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Die Drei in der Nacht

Max Brand: Die Drei in der Nacht - Kapitel 31
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDie Drei in der Nacht
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf
yearo.J.
translatorHellmuth Wetzel
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180225
projectid30d7648f
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Dreißigstes Kapitel.
Wenn Black Bart heult

Joe Cumberland lag kraftlos in den vielen Kissen, mit denen man seinen Rücken gestützt hatte. Kate trat ans Bett heran und starrte zu ihm hinunter. Es war weder Liebe noch Mitleid in ihrer Miene. Ja, ihr stetiger Blick war so kalt, daß schließlich der Vater zusammenschauerte und ohne die geschlossenen Augenlider zu öffnen, nach der Decke tastete, um sie dichter um seine Schultern zusammenzuziehen. Auch das schien ihm kein größeres Behagen zu verschaffen, und schließlich öffnete er die faltigen Augenlider und sah seine Tochter an. Erschöpfung lastete bleierner als Schlaf auf seinen Lidern und verschleierte seinen Blick. Er zog die Brauen zusammen, um diesen Schleier zu verscheuchen, und nickte dann langsam mit dem Kopf.

»Kate,« sagte er mit schwacher Stimme, »ich habe mein Bestes getan, es hat nichts genützt.«

Sie antwortete ebenso leise: »Was ist bloß geschehen? Dad, was kann geschehen sein, daß du jeden Versuch aufgegeben hast, Dan zurückzuhalten? Was war schuld daran? Du warst der einzige, in dessen Macht es vielleicht noch stand, ihn hierzuhalten, und du hast es gewußt. Warum hast du ihm gesagt, er könne gehen?«

Sie sprach eintönig, aber es war quälender, als wenn sie die Worte erregt hinausgeschrien hätte.

»Wenn du hier gewesen wärst,« verteidigte sich Joe Cumberland, »hättest du genau so gehandelt wie ich. Es ging nicht anders. Da hat er auf meinem Bett gesessen – du siehst's noch –, er hat mir gesagt, er hätte draußen irgendwo etwas Wichtiges vor, und da Black Bart wieder laufen könnte, läge ihm sehr daran, jetzt zu gehen. Er fragte mich, ob ich ihn noch brauche.«

»Und du hast ihm gesagt, du brauchst ihn nicht!« rief sie. »Oh, Dad, du weißt, was es für mich bedeutet und du hast gesagt, du brauchst ihn nicht!«

Er hob die Hand: »Es ist nicht leicht, seinen Blick auszuhalten, Kate. Ich lag da und versuchte erst, ihm zuzulächeln und über andere Sachen zu reden, aber es ist so schwer, seinen Blick auszuhalten. Und dann habe ich angefangen nachzudenken. In der kurzen Zeit hab' ich über alles, alles nachgedacht. Ich dachte daran, was geschehen wird, wenn Dan sich entschließt, hierzubleiben. 's kann sein, ihr findet wieder Gefallen aneinander, kann sein, ihr heiratet, und was kommt dabei heraus? Ich dachte an die Wildgänse, wie sie nordwärts fliegen im Frühling, und wie sie südwärts fliegen im Herbst, und ich dachte daran, wie Dans Herz ihnen folgt auf ihrem Flug – weiß Gott wohin –; ich hab' es leibhaftig vor mir gesehn, wie er dasteht und ihnen nachschaut und wie du daneben stehst, und er gönnt dir nicht mal einen Blick. Ich hab's vor mir gesehen, und mir hat's das Blut zum Gerinnen gebracht, wie eine Winternacht. Kate, wenn einer im Sterben liegt, wie ich, dann wird er hellsichtig.«

»Dad,« rief sie, »was sagst du da!«

Sie glitt auf die Knie nieder und zog seine kalten Hände zu sich, aber Joe Cumberland schüttelte den Kopf und zog ganz leise seine Hand fort.

