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Die Drei in der Nacht

Max Brand: Die Drei in der Nacht - Kapitel 42
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDie Drei in der Nacht
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf
yearo.J.
translatorHellmuth Wetzel
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180225
projectid30d7648f
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Einundvierzigstes Kapitel.
Fahrt in die Nacht

Sie brauchten nicht zu fragen, was Joe Cumberlands überraschende Äußerung bedeuten sollte. Die Melodie kam näher und näher mit überraschender Geschwindigkeit, als ob der Rappe im Galopp auf das Haus losrase, und das Pfeifen schwoll und vibrierte und stieg in einem wilden, jubelnden Ausbruch in den Himmel.

Wenn dem Adler die Zauberkehle der Lerche geschenkt würde, und wenn er, nachdem er auf seine Beute herabgestoßen ist und aus der Höhe des Himmels die zerzausten Federn und den verstümmelten Körper seines Opfers hat zur Erde fallen lassen – was wäre wohl dann der Gesang des Adlers, der sich wieder erhebt und höher und höher steigend in den Tiefen des Himmels dem Blick entschwindet? Welch fürchterlichen Triumphgesang würde er von dort oben der dumpfen Erde in der Tiefe herabsenden?

Und von dieser Art waren die Harmonien, die vor Dan Barry hereilten wie ein Herold. Die Weise brach nicht wie sonst in der Nähe des Hauses plötzlich ab, sondern kam näher und näher und erfüllte die Luft rund um die drei, die dort im Zimmer warteten. Buck Daniels war von seinem Stuhl aufgestanden und hatte sich in eine Ecke des Zimmers gestohlen, wo nicht der kleinste Lichtstrahl auf ihn fallen konnte, und Kate Cumberland war tiefer in die Arme des großen Lehnstuhls zurückgeglitten.

Erst in allernächster Nähe brach das Pfeifen plötzlich ab. Etwas glitt über die Diele, ein schwerer Körper traf die Tür, daß sie weit aufsprang, und Black Bart glitt ins Zimmer. Er blickte weder rechts noch links, sondern steuerte gerade auf Kate Cumberland zu und blieb vor ihr stehen.

Sie beugte sich zu ihm hin.

»Bart!« sagte sie leise und streckte die Hand aus.

Ein bösartiges Knurren ließ sie einhalten, und das Blitzen der weißen Fangzähne trieb sie in ihren Sessel zurück. Der alte Joe Cumberland kämpfte sich mit entsetzlicher Mühe hoch, bis er aufrecht auf seinem Lager saß. Das Licht fiel jetzt voll auf sein bleiches Gesicht, und mit seinem weißen Haar und seinem langen weißen Bart wirkte er wie ein Geist.

Jetzt fiel draußen die Außentür krachend ins Schloß. Leichte, schnelle Schritte kamen die Diele entlang, wieder sprang die Tür weit auf und Dan stand vor ihnen. Die scharfe, frische Luft von draußen schien mit ihm ins Zimmer zu wirbeln, und als die Tür auffuhr, zuckte die Flamme der Lampe, schoß in ihrem Zylinder hoch und sank dann langsam und trüb wieder zusammen. In diesem vorübergehenden Lichtblick sahen sie, daß der Hut auf seinem Kopf nur noch eine schlappe, formlose Masse war, sein Halstuch war weggerissen und ließ die Kehle frei, der Mantel war nur noch ein Bündel zerrissener Lumpen, dicke Schmutzspritzer saßen an seinen Stiefeln, ja sogar auf der schlaff herabhängenden Krempe seines Huts, und ein dunklerer Fleck klebte an seiner Wange. Zu pfeifen hatte er zwar aufgehört, aber er summte vor sich hin, als er einen Augenblick an der Tür stehenblieb und sich im Zimmer umsah. Dann ging er geradeswegs auf Kate Cumberland zu, packte ihre beiden Hände und zog sie von ihrem Stuhl in die Höhe.

Dann sagte er und es war ein Klang in seiner Stimme, der alle drei erschreckt zusammenfahren ließ: »Draußen ist heute nacht etwas, dem ich nachreiten muß. Ich weiß nicht, was es ist, es kommt vom Wind und der Berührung der Luft und dem Geruch, der aus dem Boden steigt. Und ich muß jetzt reiten! Ich sag' euch allen für 'ne Weile Lebewohl, Kate.«

»Dan!« rief sie, »was ist geschehen? Was hast du da im Gesicht?«

»Die Spuren der Nacht«, antwortete er. »Ich wüßte nicht, was es sonst sein könnte. Willst du mit mir kommen, Kate?«

»Für wie lange Zeit? Wo gehst du hin, Dan?«

»Ich weiß nicht, wohin und wie lange ich geh'. Nur das eine weiß ich, ich muß gehen. Komm ans Fenster, spür' den Wind auf deinem Gesicht. Dann wirst du verstehen!«

Er zog sie mit sich und riß das Fenster auf.

