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Die drei Musketiere - Band I

Alexandre Dumas (der Ältere): Die drei Musketiere - Band I - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas d. Ä.
titleDie drei Musketiere - Band I
publisherFranckh'sche Verlagshandlung
printrun14. Auflage
translatorZoller
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20111127
projectid029dc700
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IV.

Die Schulter von Athos, das Wehrgehänge von Porthos und das Taschentuch von Aramis.

Von Wuth entbrannt hatte d'Artagnan in drei Sprüngen das Vorzimmer hinter sich, und er stürzte nach der Treppe, deren Stufen er zu vier und vier hinabeilen wollte, als er blindlings fortstürmend einen Musketier, der durch eine Nebenthüre von Herrn von Treville kam, so gewaltig mit der Stirne auf die Schulter stieß, daß dieser laut aufschrie oder vielmehr brüllte.

»Entschuldigt mich,« sagte d'Artagnan, der seinen Lauf fortzusetzen versuchte, »entschuldigt mich, aber ich habe Eile.«

Kaum war er die erste Treppe hinabgestiegen, als ihn eine eiserne Hand bei der Schärpe packte und zurück hielt.

»Ihr habt Eile,« rief der Musketier, bleich wie ein Leintuch, »unter diesem Vorwande stoßt Ihr mich; Ihr sagt; ›Entschuldigt mich,‹ und glaubt, das genüge. Nicht ganz, junger Mann. Glaubt Ihr, weil Ihr Herrn von Treville heute ein wenig kavaliermäßig mit uns sprechen hörtet, man könne uns behandeln, wie er mit uns spricht? Laßt Euch diesen Wahn vergehen, Ihr seid nicht Herr von Treville, Ihr!«

»Meiner Treu,« erwiederte d'Artagnan, welcher Athos erkannte, der, nachdem der Arzt den Verband vorgenommen hatte, wieder nach seiner Wohnung zurückkehrte, »meiner Treu, ich habe es nicht absichtlich gethan, und weil ich es nicht absichtlich gethan habe, sagte ich; ›Entschuldigt mich.‹ Das scheint mir genug zu sein. Ich wiederhole Euch indessen, daß ich bei meiner Ehre Eile habe, große Eile. Laßt mich los, ich bitte Euch, laßt mich dahin, wo ich zu thun habe.«

»Mein Herr,« sprach Athos, indem er ihn losließ, »Ihr seid nicht artig. Man sieht, daß Ihr von ferne herkommt.«

D'Artagnan hatte schon drei bis vier Stufen überschritten, aber die Bemerkung von Athos hielt ihn plötzlich zurück.

»Bei Gott! mein Herr,« sprach er, »aus so weiter Ferne ich auch kommen mag, so werdet Ihr mir doch keinen Unterricht in den feinen Manieren ertheilen, das sage ich Euch.« – »Vielleicht,« erwiederte Athos. – »Ah! wenn ich nicht so sehr Eile hätte,« rief d'Artagnan, »und wenn ich nicht Einem nachlaufen würde...« – »Ei, mein eiliger Herr, mich werdet Ihr finden, ohne mir nachzulaufen, versteht Ihr?« – »Und wo dies, wenn es gefällig wäre? – »Bei den Karmeliter-Barfüßern.« – »Zu welcher Stunde?« – »Gegen Mittag.« – »Gegen Mittag, gut; ich werde dort sein.« – »Laßt mich nicht lange warten, denn ein Viertel nach zwölf laufe ich Euch nach, das sage ich Euch, und schneide Euch die Ohren im Laufen ab.« – »Gut!« rief d'Artagnan; »ich werde zehn Minuten vor zwölf mich einfinden.«

Und er fing wieder an zu rennen, als ob ihn der Teufel holte, in der Hoffnung, seinen Unbekannten zu finden, den sein ruhiger Gang noch nicht weit geführt haben konnte.

Aber am Straßenthor plauderte Porthos mit einem Wache stehenden Soldaten. Zwischen den zwei Sprechenden war gerade Raum für einen Mann. D'Artagnan glaubte, dieser Raum würde für ihn genügen, und stürzte vor, um wie ein Pfeil zwischen beiden durchzuschießen. Aber d'Artagnan hatte ohne den Wind gerechnet. Als er eben im Begriffe war, durchzudringen, fing sich der Wind in den langen Mantel von Porthos, und d'Artagnan prallte gerade in den Mantel. Porthos hatte ohne Zweifel Gründe, diesen wesentlichen Theil seiner Kleidung nicht preiszugeben, denn statt das Blatt, welches er festhielt fahren zu lassen, zog er es an sich, so daß d'Artagnan durch eine umdrehende Bewegung, die sich leicht durch den Widerstand des hartnäckigen Porthos erklären läßt, sich in den Sammet verwickelte.

