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Die Drei in der Nacht

Max Brand: Die Drei in der Nacht - Kapitel 39
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDie Drei in der Nacht
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf
yearo.J.
translatorHellmuth Wetzel
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180225
projectid30d7648f
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Achtunddreißigstes Kapitel.
Das Gewitter

Als sie aus der Stadt ritten, platschte die nasse Erde unter den Hufen ihrer Pferde und spritzte auf ihre Stiefel und Mäntel, gelegentlich sogar in ihre Gesichter. Jeder Huftritt jagte rechts und links eine kleine schmutziggelbe Fontäne auf, denn alle Straßen von Elkhead hatten sich in Bäche verwandelt, und als sie die Häuser hinter sich ließen, verhüllte der herunterstürzende Regen jeden Ausblick. Hier und da ließ der Guß einmal an einer Stelle etwas nach, dann sprang ein Berg, der bisher unsichtbar gewesen war, plötzlich auf sie los wie ein lebendiges Wesen und verschwand ebenso rasch wieder im Wasserdunst.

Auch die Pferde fühlten sich durch das unausgesetzte Trommeln schwerer Regentropfen belästigt, sie schüttelten unablässig die Köpfe und stampften unwillig unter dem unaufhörlichen Bombardement. Ja, wenn man die Hand ausstreckte, taten einem die Tropfen darauf weh wie ein Peitschenschlag. Es ging kein Wind. Man hörte keinen Donner, sah keinen Blitz, nur das unablässige fürchterliche Gießen, das Erde und Himmel in eine düstere Wassermasse aufzulösen schien.

Der Regen zwang die beiden, den Kopf gebeugt zu halten und auf die Erde zu starren, die von unzähligen Rinnsalen dahinschießenden braunen Wassers belebt war. Unter dem Dreschen der Regenströme bildete sich weißer Schaum darauf. Um sich in diesem Aufruhr miteinander zu verständigen, mußten sie die Hände trichterförmig um den Mund legen und brüllen. So kamen sie schließlich zu McDuffys altem Haus.

Es war eine längst verlassene Ruine. Nicht eine Spur von Dach war erhalten. Die Schuppen für die Pferde waren zusammengestürzt, aber die Mauern des Hauses waren noch teilweise stehengeblieben und blickten mit leeren Fenstern in die Ebene hinaus, als versuchten sie den Wanderer mit dem Versprechen eines Schutzes zu foppen, den er hier nicht mehr finden konnte. Auf diesem leeren Gehäuse trommelte der Regen mit verdoppelter Wut, und schon ehe sie den Platz durch die Regenschleier erblicken konnten, hörten sie das hohle trommelnde Geräusch.

Jetzt kam etwas Wind auf und der Regen fiel nicht mehr senkrecht herab, sondern wurde ihnen unter der Hutkrempe ins Gesicht gejagt. Sie suchten Schutz hinter dem Teil der Mauer, der noch am höchsten war. Auch hier wurden sie noch vom Regen getroffen, aber der größte Teil fegte schräg über sie hinweg. Die Mauer wirkte wie eine Art Resonanzboden, der jeden ungewöhnlichen Laut in der wettergepeitschten Ebene draußen aufzufangen schien. Sie konnten sich jetzt miteinander verständigen, ohne brüllen zu müssen.

»Glaubt Ihr,« fragte Haw-Haw Langley und preßte seinen dampfenden Gaul etwas näher an Mac Strann, »daß er bei solchem Wetter hier herauskommen wird?«

Mac Strann hob den Kopf und versuchte durch die schweren Vorhänge des Regens zu spähen.

»Meint Ihr,« entgegnete er, »daß Jerry durch all das Wasser durchsehen kann und beobachtet, was ich heute tue?«

Haw-Haw Langley grinste, aber als er das Gesicht seines Gefährten genauer betrachtete und sah, daß es dem Riesen keineswegs um einen Scherz zu tun war, wischte er mit seiner nassen Hand das Grinsen weg.

»Da ist kein Zweifel dran«, sagte er ermutigend. »Jerry weiß, was Ihr tut, Mac. Was hat denn vorhin Pale Annie zu Euch gesagt?«

»Er wollte, ich sollt' Barry aus dem Wege gehen, erzählte, daß Barry einmal eine ganze Bande von sechs Mann ausgelöscht hat.«

»Und wir sind bloß zwei.«

»Ihr werdet Euch beiseite halten«, erklärte Mac Strann scharf. »Mann gegen Mann soll's gehen, Haw-Haw.«

»Aber 's kann sein, er weiß das nicht«, schrie Haw-Haw und strich sich an seinem langen Hals entlang, als fühle er schon, wie sich eiserne Finger um seine Luftröhre schlossen. »Der hat sich immer mit 'ner ganzen Bande herumgehaun, Mac, habt Ihr daran gedacht?«

»Ich hab' nicht verlangt, daß Ihr mitkommt«, antwortete Mac Strann.

