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Die dreißig tolldreisten Geschichten ? Drittes Zehent

Honoré de Balzac: Die dreißig tolldreisten Geschichten ? Drittes Zehent - Kapitel 2
Quellenangabe
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typenarrative
authorHonoré de Balzac
booktitleDie dreißig tolldreisten Geschichten ? Zweiter Band
titleDie dreißig tolldreisten Geschichten ? Drittes Zehent
publisherGustav Kiepenheuer Verlag Leipzig und Weimar
printrunErste Auflage
illustratorGustave Doré
year1981
translatorBenno Rüttenauer
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20081105
modified20150212
projectid9a89b586
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Prolog

Einige haben den Autor darüber zur Rede gestellt, warum er gar soviel Tollheiten in diese Geschichten gebracht und ob er denn kein Jahr vergehen lassen könne, ohne einen Sack voll Bosheiten auszuschütten, kurz, was es überhaupt für einen Zweck habe, weißes Papier voller Beistriche zu malen, mit nichtsnutzigen Wörtern dazwischen, bei denen die Damen in der Öffentlichkeit erröten müssen, und was dergleichen dummes Geträtsch mehr ist.

Der Autor erklärt hiermit: daß solche heuchlerische Reden, die ihm wie Steine auf seinen Weg geworfen werden, ihn in tiefster Seele gerührt haben. Er kennt genügend seine Pflicht und will gern in diesem Prolog dieser absonderlichen Art von Lesern, obwohl er es wiederholt getan, von neuem seine Gründe auseinandersetzen, da man sich nie die Mühe verdrießen lassen darf, den Kindern so lange Vernunft zu predigen und zu wiederholen, bis sie größer geworden sind und euch in Ruhe lassen, weil sie endlich begreifen. Und wahrlich, es sind eine Menge dummer Buben unter den Leuten, die da ihr Geschrei erheben und die so tun, als ob sie nicht begriffen, worum es sich in diesen Geschichten handelt.

Zunächst sage ich euch das: Wenn einige tugendhafte Damen, ich sage tugendhafte, weil die liederlichen und nichtsnutzigen viel lieber neue und ungedruckte Geschichten selber machen, als daß sie die meinigen lesen, während im Gegenteil die tugendhaften, frommen und zurückhaltenden Damen, als welche, daran ist kein Zweifel, vor den hier behandelten Dingen im Leben und in der Wirklichkeit einen großen Ekel haben, sie fleißig und aufmerksam lesen, um dem Geist der Neugierde in sich genugzutun und dann im Leben um so strenger zu sein. Versteht ihr mich, ihr Anwärter der Hahnreischaft? Besser ist es, durch den Inhalt eines Buches Hahnrei zu werden als durch die Machenschaft eines Junkers. Ihr könnt nur Vorteil daraus haben, ihr guten Knickebeineriche, abgesehen davon, daß eure verliebte Dame es manchmal doch auch euch zugute kommen läßt, was durch dieses Buch in ihr angeregt und aufgeregt worden ist. Und also müssen diese Geschichten notwendig dazu beitragen, die Fruchtbarkeit, die Freude, die Ehre und die Gesundheit des Landes zu erhöhen. Ich sage die Freude, weil jeder daran seine Freude haben muß; ich sage die Ehre, weil dies Buch ein Talisman ist gegen die Klauen jenes Dämons, dessen Name auf gut altdeutsch ›Hahnreitum‹ lautet. Ich sage die Gesundheit, weil diese Geschichten großen Anreiz geben zu jenem Tränklein oder Filter, das von der infalliblen medizinalen Fakultät von Salerno unter Androhung der Plethora cerebralis allen Gläubigen vorgeschrieben ist. Und nun sagt, ob ihr je in andern typographisch geschwärzten Heften solche Vorteile gefunden habt? Es ist zum Lachen. Wo sind denn die Bücher, durch die Kinder gemacht werden? Ihr werdet umsonst danach suchen. Um so mehr werdet ihr Kinder finden, die langweilige Bücher machen.

