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Die Drei in der Nacht

Max Brand: Die Drei in der Nacht - Kapitel 30
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDie Drei in der Nacht
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf
yearo.J.
translatorHellmuth Wetzel
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180225
projectid30d7648f
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Neunundzwanzigstes Kapitel.
Gespräche

Es dauerte lange, bis man erfuhr, was Cumberland auf Dan Barrys Frage geantwortet hatte. Für Kate und den Doktor schleppten sich die Stunden endlos. Für Kate Cumberland bedeutete es viel, wenn es ihrem Vater gelang, Dan zurückzuhalten. Der Doktor erwartete die Entscheidung kaum weniger begierig, denn wenn Barry tatsächlich noch am selben Tag die Ranch verließ, erhielten gewisse geheime Hoffnungen, die Doktor Byrne hegte, neue Nahrung. Noch ehe der Abend hereinbrach, trat ein Ereignis ein, das den beiden eine nicht unwillkommene Ablenkung bot. Es war die Ankunft keiner geringeren Person als des Distriktkonstablers Jeff Calkins in Person. Es war ein Mann, dem das unausgesetzte Leben im Sattel die Schulter nach vorne gedrückt und die Beine gekrümmt hatte. Sein Kopf saß weit vorne auf einem merkwürdigen langen und dürren Hals und war, wenn er sprach, in unausgesetzter pendelnder Bewegung. Auf dreihundert Meilen im Umkreis hatte der Distriktkonstabler einen großen Ruf, und dies war seltsam, denn Jeff Calkins war ein Mann, der viel und gern schwätzte, und in den Bergen sind geschwätzige Leute im allgemeinen nicht beliebt, aber es hatte sich mit der Zeit herausgestellt, daß sein sechsschüssiger Revolver im Notfalle genau so fix war, wie sein Mundwerk und ein gut Teil sicherer. So war allmählich der Distriktskonstabler in der Schätzung seiner Mitbürger gestiegen.

Gleich beim Eintreffen beruhigte er die Einwohner der Ranch durch die Versicherung, daß sie »für ihn hier nichts zu tun hätten«. Alles, was er brauchte, war eine Lagerstätte für die Nacht, ein Happen Essen und Futter für sein Pferd. Die Fährte, der er zu folgen hatte, führte viele viele Meilen einsamen Ritts über die Cumberland-Ranch hinaus. Der Distriktskonstabler war ein Mann, der zugunsten seiner Person Politik trieb, und schon früh in seinem Leben hatte er entdeckt, daß das beste Mittel, mit jedermann gut auszukommen, darin bestand, ihm sozusagen in seinen eigenen Lebensbezirk zu folgen. Und so begrüßte er auch Doktor Byrne mit einer Salve von Bemerkungen, die ein Musterbeispiel seiner Kunst, Menschen zu behandeln, darstellen sollte.

»So – also ein Doktor sind Sie, was? Well, Herr, habe schon immer gedacht, 's muß 'ne nette kitzlige Sache sein, in seinen Mitmenschen herumzuschnitzeln. 's ist bloß eine Idee dabei, die mich immer zurückgehalten hat, 's scheint mir mächtig unfair, mit dem Messer auf 'nen Kerl loszugehen, der sich nicht wehren kann. Da ham Sie mich ganz und gar.«

Doktor Byrne antwortete mit einer höflichen Verbeugung, aber er war zu betäubt von der Begrüßung, um irgend etwas antworten zu können.

»Und was macht Ihr Patient, Doktor,« schnatterte der Distriktskonstabler weiter, »was macht der alte Joe? Muß immer dran denken, wie er und ich zusammen hier in der Gegend herumgegondelt sind. War mehr oder weniger noch ein Küken damals. Aber kann sich das ein Mensch denken, daß der alte Joe auf der Nase liegt und krank ist? Du lieber Himmel, ich bin keinen Tag in meinem Leben je krank gewesen. Krank, Mann? Tot würd' ich mich lachen, wenn einer mir sagen würde, ich muß mich ins Bett legen. Was ist eigentlich los mit dem Alten?«

»Seine Nerven haben ein bißchen gelitten«, erwiderte der Doktor. »Und vielleicht darf ich zufügen, daß die Arterien ...«

»Machen Sie's kurz, Doc,« rief Jeff Calkins gemütlich, »ich habe mein Wörterbuch grad' nicht bei der Hand. Die Nerven? Was? Well, 's soll mich nicht wundern. Der alte Herr hat in der letzten Zeit genug Kummer gehabt, um nervös zu sein. Ich möcht's nicht selber durchmachen müssen. Nein, mein Herr, ich nicht! Und wie steht's mit Dan Barry – ich tret' doch hier niemandem auf die Hühneraugen, Kate? Oder?«

Ein verlorenes Lächeln irrte über Kates Gesicht, aber Jeff Calkins sah anscheinend darin nur eine Ermunterung, fortzufahren:

»'s ist noch nicht lang her, da erzählten sich die Leute, daß Ihr dem Dan recht gewogen wäret. Freut mich, zu hörn, daß nichts dahinter steckt. Ganz natürlich.«

Aber hier unterbrach ihn Kate mit erhobener Hand. »Ich glaube, es läutet zum Essen«, sagte sie. »Ja, natürlich, ich habe mich nicht getäuscht. Wenn's Ihnen recht ist, wollen wir zu Tisch gehen.«

Aber vergebens versuchte sie Jeff Calkins Mund mit Essen zu stopfen. Seine Zunge ging anscheinend auf Kugellagern und war nicht zum Stillstehen zu bringen. Außerdem hatte der Distriktskonstabler einen Teil seines Lebens in einer Pension verbracht und verstand sich infolgedessen auf die hohe Kunst des Pensionsgastes, beim Essen Konversation zu machen.

