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Die Drei in der Nacht

Max Brand: Die Drei in der Nacht - Kapitel 4
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDie Drei in der Nacht
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf
yearo.J.
translatorHellmuth Wetzel
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180225
projectid30d7648f
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Drittes Kapitel.
Der Doktor im Sattel

Hank Dwight verschwand vom Türpfosten. Den Doktor weckte ein Anruf aus seinem Grübeln. Es war die Stimme des Mädchens, sie hatte etwas, was dem Doktor süß und weh zu Herzen ging, war dunkel und beherrscht und musikalisch und paßte nicht im geringsten zu der nasalen und rauhen Sprechweise, die in dieser Gegend üblich war. Wenn sie anfing zu sprechen, war es wie der Anfang eines Liedes. Der Doktor drehte sich um und sah Miss Cumberland im Sattel eines hohen braunen Gauls. Ein zweites Pferd, einen Rotschimmel, führte sie am Zügel. Er eilte die Veranda hinunter, sie warf ihrem Gaul die Zügel über den Kopf und schnallte des Doktors Tasche hinter ihrem Sattel fest.

»Ihre Stute ist lammfromm«, sagte sie beruhigend, als es ans Aufsteigen ging. Aber als der Doktor sich vorsichtig seinem Reittier näherte, empfing es ihn mit zurückgelegten Ohren und einem zornigen Schnauben. »Halt!« rief das Mädchen. »Auf der linken Seite, nicht rechts!«

Er hörte ein Lachen heraus, aber als er aufblickte, war auf ihrem Gesicht keine Spur davon zu finden. Er biß die Zähne zusammen und näherte sich seinem Gaul nun von links.

»Sie sehen,« meinte er, »daß ich auf Ihre Worte Häuser baue«, schob seinen Fuß in den Steigbügel und zog sich bedächtig in den Sattel. Die Stute stand wie ein Felsen. Er rückte sich im Sattel zurecht und wischte sich die plötzlich perlenden Schweißtropfen von der Stirn.

»Ich glaube wirklich auch,« bemerkte er, »daß das Tier über eine ganz ungewöhnliche Intelligenz verfügt. Es kann noch alles gut gehen.«

»Ganz gewiß«, bemerkte das Mädchen sehr ernst. »Nun los!«

Und die Pferde fielen in einen kurzen Hundetrab. Die Stute hatte wahrhaftig eine Gangart von traumhafter Weichheit. Ihre Fesseln, biegsam wie stählerne Federn, dämpften bei jedem Schritt die Stöße ab. Gewiß war es ein ausgezeichnetes Reitpferd, aber das Pferd hat noch nicht gelebt, dessen Trab wirklich weich ist. Doktor Byrnes Hut begann sich bedenklich über sein rechtes Auge zu senken und seine Brille wanderte gegen das linke Ohr hin. Er bemerkte ein ungewohntes Gefühl der Leichtigkeit in der Gegend seines Magens und eine unangenehme Schwere um das Herz herum.

»T–t–t–t–t–t–trab,« versuchte er zu bemerken, »ist eine v–v–v–v–verd...«

»Doktor Byrne!« rief sie.

»Hüüüh!« schrie Doktor Byrne und zerrte gewaltig an den Zügeln. Die Stute kam zum Stillstand, wie eine Kugel, die an eine Mauer prallt; der Doktor hing in einer krampfhaften Positur auf ihrem Hals und klammerte sich mit Armen und Beinen fest. Es gelang ihm jetzt, wieder in den Sattel zurückzuklettern.

»Diese Bestie ist nicht ganz ohne Bösartigkeit«, erklärte er.

»Tut mir furchtbar leid«, murmelte sie. Er warf einen schiefen Blick zu ihr hinüber. Aber es war auf ihrem Gesicht keine Spur eines Lächelns zu bemerken.

»Das Wort, bei dem ich ...«

»... anhielt?« half sie ein.

»Jawohl, anhielt,« stimmte er zu, »war nicht, wie Sie zu meinen scheinen, ein Fluch. Ganz im Gegenteil, ich wollte nur sagen, daß Trab eine verdrießliche Gangart ist, aber infolge der Störungen der – wie soll ich sagen, der Aussprache ...«

Sein Auge schien zu sagen: »Du wirst doch nicht –« aber sie blieb todernst.

