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Die Drei in der Nacht

Max Brand: Die Drei in der Nacht - Kapitel 25
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDie Drei in der Nacht
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf
yearo.J.
translatorHellmuth Wetzel
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180225
projectid30d7648f
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Vierundzwanzigstes Kapitel.
Doktor Byrne tut einen Blick in die Vergangenheit

Barrys schwarzer, des Doktors brauner und Kate Cumberlands goldschimmernder Kopf beugten sich zusammen über den leblosen Körper Black Barts. Buck Daniels stand noch immer schwankend und um Atem kämpfend abseits.

»Lassen Sie mich versuchen, ob ich das Tier wieder zum Leben bringen kann«, erbot sich der Doktor.

Barry streifte ihn mit einem verständnislosen Blick. Sein Haar war versengt, seine Haut mit Brandblasen bedeckt, nur seine Hände schienen unverletzt und strichen unablässig über den Körper des leblosen Tieres. Kate Cumberland lag auf den Knien und beugte sich darüber.

»Ist es tödlich, Dan?« fragte sie. »Ist keine Hoffnung mehr für Bart?«

Barry gab keine Antwort, und sie versuchte den schlaff hängenden Kopf des Tieres hochzuheben. Im selben Augenblick schoß ein starker Arm auf sie zu und fegte rücksichtslos ihre Hände zur Seite. Ihr Kopf sank in den Nacken, als habe jemand ihr einen Schlag ins Gesicht versetzt. Ihre Arme fielen schlaff zur Seite. Plötzlich sah sie Doktor Randall Byrnes zornerfüllte Augen auf sich gerichtet. Er bückte sich zu ihr hinunter und zwang sie zum Aufstehen. Kein Tropfen Blut mehr war in ihrem Gesicht. Ihre Glieder schienen kein Leben mehr zu besitzen.

»Wie es scheint, können Sie hier nichts mehr ausrichten«, sagte der Doktor kalten Tones. »Wie wäre es, wenn wir ins Haus zurückgingen?«

Sie stimmte weder zu, noch widersetzte sie sich. Dan Barry hatte inzwischen mit geschickten Fingern Black Bart einen Notverband angelegt, der das Fließen des Blutes einigermaßen zum Stillstand brachte. Nun hob Barry den Kopf. Sein Blick glitt über den Doktor und das Mädchen rasch hinweg und blieb auf Buck Daniels Gesicht haften. Kein Aufleuchten des Dankes, kein Wort der Anerkennung für das, was dieser Mann für ihn getan hatte. Statt dessen zuckte Dan Barrys Hand plötzlich zu seiner Wange empor, und das gelbe Flackern der Wut glimmte erneut in seinen Augen auf. Buck Daniels schob sich langsam in den Knäuel der übrigen Cowboys hinein und entzog sich so seinem Blick. Dann machte er kehrt und eilte taumelnd auf das Haus zu.

Dan Barry beugte sich wieder über das verwundete Tier und bemühte sich, durch Auf- und Abwärtsbewegen der Vorderpfoten die Tätigkeit der Lungen wieder in Gang zu bringen.

»Sehen Sie ihn sich doch an,« flüsterte der Doktor Kate Cumberland zu, »dieses Tier, dieser halbe Wolf steht seinem Herzen näher, als je ein menschliches Wesen ihm nahe gestanden hat.«

In stummem Trotz verweigerte Kate Cumberland die Antwort auf Byrnes Bemerkung. Aber sie wandte mit einer raschen Kopfbewegung den Blick von dem knienden Mann und seinem Hund.

Aber Byrne ließ nicht nach. Die kurzangebundene Art, in der Barry seine Hilfe beiseitegeschoben hatte, hatte ihn in Zorn versetzt. So sprach er: »Haben Sie Angst davor, die beiden zu beobachten? Hat er nur halb so besorgt ausgesehen, als er Ihren Vater an der Schwelle des Todes gesehen hat? Hat er sich auch nur halb so leidenschaftlich um ihn bemüht? Sehen Sie doch, wie er das Biest anstarrt, gerade als ob seine zottige Schnauze ein Menschenantlitz sei.«

»Doktor, nicht! Nicht! Um Gottes willen!« hauchte das Mädchen.

