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Die Drei in der Nacht

Max Brand: Die Drei in der Nacht - Kapitel 37
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDie Drei in der Nacht
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf
yearo.J.
translatorHellmuth Wetzel
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180225
projectid30d7648f
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Sechsunddreißigstes Kapitel.
Der Schecke

Der Tag war gekommen, an dem Doktor Byrne die Ranch verlassen wollte, auf der ihn nichts mehr hielt. Seine ärztliche Kunst konnte Cumberland nicht mehr helfen. Die geheimen Hoffnungen, die er vielleicht gehegt haben mochte, waren seit dem Tag von Buck Daniels Heimkehr zunichte geworden. Sein Abschied war geradezu zeremoniös; der alte Joe Cumberland hatte darauf bestanden, aus seinem Zimmer auf seinen alten Platz im Wohnzimmer hinuntergebracht zu werden. Als er jedoch versuchte, sein Bett zu verlassen, stellte es sich heraus, daß seine Beine den Dienst versagten, und Buck Daniels trug ihn auf seinen gewaltigen Armen wie ein Kind die Treppe hinunter. Schließlich war er glücklich im Wohnzimmer auf dem Sofa eingerichtet. Er winkte seine Tochter dicht an sich heran und flüsterte, als sie sich über ihn beugte, mit einem Lächeln: »Da siehst du, was dabei herauskommt, wenn man sich etwas in den Kopf setzt, Kate. Ich hab' mir immer eingebildet, ich sei zu krank zum Gehen, und jetzt ist es so weit, daß ich wirklich nicht gehen kann, und wenn ich mir eingebildet hätte, daß es mir glänzend geht, so würde ich jetzt Dans Rappen reiten.«

Er sah sich um.

»Wo ist Dan?« fragte er.

»Oben, er macht sich fertig für den Ritt.«

»Ritt?«

»Er reitet mit Doktor Byrne nach der Stadt und bringt Doktor Byrnes Pferd wieder mit zurück.«

Der alte Mann wurde augenblicklich besorgt.

»Auf so 'nem langen Ritt kann 'ne ganze Masse geschehen, Kate.«

Sie nickte ernst.

»Aber wir müssen ihn auf die Probe stellen«, sagte sie. »Wir können ihn nicht die ganze Zeit hier einsperren. Und wenn ihm wirklich an uns etwas gelegen ist, Dad, wird er zurückkommen.«

»Und du hast ihn aus freiem Willen gehen lassen?« fragte Joe Cumberland verwundert.

»Ich habe ihn gebeten, mit dem Doktor zu reiten«, antwortete sie ruhig, aber sie wurde dabei ein wenig blaß.

»Natürlich wird schon alles ein gutes Ende nehmen«, nickte ihr Vater.

»Ich fragte ihn, wann er zurückkommt, und er sagte, er werde heute abend bei Einbruch der Dunkelheit zurück sein.«

Der Alte seufzte erleichtert auf.

»Wenn er etwas versprochen hat, hält er sein Wort,« sagte er, »aber Mädel, ich werde froh sein, wenn er erst wieder da ist. Buck, wie kommst du mit Dan aus?«

»Wir kommen nicht miteinander aus«, antwortete Buck düster. »Gestern hab' ich versucht, ihn dazu zu bekommen, daß wir uns die Hand schütteln und einen Strich unter alles machen, aber er wollte meine Hand nicht anrühren. Er beugt sich ein bißchen zurück und lächelt mich an, und dabei sprüht ihm der Haß aus den Augen. Ihr wißt ja, wie er sein kann. Er sieht mich nicht einmal an, wenn er nicht muß, und wenn er mich ansieht, dann ist mir's zumut, als schliche einer von hinten mit dem gezückten Messer auf mich los. Und nicht zehn Worte hat er zu mir gesagt, seit ich zurück bin.« Er hielt inne und ließ seinen düsteren Blick auf Kate ruhen. »Morgen zieh' ich ab.«

»Das wirst du dir noch überlegen«, nickte Joe Cumberland. »Da ist ja der Doktor.«

Der Doktor trat ein, hinter ihm Dan Barry. Randall Byrne war ein anderer Mensch geworden. Er war gute zwei Zoll größer, weil er sich jetzt aufrechter hielt, und hatte sich einen elastischen, federnden Schritt angewöhnt, der seinem ganzen Auftreten etwas Frisches und Mutiges gab. Er schüttelte ihnen allen nacheinander die Hand zum Lebewohl, und bei Joe Cumberland setzte er sich für einen Augenblick nieder, um ihm alles Gute zu wünschen.

Der alte Rancher zog ihn näher an sich heran.

