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Die Drei in der Nacht

Max Brand: Die Drei in der Nacht - Kapitel 38
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDie Drei in der Nacht
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf
yearo.J.
translatorHellmuth Wetzel
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180225
projectid30d7648f
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Siebenunddreißigstes Kapitel.
Die Herausforderung

Black Bart trabte inzwischen zufrieden vor dem Rappen her. Nicht einmal warf er einen Blick nach seinem Herrn zurück, um zu wissen, ob die eingeschlagene Richtung ihm zusage. Und als Dan Barry den Weg einschlug, der aus der Stadt herausführte, lief der Wolfshund in entgegengesetzter Richtung. Der Reiter drehte sich im Sattel um und schickte ihm einen scharfen Pfiff nach, aber das kurze Heulen, das ihm antwortete, war so eindringlich, daß er Satan anhielt und kehrt machte.

Black Bart stand mitten auf der Straße, die nach der entgegengesetzten Seite führte, und blickte über die Schulter zu seinem Herrn zurück.

Anscheinend verstanden sich Herr und Hund vollkommen. Dan warf einen Blick zum Himmel, um ungefähr den Sonnenstand festzustellen und zu wissen, ob ihm noch genügend Zeit für den Heimweg blieb. Dann beschloß er, sich der Laune seines Hundes zu fügen.

Der Wolfshund trottete die Straße hinunter, bog um die nächste Ecke und kam vor einem baufälligen Gebäude zum Stillstand, das die Aufschrift trug: »GILEAD SALOON.« Darunter war in kleineren Buchstaben geschrieben: »Hier kriegt ihr den Richtigen.«

Black Bart steuerte auf die Tür dieses Etablissements zu und blickte dann mahnend zu seinem Herrn zurück. Es war klar, er wünschte, daß Dan in die Kneipe hineingehe. Der aber schüttelte den Kopf und wäre sicher weitergeritten, wenn nicht in diesem Augenblick der Regen, der bis dahin nur in einzelnen Schauern gefallen war, mit voller Wucht losgebrochen wäre. Er prasselte auf die Dächer mit einem Sausen, wie wenn der Wind durch den Hochwald fährt. Dan ritt unter das lange Schutzdach vor der Kneipe, stieg ab und betrat hinter Black Bart den Schankraum.

Er war nur mäßig besucht. Die Zeit des eigentlichen Geschäfts für Pale Annie war noch nicht gekommen, und er arbeitete an seinem Schanktisch sozusagen nur mit halber Kraft. Black Bart beachtete niemand, sondern glitt rasch den langen Mittelgang hinunter, bis er zu den Tischen am Ende des Raumes gelangte, wo in einer Ecke ein klobiger Riese mit breiter Brust und schweren Schultern saß, und ihm gegenüber der knochendürrste Mensch, der Dan Barry jemals unter die Augen gekommen war.

Vor diesen beiden machte Black Bart halt und warf über die Schulter einen Blick zu seinem Herrn zurück. Der Pfeifende Dan zog verwundert die Brauen zusammen. Er kannte keinen von den beiden.

Dagegen schien Black Bart sie gut zu kennen. Er schlich noch einen Schritt näher und duckte sich dann auf den Boden. Seine bösartigen Fangzähne kamen unter drohendem Knurren zum Vorschein. Daraufhin verließ der Dürre seinen Stuhl und brachte sich mit einem Sprung in Sicherheit. Schrecken verzerrte sein Gesicht. Trotzdem glänzten seine Augen unter einem geheimnisvollen Bann. Er betrachtete abwechselnd seinen Gefährten und dann den großen Wolfshund, als vergleiche er die beiden. Der breitschultrige Mann brach zuerst das allgemeine Schweigen:

»Nachbar,« sagte er mit seiner gequetschten Stimme und undeutlichen Aussprache, »ich glaub', es ist besser, Ihr schafft den Hund hinaus, bevor er einen Denkzettel bekommt. Das Vieh kann mich nicht leiden, und ich kann nicht sagen, daß ich ihm übermäßig gewogen wäre.«

»Bart!« rief Dan Barry.