Aber er flüsterte in befehlendem Tone zurück: »Aber, bitte, sehen Sie sich doch die Szene nur genau an! Das ist die Lösung des ganzen Geheimnisses. Aber von Geheimnis kann gar nicht die Rede sein. Es ist ganz einfach so, daß Barry ein Mensch ist, der den rohen Naturkräften blutsverwandter ist als seinen Mitmenschen. Sehen Sie doch! Bei allem, was heilig ist – weiß Gott, er holt das Ungeheuer sozusagen aus der Hölle zurück.«

Barry hatte inzwischen die Atembewegungen eingestellt und den leblosen Körper des Hundes wieder auf die Seite gelegt. Plötzlich öffnete Black Bart die Augen, blinzelte und schloß sie wieder. Sein Herr kniete neben ihm nieder und nahm den zottigen, zerfleischten, mit Brandwunden bedeckten Kopf zwischen seine beiden Hände.

»Bart!« rief er in befehlendem Ton.

Der lange schwarze Körper rührte sich nicht. Von hinten her drängte sich der Rappe an die Gruppe heran, senkte seine Samtschnauze zu Black Bart herab und stieß ein sanftes Wiehern aus. Aber auch das Pferd erhielt keine Antwort. Der Hund rührte sich nicht.

Und wieder rief Dan Barry: »Bart!« Diesmal war es ein Ausruf verzweifelten Schmerzes – beklemmender Angst.

»Hören Sie das?« sagte Byrne mit grausamer Zähigkeit, sich zu Kate Cumberland vorbeugend. »Haben Sie ein menschliches Wesen je einen solchen Schrei ausstoßen hören? Je in Ihrem Leben?«

»Bringen Sie mich weg, Doktor«, murmelte sie. »Ich fühle mich krank, mir bricht das Herz. Bringen Sie mich weg.«

Tatsächlich schien sie sich kaum noch aufrechterhalten zu können. Sie schwankte leise im Stehen. Doktor Byrne schlang den Arm um sie und führte sie zum Haus. Er mußte sie halb tragen. Sie gingen langsam, in kleinen vorsichtigen Schritten, und ehe sie noch die Stufen der Veranda erreichten, hörte er Kate leise vor sich hinweinen. Es erfüllte ihn mit Wehmut und dennoch ebenso auch mit einer unendlichen Freude. Kühne Hoffnungen schossen wie eine glänzende Flamme in ihm auf.

Die erstickende Wirkung des Rauches und der Blutverlust, nicht aber eine tödliche Verletzung durch den Schuß oder durch die Flammen, waren daran schuld, daß Black Bart so nahe an der Schwelle des Todes stand. Aber jetzt, nachdem es seinem Herrn gelungen war, ihn wieder zum Atmen zu bringen, erholte er sich rasch. Seine Augen öffneten sich und hefteten sich mit einem noch halb bewußtlosen Blick des Wiedererkennens auf seinen Herrn, und er leckte die Hand, die seinen Kopf stützte. Dan Barry ließ von einem der Cowboys eine Decke bringen. Black Bart wurde darauf gehoben, vier Mann packten die Zipfel und trugen ihre Bürde vorsichtig dem Hause zu. Ein anderer Cowboy ging mit einem Licht voraus. Kate Cumberland und Doktor Byrne waren inzwischen an den Verandastufen angelangt und warfen noch einen Blick zurück, als sie den seltsamen Zug erblickten.

»Eine Beerdigung«, meinte der Doktor.

»Nein«, antwortete Kate Cumberland mit großer Bestimmtheit. »Wenn Black Bart tot wäre, würde Dan Barry niemandem erlauben, den Körper des Tieres zu berühren. Er muß noch leben, und doch scheint es fast unmöglich – ah –« unterbrach sie sich, »sehen Sie nur, Doktor!« Der Zug war näher gekommen, und sie konnten deutlich erkennen, daß um Dan Barrys Lippen ein triumphierendes Lächeln lag. Mit hocherhobener Stirn schritt er daher.