Als d'Artagnan den Musketier fluchen hörte, wollte er sich unter dem Mantel, der ihn verblendete, hervorarbeiten und suchte seinen Weg in den Falten. Er fürchtete besonders die Frische des, uns bereits bekannten, glänzenden Wehrgehänges beeinträchtigt zu haben; als er aber schüchtern die Augen öffnete, fand es sich, daß seine Nase zwischen den beiden Schultern von Porthos, das heißt gerade auf dem Wehrgehänge steckte. Ach! wie die meisten Dinge dieser Welt, die nur den Schein für sich haben, war das Wehrgehänge vorne von Gold und hinten von Büffelleder. Da Porthos, ein Hochmuthsnarr, wie er war, kein ganz goldenes Wehrgehänge haben konnte, so hatte er wenigstens die Hälfte davon: man begreift jetzt die Nothwendigkeit des Schnupfens und das dringliche Bedürfniß eines Mantels.

»Donner und Teufel!« rief Porthos, während er sich mit aller Gewalt anstrengte, von d'Artagnan loszukommen, der ihm am Rücken krappelte, seid Ihr denn wahnsinnig, daß Ihr Euch so auf die Leute werft!«

»Entschuldigt mich,« sagte d'Artagnan, als er wieder unter den Schultern des Riesen erschien, »aber ich hatte Eile, ich laufe Einem nach, und ...«

»Vergeßt Ihr vielleicht Eure Augen, wenn Ihr Jemand nachlauft?« fragte Porthos.

»Nein,« antwortete d'Artagnan gereizt, »nein, und meinen Augen hab' ich es sogar zu danken, daß ich das sehe, was Andere nicht sehen.«

Porthos verstand oder verstand nicht, jedenfalls erfaßte ihn der Zorn und er rief:

»Mein Herr, man wird Euch zu striegeln wissen, wenn Ihr Euch an den Musketieren reibt.«

»Striegeln, mein Herr!« sagte d'Artagnan, »das Wort ist hart.«

»Es ist das Wort eines Mannes, der seinen Feinden ins Gesicht zu sehen gewohnt ist.«

»Ah! bei Gott, ich weiß wohl, daß Ihr den Eurigen den Rücken nicht zukehrt.«

Und über seinen Witz entzückt, entfernte sich der junge Mann laut lachend.

Porthos schäumte vor Wuth und machte eine Bewegung, um über d'Artagnan herzufallen.

»Später, später,« rief dieser, »wenn Ihr Euren Mantel nicht mehr anhabt.«

»Um ein Uhr also, hinter dem Luxemburg.«

»Sehr wohl, um ein Uhr,« erwiederte d'Artagnan, sich um die Straßenecke wendend.

Aber weder in der Straße, die er durchlaufen hatte, noch in derjenigen, in welcher er jetzt seine Blicke umherlaufen ließ, sah er irgend Jemand. So sachte der Unbekannte gegangen war, so hatte er doch einen Vorsprung gewonnen; vielleicht war er auch in ein Haus eingetreten. D'Artagnan erkundigte sich bei Allen, denen er begegnete, nach ihm, ging bis zur Fähre hinab und wieder durch die Rue de Seine und la Croix-Rouge hinauf, aber nichts, durchaus nichts. Dieses Laufen war jedoch in so fern für ihn vorteilhaft, als je mehr der Schweiß seine Stirne überströmte, desto mehr sein Gemüth sich abkühlte. Er fing nun an, über die Ereignisse die er so eben erlebt hatte, nachzudenken, sie waren zahlreich und unglücklich; es war kaum elf Uhr und bereits hatte ihm der Morgen die Ungunst des Herrn von Treville zugezogen, der die Art und Weise, wie d'Artagnan ihn verlassen hatte, etwas wenig cavaliermäßig finden mußte. Dann hatte er zwei Duelle mit Männern angebunden, von denen jeder im Stande war, drei d'Artagnan zu tödten, kurz mit zwei Musketieren, mit zwei von diesen Wesen, die er so hoch schätzte, daß er sie in seinem Geist und in seinem Herzen über alle andere Menschen stellte.

