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Die dreißig tolldreisten Geschichten ? Drittes Zehent

Honoré de Balzac: Die dreißig tolldreisten Geschichten ? Drittes Zehent - Kapitel 4
Quellenangabe
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typenarrative
authorHonoré de Balzac
booktitleDie dreißig tolldreisten Geschichten ? Zweiter Band
titleDie dreißig tolldreisten Geschichten ? Drittes Zehent
publisherGustav Kiepenheuer Verlag Leipzig und Weimar
printrunErste Auflage
illustratorGustave Doré
year1981
translatorBenno Rüttenauer
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20081105
modified20150212
projectid9a89b586
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Von einem Justizerich, der kein Gedächtnis hatte für das ›Ding an sich‹

Zur Zeit, als unser Herr und König in der guten Stadt Bourges vergnüglich hofhielt und dann auf einmal das lustige Leben ließ, um sein Königreich zu erobern, das er auch in der Tat eroberte, gab es in dieser Stadt einen Polizeimeister, der im Auftrag des Königs für Ordnung sorgte und den man darum den Profos des Königs nannte. Das ist der Ursprung dieses Amts, welches unter dem glorreichen Sohn des genannten Königs zu einer traurigen Berühmtheit gelangt ist durch die Taten des edlen Herrn von Meré, genannt Tristan, der, wiewohl er gar zuwenig Spaß verstand und bei Gott wenig lustig war, in diesen lustigen Geschichten wiederholt vorgekommen ist. Dies sage ich jenen Freunden und Bücherwürmern, die immer mit ihrer Nase in alten Scharteken herumstochern und im Staub modriger Aktenstöße und stinkender Registraturen wühlen, um ihnen zu zeigen, daß mehr Gelehrsamkeit in meinen Geschichten steckt, als es den Anschein hat. Kommen wir zur Sache.

Ich habe von dem ersten königlichen Profosen gesprochen. Er wurde gemeinhin Schabe oder Schaber genannt, wovon abgeschabt, schäbig, Schabernack und andres abgeleitet wird; andre nannten ihn auch Schamer oder Schamel, was mit Scham zusammenhängt und wovon Schähmel und schämig herkommt; wieder andre, wie die Sueven, hießen ihn Schamle oder Schelmle, und davon kann nichts Rares abgeleitet werden; von noch andern, wie von denen des bieruvarischen Dialekts, wurde er Schamperl, Schlamperl oder Schlampamperl genannt. Die Leute der guten Stadt Bourges nannten ihn kurzweg Lampel, und das ist nach und nach der Name der Familie geworden, die so fruchtbar war und sich fortgepflanzt hat, dergestalt, daß man die Lampelmänner oder Hampelmänner jetzt überall antreffen kann. Und also sei er Lampel genannt auch in dieser Geschichte. Ich habe aber diese gelehrten Etymologien darum hier angebracht, einmal, um auch mein Scherflein zu der beliebten neueren Sprachwissenschaft beizutragen, und dann, um euch einen Wink zu geben, wie die Bürger und andre zu ihren schönen Namen gekommen sind. Doch genug jetzt der Wissenschaft.

Der genannte Profos, der so viele Namen hatte, als es Provinzen gab, wo der König hofhielt, war nach seiner wahren Natur ein rechter Embryo von einem Mensch, den seine Mutter ein wenig allzu nachlässig ausgebrütet hatte. Wenn er zum Beispiel zu lachen meinte, verzog sich bei ihm derart das Maul, wie man es bei einer Kuh sehen kann, die sich anschickt, das Wasser zu lassen. Sein Lachen war am Hof sprichwörtlich geworden, man nannte es ein profosliches Lachen. Als das Wort eines Tags dem König zu Ohren kam, sagte er scherzend: »Ihr irrt, meine Herren, Lampel lacht überhaupt nicht, es fehlt ihm nur das Leder an der Unterlippe.«