Das Mädchen flüsterte vor sich hin: »Früher war er immer so!«

»Wie?« fragte der Doktor, und dann fügte er hinzu: »Es hat wohl eine Zeit gegeben, wo Dan Barry hier bei Ihrem Vater und Ihnen lebte? Habe ich recht?«

»Ja, Jahre und Jahre.«

»Und damals hat er sich nicht viel von anderen Menschen unterschieden? Wenigstens äußerlich betrachtet, nicht?«

»Nein.«

»Und es ist allmählich so gekommen, daß Sie sehr an ihm gehangen haben?«

»Wir sollten heiraten«, antwortete Kate Cumberland. Byrne zuckte zusammen, dann fuhr er fort:

»Und eines Tages, ganz plötzlich, geschah dann wohl etwas, das ihn aus Ihrer Nähe entführte, und Sie haben ihn nicht mehr zu Gesicht bekommen bis heute nacht? Habe ich recht?«

»Ja. Ich dachte, Sie hätten alle diese Dinge schon aus dem Gerede hier in der Umgegend erfahren. Jetzt will ich Ihnen erzählen, wie alles wirklich war. Mein Vater hat vor Jahren Dan Barry aufgefunden. Er ritt durch die Berge nach Haus, da hörte er auf einmal ein seltsames und wundervolles Pfeifen, und als er aufblickte, sah er auf einem Kamm nach Westen zu einen zerlumpten Jungen dahinwandern, der sich scharf gegen den geröteten Abendhimmel abhob. Er ritt hinüber und fragte den Jungen nach seinem Namen. Und das war Dan Barry, der pfeifende Dan, wie er genannt wird. Aber Dan war entweder nicht willens oder nicht fähig zu erzählen, wie er mitten in die gottverlassene Einsamkeit des Gebirges geraten war. Er machte eine unbestimmte Handbewegung nach Süden und Osten hin und erklärte, ›er komme von da drüben‹. Ersichtlich hatte er keine Ahnung, wo er sich befand, und trotzdem schien er sich nicht unbehaglich zu fühlen. Er wanderte planlos durch die schrecklichste Einöde, wo ein Mann tagelang unterwegs sein kann, ohne auch nur ein einziges Haus zu finden, und trotzdem pilgerte er fröhlich pfeifend seines Weges. Dad nahm ihn also mit nach Hause und schickte überallhin Briefe, um seine Angehörigen aufzufinden, besonders nach der Eisenbahnlinie hinüber. Niemals ist irgendeine Antwort darauf gekommen. Dan wurde bei uns ein Zimmer angewiesen. Ich erinnere mich noch ganz genau an den ersten Abend, als er bei uns am Tisch saß – damals war ich noch ein schrecklich kleines Kind – und wie ich über seine seltsame Art zu essen lachte. Das Messer schien das einzige Instrument zu sein, mit dem er vertraut war, und er benutzte es nicht nur zum Schneiden, sondern ebenso als Gabel und als Löffel, und wenn er sein Fleisch schneiden wollte, hielt er es mit den Fingern fest. Schon am nächsten Morgen war er verschwunden. Einer von Vaters Herdenreitern las ihn viele Meilen nach Norden hin auf, wie er fröhlich pfeifend dahinschritt, und brachte ihn nach Hause zurück. Am nächsten Morgen war er wieder verschwunden und wurde von einem noch viel weiter entfernten Ort zurückgebracht. Danach gab es einen fürchterlichen Auftritt zwischen ihm und Vater – ich weiß nicht mehr, was alles damals vorgegangen ist –, auf jeden Fall gab Dan das Versprechen, nicht mehr davonzulaufen, und seitdem hat mein Vater ihm immer näher gestanden als irgendein anderer Mensch.

So ist Dan groß geworden. Solange ich mich erinnern kann, hat er sich immer freundlich und gutherzig gezeigt, aber er war auch immer von anderen Menschen verschieden. Nach einiger Zeit ist irgendwie der Hund zu ihm gekommen, und dann sind die beiden ausgezogen und Dan hat sich den Rappen mit einem einfachen Strick eingefangen. Seitdem hat er sich so viel mit den beiden Tieren abgegeben, daß ich auf das Pferd und den Hund geradezu eifersüchtig geworden bin. Schließlich habe ich mich selbst, soweit es möglich war, mit den Tieren auf freundschaftlichen Fuß gestellt. Bart hat sich sogar hier und da dazu herabgelassen, wenn Dan nicht in der Nähe war, mit mir zu spielen. Und schließlich war es so weit, daß Dan und ich heiraten sollten.

