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Die Drei in der Nacht

Max Brand: Die Drei in der Nacht - Kapitel 41
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDie Drei in der Nacht
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf
yearo.J.
translatorHellmuth Wetzel
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180225
projectid30d7648f
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Vierzigstes Kapitel.
Nacht bricht herein

Es war ein Tag, an dem es schwer war, zwischen Tag und Nacht zu unterscheiden, und keiner von denen, deren Augen aus den Fenstern des Cumberland-Ranch spähten, vermochte anzugeben, wann eigentlich die Schatten des Abends über den grauen Sturmhimmel heraufzogen. Aber schließlich war es nicht mehr zu bezweifeln, daß die Nacht gekommen war. Langsam und allmählich hatte sich der Himmel noch mehr verfinstert und selbst die langen Striche der fallenden Regentropfen waren nicht mehr sichtbar. Und dann, ehe die Finsternis ganz hereingebrochen war, sprang der Wind um. Die Wolken rollten auseinander, wurden zu Fetzen zerrissen, die der Wind davonjagte, und an dem rein gewaschenen Himmel funkelten die Sterne hell und freundlich. Immer noch war Dan Barry nicht nach Hause gekommen.

Nach dem Lärmen und Toben des endlosen stürmischen Tags schien diese windstille Nacht schwerer von übler Vorbedeutung als Donner und Blitz. Die drei im Wohnzimmer sprachen kein Wort.

Seitdem das Unwetter sich gelegt hatte, hatten sie das Feuer im Kamin langsam ausbrennen lassen, und nur hier und da noch züngelten die Flammen aus den rotglühenden Kohlen auf, deren Schein nach und nach immer matter und matter wurde. Wung Lu hatte eine Lampe hereingebracht – eine große Lampe mit einem Runddocht, die ein helles weißes Licht verbreitete –, aber Kate hatte den Docht wieder heruntergeschraubt und nun verbreitete die Lampe nur einen matten, gelben Lichtkreis, der kaum die Ecke des Raumes erhellte, in der sie stand. Im wesentlichen wurde das Zimmer nur vom Feuerschein im Kamin erhellt, der Kates und Buck Daniels Gesicht deutlich hervortreten ließ, während der alte Cumberland, der, wie immer, mit auf der Brust gefalteten Händen auf seinem Lager ausgestreckt ruhte, nur sichtbar wurde, wenn die sterbende Glut noch einmal besonders hoch aufzuckte.

Lange hatte das Schweigen gedauert, als Joe Cumberlands Stimme es brach. Seine Worte hatten einen seltsam feierlichen und prophetischen Klang.

»Er ist nicht gekommen,« sagte der Alte, »Dan ist nicht da.«

Die beiden anderen tauschten einen Blick, aber Kate Cumberland ließ rasch genug die Augen mit einem schmerzlichen Ausdruck wieder sinken und starrte in den Kamin.

Buck Daniels räusperte sich wie ein Redner.

»Nur ein Narr«, sagte er, »wäre bei einem solchen Unwetter von Elkhead losgeritten.«

»Dan kümmert sich nicht ums Wetter«, sagte Joe Cumberland.

»Aber er denkt doch auch an seinen Gaul ...«

»Satan macht es nichts aus, was es für Wetter ist«, antwortete Joe Cumberlands matte Stimme. »Kate!«

»Ja?«

»Kommt er?«

Sie gab keine Antwort. Statt dessen stand sie langsam von ihrem Platz am Kamin auf und setzte sich in einen anderen Stuhl, weit weg in einer dunklen Ecke, wo kaum ein Lichtschein hinfiel, und lehnte wie zu Tode erschöpft den Kopf gegen die Rücklehne ihres Sitzes.

»Er hat's versprochen«, sagte Buck Daniels, verzweifelt bemüht, seiner Stimme einen zuversichtlichen und ermunternden Ton zu geben. »Und er hat noch nie ein Versprechen gebrochen.«

»Ja,« sagte der Alte, »er hat versprochen, um die Zeit zurück zu sein – aber er ist nicht da.«

»Wenn er erst nach dem Unwetter sich auf den Heimweg gemacht hat ...« sagte Buck Daniels.

»Er ist nicht erst nach dem Unwetter losgeritten«, erklärte der Alte. »Er ist im Sturm draußen gewesen.«

»Was war das?« rief Buck Daniels plötzlich.

»Der Wind,« sagte Kate, »es fängt wieder an zu wehen. Wir werden heute eine kalte Nacht haben.«

»Und er ist nicht da«, sagte der alte Mann eintönig.

»Gibt's nicht allerlei, was ihn aufhalten könnte?« fragte Buck mit einer Spur von Gereiztheit.

