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Die Drei in der Nacht

Max Brand: Die Drei in der Nacht - Kapitel 5
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDie Drei in der Nacht
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf
yearo.J.
translatorHellmuth Wetzel
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180225
projectid30d7648f
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Viertes Kapitel.
Die Kette

Sie waren kaum zur Haustür gelangt, als sie auf einen hochgewachsenen Mann mit dunklem Haar und dunklen Augen stießen. Er war braungebrannt wie ein Indianer. Man hätte ihn hübsch nennen können, wenn seine Gesichtszüge nicht so scharf geschnitten und rauh gewesen wären. Er trug sein schwarzes Haar ziemlich lang, und als der Nachtwind hineinfaßte, gab es dem Burschen einen Anflug von Wildheit, der Randall Byrne Herzklopfen verursachte. Der Mann blickte das Mädchen an, und ein Lichtschein huschte über sein Gesicht. Dann fiel sein Blick auf Byrne, und das Licht erlosch.

»Du hast den Doktor nicht erwischen können, Kate?« sagte er.

»Doktor Hardin nicht,« antwortete sie, »ich habe statt dessen Doktor Byrne mitgebracht.«

Der Mann musterte Randall Byrne umständlich von Kopf zu Fuß, dann sagte er: »'n Abend, Doc?« und streckte ihm eine riesige Tatze hin. Byrne fand, daß alle Leute in den Bergen hier übertrieben groß waren. Ihr körperliches Format konnte einem geradezu auf die Nerven gehen. Man sah sich dauernd in eine Art Defensivstellung gedrängt und war gezwungen, sich vor sich selbst zu rechtfertigen, sich durch eine Aufzählung der eigenen Verdienste innerlich zu stärken. Diesmal aber hatte der Doktor noch näherliegende Gründe, sich zu ärgern. Denn es lag auf der Hand, daß der Mann den unbekannten Arzt nicht besonders ernst nahm.

»Dies ist Mr. Daniels«, stellte Kate vor. »Hat sich irgend etwas geändert, Buck?«

»Nicht besonders«, antwortete Buck Daniels. »Am Abend seh' ich zu ihm hinein, und er sagt, es wär' ihm 'n bißchen kalt. Da nehm' ich also eine Decke und wickle ihn ein, dann saß er, wie er immer sitzt, die Hände ineinander gelegt, und starrt ins Nichts, aber vor 'ner Weile fängt er mir an und wird nervös.«

»Was machte er denn?«

»Nichts. Bloß ich fühlte sozusagen, wie er anfängt und sich aufregt. Genau, wie man weiß, wenn der Gaul unter einem scheu werden will.«

»Wollen Sie erst auf Ihr Zimmer gehen, Doktor, oder wollen Sie gleich hineingehen und sich ihn ansehen?«

»Gleich!« entschied der Doktor, und folgte ihr über eine Diele in ein Zimmer.

Der Raum erinnerte mehr an ein Heim im zivilisierten Neuengland als an das Innere eines Hauses in der Wildnis der Berge. Ein runder Teppich bedeckte den Boden. Er war aus bunten Lappen in allen Farben des Regenbogens zusammengesetzt, doch war ein rohes Muster in der Anordnung erkennbar, das, rot im Mittelpunkt, gegen den Rand hin in blaugraue Töne verlief. Es standen Stühle da, deren grüne Polsterung, wo das Licht stark darauffiel, am Rücken und auf den Armlehnen mausgraue Glanzlichter trug – sehr kurzbeinige Stühle, die die Knie töricht in die Luft ragen ließen, wenn man sich daraufsetzte. Byrne sah an der einen Stirnwand ein Spiegelschränkchen mit Seemuscheln und Nippesgegenständen. Darüber hing in Glas und Rahmen ein Totenkreuz mit einem Brautkranz darum. Die Wände waren mit unzähligen Lithographien bedeckt, die alles mögliche darstellten, von den Niagarafällen bis zu Lady Hamilton. Eine Schmalseite aber war fast ganz eingenommen von einem Gemälde, das ein hart umkämpftes Finish beim Wettrennen darstellte. Der Künstler hatte sich darin gefallen, den edlen Vollblütern enorme Schenkel und mächtige muskulöse Schultern zu geben, während die Beine sich zu gazellenhafter Schlankheit verdünnten. Unter diesem in gespenstischer Stille erstarrten Getümmel lag der Kranke, den Oberkörper mit Kissen gestützt und bis zur Brust in eine bunte Indianerdecke gewickelt.

»Dad,« sagte Kate, »ich habe Doktor Hardin nicht angetroffen. Ich habe aber Doktor Byrne mitgebracht, der erst kürzlich hier eingetroffen ist.«

Der Kranke drehte langsam seinen weißen Kopf nach ihnen. Seine buschigen Augenbrauen hoben und senkten sich. Der Schatten eines Verdrusses schien über sein Gesicht zu fliegen. Ein strenges Gesicht, das mit seiner Umrahmung von langem, weißem Haar Eiseskälte um sich zu verbreiten schien. Er war dürr, beunruhigend dürr. Byrnes Magerkeit war nicht damit zu vergleichen. Die besorgniserregende Auszehrung ließ die mächtige Stirn des Alten übertrieben groß erscheinen und verlieh seinen Augen einen übernatürlichen Glanz. Auf den ersten Blick erkannte Byrne darin die innere Unrast, von der Kate ihm berichtet hatte. Ein inneres Feuer schien Joseph Cumberlands Leib ausgebrannt zu haben und noch in ihm zu wüten.