»Wir wollen es mit einem leichten Galopp versuchen«, schlug sie vor. »Ich hoffe, Sie werden diese Gangart angenehmer finden.«

Sie rief ihrem Gaul etwas zu und in der nächsten Sekunde bog sich dessen Rücken wie ein Reif, und er preschte vom Fleck weg los. Die rote Stute folgte dem Beispiel. Um ein Haar wäre der Doktor rücklings aus dem Sattel geworfen worden, aber durch eine besondere Gnade des Himmels gelang es ihm, sich noch rechtzeitig am Sattelknopf festzuhalten. Die Luft pfiff ihm um die Ohren und sie fegten aus der Stadt, hinaus in die endlose Ebene.

»Ge–ge–ge–geschwindigkeit war mir immer z–z–z–z–zuwider«, stöhnte der Doktor.

Er stellte fest, daß Miss Cumberland in ihrem Sattel saß wie angewachsen. Unter ihr schwang der Pferdekörper in heftiger Bewegung, wie eine stürmende Welle, vor und zurück. Sie selbst schien der leicht und unbewegt darüber schwebende Kamm von Schaum. Ihr Körper schwang elastisch, kaum merklich, mit einer Bewegung, die so selbstverständlich und mühelos war wie das Fließen des Wassers. Und sie sprach so gleichmäßig und ungestört, als wiege sie sich in einem Schaukelstuhl.

»Sie werden in einem Augenblick daran gewöhnt sein«, tröstete sie ihn.

Und in der Tat, allmählich dämmerte es ihm, daß, wenn man sich in die Steigbügel stemmte, sobald die Schultern des Pferdes niedertauchten und sich ein bißchen nach vorwärts lehnte, sobald sie wieder nach oben kamen, das Stoßen und Schütteln aufhörte. Denn die Stute war wahrhaftig ein Geschöpf ohne Makel und Fehl und hatte einen Gang, wie eines jener Fabeltiere, die Kinder des schnellen Westwinds aus den alten Geschichten. Es dauerte nicht lange, so klopften des Doktors Pulse mit einem gewissen Stolz, seine Lungen füllten sich tiefer mit Luft, der Wind schien würzig und kräftigend wie noch nie, die Sonne wärmer und goldener zu sein. Der schmale Pferdekopf vor ihm mit den kleinen spitzen, nach vorne gerichteten Ohren, tanzte in gleichmäßigem Rhythmus auf und ab, und hier und da warf das Tier den Kopf ein wenig zur Seite und blickte mit einem Ausdruck zu ihm hin, den er ungemein beruhigend fand. Er fühlte das Leben, die Kraft und die Schnelligkeit zwischen seinen Knien und warf dem Mädchen an seiner Seite einen blitzenden Blick zu.

Aber sie hielt die Augen unverwandt nach vorne gerichtet. Es war etwas an ihr, das ihn plötzlich zwang, wegzusehen und zu tun, als spähe er in die Ferne. Zerrissen und wild war die Gegend ringsherum, denn in der kurzen Zeit der Regengüsse wurde sie von plötzlichen fürchterlichen Wolkenbrüchen heimgesucht, die den Boden fortfraßen und den Fels des Untergrundes zum Vorschein brachten. Ein einziger Tag konnte genügen, um eine tiefe Schlucht zu reißen, da, wo vorher tischflache Ebene gewesen war. In der Ferne ragten hohe, dürre Gebirge empor. Keine Wälder kleideten die trostlosen Hänge mit freundlichem Grün. Die wenigen Bäume, die den Kampf mit dem unfruchtbaren Boden und der Ungunst der Witterung überstanden hatten, gruppierten sich hier und da wie ein stachliger Bartwuchs. Trotzdem wirkte das Gebirge, so aus der Ferne gesehen, mächtig und eindrucksvoll. Das Gras der Vorberge hing wie ein dünner, grüner Nebel um seinen Fuß, tiefe, blaue Schatten gossen sich wie ein wunderbarer Mantel über die langhingezogenen Kämme, aber die Gipfel hoben sich nackt in den bleichen Himmel.

