Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Max Brand >

Die Drei in der Nacht

Max Brand: Die Drei in der Nacht - Kapitel 34
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDie Drei in der Nacht
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf
yearo.J.
translatorHellmuth Wetzel
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180225
projectid30d7648f
Schließen

Navigation:

Dreiunddreißigstes Kapitel.
Doktor Byrne spricht aus, was wahr ist

An diesem Tag, an dem alles mit Nebeln verhängt war und das Licht so trübe, daß weder Haus noch Baum noch Mensch einen Schatten warfen, war kein Ort düsterer als Joe Cumberlands Zimmer, und wie ein Abbild des Herbstes war auch das Gesicht des Alten, dessen mattes Gelb die Nähe des Todes anzukündigen schien. Neben seinem Bett saß Doktor Randall Byrne, die Finger auf den Puls des Alten gepreßt und zählte die Schläge.

Als er das Fieberthermometer wieder entfernte, das er dem Alten zwischen die Lippen geschoben hatte, begann Joe Cumberland zu sprechen. Die Augen hielt er dabei geschlossen. Selbst die Lider zu heben, schien für ihn eine Anstrengung, die übermenschliche Energie beanspruchte.

»Kein Fieber heute, Doc?«

»Sie fühlen sich ein bißchen besser?« fragte Byrne.

»Ich fühle eigentlich gar nichts, aber mir ist nicht heiß; könnte eher sagen einigermaßen kalt.«

Doktor Byrne blickte mit einem Stirnrunzeln auf das Thermometer, das er in der Hand hielt, und schüttelte dann das Quecksilber zurück.

»Nein,« gab er zu, »Fieber ist nicht vorhanden.«

Joe Cumberland öffnete die Augen ein bißchen und schielte zu Byrne hinauf:

»Sie sind nicht zufrieden, Doc?«

Doktor Byrne gehörte der erbarmungslosen, modernen Schule an, deren Glaubenssatz es ist, den Patienten restlos über seinen Zustand aufzuklären.

»Ich bin keineswegs zufrieden«, sagte er.

»Hm–m–m«, murmelte der Kranke. »Und was ist denn nicht in Ordnung?«

»Ihr Puls ist ungleichmäßig und schwach.«

»Kann sein, habe mich einigermaßen schwach gefühlt, seit ich Dan gestern abend zum letztenmal gesehen habe. Aber Kate hat mir eine Neuigkeit erzählt, die mich wieder auf die Beine bringen wird! Sie hat's fertiggebracht, Dan hier zu halten! Denken Sie nur, junger Mann!«

»Ich denke schon daran«, antwortete der Doktor kühl. »Ihre letzte Unterredung mit ihm hat Sie beinahe das Leben gekostet. Wenn Sie ihn wieder bei sich sehen, so weise ich alle Verantwortung für die Folgen von mir. An dem Tag, als er hier ankam, haben Sie sich allerdings sofort besser gefühlt – ich muß zugeben, daß es wenigstens den Anschein hatte, als ginge es Ihnen seelisch und körperlich besser, aber die Sache konnte natürlich nicht dauern. Es wirkte auf Sie lediglich wie eine Art Reizmittel, und nachdem der erste Einfluß vorbei war, hatte es Sie in um so schlimmerer Verfassung zurückgelassen. Mister Cumberland, Sie dürfen Dan Barry nicht mehr sehen.«

Aber Joe Cumberland lachte lang und leise.

»Das ist das Leben nicht wert!«

»Ich kann nicht mehr tun, als Ihnen einen Rat geben«, sagte der Doktor mit derselben Reserviertheit wie früher. »Ich kann Ihnen keine Befehle erteilen.«

»Sie nehmen's ein bißchen krumm, Doc? Nicht wahr?« fragte der Alte. »Well, ich weiß doch, daß es ohnedies bald mit mir zu Ende geht. Du lieber Himmel, Mann, ich spür' es ja selbst, wie ich anfange niederzubrennen wie eine Lampe, in der kein Öl mehr ist. Ich kann's förmlich spüren, wie's gerade noch ein paarmal aufflackert, eh' es ganz verlischt. Aber hör'n Sie mal, Doc –« er faßte den Doktor mit einer langen knochigen krallengleichen Hand am Rockaufschlag und zog ihn zu sich nieder; tiefer Ernst lag in seinen Augen. – »Solange muß ich noch leben, bis ich die beiden Hand in Hand hier vor mir stehen sehe.«

Trotz des dämmerigen Lichtes war zu sehen, wie der Doktor die Farbe wechselte. Er fuhr sich langsam mit der Hand über die Stirn.

»Sie erwarten, das zu erleben?«

»Ich erwarte gar nichts, ich hoffe nur darauf.«

Etwas Bitteres stieg Byrne in die Kehle.