Geduldig ließ der Alte die Untersuchung über sich ergehen. Byrne stellte fest, daß der Puls schwach und hastig, aber gleichmäßig schlug. Fieber war offensichtlich nicht vorhanden. Seltsam allerdings blieb, daß, während das Herz so rasch arbeitete, die Körpertemperatur um ein Geringes unter dem Normalen zu liegen schien.

Doktor Byrne fuhr zusammen. Da er meistens in Laboratorien gearbeitet hatte, war der schreckhafte Anblick des Todes ihm noch nicht allzusehr vertraut, aber es war klar, daß der alte Cumberland im Sterben lag. Er starb vielleicht nicht jetzt, es konnte eine Woche, es konnte einen Monat dauern, aber das Ende schien unausweichlich. In der hohlen Brust des Viehzüchters tobte ein Feuer, das, wie der Doktor feststellte, keine Nahrung mehr fand.

Er starrte den Mann an und beugte sich dichter zu ihm hinab. Feuer, das keine Nahrung mehr fand und dennoch brannte! Ein Triumphschrei entschlüpfte seinen Lippen. Es gelang ihm, ihn noch zu ersticken, es war kaum mehr als ein Flüstern, dann beugte er sich über Joe Cumberland und versank mit leuchtenden Augen in tiefes Grübeln. Man hätte meinen können, daß er innerlich über das Leiden des Kranken jubelte.

Mit plötzlichem Entschluß richtete sich Byrne wieder auf und fing an, in leisem Selbstgespräch im Zimmer auf und ab zu laufen. Kate Cumberland horchte angestrengt hin. Es war ihr, als höre sie ihn flüstern: »Heureka! Heureka! Ich habe es gefunden!«

Gefunden? Was?

Den Triumph des Geistes über die Materie!

Auf diesem Lager lag ein Mann, der schon tot war. Das schwache Zucken des Herzens war nicht der stete kräftige Schlag des normalen Organs. Die Hände waren kalt. Selbst der Körper schien eisig. Und doch lebte der Mann. Oder vielmehr sein Gehirn lebte noch und zwang den zerschlagenen und verbrauchten Körper, sich seinem Willen zu fügen.

Doktor Byrne drehte sich auf dem Absatz herum und starrte wieder in Cumberlands Gesicht. Er glaubte jetzt diesen glänzenden, starr ins Nichts gerichteten Blick deuten zu können. Es war niemals nachlassender, verzweifelter Trotz. Der Mann machte dem Tod den Körper streitig, der ihm verfallen war.

Randall Byrne verlor das Bewußtsein für die Umwelt. Das Mädchen schien nicht mehr vorhanden. Die Mauern schienen in nichts zerflossen. Die Augen der ganzen Welt schienen auf ihn gerichtet, die Gelehrten zweier Weltteile schritten mit ihm gemeinsam auf und ab, schüttelten die Köpfe und sagten: »Es ist unmöglich!«

Aber hier vor ihnen lag die Tatsache, die ihrem Unglauben Trotz bot.

Im Aufundablaufen fühlte er plötzlich die Augen des Mädchens auf sich gerichtet. Das gebot ihm Einhalt. Er blieb vor ihr stehen. Die Erregung hatte einen anderen Menschen aus ihm gemacht. Die Nasenflügel bebten, Glanz war in seinen Augen. Er trug den Kopf hoch und atmete tief und schnell. Seine Backen brannten im Gefühl seines Triumphes. Und etwas von der Glut färbte auf die Wangen des Mädchens ab.

Sie erbot sich, ihm sein Zimmer zu zeigen, wenn er Lust habe. Er war sehr damit einverstanden. Er wollte allein sein mit seinen Gedanken.

Aber schon in der Diele machte sie halt. Buck Daniels hatte seinen schwerfälligen Körper langsam ihnen nachgeschoben. Er schien bemüht, herausfordernd und unbekümmert zu erscheinen.

»Nun?« fragte Kate Cumberland.

Seit sie im Hause war, hatte sie einen blauen Kittel übergeworfen. Die jungenhafte Selbstsicherheit, die ihr eigen war, solange sie im Sattel saß, war verschwunden, aber Randall Byrne fand es deshalb nicht leichter, ihr ins Gesicht zu sehen. Bei ihrem ersten Zusammentreffen war ein Glanz von ihr ausgegangen, der seine schwachen Augen blinzeln machte wie der Reflex der Sonne in einem Spiegel. Jetzt in der Diele, wo nur ein mattes Licht brannte, dämpften die Schatten den Glanz ihres Haares. Sie war bleich wie Marmor. Ihre Augen waren von Angst verschleiert. Und doch fühlte sich Byrne von dem bezwingenden Gefühl ihrer Gegenwart überwältigt. Er empfand es wie eine Gefahr.

