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Die drei Musketiere - Band I

Alexandre Dumas (der Ältere): Die drei Musketiere - Band I - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas d. Ä.
titleDie drei Musketiere - Band I
publisherFranckh'sche Verlagshandlung
printrun14. Auflage
translatorZoller
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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XXVIII.

Rückkehr.

D'Artagnan blieb ganz betäubt durch die furchtbare Mittheilung von Athos. Es erschienen ihm noch sehr viele Dinge dunkel in dieser halben Offenbarung. Vor Allem war sie von einem völlig betrunkenen Menschen, einem halb Betrunkenen gemacht worden. Aber trotz der Schwankung, welche durch den Dunst von zwei oder drei Flaschen Burgunder im Gehirn entsteht, war d'Artagnan, als er am andern Morgen erwachte, jedes Wort noch so gegenwärtig, als ob die Sylben, wie sie von dem Mund des Einen fielen, in den Geist des Andern eingezeichnet worden wären. Der Zweifel, der sich in ihm regte, erzeugte ein noch viel lebhafteres Verlangen, Gewißheit zu bekommen, und er begab sich zu seinem Freund in der besten Absicht, das Gespräch am vorigen Abend wieder anzuknüpfen, aber er fand Athos bereits wieder in den feinsten, undurchdringlichsten Menschen umgewandelt.

Der Musketier, nachdem er einen Händedruck und ein Lächeln mit ihm ausgetauscht hatte, kam ihm indessen zuvor.

»Ich war gestern sehr betrunken, mein lieber d'Artagnan,« rief er, »ich fühlte dies heute Morgen an meiner immer noch etwas schweren Zunge und an meinem aufgeregten Pulse. Ich wette, daß ich tausenderlei närrische Dinge preisgegeben habe.«

Während er diese Worte sprach, schaute er seinen Freund so fest an, daß dieser dadurch in Verlegenheit gerieth.

»Nicht doch,« erwiederte d'Artagnan, »und wenn ich mich recht erinnere, so habt Ihr nichts Außerordentliches gesprochen.

»Ah, Ihr setzt mich in Erstaunen. Ich glaubte Euch eine höchst klägliche Geschichte erzählt zu haben,« und dabei sah er den jungen Mann an, als wollte er in der Tiefe seiner Seele lesen.

»Meiner Treu',« sprach d'Artagnan, »es scheint, ich war noch betrunkener als Ihr, da ich mir gar nicht mehr erinnern kann.«

Athos ließ sich nicht mit diesen Worten abspeisen, sondern versetzte:

»Es kann Euch nicht entgangen sein, mein lieber Freund, daß jeder seine eigene Art von Trunkenheit bat: der Eine, eine lustige, der Andere eine traurige. Ich habe sie traurige Trunkenheit, und wenn ich einmal weingrün bin, so ist es meine Manier, alle trübselige Geschichten zu erzählen, die mir meine alberne Amme in das Hirn gepflanzt hat. Das ist mein Fehler, ein Hauptfehler, ich gestehe es zu; aber abgesehen davon bin ich ein guter Trinker.«

Athos sagte dies auf eine so natürliche Weise, daß d'Artagnan in seiner Ueberzeugung erschüttert wurde.