»Um auf Euch und Dan zurückzukommen, Kate, früher haben wir alle miteinander gesagt, ihr hättet ein Auge aufeinander geworfen. Denke jetzt, wir haben mächtig daneben gehauen. Wir verstehen uns doch. Das war in der Zeit, ehe Dan verduftet ist. Freilich, wenn er hier war, da war er der ruhigste Mensch, der je mir gegenüber am Tisch gesessen hat mit Ausnahme von einem – und das war ein Knabe mit einem Herzknax, dem's einfiel, just zwischen Suppe und Braten um die Ecke zu gehen. Ha, ha, ha«, sein dröhnendes Lachen erfüllte das ganze Zimmer. Dann fuhr er fort: »Aber nach dem kleinen Scherz mit Jim Silent fingen wir alle an, die Sache einigermaßen anders aufzufassen. Wissen Sie schon, Doc, ich war in Elkhead in der Nacht, wo Dan unseren Lee Haines erwischt hat.«

»Von dieser Episode habe ich nie gehört«, murmelte der Doktor.

»Haben Sie nicht? Well, ich soll verdammt sein – bitte um Entschuldigung, Kate –, Mann, Sie sind wohl fremd hier in der Gegend? Meine, Sie können sich nicht vorstellen, daß ein Mann mutterseelenallein mitten in 'ne Stadt 'reinreitet, vorm Gefängnis haltmacht, zwei Wächter knock out schlägt, die erprobte alte Leute sind, die Schlüssel nimmt, sich den Kerl aus den Eisen holt, hinter dem er her ist, ein Pferd für ihn sattelt und dann durch 'ne ganze Stadt reitet, wo jeder einzelne hinter ihm mit der Flinte herballert – na, würden Sie so was für möglich halten?«

»Gewiß nicht.«

»Und es ist nicht möglich, kann ich Ihnen bestätigen. Aber mit Dan Barry war's immer anders als bei andern Menschen. Ist das Euch je aufgefallen, Kate?«

Er wartete einen Augenblick, und da sie nicht antwortete, deutete er ihr Schweigen als eine Bejahung. Jetzt ging er zu etwas anderem über. »Übrigens habe ich Buck heute morgen gesehen. Drüben, bei Rafferty, und ...«

Hier bemerkte er einen sonderbaren Blick in Kates Augen, einen derart sonderbaren Blick, daß selbst er sich bemüßigt fühlte, abzubrechen, sich in seinem Stuhl umzudrehen und der Richtung ihrer Augen zu folgen. Er erblickte Dan Barry, der eben die Tür hinter sich ins Schloß drückte. Jeff Calkins Gesicht überzog sich plötzlich mit einem tiefen, geradezu beunruhigenden Rot, das sofort in ein fleckiges, ungesundes Gelb überging, um dann, soweit es seine sonnverbrannte Haut zuließ, sich in Kalkweiß zu wandeln.

»Dan Barry!« stieß er verblüfft heraus, sprang von seinem Stuhl auf und automatisch fuhr seine Hand nach der Hüfte, ehe er sich daran erinnerte, daß er getreu der Etikette des Gebirges den Gurt mit den Pistolenhalftern beiseite gelegt hatte, ehe er das Eßzimmer betrat. Denn man ist dort oben der Ansicht, daß Schießen bei Tisch den Appetit störend beeinflußt.

»Guten Abend«, sagte Dan ruhig. »War es Buck Daniels, den Ihr bei Rafferty drüben gesehen habt, Calkins?«

»Jawohl,« bestätigte der Konstabler heiser und nickte, »Buck Daniels.«

Und dann plumpste er in seinen Stuhl zurück. Zum erstenmal hielt er den Mund. Seine Augen folgten Barry wie hypnotisiert.

»Bin mächtig froh, zu wissen, wo Buck zu finden ist«, sagte Barry und glitt auf seinen Platz am Tisch.

Das Schweigen hielt noch eine Weile an. Alle Augen konzentrierten sich auf Dan. Endlich entschloß sich der Doktor, die Stille zu brechen.

»Sie haben mit Mister Cumberland alles besprochen?« fragte er.

»Ja, wir haben lang miteinander geredet«, nickte Dan. »Sie haben sich über seinen Zustand geirrt, Doc. Er denkt, er kann ganz gut ohne mich auskommen.«

»Was?« rief Kate.

»Er denkt, er kann ohne mich auskommen,« sagte Dan Barry. »Wir haben alles besprochen.«

Neues Schweigen. Kate Cumberland starrte hilflos in ihren Teller. Sie schien nichts zu sehen. Schließlich stand sie auf und stieß ihren Stuhl zurück.

»Was ist los, Kate?« dröhnte Jeff Calkins. »Ihr seht nicht gerade extraprima aus. Krank?«

»Ich bin im Augenblick wieder da,« sagte sie, »aber lassen Sie sich beim Essen meinetwegen nicht stören.«

Es gelang ihr, das Zimmer zu verlassen, ohne ihre Schwäche zu verraten, aber kaum hatte sich die Tür hinter ihr geschlossen, als sie zum nächsten Stuhl taumelte und hinsank. Ihr Kopf fiel zurück, ihre Augen umflorten sich. Körperlich und geistig war sie plötzlich am Ende ihrer Kraft. Es dauerte mehrere Minuten, ehe sie sich so weit wieder belebt hatte, daß sie sich langsam die Treppe hinaufschleppen konnte, bis sie die Tür zum Zimmer ihres Vaters erreicht hatte. Sie öffnete, ohne zu klopfen, trat ein, drückte die Tür hinter sich ins Schloß und lehnte sich dagegen.

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