»Ja, ja,« sagte der alte Rancher, »'s gibt Dinge, die ihn aufhalten können. 's gibt Dinge, die einen Hund wild machen können und der Geruch von Blut ist eins von solchen Dingen.«

Und wieder senkte sich Schweigen über das Zimmer.

Es stand eine alte Uhr an der Wand, eines der mächtigen hölzernen Gehäuse, bei denen man hinter dem Glas die schwere polierte Scheibe des Pendels mit ermüdender Regelmäßigkeit langsam vor und zurück schwingen sehen kann, und mit jedem Sekundenschlag ertönte im Gehäuse ein leises, metallisch klirrendes Geräusch, ein abgebrochenes Räuspern, wie es sehr alte Leute haben. Der Pendelschlag der Uhr bemächtigte sich des Schweigens rundherum, bis er wie die Stimme des Richters klang, der die letzten Sekunden eines Verurteilten zählt – ja, keiner war im Zimmer, der nicht wieder und wieder die Sekunden mitzählte, mechanisch, langsam – fünfzig, einundfünfzig, zweiundfünfzig, dreiundfünfzig – und immer weiter und dabei sehnsüchtig wartete, daß ein Wort oder das Knacken des Holzes im Kamin oder das Heulen des Windes draußen endlich wohltätig die gespannte Stille unterbrach.

Endlich hörte man Buck Daniels Stimme. Sie klang hilf- und mutlos in dem weiten, öden Raum, in dem das bißchen trübe Licht noch trostloser schien als die Dunkelheit, die in den Ecken hing.

»Erinnerst du dich noch an Shorty, Kate?«

»Ich erinnere mich noch.«

Er drehte sich nach ihr um und zog seinen Stuhl näher zu ihr hin, bis er den matten Schein ihres Gesichtes in dem Schatten erspähen konnte. Im Kamin sprang eine letzte Flamme hoch. Als er sie so anblickte, sah er ein Bild vor sich, bei dem ihm das Herz weh tat.

»Ich mein' den kleinen Kerl mit den krummen Beinen.«

»Ja, ich erinner' mich sehr gut an ihn.«

Noch einmal zuckten die Flammen auf und er sah, wie sie traurig vor sich hin ins Leere starrte. Niemals war sie Buck Daniels so liebenswert erschienen. Sie war bleich, aber wenn auch tiefe Schatten unter ihren Augen lagen, so diente es nur dazu, die Augen noch größer erscheinen zu lassen und ihnen wunderbaren Glanz zu verleihen. Das Licht des ersterbenden Feuers streute Goldpunkte auf ihre matte Haut und goß einen Heiligenschein über das goldene Haar um ihr Gesicht. Buck Daniels hätte zehn Jahre seines Lebens dafür gegeben, wenn er sie noch einmal hätte lächeln sehen wie in den schönen Tagen der Vergangenheit. Er fuhr in seiner Erzählung fort.

»Du hättest dich reineweg krank gelacht, wenn du ihn auf der Circle Ranch gesehen hättest an 'nem Tag, wo das ganze Vieh zusammengetrieben wurde. Shorty geht ganz leidlich mit 'nem Lasso um, und er redet in einem fort, was er alles leisten kann und wie er jedem Geschöpf, das Hörner hat, mit 'nem Lasso beikommen kann. Er ist nicht so schlecht, aber er ist auch nicht so großartig bei alledem. Besonders ist nicht viel los mit seinem Reiten – du weißt, was der Kerl für krumme Beine am Leib hat, Kate.«

»Ich erinnere mich, Buck.«

Wenigstens blickte sie ihn jetzt an und er erzählte eifrig weiter in der Hoffnung, ihr auch noch ein Lächeln abzugewinnen.