Mein Vater hat dafür nicht viel übrig gehabt. Es machte ihm Sorgen, was einmal aus Dan werden würde. Und er hat recht behalten. Hier gegenüber am Berg lag früher eine Kneipe, und dort hat Dan seine erste Rauferei gehabt – ein Mann hatte aus keinem besonderen Grund ihm ins Gesicht geschlagen. Dieser Mann war der Jim Silent, von dem Sie vielleicht schon gehört haben.«

»Niemals.«

»Er war eine Art Bandit, ein Strauchritter, der viel auf dem Kerbholz hatte. Er schlug Dan schließlich mit einem Stuhl zu Boden und flüchtete. Ich hörte von dem Streit und lief hinüber, oder besser gesagt, Black Bart schleppte mich hin, aber Dan weigerte sich, zu uns zurückzukommen. Er wollte mit keinem Menschen zu tun haben, solange er nicht mit Jim Silent abgerechnet hätte. Ich kann Ihnen nicht alles erzählen, was sich damals zutrug. Jedenfalls erwischte er eines Tages Jim Silent und tötete ihn – und zwar mit den bloßen Händen. Buck Daniels war dabei und hat es mit angesehen. Dan kam danach zu uns zurück, aber schon am ersten Abend wurde er unruhig. Es war im vergangenen Herbst – die Wildgänse waren auf dem Flug nach Süden, und als Dan ihren Ruf hörte, stand er plötzlich auf, sagte ›Lebewohl‹ und verließ uns. Seitdem haben wir ihn niemals mehr zu Gesicht bekommen bis heute. Das einzige, was wir wußten, war, daß er nach Süden geritten sei – dem Flug der Wildgänse nach.«

Eine lange Pause des Schweigens trat ein. Der Doktor dachte fieberhaft über das Gehörte nach.

»Und als er zurückkam,« sagte er schließlich, »hat Barry Sie nicht mehr gekannt? Ich will damit sagen, Sie bedeuteten nichts mehr für ihn?«

»Sie waren ja selbst mit dabei«, sagte sie hilflos.

»Der Fall ist so klar, wie man ihn nur wünschen kann«, sagte Byrne. »Wenn es sich um etwas, ein klein bißchen Durchschnittlicheres und Alltäglicheres handelte, so könnte es einem mehr Kopfzerbrechen verursachen, aber gerade daß der Fall so außergewöhnlich beschaffen ist, hilft dazu, ihn aufzuklären. Haben Sie wirklich geglaubt, daß Black Bart, der Hund, der Halbwolf, sich Ihrer noch erinnern würde?«

»Ich konnte es immerhin erwarten.«

»Aber als er Ihnen die Zähne zeigte, waren Sie doch gewiß nicht überrascht?«

»Natürlich nicht.«

»Und doch haben Sie selbst mit angesehen, daß Black Bart diesem Dan Barry – dem Pfeifenden Dan – wie Sie ihn nennen – näher stand als Sie.«

»Wie soll ich das gesehen haben?«

»Noch in diesem Augenblick haben Sie Dan beobachten können, wie er sich liebevoll über den Hund beugte.«

Er sah, wie sie ihr Gewand dichter um sich zog, als sei die Kälte der Nacht in diesem Augenblick mit einem Male schärfer geworden, und dann sagte sie schlicht: »Ja, ich habe es mit angesehen.«

»Begreifen Sie dann nicht, daß dieser Mann mit der Welt des Animalischen in engerem Kontakt steht als mit der der Menschen? Ist es vielleicht vernünftiger von Ihnen, wenn Sie erwarten, daß Dan Barry sich Ihrer noch erinnert, wenn Sie nichts Besonderes dabei finden, daß der Hund Sie vergessen hat? Sie haben ihn für einen Menschen gehalten, in Wirklichkeit ist er kaum mehr Mensch, als Black Bart ein Mensch ist. Er hat das Gesicht eines Mannes und den Körper eines Mannes, aber seine Instinkte sind alt wie die Schöpfung. Die Welt der Tiere gehorcht ihm. Satan antwortet auf seinen Pfiff mit einem Wiehern. Der Halbwolf leckt ihm noch im Sterben die Hand. Überall und immer kehrt der tiefe Gegensatz wieder, der zwischen diesem Menschen und anderen Menschen besteht. Natürlich – Sie geben sich Mühe, diesen Gegensatz zu überbrücken, Sie statten ihn in Ihren Gedanken mit all dem aus, was andere Menschen auszeichnet. Aber jetzt öffnen Sie einmal die Augen! Trauen Sie sich der Wahrheit ins Gesicht zu sehen: er ist mit den übrigen Menschen nicht mehr versippt als dieser Wolfshund. Und wenn Sie ihm Ihre Zuneigung schenken, Miss Cumberland, so werfen Sie sich weg an einen wilden Wolf. Glauben Sie mir endlich?«