»Für mich gibt's nicht mehr viel Gutes. Aber Ihr braucht's den andern nicht zu sagen. Ich bin drauf und dran, eine längere Reise zu unternehmen, als Ihr heute zurücklegen werdet, aber vorher will ich noch erleben, wie die beiden sich hier miteinander einrichten – Dan ruhiger und beide miteinander glücklich. Also denn, Doc – und vielen Dank für alle Mühe. Aber allzu viele Jahre bringen jeden Mann einmal um die Ecke, da hilft kein Arzt, Doc, viel Glück!«

»Wenn ihr mit an die Tür kommt,« sagte der Doktor und lächelte den Umstehenden zu, »werdet ihr ein komisches Schauspiel sehen. Ich reite heute den Schecken.«

»Den, der Euch gestern abgeschmissen hat?« grinste Buck Daniels.

»Denselben!« sagte der Doktor. »Ich glaube, ich kann mit ihm ein Gentlemanabkommen schließen. Ein Gentleman ist, vom Gesichtspunkt des Schecken aus gesehen, jemand, der sich niemals unabsichtlich roh gegen ihn benimmt. Vielleicht denkt er heute früh anders darüber – oder er bricht mir das Genick. Eins von beiden wird wohl geschehen.«

Vor dem Haus saß Dan Barry bereits im Sattel seines Rappen, während Black Bart nahe dabei kauerte und aufmerksam zu seinem Herrn emporblickte. Daneben hielt ein Cowboy die Zügel des Schecken. In der ganzen Welt schien es kein trägeres Vieh zu geben als ihn. Er ließ den Unterkiefer flach herabhängen, beinah anderthalb Zoll lang. Seine Augen waren in die Winkel gerollt, so daß kaum mehr als das Weiße sichtbar war. Er schien im Stehen zu schlafen und von einem Pferdenirwana zu träumen. Das einzige Lebenszeichen war, daß er hier und da mit den langen Ohren zuckte.

Als der Doktor in den Sattel kletterte, beschränkte sich das Interesse des Schecken darauf, ein Auge zu öffnen.

Der Doktor schnalzte mit der Zunge. Der Schecke schlug mit dem Schwanz. Dan Barry rief seinem Tier ein Wort zu, und Satan setzte sich in sanftem Trab graziös in Bewegung. Der Doktor klatschte seinem Reittier auf den Nacken. Ein Ohr zuckte vor und zurück. Der Doktor streckte beide Beine aus und grub dann beide Sporen seinem unbeweglichen Gaul in die Flanken.

Es war ein Manöver, das außerordentlich erfolgreich war. Der Rücken des Schecken, der bisher ein häßlicher Buckel gewesen war, verwandelte sich in eine scharf gekrümmte parabolische Linie, das Pferd sprang mit allen vier Füßen zugleich in die Luft und bumste dann mit steif ausgestreckten Beinen auf den Boden zurück, beinah mathematisch genau an die Stelle, wo es gestanden hatte. Der Doktor sackte wie betrunken im Sattel hin und her, sein Kopf holte erst weit nach hinten aus und schnappte dann plötzlich derart nach vorne über, daß das Kinn gegen die Brust knallte. Trotz alledem hielt sich Byrne mit beiden Händen am Sattel fest und vermochte seinen Sitz zu behaupten. Der Schecke drehte den Kopf gerade so weit, um die überraschende Tatsache einwandfrei festzustellen, und fing dann ernstlich zu bocken an.

Es war eine reizende Vorstellung. Er bockte mit hochaufgeworfenem Kopf, und er bockte mit dem Kopf zwischen den Knien. Er bockte im Kreis herum und bockte in einer graden Linie, und kombinierte dann der Abwechslung halber beide Methoden. Er brach plötzlich in Karriere aus, bremste nach ein paar Schritten, sprang in die Luft und landete steifbeinig wieder auf dem Boden, den Kopf zwischen den weitgespreizten Vorderfüßen, und dann wirbelte er herum wie auf einer Drehscheibe und preschte in anderer Richtung los. Er bockte kreuz und quer, sprang von einer Seite zur anderen und flocht interessante Beispiele verschiedener anderer Arten noch freiwillig ein.

Aber der Doktor klebte im Sattel. Er preßte krampfhaft die Zähne zusammen, und sein Gesicht hatte eine seekranke grünweiße Farbe angenommen. Der Hut hing ihm schief auf einem Ohr und ein Hemdenzipfel flatterte hinter ihm her, und trotzdem hörte er nicht auf zu kämpfen. Jawohl, er gab seine passive Haltung auf, packte die lange schwere Reitpeitsche, die bis dahin unbenutzt an seinem Handgelenk gebaumelt hatte, und im selben Augenblick, wo der Schecke sich ein neues Kunststück leistete, schwang der Doktor, mit der anderen Hand sich verzweifelt am Sattel festklammernd, mit der Rechten die Peitsche um den Kopf und ließ sie knallend auf die Flanke des Scheckens niedersausen.

