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Die drei Musketiere - Band I

Alexandre Dumas (der Ältere): Die drei Musketiere - Band I - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas d. Ä.
titleDie drei Musketiere - Band I
publisherFranckh'sche Verlagshandlung
printrun14. Auflage
translatorZoller
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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XXI.

Die Gräfin von Winter.

Den ganzen Weg entlang ließ sich der Herzog über Alles von d'Artagnan Bericht erstatten, nicht über Alles, was vorgefallen war, sondern über das, was d'Artagnan davon wußte. Indem er die Mittheilungen des jungen Mannes mit seinen Erinnerungen zusammenhielt, konnte er sich einen genauen Begriff von der Lage machen, von deren Mißlichkeit ihm der Brief der Königin, so kurz er auch war, einen Maßstab gab. Er wunderte sich besonders darüber, daß es dem Kardinal, dem so viel daran liegen mußte, daß der junge Mann England nicht erreichen konnte, nicht gelungen war, ihn auf dem Wege aufgreifen zu lassen. Als er sein Erstaunen hierüber kund gab, erzählte ihm d'Artagnan von den Vorsichtsmaßregeln, die er genommen, und wie er durch die aufopfernde Ergebenheit seiner drei Freunde, die er blutend und zerstreut auf der Straße zurückgelassen, mit einem Degenstiche sich durchgeschlagen, der durch das Billet der Königin gedrungen war, und den er dem Grafen von Wardes mit so furchtbarer Münze zurückbezahlt hatte. Während der Herzog auf diese Erzählung hörte, die mit der größten Einfachheit vorgetragen wurde, schaute er d'Artagnan mit erstaunter Miene an, als könnte er nicht begreifen, wie er so viel Muth, so viel Klugheit, so viel Ergebenheit mit einem Gesichte zusammenreimen sollte, das kaum zwanzig Jahre andeutete.

Die Pferde gingen wie der Wind, und in wenigen Minuten befanden sie sich vor den Thoren von London. D'Artagnan hatte geglaubt, der Herzog würde in der Stadt etwas langsamer reiten; aber dem war nicht so. Er setzte seinen Weg in größter Eile fort und kümmerte sich nicht darum, ob er die Leute auf der Straße niederwarf. Wirklich ereigneten sich mehrere Unfälle dieser Art während des Rittes durch die Stadt. Aber Buckingham drehte nicht einmal den Kopf um zu sehen, was aus denjenigen, welche er niederritt, geworden war. D'Artagnan folgte ihm mitten unter Schreien, welche viel Aehnlichkeit mit Verfluchungen hatten.

Im Hof seines Hotels sprang Buckingham von seinem Pferd, warf ihm gleichgültig den Zügel auf den Hals und stürzte nach der Treppe. D'Artagnan that dasselbe, jedoch mit etwas mehr Unruhe für diese edlen Thiers, deren Verdienst er würdigen gelernt hatte; aber zu seiner Befriedigung bemerkte er, daß drei bis vier Bedienten aus den Küchen und Ställen herbeiliefen und sich sogleich der Pferde bemächtigten.

Der Herzog ging so rasch, daß d'Artagnan Mühe hatte, ihm zu folgen. Er durchschritt nach einander mehrere Salons von einer Eleganz, von der selbst die vornehmen Herren Frankreichs keinen Begriff hatten, und gelangte endlich in ein Schlafgemach, das zugleich ein Wunder von Geschmack und Reichtum war. Im Alkoven dieses Gemachs war eine in der Tapete angebrachte Thüre, welche der Herzog mit einem kleinen goldenen Schlüssel öffnete, den er an einer Kette von demselben Metall am Halse trug. Aus Bescheidenheit war d'Artagnan zurückgeblieben. Aber in dem Augenblick, wo Buckingham die Schwelle dieser Thüre überschritt, drehte er sich um und sprach, als er das Zögern des jungen Mannes wahrnahm:

»Kommt, und wenn Ihr die Ehre habt, vor Ihrer Majestät erscheinen zu dürfen, so sagt ihr, was Ihr hier seht.«

Ermuthigt durch diese Aufforderung, folgte d'Artagnan dem Herzog, der die Thüre hinter sich schloß.

