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Die Drei in der Nacht

Max Brand: Die Drei in der Nacht - Kapitel 7
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDie Drei in der Nacht
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf
yearo.J.
translatorHellmuth Wetzel
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180225
projectid30d7648f
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Sechstes Kapitel.
Der Ruf ergeht

Dann schien der Wind umzuschlagen und trug vom Schlafhaus der Cowboys jetzt ein Lied herüber. Ein Chor frischer, fröhlicher Stimmen drang in den Raum. Die Gespenster verflogen, wie wenn das Tageslicht gekommen wäre. Joe Cumberland wollte allein gelassen werden. Diese Nacht könne er endlich schlafen, erklärte er, er spüre es. Und so verließen die drei das Zimmer.

Draußen auf der Diele blieben Kate und Daniels unter der Wandlampe stehen, die den Raum nur schwach erhellte, und sprachen miteinander. Sie schienen Byrnes Anwesenheit vergessen zu haben.

»Es mußte kommen«, sagte sie. »Ich wußte, früher oder später würde es geschehen, aber ich habe nie geahnt, daß es so furchtbar sein könnte. Buck, sage mir, was wir tun sollen.«

»Gott allein weiß es«, sagte der Cowboy. »Denke, wir werden nicht viel tun können. Warten werden wir müssen, wie die ganze Zeit. Was sonst?«

Es war erschreckend, um wieviel er plötzlich gealtert schien.

»Für ein paar Tage wird er jetzt glücklich sein,« fuhr Kate fort, »aber dann – wenn er merkt, daß es nichts bedeutet hat – was dann, Buck?«

Daniels griff nach ihrer Hand und klopfte sie besänftigend, wie ein Vater, der sein Kind tröstet.

»Ich habe dich gesehen, Kate, wie der Wind hereinbrach«, sagte er zärtlich. »Wirst du's ertragen können, Kate? Wird das ewig so bleiben, daß du Höllenqualen leidest, wenn du sie hörst?«

Sie antwortete: »Wenn es nur um mich ginge! Ja, ich kann es aushalten. Nachgerade habe ich angefangen zu glauben, daß ich alles aushalten kann. Aber wenn ich Dad ansehe, dann steht mir das Herz still – und du – o Buck, es tut weh, es tut weh!« Sie zog stürmisch seine Hand an die Brust. »Wenn es wenigstens etwas wäre, gegen das man ankämpfen kann.«

Buck Daniels seufzte. »Kämpfen?« wiederholte er hoffnungslos. »Kämpfen? Gegen ihn? Kate, du bist ja todmüde, geh zu Bett, Kleines, und versuch' nicht mehr daran zu denken – und Gott steh uns bei!«

Sie wandte sich von ihm weg und glitt an dem Doktor vorbei, mit Augen, die nichts sahen.

Buck Daniels setzte den Fuß auf die erste Treppenstufe. Byrne lief ihm nach und faßte ihn am Ärmel. Sie gingen zusammen hinauf.

»Mister Daniels,« sagte der Doktor, »ich muß Sie unbedingt für einen Augenblick unter vier Augen sprechen. Wollen Sie mit mir in mein Zimmer kommen?«

»Doc,« sagte der Cowboy, »ich brauch' meinen Schlaf, und mir ist es verdammt wenig ums Reden zu tun. Können Sie nicht bis morgen warten?«

»Hier ist schon viel zuviel gewartet worden, Daniels«, erklärte Randall. »Was ich zu sagen habe, muß jetzt gesagt werden. Kommen Sie 'rein?«

»Gut,« nickte Buck Daniels, »aber machen Sie's kurz.«

Im Zimmer steckte der Doktor die Lampe an und schloß die Tür zu.

»Was soll der Rummel und die Geheimnistuerei?« grollte der Cowboy. Den angebotenen Stuhl wies er zurück. »Schießen Sie los, Doc, und machen Sie's kurz.«

Der kleine Mann setzte sich nieder, nahm seine Brille ab, hielt sie gegen das Licht, fand einen Flecken darauf, polierte ihn sorgfältig weg, setzte die Brille wieder auf die Nase und ließ seine Augen gedankenvoll auf Daniels ruhen.

Buck Daniels Blicke wanderten eilig nach der Tür, dann sogar nach dem Fenster. Schließlich aber ließ er sich, ergeben in sein Schicksal, in den Stuhl fallen und senkte mit Duldermiene seine Hände in die Hosentaschen.