Die Wirkung war geradezu wunderbar. Der Mustang schnaubte und machte noch einen Luftsprung. Aber er vergaß steifbeinig wieder zu landen, fiel augenblicklich in ein kleines sanftes Hundeträbchen und folgte demütig der Fährte des Rappen. Das Gelächter und die Hurrarufe, die ihm von der Ranch her nachschallten, war süßeste Musik in Doktor Randall Byrnes Ohren. Die tönendsten Lobreden von den Lippen der gelehrtesten Professoren konnten in Zukunft den Vergleich damit nicht aushalten. Er winkte der Gruppe zu, die vor dem Hause stand – Buck Daniels, Kate, der Cowboy und Wung Lu, der chinesische Koch, der mit seiner Küchenschürze wehte.

Es war ein Tag, der in einer Periode ganz ungewohnten Wetters den Höhepunkt bedeutete. Seit langer Zeit hatte sich der Himmel periodisch in dicke Nebel gehüllt, aber jetzt frischte der Wind auf und zerriß die Nebelbänke in tausend riesige Fetzen. Es war nicht ein Stückchen blauen Himmels zu erblicken, und ganz hoch oben legte ein Fleck dünneren und helleren Graus davon Zeugnis ab, daß die goldene Sonne vielleicht dort schien. Gewaltige unregelmäßige Wolkenmassen fegten im unteren Himmelsraum pfeilschnell dahin. Der Doktor erinnerte sich an alles, was man ihm über den Regen in dieser Gegend erzählt hatte. Er kam in schweren Güssen, in Massen wie ein Wasserfall – trockene Schluchten füllten sich plötzlich und wurden zu wilden Gießbächen, die mächtige Felsen in ihrem Bett mit sich fortführten. Es war ein Land, in dem selbst der belebende Regen wie eine Geißel kam, und wo das Naß, das das Gras zum Sprießen bringen sollte, eher die letzten dürftigen Wurzeln losspülte und wegriß.

Es war ein Tag, der gut zu Randall Byrnes Stimmung paßte. Auch er hatte sich geändert. Der Regen des Lebens hing über ihm, und ob er beim Losbrechen ihn vertilgen oder sein Leben erneuern und bereichern würde, das zu erraten ging über seine Kraft.

Lange nach Mittag erreichten sie Elkhead und hielten vor dem Hotel. Als der Doktor, steif von dem langen Ritt, aus dem Sattel stieg, rollte über den fernen Bergen der Donner, und ein vereinzelter Regenschauer klatschte in den dicken Staub zu seinen Füßen. Ein Windstoß fuhr die Straße herunter, riß die Krempe von Barrys Hut hoch und brachte das bunte Seidentuch um seinen Hals zum Flattern. Barry starrte dem Wind entgegen und lächelte.

Sein Aussehen war so sonderbar, daß Randall Byrne den Wunsch hatte, ihn ins Hotel einzuladen – er wünschte, ihn vor sich sitzen zu sehen und eine lange Aussprache mit ihm zu haben, aber er erinnerte sich an einen alten Spruch, der besagt, daß der Vogel nicht im Käfig singen will. Das merkwürdige gelbe phosphoreszierende Licht in Barrys Augen – Byrne war so gut wie sicher, daß sie nachts leuchteten –, dieses Licht war sicher nicht zu sehen, solange Barry ein Dach über sich hatte.

So sagte er ihm also Lebewohl, der Reiter winkte ihm gleichgültig zu, übernahm die Zügel des Schecken und ließ den Rappen den Heimweg antreten. Byrne fiel die katzenhafte Grazie des Tieres auf, das sich bewegte, als ob seine Muskeln Stahlfedern seien. Es fiel ihm ebenso auf, daß trotz des langen Rittes das glänzend schwarze Fell kaum einen Schweißfleck zeigte, während der Schecke vor Anstrengung dampfte. Randall Byrne ging nachdenklich auf die Hotelveranda zurück und folgte Barry mit den Augen. Auf einmal fegte eine riesige Staubwolke die Straße herunter, verdeckte den Reiter, und als sie vorbeigewirbelt war, war der Pfeifende Dan um irgendeine Ecke gebogen und für immer aus Doktor Randall Byrnes Leben verschwunden.

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