Beide befanden sich nun in einer kleinen mit persischer Seide tapezierten und mit Gold gestickten Kapelle, welche mit einer großen Anzahl von Kerzen stark beleuchtet war. Ueber einer Art von Altar und unter einem Prachthimmel von blauem Sammet, überragt von weißen und rothen Federn, gewahrte man ein Porträt in natürlicher Größe, Anna von Oesterreich so vollkommen ähnlich darstellend, daß d'Artagnan unwillkürlich einen Schrei des Erstaunens ausstieß. Man hätte glauben sollen, Ihre Majestät wäre im Begriff zu sprechen.

Auf dem Altar und unter dem Porträt stand das Kistchen, welches die diamantenen Nestelstifte enthielt.

Der Herzog näherte sich dem Altar, kniete davor nieder, wie ein Priester vor dem Christusbilde, und öffnete das Kistchen.

»Seht,« sprach er, indem er eine große ganz von Diamanten funkelnde blaue Bandschleife hervorzog, »seht, hier sind diese kostbaren Nestelstifte, mit denen ich mich begraben zu lassen geschworen hatte. Die Königin hat sie mir gegeben, die Königin nimmt sie mir wieder, ihr Wille geschehe, wie der Wille Gottes, in allen Dingen.«

Dann küßte er alle diese Stifte, von denen er sich trennen sollte, einen um den andern. Plötzlich stieß er einen furchtbaren Schrei aus.

»Was gibt es?« fragte d'Artagnan unruhig. »Was ist Euch, Mylord?«

»Alles ist verloren!« rief Buckingham, indem er todesbleich wurde; »zwei von diesen Nestelstiften fehlen; es sind nur noch zehn.«

»Hat Mylord sie verloren, oder glaubt er, man könnte sie ihm gestohlen haben?«

»Man hat sie mir gestohlen,« erwiederte der Herzog, »und das ist ein Streich des Kardinals! Seht, die Bänder, an denen sie befestigt waren, sind mit der Scheere durchschnitten.«

»Sollte Mylord vermuthen, wer den Diebstahl begangen hat? ... Vielleicht sind sie noch in den Händen der Person.«

»Geduld!« rief der Herzog. »Ich trug diese Nestelstifte nur ein einziges Mal vor acht Tagen auf einem Ball des Königs in Windsor. Die Gräfin von Winter, mit der ich gespannt war, näherte sich nur auf diesem Ball. Diese Annäherung war eine Rache der eifersüchtigen Frau. Seitdem habe ich sie nicht wieder gesehen. Sie ist eine Agentin Richelieus.«

»Also gibt es auf der ganzen Welt Agenten von ihm?« rief d'Artagnan.

»Oh! ja, ja,« sprach Buckingham vor Zorn mit den Zähnen knirschend; »ja, er ist ein furchtbarer Gegner. Doch wann soll der bewußte Ball stattfinden?«

»Nächsten Montag.«

»Nächsten Montag! Fünf Tage also? Das ist mehr Zeit als wir brauchen. Patrice!« rief ver Herzog, die Thüre der Kapelle öffnend, »Patrice!«

Der Kammerdiener erschien.

»Meinen Juwelier und meinen Sekretär!«

Der Kammerdiener entfernte sich mit einer Geschwindigkeit, und Schweigsamkeit, woraus sich erkennen ließ, daß er an blinden und stummen Gehorsam gewöhnt war.

Aber obgleich man den Juwelier zuerst gerufen hatte, erschien doch der Sekretär vor diesem. Dies war ganz einfach, denn er wohnte im Hotel. Er fand Buckingham in seinem Schlafzimmer vor einem Tisch sitzend und eigenhändig einige Briefe schreibend.

»Herr Jakson,« sprach er, »Ihr begebt Euch stehenden Fußes zum Lordkanzler und sagt ihm, daß ich ihn mit Vollziehung dieser Befehle beauftrage. Ich verlange, daß sie sogleich bekannt gemacht werden sollen.«

»Aber, gnädigster Herr, wenn der Lordkanzler mich nach den Motiven fragt, die Eure Herrlichkeit zu so außerordentlichen Maßregeln veranlassen konnten, was soll ich antworten?«

»So habe es mir gefallen, und ich habe Niemand über meinen Willen Rechenschaft zu geben.«

»Ist das die Antwort, die er Seiner Majestät zu überbringen hat,« versetzte der Sekretär lächelnd, »wenn Seine Majestät zufällig so neugierig sein sollte, wissen zu wollen, warum kein Schiff aus den Häfen Großbritanniens auslaufen darf?«

»Ihr habt Recht, mein Herr,« antwortete Buckingham; »er mag in diesem Fall dem König sagen, ich habe den Krieg beschlossen, und diese Maßregel sei mein erster feindseliger Akt gegen Frankreich.«

Der Sekretär verbeugte sich und trat ab.