»Man hat mich gerufen,« fuhr der Doktor trocken fort, »um einen Patienten zu untersuchen, der gefährlich krank ist – oder vielmehr hoffnungslos krank, und ich habe festgestellt, daß sein Leiden auf einen Zustand nervös gespannter Erwartung zurückzuführen ist. Da es natürlich notwendig ist, sich über die Natur des Leidens im klaren zu sein und seine Ursache zu kennen, um sie beseitigen zu können, habe ich Sie hier hereingebeten, damit Sie mir mitteilen, was Sie darüber wissen.«

Buck Daniels rückte unbehaglich auf seinem Sitz hin und her, schließlich platzte er heraus: »Doc,« sagte er, »ich denke, Sie sind einer, der ein bißchen Grütze im Kopf hat. Mann, ich will Ihnen mal einen guten Ratschlag geben, den ich für Sie habe. Packen Sie sich von hier weg, so rasch Sie können und kommen Sie nie wieder. Ich weiß nicht, was Kate eingefallen ist, daß sie Sie hierhergeschleift hat.«

»Ich will jederzeit zugeben, daß Sie von den besten Absichten beseelt sind,« erklärte der Doktor, »aber die Annahme, daß die Schwierigkeit des Zentralproblems mich davon abschrecken könnte, den Versuch einer Analyse zu unternehmen, ist eine Hypothese, die ich nicht unwidersprochen lassen kann. Rund herausgesagt: Jetzt, wo ich einmal hier bin, gedenke ich zu bleiben.«

Buck Daniels setzte zum Sprechen an, aber er besann sich, zuckte die Achseln und lehnte sich ergeben wieder in seinen Stuhl zurück.

»Schön,« sagte er, »Kate hat Sie hierhergebracht. Kann sein, sie hat gewußt warum. Was wollen Sie denn wissen?«

»Welche Verbindung besteht zwischen Wildgänsen und einem Mann, seinem Pferd und seinem Hund.«

»Woher in Teufelsnamen wissen Sie was von einem Mann, einem Pferd und einem Hund und den Wildgänsen?« fragte Buck mit gepreßter Stimme.

»Leider bin ich in dieser Hinsicht bis jetzt nur auf Gerüchte angewiesen – aber, Herr, ich habe festgestellt, daß Cumberland, seine Tochter und Sie selbst, Herr, alle auf etwas warten, was kommen soll. Und ich fühle mich versucht anzunehmen, daß es ein Mann ist.«

»Doc,« sagte der Cowboy ironisch, »Sie haben 'nen hellen Kopf. Da ist kein Zweifel dran.«

»Spott, mein Herr,« erklärte der Doktor hitzig, »ist ein müßiger und unfruchtbarer Mißbrauch der geistigen Kräfte, der noch dazu uns bei der Untersuchung der vorliegenden Fragen nicht weiterbringt. Und diese Frage lautet: Wer und was ist der Mann, auf den hier alle warten?«

»Der Mann,« sagte Buck Daniels, »der kam von nirgendsher. Das ist alles, was wir darüber wissen. Und was er ist? Mann, das kann ich Ihnen sagen: er ist ein Kerl: er sieht aus wie ein Mann, und geht auf zwei Beinen wie ein Mann, und redet wie ein Mann – aber er ist kein Mann.«

»Ah,« nickte unser Philosoph, »ein Verbrechen von ungewöhnlichem Ausmaß hat also dazu geführt, daß er aus der Gemeinschaft der Menschen ausgestoßen wurde? Ist es so?«

»Ne«, erklärte Buck Daniels. »Hören Sie zu, Doc, jetzt werd' ich Sie was fragen. Kann ein Wolf ein Verbrechen begehen?«

»Wenn wir von folgender Definition ausgehen, daß ein Verbrechen ein Verstoß gegen das Gesetz ist, und daß das Gesetz eine Schöpfung der Vernunft ist, mit dem Ziel, das Verhalten denkender Wesen zu regeln, dann kann man ohne weiteres zugeben, daß die Handlungen der Lebewesen niederer Ordnung außerhalb der Begriffe liegen, die nach Maßgabe ethischer Vorschriften zugeschnitten sind. Um eine direkte Antwort auf Ihre nicht uninteressante Frage zu geben: Ich glaube, daß ein Wolf unfähig ist, das zu begehen, was wir Verbrechen nennen.«

Buck Daniels stieß einen schweren Seufzer aus.