»Die beiden würden ein seltsames Paar zusammen abgeben,« sagte er, »wenn sie heiraten. Aber sie werden nicht heiraten.«

»Ha!« rief Cumberland und richtete sich hastig auf. Der Ellbogen, auf den er sich stützte, zitterte. »Was soll das heißen?«

»Legen Sie sich nieder!« befahl der Doktor und drückte den Alten wieder sanft in seine Kissen zurück.

»Aber was wollen Sie damit sagen?«

»Ich habe diesen Mann sorgfältig beobachtet,« sagte der Doktor, »Dan Barry ist ein Mensch, der die Wildnis braucht, weil er für die Wildnis geschaffen ist. Er ist den Geschöpfen dort näher als den Menschen. Er fühlt sich einsam unter Menschen – das haben Sie selbst gesagt – aber allein mit seinem Gaul und seinem Hund in der Einsamkeit der Berge, da ist er zu Hause.«

»Doc, das ist alles ganz schön gesagt,« unterbrach Joe Cumberland, »aber wenn Sie meinen, er ist kein richtiger Mensch, warum haben ihn die Menschen so gern? Warum bedeutet er soviel für mich und für Kate?«

»Ganz einfach, weil er sich von anderen Menschen unterscheidet. Er gibt Ihnen etwas, was Ihnen kein anderer Mensch auf der Welt geben könnte – anscheinend – und dabei entgeht Ihnen, daß der Kerl sich in Wirklichkeit seinem Wolfshund blutsverwandter fühlt als jedem Menschen.«

»Und wenn ich Ihnen schon zugebe, daß Sie recht haben,« murmelte der Alte mit gerunzelter Stirn, »wie wollen Sie es erklären, daß er andere Leute gern hat? Wenn's nach Ihnen ginge, dann sind die Wildnis und die Berge und die Tiere das einzige, wonach er Sehnsucht hat. Dann sagen Sie mir doch, woher es kommt, daß er sich um mich gekümmert hat, seitdem er zurückgekommen ist? Wie kommt's, daß er Kate so gut leiden kann, daß er sogar eine Blutfährte kalt werden läßt, um bei ihr zu bleiben?«

»Es ist leicht zu erklären, daß das Mädchen ihn anzieht«, sagte der Doktor. »Alle Tiere wollen sich paaren, Mister Cumberland. Und in Dan Barry ist jetzt ein uralter Instinkt am Werk. Aber wenn es auch zutrifft, daß er an Ihnen und an Kate in gewissem Grad Gefallen findet, unentbehrlich sind Sie beide für ihn durchaus nicht. Er hat Sie schon einmal verlassen und hat sich draußen in der Einöde restlos glücklich gefühlt. Und ich sage Ihnen heute, Mister Cumberland, daß er Sie wieder verlassen wird. Sie können nicht zähmen wollen, was unbezähmbar ist. Dieser Mann wird in seinem Tun und Lassen nicht von Gewohnheiten regiert, sondern von Instinkten, die Millionen Jahre alt sind. Der einzige Ruf, dem er gehorcht, ist der Ruf der Wildnis, und er wird Vater und Mutter, Weib und Kind verlassen, um mit seinem Pferd und seinem Hund in der Ferne herumzuschweifen.«

Der Alte lag bewegungslos da und starrte die Decke an. –

»Ich möchte Ihnen nicht glauben,« sagte er langsam, »aber bei Gott, ich glaube, Sie haben recht. Oh, Junge, warum mußte es mir beschieden sein. Ich sehe keinen Ausweg. Und Kate – was wird Kate tun?«

Der Doktor zitterte vor Erregung.

»Lassen Sie den Mann nur in Kates Nähe bleiben. Die Zeit wird kommen, wo sie Dan Barrys wahre rohe Natur entdeckt. Und von diesem Augenblick an wird er für sie aufgehört haben zu existieren.«

»Roh, Doc? 's gibt keinen, der so sanft ist wie Dan.«

»Bis zu dem Augenblick, wo er Blut geleckt hat, kann man einen Löwen genau so bei sich aufziehen wie einen Haushund«, antwortete der Doktor.

»Also soll sie ihn nicht heiraten? Ach ja, mir war's manchmal auch so zumute – ich hab' gespürt, daß Sie diesen Gedanken Worte verliehen haben. Es ist der Tod für Kate, wenn sie ihn heiratet. Heute hat sie ihn hier zurückhalten können. Morgen läuft ihm vielleicht irgend etwas über den Weg, und weg ist er. Einer schlägt ihn oder er hört den Schrei der Wildgänse, der Himmel weiß, was der Grund sein wird, um auszubrechen und uns alle zu vergessen – genau wie ein Kind seine Eltern.«

Beide zuckten zusammen. Von fern her kam ein Ruf:

»Dan! Dan Barry!«

 << Kapitel 33  Kapitel 35 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.