Diese Conjunctur war sehr traurig. In der Ueberzeugung, von Athos getödtet zu werden, bekümmerte sich der junge Mann begreiflicher Weise nicht viel um Porthos. Da jedoch die Hoffnung das Letzte ist, was in dem Herzen des Menschen erlischt, so fing er wirklich an zu hoffen, er könnte diese zwei Duelle, freilich mit furchtbaren Wunden, überleben, und im Fall des Ueberlebens machte er sich für die Zukunft folgende Vorstellungen:

»Was für ein hirnloser Tölpel bin ich! Dieser brave und unglückliche Athos ist an der Schulter verwundet und ich stürze mit dem Kopfe auf ihn zu, gerade wie ein Stier. Mich wundert nur, daß er mich nicht todt zu Boden streckte; er hatte das Recht dazu, und der Schmerz, den ich ihm verursacht habe, muß furchtbar gewesen sein. Was Porthos betrifft, – ah Porthos! das ist drolliger.« Und unwillkürlich fing der junge Mann an zu lachen, wobei er indessen umherschaute, ob durch dieses vereinzelte Gelächter Niemand ohne Grund verletzt wurde. »Die Sache mit Porthos ist drolliger, darum bin ich aber nicht weniger ein elender Dummkopf. Wirft man sich so auf die Leute, ohne »Habt Acht!« zu rufen, nein! und schaut man ihnen unter den Mantel, um zu sehen, was nicht da ist? Er hätte mir gewiß verziehen. Er hätte mir verziehen, wäre ich nicht so unklug gewesen, von dem Wehrgehänge zu sprechen, allerdings mit verblümten Worten! ja, schön, verblümt! Ah! verdammter Gascogner, der ich bin, ich würde in der Bratpfanne Witze machen. Auf! d'Artagnan, mein Freund,« fuhr er fort, indem er zu sich selbst mit all der Höflichkeit sprach, die er sich zu schulden glaubte, »entkommst Du, was nicht sehr wahrscheinlich ist, so hast Du in Zukunft eine vollkommene Höflichkeit zu beobachten. Man muß Dich fortan bewundern, als Musterbild nennen. Zuvorkommend und höflich sein, heißt nicht feig sein. Man schaue nur Aramis an, er ist die Sanftmuth, die Artigkeit selbst, und Niemand ist noch der Meinung gewesen, er sei ein Feigling! Nein, gewiß nicht, und von nun an will ich mich ganz nach seinem Vorbild formen! Ah! hier ist er gerade.«

Immer vorwärts marschirend und mit sich selbst sprechend war d'Artagnan bis auf einige Schritte zu dem Hotel d'Aiguillon gelangt, und vor diesem Hotel hatte er Aramis wahrgenommen, welcher munter mit drei Edelleuten von der Leibwache des Königs plauderte. Aramis bemerkte d'Artagnan ebenfalls; da er nicht vergaß, daß sich Herr von Treville diesen Morgen in seiner Gegenwart so stark ausgedrückt hatte, und da ein Zeuge der Vorwürfe, welche den Musketieren zu Theil wurden, ihm in keiner Beziehung angenehm war, so gab er sich den Anschein, als würde er ihn gar nicht gewahr. D'Artagnan aber, der im Gegentheil ganz mit seinen Versöhnungs- und Höflichkeitserklärungen beschäftigt war, näherte sich den vier jungen Leuten und machte eine tiefe Verbeugung, begleitet mit dem artigsten Lächeln. Aramis nickte leicht mit dem Kopf, lächelte aber nicht. Alle vier unterbrachen jedoch sogleich ihr Gespräch.

D'Artagnan war nicht so thöricht, um nicht einzusehen, daß er hier zu viel war, aber er hatte in den Manieren der großen Welt noch nicht genug Gewandtheit, um sich auf eine geschickte Art aus einer Lage zu ziehen, wie es in der Regel die eines Menschen ist, der sich unter Leute, die er nicht kennt, und in ein Gespräch gemischt hat, das ihn nichts angeht. Er suchte eben in seinem Innern nach einem Mittel, sich auf die wenigst linkische Weise zurückzuziehen, als er sah, daß Aramis ein Taschentuch entfallen war, auf das er, ohne Zweifel aus Unachtsamkeit, seinen Fuß gestellt hatte; dies schien ihm der günstige Augenblick zu sein, um seine Unschicklichkeit wieder gut zu machen; er bückte sich, zog mit der verbindlichsten Miene, die er sich zu geben vermochte, das Taschentuch unter dem Fuße des Musketiers hervor, wie sehr dieser sich auch anstrengte, es zurückzuhalten, und sprach, indem er ihm dasselbe übergab: »Ich glaube, mein Herr, Ihr würdet dieses Taschentuch wohl nicht gerne verlieren.«

Das Taschentuch war in der That reich gestickt und hatte eine Krone und ein Wappen in einer seiner Ecken. Aramis erröthete im höchsten Grade und riß das Taschentuch förmlich aus den Händen des Gascogners.