»Mac,« schrie Haw-Haw plötzlich sehr beunruhigt, »was wird, wenn Ihr den kürzeren zieht? Wenn Ihr nun nicht fähig seid, ihn von mir abzuhalten?«

Mac Stranns dicke Lippen verzogen sich zu einem häßlichen Lächeln, aber er antwortete nicht.

»Natürlich, Ihr bildet Euch ein, Ihr könnt nicht verlieren,« fuhr Haw-Haw hastig fort, »aber ich denk', die sechs, von denen Pale Annie erzählt hat, haben sich's auch eingebildet und doch ist's anders gekommen. Was geschieht mit mir, wenn Ihr verliert?«

»Ihr braucht ja nicht hierzubleiben«, sagte Mac Strann gänzlich gleichgültig.

Haw-Haw antwortete rasch: »Ich geh' nicht weg – um jeden Preis will ich dabei sein. Den ganzen weiten Weg bin ich geritten, um's zu sehen – ich meine, um zu helfen, und jetzt soll ich Euch im Stich lassen, Mac? Beileibe nicht!«

Und seine knochigen Finger ineinanderschlingend, brach er wieder in das knatternde unmenschliche Lachen aus, das man im ganzen Umkreis der Drei B.s so gut kannte und fürchtete, wie ein Sterbender den Anblick des Geiers fürchtet, der über ihm kreist.

»Halt's Maul!« rief Mac Strann in einem Anfall plötzlichen Zorns. »Verdammt, halt's Maul!«

Haw-Haw schielte mit ungläubigem Entzücken zu Mac Strann hinüber. Sein breites Mundwerk klaffte mit dem Ausdruck durstigen Genusses.

»Ihr werdet doch nicht etwa nervös, Mac?« fragte er drängend und schob sein Gesicht näher heran, um seiner Sache gewiß zu sein. »Ihr werdet doch nicht kribbelig, Mac, und fangt doch hoffentlich nicht an zu zweifeln, wie's ausgehen wird?« Er erhielt keine Antwort und antwortete deshalb sich selbst: »Ich weiß, wieso Euch das angeflogen ist, ich hab's selbst gesehn, 's war das verdammte gelbe Licht in seinen Augen, Mac. Mein Gott, 's schoß plötzlich auf und 's war 'ne Sorte Licht, wie man's in Menschenaugen nicht sehen sollte. 's war just, als wenn einer in der Nacht aufwacht, weil ihn etwas Kaltes schwer auf die Brust drückt, und er sieht dicht vor sich zwei Schlangenaugen glitzern, 's jagt einem einen Schauer ins Gebein, bloß dran zu denken. Habt Ihr's gesehn, Mac?«

»Ich hab' das Schwätzen satt«, sagte Mac Strann heiser. »Verdammt satt!«

Und damit drehte er schwerfällig den Kopf und funkelte Haw-Haw erbost an. Mit einer geschmeidigen Bewegung hob sich dieser im Sattel zurück, und als Mac Strann den Kopf wieder weggewendet hatte, begann sein breites Mundwerk zu schnattern: »'s geht ihm, wie mir's gegangen ist. Er hat Angst, Angst, Angst – sogar Mac Strann hat Angst.«

Er brach ab, denn Mac Strann hatte den Kopf hochgeworfen und mit einer seltsam gedämpften Stimme gefragt: »Was war das?«

Haw-Haw Langley legte seinen kugelrunden kleinen Kopf auf die Seite, und seine glitzernden Augen glotzten in den Himmel, während er hinaushorchte.

»Nichts,« sagte er, »ich kann nichts hören.«

»Horch doch!« rief Mac Strann mit derselben vorsichtig gedämpften Stimme – wie einer, der im Dunkel im Hause seines Feindes flüstert. »Ich hör' was im Wind, wie 'ne Stimme. Der Wind treibt's hierher. Hört Ihr's jetzt? – Jetzt – jetzt?«

Und jetzt hörte auch Haw-Haw Langley: das schwächste aller schwachen Geräusche. Ein geringfügiger und ferner Laut, und doch drang er mit zunehmender Klarheit durch das Prasseln und Trommeln des Sturzregens – jemand ritt pfeifend durch das Unwetter daher.