»Wir sind nun von dieser Seite her ruhig,« sprach Buckingham, sich gegen d'Artagnan umwendend. »Wenn die Nestelstifte noch nicht nach Frankreich abgegangen sind, so werden sie erst nach Euch ankommen.«

»Wie dies?«

»Ich habe einen Embargo aus alle Schiffe gelegt, welche sich zu dieser Stunde in den Häfen seiner Majestät befinden, und ohne besondere Erlaubniß wird es keines wagen, die Anker zu lichten.«

D'Artagnan betrachtete staunend diesen Mann, der die unbeschränkte Gewalt, womit ihn das Vertrauen des Königs bekleidet hatte, im Dienste seiner Liebschaften ausbeutete. Buckingham bemerkte am Gesichtsausdruck des jungen Mannes, was in seinem Innern vorging, und lächelte.

»Ja,« sagte er, »ja, Anna von Oesterreich ist meine wahre Königin, auf ein Wort von ihr verrathe ich mein Vaterland, meinen König, meinen Gott. Sie hat mich gebeten, den Protestanten von La Rochelle die Hülfe nicht zu schicken, die ich ihnen zugesagt hatte, und ich habe es gethan. Ich habe mein Wort gebrochen, aber gleich viel, ich gehorchte ihrem Wunsche; sagt, wurde ich nicht großmüthig für meinen Gehorsam bezahlt? denn diesem habe ich ihr Porträt zu verdanken.«

D'Artagnan staunte und bedachte, an welch schwachen und unbekannten Fäden oft die Geschicke der Völker und das Leben der Menschen hängen.

Er war ganz in Betrachtungen versunken, als der Goldschmied eintrat: er war ein Irländer und einer der geschicktesten Künstler seines Fachs; er gestand selbst, daß er jährlich hundert tausend Livres bei dem Herzog von Buckingham gewann.

»Herr O'Reilly,« sagte der Herzog, indem er ihn in die Kapelle führte, »betrachtet diese diamantenen Nestelstifte und sagt mir, was das Stück werth ist.«

Der Goldschmied warf einen Blick auf die zierliche Fassung, berechnete den Werth jedes einzelnen Diamants und antwortete ohne Zögern:

»Fünfzehnhundert Pistolen das Stück.«

»Wie viel Tage braucht man, um zwei solche Nestelstifte zu machen, wie diese sind? Ihr seht, daß zwei fehlen.«

»Acht Tage, Mylord.«

»Ich bezahle Euch dreitausend Pistolen für das Stück; übermorgen muß ich sie haben.«

»Mylord wird sie haben.«

»Ihr seid ein kostbarer Mann, Herr O'Reilly; aber das ist noch nicht Alles; diese Stifte kann man Niemand anvertrauen, sie müssen in meinem Palaste gemacht werden.«

»Unmöglich, Mylord, nur ich bin im Stande, die Arbeit so auszuführen, daß man den Unterschied zwischen den neuen und den alten nicht sieht.«

»Dann seid Ihr mein Gefangener, mein lieber Herr O'Reilly, und dürft den Palast von dieser Stunde an nicht mehr verlassen: entschließt Euch also. Nennt mir diejenigen Eurer Gehülfen, deren Ihr bedürft, und bezeichnet mir die Werkzeuge, die sie mitbringen sollen.«

Der Goldschmied kannte den Herzog! er wußte, daß jede Gegenbemerkung vergeblich gewesen wäre, und faßte also sogleich seinen Entschluß.

»Es wird mir erlaubt sein, meine Frau davon in Kenntniß zu setzen?« fragte er.