»O! das ist es, in der That,« sprach der junge Mann, der hinter die Wahrheit zu kommen suchte. »Dergleichen ist es. Ich erinnere mich, wie man sich eines Traumes erinnert, daß wir von Gehenkten gesprochen haben.« – »Ah, Ihr seht wohl,« sagte Athos erbleichend, während er zu lächeln suchte, »ich wußte es, die Gehenkten sind mein Alp.« – »Ja, ja,« entgegnete d'Artagnan, »das Gedächtnis kehrt wieder bei mir ein: es war die Rede ... wartet nur ... es war die Rede von einer Frau.« – »Seht,« erwiederte Athos beinahe bleifarbig geworden, »das ist meine große Geschichte von der blonden Frau. Wenn ich diese erzähle, bin ich bis zur Bewußtlosigkeit betrunken.« – »Ja, das ist es,« sagte d'Artagnan, »die Geschichte von der blonden Frau, groß und schön mit blauen Augen.« – »Ja, und gehenkt.« – »Durch ihren Gatten, der ein hoher Herr von Eurer Bekanntschaft war,« fuhr d'Artagnan, seinen Freund fest anschauend, fort. – »Seht Ihr, wie man einen Menschen bloßstellen kann, wenn man nicht mehr weiß, was man sagt,« fuhr Athos fort und zuckte die Achseln, als ob er sich selbst bemitleidete. »Gewiß, ich will mich nicht mehr betrinken, d'Artagnan, es ist eine gar zu schlechte Gewohnheit. Bald hätte ich vergessen,« fügte er hinzu, »ich danke Euch für das Pferd, das Ihr mir mitgebracht habt.« – »Gefällt es Euch?« – »Ja, aber es ist kein Pferd für Strapazen.« – »Ihr täuscht Euch. Ich habe zehn Meilen in weniger als anderthalb Stunden mit ihm ge macht, und es schien nicht mehr ermüdet, als wenn es einmal auf der Place Saint-Sulpice im Kreise umher geritten worden wäre.« – »Ei, ei, das ist sehr ärgerlich.« – »Aergerlich?« – »Ja, ich habe mich desselben entäußert.« – »Wie dies?« – »Hört: als ich diesen Morgen um sechs Uhr erwachte, schlieft Ihr wie ein Dachs, und ich wußte nicht, was ich machen sollte. Ich war noch ganz verdumpft von unserer gestrigen Schwelgerei. Ich ging in den großen Saal hinab und sah einen von unfern Engländern, der mit einem Roßtäuscher um ein Pferd handelte. Dem seinigen war ein Blutgesäß gesprungen. Ich nähere mich ihm und sage, als ich gewahr wurde, daß er hundert Pistolen für einen Schweißfuchs bot: ›Bei Gott, mein edler Herr, ich habe auch ein Pferd zu verkaufen.‹ – ›Und zwar ein sehr schönes,‹ sprach er. ›Ich habe es gestern gesehen. Der Knecht Eures Freundes führte es an der Hand.‹ – ›Glaubt Ihr, es sei hundert Pistolen werth?‹ – ›Ja. Wollt Ihr es mir um diesen Preis geben?‹ – ›Nein, aber ich spiele mit Euch darum.‹ – ›Wie?‹ – ›Mit Würfeln.‹ – »Gefugt gethan, und ich habe das Pferd verloren.« Doch hört wohl,« fuhr Athos fort, »die Decke habe ich wieder gewonnen.«

D'Artagnan machte eine ziemlich verdrießliche Miene.

»Das ist Euch unangenehm?« sprach Athos.

»Allerdings, ich muß es Euch gestehen,« erwiederte d'Artagnan. »Dieses Pferd sollte dazu dienen, uns an einem Schlachttag kenntlich zumachen; es war ein Pfand, ein Andenken. Athos, Ihr habt Unrecht gehabt.«

»Ei, mein lieber Freund, versetzt Euch an meine Stelle,« entgegnete der Musketier, »ich langweilte mich zum Sterben, und dann auf Ehre, ich liebe die englischen Pferde nicht. Hört, wenn es sich nur darum handelt, von irgend Jemand erkannt zu werden, so wird der Sattel genügen. Er ist auffallend genug. Was das Pferd betrifft, so werden wir irgend eine Entschuldigung finden, um sein Verschwinden zu rechtfertigen. Was Teufels! ein Pferd ist sterblich. Gesetzt, das meine hätte den Wurm oder den Rotz bekommen!«

D'Artagnan's Antlitz erheiterte sich nicht.

