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Die Drei in der Nacht

Max Brand: Die Drei in der Nacht - Kapitel 33
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDie Drei in der Nacht
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf
yearo.J.
translatorHellmuth Wetzel
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180225
projectid30d7648f
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Zweiunddreißigstes Kapitel.
Ein Sieg

Es war ein grauer nebliger Morgen. Auf der Cumberland-Ranch hatte Wung Lu, der schlitzäugige chinesische Diener, eben in dem mächtigen Kamin des Wohnzimmers das aufgehäufte Holz entzündet. Kate Cumberland kam die Treppe herunter und trat zu ihm in die Küche.

»Hast du Dan gesehen?« fragte sie den Chinesen.

»Wung Lu machen feine Feuer«, grinste er. »Misser Dan drin sein.«

Sie dachte einen Augenblick nach.

»Ist das Frühstück fertig, Wung?«

»Mächtig schnell bald«, erklärte Wung Lu nickend.

»Dann stell das Kaffeewasser wieder vom Feuer,« sagte sie rasch, »ich will nicht, daß jetzt schon gefrühstückt wird, warte, bis ich dir Bescheid gebe.«

Als sich die Tür hinter ihr schloß, wölbten sich Wung Lus Brauen zu zwei mächtigen Halbkreisen.

»Ho,« grunzte er, »oho!«

Auf der Diele traf Kate mit Randall Byrne zusammen, der eben die Treppe hinunterkam. Er war ganz weiß angezogen und hatte sich eine kleine gelbe Blume ins Knopfloch gesteckt. Er schien zehn Jahre jünger als an dem Tag, wo er mit ihr auf die Ranch geritten war und kam jetzt raschen Schrittes und lächelnd auf sie zu.

»Doktor Byrne,« sagte sie ruhig, »es wird wohl heut erst spät Frühstück geben, auch wäre es mir lieb, wenn eine Zeitlang niemand das Wohnzimmer betreten würde. Wollen Sie so gut sein, dafür zu sorgen?«

»Er ist noch nicht weg?« fragte er.

»Noch nicht.«

Der Doktor seufzte. Ein plötzlicher Einfall bewegte ihn, ihr warm die Hand zu drücken.

»Ich hoffe, Sie haben Erfolg«, sagte er.

Selbst jetzt konnte sie ein armes kleines Lächeln nicht unterdrücken.

»Was wollen Sie damit sagen, Doktor?«

Der Doktor stieß einen neuen Seufzer aus.

»Wenn es nicht aus dem ganzen Zusammenhang hervorgeht,« erklärte er – »ich kann es wirklich nicht erklären. Aber ich werde mein Bestes tun, damit niemand ins Wohnzimmer eintritt.«

Sie nickte ihm dankbar zu und ging weiter. Aber als sie an dem Spiegel auf der Diele vorbeikam, erblickte sie ihr Gesicht und blieb plötzlich wie angewurzelt stehen. Nicht die geringste Spur von Farbe war auf ihren Wangen. Unter ihren Augen lagen tiefe Schatten, die sie übernatürlich groß und tief erscheinen ließen. Freilich, die Wellen ihres hellen Haares glänzten golden wie immer, aber es wirkte wie ein verirrter Sonnenfleck auf winterlichem Moor. Nachdenklich setzte sie ihren Weg fort. An der Tür des Wohnzimmers, die Klinke schon in der Hand, blieb sie noch einmal stehen. Ihre Gedanken wanderten zurück zu der Zeit – nur wenige Monate lag es zurück –, wo alle Farben des Lebens in ihrem Gesicht geglüht hatten und ein Leuchten in ihren Augen gewesen war. Damals hatte sie sich nicht mit Gedanken abzuquälen gehabt. Den Wind um sich wehen, die Sonne auf sich scheinen zu lassen und einfach zu leben, das war alles gewesen, um glücklich zu sein. Und dann flüsterte sie sich selbst – in einer Art stiller Verzweiflung – zu, »so wie ich jetzt bin, muß ich verlieren oder gewinnen – wie ich jetzt bin –« und damit öffnete sie die Tür und trat ein.