Aber trotz seines Lachens, das kein Lachen war, hatte Lampel alle Eigenschaften, die man von einem Polizeimenschen verlangen kann, der ebensoviel Eifer haben muß, das Unkraut auszujäten, als der Teufel Eifer hat, es zu säen. Man kann also nicht sagen, daß er das königliche Kostgeld nicht verdiente. All sein Witz bestand darin, daß er ein wenig Hahnrei war; all seine Ausschweifung, daß er in die Vesper ging; all seine Weisheit, daß er Gott gehorchte, wenn er konnte; all seine Freude, daß er eine Frau im Hause hatte, und all seine Ablenkung von dieser Freude darin, einen Menschen aufzustöbern, den er hängen könnte, wenn ein Gehängter von ihm verlangt wurde, und wonach er, da er geschickt war, nie lange zu suchen brauchte. Während er jedoch schlief, kümmerte er sich den Teufel um die Spitzbuben. Kurz, ich zweifle, daß ihr in der ganzen justifizierten Christenheit einen vollkommneren Profosen finden könntet. Alle hängen entweder zuviel oder zuwenig, während dieser gerade so viel hängte, als eben ein Profos hängen muß, um noch Profos zu sein.

Dieser Lampel hatte zur rechtmäßigen Ehefrau eine der schönsten Bürgerstöchter von Bourges, worüber nicht nur alle Welt, sondern auch er selber sich nicht genug verwundern konnte. Jeden Tag, wenn er sein Haus verließ, um seinem hängerlichen oder henkerlichen Amte obzuliegen, legte er im geheimen seines Herzens dem lieben Gott die Frage vor, die manch einer aus der Stadt dem lieben Gott auch schon vorgelegt hatte, nämlich: warum gerade er, der Justizrat Lampel, der königliche Profos und Hängemeister, ein so gelecktes und geschlecktes Weibchen für sich habe, ein so leckeres und schleckeres Weibchen, daß ein Esel vor Behagen wieherte, wenn sie vorüberging. Der liebe Gott antwortete ihm nichts auf seine Frage, er wird wohl seine Gründe dafür gehabt haben.

Statt seiner antworteten um so eifriger die bösen Zungen der Stadt. Die einen behaupteten, es habe dem guten Weiblein nur eine Spanne an ihrer Jungfrauschaft gefehlt, als der Justizerich sie zur Frau genommen. Andre behaupteten, daß er sie nicht für sich allein habe. Wieder andre, die Schälke, hatten das Sprichwort zur Hand, daß ein Esel auch einmal einen hübschen Stall findet. Also hatte jeder seine Hohnrede, und wer sich die Mühe gemacht hätte, sie aufzulesen, würde keinen kleinen Sack voll zusammenbekommen haben. Man mußte aber fast vier Viertel davon abziehen, denn die Lampeline war eine durchaus tugendhafte Bürgerin, die aus Pflicht ihren Mann und aus Liebe nur einen einzigen andern liebte. Und nun geht doch einmal und sucht mir durch die ganze Stadt ein Weibsen, das sich eine solche Beschränkung auferlegte. Einen Kreuzer gebe ich euch oder einen Schneuzer, wie ihr wollt, wenn ihr mir eine findet. Ihr werdet wohl etwelche antreffen, die weder einen Mann noch einen Geliebten haben. Andre haben einen Geliebten, aber keinen Mann. Gewisse Vogelscheuchen haben wohl einen Mann, aber keinen Geliebten. Aber wahrlich, um eine Frau anzutreffen, die einen Mann und nur einen einzigen Geliebten hat und die, wenn sie einmal A gesagt hat, nicht auch B und C sagt und sich so weiter ins Alphabet hineinbuchstabiert, da könnt ihr weit gehen; denn so etwas ist ein wahres Wunder, begreift ihr das, ihr Schwachköpfe, ihr Gelbschnäbel, ihr Hanswürste? Also schreibt euch, wenn ihr eurem Gedächtnis nicht traut, die Lampeline in euren Kalender ein und geht eures Wegs. Ich kehre auf den meinigen zurück.