Aber Black Bart achtete nicht darauf. Während er geduckt am Boden kauerte, lief ein leichtes Zittern über seine sich spannenden Muskeln, und dann sprang er mit voller Wucht dem Riesen nach dem Gesicht, aber dessen lange Arme schossen nach vorne, packten ihn mitten im Sprung, zwei große Hände klammerten sich um seine Kehle und Black Bart fiel hilflos auf den Boden zurück. Mac Strann wurde mitgezogen, ohne daß seine Hände ihre Beute losließen.

Man hörte das Trampeln eiliger Füße, die dem Schauplatz des Kampfes zueilten. Zwanzig Stimmen brüllten um die Gruppe her, aber Dan sah nichts als Barts nutzlose Versuche, mit seinen gewaltigen Zähnen Mac Stranns Handgelenke zu packen. Seine lange rote Zunge schlappte ihm aus dem Maul, die Augen traten aus den Höhlen, und alles, was Dan hörte, war das Knurren des Wolfes und ein seltsames Winseln der Wut, das sich der Brust des Tiermenschen entrang, der mit ihm kämpfte. Und jetzt entschloß sich Dan zu handeln. Seine Hände schossen pfeilschnell unter Mac Stranns dicke Arme, seine Ellbogen fuhren mit einem Ruck nach außen und brachen Mac Stranns Griff. Im nächsten Augenblick zog er den Hund aus dem Bereich der Gefahr.

Der Wolf stand augenblicklich wieder auf den Füßen und setzte zu einem neuen Sprung an, aber ein scharfes: »Hierher!« von Dans Lippen bremste ihn beinah mitten in der Luft. Er blieb zitternd neben seinem Herrn stehen. Dan Barry glitt näher an den Riesen heran.

»Ich sollte Euch eher erkannt haben,« sagte er so leise, daß er fast nur Stranns Ohren verständlich war, »Ihr seid Jerry Stranns Bruder. Und wenn Bart Euch haßt, so hat er 'nen Grund dafür, Nachbar.«

Mac Stranns dicke Oberlippe hob sich leicht, als er antwortete:

»Er oder Ihr – Ihr und der Wolf zusammen – oder einer nach dem andern – 's ist mir gleich. Ich bin Euretwegen gekommen, Barry.«

Dan straffte sich ein wenig. Seine Augen wanderten langsam an Stranns Gestalt herauf und herunter.

»Gehungert hab' ich danach, um einen Mann wie Euch zu treffen,« sagte Dan, »richtig gehungert, Nachbar. Nördlich von der Stadt ist McDuffys altes Haus. 's liegt jetzt in Ruinen und kein Mensch kommt hin. In 'ner Stunde bin ich dort, Freundchen.«

»Ich werd' Euch erwarten«, nickte Mac Strann, und damit kehrte er an seinen Tisch zurück, als habe es sich bei der Unterbrechung nur darum gehandelt, eine gleichgültige Begrüßung auszutauschen. Dan Barry blieb noch einen Augenblick stehen, wo er stand, und betrachtete Mac Stranns Gesicht. Dann machte er kehrt und ging mit seinem leichten, geräuschlosen Schritt den schweigenden Raum hinunter. Der Wolfshund glitt hinter ihm her und sah gelegentlich über die Schulter zurück nach dem Riesen dort hinten. Als die Tür hinter den beiden zufiel, begann an allen Tischen ein Flüstern, das rasch genug in aufgeregtes Gebrüll überging. Pale Annie verließ den Schanktisch und stützte sich neben Mac Strann auf den Tisch. Selbst in dieser vorgebeugten Haltung war der Schankwirt mindestens so groß wie ein gewöhnlicher Mensch. Mit einer Armbewegung hieß er die anderen zurückbleiben. Dann langte er nach Mac Stranns Hand und packte sie mit seinen feuchtkalten Fingern.

