil davon aussprach, was aber für uns Christen, die wir alle Kinder Gottes sind, nicht gelten kann.

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