Er wußte, daß es ihm gelungen war, sie zu erschüttern. Er fühlte es, er brauchte sie nicht erst anzublicken, um es zu wissen. Eine Pause trat ein, dann sagte sie:

»Hassen Sie ihn – weil Sie so leidenschaftlich gegen ihn Partei ergreifen?«

»Kann man ein Wesen hassen, das einfach nicht mehr menschlich ist? Nein, aber man muß es fürchten. Es entzieht sich allen Gesetzen, denen gewöhnliche Menschen, wie Sie oder ich, unterworfen sind. Welche Maßstäbe bestimmen das Leben eines solchen Geschöpfes? Wie können Sie hoffen, seine Neigung zu gewinnen? Liebe? Besitzt die Welt für ein solches Geschöpf eine Lockung, außer der des Markknochens, an dem es seine Raubtierzähne erproben kann?«

»Ah, hören Sie«, flüsterte Kate Cumberland. »Dies ist die Antwort auf Ihre Frage.«

Und Doktor Randall Byrne hörte eine Art Musik, wie von einer gedämpften Violine, dünn und fast körperlos und doch von seltsamer Intensität. Sie hob sich himmelan wie eine triumphierende Lerche, die der Sonne entgegenfliegt und jubilierte dort oben an der Schwelle des Paradieses. Niemals hatten des Doktors Ohren solchen Wohlklang eingetrunken. Niemals wieder sollte es ihm beschieden sein, eine Weise wie diese zu hören, so zart – und doch so voll, daß sein ganzes Innere in Schwingung geriet und mitsang. Er fühlte eine unglaubliche Sehnsucht, diesen süßen Ton mitzupfeifen, aber es war hoffnungslos, dem verschlungenen Gang der Melodie zu folgen. Sie entzog sich ihm und glitt auf ausgebreiteten Schwingen hoch über ihn dahin, keinem Gesetz, keinem Rhythmus schien sie zu folgen. Sie hatte Flügel und ließ ihn weit, weit zurück. Wie von einer unsichtbaren Hand gezogen, bewegte sich Kate von ihm fort. Schon stand sie am äußersten Ende der Veranda. Er folgte ihr.

»Hören Sie es?« rief sie, sich ihm zuwendend.

»Was ist das?« fragte der Doktor.

»Das ist er. Verstehen Sie noch nicht?«

»Barry?«

»Jawohl!«

»Aber was bedeutet es? Pfeift er für seinen Hund?«

»Ich weiß es nicht.« Ihre Antwort kam rasch und hastig. »Nur das eine weiß ich, daß es wunderschön ist. Wie steht es jetzt mit all Ihren Theorien und Erklärungen, Doktor Byrne?«

»Gewiß, es ist schön – der Himmel weiß es! – Und doch versteht der Halbwolf es vielleicht viel besser als Sie und ich?«

Sie blickte Byrne starr ins Gesicht. »Für uns alle«, murmelte sie, »hat Dan nichts anderes als ein Schweigen, kaum einen Blick. Buck hat ihm heute nacht das Leben gerettet, und doch war Dan unfähig, sich an etwas anderes zu erinnern, als an den Schlag, den er von ihm empfangen hatte, und nun – nun vergeudet er allen Wohllaut, der in ihm ist, für ein stumpfes Tier. Hören Sie doch!«

Doktor Byrne sah, wie sie den Rücken straffte. Sie schien plötzlich größer geworden zu sein.

»Dann soll der Wolf mir helfen! Ich werde siegen! Und der Wolf soll mir dazu verhelfen!« flüsterte sie vor sich hin.

Und damit glitt sie pfeilgeschwind an Byrne vorbei und verschwand im Haus. Im selben Augenblick brach die Melodie, die eben in gedämpftem Jubel einem neuen Gipfel zugeglitten war, mit einem Male ab, flackerte noch einmal schwebend auf und war plötzlich zu Ende. Mit einem Male spürte Doktor Byrne nichts mehr um sich her als Schweigen und Dunkelheit und den unsteten Nachtwind, der in jähen Stößen sein Gesicht traf.

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