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Die dreifache Warnung

Arthur Schnitzler: Die dreifache Warnung - Kapitel 1
Quellenangabe
typenovelette
booktitleDie dreifache Warnung
authorArthur Schnitzler
yearca. 1930
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleDie dreifache Warnung
pages27-33
created20040714
sendergerd.bouillon
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Arthur Schnitzler

Die dreifache Warnung

Im Duft des Morgens, umstrahlt von Himmelsbläue, wanderte ein Jüngling den winkenden Bergen zu und fühlte sein frohes Herz mit allen Pulsen der Welt in gleicher Welle schlagen. Unbedroht und frei trug ihn sein Weg viele Stunden lang über das offene Land, bis mit einem Male, an eines Waldes Eingang, rings um ihn, nah und fern zugleich, unbegreiflich, eine Stimme klang: »Geh nicht durch diesen Wald, Jüngling, es sei denn, du wolltest einen Mord begehen.« Betroffen blieb der Jüngling stehen, blickte nach allen Seiten, und da nirgends ein lebendiges Wesen zu entdecken war, erkannte er, daß ein Geist zu ihm gesprochen hatte. Seine Kühnheit aber lehnte sich auf, so dunklem Zuruf gehorsam zu sein, und, den Gang nur wenig mäßigend, schritt er unbeirrt vorwärts, doch mit angespannten Sinnen, den unbekannten Feind rechtzeitig zu erspähen, den ihm jene Warnung verkündigen mochte. Niemand begegnete ihm, kein verdächtiges Geräusch ward vernehmbar, und unangefochten trat der Jüngling bald aus den schweren Schatten der Bäume ins Freie. Unter den letzten breiten Ästen ließ er zu kurzer Rast sich nieder und sendete den Blick über eine weite Wiese hin, den Bergen zu, aus denen schon mit strengem Umriß ein starrer Gipfel als letztes hohes Ziel sich aufrichtete. Kaum aber hatte der Jüngling sich wieder erhoben, als sich zum zweitenmal die unbegreifliche Stimme vernehmen ließ, rings um ihn, zugleich nah und fern, doch beschwörender als das erstemal: »Geh nicht über diese Wiese, Jüngling, es sei denn, du wolltest Verderben bringen über dein Vaterland.« Auch dieser neuen Warnung zu achten, verbot dem Jüngling sein Stolz, ja, er lächelte des leeren Wortschwalls, der geheimnisvollen Sinnes sich brüsten wollte, und eilte vorwärts, im Innern ungewiß, ob Ungeduld oder Unruhe ihm den Schritt beflügelte. Feuchte Abendnebel dunsteten in der Ebene, als er endlich der Felswand gegenüberstand, die zu bezwingen er sich vorgenommen. Doch kaum hatte er den Fuß auf das kahle Gestein gesetzt, so tönte es, unbegreiflich, nah und fern zugleich, drohender als zuvor um ihn: »Nicht weiter, Jüngling, es sei denn, du wolltest den Tod erleiden.« Nun sandte der Jüngling ein überlautes Lachen in die Lüfte und setzte ohne Zögern und ohne Hast seine Wanderung fort. Je schwindelnder ihn der Pfad emportrug, um so freier fühlte er seine Brust sich weiten, und auf der kühn erklommenen Spitze umglühte der letzte Glanz des Tages sein Haupt. »Hier bin ich!« rief er mit erlöster Stimme. »War dies eine Prüfung, guter oder böser Geist, so hab' ich sie bestanden. Kein Mord belastet meine Seele, ungekränkt in der Tiefe schlummert mir die geliebte Heimat, und ich lebe. Und wer du auch sein magst, ich bin stärker als du, denn ich habe dir nicht geglaubt und tat recht daran.«

Da rollte es wie Ungewitter von den fernsten Wänden und immer näher heran: »Jüngling, du irrst!« und die Donnergewalt der Worte warf den Wanderer nieder.

Der aber streckte sich auf den schmalen Grat der Länge nach hin, als wäre es eben seine Absicht gewesen, hier auszuruhen, und mit spöttischem Zucken der Mundwinkel sprach er wie vor sich hin: »So hätt' ich wirklich einen Mord begangen und hab' es gar nicht gemerkt?«

Und es brauste um ihn: »Dein achtloser Schritt hat einen Wurm zertreten.«

Gleichgültig erwiderte der Jüngling: »Also weder ein guter noch ein böser Geist sprach zu mir, sondern ein witziger Geist. Ich habe nicht gewußt, daß auch derlei um uns Sterbliche in den Lüften schwebt.«

Da grollte es rings im fahlen Dämmerschein der Höhe: »So bist du derselbe nicht mehr, der heut morgens sein Herz mit allen Pulsen der Welt in gleicher Welle schlagen fühlte, daß dir ein Leben gering erscheint, von dessen Lust und Grauen kein Wissen in deine taube Seele dringt?«

»Ist es so gemeint?« entgegnete der Jüngling stirnrunzelnd, »so bin ich hundert und tausendfach schuldig, wie andere Sterbliche auch, deren achtloser Schritt unzähliges kleines Getier immer und immer wieder ohne böse Absicht vernichtet.«

»Um des einen willen aber warst du gewarnt. Weißt du, wozu gerade dieser Wurm bestimmt war im unendlichen Lauf des Werdens und Geschehens?«

Gesenkten Hauptes erwiderte der Jüngling: »Da ich das weder weiß noch wissen kann, so sei dir denn in Demut zugestanden, daß ich auf meiner Waldeswanderung unter vielen anderen auch gerade den Mord begangen habe, den zu verhüten dein Wille war. Aber wie ich es angestellt habe, auf meinem Wiesenweg Unheil über mein Vaterland zu bringen, das zu hören, bin ich wirklich begierig.«