»Ich habe Euch mit Dan Barry sprechen sehen und ich habe Barrys Gesicht gesehen, wie er hinausging. Ihr beide wollt heute noch irgendwo Euch treffen. Mann, sage ich, Freundchen, werft Euch nicht selbst weg.«

Mac Strann betrachtete wortlos seine gewaltige Tatze – eine vielsagende Antwort, aber Pale Annie fuhr fort:

»Jawohl, Mann, Ihr seid stark, aber das genügt nicht, um Euch vor Dan Barry zu bewahren. Wir kennen ihn hier in Elkhead. Wißt Ihr, Mann, wenn er das Schießeisen herausgeholt hätte und vor unsern Augen Euch hier niedergeknallt hätte – er wäre aus der Bude hier herausgekommen, ohne daß sich ein einziger Finger gerührt hätte, um ihn zurückzuhalten. Jawohl, Mann, und warum? Warum, sage ich? Weil wir wissen, was mit ihm los ist, und ich kann Euch sagen, ich würde lieber mit bloßen Händen einen Wolf angreifen – wie Ihr –, als Dan Barry mit dem Revolver in der Hand gegenüberzustehen. Ich könnt' Euch erzählen, wie er mit Jim Silents Bande umgesprungen ist, einer gegen sechs! Und ich könnt' Euch auch sonst noch 'ne Masse erzählen, jawohl, Freundchen, ich werd' Euch was erzählen, wenn Ihr Lust habt, zuzuhören.«

Mac Strann betrachtete ihn mit seinen stumpfen Augen.

»Hab' mir nie viel aus Reden gemacht,« bemerkte er milde, »versteh' mich nicht groß aufs Reden.«

Pale Annie setzte noch einmal zum Sprechen an, stockte aber sofort, betrachtete Mac Strann eindringlich und eilte dann wieder hinter seinen Schanktisch zurück. Sein Gesicht war womöglich noch ernster als gewöhnlich, aber Geschäft war Geschäft und ging für ihn allem anderen vor – und überdies müssen Menschen nun einmal sterben, wenn ihre Zeit gekommen ist!

Haw-Haw Langley nahm den Platz gegenüber Mac Strann ein, den Pale Annie geräumt hatte.

Er warf einen erschrockenen Blick nach oben, wo der Regen unausgesetzt aufs Dach prasselte, dann flitzten seine Augen zurück und kamen auf dem Gesicht seines Gefährten zur Ruhe. Er mußte seine dünnen Lippen erst anfeuchten, ehe er fähig war zu reden, und selbst dann gelang es ihm nur mit einer gewaltsamen Anstrengung, wie bei einem Mann, dem ein zu großer Bissen in der Kehle steckt.

»Well,« fragte Haw-Haw, »ist's ausgemacht?«

»'s ist ausgemacht«, sagte Mac Strann. »Wie wär's, wenn Ihr die Pferde holtet, Haw-Haw? Oder kommt Ihr nicht mit?«

Ein dunkler Schatten fegte über Haw-Haws Gesicht.

»Ihr dampft ab?« zischte er. »Seid den ganzen langen Weg geritten, um schließlich vor Barry davonzulaufen? Vor 'nem Kerl, der nicht halb so groß ist wie Ihr?«

»Ich reit', um ihn zu treffen«, antwortete Mac Strann.

Haw-Haw Langley schnellte von seinem Stuhl hoch, als befürchte er, daß Mac Strann sich anders besinnen könne, wenn der geringste Aufenthalt eintrat. Seine langen Finger verkrampften sich ineinander, als müsse er in seinen knochigen Händen das Blut zum Zirkulieren bringen.

»Ich werd' die Gäule gleich an der Vordertür haben,« sagte er, »bis Ihr Euern Mantel anhabt, Mac, bin ich schon mit den Pferden vor der Tür.«

Und damit stelzte er eilfertig aus dem Raum.

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