Die gute Lampeline gehörte keineswegs zu jenen, die immer unterwegs sein müssen, gehörte nicht zu jenen flatterhaften, schnatterhaften und gevatterhaften Wesen, nicht zu jenen weiblichen Sausewinden und Brausewinden, die mit lautem Getue hinter jeder Narrheit und Verrücktheit her sind, die keine Ruhe geben und jeder Windbeutelei nachjagen, als wenn es die Quintessenz des Lebens wäre. Sie war im Gegenteil eine gute und vernünftige Hausfrau, immer an ihrem Platz, in Küche, Stube oder Bett, immer bereit wie ein Leuchter, bereit für den Geliebten, während der Profos hängte, und bereit für den Profosen, nachdem der Geliebte weggegangen war. Dieses kluge Weibchen vermied es, vor den andern ein Rad zu schlagen, daß sie kollerten. Sie wußte die schöne Zeit ihrer Jugend nützlicher zu verwenden; sie wußte, was sie wollte, und kam damit weiter als die andern.

Ihr kennt nun also den Profos und die Profosin. Was aber den Adjunkten des Meisters Lampel betrifft, nicht den Adjunkten seiner schmählichen, id est henkerlichen, sondern ehelichen Obliegenheiten (als welche ein einzelner Mann ohne Adjunkt unmöglich versehen kann), so war dies ein großer Grundherr der Provinz, den der König haßte; merket dies wohl, denn es ist ein wichtiger Punkt in der Geschichte. Und nun gebt acht, nun rede ich euch vom königlichen Feldzeugmeister.

Der war ein Schotte und wilder Gesell. Er sah einmal aus Zufall die Lampeline, und sie sehen und sie haben wollen war eins. Sie haben zu wollen, nicht gerade für immer, aber so einmal für die Zeit, um einen Rosenkranz zu beten, und das war doch gewiß ein christliches Begehren oder ein begehrliches Christentum, wie ihr wollt. Er beabsichtigte freilich nicht, gerade einen Rosenkranz mit ihr zu beten; was er vielmehr suchte, war eine gründliche Unterredung mit ihr über das weibliche ›Ding an sich‹ der Philosophie oder über die weibliche Philosophie des Dings an sich. Aber die Profosin, die, wie oben bemerkt, eine gesetzte und gesittete Hausfrau war, hatte an ihrer eigenen Philosophie gerade genug und war nicht im geringsten neugierig auf die des Herrn Feldzeugmeisters. Dieser aber, der bald erkannte, daß all sein Geplänkel, all sein Getue und Geschmuhe mit dem schönen Luderchen zu nichts führte und auch den Grund davon erriet, wettete seine große schwarze Coquedulle, daß er dem Geliebten der Profosin seinen Degen in den Leib rennen wolle, und wenn er auch ein Mann von Gewicht sein sollte. Doch schwur er nichts in Sachen der Frau, womit er sich als guter Franzose auswies; denn man kennt Leute, rüde Gesellen, die bei solcher Gelegenheit alles kurz und klein schlagen und von drei Personen am liebsten vier umbringen möchten.

Wettete also der Herr Feldzeugmeister vor dem König und der Dame von Sorel, die vor dem Abendessen ein Spielchen zusammen machten, seine große schwarze Coquedulle, daß er seinen Nebenbuhler umbringen werde, was sich ihm auch in den Weg stelle, dessen der Herr König sehr zufrieden war, der sich auf diese Weise eines verhaßten Menschen entledigte, ohne daß es ihm ein Paternoster kostete.

»Und wie gedenkt Ihr die Sache auszuführen?« sprach mit schelmischer Miene die schöne Agnes von Sorel.

»Ihr werdet mir glauben, schöne Frau, daß ich meine große schwarze Coquedulle nicht verlieren will ...«

Was war aber das, die große schwarze Coquedulle? Oder vielmehr, was hat man in jener Zeit darunter verstanden? Wahrlich, ein dunkles und schwieriges Problem. Und ihr könntet euch in alten Schmökern und Scharteken die Augen aus dem Kopf lesen und es doch nicht lösen. Jedenfalls war es eine hochwichtige Sache.