»Doc,« sagte er, »ich will Ihnen was sagen, daran können Sie festhalten. Der Bursche, auf den wir hier warten, hat nicht mehr auf dem Gewissen als ein Wolf auf dem Gewissen hat.«

»Ah, ich verstehe«, murmelte der Doktor. »Ein Mann, der so nahe am Tierischen steht, daß das Unglaubliche, dessen er sich schuldig ...«

»Doc,« sagte Daniels mit mahnend aufgerecktem Finger, »das nageln Sie sich mal ins Hirn: Es gibt keinen hier herum, der sachter ist und sanftmütiger als der, von dem ich rede. Eine Stimme hat der Mensch – Doc, Sie wissen, was für 'ne Stimme Kate hat –, aber das ist nichts gegen die Stimme, die dem Kerl in der Kehle sitzt. Und Herz – Doc, ich hab's miterlebt, wie er aus dem Sattel gestiegen ist, um einem verwundeten Kaninchen zu helfen.«

Seine Stimme war ehrfürchtig. Was er erzählte, schien ihm selbst unglaublich. Dann fuhr er fort:

»Wenn ich in die Tinte käme, Doc, ich sag' Ihnen, ich wollte lieber den Mann neben mir haben als zehn andere. Wenn ich krank wäre, ich möchte eher ihn haben als zehn Doktors, und wenn ich einen Kameraden wollte, der sein Herzblut hergibt für die, die gut zu ihm waren, und der mit 'nem Kerl zum Teufel fährt, der's nicht war, Doc, just den Mann, von dem wir hier reden, würd' ich mir aussuchen und keinen anderen.«

Dieses Loblied war kein Erzeugnis einer allzu fruchtbaren Einbildungskraft. Buck Daniels meinte es ernst, er suchte nach Worten, um auszudrücken, was er fühlte.

»Außerordentlich merkwürdig«, murmelte der Doktor. Und er wiederholte es. Dann fuhr er bedächtig fort – seine schwachen Augen blinzelten zu Daniels hinüber: »Und es besteht eine Beziehung zwischen diesem Mann, einem Hund und einem Pferd?«

Ein Schauer überlief Buck Daniels. Er wechselte die Farbe.

»Doc,« sagte er, »nu hören Sie mal her! Ich hab' genug herumgeredet. Sie kriegen kein Wort mehr aus mir heraus. Bloß eins will ich Ihnen noch sagen: Schlafen Sie sich ordentlich aus, setzen Sie sich morgen früh auf Ihren Gaul und verduften Sie. Warten Sie nicht mal, bis Sie Frühstück kriegen, denn, sag' ich Ihnen, wenn Sie sich noch lange hier herumdrücken – wir haben hier 'ne kleine Hölle für uns privat –, und 's kann sein, wenn Sie noch lange warten, kriegen Sie Ihren Anteil ab. Kann sein, Sie fangen auch an und warten.«

Ein plötzlicher Einfall ließ ihn aufschnellen. Drohend stand er vor dem Doktor. »Wie oft«, donnerte er, »haben Sie eigentlich Kate zu Gesicht gekriegt?«

»Heute zum erstenmal.«

»Na schön,« knurrte Daniels mit sichtlicher Erleichterung, »es ist auch grad' genug. Das lassen Sie sich mal von mir sagen.« Er ging auf die Tür los. »Machen Sie auf«, befahl er. »Ich bin todmüde – und ich hab's satt – über den Kerl zu reden.«

Aber der Doktor rührte sich nicht.

»Trotzalledem«, erklärte er, »werden Sie hierbleiben. Sie wissen noch etwas, das Sie mir mitteilen möchten.«

Buck Daniels drehte sich um. Sein Gesicht war nicht erfreulich.

»Ich habe Sie beobachtet, wie Sie mit dem Mädchen gesprochen haben,« sagte der Doktor, »und es fiel mir auf, daß Sie irgend etwas wußten, was Sie ihr nicht mitteilen wollten. Worum es sich dabei handelt, kann ich natürlich nicht feststellen. Aber es ist immerhin nicht schwer zu erraten, daß Sie, mein lieber Mann, in diesem Augenblick ganz genau wissen, wo der Mann sich aufhält, auf den Kate Cumberland und ihr Vater so sehnsüchtig warten.«

Buck Daniels gab keine Antwort, aber er kehrte zu seinem Stuhl zurück und ließ sich schwerfällig hineinfallen. Seine Augen waren scharf auf den Doktor gerichtet und Byrne stellte angesichts dieser Augen mit freudigem Stolz über sich selbst fest, daß Todesfurcht ihm fremd war. »Und ich fühle mich berechtigt, weiterhin zu vermuten,« erklärte er, »daß Sie selbst sich an den Ort begeben werden, wo der Mann zu finden ist und ihn veranlassen wollen, hierher zu kommen.«

Daniels stummer Zorn verflog. Er lächelte, er lachte schließlich. Ein Lachen ohne Lustigkeit.