»Es ist mir verdrießlich,« fuhr Athos fort, »daß Ihr so viel auf diese Thiere zu halten scheint, denn ich bin mit meiner Geschichte noch nicht zu Ende.« – »Was habt Ihr weiter noch gemacht?« – »Nachdem ich mein Pferd verloren hatte, neun gegen zehn, (seht, was für ein Wurf!) kam mir der Gedanke, um das Eurige zu spielen.« – »Ja, aber es blieb doch hoffentlich bei dem Gedanken?« – »Nein, ich brachte ihn sogleich in Ausführung.« – »Ah, den Henker!« rief d'Artagnan unruhig. – »Ich spielte und verlor.« – »Mein Pferd?« – »Euer Pferd, sieben gegen acht; um ein Auge ... Ihr kennt das Sprichwort?« – »Athos, ich schwöre, Ihr seid nicht bei Vernunft.« – »Mein Lieber, das hättet Ihr mir gestern sagen sollen, als ich Euch die tollen Geschichten erzählte, und nicht heute. Ich verlor es also sammt Sattel und Zeug.« – »Aber das ist abscheulich!« – »Nur Geduld, Ihr habt Unrecht. Ich wäre ein vortrefflicher Spieler, wenn ich nicht hartnäckig würde, aber das ist der Fall, wie beim Trinken. Ich wurde also hartnäckig.« – »Aber um was konntet Ihr denn spielen? Es blieb Euch ja nichts mehr übrig.« – »Allerdings, mein Freund, es blieb Euch noch der Diamant übrig, der an Eurem Finger glänzt und den ich gestern bemerkt hatte.« – »Dieser Diamant!« rief d'Artagnan, und fuhr mit der Hand an seinen Ring. – »Und da ich Kenner bin, insoferne ich einige für eigene Rechnung besessen hatte, schätzte ich ihn auf tausend Pistolen.« – »Ich hoffe« sprach d'Artagnan halbtodt vor Schrecken, »Ihr erwähntet meines Diamants nicht?« – »Im Gegentheil, lieber Freund, Ihr begreift doch, daß dieser Diamant unser einziges Rettungsmittel war. Mit ihm konnte ich unser Reitzeug, unsere Pferde, und sogar Geld für die Reise wieder gewinnen.« – »Athos, Ihr macht mich zittern!« rief d'Artagnan. – »Ich sprach also von Eurem Diamant mit meinem Gegenspieler, der ihn ebenfalls wahrgenommen hatte. Was Teufel, mein Lieber, Ihr tragt an Eurem Finger einen Stern des Himmels und wollt, man soll nicht darauf aufmerksam werden? Unmöglich.« – »Vollendet, mein Lieber, vollendet!« sprach d'Artagnan, »denn auf Ehre, Ihr bringt mich um mit Eurer Kaltblütigkeit.« – »Wir theilten also diesen Diamant in zehn Theile von je hundert Pistolen.« – »Ah, Ihr wollt scherzen und mich auf die Probe stellen,« sagte d'Artagnan, den der Zorn zu ersticken drohte. – »Nein, ich scherze nicht, Mord und Teufel! Ich hätte Euch wohl sehen mögen! Vierzehn Tage lang hatte ich kein menschliches Antlitz zu Gesicht bekommen, und war durch dieses ewige Umarmen der Weinflaschen rauhborstig geworden.« – »Das ist kein Grund, um meinen Ring auf das Spiel zu setzen,« entgegnete d'Artagnan, die Hand krampfhaft zusammenpressend. – »Hört also das Ende. Zehn Theile zu hundert Pistolen, ohne Revanche. Auf dreizehn Würfe verlor ich Alles. Auf dreizehn Würfe! Dreizehn ist immer eine Unglückszahl für mich gewesen; es geschah am 13. Juli, daß ...« – »Tod und Teufel!« rief d'Artagnan aufspringend; die Geschichte dieses Tages machte ihn die des vorhergehenden vergessen. – »Geduld,« sprach Athos, »ich hatte einen Plan. Der Engländer war ein Original. Ich sah ihn am Morgen mit Grimaud plaudern, und dieser meldete mir, er habe ihm den Antrag gemacht, er möge in seine Dienste treten. Ich spiele mit ihm um Grimaud, den stillschweigenden Grimaud, in zehn Portionen getheilt.« – »Ah, Gottes Wunder!« rief d'Artagnan und brach in ein lautes Gelächter aus. – »Grimaud selber, hört Ihr wohl, und mit den zehn Theilen von Grimaud, der nicht ganz einen Dukaten werth ist, gewinne ich den Diamant wieder. Sagt mir also noch einmal, die Beharrlichkeit sei keine Tugend.« – »Meiner Treue! das ist drollig!« rief d'Artagnan getröstet, und hielt sich vor Lachen die Seiten. – »Ihr begreift, daß ich, als ich mich wieder bei Kräften fühlte, abermals um den Diamant zu spielen anfing.« – »Ah, Teufel!« sagte d'Artagnan verdüstert. – »Ich gewann Euer Reitzeug wieder und dann Euer Pferd, dann mein Reitzeug, dann mein Pferd, und verlor abermals. Kurz, ich habe Euer Reitzeug wieder bekommen und das meinige. Und so stehen nun die Sachen. Das war ein vortrefflicher Wurf, und ich blieb dabei.«

D'Artagnan athmete, als ob man ihm das ganze Wirthshaus von der Brust genommen hätte.

