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Die drei Musketiere - Band II

Alexandre Dumas (der Ältere): Die drei Musketiere - Band II - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas d. Ä.
titleDie drei Musketiere - Band II
publisherFranckh'sche Verlagshandlung
printrun14. Auflage
translatorZoller
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectid5d970724
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XXIX.

Ein Vorwurf zu einer klassischen Tragödie.

Nach einem kurzen Stillschweigen, während dessen Mylady den jungen Offizier, der ihr zuhörte, zu beobachten beschäftigt war, fuhr sie in ihrer Erzählung fort:

»Ich hatte beinahe drei Tage nichts gegessen und nichts getrunken, und war furchtbaren Qualen preisgegeben; zuweilen zog es wie Wolken über meine gepreßte Stirne hin, meine Augen verschleierten sich, meine Gedanken geriethen in Verwirrung.

»Der Abend kam; ich war so schwach, daß ich jeden Augenblick in Ohnmacht sank, und so oft ich ohnmächtig wurde, dankte ich Gott, denn ich glaubte, mein Tod nahe heran.

»Mitten in einer solchen Ohnmacht hörte ich, daß sich die Thüre öffnete. Der Schrecken brachte mich zum Bewußtsein.

»Mein Verfolger trat mit einem maskirten Manne ein; er war selbst maskirt; ich erkannte seinen Tritt, ich erkannte seine Stimme, ich erkannte das imposante Wesen, das die Hölle seiner Person zum Unglück der Menschheit verliehen hat.

»»Nun!«« sprach er, »»seid Ihr entschlossen, mir den Eid zu leisten, den ich von Euch verlange?««

»»Ihr habt es gesagt, die Puritaner haben nur ein Wort: das meinige habt Ihr vernommen, ich habe mir angelobt. Euch auf Erden vor dem Gerichte der Menschen, im Himmel vor dem Gerichte Gottes zu verfolgen!««

»»Ihr beharrt also auf Eurer Absicht?««

»»Ich schwöre es vor Gott, der mich hört; ich nehme die ganze Welt zum Zeugen Eures Verbrechens, und zwar bis ich einen Rächer gefunden habe.««

»»Ihr seid eine Metze,«« rief er mit einer Donnerstimme, »»und sollt die Strafe der Metzen erdulden! ... Gebrandmarkt in den Augen der Welt, die Ihr anrufen wollt, versucht es dieser Welt zu beweisen, daß Ihr weder wahnwitzig noch schuldig seid.««

»Dann wandte er sich an seinen Begleiter mit den Worten: »»Henker, thue Deine Schuldigkeit.««

»Oh! seinen Namen! seinen Namen!« rief Felton abermals; »nennt mir seinen Namen.«

»Trotz meines Geschreis, trotz meines Widerstands, denn ich fing nun an, zu begreifen, daß es sich für mich um etwas Schlimmeres, als um den Tod handelte, packte mich der Henker, warf mich zu Boden, schnürte mir die Arme fest zusammen, und vom Schluchzen halb erstickt, beinahe ohne Bewußtsein, Gott anrufend, der mich nicht hörte, stieß ich plötzlich einen furchtbaren Schrei des Schmerzes und der Schande aus: ein glühendes Eisen, ein rothes Eisen, das Eisen des Henkers hatte man auf meine Schulter gedrückt.«

Felton schnaubte und brüllte.

»Seht,« sprach Mylady, sich mit der Majestät einer Königin erhebend, »seht Ihr, wie man für das reine Mädchen, das ein Opfer der Rohheit eines heillosen Missethäters war, ein neues Märtyrthum ersonnen hatte. Lernt das Herz der Menschen kennen, und dient von nun an minder leicht als Werkzeug ihrer ungerechten Rache.«

Mit einer raschen Bewegung öffnete Mylady ihr Kleid, zerriß den Batist, welcher ihre Schulter bedeckte, und zeigte, roth vor geheucheltem Zorn und gespielter Scham, dem jungen Manne das untilgbare Mal, das ihre so schöne Schulter entehrte.

»Aber ich sehe hier eine Lilie,« rief Felton.