»Spürst du's nicht im Wind?!« rief er ihr zu. Sein Gesicht war wie verklärt. »Hörst du es?«

Sie konnte nicht sprechen. Sie stand zitternd da und blickte hinaus.

»Sieh mich an!« befahl er und zwang sie mit rauhem Griff, sich nach ihm hin zu drehen. Er beugte sich über sie, das gelbe Licht tanzte und flackerte und glühte wieder in seinen Augen.

Während er sie so anstarrte, hatte er ihre beiden Hände festgehalten. Nun ließ er sie mit einem ärgerlichen Ausruf fallen.

»Kein Zeichen,« sagte er bitter, »du hast nichts gesehen und nichts gehört.«

Er drehte sich auf dem Absatz herum.

»Bart!« rief er und schritt aus dem Zimmer. Sie hörten seinen gedämpften Schritt in der Diele und dann auf der Veranda und dann nichts mehr.

Black Bart schlich zur Tür und in die Diele hinaus, aber gleich darauf kam er wieder zurück und spähte mit seinen gespenstigen Augen in das von Schatten behangene Zimmer zurück.

Draußen erklang ein scharfer Pfiff. Black Bart fuhr zusammen. Trotzdem glitt er weiter ins Zimmer hinein, bis er vor Kate stand. Dann machte er kehrt und ging langsam wieder zur Tür, immer dabei sich nach ihr umsehend. Sie rührte sich nicht. Knurrend fuhr der Halbwolf herum und trabte zu ihrem Stuhl zurück. Diesmal packte er eine Rockfalte mit den Zähnen und zerrte daran. Und jetzt stand sie auf und machte einen Schritt.

»Kate!« rief Joe Cumberland. »Bist du wahnsinnig, Mädel, daß du dir einfallen läßt, in einer solchen Nacht hinauszugehen?«

»Ich geh' ja nicht«, antwortete sie hastig. »Ich habe Angst und ich will dich nicht verlassen, Dad.«

Sie war stehengeblieben, aber Black Bart zog unter drohendem Knurren an ihrem Rock und zwang sie, noch einen Schritt vorwärts zu tun.

»Buck!« schrie der alte Cumberland, zog sich mühsam in die Höhe und stand wankend aufrecht. »Schieß den verdammten Wolf über den Haufen! – um aller Heiligen willen – um meinetwillen!«

Langsam und stetig zog der Wolfshund das Mädchen der Tür zu.

»Kate!« rief ihr Vater und die Verzweiflung verjüngte seine Stimme, daß sie hallend das Zimmer erfüllte: »Willst du hinaus und zwischen Himmel und Hölle wandern – in einer solchen Nacht?«

»Ich gehe ja nicht,« antwortete sie, »ich will dich ja nicht verlassen, aber ach, Dad ...!«

Er öffnete die Lippen, um sie noch einmal zurückzurufen, aber da trug der Wind den Chor der Wildgänse durch das offen stehende Fenster, laut und klar und metallisch wie ein fernes Glockenspiel, dessen Glocken verstimmt sind. Und Kate Cumberland schlug die Hände vors Gesicht und wankte blindlings aus dem Zimmer und durch die Diele – und dann hörten sie draußen ein wildes Wiehern.

»Buck!« befahl Joe Cumberland. »Er stiehlt mein Mädel – meine Kate –, spring' hinaus, ruf' die Leute wach – sie soll'n nicht zulassen, daß Dan für Kate ein Pferd sattelt.«

»Wartet! Horcht!« unterbrach ihn Buck Daniels. »Hört Ihr's?«

Sie hörten den prasselnden Galopp eines Pferdes auf dem feuchten Boden vor dem Haus und gleichzeitig ein wildes Pfeifen, das süß und durchdringend hoch über ihnen dahinfuhr und rasch in der Ferne verhallte.

»Er hat sie mit auf sein eigenes Pferd genommen«, stöhnte Joe Cumberland. Er versuchte einen Schritt zu tun, aber er wankte. »Buck, weck' die Leute. Selbst Satan kann meinen Pferden nicht davonlaufen, wenn er doppeltes Gewicht zu tragen hat – weck' die Leute – und wenn du sie zurückbringst ...«

Seine Stimme erstickte. Er wankte und wäre in die Knie gebrochen, wenn nicht Buck Daniels ihn in seinen Armen aufgefangen und auf sein Lager zurückgetragen hätte.