»Oh! es ist Euch auch erlaubt, sie zu sehen, mein lieber O'Reilly; seid unbesorgt, Euere Gefangenschaft soll mild sein, und da jede Störung eine Schadloshaltung heischt, so nehmt außer dem Preise für die zwei Nestelstifte, diese Anweisung auf tausend Pistolen, damit Ihr leichter die Beschwerde vergeht, die ich Euch verursache.«

D'Artagnan konnte sich von seinem Erstaunen über diesen Minister nicht erholen, der mit vollen Händen Menschen und Millionen in Bewegung setzte.

Der Goldschmied schrieb an seine Frau und schickte ihr die Anweisung auf tausend Pistolen, mit dem Auftrag, ihm dagegen seinen geschicktesten Gesellen, ein Sortiment von Diamanten, die er ihr dem Gewicht und Titel nach bezeichnete, und eine Anzahl von Instrumenten, deren er bedurfte, zuzusenden.

Buckingham führte den Goldschmied in das für ihn bestimmte Zimmer, welches nach Verlauf einer halben Stunde in eine Werkstätte verwandelt war; dann stellte er eine Wache vor jede Thüre mit dem strengen Verbot, irgend Jemand außer seinem Kammerdiener Patrice einzulassen. Es bedarf kaum der Erwähnung, daß es dem Goldschmied O'Reilly und seinem Gehülfen unter keinem Vorwand gestattet war, den Palast zu verlassen.

Nachdem der Herzog diesen Punkt geordnet hatte, kehrte er zu d'Artagnan zurück.

»Nun, mein junger Freund,« sprach er, »nun gehört England uns beiden; was wollt Ihr, was wünscht Ihr?«

»Ein Bett,« antwortete d'Artagnan; »das ist in diesem Augenblick für mich das wesentlichste Bedürfniß.«

Buckingham gab d'Artagnan ein Zimmer, das an das seinige stieß. Er wollte den jungen Mann bei der Hand behalten, nicht als ob er ihm mißtraut hätte, sondern um einen Menschen bei sich zu haben, mit dem er beständig von der Königin sprechen konnte.

Eine Stunde nachher wurde in London der Befehl verkündigt, kein nach Frankreich bestimmtes Schiff aus den Häfen auslaufen zu lassen, nicht einmal das Briefpaquetboot. Dies war in Aller Augen eine Kriegserklärung zwischen den zwei Königreichen.

Am zweiten Tag um elf Uhr waren die diamantenen Nestelstifte vollendet und so genau nachgeahmt, so vollkommen ähnlich, daß Buckingham die neuen nicht von den alten unterscheiden konnte, und daß das geübteste Kennerauge sich getäuscht hätte.

Sogleich ließ der Herzog d'Artagnan rufen.

»Hier sind die diamantenen Nestelstifte, die Ihr holen wolltet. Seid mein Zeuge, daß ich Alles gethan habe, was in der Macht eines Menschen lag.«

»Seid unbesorgt, Mylord, ich werde erzählen, was ich gesehen habe, aber Ew. Herrlichkeit legen die Nestelstifte nicht wieder in das Kistchen.«

»Das Kistchen wäre unbequem für Euch. Ueberdies ist es für mich um so kostbarer, als es mir allein bleibt. Ihr werdet sagen, daß ich es behalte.«

»Euer Auftrag soll Wort für Wort vollzogen werden, Mylord.«

»Und nun,« sprach Buckingham und schaute dabei den jungen Mann fest an, »wie soll ich meine Schuld gegen Euch abtragen?«

D'Artagnan erröthete bis unter das Weiß der Augen. Er sah, daß der Herzog ihn bewegen wollte, irgend etwas anzunehmen, und der Gedanke, daß das Blut seiner Gefährten und das seinige mit englischem Golde bezahlt werden sollte, widerstrebte ganz und gar seiner Denkungsart.

»Verständigen wir uns, Mylord,« versetzte d'Artagnan, »wägen wir die Umstände vorher genau ab, damit nicht nachher ein Mißverständniß daraus entstehe. Ich bin im Dienste des Königs und der Königin von Frankreich und gehöre zu der Gardekompagnie des Herrn des Essarts, welcher, wie sein Schwager, Herr von Treville, Ihren Majestäten ganz besonders ergeben ist. Ich habe also Alles für die Königin und nichts für Ew. Herrlichkeit gethan. Ueberdieß hätte ich vielleicht von Allem dem gar nichts ausgeführt, wenn es sich nicht darum gehandelt hätte, einer Person angenehm zu sein, welche meine Dame ist, wie die Königin die Eure.«

»Ja,« sprach der Herzog lächelnd, »und ich glaube sogar die andere Person zu kennen; es ist ...«

»Mylord, ich habe sie nicht genannt,« unterbrach ihn der junge Mann lebhaft.