Doktor Randall Byrne fand, während er so dahinritt, daß zwischen der Majestät dieser Berge und dem Mädchen an seiner Seite eine Ähnlichkeit bestand. Auch sie besaß die schneekalte Reinheit der höchsten Gipfel, die dort hinten zur Sonne ragten, auch um sie war dieselbe natürliche Würde, mit der das Geheimnis der Ferne diese Berge umgab. Es war, als ob der Rhythmus, mit dem sich die Silhouette der Gebirgsmasse von Gipfel zu Gipfel schwang, auch ihr zuteil geworden sei. Der Doktor beobachtete, wie sie sich leise im Galopp ihres Pferdes wiegte, und hatte das Gefühl, daß sie tausend Meilen von ihm fern sei, so nahe sie auch körperlich sein mochte. Sie schien nichts verbergen zu wollen, und doch konnte er ebensowenig in die Tiefen ihrer Seele sehen, wie er fähig war, die blauen Schleier von jenen fernen Bergwänden zu reißen. All diese Empfindungen vermochte der Doktor nicht zu formulieren, nur eines war ihm bewußt, ein Gefühl der Einschüchterung, das ihm gebieterisch befahl, zu schweigen.

Es war ein seltsames Gefühl. Er kam aus einem geistigen Bezirk, wo das, was nicht in Worte gekleidet wird, auch nicht existiert. Und jetzt entführte ihn ein fremdes Mädchen rasch aus dem Bezirk der Hypothesen, der Zweifel und der langen, vielsilbigen, gelehrten Worte, in eine Welt – ja, in was für eine Welt? Der Doktor wußte es nicht. Er spürte nur, daß er im Begriff stand, die Schwelle des Unbekannten zu überschreiten. Man braucht nicht zu glauben, daß er sich diesem Gebot des Schweigens willig fügte. Im Gegenteil, er kämpfte dagegen, aber es gelang ihm einfach nicht, die richtigen Worte zu finden.

Es war Abend geworden. Die mächtig sich wölbenden Berge, zwischen denen sie nun ritten, lagen bereits in Finsternis, und nur die Gipfel fingen noch das scheidende Tageslicht. Auf dem Scheitel eines Bergsattels machten sie halt, und das Mädchen deutete über das Tal zu ihren Füßen hinüber. »Da drüben leben wir«, sagte sie. Eine hohe Baumgruppe verbarg beinahe die Konturen eines zweistöckigen Hauses. Es war groß, größer als irgendein Gebäude, das der Doktor je in dieser Wildnis gesehen hatte. Hinter den Bäumen streckten sich lange Schuppen, eine große Scheune und ein Labyrinth von Pferchen für das Vieh. Zahllose Menschen, ungezählte Tiere schienen hier Unterkunft finden zu können. Der Doktor hatte nach dem langen Ritt durch die trostlose, steinige Einöde der Ebene ein so gewaltiges Anwesen nicht erwartet. Er war überrascht. Das arme Kind der Wüste, mit dem er ausgeritten war, schien mit einem Schlag zu einer Prinzessin geworden. Und da erinnerte er sich plötzlich, daß er gekommen war, um in diesem Hause nach einem Kranken zu sehen. Es war das erstemal seit seinem Ausritt von Elkhead, daß er sich daran erinnerte.

Er sagte: »Sie hatten mir doch von der Krankheit Ihres Vaters erzählen wollen – von den tieferen Ursachen, auf die sein jetziger Zustand zurückzuführen ist. Aber wir haben es beide vergessen.«

»Ich habe unterwegs die ganze Zeit daran gedacht,« antwortete sie, »wie ich Ihnen die Sache beschreiben soll.« Und da die Dunkelheit um sie zunahm, drängte sie ihr Pferd näher an ihn heran, als müsse sie im Gesicht des Doktors lesen.

»Noch vor sechs Monaten«, sagte sie, »war mein Vater, trotz seines Alters, rüstig und tatkräftig. Er war immer guter Laune, geschäftig und optimistisch. Plötzlich fing es an, mit ihm bergab zu gehen. Nicht, daß seine Kraft plötzlich gebrochen wäre. Wäre das der Fall gewesen, so hätte es mich nicht beunruhigt. Man hätte es auf irgendeine Krankheit zurückführen können. Aber jeden Tag verläßt ihn ein Stückchen seiner Lebenskraft. Er schwindet beinah von Stunde zu Stunde dahin, langsam und unmerklich, wie sich der Zeiger an der Uhr bewegt. Man kann die Veränderung verfolgen, und doch hat der Zeiger nach zwölf Stunden einen vollen Kreis beschrieben. Es ist, als verdunste allmählich sein Blut, und es gelingt uns nicht, ihn wieder zu Kräften zu bringen, wir können versuchen, was wir wollen.«