»Er ist's!« ächzte Haw-Haw Langley. »Großer Gott im Himmel, Mac, er pfeift! Man soll's nicht für möglich halten.«

Er drängte sein Pferd dichter an die Mauer und horchte mit offenem Mund hinaus.

Plötzlich quietschte er: »Und was nun, wenn er uns beiden was auswischt, weil er uns zusammen sieht? Ein Kerl, der in so 'nem Wetter noch den Mund zum Pfeifen spitzen kann, der kann kein Herz im Leibe haben.«

Aber Mac Strann hatte seinen schweren Bulldoggkopf auf die Brust geneigt, und während er in die Ebene hinauslauschte, schob sich sein plumpes Kinn weiter und weiter vor. Er gab keine Antwort.

»Gott, gib mir Kraft, bis zum Ende auszuharren!« bat Haw-Haw Langley voll begehrlicher Verzweiflung. »Gott, laß mich sehn, wie das Ding ausgeht. Gott, laß mich dabei sein, wenn sie miteinander kämpfen. Einer von den beiden muß sicher um die Ecke gehen – vielleicht alle beide –, niemals hat einer noch so was miterlebt.«

Der Regen schlug um und das Zentrum des Unwetters rollte in die Ferne. Für kurze Zeit konnten sie weit über die in große Schatten gehüllten Berge sehen, und aus dem Herz der öden Landschaft kam das Pfeifen zu ihnen herauf und machte sie zittern. Es war jetzt so laut und so in der Nähe, daß die beiden wie auf Verabredung den Kopf herumwarfen und einander anstarrten. Dann wendeten sie hastig den Blick weg, als habe sie das, was jeder von ihnen im Antlitz des anderen sah, erschreckt. Es war keine sinnlose Kette von Tönen, was sie hörten, sondern ein steigendes jauchzendes Lied verzückten Triumphs. Es wehte gellend mit dem Wind heran – es schnitt ihnen ins Gesicht wie der eiskalte Regen, es brannte sich ihnen mit Eiseskälte auf die Stirn.

Und nun erblickte Haw-Haw Langley auf dem Kamm des nächsten Hügels eine verschwommene Gestalt, einen Mann zu Pferd, vor dem etwas herlief. Sie kamen rasch heran.

»Der verdammte Wolf hat uns ausfindig gemacht«, schrie Haw-Haw Langley kreischend. »O Gott, du Allmächtiger, selbst wenn wir fliegen wollten, käm' der Wolf hinter uns her und riß uns vom Sattel. Mac, rettet mich! Haltet mir den Wolf vom Leib.«

Er krallte sich am Arm seines Gefährten fest, aber Mac Strann stieß ihn so heftig zurück, daß Haw-Haw beinah vom Sattel gestürzt wäre.

»Pfoten weg, Mann!« grollte Mac Strann. »Wenn Ihr einen anrührt, ist's einem zumut, wie wenn was Totes einen anfaßt. Drei Schritt vom Leib!«

Haw-Haw Langley setzte sich mühsam wieder in seinem Sattel zurecht, denn das Lederzeug war vom Regen schlüpfrig geworden. Schwarze Bosheit verzerrte sein Gesicht.

»Werdet nicht mehr lang' Zeit haben, die Leute herumzukommandieren und Euch an ihnen zu vergreifen. Er kommt – und bald! Mac, ich möcht' gar zu gern dableiben – möcht' wissen, wie's ausgeht ...« Er hielt inne und seine Geieraugen musterten eindringlich Mac Stranns Gesicht.

Der Regen, der erneut herniederströmte, verwischte die Gestalt des herankommenden Reiters. Gleich darauf schrillte ihnen aus nächster Nähe das Pfeifen in die Ohren. Es war, als ob der pfeifende Reiter von der Stelle weggezaubert worden wäre, wo eben der Regen eine Silhouette verschluckt hatte und in ihrer unmittelbaren Nähe wieder Gestalt angenommen hätte. Mac Strann zuckte zusammen und drängte sich an die Mauer, er straffte die Schultern und packte die Kolben seiner Revolver. Aber Haw-Haw Langley warf einen erschreckten Blick nach rechts und links. Sein Kopf fuhrwerkte in komischen vogelartigen Bewegungen hin und her, und dann beugte er sich mit einem Aufheulen der Verzweiflung über seinen Sattelknopf, setzte dem Gaul die Sporen ein und verschwand im Regen.

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