»Das ist wahr,« sprach der Herzog. »Also muß ich dieser Person für Eure Aufopferung dankbar sein?«

»Ihr habt es gesagt, Mylord; denn gerade zu dieser Stunde, wo von einem Krieg die Rede ist, gestehe ich, daß ich in Ew. Herrlichkeit nur einen Engländer und folglich einen Feind sehe, dem ich noch viel lieber auf dem Schlachtfeld, als im Park von Windsor oder in den Gängen des Louvre begegnen würde, was mich indessen nicht abhalten soll, meine Sendung zu vollziehen und mich nötigenfalls in Erfüllung derselben tödten zu lassen; aber ich wiederhole Ew. Herrlichkeit, daß Ihr mir persönlich ebenso wenig für das zu danken habt, was ich bei diesem zweiten Zusammentreffen für mich thue, als für das, was ich bei dem ersten für Euch gethan habe.«

»Wir sagen: ›Stolz wie ein Schottländer,‹ murmelte Buckingham.

»Und wir sagen: ›Stolz wie ein Gascogner,‹ antwortete d'Artagnan. »Die Gascogner sind die Schottländer Frankreichs.«

D'Artagnan verbeugte sich vor dem Herzog und schickte sich an zu gehen.

»Nun? Ihr geht, wie Ihr da seid! Auf welchem Wege, wie?«

»Das ist wahr!«

»Gott verdamm mich! die Franzosen bedenken gar nichts.«

»Ich hatte vergessen, daß England eine Insel ist, und daß Ihr der König derselben seid.«

»Geht in den Hafen, fragt nach der Brigg Sund, stellt dem Kapitän diesen Brief zu; er wird Euch nach einer Bucht führen, wo man Euch gewiß nicht erwartet, und wo gewöhnlich nur Fischerschiffe landen.«

»Wie heißt diese Bucht?«

»Saint Valery. Doch wartet: hier angelangt, geht Ihr in eine schlechte Herberge ohne Namen und Schild, in eine wahre Matrosenschenke; Ihr könnt Euch nicht täuschen; es giebt nur eine daselbst.«

»Hernach?«

»Ihr fragt nach dem Wirthe und sagt ihm: Forward.«

»Was soll das heißen?«

»Vorwärts: das ist das Losungswort. Er wird Euch ein gesatteltes Pferd geben und den Weg nennen, den Ihr einzuschlagen habt; auf dieselbe Art findet Ihr vier Relais auf Euerer Route. Wenn Ihr wollt, so gebt Ihr jedem derselben Eure Adresse in Paris, und die vier Pferde werden Euch dahin folgen. Zwei davon kennt Ihr bereits und es schien mir, Ihr wußtet sie als Liebhaber zu schätzen. Es sind die beiden, welche wir ritten. Glaubt mir, die zwei andern stehen nicht hinter ihnen zurück. Diese vier Pferde sind für das Feld ausgerüstet. So stolz Ihr auch sein mögt; werdet Ihr Euch doch nicht weigern, eines für Euch und die drei andern für Eure Gefährten anzunehmen. Ihr nehmt sie ja, um damit Krieg gegen uns zu führen. Der Zweck heiligt das Mittel, wie ihr Franzosen sagt, nicht wahr?«

»Ja, Mylord, ich nehme Euer Anerbieten an,« sprach d'Artagnan, »und wir werden, wenn es Gott gefällt, einen guten Gebrauch von Euren Geschenken machen.«

»Nun, Eure Hand, junger Mann, vielleicht treffen wir uns bald auf dem Schlachtfelde, mittlerweile scheiden wir gewiß als gute Freunde.«

»Ja, Mylord, aber in der Hoffnung, bald Feinde zu werden.«

»Seid ruhig, ich verspreche es Euch.«

»Ich baue auf Euer Wort, Mylord.«

D'Artagnan verbeugte sich vor dem Herzog und lief rasch nach dem Hafen.

Dem Tower von London gegenüber fand er das bezeichnete Schiff, stellte den Brief dem Kapitän zu, der ihn von dem Hafengouverneur visiren ließ und sogleich unter Segel ging.