»Sahst du den bunten Schmetterling,« raunte es um ihn, »Jüngling, der eine Weile zu deiner Rechten flatterte?«

»Viele sah ich wohl, auch den, den du meinen magst.«

»Viele sahst du. Manche trieb deiner Lippen Hauch ab von ihrer Bahn, den aber, den ich meine, jagte dein wilder Atem ostwärts, und so flatterte er meilenweit immer weiter, bis über die goldenen Gitterstäbe, die den königlichen Park umschließen. Von diesem Schmetterling aber wird die Raupe stammen, die übers Jahr an heißem Sommernachmittag über der jungen Königin weißen Nacken kriechen und sie so jäh aus ihrem Schlummer wecken wird, daß ihr das Herz im Leib erstarren und die Frucht ihres Schoßes hinsiechen muß. Und statt des rechtmäßigen, um sein Dasein betrogenen Sprossen erbt des Königs Bruder das Reich, tückisch, lasterhaft und grausam, wie er geschaffen, stürzt er das Volk in Verzweiflung, Empörung und endlich, zu eigener Rettung, in Kriegswirrnis, deiner geliebten Heimat zum unermeßlichen Verderben. An all dem trägt kein anderer Schuld als du, Jüngling, dessen wilder Hauch den bunten Schmetterling auf jener Wiese ostwärts über goldene Gitterstäbe in den Park des Königs trieb.«

Der Jüngling zuckte die Achseln: »Daß all dies eintreffen kann, so wie du voraussagst, unsichtbarer Geist, wie vermöcht' ich es zu leugnen, da ja auf Erden immer eins aus dem anderen folgt, gar oft Ungeheueres aus Kleinem und Kleines wieder aus Ungeheurem? Aber was soll mich veranlassen, gerade dieser Prophezeiung zu trauen, da jene andere sich nicht erfüllte, die mir für meinen Felsenaufstieg den Tod angedroht hat?«

»Wer hier emporstieg,« so klang es furchtbar um ihn, »der muß auch wieder hinab, wenn es ihn gelüstet, weiter unter den Lebendigen zu wandeln. Hast du das bedacht?«

Da erhob sich der Jüngling jäh, als wär' er gewillt, augenblicks den rettenden Rückweg anzutreten. Doch als er mit plötzlichem Grauen der undurchdringlichen Nacht inne ward, die ihn umgab, begriff er, daß er zu so verwegenem Beginnen des Lichts bedurfte, und um seiner klaren Sinne für den Morgen gewiß zu sein, streckte er sich wieder hin auf den schmalen Grat und sehnte mit Inbrunst den stärkenden Schlaf herbei. Doch so regungslos er dalag, Gedanken und Sinne blieben ihm wach, schmerzlich geöffnet die müden Lider, und ahnungsvolle Schauer rannen ihm durch Herz und Adern. Der schwindelnde Abgrund stand ihm immer und immer vor Augen, der ihm den einzigen Weg ins Leben zurück bedeutete, er, der sonst seines Schrittes sich überall sicher gedünkt hatte, fühlte in seiner Seele nie gekannte Zweifel aufbeben und immer peinvoller wühlen, bis er sie nicht länger ertragen konnte und beschloß, lieber gleich das Unvermeidliche zu wagen, als in Qual der Ungewißheit den Tag zu erwarten. Und wieder erhob er sich zu dem vermessenen Versuch, ohne den Segen der Helle, nur mit seinem tastenden Tritt des gefährlichen Weges Meister zu werden. Kaum aber hatte er den Fuß in die Finsternis gesetzt, so war ihm wie ein unwiderrufliches Urteil bewußt, daß sich nun in kürzester Frist sein geweissagtes Schicksal erfüllen mußte. Und in düsterem Zorn rief er in die Lüfte: »Unsichtbarer Geist, der mich dreimal gewarnt, dem ich dreimal nicht geglaubt habe und dem ich nun doch als dem Stärkeren mich beuge – ehe du mich vernichtest, gib dich mir zu erkennen.«

Und es klang durch die Nacht, umklammernd nah und unergründlich fern zugleich: »Erkannt hat mich kein Sterblicher noch, der Namen hab' ich viele. Bestimmung nennen mich die Abergläubischen, die Toren Zufall und die Frommen Gott. Denen aber, die sich die Weisen dünken, bin ich die Kraft, die am Anfang aller Tage war und weiter wirkt unaufhaltsam in die Ewigkeit durch alles Geschehen.«

»So fluch' ich dir in meinem letzten Augenblick,« rief der Jüngling, mit der Bitterkeit des Todes im Herzen. »Denn bist du die Kraft, die am Anfang aller Tage war und weiter wirkt in die Ewigkeit durch alles Geschehen, dann mußte ja all dies kommen, wie es kam, dann mußt' ich den Wald durchschreiten, um einen Mord zu begehen, mußte über diese Wiese wandern, um mein Vaterland zu verderben, mußte den Felsen erklimmen, um meinen Untergang zu finden – deiner Warnung zum Trotz. Warum also war ich verurteilt, sie zu hören, dreimal, die mir doch nichts nützen durfte? Mußte auch dies sein? Und warum, o Hohn über allem Hohn, muß ich noch im letzten Augenblick mein ohnmächtiges Warum dir entgegenwimmern?«

Da war dem Jüngling, als fliehe an den Rändern des unsichtbaren Himmels, von ungeheurer Antwort schwer und ernst, ein unbegreifliches Lachen hin. Doch wie er versuchte, ins Weite zu horchen, wankte und glitt der Boden unter seinem Fuß, und schon stürzte er hinab, tiefer als Millionen Abgründe tief – in ein Dunkel, darin alle Nächte lauerten, die gekommen sind und kommen werden vom Anbeginn bis zum Ende der Welten.








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