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Die Drei in der Nacht

Max Brand: Die Drei in der Nacht - Kapitel 6
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDie Drei in der Nacht
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf
yearo.J.
translatorHellmuth Wetzel
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180225
projectid30d7648f
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Fünftes Kapitel.
Warten

Langsam, wie geistesabwesend, zog der Doktor seinen Rock aus und begann, sich vom Schmutz und Staub der Reise zu reinigen. Seine Gedanken konzentrierten sich auf die schwere Kette, die er im Nebenzimmer gesehen hatte. Er war weder neugierig noch geschwätzig, aber wenn ihm in diesem Augenblick jemand angeboten hätte, für tausend Dollar zu erklären, was es für eine Bewandtnis mit dieser Kette hatte, so hätte er den Preis lächerlich geringfügig gefunden.

Er ging zum Essen hinunter mit dem festen Entschluß, ein wachsames Auge auf Buck Daniels zu haben und auf Kate Cumberland nicht weniger. Aber wenn er aus dem Gespräch bei Tisch nähere Aufschlüsse erhofft hatte, so wurde er schwer enttäuscht. Buck Daniels war in das Geschäft der Nahrungsaufnahme mit einem Ernst vertieft, der aller Geschwätzigkeit abhold war, und das Mädchen saß mit einem gezwungenen Lächeln und völlig abwesend hinter seinem Teller. Hier und da blickte Buck auf, sah forschend zu ihr hinüber und widmete sich dann mit einer Art düsterer Entschlossenheit von neuem seiner Mahlzeit. Vom Beginn bis zum Schluß des Essens wurde nicht ein Dutzend Worte gewechselt.

Nach dem Essen gingen alle drei wieder zu dem Kranken hinein. Er lag genau so wie vorher, die abgezehrten Hände über der Brust gekreuzt. Seine buschigen Augenbrauen waren zusammengezogen, die Augen verschwanden fast in ihrem Schatten. Der Doktor, Buck und Kate Cumberland nahmen sich Stühle und setzten sich im Halbkreis um das Lager. Irgend etwas erinnerte Byrne in grotesker Weise an ein Bild, das er einmal gesehen hatte und auf dem drei Wölfe um einen verwundeten Elch herumsaßen und warteten, bis er leblos in den Schnee sank. Es schien ihm beinah, als sei der Tod schon eingetreten. Jedenfalls hätte auch die Totenstarre den Mann nicht bewegungsloser machen können als er schon war. Sein Profil hob sich scharf gegen die dunkle Wand ab. Auf Nase und Stirn zeichnete die Beleuchtung ein scharfes Glanzlicht, während der untere Teil des Gesichtes beinah im Schatten lag.

Die Ähnlichkeit mit einem Toten war um so überwältigender, als auch das starre Lächeln eines Dahingeschiedenen nicht fehlte. Erst als Kate Cumberland die Lampe an einen anderen Platz stellte, so daß das Licht voller auf ihren Vater fiel, sah Byrne, daß er sich getäuscht hatte. Cumberland lächelte nicht, er hatte die Lippen starr und gewaltsam zusammengepreßt. Plötzlich erkannte der Doktor, daß der Mann, der hier so schweigsam und unbeweglich lag, mit einer fürchterlichen inneren Erregung kämpfte, und diese Erkenntnis trieb ihm den Schweiß auf die Stirn. Dies war ein Todeskampf, dessen vollkommene äußere Ruhe erschreckender wirkte als das letzte Ringen eines Menschen, der sich mit Heulen und Stöhnen gegen das Kommende zur Wehr setzt. Dies Schweigen war eine furchtbare Säure, die ohne Flamme Fleisch und Knochen fraß. Von diesem Augenblick an hatte Byrne eine Vorstellung von der geheimen Macht, die die Lebenskraft des Viehzüchters aufgezehrt hatte. Seit sechs Monaten, hatte Kate gesagt, schwand er dahin. Sechs Monate! Sechs Ewigkeiten in der Glut des Scheiterhaufens!

Auch das Mädchen schwieg. Ihre Augen waren von Schmerz verdüstert, aber sie waren nicht auf ihren Vater gerichtet. Eine neue Erkenntnis nahm Byrne den Atem. Ihr Schmerz galt nicht ihrem sterbenden Vater allein. Ihr innerer Blick schien eher über sein Sterbelager hinweg in die Ferne gerichtet. Wartete sie auch? Und auf was? War dieses Warten der Grund der Schwermut, die sie geheimnisvoll umgab?

Und Buck Daniels? Auch er sagte kein Wort. Er rollte mit verblüffender Geschwindigkeit eine Zigarette nach der anderen. In zwölf zyklopischen Zügen hatte er eine ausgeraucht und drehte eine neue. Er war ein Mensch mit einem einfachen Verstand. Er liebte das Mädchen. Das ließ sich an seinem Gesicht ablesen. Er war besessen von dem Wunsch nach ihr. Es war ein Tantalushunger, dem es nicht bestimmt schien, gestillt zu werden. Aber auch er sah Kate nicht an. Auch er starrte in eine unbestimmte Ferne. Auch er wartete auf etwas!

Von Cumberland, der schweigend und unbeweglich dalag, ging diese wache, angstvolle Erwartung aus wie ein Strom. Er stand unter Spannung, wie der Empfangsapparat einer Funkstation. Der leere Luftraum schien ihm irgendeine Kunde zuzutragen.