»Darin liegt gerade die Niederträchtigkeit,« antwortete Mylady, »die Brandmarkung von Frankreich! ... Er hätte beweisen müssen, von welchem Tribunal mir diese aufgedrückt worden sei, und ich hätte einen öffentlichen Aufruf an alle Gerichte des Königreichs ergehen lassen. Aber durch die Brandmarkung von Frankreich war ich wirklich gebrandmarkt.«

Das war zu viel für Felton. Bleich, unbeweglich, niedergeschmettert durch diese furchtbare Enthüllung, geblendet durch die übermenschliche Schönheit dieser Frau, die sich mit einer Schamlosigkeit vor ihm enthüllte, welche er erhaben fand, stürzte er endlich vor ihr auf die Kniee nieder, wie dies die ersten Christen vor jenen heiligen Märtyrerinnen thaten, welche die Verfolgung der Kaiser im Circus der blutgierigen Lüsternheit des Pöbels bloßstellte. Das Brandmal verschwand, die Schönheit allein blieb übrig!

»Vergebung, Vergebung!« rief Felton, »o Vergebung!«

Mylady las in seinen Augen: Liebe, Liebe!

»Vergebung, wofür?« fragte sie.

»Vergebung dafür, daß ich mit Euren Verfolgern in Verbindung stand.«

Mylady reichte ihm die Hand.

»So schön! so jung!« rief Felton und bedeckte ihre Hand mit Küssen.

Mylady ließ einen jener Blicke, die einen Sklaven zum König machen, auf ihn fallen.

Felton war Puritaner. Er ließ die Hand dieser Frau los, um ihr die Füße zu küssen.

Er liebte sie bereits nicht mehr, er betete sie an.

Als diese Krise vorüber war, als Mylady ihre Kaltblütigkeit, die sie nie verlassen hatte, wieder gewonnen zu haben schien, sprach er:

»Und nun habe ich Euch nur Eines noch zu sagen: nennt mir den Namen Eures wahren Henkers, denn für mich gibt es nur einen; der andere war das Werkzeug und nicht mehr.«

»Wie, Bruder!« rief Mylady, »ich soll ihn Dir nennen und Du hast ihn noch nicht errathen?«

»Wie!« versetzte Felton, »Er! ... abermals er! – immer er! ... Er, der wahre Schuldige?«

»Der wahre Schuldige ist der Verwüster Englands, der Verfolger der ächten Gläubigen, der feige Räuber der Ehre so vieler Frauen! Er, der aus einer Laune seines verdorbenen Herzens so viel Blutvergießen über England bringt, der heute die Protestanten beschützt, und sie morgen verrathen wird.«

»Buckingham! also Buckingham!« rief Felton außer sich.

Mylady verbarg ihr Gesicht in den Händen, als vermöchte sie die Schmach nicht zu ertragen, an welche dieser Mann sie erinnerte.

»Buckingham! der Henker dieses engelreinen Geschöpfes!« rief Felton. »Und Du hast ihn nicht mit Deinem Donner niedergeschmettert, mein Gott! und Du lässest ihn erhaben, geehrt, mächtig, zu unser aller Verderben!«

»Gott verläßt den, der sich selbst verläßt,« sprach Mylady.

»Er will also auf sein Haupt die Strafe der Verdammten herabrufen,« fuhr Felton mit wachsender Begeisterung fort. »Die menschliche Rache soll also der göttlichen Rache zuvorkommen!«

»Die Menschen fürchten und schonen ihn.«

»Oh, ich fürchte ihn nicht und werde ihn nicht schonen!« rief Felton.

Myladys Seele schwamm in höllischer Freude.