»Ah! ah!« rief einer von den Umstehenden; »wirst Du noch behaupten. Du stehest schlecht mit Frau von Bois-Tracy, da diese anmuthige Dame die Gefälligkeit hat, Dir ihre Taschentücher zu leihen?«

Aramis schleuderte d'Artagnan einen von den Blicken zu, welche einem Menschen begreiflich machen, daß er sich einen Todfeind zugezogen hat; aber sogleich wieder seine süßliche Miene annehmend, sprach er:

»Ihr täuscht Euch, meine Herren, dieses Taschentuch gehört nicht mir, und ich weiß nicht, warum es diesem Menschen in den Kopf gekommen ist, es eher mir, als einem von Euch zuzustellen; zum Beweis ist hier das meinige in meiner Tasche.«

Bei diesen Worten zog er sein eigenes Taschentuch hervor, ebenfalls ein sehr elegantes, feines Batisttuch, obgleich Batist damals noch theuer war, aber ohne Wappen, ohne Stickerei und nur mit einem einzigen Buchstaben, dem seines Eigentümers, bezeichnet.

Diesmal gab d'Artagnan keinen Ton von sich; er hatte seinen Mißgriff erkannt. Aber die Freunde von Aramis ließen sich durch sein Leugnen nicht überzeugen, und der eine von ihnen wandte sich mit geheucheltem Ernste an ihn und sprach:

»Wenn es so wäre, wie du behauptest, mein lieber Aramis, so würde ich mich genöthigt sehen, es von Dir zurückzufordern, denn Bois-Tracy ist, wie Du weißt, einer von meinen innigsten Freunden, und man soll keine Trophäen aus dem Eigenthum seiner Gattin machen.«

»Du stellst Dein Verlangen nicht auf die geeignete Weise,« erwiederte Aramis, »und während ich die Gerechtigkeit Deiner Forderung im Grunde würdige, müßte ich sie der Form wegen zurückweisen.«

»In der That,« wagte d'Artagnan schüchtern zu bemerken, »ich habe das Tuch nicht aus der Tasche von Aramis fallen sehen. Er hatte den Fuß darauf, das ist das Ganze, und weil er den Fuß darauf hatte, glaubte ich, das Taschentuch gehöre ihm.«

»Und Ihr habt Euch getäuscht,« antwortete Aramis kalt, ohne auf diese Entschuldigung Werth zu legen. Dann wandte er sich gegen denjenigen, welcher sich für den Freund von Bois-Tracy ausgegeben hatte, und fuhr fort: »Ueberdies, mein lieber Herzensfreund, bei Bois-Tracy fällt mir gerade ein, daß ich selbst ein nicht weniger zärtlicher Freund von ihm bin, als Du sein kannst, so daß dieses Tuch eben so wohl aus Deiner Tasche, als aus der meinigen gefallen sein kann.«

»Nein, auf meine Ehre,« rief der Soldat von der Leibwache Sr. Majestät.

»Du schwörst bei Deiner Ehre und ich bei meinem Worte, und dabei muß nun nothwendig einer von uns beiden lügen. Halt, es ist das Gescheiteste, Montaran, es nimmt jeder von uns die Hälfte davon.«

»Von dem Taschentuch?«

»Ja.«

»Vortrefflich,« riefen die zwei Andern. »Das Urtheil des Salomo. Aramis, Du bist in der That ein weiser Mann.«

Die jungen Leute brachen in ein schallendes Gelächter aus, und die Sache hatte, wie man sich denken kann, keine weitere Folge. Nach einem Augenblick hörte das Gespräch auf, die drei Soldaten von der Leibwache und der Musketier drückten sich herzlich die Hände und gingen auseinander.

»Das ist der Augenblick, um mit diesem artigen Mann Frieden zu schließen,« sagte d'Artagnan, der sich während des letzten Theils der Unterredung etwas bei Seite gehalten hatte, zu sich selbst, und mit dieser freundlichen Gesinnung trat er näher zu Aramis, der sich entfernte, ohne ihm weitere Aufmerksamkeit zu schenken.