Ich nehme meine unterbrochene Rede wieder auf. Wenn also wirklich einige Damen mit tugendhaftem Herzen und ausschweifendem Geist öffentlich über mein Buch Beschwerde geführt haben, so wisset, daß eine ganze Anzahl derselben, weit davon entfernt, den Autor mit Vorwürfen zu überhäufen, ihm allzeit ihre Liebe und Verehrung an den Tag gelegt, ihn für einen tapfern und furchtlosen Mann, ja für würdig erklärt haben, ein Mönch im Kloster Thelesma zu werden. Und mit soviel Gründen, als es Sterne am Himmel gibt, haben sie ihn bestärkt und ermuntert, seine lustigen Geschichten weiter zu erzählen, seine Tadler zu verachten und mutig auf sein Ziel loszugehen, da die Welt ein Weibsen ist, die sich sträubt, wenn man, ihr wißt schon was, von ihr will, ein Geschrei macht, mit allen vieren um sich schlägt, mit Redensarten um sich wirft wie: »Nein, nein, nie. Was fällt Euch ein, mein Herr! Geht doch, Ihr werdet unverschämt ...«, aber, wenn das Zehent fix und fertig ist, sich plötzlich voller Liebenswürdigkeit zeigt und sagt: »Wie schön, mein Herr und Meister, habt Ihr noch andere von der Sorte?«

Vor allem aber seid überzeugt, daß der Autor als ein Hans Gutgesell und Bruder Leichtfuß jener andern Dame, die ihr Mode, Weltgunst oder Frau Fama nennt, ein Schnippchen schlägt und sich den Kuckuck schert um ihr Geschrei, Geheul und Gestrampel, denn er weiß, daß dieses Frauenzimmer im Grund eine große Hure ist, die sich mit Vergnügen notzüchtigen läßt. Die Parole dieser Welt ist dem Autor sehr wohl bekannt. Sie lautet: Es lebe das Leben! Ein schönes Wort, bei Gott. Aber einige Skribler haben seinen Sinn verkehrt, als welcher kein anderer sein kann als das: Das ist das Leben, packt es am Schopf, wenn es euch nicht entwischen soll! Diesen Sinn hat Meister Rabelais dem Autor verraten. Also hinweg, Philisterpack! Einen Tusch, Musikanten! Und still da, ihr Griesgrame! Ihr lustigen Gesellen aber, herbei! Herbei, ihr verliebten Pagen, gebt der Dame die Hand, nicht ohne sie zu kitzeln, wo sie hohl ist. Die Hand natürlich. Ihr lacht? Ja, das ist scholastische und peripatetische Philosophie, oder der Autor hat niemals seinen Aristoteles gelesen. Auf seiner Seite steht Frankreich mit der königlichen Standarte, auf seiner Seite der Patron des Landes, der große heilige Dionysius, der mit abgeschlagenem Kopf noch ausgerufen hat: »Es lebe das Leben!« Wollt ihr behaupten, ihr Rhinozerösser, dies sei eine Fälschung? Ihr werdet euch hüten! Viele zu jener Zeit haben das Wort gehört; aber wer glaubt noch an die Heiligen in unsern traurigen Tagen?«

Der Autor hat noch lange nicht alles gesagt. Wisset also, die ihr diese Geschichten lest mit Händen und Augen und auch mit dem Verstand und sie liebt, weil sie euch eine Lust und Freude sind, wisset, daß der Autor eines schlimmen Tags seine Axt, id est seine Erbschaft, verloren hatte und, da er sie nicht wiederfinden konnte, sich in großer Not und Bedrängnis sah. Er tat also wie jener Holzhacker in dem Prolog seines verehrten Meisters Rabelais und sandte seine flehenden Schreie zum Himmel, um von Dem dort oben, der der Herr über alle Dinge ist, gehört zu werden und eine neue Axt zu erhalten. Hatte aber der Allerhöchste gerade alle Hände voll zu tun mit den Kongressen und Konzilien der Zeit und ließ darum in der Eile dem Autor von dem Herrn Merkur ein doppeltes Tintenfaß herunterschmeißen, auf dem nach der Art der Devisen folgende drei Buchstaben eingegraben waren: AVE. Da war der arme Kerl erst recht übel daran; denn er konnte sich nicht denken, zu was Rat und Hilfe das Ding gut sein könnte. Drehte er also das seltsame Zwillingsfäßlein um und um, ob er hinter seinen geheimen Sinn gelangen und in den geheimnisvollen Buchstaben eine Seele zu finden vermöchte. Er erkannte aus dem Geschenk so viel, daß Gott ein höflicher Mann ist, wie die großen Herren zu sein pflegen, um wieviel mehr Er, der Fürst der Welt, der König aller Könige. Aber indem der Autor nun seine Jugend überdachte, konnte er nicht finden, dem lieben Gott je einen besonderen Gefallen getan zu haben, also daß er nicht ohne Grund den Verdacht hegte, es möchte auch hinter der göttlichen Höflichkeit nicht viel versteckt sein. Wenigstens strengte er sich vergeblich an, in dem himmlischen Werkzeug irgendeine Nützlichkeit zu entdecken. Aber wie er das genannte doppelte Tintenfaß immer wieder um und um drehte, betrachtete und betastete von allen Seiten, mit dem Fingerknöchel dran pochte, ob es ihm Antwort geben möchte, es füllte und wieder ausleerte, es bald auf die eine, bald auf die andre Seite legte, bald auf den Fuß, bald auf den Kopf stellte: da las er einmal zufällig die drei Buchstaben in umgekehrter Folge. Er las EVA.