»Aber in welchem Zusammenhange,« fragte Felton, »steht Lord Winter, mein Beschützer, mein Vater, mit Allem dem?«

»Hört, Felton,« erwiderte Mylady, »neben feigen und verächtlichen Menschen finden sich erhabene, edelmüthige Naturen; ich hatte einen Bräutigam, einen Mann, der mich liebte und den ich liebte, ein Herz wie das Eurige, Felton, einen Mann, wie Ihr. Ich ging zu ihm und erzählte ihm Alles. Er kannte mich und zweifelte nicht einen Augenblick. Er war ein hochgestellter Herr, in allen Beziehungen Buckingham gleich. Er sprach nichts, gürtete nur sein Schwert um, hüllte sich in seinen Mantel, und begab sich nach Buckingham Palace.«

»Ich begreife,« sagte Felton, »obgleich man gegen solchen Menschen nicht das Schwert, sondern den Dolch brauchen muß.«

»Buckingham war am Tage vorher abgereist, als Botschafter nach Spanien geschickt, wo er um die Hand der Infantin für König Karl I., der damals noch Prinz von Wales war, werben sollte. Mein Bräutigam kam zurück.«

»»Hört,«« sprach er zu mir, »»dieser Mensch ist abgereist, und folglich für den Augenblick meiner Rache entgangen; aber mittlerweile schließen wir unsere Verbindung, wie wir dies beabsichtigten, und dann baut auf Lord Winter, daß er seiner Ehre und die seiner Gemahlin aufrecht zu erhalten wissen wird.««

»Lord Winter!« rief Felton.

»Ja,« antwortete Mylady, »Lord Winter, und nun begreift Ihr wohl Alles, nicht wahr? Buckingham blieb beinahe ein Jahr abwesend. Acht Tage vor seiner Ankunft starb Lord Winter plötzlich und hinterließ mich als seine einzige Erbin. Woher kam der Schlag? Gott, der Alles weiß, weiß auch dies ohne Zweifel. Ich klage Niemand an.«

»Oh welch ein Abgrund! Welch ein furchtbarer Abgrund!« rief Felton.

»Lord Winter war gestorben, ohne seinem Bruder etwas zu sagen. Das furchtbare Geheimniß sollte vor Allem verborgen bleiben, bis es wie ein Gewitter über dem Haupte des Schuldigen ausbrechen würde; Euer Beschützer hatte nur mit Widerwillen die Heirath seines Bruders mit einem jungen Mädchen ohne Vermögen angesehen. Ich fühlte, daß ich keine Stütze bei einem Manne zu erwarten hatte, der in seinen Erbschaftshoffnungen betrogen worden war, und zog nach Frankreich, entschlossen, mein ganzes übriges Leben daselbst zuzubringen. Aber da sich mein Vermögen in England befand, und jede Verbindung durch den Krieg abgebrochen war, so fehlte es mir an Allem, und ich sah mich genöthigt, dahin zurückzukehren. Vor sechs Tagen landete ich in Portsmouth.«

»Was geschah weiter?« fragte Felton.

»Buckingham erfuhr ohne Zweifel meine Rückkehr, er sprach darüber mit Lord Winter und sagte ihm, seine Schwägerin sei eine Geschändete, eine Gebrandmarkte. Die edle, reine Stimme meines Gatten konnte mich nicht mehr vertheidigen. Lord Winter glaubte Alles, was man ihm sagte, um so leichter, als er ein Interesse dabei hatte, es zu glauben. Er ließ mich verhaften und hierher führen, und stellte mich unter Eure Obhut. Das Uebrige wißt Ihr. Uebermorgen deportirt er mich. Uebermorgen schickt er mich in die Verbannung unter ehrlose Verbrecher. Oh! der Faden ist gut gesponnen, das Complott ist geschickt angelegt, aber meine Ehre wird es nicht überleben. Ihr seht wohl, daß ich sterben muß, Felton. Felton, gebt mir das Messer!«

Und nach diesen Worten sank Mylady, als ob alle ihre Kräfte erschöpft wären, schwach und schmachtend in die Arme des jungen Offiziers.

»Nein, nein!« rief er, »nein. Du sollst leben, rein und geehrt. Du sollst über Deine Feinde triumphiren!«

Mylady stieß ihn sachte mit der Hand zurück, während sie ihn mit dem Blicke anzog.