»Doc,« sagte er, »ich will Ihnen was sagen, Doc, wenn Sie wissen, wo ein Revolver zu finden ist, haben Sie dann gleich so große Lust, ihn an die Schläfe zu setzen und auf den Hahn zu drücken?«

Aber der Doktor fuhr unerbittlich fort: »Nämlich, Mister Daniels, Sie wissen, daß das Erscheinen dieses Mannes genügen kann, Cumberland am Leben zu erhalten. Ich gebe zu, daß die gesamte Ärztezunft einen solchen Einfall weit von sich weisen würde. Dennoch läßt es sich nicht bestreiten, daß diese Hypothese sich zwanglos aus der psychologischen Situation, die ich in diesem Hause vorgefunden habe, ableiten läßt.«

»Doc,« sagte Daniels heiser, »Sie reden wie ein anständiger Kerl und Sie handeln wie ein anständiger Kerl, und ich denke, Sie sind auch einer. Denke, ich kann den Mund auftun und ohne Hintergedanken reden. Ich weiß genau, wo der ›Pfeifende Dan‹ sich herumtreibt. Aber wenn ich hingehe und schaff' ihn her, Doc, dann ist's nicht besser, als wenn ich Kate Cumberland das Herz zerbreche. Verstehen Sie das?« Daniels war furchtbar erregt. Seine Stimme war dumpf. »Ich hab' es mir vorwärts und rückwärts überlegt. Wissen Sie, was es heißt? Kate oder der Alte! An wem ist mehr gelegen?«

Der Doktor setzte sich in seinem Stuhl zurecht, wischte seine Brille ab und starrte den Cowboy an.

»Sie wissen also genau, daß die Rückkehr dieses Mannes dem alten Cumberland wieder zur Gesundheit verhelfen würde.«

»Darüber können Sie beruhigt sein. Das stimmt. Der Alte hat am Pfeifenden Dan einen Narren gefressen.«

»Was für eine Beziehung besteht denn zwischen den beiden? Eine seltsame Abhängigkeit! Können Sie mir's erklären?«

»Ich nicht, Doc, das hat noch keiner 'rausgekriegt. Wenn Dan hier ist, dann könnte man meinen, es ist Essen und Trinken für den alten Cumberland. Wir haben's ja erlebt. Wenn Dan hereintritt, dann stellt der Alte die Ohren steif und wird lebendig. 's gibt Zeiten, da sitzt Dan bei ihm und erzählt ihm was. 's ist just nicht viel, vielleicht, wie der Himmel heute ausgesehen hat, oder wie der Wind riecht und der Alte sitzt dabei mit großen Augen und träumt wie ein Dreikäsehoch, dem seine Mutter Märchen erzählt. Kate sagt, 's ist immer so gewesen von dem Tag an, wo der Alte Dan aus dem Gebirge mitgebracht hat. Mann, ich sage Ihnen, Dan ist dem Alten so notwendig, wie die Luft zum Atmen. Doc, Sie sollten die beiden mal zusammen sehen. Das reine Gemälde, sag' ich Ihnen.«

»Seltsam! Ganz ungemein merkwürdig!« grübelte der Doktor mit gerunzelter Stirn, »aber es scheint überhaupt ein merkwürdiges Haus und merkwürdige Leute. Sie haben keine Vorstellung davon, was Dan veranlaßt hat, von hier wegzugehen?«

»Fragen Sie doch die Wildgänse«, sagte Buck bitter, dann fügte er hinzu: »'s kann auch sein, Sie fragen besser Dans Pferd oder seinen Hund. Bart heißt das Vieh. Die könnten vielleicht am besten Auskunft geben.«

»Aber was hat der Mann getrieben, seit er von hier weg ist? Wissen Sie wenigstens davon was?«

»O ja, hier und da hört man was. Die Leute erzählen einem, wie in diesem oder jenem Fleck ein Bursche eingeritten ist, auf 'nem schwarzen Pferd – auf 'nem Pferd, wie's noch keiner gesehen hat. Es ist so ziemlich immer dieselbe Geschichte. Kalkuliere, die meiste Zeit streift er herum und tut keiner Fliege was zuleide. Aber hier und da hetzt einer mal seinen Hund auf Bart. Was ist da zu reden – Bart, der beißt so 'nen Köter kaputt, als wenn's ein Knöchelchen wär'. Dann kann's vorkommen, daß der Kerl, dem der Hund gehört hat, Streit anfängt, und Dan legt ihn auf den Rücken und reitet weiter.«

»Was? Sein Weg ist also mit Leichen besät?« Byrne zog die Schultern hoch wie einer, der friert.