»Der Diamant bleibt mir also?« sprach er schüchtern. –

»Unberührt, mein lieber Freund. Auch das Reitzeug Eueres Bucephalus und des meinigen.« – »Aber was sollen wir mit dem Reitzeug ohne Pferd machen?« – »Ich habe hierüber einen Gedanken.« – »Athos, Ihr macht mich beben.« – »Hört: Ihr habt seit langer Zeit nicht mehr gespielt, d'Artagnan!« – »Und ich habe auch keine Lust zu spielen.« – »Verschwören wir nichts. Ihr habt seit langer Zeit nicht mehr gespielt, sagte ich, Ihr müßt folglich eine glückliche Hand haben.« – »Gut, und hernach?« – »Gut, der Engländer und sein Gefährte sind noch hier. Ich bemerkte, daß es ihnen sehr leid thut, unser Reitzeug nicht zu besitzen. Ihr scheint viel auf Euer Pferd zu halten. An Euerer Stelle würde ich um Euer Reitzeug gegen Euer Pferd spielen.« – »Aber er wird nicht um ein einziges Reitzeug wollen.« – »Spielt um beide. Bei Gott, ich bin kein Egoist, wie Ihr.« – »Ihr würdet dies thun?« sagte d'Artagnan unentschlossen, so sehr wurde er unwillkürlich von der Zuversichtlichkeit seines Freundes angesteckt. – »Bei meinem Ehrenwort, auf einen Wurf!« – »Da ich die Pferde verloren habe, so muß mir sehr viel daran liegen, wenigstens das Reitzeug zu behalten.« – »So spielt um Euern Diamant.« – »O, das ist ein ander Ding; nie, nie!« – »Teufel!« sprach Athos, »ich würde Euch vorschlagen, um Grimaud zu spielen; da dies aber bereits geschehen ist, so wird der Engländer ohne Zweifel nicht mehr wollen.« – »Entschieden, mein lieber Athos,« sagte d'Artagnan, »ich will lieber gar nichts mehr wagen.« – »Das ist Schade,« sprach Athos kalt. »Der Engländer ist ganz gespickt mit Pistolen. Ei, mein Gott, versucht doch einen Wurf. Ein Wurf ist bald gemacht.« – »Und wenn ich verliere?« – »Ihr werdet gewinnen.« – »Aber wenn ich verliere?« – »Gut, so gebt Ihr ihm unser Reitzeug.« – »Es mag sein, einen Wurf,« sprach d'Artagnan.

Athos suchte den Engländer auf und fand ihn im Stalle, wo er das Reitzeug der Freunde mit lüsternen Augen betrachtete. Die Gelegenheit war günstig. Er machte seine Bedingungen: Beider Reitzeug gegen ein Pferd oder hundert Pistolen nach Belieben. Der Engländer rechnete schnell. Das Reitzeug war wenigstens dreihundert Pistolen werth. Er schlug ein.

D'Artagnan warf die Würfel zitternd und bekam die Zahl drei. Seine Blässe erschreckte Athos, welcher nur die Worte sprach: »Das ist ein trauriger Wurf, Kamerad; Ihr bekommt die Pferde mit Sattel und Zeug, mein Herr.«

Triumphirend nahm sich der Engländer nicht einmal die Mühe, die Würfel zu rollen. Er warf sie auf den Tisch, ohne hinzusehen, so sehr war er von seinem Siege überzeugt. D'Artagnan hatte sich umgedreht, um seinen Verdruß zu verbergen.

»Halt, halt, halt!« sprach Athos in seinem ruhigen Tone. »Das ist ein außerordentlicher Wurf, und ich habe ihn nur viermal in meinen Leben gesehen. Zwei Aß!«

Der Engländer schaute und war wie niedergedonnert. D'Artagnan schaute ebenfalls und wurde roth vor Freude.

›Ja,‹ fuhr Athos fort, »nur viermal: einmal bei Herrn von Crequi, zum zweiten Mal bei mir im Felde, in meinem Schlosse, als ich noch ein Schloß hatte, ein drittes Mal bei Herrn von Treville, und ein viertes Mal in einer Schenke, wo es mich traf und ich dabei hundert Louisd'or nebst einem Abendbrod verlor.« – »Der Herr nimmt also sein Pferd wieder?« sprach der Engländer. – »Allerdings,« sagte d'Artagnan. – »Dann findet keine Revanche statt?« – »Unsere Bedingungen lauteten: keine Revanche, wie Ihr Euch erinnern werdet.« – »Allerdings; das Pferd soll Eurem Bedienten übergeben werden.« »Einen Augenblick,« sagte Athos. »Mit Euerer Erlaubniß, mein Herr, ich wünschte ein Wort mit meinem Freunde zu sprechen.« – »Sprecht!«

Athos nahm d'Artagnan bei Seite.