»Ist dieser Zustand mit großer Reizbarkeit verbunden?«

»Er ist vollkommen ruhig, und es scheint ihm vollkommen gleichgültig, was aus ihm wird.«

»Hat er das Interesse an den Dingen, die ihn früher fesselten und beschäftigten, verloren?«

»Ja, es ist ihm jetzt alles gleichgültig. Er kümmert sich nicht mehr darum, ob das Vieh in gutem Zustand ist und ob wir beim Verkauf verlieren oder gewinnen. Sein ganzer früherer Wirkungskreis scheint für ihn einfach nicht mehr vorhanden zu sein.«

»Ah, also ein allmähliches Verschwinden des Wahrnehmungsvermögens?«

»In gewissem Sinne, ja, aber bei alledem wirkt er in anderer Beziehung lebendiger, als er je gewesen ist. Zum Beispiel scheint sein Gehörsinn unnatürlich geschärft zu sein.«

Der Doktor runzelte die Stirn.

»Ich war versucht, dieses Dahinschwinden der Wirkung des Alters zuzuschreiben,« bemerkte er, »aber was Sie mir da schildern, ist ganz ungewöhnlich. Diese innere – hm – Hellhörigkeit verknüpft sich nicht mit irgendeinem besonderen Interesse an einer bestimmten Sache?«

Sie antwortete nicht. Er war nahe daran, ihr Schweigen als Zustimmung zu deuten, dann aber wurde er, trotz der Dunkelheit, gewahr, daß ihre Augen einen merkwürdigen dunklen Glanz angenommen hatten. Sie schienen in die Ferne gerichtet zu sein – Byrne nicht zu sehen.

»Eine bestimmte Sache,« antwortete sie schließlich, »gewiß, es gibt etwas, eine einzige Sache, an der er noch Interesse nimmt.«

Der Doktor nickte strahlend.

»Gut,« sagte er, »und das ist ...«

Wieder herrschte Schweigen. Aber diesmal paßte er schärfer auf. Er beobachtete sie. Seine Augen strengten sich an, die zunehmende Dunkelheit zu durchdringen. Sie schien tief erregt. Ihre Hand krampfte sich um den Sattelbogen. Ihre Lippen hatten sich geteilt. Sie wirkte wie jemand, der unter einem furchtbaren Schmerz zu leiden hat. War es ihr rasches, stoßweises Atmen oder war es der schwache Nachtwind, der den Stoff ihrer Bluse erzittern ließ? Er konnte es nicht sagen. »Davon«, sagte sie, »kann man kaum sprechen, und es ist auch nutzlos.«

»Aber ganz gewiß nicht«, erklärte der Doktor protestierend. »Für eine Diagnose ist die Angelegenheit von äußerster Wichtigkeit, soweit sie auch zunächst von dem entfernt sein mag, was uns hier unmittelbar beschäftigen muß.«

Sie fiel ihm hastig ins Wort.

»Ich kann Ihnen nur soviel sagen: er wartet auf etwas, was niemals kommen wird. Er hat etwas eingebüßt, was ein Teil seines Lebens war, und es wird niemals zurückkommen. Warum also sollen wir uns hier darüber unterhalten, was es sein könnte?«

»Für den kritischen Verstand«, erwiderte der Doktor gelassen, seine Brille zurechtrückend, »ist nichts ohne Bedeutung.«

»Es ist schon beinahe Nacht,« rief sie hastig aus, »wir müssen weiter.«

»Nein, erst muß ich Ihnen noch berichten, daß ich in Elkhead kurz vor meinem Weggang ganz andeutungsweise von einer bemerkenswerten Geschichte gehört habe, in der ein Mann, ein Pferd und ein Hund eine Rolle spielen. Liegt darin irgend etwas ...?«

Aber sie schien ihn nicht zu hören. Er vernahm einen scharfen, gedämpften Ausruf, der an ihr Pferd gerichtet sein konnte, und einen Augenblick später schoß sie in raschem Galopp den Abhang hinunter. Der Doktor folgte, so gut er konnte, und wurde im Sattel hin und her geschüttelt, daß ihm der Atem ausging.

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