»Leichen? Wer red't von Leichen? Wenn einer mit dem Revolver umgehen kann wie Dan, dann braucht er keine Leichen hinter sich zu lassen, wenn's ans Schießen geht. Er brennt ihnen just 'nen kleinen Denkzettel auf. Eine kleine Prise Blei in die Schulter oder in den Arm, vielleicht auch ins Bein, das ist das Ganze. Kann nicht sagen, daß er blutdürstig ist, bloß ...«

»Nun?«

»Doc,« sagte Buck zusammenschauernd, »was die Ausnahmen sind, da wollen wir lieber nicht 'von reden. Das meiste, was wir von Dan hören, ist, daß er Krach gehabt hat. Aber manchmal hört man auch von Leuten, denen er geholfen hat, wie sie krank war'n. Und so Sachen mehr! Mann, da können Sie Gift drauf nehmen, wenn einer krank ist, dann kann Dan Wunder tun.«

Der Doktor seufzte. »Und habe ich richtig verstanden, daß zwischen dem Mädchen und dem Mann, den Sie den Pfeifenden Dan nennen, eine tiefere Gefühlsbeziehung besteht?«

»Sie liebt ihn«, sagte Daniels langsam. »Sie liebt noch den Boden, auf den er seinen Fuß gesetzt hat.«

»Aber hören Sie einmal, aus dem, was Sie da sagen, geht doch hervor, daß es nicht unvernünftig wäre anzunehmen, daß auch Miss Kate die Rückkehr dieses Mannes nicht unwillkommen wäre.«

»Vernunft?« brach Daniels los. »Bei allen tausend Teufeln, was hat Vernunft mit dem Pfeifenden Dan zu schaffen? Mann, ich sage Ihnen, bilden Sie sich vielleicht ein, wenn Barry zurückkommt, er wird auch nur mit einem Gedanken noch sich dran erinnern, daß er Kate mal gesagt hat, er liebe sie? Doc, ich sage Ihnen, ich kenne ihn besser, als ihn je einer gekannt hat. Ich schwöre Ihnen, der denkt nicht mehr an das Mädel, als die Wildgänse da droben. Wenn der Alte stirbt, weil Dan nicht zurückkommt – nun, er ist ein alter Mann –, aber soll ich dabeistehen und zusehen, wie Dan an Kate vorbeiläuft, als wüßte er nicht mehr, wer sie ist? – Und ich sag' Ihnen, genau so wird's sein, wenn er zurückkommt. Ich möchte ihn am liebsten über den Haufen schießen, aber ich weiß auch wie's kommt. Ich krieg's nicht zuwege. Was es für Kate bedeutete, wenn er zurückkommt –? Doc, ich sag' Ihnen, es wär' so gut, wie wenn man Kate gleich mit eigenen Händen umbringen wollt' – so wahr wir alle geboren sind!«

»Und Sie glauben also,« murmelte der Doktor, »daß Kate ihn allmählich vergessen wird, wenn sie ihn nicht mehr zu Gesicht bekommt?«

»Wenn Sie ein Messer im Leib hätten, würden Sie's vergessen? Nein, vergessen wird Kate ihn nicht, aber 's kann sein, wenn die Zeit vergeht, wird sie es wenigstens ertragen können, an ihn zu denken. Sie wird sich daran gewöhnen, daß es weh tut, aber sie wird wieder reden können und lachen wie früher. Doc, wenn Sie Kate je gesehen hätten, wie ich sie gesehen habe in den alten Tagen ...«

»Mit ihm zusammen?« unterbrach der Doktor.

Buck Daniels stockte der Atem.

»Der Satan soll Sie stückweis' holen, Doc«, sagte er mit unendlicher Sanftmut.