Was will aber Eva anders heißen als alle Frauen, vorgestellt in einer einzigen Frau, alle Weiber in einem einzigen Weibe. Es war demnach durch die göttliche Stimme dem Autor gesagt worden: »Denk an das Weib; das Weib wird deine Wunde heilen und deine leeren Taschen füllen, das Weib ist dein Gut, dein Vermögen. Habe nur eine Frau, hätschle und tätschle sie, ziehe sie schön an, um sie noch schöner auszuziehen, treibe einen Kultus mit dieser Frau. Das Weib ist alles, sie ist ein Abgrund, schöpfe aus diesem Abgrund. Das Weib liebt die Liebe, gib ihm Liebe aus deinem Tintenfaß, schmeichle seinen Phantasien und male ihm die tausend Gestalten der Liebe in ebenso vielen reizenden Bildern. Die Frauen sind großmütig, sie stehen eine für alle und alle für eine, sie werden dir deine Gemälde lohnen und dafür sorgen, daß dein Pinsel nicht kahl wird. Und also verstehe, was geschrieben steht: Ave, das heißt Heil; Eva, das heißt das Weib; also: dein Heil im Weibe. In der Tat ist das Weib zugleich unser Heil und unser Unheil.

So sei mir willkommen, Tintenfaß. Was liebt aber das Weib am meisten? Was will das Weib? Alle Dinge, die mit der Liebe zusammenhängen, und so ist es recht. Das Weib ist das Symbol der Natur. Fruchtbarkeit ist ihr Beruf. Lieben, zeugen, hervorbringen ist ihre dreieinige Aufgabe. Und also willkommen mir, Weib; willkommen mir, Eva!

Und dann begann der Autor, sein Tintenfaß zu brauchen und daraus zu schöpfen. Ein fruchtbares Tintenfaß war das und war gefüllt mit einer zerebralen Substanz, mit einem Gebräu aus Gottes Küche voll übernatürlicher Kräfte. Mit der schwarzen Tinte aus dem einen Halse schrieb er ernste Dinge; lustige Narrheiten quollen aus der andern Hälfte in roter Tinte. Manchmal aber hat der Autor aus Achtlosigkeit die beiden Tinten vermengt, daß es ganz buntscheckig wurde auf den Seiten seines Hefts. Oft, wenn er ein schweres Werk nach dem Geschmack dieser Zeit vollendet, in einem Stil, den zu hobeln und zu glätten, zu bügeln und polieren ihm unendliche Mühe gemacht, hatte er Lust nach vergnüglicherem Tun, und ungeachtet des geringen Vorrats der lustigen Tinte auf der linken Seite, tunkte er herzhaft ein und schrieb diese sehr lustigen und tolldreisten Geschichten, deren Autorität und Würde niemand anzweifeln wird, da sie aus göttlicher Quelle flössen, wie es die einfache Erzählung des Autors unumstößlich beweist.