»Nun?« fragte d'Artagnan. »Was willst Du noch von mir, Versucher? Du willst, daß ich spiele?« – »Ich will, daß Du nachdenkst.« – »Worüber?« – »Du hast das Pferd wieder genommen?« – »Gewiß.« – »Du hast Unrecht. Ich würde die hundert Pistolen nehmen. Du weißt, daß Du um unser Reitzeug gegen das Pferd, oder um hundert Pistolen gespielt hast.« – »Ja.« – »Ich würde die hundert Pistolen nehmen.« – »Gut, und ich nehme das Pferd.« – »Und Ihr habt Unrecht, mein Freund, das wiederhole ich Euch. Was wollen wir mit einem Pferde für uns Beide machen? Ich kann doch nicht hinten aufsitzen, wir würden aussehen, wie zwei Haimonskinder, die ihre Brüder verloren haben. Ihr könnt mich doch nicht so sehr demüthigen, daß Ihr auf diesem prachtvollen Schlachtrosse neben mir herreitet. Ich nähme, ohne einen Augenblick m schwanken, die hundert Pistolen. Wir brauchen Geld, um nach Paris zurückzukommen.« – »Es liegt mir Alles an diesem Pferde, Athos.« – »Und Ihr habt Unrecht mein Freund. Ein Pferd macht einen Seitensprung, ein Pferd bäumt sich und überschlägt, ein Pferd frißt aus einer Krippe, aus der ein rotziges Thier gefressen hat, dann ist ein Pferd, oder vielmehr es sind hundert Pistolen verloren. Ferner muß der Herr sein Pferd ernähren, während im Gegentheil hundert Pistolen ihren Herrn ernähren.« – »Aber wie sollen wir zurückkommen?« – »Auf den Pferden unserer Bedienten. Bei Gott! man wird uns immer noch am Gesicht ansehen, daß wir Leute von Stand sind.« – »Wir werden uns gut ausnehmen auf solchen Mähren, während Aramis und Porthos auf ihren schönen Rossen einherreiten.« – »Aramis! Porthos!« rief Athos und brach in ein schallendes Gelächter aus. – »Was gibt es denn?« fragte d'Artagnan, der die Heiterkeit seines Freundes nicht begreifen konnte. – »Nichts, nichts, fahrt nur fort,« sagte Athos. – »Also Euer Rath ...« – »Ist, die hundert Pistolen zu nehmen, d'Artagnan mit den hundert Pistolen können wir schwelgen bis zu dem Ende des Monats. Wir haben Strapazen ausgestanden, seht Ihr wohl, und bedürfen ein wenig der Ruhe.« – »Ich ausruhen? o nein, Athos! Sobald ich in Paris bin, forsche ich wieder nach dieser armen Frau.« – »Wohl, glaubt Ihr etwa, Euer Pferd wäre Euch zu diesem Behufe nützlicher, als schöne Louisd'or? Nehmt die hundert Pistolen, mein Freund, nehmt die hundert Pistolen.«

D'Artagnan bedurfte nur eines Grundes um sich zu fügen, und dieser schien ihm vortrefflich. Ueberdies befürchtete er, in den Augen von Athos egoistisch zu erscheinen, wenn er länger auf seinem Willen beharren würde. Er willigte also ein, und wählte die hundert Pistolen, die ihm der Engländer sogleich ausbezahlte.

Nun dachte man nur an die Abreise, der Friedensschluß mit dem Wirthe kostete außer dem alten Pferd von Athos sechs Pistolen. D'Artagnan und Athos nahmen die Pferde von Planchet und Grimaud. Die zwei Bedienten begaben sich, die Sättel auf ihren Köpfen tragend, zu Fuß auf den Weg.

So schlecht beritten die Freunde auch waren, so gewannen sie doch bald einen Vorsprung vor ihren Lakaien und langten in Crevecoeur an. Sie erblickten von ferne Aramis, der sich schwermüthig auf ein Fenstergesimse stützte und nachschaute, wie der Horizont in eine Staubwolke gehüllt wurde.

»He, holla, Aramis! was macht Ihr denn da?« riefen die zwei Freunde.

»Ah, Ihr seid es, d'Artagnan, Ihr seid es, Athos?« sprach der junge Mann. »Ich dachte darüber nach, mit welcher Schnelligkeit die Güter dieser Welt verschwinden. Mein englisches Roß, das sich von hier entfernte, und eben in einem Staubwirbel verschwunden ist, war mir ein lebendiges Bild von der Hinfälligkeit aller irdischen Dinge. Das Leben läßt sich in die drei Worte auflösen: fuit. est. erit.« – »Das will sagen?« fragte d'Artagnan, der die Wahrheit zu ahnen anfing. – »Das will sagen, daß ich so eben einen albernen Handel abgeschlossen habe. Sechszig Louisd'or um ein Pferd, das nach seinem Gange zu schließen wenigstens fünf Meilen in einer Stunde zurücklegen kann.«

D'Artagnan und Athos brachen in ein Gelächter aus.