Sie hatte vor Furcht und Aufregung gefroren, aber nachdem sie einmal die Schwelle hinter sich hatte, schien alles nicht mehr ganz so furchtbar. Dan Barry lag am anderen Ende des Zimmers auf dem Diwan. Er hatte die Hände im Nacken verschränkt und lächelte. Sie kannte dieses Lächeln gut. Schon in alten Tagen war es ein Sturmzeichen gewesen, und als er den Kopf drehte, um ihr guten Morgen zu sagen, sah sie auch das gelbe Glitzern in der Tiefe seiner Augen flackern. Seinen Gruß beantwortete sie nicht, sie nickte nur, dann ging sie langsam zum Fenster und kehrte ihm den Rücken zu. Draußen ertrank die Landschaft, Himmel, Berge und Ställe in eintönigem Grau. Sie starrte hinaus mit Augen, die nichts sahen. Tausend Gedanken stürmten auf sie ein. Etwas mußte geschehen. Aber was konnte sie tun? Sie wartete, bis sie der ersten wilden Erregung Herr geworden war. Dann drehte sie sich um und setzte sich in einen Sessel neben dem Feuer. Ein verstohlener Seitenblick zeigte ihr, daß Dan den Kopf zu ihr gewendet hatte und wartete, was sie ihm zu sagen hatte. Sie zwang sich, ihre Augen auf das prasselnde Kaminfeuer gerichtet zu halten. Der Wunsch, sich umzudrehen und ihn anzusprechen, arbeitete in ihr, als zerre eine unsichtbare Hand an ihrem Kleid. Drängende Worte sammelten sich hinter ihren festgeschlossenen Lippen und trotzdem bezwang sie sich. Es kam ein Augenblick, in dem die nüchterne Vernunft in ihr die Oberhand gewann und ihr zuflüsterte, daß ihr Beginnen wildeste Narrheit sei. Ein fürchterlicher, tödlich erkältender Augenblick. Sie fuhr zusammen und schob mit aller Energie den Gedanken beiseite. Schweigen sprach zu Dan Barry mit lauterer Stimme und hatte für ihn mehr Bedeutung als alle Worte.

Dann fühlte sie, daß er sich aufgerichtet hatte. War er im Begriff aufzustehen und das Zimmer zu verlassen? Sekundenlang schien er sich nicht zu rühren. Sie hielt den Atem an. Sie wußte, daß er sie anstarrte. Ihre Hand, die er nicht sehen konnte, preßte sie krampfhaft um die Seitenlehne des Sessels. Das gab ihr etwas Haltung und Trost.

Sie fühlte jetzt dasselbe wie an dem Tag, als Black Bart verstohlen auf sie zugeglitten war – wenn auch nur das leiseste Zittern sie befiel, wenn sie nur durch das kleinste Zeichen verriet, daß sie sein Herangleiten merkte, war alles verspielt.

Es galt, nun alle Gedanken auf das züngelnde Feuer im Kamin zu konzentrieren, nichts zu sehen als die Flammen, an nichts zu denken als an die feurigen Dome und Mauern und Berggipfel, die das Spiel des Feuers schuf. Sie beugte sich ein wenig vorwärts und stützte das Kinn in die rechte Hand. Damit nahm sie sich die letzte Möglichkeit, Dan Barry zu beobachten. Es gab ihr mehr Haltung und sie widerstand so leichter der Versuchung, den Kopf nach ihm zu drehen. Die geringste geistige oder physische Stütze war in ihrer Lage willkommener Trost.

Noch immer rührte er sich nicht. Sah er sie überhaupt an oder starrte er über sie hinweg durch das Fenster in die graue Landschaft hinaus? Ein kaum wahrnehmbares Geräusch zeigte ihr, daß er den Diwan verlassen hatte. Dann hörte sie nichts mehr. Sie wußte nur, daß er sich bewegte, aber es ging über ihre Kraft, zu erraten, ob er sich auf sie zu oder nach der Tür hin bewegte. Plötzlich glitt er unvermutet und geräuschlos in ihren Gesichtskreis und ließ sich auf einer niedrigen Bank neben dem Kamin nieder. Bis jetzt war die Spannung furchtbar gewesen, nun wurde sie beinahe unerträglich. Denn jetzt saß er ihr beinahe gegenüber, den Blick durchbohrend auf sie gerichtet, und trotzdem mußte sie ihren Augen gebieten, ihn überhaupt nicht wahrzunehmen. Ihr Herz schien plötzlich im Halse zu klopfen. Einstweilen hatte sie gesiegt. Sie hatte ihn im Zimmer festgehalten, sie hatte ihn gezwungen, an sie zu denken. Es konnte leicht ein Pyrrhussieg sein, sie stand doch hart am Rande eines Nervenzusammenbruchs. Sie fühlte, wie die Hand, die ihr Kinn stützte, leise bebte. Wenn er nur das Geringste davon merkte, dann wußte er auch, daß die scheinbare Gleichgültigkeit, mit der sie seine Anwesenheit im Zimmer unbeachtet ließ, Komödie war – und wenn er das merkte, dann war er endgültig für sie verloren.