»Im allgemeinen«, erklärte er, »ist eine ärztliche Ansicht, die sich auf einer so flüchtigen Untersuchung aufbaut, selbstverständlich nicht unbedingt zuverlässig. Aber andererseits hat gerade auch der erste Eindruck einen gewissen Wert. Alles, was ich sagen kann ist, daß Mister Cumberland keine sofortige Gefahr droht, aber daß er ganz bedenklich krank ist. Und weiterhin möchte ich betonen, daß es sich keineswegs um eine Alterserscheinung handelt.«

Er wollte nicht alles verraten, was er dachte. Noch war nicht die Zeit.

Sie zuckte zusammen und faltete krampfhaft die Hände, wie ein Kind, das für eine Untat bestraft werden soll, die es nicht begangen hat. Der Doktor hatte den unbestimmten Eindruck, daß es vielleicht angebracht gewesen wäre, ihr den unerfreulichen Befund in etwas schonenderer Weise mitzuteilen.

Er erklärte: »Ich muß den Kranken noch weiter beobachten, ehe ich mich genauer äußern und eine Behandlung vorschreiben kann.«

Ihr Blick wanderte über ihn hinweg. Er hörte den schweren Schritt Buck Daniels hinter sich.

»Wenigstens«, flüsterte sie, »bin ich Ihnen dankbar, daß Sie offen sind. Ich möchte nicht, daß Sie mir die Wahrheit vorenthalten. Buck, willst du vielleicht dem Doktor sein Zimmer zeigen?« Sie zwang sich zu einem schwachen Lächeln. »Es ist recht altmodisch bei uns, Doktor Byrne, aber ich hoffe, daß es uns gelingt, es Ihnen hier behaglich zu machen. Wenn Sie irgend etwas brauchen, werden Sie mich benachrichtigen?«

Der Doktor verbeugte sich, nahm davon Kenntnis, daß in einer halben Stunde zum Essen gerufen werden würde, und das Mädchen kehrte ins Zimmer zu Joe Cumberland zurück. Sie ging langsam, gebeugten Kopfes. Eine Frau, der eine Bürde auferlegt ist, dachte Byrne. Dann folgte er dem sporenklirrend vorausschreitenden Daniels die Treppe hinauf. Es waren grausame Sporen mit riesigen Rädern, die sich wie Raubtierfänge in die Seite eines ungehorsamen Pferdes bohren mußten.

Auch auf dem oberen Vorplatz brannte ein Licht. Buck Daniels öffnete eine Tür und wirtschaftete eine Weile im Dunkeln herum, bis es ihm gelungen war, eine mächtige Petroleumlampe zu entzünden, die in Ketten von der Zimmerdecke herunterhing. Ihr kolossaler Rundbrenner verbreitete ein grelles Licht, wie eine elektrische Birne. Jede Einzelheit in dem altmodisch eingerichteten Zimmer kam darin zum Vorschein – der kahle, gestrichene Boden, das Bett, das mit den mächtigen Pfosten, die den Himmel trugen, ein ganzes Bauwerk für sich allein schien, ein Überbleibsel aus der Zeit, wo die Betten gebaut und nicht hergestellt wurden, eine Kommode mit anheimelnd gewölbtem Bauch und ein rechteckiger Spiegel, der eine vergoldete Jahreszahl als Krone trug. Der immer mehr zunehmende Wind rüttelte an den Fenstern. Ein Spalt schien ihm Einlaß zu bieten. Die Vorhänge bebten im Luftzug. Trotzdem war es ein einladender und gemütlicher Raum, und beim Anblick des Bettes fühlte der Doktor, wie seine Muskeln weh taten und der Schlaf schwer auf seinem Hirn lag.

Der Wind, der an den Fenstern rüttelte, öffnete jetzt mit unsichtbarer Geisterhand eine Tür in der Seitenwand. Langsam und geheimnisvoll drehte sie sich in ihren Angeln und gestattete dem Doktor einen Blick in den Nebenraum. Man konnte nur den Winkel sehen, den das Licht vom Zimmer her gerade traf. In diesem Winkel lag ein langes, schlaffes, bräunliches Etwas, das er zunächst für eine Schlange hielt. Dann erst erkannte er, daß es eine Kette von erschreckenden Abmessungen war, die mit einem Ende in die Mauer eingelassen war und am anderen Ende ein gewaltiges stählernes Halsband trug. Ein unangenehmes Gefühl der Kälte befiel den Doktor und arbeitete sich langsam und peinlich von den Zehen bis zu seinem Hirn hinauf.

»Verdammt!« explodierte Buck Daniels. »Wieso bloß ist die Tür aufgegangen?« Er warf sie wütend wieder ins Schloß. »Sie ist wieder drin gewesen, denke ich«, murmelte er und trat zurück. Sein Gesicht war finster.

»Wer?« erlaubte sich der Doktor zu fragen.

Buck Daniels fuhr auf ihn los.

»Mann, wenn Sie bloß ...« begann er hitzig, hielt plötzlich inne, verschluckte, was er sonst noch sagen wollte, und verließ schweren Schrittes das Zimmer.

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