»Well, da war'n wir zu dritt hinter 'nem Zweijährigen her – 's war 'n Bulle und 'n bösartiges Stück Vieh obendrein. Shorty war auf der einen Seite und ich und Cuttle, wir war'n auf der anderen Seite. Shorty schmeißt seinen Strick und trifft auch glücklich, aber wie sich sein Gaul auf die Hinterbeine stemmt, krach, reißt das Lasso auseinander. Nun mußt du wissen, Shorty, der hat sich's in den Kopf gesetzt, daß er seinem Pferd die Arbeit 'ne ganze Masse erleichtern könnt', wenn er selbst den Lasso mit anpackt, sobald sein Gaul sich hinhockt, um 'ne Kuh zu schmeißen. So hatt' mein Shorty auch diesmal den Strick gepackt und zog mit aller Kraft dran, wie er auseinanderkracht – was soll ich dir sagen – Shorty wirbelt rückwärts aus dem Sattel, als hätt' ihm einer 'nen Tritt versetzt. Wie er noch da zappelt, kommt der Bulle wieder auf die Beine. Er war kopfüber hingekracht, eh' der Lasso gerissen war, und ich kann Euch sagen, er war geradezu rasend vor Wut. Er sieht, wie Shorty auf dem Boden liegt und er nimmt sich Shorty aufs Korn. Ich und Cuttle, wir mußten so lachen, daß wir kaum fähig waren, den Lasso zu schwingen, aber schließlich riskier' ich 'nen Wurf und krieg die Schlinge auch richtig dem Bullen über die Hörner. Was mein Gaul ist, der hockt sich hin und stemmt die Füße in den Boden, um den Ruck auszuhalten. Der kleine Shorty, der rappelt sich derweil vom Boden auf und sitzt da und reibt sich die Stirn, just da wird er gewahr, wie der Bulle auf ihn losgerast kommt. Er springt hoch und gerade da kommt mein Lasso straff, und bums geht mein Bulle kopfüber und landet auf dem Boden mit 'nem Plumps, der ihm die Leber nicht schlecht durcheinandergebracht haben muß, da will ich Gift drauf nehmen. Well, Shorty, der sieht den Bullen in die Luft fliegen und tut dir einen Schrei, als wenn das Jüngste Gericht gekommen wär', und fängt an zu laufen. Wenn er gradaus zurückgelaufen wär', hätt' ihm der Bulle nicht 'nen Schritt nachkommen können, denn ich hatt' ihn ja mit meinem Lasso fest, aber Shorty, der sieht mich und saust auf mich los und denkt, er will sich hinter meinem Gaul verstecken. Der Bulle, der kam so rasch wie 'ne Katze wieder auf seine Füße, und das erste, was er sieht, ist Shorty, wie er dahersaust und losgondelt er, hinter ihm her. Die beiden, die fegten heran wie ein geölter Blitz. Der Bulle, der schnaubt in einem weg gegen Shortys Hosenboden und stößt mit den Hörnern und verfehlt meinen Shorty just um ein paar Zoll, und Shorty brüllt und reißt das Maul auf, daß man ihm ein ganzes Rindsviertel hätt' hineinschieben können. Die Augen, die hingen ihm nur so aus dem Kopf. Seine krummen Beinchen, die streckte er, ich denke, er machte mit jedem Satz zehn Meter und die Leute erzählten dann, sie hätten ihn 'ne Meile weit weg noch brüllen hör'n. Aber der Bulle konnte sich strecken, solang er wollte, er konnt' Shorty nicht um 'nen Zoll näher kommen und Shorty, der konnt' nicht 'nen Zoll weiter weg von dem Bullen, bis mein Bulle mit meinem Lasso wieder am Ende ist – 's waren just fünfundvierzig Fuß –, und dann bums bricht er in die Knie und die Hinterfüße wirbeln in der Luft, er überschlägt sich und krach kriegt mein Shorty die Hufe an den Schädel. Wär' er einer von der gewöhnlichen Sorte gewesen, er hätt' nicht mehr lang genug gelebt, um noch davon erzählen zu können, aber da es justament Shorty war, so wirbelt er in die Luft und landet zehn Meter weiter, überschlägt sich und kommt auf die Füße. Was soll ich sagen? Ohne aus dem Takt zu kommen, und dann fängt er erst richtig an zu laufen, und ich kann dir sag'n, er hört' nicht auf zu rennen und zu brüllen, bis er hier beim Haus angelangt war.«

Buck Daniels ließ sich in seinen Stuhl zurückfallen und brüllte vor Lachen. In der Erregung des Erzählens hatte er Kate ganz vergessen, aber als er sich an sie erinnerte, sah er sie mit zur Seite geneigtem Kopf dasitzen, ihre Hand zum Schweigen mahnend erhoben – in der Tat, sie lächelte, aber für Buck Daniels hatte sie keinen Blick. Er wußte sofort Bescheid.

»Ist er's?« flüsterte er. »Hörst du ihn?«

»Still!« riefen zwei Stimmen zugleich, und jetzt sah Buck Daniels, daß auch der alte Cumberland hinaushorchte.

»Nein,« sagte Kate plötzlich, »es war nur der Wind.«

Aus weiter Ferne schallte, wie eine Antwort, leise, aber durchdringend ein Pfeifen herüber. Kate zog beide Hände langsam zur Brust hinauf, als zöge sie die Töne damit näher an sich heran.

»Er kommt!« rief sie. »O Dad, höre doch, hörst du nicht?«

»Ich höre schon,« antwortete der Rancher, »aber was ich höre, macht mir nicht gerade warm ums Herz. Kate, wenn du klug sein willst, dann geh in dein Zimmer hinauf und kümmer' dich um nichts, was du heute nacht etwa hören solltest.«

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