»Mein lieber d'Artagnan,« sagte Aramis, »seid mir nicht zu sehr gram, ich bitte Euch. Noth kennt kein Gebot. Ueberdies bin ich am meisten gestraft, da mich dieser heillose Roßhändler wenigstens um fünfzig Louisd'or betrogen hat. Ah! Ihr seid gute Haushalter, Ihr Beiden. Ihr reitet auf den Pferden Eurer Lakaien, und laßt Euch Eure Luxuspferde sachte und in kleinen Tagemärschen an der Hand nachführen.«

In demselben Augenblick hielt ein Frachtwagen, den man seit einigen Minuten auf der Straße von Amiens erblickte, vor dem Gasthofe an, und man sah Grimaud und Planchet, ihre Sättel auf dem Kopfe, aussteigen. Der Frachtwagen kehrte leer nach Paris zurück, und die zwei Lakaien hatten sich anheischig gemacht, den Fuhrmann auf dem ganzen Wege zechfrei zu halten, wenn er sie mitnehmen würde.

»Was ist das? was soll das bedeuten?« sagte Aramis, als er sah, was vorging. »Nur die Sättel?« – »Begreift Ihr nun?« sprach Athos. – »Meine Freunde, das ist gerade, wie bei mir. Ich habe Sattel und Zeug instinktmäßig behalten. Holla, Bazin, trage mein neues Reitzeug zu denen der beiden Herren.« – »Und was habt ihr mit euren Doktoren gemacht?« fragte d'Artagnan.

»Mein Lieber, ich habe sie am andern Tag zum Mittagessen eingeladen,« sprach Aramis. »Es gibt hier, beiläufig gesagt, vortrefflichen Wein. Ich machte sie, so gut es mir möglich war, betrunken, dann verbot mir der Pfarrer, die Uniform abzulegen, und der Jesuit bat mich, ihn unter die Musketiere aufnehmen zu lassen!« – »Ohne These,« rief d'Artagnan, »ohne These! Ich verlange die Unterdrückung der These.«

»Von da an lebte ich angenehm,« fuhr Aramis fort. »Ich fing ein Gedicht in einsilbigen Versen an, das ist schwierig, aber das Verdienst liegt bei jeder Sache in der Schwierigkeit. Der Stoff ist galanter Natur; ich werde Euch den ersten Gesang vorlesen. Er hat vierhundert Verse und dauert eine Minute.«

»Meiner Treue, mein lieber Aramis,« sprach d'Artagnan, der die Verse beinahe eben so sehr haßte, als das Latein, »fügt dem Verdienste der Schwierigkeit noch das der Kürze bei, und Ihr könnt wenigstens überzeugt sein, daß es zwei Verdienste haben wird.«

»Ein drittes besteht darin,« fuhr Aramis fort, »daß es redliche Leidenschaften athmet. Wir kehren nach Paris zurück? Bravo! Ich bin bereit! Wir werden also den guten Porthos wieder sehen? Desto besser! Ihr glaubt nicht, wie sehr er mir fehlte, dieser große Pinsel. Ich sehe ihn so gerne in seiner Selbstzufriedenheit, das söhnt mich mit mir aus. Er wird sein Pferd nicht verkauft haben, und wäre es auch gegen ein Königreich! Es ist mir, als ob ich ihn vor mir hätte, auf seinem schönen Thier und seinem glänzenden Sattel. Er sieht gewiß aus, wie ein Großmogul.«

Man hielt eine Stunde an, um die Pferde ausschnaufen zu lassen. Aramis bezahlte seine Rechnung, brachte Bazin bei seinen Kameraden im Frachtwagen unter, und man setzte sich in Marsch, um zu Porthos zu gelangen.

Die Freunde fanden ihn beinahe genesen und folglich minder bleich, als er bei d'Artagnans erstem Besuch gewesen war. Er saß vor einem Tische, auf dem, obgleich er allein war, ein Mittagsbrod für vier Personen figurirte; dieses Mittagsbrod bestand aus zierlich zugerichteten Fleischspeisen, ausgesuchten Weinen und vortrefflichem Obst.