»Kate,« sagte er, »wenn du jemals Dan heiraten solltest – ich seh' in die Zukunft, und ich seh' darin nichts für dich als das reine Fegefeuer. Weiß Gott, es ist nicht leicht für mich, wenn Dan weggeht, aber was bedeutet das bißchen Leben, das mir noch vergönnt ist, im Vergleich zu dir? Du mußt eine Möglichkeit haben, deinem Schicksal zu entgehn. 's ist nur gut für dich, wenn du Dan nicht mehr zu sehen bekommst, und deshalb hab' ich ihm schließlich gesagt, ich glaubte, ich könnte ohne ihn auskommen.«

»Ob du mir zum Heil oder Unheil gehandelt hast,« antwortete sie, »auf alle Fälle hast du, wenn du ihm das gesagt hast, zwei Todesurteile unterzeichnet. Mindestens zwei Menschen wird es das Leben kosten.«

»Zwei Menschen? Er ist bloß hinter einem her – und Buck Daniels hat einen gewaltigen Vorsprung, den erwischt er nicht mehr.«

»Jeff Calkins, der Distriktskonstabler ist heute hier bei uns, er hat Buck Daniels drüben bei Rafferty gesehen und sprach darüber bei Tisch. Dan hat's gehört. Ich habe sein Gesicht beobachtet. Du magst die Vergangenheit deuten können und die Zukunft, Dad, aber ich, ich kenne Dans Gesicht. Noch vor morgen abend wird Buck Daniels tot sein. Und Dan wird seine Hände mit seinem Blut befleckt haben.«

Sie ließ den Kopf aufs Bett fallen, ihre Finger vergruben sich in ihrem hellen Haar.

Als sie wieder fähig war, zu sprechen, hob sie den Kopf hoch und fuhr fort, eintönig und fieberhaft, wie vorher: »Und außerdem hat Black Bart die Fährte des Mannes gefunden, der auf ihn geschossen und den Schuppen in Brand gesteckt hat. Bucks Leichnam wird noch nicht kalt sein, ehe Dan hinter diesem Mann her ist. Oh, Dad, zwei Menschenleben lagen in deiner Hand. Du hättest sie retten können, wenn du nur Dan gebeten hättest, bei dir zu bleiben. Aber du hast sie weggeworfen.«

»Buck Daniels,« wiederholte der Alte, die Erkenntnis des Unheils, das er angerichtet hatte, schien ihm erst langsam zu dämmern, »warum ist er nicht weiter geritten? Warum ist er nicht Tag und Nacht im Sattel geblieben? Man muß ihn warnen, daß Dan hinter ihm her sein wird.«

»Ich habe schon daran gedacht, ich geh' jetzt in mein Zimmer und schreibe Buck eine Zeile, einer von den Cowboys kann zu ihm hinreiten. Aber im besten Fall wird er einen Tag Vorsprung haben, und was bedeutet das für Satan und Dan Barry?«

»Kate, vielleicht kann ich Dan aufhalten. Ist er in seinem Zimmer?«

»Ja, sprich leise, sonst hört er uns. Er geht in seinem Zimmer auf und ab.«

»Ja, wohl, wohl«, nickte der Alte. Seine Augen weiteten sich vor Entsetzen. »Ich kenne seinen Tritt, er geht wie eine große Raubkatze. Den Schritt erkennt man unter Tausenden. Und wenn ich hinhöre, dann weiß ich auch, was in seinem Kopf jetzt vorgeht.«

»Ja, ja, er denkt an den Schlag ins Gesicht, den er von Buck Daniels empfangen hat. Er denkt an den Mann, der Bart niedergeschossen hat. Gott stehe beiden bei!«

»Horch!« flüsterte der Rancher. »Er hat das Fenster geöffnet, ich habe es knarren hören. Jetzt steht er am Fenster und läßt sich den Nachtwind ins Gesicht wehen.«

Und der Nachtwind traf auch die Tür, die Barrys Zimmer mit dem des alten Joe verband; er rüttelte daran, als wenn eine unsichtbare Hand die Türklinke bewege.

Und wieder begann Kate Cumberland fieberhaft zu flüstern:

»Und dann werden sie im Namen des Gesetzes hinter Barry her sein, aber ich will ihn nicht aufgeben, Dad, ich werde noch einmal darum kämpfen, ihn hier zurückzuhalten, und wenn es mißlingt, folge ich ihm nach und wär's auch um die ganze Welt.«

»Still, Mädel«, murmelte der Vater. »Horch, was jetzt kommt!«

Es begann wie ein tiefes Stöhnen und schwoll und stieg mit rasender Schnelligkeit zu den höchsten Tönen der Tonleiter, bis es gellend durch das ganze Haus hallte – das langgezogene Heulen eines Wolfes, der auf einer frischen Fährte jagt.

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