Freilich, einige Lumpenkerle werden wegen dieser Parabel ein neues Geschrei anheben. Und darüber braucht man sich nicht zu wundern, da bekanntlich auf diesem Kotspritzer des Kosmos, den man die Erde nennt, nicht ein einziger Mensch, nicht ein Stumpen von Mensch zu finden ist, der damit vollkommen zufrieden wäre. So ist der Autor in keiner schlimmeren Lage als Gott selber. Er schafft einzig und allein in Nachahmung Gottes und beweist dies durch at qui. Denn nicht wahr, durch die Gelehrten ist bewiesen und in voller Klarheit dargetan, daß Gott der Herr nicht nur die großen Welten, sozusagen die großen Maschinen erschaffen hat, mit gewaltigem Ketten- und Räderwerk, mit ungeheuren Gewichten und schrecklichem Getöse, also daß das Spiel ihrer Kräfte fast furchtbar anzusehen ist, sondern daß ihn manchmal auch die Laune ankam, kleinere und unbedeutendere Sachen zu machen, närrische und groteske Gebilde, worüber man wohl lachen und seine Lust daran haben darf. Oder ist es nicht so? Und ebenso verhält es sich auch mit jedem bedeutenden Werk und insbesondere mit dem gewaltigen Bau, den der Autor aufzuführen unternommen hat. Diese fast übermenschliche Aufgabe, dieses langatmige, groß angelegte Werk, das seine Kräfte zu übersteigen droht, konnte er nur zu Ende führen, indem er nach dem Beispiel des Weltenschöpfers sich von Zeit zu Zeit an leichteren Sachen erlustigte, an der Bildung zierlicher Insekten und lächerlicher kleiner Ungetüme, die er dann mit bunten Farben schmückte und mit goldenen Panzern bekleidete, obwohl er meistens Mangel an Gold hatte. Und so mag es denn herumkribbeln und -krabbeln am Fuß der ragenden Felsen, hohen Schneeberge und andrer griesgrämiger Philosophien, dieser ernsten und dickleibigen Werke, dieser marmornen Kolonnaden und wahrhaft großartigen, in Porphyr ausgehauenen Gedankendenkmäler der Menschheit. Heda, ihr aasgierigen Geier, werdet ihr es nicht endlich satt bekommen, meine lustige Muse zu beschmutzen und zu beschmeißen, deren phantastische Musik und tolle Sarabanden, deren Juchzer und Sprünge und Purzelbäume euch Bauchgrimmen machen; wollt ihr euch nicht die Krallen ein wenig stumpf nagen, um ihre weiße Haut mit dem blauen Geäder, ihren wollüstigen Rücken, ihre schlanken Hüften, ihre Füße, die das Bett dem Boden vorziehen, ihr sanftes Gesichtchen, ihr Herz ohne Galle nicht mehr so unbarmherzig zu zerfleischen? Was sagt ihr dazu, ihr Querköpfe, wenn ihr erfahret, daß dieses gute Geschöpf, das aus dem Herzen des Volks hervorgegangen und von den Engeln des Himmels durch die Person des Boten Merkurius mit einem Ave begrüßt worden? Was sagt ihr dazu, wenn ihr hört, daß es sich hier um die Quintessenz der Kunst handelt, da alles in dieser Schöpfung ist: Notwendigkeit, Tugend, Phantasie, weiblicher Geschmack und Geschmack des Pantagruelismus im Quadrat. Mit einem Wort, alles. Schweigt also, und feiert und lobpreist den Autor, der im besten Zug ist, aus seinem zweimäuligen Tintenfaß seine hundert glorreichen, tolldreisten Geschichten zu schöpfen und damit die fröhliche Wissenschaft zu bereichern.

Also zurück, ihr Hunde! Einen Tusch, ihr Herren Musikanten! Maul halten, ihr Heuchler! Hinaus mit euch, ihr Dunkelmänner! Macht Platz meinen lustigen Gesellen und Kameraden! Und ihr, meine kleinen lieben Pagen, gebt den Damen eure zierliche Hand, kitzelt sie ihnen sanft und sagt ihnen: »Lest, um zu lachen!« Danach flüstert ihnen noch ein andres Wort ins Ohr, denn wenn die Frauen lachen, sind sie gut aufgelegt, und daß eine schöne Frau gut aufgelegt sei, daran, das brauche ich euch nicht erst auszulegen, ist alles gelegen.

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