»Was da geschieht, kann kein Mensch ändern«, sagte Buck heiser. »Ob der Himmel 's will oder der Teufel – ich weiß es nicht, aber eins weiß ich, daß sich keiner zwischen Dan und Kate stellen kann.«

»Mach' doch Licht!« befahl Joe Cumberland scharf. »Ich muß was sehen, ich muß nachdenken können, hörst du denn nicht?«

Buck Daniels lief zu der großen Lampe hinüber und schraubte den Docht hoch. Mit einemmal war jeder Winkel des Raums von hellem Licht überschwemmt.

»Kannst du denn die Lampe nicht in Ordnung bringen?« fragte der Alte zornig. »Ist denn kein Öl mehr drinnen? Du lieber Gott, Buck, 's ist noch nicht mal genug Licht, daß ich dein Gesicht erkennen kann. Aber 's muß auch so gehn! Buck, werden sie weit reiten? Kate ist ein gutes Mädel! Jung, sie wird mich doch nicht allein lassen?!«

»Gewiß nicht«, stimmte Buck Daniels zu. »Hat grade mal Lust auf 'nen kleinen Ritt mit Dan gehabt.«

»Der Teufel ist heute nacht wieder in seine Augen zurückgekehrt«, stammelte der Alte. »Weiß der Himmel, wo er hinsteuert. Buck, ich hab' ihn aus den Bergen mit nach Haus gebracht und hab' ihn in mein Herz geschlossen und jetzt ist er davon und hat alles mitgenommen, woran mein Herz hing. Buck, warum ist er bloß weg?«

»Er wird zurückkommen«, sagte der riesige Cowboy sanft.

»Es wird dunkler und dunkler«, sagte Joe Cumberland, »und ich weiß nicht, es läutete mir so in den Ohren. – Sprich lauter, ich kann dich wirklich nicht gut verstehn.«

»Ich sagte, sie kommen zurück«, sagte Buck Daniels.

Ein schwacher Lichtschein dämmerte in Joe Cumberlands Gesicht.

»Ja, ja, mein Junge«, sagte er eifrig. »Ich höre Dan pfeifen, es kommt näher und näher, scheint mir, er hat mich just nur 'n bißchen zum Narren halten wollen. Was, Buck?«

»Scheint so«, sagte Buck hilflos.

»Ah ja, jetzt hör' ich's an der Haustür! Sind das nicht Schritte in der Diele?«

»Ja,« sagte Buck, »jetzt kommen sie über die Diele.«

Aber weit, weit in der Ferne hörte er Dans Pfeifen zwischen den Bergen ersterben.

»Du hast die Lampe ausgehen lassen«, sagte Joe Cumberland, »und jetzt kann ich nichts mehr sehen. Sind sie schon im Zimmer?«

»Sie sind hier,« sagte Buck Daniels, »sie kommen auf Euch zu.«

»Dan!« rief der Alte, legte die Hand über die Augen und starrte ängstlich um sich. »Nein, ich kann nicht das geringste mehr sehen. Findest du zu mir her, Jung?«

Buck Daniels machte seine Stimme so sanft wie es ging und antwortete: »Ich kann Euch finden.«

»Dann gib mir die Hand.«

Buck Daniels ließ seine eigene riesige Hand in die kalten Finger des sterbenden Ranchers gleiten. Ein Ausdruck überwältigender Freude lag auf Joe Cumberlands Gesicht.

»Pfeifender Dan! Mein Dan!« murmelte er schwach. »Ich bin schrecklich schläfrig, aber bevor ich einschlafe heute, muß ich dir noch sagen, daß ich dir deinen Streich vergebe – daß du so getan hast, als wolltest du Kate entführen. Schlaf ist das einzige, was der Mühe wert ist – und einschlafen, wenn ich deine Hand halte, Junge ...«

Buck Daniels fiel auf die Knie nieder und starrte in die offenen erloschenen Augen. Durch das offene Fenster wehte der Wind noch einmal Dans Pfeifen herein. Es klang jetzt wie eine süße elfenhafte Musik, so leicht und dünn wie ein Chor singender Stimmen draußen in den Bergen und klar und rein und scharf wie das Sternenlicht.

Buck Daniels hob den Kopf und lauschte, aber der Klang verrann und das Rauschen des Nachtwindes deckte ihn zu.

 

Ende

 

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