Nun denn, setzen wir einmal die Brille auf die Nase und suchen wir. ›Dulle‹ bedeutet im Kleinbritannischen ein Mädchen, und ›coque‹ vom küchenlateinischen ›coquus‹ abgeleitet, bedeutet soviel als ein Schwanzhaar. Davon kommt das französische Wort ›cocquin‹, was auf deutsch soviel heißt als ein ›Spitzbub‹ oder ›Lumpensäckel‹, nämlich ein Kerl, der voll ist von Spitzbübereien, Lumpereien und Nichtsnutzereien, auch soviel wie ›Luder‹ oder ›Galgenstrick‹, worunter man einen verstehen mag, der nichts anderes tut als Fressen, Saufen, Würfeln, Huren und in den Zwischenpausen nichts anderes als Huren, Würfeln, Saufen, Fressen, dabei immer lumpiger und lausiger wird, bis er zuletzt stiehlt und sogar bettelt, am Ende aber mit Fräulein Hänfin Hochzeit macht. Aus alledem geht einigermaßen hervor und wird auch sonst von Gelehrten bestätigt, daß die große Coquedulle ein Hausgerät und Werkzeug war, womit man die Weibsen frisierte.

»Wie ich also die Sache auszuführen gedenke, schöne Frau?« nahm von neuem Lord Richmond, der Feldzeugmeister, das Wort. »Ich werde diesem Justizerich sagen, ein wenig im Dienste des Königs bei Tag und auch bei Nacht auf den Dörfern umherzustreifen, wo einige Bauern im Verdacht stehen, den Engländern allerlei Spionendienste zu leisten. Werden alsdann meine Taube und mein Täuberich sich um so sicherer glauben und über ihrem Geschnäbel nicht nur den Profosen, sondern Gott und den König selber vergessen. Im Namen des Königs schicke ich darauf den Profosen an den Ort, wo er die beiden zusammen finden und nicht versäumen wird, unsern Freund zu töten, der den Anspruch erhebt, den guten Kapuziner für sich allein zu haben.«

»Den Kapuziner?« fragte Frau Agnes; »was ist das?«

»Ratet!« antwortete der König lächelnd.

»Kommen wir zu Tisch, meine Herren«, erwiderte die Dame Sorel, »ihr seid mir zu boshaft. Ihr beschimpft in einem Zug die Bürgerlichen und die Klösterlichen.«

Schon lange hatte sich die Lampeline darauf gefreut, einmal in den Palast ihres Kavaliers zu kommen, wo sie sich eine lustigere und freiere Nacht versprach als zu Hause und wo man sich keinen Zwang aufzuerlegen brauchte, vor Angst, die Nachbarn zu wecken, während sie in der Wohnung ihres Mannes das leiseste Geräusch vermeiden und sich mit kleinen, flüchtigen und oberflächlichen Näschereien begnügen mußte. Sie wünschte sich einmal etwas andres als die schüchternen, nüchternen, verstohlenen Tänzchen unter Hangen und Bangen, unter Zittern und Zagen. Sie wollte auch einmal den Galopp und Kehraus der Liebe tanzen. So ein rechter Schuhplattler wäre einmal nach ihrem Herzen gewesen. Sah man darum alsbald ihr Zöfchen unterwegs nach dem Palast des Grafen (von dem sie nie mit leeren Händen wegging und den sie darum keineswegs haßte), um die glückliche Abwesenheit des Profosen zu vermelden, damit er die nötigen Vorbereitungen treffe, seine Geliebte für den Abend zu empfangen, die nicht verfehlen werde, einen guten Hunger und Durst mitzubringen, zur Abendmahlzeit wie zu allem andern.

Unterdessen spionierten auch die Pagen des verdammten Feldzeugmeisters um den Palast herum und konnten bald ihrem Herrn melden, wie der Galan sich bereits geschniegelt und gestriegelt in Bereitschaft halte und alles sich nach Wunsch füge. Dieser rieb sich schon die Hände vor Vergnügen, indem er sich in der Phantasie den Stoß vorstellte, den der Justizerich führen werde.