An einer der Türen ertönte ein leises Geräusch und gleich darauf öffnete sie sich. Kate war beinahe froh über diese Störung. Noch länger, nur einen Augenblick länger die furchtbare Spannung auszuhalten, hätte die letzten Reserven ihrer Kraft aufgezehrt. So sollte denn alles zu Ende sein!

Aber die Schritte, die sie hörte, rührten von keinem Menschen her. Sie hörte die fast geräuschlosen Pfoten eines Tieres hinter sich und gleich darauf drängte sich ein langer zottiger Kopf an Dan heran. Es war Black Bart.

Tiefer Schrecken befiel sie. Sie erinnerte sich an eine andere Szene, die noch nicht viele Monate zurück lag. Damals hatte Black Bart seinen Herrn von ihr weggelockt und ihn südwärts geführt – südwärts, dem Flug der Wildgänse nach. Und jetzt war der Halbwolf wie ein Sendling des Teufels wieder erschienen, um all ihr Planen und Kämpfen zunichte zu machen.

Es dauerte nur einen Augenblick – den entscheidenden Augenblick in diesem stillen, zähen Kampf –, dann drehte sich das gewaltige Tier langsam zu ihr um, sah ihr ins Gesicht, glitt mit einem langen Schritt dichter an sie heran. Seine kalte feuchte Nase berührte die Hand, die sich krampfhaft an der Seitenlehne ihres Stuhles festhielt. Dies war ihr die willkommene Gelegenheit, ihre starre Haltung aufzugeben. Langsam streckte sie die Hand aus und legte sie leicht auf Black Barts Kopf. Er zuckte zurück, er fletschte seine langen Zähne. Ängstlich und zaudernd flatterte ihre Hand einen Augenblick in leerer Luft. Aber dann schob sich der lange Kopf wieder näher zu ihr heran, sehr vorsichtig. Wieder berührte sie ihn, und da das Tier diesmal still hielt, ließ sie ihre Fingerspitzen langsam über das dichte Fell zu den Ohren hingleiten. Black Bart antwortete mit einem brummenden Laut, der dem Schnurren einer großen Katze glich. Und dann legte er sich hin und bettete seinen Kopf auf ihre Füße. Das war der Sieg!

Im trunkenen Gefühl ihrer Macht vermochte sie es, die Hand vom Gesicht zu nehmen, den Kopf zu heben und einen scheinbar achtlosen Blick über Dan Barry gleiten zu lassen. Sie begegnete einem drohenden Glühen in seinen Augen. Zorn! – Aber wenigstens war es keine Gleichgültigkeit.

Er stand auf und glitt in seiner geräuschlosen Art hinter sie, aber im nächsten Augenblick erschien er auf der anderen Seite neben ihr und ergriff ihre Finger, die leblos auf der Seitenlehne des Stuhles lagen. Er hielt diese Finger fest, die weiß und kühl in seinen sonnengebräunten Händen lagen, und betrachtete sie lange und nachdenklich, als suche er nach dem Geheimnis, das dieser Hand Macht über den Halbwolf gegeben hatte. Für Kate Cumberland war es ein seltsames Gefühl, es war ihr, als rühre sie an den Hebel eines Schaltbretts, wo jede kleinste Bewegung eine fürchterliche elektrische Entladung entfesseln konnte. Was würde nun geschehen?

Es geschah nichts. Ihre Finger wurden freigegeben. Dan Barry trat einen Schritt zurück. Mit gekreuzten Armen stand er da und starrte in das Feuer. Jetzt kam eine überwältigende Schwäche über sie. Sie wagte es nicht mehr länger, in seiner Nähe zu bleiben. Sie stand auf und ging ins Eßzimmer hinüber.

»Bring' jetzt das Frühstück herein, Wung«, befahl sie dem chinesischen Koch und gleich darauf ertönte der Gong.

Noch ehe seine langen Schwingungen verhallt waren, hatten sich die Gäste um den Tisch versammelt. Der geräuschvolle Distriktskonstabler war der erste. Er riß lärmend einen Stuhl unter dem Tisch hervor und ließ sich mit einem erwartungsvollen Grunzen darauf nieder.

»Morgen, Dan!« sagte er, und wetzte sein Messer. »Höre, Ihr reitet heute früh. Könnten ein Stück zusammen reiten. Nicht wahr?«

Dan Barry betrachtete grübelnd das Tischtuch. Es dauerte einen Augenblick, ehe er Antwort gab.

»Ich bleibe noch hier«, sagte er schließlich leise. »Mein Ritt ist aufgeschoben.«

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