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Die Drei in der Nacht

Max Brand: Die Drei in der Nacht - Kapitel 32
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDie Drei in der Nacht
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf
yearo.J.
translatorHellmuth Wetzel
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180225
projectid30d7648f
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Einunddreißigstes Kapitel.
Die Botschaft

Buck Daniels richtete sich jäh im Bett auf und öffnete die Augen. Er hatte wieder seinen Traum geträumt, und auch diesmal, wie immer, war er aufgewacht, ehe er zu Ende war. Das erste, was er tat, war, mit einem hastigen Griff den Revolver unter der Matratze herauszureißen. Aus irgendeinem Grund war es tröstlich, den Kolben in der Hand zu fühlen. Es war besser als der Händedruck eines Freundes.

Der Tag graute kaum, und das Licht war noch so schwach, daß es eher dazu diente, die Dunkelheit zu betonen, die noch in allen Ecken hing. Buck Daniels' Kehle war wie ausgedörrt, und sein Herz hämmerte in so wahnsinnigen Schlägen, daß sein ganzer riesiger Körper davon erschüttert wurde.

Er war nicht das einzige Wesen, das in dieser grauen Frühe wach war, denn eben jetzt erhaschte sein Ohr ein schwaches und gleichmäßiges Ächzen der Treppenstufen draußen. Da draußen mußte jemand mit unendlicher Geduld und Vorsicht die Treppe heraufschleichen, denn im allgemeinen stöhnte und ächzte die baufällige Stiege, die in den Bodenverschlag von Raffertys Haus, wo Buck jetzt lag, hinaufführte, unter jedem Schritt in lautem und empörtem Protest. Auf einmal war nichts mehr zu hören. Das Wesen schien, oben angelangt, haltgemacht zu haben, um zu lauschen.

Buck Daniels hob den Revolver und richtete ihn auf die Tür, aber seine Hand zitterte so furchtbar, daß er die Richtung nicht einhalten konnte. Die Revolvermündung kreiste und schwankte hin und her. Er packte die rechte Hand mit der linken mit einem so verzweifelten Griff, als wolle er sie zerbrechen. Dann ging es besser. Das Zittern der einen Hand glich das der anderen aus, und er war fähig, wenigstens halbwegs zu zielen.

Draußen fiel eine Hand auf die Türklinke und preßte sie langsam herunter. Die Tür öffnete sich. Gegen die tiefere Dunkelheit des Vorplatzes draußen zeichnete sich die verschwommene Gestalt eines hochgewachsenen hutlosen Mannes ab. Bucks Finger krümmten sich um den Abzug, und dennoch feuerte er noch nicht. Selbst seinem von Hysterie befallenen Hirn drängte sich der Gedanke auf, daß Dan Barry einen Hut auf dem Kopfe haben müßte, und außerdem war der Mann dort draußen an der Tür größer als Dan Barry.

»Buck!« rief eine verhaltene Stimme.

Daniels ließ die Mündung seines Revolvers sinken, dann warf er die Waffe aufs Bett und sprang auf.

»Jim Rafferty!« rief er, seine Stimme versagte beinahe. »Um aller Heiligen willen, was habt Ihr jetzt hier zu tun?«

»Vor einer Weile ist einer gekommen und hat an die Haustür geklopft. Hatte einen Brief für Euch. Weit muß er geritten sein und schnell. Wie er an der Tür stand und mir den Brief hereinreicht, hörte ich draußen sein Pferd schnaufen. Er wollte nicht dableiben, ist gleich wieder umgekehrt. Hier ist der Brief, Buck, hoffe, 's sind keine schlechten Neuigkeiten. Ihr habt kein Licht hier oben? Nicht wahr?«

»Schon gut, Jim«, antwortete Buck Daniels und nahm den Brief. »Ich habe eine Laterne hier, trollt Euch ruhig ins Bett.«

Der andere antwortete mit einem geräuschvollen Gähnen und verließ das Zimmer, während Buck die Laterne ansteckte. Bei ihrem Licht riß er den Umschlag auf. Der Brief war ganz kurz. Er kam von Kate und benachrichtigte ihn von der drohenden Gefahr und beschwor ihn, so rasch und so weit zu reiten, wie es irgend ging.

Er zerknitterte den Bogen und ließ sich aufs Bett fallen.