Er schickte sofort einen reitenden Kurier zu dem Profosen mit dem Befehl des Königs, unverzüglich in die Stadt zurückzukommen, um im Palast des genannten Herrn Grafen einen englischen Lord aufzuheben, der sehr im Verdacht stehe, ein schwarzes Komplott wider den König zu spinnen. Bevor er sich aber an Ort und Stelle begab, sollte der Profos vor dem König erscheinen, um mit ihm die nötigen Vorsichtsmaßregeln in dieser heiklen Sache zu beraten.

Der gute Lampel war stolz wie ein König in dem Gedanken, mit dem König sprechen zu dürfen. Er machte sich in höchster Eile auf den Weg und kam in die Stadt genau zur Stunde, als die Geliebten gerade zum erstenmal zur Vesper läuteten. Der König im Lande Hahnreiingen und Umgegend, einer vom Geschlecht der Koboldinger, fügte es so, daß die Lampeline zur selben Zeit mit dem Geliebten über die beste Methode, den Backofen zu heizen, beratschlagte, während ihr Mann mit dem Feldzeugmeister und dem König unterhandelte, was ihm ein großes Vergnügen war wie auch seiner Frau, ein seltener Fall in der Ehe.

»Ich sagte eben zu Ihrer Majestät«, sprach der Feldzeugmeister zu dem eintretenden Profosen, »daß innerhalb des Königreichs jedermann das Recht hat, seine Frau und ihren Geliebten zu töten, wenn er sie auf frischer Tat ertappt; aber unser königlicher Herr, der die Gnade in Person ist, hat mir erwidert, daß es nur erlaubt sei, den Kavalier zu töten. Was würdet denn Ihr tun, mein guter Profos, wenn Ihr einem Edelmann begegnetet, lustwandelnd in dem Gärtlein, dessen Blumen zu begießen und zu pflegen nach menschlichem und göttlichem Recht nur Euch allein zusteht?«

»Tausend Teufel noch einmal«, sprach der Profos, »ich würde alles umbringen, ich würde alles kurz und klein schlagen, Frucht und Blüte, Halm und Korn, Kind und Kegel, den Garten und die Blumen, die Frau und den Ritter.«

»Ihr tätet unrecht«, antwortete ihm der König. »So zu handeln ist wider die Gesetze der Kirche wie die des Königreichs. Denn Ihr würdet damit das unschuldige Ungeborene ohne Taufe in die Vorhölle schicken.«

»Majestät, ich bewundere die Tiefe Eurer Weisheit. Und wohl sehe ich nun, daß Ihr der Hort seid aller Gerechtigkeit.«

»Wir können also nur den Kavalier umbringen, Amen!« sprach der Feldzeugmeister. »Tötet den Reiter, für den weißen Zelter wäre es schade. Aber nun begebt Euch unverweilt nach dem Schloß des Grafen und habt wohl acht, daß man Euch keinen Bären aufbinde, laßt Euch nicht einschüchtern, verliert aber auch keinen Augenblick die Rücksicht aus dem Auge, die sein Stand und Name erheischen.«

Und der Profos, nicht zweifelnd, zum Kanzler von Frankreich erhoben zu werden, wenn er seinen Auftrag geschickt ausführte, eilt nach dem gräflichen Palast, besetzt alle Türen und Ausgänge mit seinen Bütteln und Sergeanten, verschafft sich leise Einlaß im Namen des Königs, erklimmt die Treppen, läßt die Dienerschaft verhaften, die er nach dem Aufenthalt ihres Herrn befragt, und klopft endlich an die Türe des Gemachs, wo der Graf und sein Schätzchen sich in jenem Kampfspiel übten, dessen Waffen euch bekannt sind.

»Öffnet«, ruft er, »im Namen des Königs, unsres Herrn!«

Die Lampeline erkannte die Stimme ihres Mannes und mußte bei sich lächeln, indem sie dachte, daß sie nicht den Befehl des Königs abgewartet hatte, zu tun, was sie gerade tat. Aber nach dem Lachen befiel sie Angst und Schrecken. Der Graf aber hüllt sich in seinen Mantel und nähert sich der Türe. Da er nicht sicher ist, worum es sich handelt und ob es nicht um sein Leben gehe, ruft er hinaus, daß er ein Freund Seiner Majestät sei, zu dessen Haus und Dienst er gehöre.