»Mein Herr,« sprach er, »Ihr werdet mich hoffentlich entschuldigen.«

»Ah! mein Herr, »unterbrach ihn Aramis, »erlaubt mir, Euch zu bemerken, daß Ihr in dieser Sache nicht gehandelt habt, wie ein artiger Mann hätte handeln müssen.«

»Wie, Herr! Ihr meint ...«

»Ich meine, Herr, daß Ihr kein Dummkopf seid, und daß Ihr, obgleich Ihr aus der Gascogne kommt, wohl wißt, daß man nicht ohne Grund auf Taschentücher steht. Was zum Teufel, Paris ist nicht mit Batist gepflastert.«

»Mein Herr, Ihr habt Unrecht, daß Ihr mich zu demüthigen sucht,« sagte d'Artagnan, bei dem der angeborene Streitgeist lauter sprach, als seine friedlichen Entschließungen. »Ich bin allerdings aus der Gascogne, und da Ihr dieß wißt, so brauche ich Euch nicht zu sagen, daß die Gascogner wenig Geduld besitzen, und wenn sie sich einmal entschuldigt haben, sei es auch wegen einer Grobheit, so sind sie überzeugt, sie haben um die Hälfte mehr gethan, als sie hätten thun sollen.«

»Mein Herr,« erwiederte Aramis, »was ich Euch sage, sage ich nicht aus Händelsucht. Ich gehöre, Gott sei Dank! nicht zu den Raufbolden, und da ich nur vorläufig Musketier bin, so schlage ich mich blos, wenn ich dazu genöthigt werde, und stets mit Widerstreben. Aber diesmal ist es eine Angelegenheit von Belang, denn Ihr habt die Ehre einer Dame gefährdet.« »Ich? was wollt Ihr damit sagen?« rief d'Artagnan. – »Warum hattet Ihr die Ungeschicklichkeit, mir dieses Taschentuch zurückzustellen?« – »Warum hattet Ihr die Ungeschicklichkeit, es fallen zu lassen?« – »Ich habe gesagt und wiederhole, mein Herr, daß dieses Tuch nicht aus meiner Tasche gekommen ist.« – »Nun, dann habt Ihr zweimal gelogen, mein Herr, denn ich habe es selbst herausfallen sehen.« – »Ha! Ihr sprecht aus diesem Tone, Herr Gascogner? nun wohl! ich werde Euch Lebensart beibringen.« – »Und ich werde Euch in Euere Messe zurückschicken, mein Herr Abbé. Zieht vom Leder, und zwar sogleich, wenn es Euch gefällig ist.«

»Nein, mit Eurer Erlaubniß, mein schöner Freund, wenigstens nicht hier. Seht Ihr nicht, daß wir dem Hotel d'Aiguillon gegenüberstehen, das voll von Kreaturen des Kardinals ist? Wer sagt mir, daß Euch nicht Se. Eminenz beauftragt hat, ihm meinen Kopf zu verschaffen? Nun halte ich lächerlich viel auf meinen Kopf, da er mir sehr gut zu meinen Schultern zu passen scheint. Ich will Euch wohl tödten, seid ganz ruhig, aber in der Stille, an einem heimlichen, verborgenen Orte, damit Ihr Euch gegen Niemand Eures Todes rühmen könnt.« – »Es mag wohl sein, aber verlaßt Euch nicht darauf, und nehmt Euer Taschentuch mit, ob es Euch gehört, oder nicht, Ihr habt vielleicht Gelegenheit, es zu benützen.« – »Der Herr ist ein Gascogner?« fragte Aramis.

»Ja, aber der Herr verschiebt einen Zweikampf nicht aus Klugheit.« – »Die Klugheit ist eine für Musketiere ziemlich überflüssige Tugend, wie ich wohl weiß, aber sie ist unerläßlich für Geistliche, und da ich nur provisorisch Musketier bin, so bemühe ich mich klug zu bleiben. Um zwei Uhr werde ich die Ehre haben, Euch im Hotel des Herrn von Treville zu erwarten, dort zeige ich Euch geeignete Stellen.«

Die zwei jungen Leute grüßten, Aramis ging die Straße hinauf, welche nach dem Luxembourg führte, während d'Artagnan, als er sah, daß die bestimmte Stunde nahe rückte, den Weg nach dem Barfüßerkloster einschlug. Dabei sagte er zu sich selbst: »Ich kann offenbar nicht mit dem Leben durchkommen, aber wenn ich getödtet werde, so werde ich doch wenigstens von einem Musketier getödtet.«

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