»Ah, bei Gott!« sprach er ausstehend, »Ihr kommt wie gerufen, meine Herren. Ich war gerade bei der Suppe und Ihr könnt mit mir zu Mittag speisen.«

»Oh, oh!« rief d'Artagnan, »hat Mousqueton solche Flaschen mit dem Lasso gefangen, dann finde ich hier ein gespicktes Fricandeau und einen Lendenbraten ...«

»Ich stärke mich,« sagte Porthos, »ich stärke mich. Nichts schwächt so sehr, als diese verdammten Quetschungen. Habt Ihr schon Quetschungen gehabt, Athos?«

»Niemals, nur erinnere ich mich, daß ich bei unserem Streit in der Rue Ferou einen Degenstich bekam, der nach Verlauf von vierzehn oder acht Tagen genau dieselbe Wirkung hervorbrachte.«

»Aber dieses Mittagsbrod war nicht für Euch allein, mein lieber Porthos,« sagte Aramis.

»Nein,« erwiederte Porthos, »ich erwartete einige Edelleute aus der Nachbarschaft, die mir so eben sagen ließen, sie würden nicht kommen; ihr nehmt ihre Stellen ein, ich verliere nichts bei dem Tausch. Holla, Mousqueton, Stühle! und man verdopple die Flaschen!«

»Wißt Ihr, was wir hier essen?« sagte Athos nach zehn Minuten.

»Bei Gott!« antwortete d'Artagnan, »ich esse gespicktes Kalbfleisch mit Artischocken.« – »Und ich Hammelskeule,« sprach Porthos. – »Und ich Hühnerfricassee,« sagte Aramis. – »Ihr täuscht Euch, meine Herren,« erwiederte Athos ernst. »Ihr verspeist Pferdefleisch.« – »Geht doch,« rief d'Artagnan. – »Pferdefleisch!« brummte Aramis mit einer Grimasse des Ekels.

Porthos allein antwortete nicht.

»Ja, Pferdefleisch, nicht wahr. Porthos, wir speisen Pferdefleisch, und vielleicht Sattel und Zeug dazu?«

»Nein, meine Herren, ich habe das Reitzeug behalten,« sagte Porthos.

»Meiner Treue, von uns ist einer so gut wie der andere,« rief Aramis; »es ist, als ob wir uns das Wort gegeben hätten.«

»Was wollt Ihr, dieses Pferd beschämte meine Gäste und ich wollte sie nicht demüthigen.«

»Und dann ist Euere Herzogin immer noch in den Bädern, nicht wahr?« fragte d'Artagnan.

»Immer noch,« erwiederte Porthos. »Auch schien der Gouverneur der Provinz, einer von den Edelleuten, die ich heute zum Mittagsbrod erwartete, ein so großes Verlangen darnach zu haben, daß ich es ihm schenkte.« – »Geschenkt,« rief d'Artagnan.

»Oh! mein Gott, ja, geschenkt, das ist das rechte Wort,« sprach Porthos, »es war wenigstens hundert und fünfzig Louisd'or werth und der Knicker wollte mir nicht mehr dafür geben, als achtzig.« – »Ohne den Sattel?« sagte Aramis. – »Ja, ohne den Sattel.«

»Ihr bemerkt, meine Herren,« sprach Athos, »daß Porthos abermals den besten Handel von uns allen gemacht hat.«

Dann entstand ein schallendes Gelächter, wodurch der arme Porthos ganz verdutzt wurde, aber man erzählte ihm bald die Ursache dieser Heiterkeit, an der er, seiner Gewohnheit gemäß, geräuschvollen Antheil nahm.