»Ganz gleich«, ruft der Profos; »ich habe ausdrücklichen königlichen Befehl, daß Ihr mir augenblicklich öffnet, wenn Ihr nicht für einen Rebellen gehalten sein wollt.«

Blieb dem Grafen nichts andres übrig, als die Tür aufzuschließen.

»Was sucht Ihr hier?«

»Einen Feind des Königs, unsres Herrn, und wir befehlen Euch, ihn uns auszuliefern oder in Gefangenschaft mit ihm uns auf das Schloß zu folgen.«

›Oho‹, dachte der gute Graf, ›daran erkenne ich den verfluchten Schotten, der mir einen Streich spielen will, weil sich meine Geliebte ihm versagt hat. Nun heißt es, sich mit List aus der Schlinge ziehen.‹ Und er entschloß sich zu einem äußersten Wagnis.

»Mein Freund«, sagte er zu dem guten Lampel, »ich bin überzeugt, daß Ihr ein Kavalier seid, sosehr es nur ein Profos in seinem Amte sein kann. Ich darf Euch also ein Geheimnis anvertrauen. Wisset denn, daß ich da drin die schönste Dame des Hofes bei mir habe. Was aber die Engländer betrifft, von dieser Fleischsorte habe ich nicht so viel in meinem ganzen Palast, um dem Herrn Mylord Richmond, von dem Ihr geschickt seid, ein Frühstück davon zu machen. Die ganze Angelegenheit – um Euch nichts zu verschweigen – beruht auf einer Wette zwischen mir und dem Herrn Feldzeugmeister, von dessen Partie auch der König ist. Die beiden haben nämlich gewettet, den Namen meiner Geliebten zu erfahren, und ich habe dagegen gewettet. Niemand kann die Engländer mehr hassen als ich, dem sie alle seine Besitzungen in der Pikardie weggenommen haben. Und sagt, ist es nicht eine Verräterei, daß man wegen einer lumpigen Wette die hohe Polizei in Bewegung setzt? Aber wartet nur, mein Herr Feldzeugmeister, Ihr sollt sehen, daß Euch ein Kammerherr gewachsen ist! Ich will Euch schön heimleuchten. Und nun hört mich, mein lieber Lampel. Ich stelle es Euch frei, diese Nacht und auch noch den ganzen Tag alle Winkel und Ecken meines Palastes zu durchstöbern; nur bitte ich mir aus, daß keiner Eurer Schergen mein Schlafzimmer betrete. Dieses Gemach mögt Ihr in Person inspizieren. Ihr könnt im Bett und unter dem Bett suchen, Ihr könnt alles durchwühlen, was Ihr nur wollt, nur verstattet mir die Gunst, daß ich zuvor die schöne Dame, die wie ein Erzengel gekleidet ist, mit einem Tuch oder Fazenettlein bedecke, damit es Euch ein Geheimnis bleibe, was für einem Herrn Gemahl sie angehört.«

»Gern!« antwortete der Profos. »Aber wisset, ich bin ein alter Fuchs, der sich nicht ohne weiteres den Schwanz aufheben läßt, und ich will meiner Sache sicher sein, ob die Person auch wirklich eine Dame vom Hofe ist und nicht etwa doch einer von den Engländern, die eine weiße und zarte Haut haben fast wie die Weibsen, was ich wissen muß, schon von Amts wegen, denn ich habe mehr als einen aufgehängt.«

»Nun denn«, sprach der Graf, »mit Rücksicht auf das Verbrechen, dessen man mich boshafterweise beschuldigt und wovon ich mich rein waschen muß, will ich die Dame bitten, daß sie einwillige, die Schamhaftigkeit einen Augenblick beiseite zu setzen; sie liebt mich zu sehr, als daß sie nicht alles täte, um mich von dem schmählichen Verdacht zu reinigen. Ich will ihr sagen, daß sie sich umdrehe und Euch eine Physiognomie zeige, die Euch nicht mehr verrät, als notwendig ist, ohne Euch im Zweifel darüber zu lassen, daß es sich um eine vornehme Dame handelt, wenn Ihr auch nur ihren Hintern seht.«

»Gut«, sagte der Profos.