So überraschte es auch Byrne nicht, als plötzlich, mitten in dieser drohenden Stille, der Alte mahnend den ausgestreckten Zeigefinger hob. Kate und Daniels schienen in ihren Stühlen zu erstarren. Byrne kroch eine Gänsehaut über den Körper. Natürlich ging nicht das geringste vor. Der Wind, der schon vor dem Essen gelegentlich mit vereinzelten starken Stößen das Haus zum Beben brachte, hatte noch zugenommen und blies jetzt draußen mit immer größerer Kraft. Vielleicht hatte der düstere Kranke in dem wilden Chor da draußen etwas zu hören vermeint, das ihm bekannt schien.

Und jetzt hob sich der Zeigefinger von neuem. Joe Cumberland streckte den Arm aus, der von wilder Erregung bebte, und wandte ihnen einen Blick zu, in dem eine kranke und fiebrige Freude flackerte.

»Hört ihr's?« rief er. »Da! Wieder!«

»Was?« fragte Kate.

»Aber ich höre sie doch!!«

Seine Lippen erbleichten. Er öffnete den Mund, um zu reden, brachte aber keinen Ton heraus. Dann sah er sich rasch, wie hilfesuchend, im Zimmer um. Buck Daniels gesundes Bronzebraun war einem kranken Gelb gewichen. Furcht, bittere, ungeheuchelte Furcht malte sich auf seinem Gesicht, dann sprang er ans Fenster und riß es krachend auf. Der Wind warf sich herein und brachte die Flammen im Kamin zum Aufprasseln. Große Schatten huschten plötzlich durch das Zimmer. Die Stühle schienen in einem Wirbel von Dunkelheit zu treiben, selbst die Menschen schienen plötzlich Gespenster geworden zu sein. Und das Sausen des Sturmes draußen verschaffte Byrne das unangenehme Gefühl, durch die Unendlichkeit geblasen zu werden. Zunächst hörte man nichts als das Rauschen des Windes und das Klappern, mit dem eines der Bilder gegen die Wand schlug, und schließlich das Rascheln einer Zeitung, die auf den Boden glitt. Dann aber hörte er es.

Erst war es ein einzelner Ton, den er nicht zu deuten wußte. Es schien Musik und doch mißtönig, und es wirkte auf ihn, als schlage ihm plötzlich ein eisiger Windhauch ins Gesicht. Auf einer Reise nach Ägypten hatte er einmal das Innere der Cheopspyramide besichtigt. Die Fackel, mit der sein Führer ihm leuchtete, war in einem plötzlichen Luftzug erloschen, und auf einmal kam aus der nachtschwarzen Tiefe der Gänge ein Lachen, das das vielfältige Echo alles Menschlichen beraubt hatte. Byrne war es zumute gewesen, als hätten da unten die Mumien die Granitdeckel ihrer Sarkophage hochgestemmt, als rüsteten sie sich, wieder am Leben teilzunehmen. Und doch schien das Damals ein wahres Nichts gegenüber dem, was er jetzt erlebte – nicht halb so wild und so fremdartig.

Er horchte in die Nacht hinaus. Ein peinlich prickelndes Gefühl schlich durch sein Rückenmark. Es war der Schrei der wilden Gänse, die nach Norden flogen. Es war ihm, als könne er sie fliegen sehen, ein grauer Keil, der sich durch die kalte Öde des Himmelsgewölbes bohrte, einem Befehl gehorchend, den kein menschliches Gehirn erfaßte.

»Hatte ich recht? Hatte ich recht?« rief der Alte mit schriller Stimme.

Byrne fuhr herum. Cumberland hatte sich aufgerichtet. Wilder Triumph malte sich auf seinem Gesicht. Das Mädchen stieß einen unbeschreiblichen Schrei aus, und Buck Daniels warf mit einem dumpfen Fluch das Fenster zu.

Jetzt, da der eisige Wind ausgesperrt war und die Lampe wieder ruhig und stetig brannte, lastete wieder die Stille, die mit Erwartung gesättigte Stille, auf dem Zimmer. Byrne wurde es heiß, viel zu heiß. Die Luft schien zum Ersticken. Eine Last lag auf seinen Schultern. Ein Fünfter schien eingetreten zu sein und unsichtbar neben ihnen zu stehen. Das Gefühl war unbeschreiblich deutlich und scharf ausgeprägt. Und noch mehr: Byrne wußte, daß die anderen dasselbe empfanden. In der tiefen Stille sah er Cumberland mit brennenden Augen und durstig geöffneten Lippen auf seinem Lager liegen, als schlürfe er den Wein seiner frohen Erwartung. Der riesige Buck Daniels stand, ans Fensterbrett gelehnt, wie angewurzelt, mit heraustretenden Augen und hämmernder Kehle. Kate Cumberland hatte die Augen geschlossen, als der Windstoß ins Zimmer brach, und so saß sie noch immer, lächelnd. Und schlimmer als Joe Cumberlands Freude, als die Angst, die aus Daniels Augen sprach, war für Byrne das Lächeln hinter diesen geschlossenen Augen.

Das Schweigen blieb ungebrochen. Der unsichtbare Gast schien noch im Raum, und keiner von ihnen wagte zu sprechen.

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