Und dann sprach lange Zeit keiner mehr ein Wort. Daniels schien in Gedanken versunken. Sein Gesicht war schmerzlich verzerrt. Byrnes Hirn arbeitete fieberhaft, um zwischen dem, was er gehört hatte, und der schlichten Wahrscheinlichkeit eine verbindende Brücke herzustellen. Das Beginnen erwies sich als hoffnungslos. Er versuchte sich den Mann vorzustellen, dessen Gegenwart für Joe Cumberland das Brot des Lebens gewesen war, und zwar so sehr, daß jetzt, da er gegangen war, sein Lebenslicht am Erlöschen schien – aber auch das gelang nicht.

Buck Daniels wünschte nichts sehnlicher, als endlich das Zimmer zu verlassen, aber der Blick des Doktors zwang ihn gegen seinen Willen auf seinen Platz zurück. Und wieder begann dieses ewige, entsetzliche, quälende Warten, das in diesem Hause umzugehen schien, wie ein Gespenst, bis jedes Ächzen in dem weiten, vom Wind geschüttelten Bau ein verstohlener Schritt auf der Diele schien, bis man glaubte zu spüren, wie jemand draußen vor der Tür stand und mit angehaltenem Atem horchend vor sich hinlächelte, und schließlich beobachtete der Doktor, wie Buck Daniels die Augen aufriß, die einen hysterischen Glanz annahmen. Es sah aus, als ob seine Vernunft im Begriff wäre, ihn zu verlassen. Sein Gesicht wurde kalkweiß. Sogar die Lippen entfärbten sich und bewegten sich in einem unheimlichen geräuschlosen Geschnatter.

»Hören Sie!« sagte er.

»Es ist der Wind!« antwortete der Doktor, aber seine Stimme war kaum hörbar.

»Hören Sie!« befahl Daniels zum zweitenmal.

Jetzt hörte es auch der Doktor. Ein dumpfer, stoßweiser Laut wie ein Herzschlag. Aber es war eine Menschenstimme. Es schnürte ihm die Kehle zusammen, als hätte sich eine Riesenfaust darum gelegt. Buck Daniels sprang von seinem Stuhl auf. Der halb irrsinnige Blick, das Starren eines Menschen, der in die Ferne hört, war noch immer in seinen Augen. Der Doktor starrte ihn an und verstand plötzlich, daß es Menschen gab, die ihr Leben in der Schlacht wegwerfen, um für ein Ideal zu sterben – aber auch, daß es Menschen gab, die im Dunkeln morden. Und trotzdem jagte ihm der dumpfe, regelmäßig wiederkehrende Laut mehr Angst ein, als Buck Daniels Gesicht. Auch er sprang vom Stuhl auf, und als Buck Daniels auf den Zehenspitzen an die Seitentür schlich und dort stehenblieb, folgte er ihm nach.

Und jetzt hörten sie es beide deutlich. Im Nebenzimmer, wo wie eine tote Schlange die alte rostige Kette auf dem Boden schlief, weinte eine Frau. Selbst ihr Schluchzen noch klang wie Musik. Buck Daniels warf die Schultern zurück und schlich sich wieder von der Tür hinweg. Er begann zu lachen – er tat sich Gewalt an, daß auch nicht ein Ton ihn verraten konnte, und dieses geräuschlose Lachen war das Furchtbarste, was der Doktor je erlebt hatte. Eine Sekunde später schien der Anfall vorbei. Unter seiner Nachwirkung zitterte der riesige Mensch wie ein welkes Blatt im Wind.

»Doc,« sagte er, »ich halt' es nicht mehr aus. Ich geh' weg und hole ihn zurück und Gott möge es mir verzeihen.«

Er stürmte aus dem Zimmer und warf die Tür krachend hinter sich ins Schloß. Byrne hörte ihn die Treppe hinunterpoltern, als lärme er absichtlich, um nicht mit seiner Furcht allein zu sein. Doktor Randall Byrne setzte sich wieder nieder, um seine Gedanken in Ordnung zu bringen. Er begann mit folgendem Satz: »Die physikalische Tatsache existiert nicht, lediglich die immaterielle Tatsache existiert.« Aber bevor er von dieser Voraussetzung aus in seinen Gedankengängen sehr viel weiter gelangt war, unterbrach ihn das Wiehern eines Pferdes vor dem Haus. Er öffnete das Fenster und steckte den Kopf hinaus. Im gleichen Augenblick hörte er das dumpfe Prasseln galoppierender Hufe und erblickte einen Reiter, der wie wahnsinnig in den Sturm hinausritt. Eine Sekunde später war er verschwunden.

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