Dieses Gespräch hatte die Dame drinnen wohl erlauscht. Sie versteckte sorgfältig ihre Kleider unter das Kopfkissen, das Hemd mit eingerechnet, dessen Korn der Mann leicht erkannt hätte, umwickelte ihren Kopf mit einem Bettuch und zeigte der Zimmerdecke jene üppige Fleischlichkeit, die durch die Wirbelsäule so kokett in zwei Hälften geteilt ist.

»Tretet ein, mein guter Freund«, rief der Graf.

Der Justizerich schaute in den Kamin, öffnete Schränke und Truhen, leuchtete unter das Bett, kurz, durchsuchte jeden Winkel des Zimmers und machte sich endlich daran, den Bettgast selber zu beaugenscheinigen.

»Verzeiht, hoher Herr«, sagte er nach einer genauen Inspektion der ihm legitim zugehörenden liegenden Güter, »verzeiht, ich habe einige junge Engländer gehängt, die in dieser Gegend ein ganz ähnliches Gesicht hatten. Ihr müßt mir schon erlauben, daß ich meines Amtes walte und auch die Kehrseite der Medaille prüfe.«

»Was nennt Ihr die Kehrseite?« fragte der Graf.

»Herr«, antwortete Lampel, »die andere Seite. Kurz, die Seite, die bei der Umkehrung herauskommt.«

»So wollet gütigst erlauben, daß die gnädige Frau sich bedecke und Euch nur so viel zeige, als eben nötig ist«, sagte der Graf, der wohl wußte, daß die Bürgerin einige Leberflecke hatte, an denen sie der Ehemann erkennen konnte. »Und«, fuhr er fort, »dreht Euch ein wenig auf die Seite, der Schicklichkeit halber.«

Das liebe Weibsen lächelte ihrem Freund dankbar zu, küßte ihn verstohlen für seine Besonnenheit und tat, was zu tun war, also daß der Mann, nachdem er sich umgedreht hatte, das zum erstenmal sah, was sie ihn nie hatte sehen lassen und was ihn gründlich überzeugen mußte, daß kein Engländer in dieser Frau stak, es sei denn, daß es einer war, der sich in eine hübsche Engländerin verwandeln konnte.

»Es ist wahrhaftig eine Dame vom Hofe«, flüsterte er dem Grafen ins Ohr. »Unsre guten Bürgersfrauen sind nicht von so stolzem Wuchs und so ausgesuchtem Geschmack.«

Er ließ dann noch den ganzen Palast durchsuchen, fand auch nicht ein Ohrläppchen von einem Engländer und begab sich darauf nach dem königlichen Schloß zum Rapport, wie es ihm der Feldzeugmeister eingeschärft.

»Ist er ermordet?« rief dieser ihm schon unter der Türe entgegen.

»Wer?«

»Derjenige, der Eure Stirne mit Hörnern bepflanzt hat.«

»Ich habe nichts gesehen als ein Weib im Bette des Grafen, der im besten Zuge war, sich mit ihr einen guten Tag oder vielmehr eine gute Nacht zu machen.«

»Du hast diese Frau mit deinen eigenen Augen gesehen, verfluchter Hornschädel? Und hast deinen Nebenbuhler nicht erwürgt?«

»Nicht eine Frau, eine Dame vom Hofe.«

»Gesehen?«

»Und berochen von beiden Seiten.«

»Was wollt Ihr damit sagen?« fragte der König, indem er lachte, daß er sich den Bauch hielt.