»Auf diese Art sind wir also alle bei Kasse,« sagte d'Artagnan. – »Was mich betrifft,« entgegnete Athos, »ich fand den spanischen Wein von Aramis so gut, daß ich sechzig Flaschen in den Frachtwagen der Bedienten packen ließ, was meinen Baarbestand gewaltig geschmälert hat.« – »Und ich,« sprach Aramis, »stellt Euch vor, daß ich meinen letzten Sou der Kirche von Montdidier und den Jesuiten von Amiens geschenkt, daß ich überdies Verbindlichkeiten eingegangen hatte, welche erfüllt werden mußten: ich habe für mich und Euch, meine Herren, Messen bestellt, die man lesen wird, und bei denen wir uns, wie ich gar nicht zweifle, vortrefflich befinden werden.« –»Und ich,« sagte Porthos, »glaubt Ihr, meine Quetschung habe nichts gekostet? Die Wunde Mousquetons nicht zu rechnen, für den ich jeden Tag zweimal den Chirurgen kommen lassen mußte.« – »Wohl, wohl,« versetzte Athos, mit d'Artagnan und Aramis ein Lächeln austauschend, »ich sehe, daß Ihr Euch sehr großmüthig gegen den armen Burschen benommen habt. So benimmt sich nur ein guter Herr.« – »Kurz, wenn ich meine Rechnung bezahlt habe, werden mir höchstens dreißig Thaler übrig bleiben.« – »Und mir ungefähr zehn Pistolen,« sprach Aramis. – »Es scheint, wir sind die Krösusse der Gesellschaft,« sagte Athos, »wie viel habt ihr noch von Eueren hundert Pistolen übrig?« – »Von meinen hundert Pistolen? Erstlich habe ich Euch fünfzig davon gegeben.« – »Ihr glaubt?« – »Bei Gott!« – »Ah! es ist wahr, ich erinnere mich.« – »Dann habe ich dem Wirthe sechs bezahlt.« – »Welches Vieh, dieser Wirth? Warum habt Ihr ihm sechs Pistolen gegeben?« – »Weil Ihr es mich hießet.« – »Allerdings ich bin zu gut. Kurz, es bleiben übrig?« – »Fünf und zwanzig Pistolen,« antwortete d'Artagnan.« – »Und ich,« sprach Athos, etwas kleine Münze aus der Tasche ziehend, »seht hier.« – »Ihr, nichts.« – »Meiner Treue, oder so wenig, daß es nicht der Mühe werth ist, es zur Masse zu schlagen.« – »Nun wollen wir berechnen, wie viel wir besitzen: Porthos?« – »Dreißig Thaler.« – »Aramis?« – »Zehn Pistolen.« – »Und Ihr, d'Artagnan?« – »Fünf und zwanzig.« – »Das macht im Ganzen?« fragte Athos. – »Vier hundert und fünf und siebenzig Livres,« antwortete d'Artagnan, ein Archimed im Rechnen. – »Bei unserer Ankunft in Paris werden uns immerhin noch vierhundert übrig bleiben,« rief Porthos. »Vortrefflich! doch wir wollen jetzt speisen, der zweite Gang wird kalt.«

Nunmehr über ihre Zukunft beruhigt, erwiesen die vier Freunde dem Mittagsmahl alle Ehre, die Überreste desselben aber wurden den Herren Mousqueton, Bazin, Planchet und Grimaud überlassen.

Als d'Artagnan in Paris ankam, fand er einen Brief von Herr des Essarts, der ihn von dem festen Entschluß Sr. Majestät, am ersten Mai den Feldzug zu eröffnen, benachrichtigte und ihn darauf aufmerksam machte, daß er sich ungesäumt zu equipiren habe.

Er lief sogleich zu seinen Kameraden, die er eine halbe Stunde zuvor verlassen hatte und jetzt sehr traurig, oder vielmehr sehr in Unruhe fand. Sie waren bei Athos im Rathe versammelt, was immer Umstände von ernster Bedeutung ankündigte.

Es hatte wirklich jeder in seiner Wohnung einen ähnlichen Brief von Herrn von Treville erhalten.

Die vier Philosophen schauten sich ganz verdutzt an; Herr von Treville kannte keinen Scherz, was die Disciplin betraf.

»Wie hochschätzt Ihr diese Equipirungen?« fragte d'Artagnan.

»O! das läßt sich so ungefähr sagen,« erwiederte Aramis, »wir haben in diesem Augenblick unsere Rechnung mit spartanischer Knickerei gemacht und gefunden, daß jeder von uns fünfzehnhundert Livres braucht.«

»Vier mal fünfzehn macht sechzig, das sind sechstausend Livres,« sprach Athos.

»Mir scheint,« entgegnete d'Artagnan, »tausend Livres wären hinreichend für Jeden. Ich spreche allerdings nicht als Spartaner, sondern als Procurator ...«

Das Wort Procurator erweckte Porthos.

»Halt! ich habe einen Gedanken,« rief er.

»Das ist schon etwas; ich habe nicht einmal einen Schatten von einem Gedanken,« sprach Athos kalt; »aber d'Artagnan ist ein Narr, meine Herren. Tausend Livres! Ich erkläre, daß ich für meine Equipirung allein zweitausend brauche.«

»Vier mal zwei macht acht,« sagte Aramis; »wir brauchen also achttausend Livres, um uns zu equipiren, wobei nicht zu vergessen, daß wir die Sättel bereits haben.«

»Und dann,« sagte Athos, der, um diesen verheißungsreichen Gedanken auszusprechen wartete, bis d'Artagnan, welcher Herrn von Treville danken wollte, die Thüre hinter sich geschlossen hatte, »und dann der schöne Diamant, der am Finger unseres Freundes funkelt. Was Teufels, d'Artagnan ist ein zu guter Kamerad, um Brüder in der Verlegenheit stecken zu lassen, während er an seinem Mittelfinger das Lösegeld für einen König trägt.«

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