»Warum bist du so nahe bei uns geblieben?« schrieb Kate. Er selbst hatte oft und oft in den letzten Tagen sich verwundert nach dem Grund gefragt. In einer Art dumpfer Betäubung glättete er schließlich wieder das zerknitterte Papier und las den Brief noch einmal Wort für Wort. Er mußte ihn dicht an die Laterne halten, um sehen zu können, und ein leiser Hauch von Parfüm stieg zu ihm auf. Buck Daniels ließ kraftlos den Kopf sinken und preßte den Brief gegen sein Gesicht. Erst nach einer Weile war er fähig, weiterzulesen. Und allmählich dämmerte ihm die Erkenntnis, daß Kate annahm, er sei aus Furcht vor Dan Barry von der Cumberland-Ranch geflohen.

Ja, und zum Teil war es auch wahr. Dort drüben hatte er jeden Tag bei dem Gedanken gezittert, daß der Würger auf seinem seidenglänzenden tänzelnden Rappen plötzlich vor ihm auftauchen könnte. Aber ebenso hatte er sich Tag um Tag eingeredet, daß sogar Dan Barry sich der Vergangenheit erinnere, daß er sich selbst die Undankbarkeit zum Vorwurf machte, die er einem alten Freund bewiesen hatte. Nun plötzlich kam die erkältende Erkenntnis der Wahrheit über ihn. Barry saß mit alter Erbarmungslosigkeit auf seiner Fährte und Kate Cumberland lebte in dem Glauben, daß er – Buck Daniels – vor der Gefahr geflohen sei wie ein Hund.

Er packte seinen Kopf mit beiden Händen, er schlug sich mit den Knöcheln der geballten Faust gegen seine Stirn. Kate hatte das von ihm gedacht! Ein rasendes Verlangen nach Kampf, Kampf, Kampf um jeden Preis befiel ihn. Aug' in Aug' diesem Teufel, diesem Wolfsmenschen gegenüberstehen, die Finger eisern in diesen glatten, beinahe mädchenhaften Hals vergraben, das gelbe Licht in diesen Augen ersticken – oder sterben, aber wenigstens diesem Mädchen zeigen, daß man ein Mann war!

Er las den Brief noch einmal durch, knitterte ihn dann in einem Anfall wilder Wut zu einem Knäuel zusammen und warf ihn in die entfernteste Ecke des Zimmers. Mit einem Griff hatte er seinen Hut und seinen Revolvergürtel gepackt, raste aus der Tür und donnerte die baufällige Treppe hinunter, hinaus in den Stall.

Long Beß, seine braune Stute, die ihn getreulich drei Jahre lang durch Abenteuer und Gefahren getragen und niemals im Stich gelassen hatte, streckte ihm ihren edlen Kopf entgegen und begrüßte ihn mit einem Wiehern. Statt aller Antwort drohte er ihr mit der Faust und traktierte sie mit Flüchen.

Er riß den Sattel am Steigbügeleisen von seinem Haken an der Wand, schleuderte ihn dem Gaul auf den Rücken, und als das Tier erschreckt gegen die Wand zurückwich, überhäufte er es erneut mit giftigen Flüchen und zog den Sattelgurt mit einem Ruck zusammen, der das Tier zum Stöhnen brachte. Er nahm sich nicht die Zeit, es aus dem Stall zu führen, sondern sprang sofort in den Sattel. Und dann warf er das Pferd herum und trieb ihm die Sporen in die Weichen. Es war eine Grausamkeit, denn niemals hatte Long Beß sich geweigert, auf einen bloßen Zuruf hin ihr Äußerstes an Kraft und Schnelligkeit herzugeben. Halb verrückt vor Angst und Überraschung setzte sie jetzt zum Galopp an, glitt aus, wäre beinahe gestürzt und donnerte dann zur Stalltür hinaus. Der weiche sandige Boden des Weges draußen dämpfte den Hufschlag, schluckte ihn gleichsam ein. Und dann flogen Roß und Reiter durch den grauenden Morgen unhörbar wie eine Gespensterjagd.

Long Beß, die Stute, hatte gutes Blut in den Adern. Sie war so zartgliedrig wie eine Antilope, und dabei war ihr Herz so stark wie die eisernen Muskeln unter der glatten Haut ihrer Schultern. Aber so rasch sie auch ausgriff, für Buck Daniels schien sie zu schleichen. Seine Gedanken flogen weit voraus. Er sah sich schon vor dem Ranchhaus stehen und nach Dan Barry rufen. Jawohl, die Schwelle dieses Hauses war der Platz, wo der Kampf ausgetragen werden mußte, in dem einer von ihnen sterben sollte. Und es war nur richtig und gut, wenn das Herzblut dessen, dem es bestimmt war dort zu sterben, Kate Cumberlands Hände purpurn färben würde.

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