»Ich will sagen, unbeschadet des Respekts vor Eurer Königlichen Majestät, daß ich die Seite und die Kehrseite der Medaille inspiziert habe.«

»Du kennst also nicht einmal das Ding deiner Frau, alter Schlapperich? Wahrlich, du verdientest gehängt zu werden.«

»Das, wovon Eure Majestät spricht, ist mir zu ehrwürdig bei meiner Frau, um es mit Blicken zu entweihen. Und sie selber ist ein zu frommes und ehrbares Ehegemahl, um mir auch nur ein Zipfelchen davon sehen zu lassen.«

»Sie hat recht«, sprach der König, »so was ist nicht gemacht, um gezeigt zu werden.«

»Oh, du alte Coquedulle«, rief der Feldzeugmeister; »es war deine Frau!!!«

»Hoher Herr, die Ärmste schläft daheim in ihrem Bett.«

»Auf denn, zu Pferde, und wenn wir sie zu Hause finden, so will ich dir nur hundert Streiche mit dem Ochsenziemer aufzählen.«

Kommt also der Feldzeugmeister mit dem Profosen in fliegendem Galopp vor das Haus des Justizerichs: »Holla, he!« Und erhebt ein Geschrei und einen Lärm, daß die Wände einzustürzen drohten. Schüchtern öffnet sich die Türe und zeigt die kleine Zofe im Hemd, die gähnt und sich streckt. Der Feldzeugmeister aber und der Justizerich stürmen hinauf nach der Kammer, wo sie alle Mühe haben, die gute Bürgerin zu erwecken, die mit Matzen in den Augenwimpern sie ganz schlafwirr anstierte.

Da war es an Herrn Lampel zu triumphieren. Er versicherte dem Feldzeugmeister, daß man ihn offenbar genasführt habe, denn seine Frau sei ehrbar wie nur eine.

In der Tat konnte sie sich von ihrem Verwundern gar nicht erholen. Der Feldzeugmeister zog sich zurück, und der gute Lampel fing an, sich das Wams und die Hosen aufzuknöpfen, denn das Abenteuer hatte ihm seine Frau wieder ins Gedächtnis gebracht. Unterdessen war die gute Bürgerin immer noch nicht von ihrem Erstaunen zurückgekommen.

»So sagt doch, mein Liebling«, begann sie, während er an sich herumnestelte, »was denn nur dieser Lärm zu bedeuten hatte und wo der Herr Feldzeugmeister und seine Pagen mitten in der Nacht plötzlich hergekommen sind? Sollte es etwa von nun an zur Obliegenheit der Feldobersten gehören, bei Nacht die Schlafkammern der Eheleute zu inspizieren?«

»Ich weiß nicht«, antwortete Lampel. Und während er zu seiner Frau unter die Decke kroch, begann er ihr haarklein zu erklären, was sich alles in der Nacht zugetragen.

»Und du hast ohne meine Erlaubnis«, sagte sie, »die ›Visionomie‹ einer Hofdame gesehen!« Damit fing sie an zu flennen und jammerte und nannte sich eine arme Unglückliche, eine Verratene, daß er, der Justizerich, gar nicht mehr wußte, was er sagen sollte.

»Was ist denn? Was hast du?« stotterte er. »Was soll ich nur tun?«

»Oh«, klagte und jammerte sie, »du wirst mich kein bißchen mehr lieben, nachdem du gesehen hast, wie so vornehme Damen beschaffen sind.«

»Ach, mein Schätzchen«, tröstete er, »das sind große Damen, und verteufelt groß, das kann ich dir sagen, ist alles an ihnen.«

»Ist das wahr?« fragte sie lächelnd – »und mit mir ist es besser beschaffen?«

»Um eine ganze Spanne«, versetzte er ganz verzückt.

»Ach Gott«, seufzte sie von neuem, »müssen die glückselig sein mit so viel, da ich es schon so sehr bin mit dem wenigen.«

Nach solchen Reden erachtete es der Profos an der Zeit, das eitle Räsonieren einzustellen und zu gewichtigeren Argumentationen überzugehen, um seine Frau die kreuz und quer zu widerlegen und bis auf den letzten Rest zu überzeugen, daß Gott die Kleinen nicht weniger zur Seligkeit berufen habe als die Großen.

Daraus ersehen wir, daß die Sekte der Hahnreie stärker ist im Glauben als irgendeine andre der Christenheit.

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