»O den Tod! den Tod!« sprach sie, die Stimme und die Augen verschleiernd. »O lieber den Tod, als die Schande! ... Felton, mein Bruder, mein Freund, ich beschwöre Dich!«

»Nein,« rief Felton, »nein. Du sollst leben und gerächt werden.«

»Felton, ich bringe Unglück über Alles, was mich umgibt. Felton, verlaß mich! Felton, laß mich sterben!«

»Wohl, so sterben wir mit einander!« rief er.

Es tönten mehrere Schläge an der Thüre.

»Horch!« sprach sie, »man hat uns belauscht; man kommt! Es ist vorbei; wir sind verloren.«

»Nein,« sprach Felton, »es ist die Wache, welche mir meldet, daß eine Runde kommt.«

»Dann eilt an die Thüre und öffnet selbst.«

Felton gehorchte. Diese Frau war bereits sein ganzer Gedanke, seine ganze Seele.

Er stand dem Sergenten gegenüber, der eine Wachpatrouille commandirte.

»Was gibt es?« fragte der Offizier.

»Ihr habt mir gesagt, ich solle die Thüre öffnen, wenn ich um Hülfe rufen höre, aber Ihr vergaßt, mir den Schlüssel zu lassen. Ich hörte Euch rufen, ohne daß ich verstand, was Ihr verlangtet, und wollte die Thüre öffnen, aber sie war von innen verschlossen, und ich rief deßhalb den Sergenten.«

»Und hier bin ich,« sagte der Sergent.

Verwirrt, beinahe verrückt, blieb Felton lautlos.

Mylady betriff, daß sie sich der Lage der Dinge bemächtigen mußte. Sie lief nach dem Tische und ergriff das Messer, welches Felton darauf gelegt hatte.

»Und mit welchem Rechte wollt Ihr mich hindern zu sterben?« fragte sie.

»Großer Gott!« rief Felton, als er das Messer in ihrer Hand blinken sah.

In diesem Augenblick erscholl ein ironisches Gelächter in der Flur.

Von dem Geräusche herbeigezogen, stand der Baron im Schlafrocke, den Degen unter dem Arm, auf der Thürschwelle.

»Ah! ah!« sagte er, »wir sind im letzten Akte der Tragödie angelangt. Ihr seht, Felton, das Drama hat alle von mir bezeichneten Phasen durchgemacht; aber seid unbesorgt, das Blut wird nicht fließen.«

Mylady begriff, daß sie verloren war, wenn sie nicht Felton einen unmittelbaren und furchtbaren Beweis von ihrem Muthe gab.

»Ihr täuscht Euch, Mylord, das Blut wird fließen. Möge es auf diejenigen zurückfallen, welche es fließen lassen!«

Felton stieß einen Schrei aus und stürzte auf sie zu. Es war zu spät, Mylady hatte gestochen.

Aber das Messer hatte glücklicher Weise – wir sollten sagen geschickter Weise – das stählerne Planchet getroffen, das in jener Zeit wie ein Panzer die Brust der Frauen beschützte. Es hatte das Kleid zerrissen, war aber dann abgeglitten und schräg zwischen dem Fleisch und den Rippen eingedrungen.

Myladys Kleid war darum nicht minder in einer Sekunde mit Blut befleckt.

Mylady sank zurück und schien ohnmächtig. Felton entriß ihr das Messer.

»Seht, Mylord,« sprach er mit düsterer Miene. »Diese Frau war unter meine Obhut gestellt und hat sich getötet.«

»Seid unbesorgt, Felton,« sprach Lord Winter, »sie ist nicht tot. Die Teufel sterben nicht so leicht; seid unbesorgt, erwartet mich in meinem Zimmer.«

»Aber, Mylord ...«

»Geht, ich befehle es Euch!«

Felton gehorchte dem Befehl seines Vorgesetzten, aber er steckte das Messer in seinen Busen, als er sich entfernte.

Lord Winter begnügte sich, die Frau zu rufen, welche Mylady bediente, und als diese gekommen war, empfahl er ihr die noch immer ohnmächtige Gefangene und ließ sie mit dieser allein.

Da jedoch die Wunde trotz seines Argwohns von Bedeutung sein konnte, so schickte er sogleich einen Reitenden ab, um den Arzt zu holen.

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