Fünfzig Schiffe warteten zum Auslaufen bereit. Als d'Artagnan Bord an Bord an einem derselben vorüberfuhr, glaubte er die Frau von Meung zu erkennen, dieselbe, welche der unbekannte Edelmann Mylady genannt, und die er selbst so schön gefunden hatte.

Aber mit Hülfe der raschen Strömung und eines guten Windes ging das Schiff so geschwind, daß er in einem Augenblick den übrigen Fahrzeugen aus dem Auge war.

Am andern Tage gegen neun Uhr Morgens ankerte man vor Saint Valery.

D'Artagnan wandte sich sogleich nach der bezeichneten Herberge und erkannte dieselbe aus dem Geschrei, welches daraus hervordrang; man sprach von dem Krieg zwischen England und Frankreich als von einer nahe bevorstehenden und unzweifelhaften Sache, und die Matrosen feierten zum Voraus ein lustiges Gelage.

D'Artagnan durchschritt die Menge, ging auf den Wirth zu und sprach das Wort » Forward« aus. Sogleich deutete ihm der Wirth durch ein Zeichen an, er möge ihm folgen, entfernte sich mit ihm durch eine Thüre, welche nach dem Hofe ging, führte ihn in den Stall, wo ein völlig gesatteltes und aufgezäumtes Pferd seiner harrte und fragte ihn, ob er sonst noch etwas bedürfe.

»Ich brauche nur den Weg kennen zu lernen, den ich einzuschlagen habe,« sagte d'Artagnan.

»Geht von hier nach Blangy, und von Blangy nach Neufchatel. In Neufchatel steigt an der Herberge zur goldenen Egge ab, sagt dem Wirthe das Losungswort, und Ihr werdet wie hier ein Pferd mit Sattel und Zeug finden.«

»Habe ich Euch etwas zu entrichten?« fragte d'Artagnan.

»Es ist Alles bezahlt,« antwortete der Wirth, »und zwar reichlich. Geht also, und Gott geleite Euch.«

»Amen!« erwiederte der junge Mann und ritt im Galopp von dannen.

Vier Stunden später war er in Neufchatel.

Er befolgte streng die Instruktion, welche er erhalten hatte. In Neufchatel, wie zuvor in Saint Valery, fand er ein Pferd mit Sattel und Zeug, das seiner harrte. Er wollte die Pistolen aus dem Sattel nehmen, den er verließ, und in den andern übertragen; die Halfter waren bereits mit ähnlichen Pistolen ausgerüstet.

»Eure Adresse in Paris?« – »Hotel der Garden, Kompagnie des Essarts.« – »Gut,« antwortete der Wirth. – »Welche Route soll ich nehmen?« fragte d'Artagnan.

»Die von Rouen. Ihr laßt aber die Stadt zu Eurer Rechten. In dem kleinen Dorfe Ecouis haltet Ihr an. Es giebt dort nur eine Herberge, die zum französischen Thaler. Beurtheilt sie nicht nach ihrem Aussehen. In ihrem Stalle findet Ihr ein Pferd, das so viel werth ist, wie dieses.«

»Dasselbe Losungswort?« – »Ganz dasselbe.« – »Gott befohlen, Meister!« – »Glückliche Reise, edler Herr. Bedürft Ihr sonst noch etwas?«

D'Artagnan machte mit dem Kopf ein verneinendes Zeichen und gab seinem Pferde die Sporen. In Ecouis wiederholte sich dieselbe Scene. Er fand einen eben so zuvorkommenden Wirth, ein frisches, ausgeruhtes Pferd, ließ seine Adresse zurück, wie er es vorher gethan hatte, und ritt mit derselben Eile nach Pontoise. In Pontoise wechselte er zum letzten Male, und um neun Uhr Abends sprengte er in vollem Galopp in den Hof des Herrn von Treville. Er hatte beinahe sechszig Lieues in zwölf Stunden zurückgelegt.

Herr von Treville empfing ihn, als ob er ihn an demselben Morgen gesehen hätte, nur drückte er ihm die Hand etwas lebhafter, als gewöhnlich. Er theilte ihm mit, daß die Kompagnie des Herrn des Essarts im Louvre die Wache habe, und daß er sich sogleich auf seinen Posten begeben könne.

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