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Die Drei in der Nacht

Max Brand: Die Drei in der Nacht - Kapitel 23
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDie Drei in der Nacht
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf
yearo.J.
translatorHellmuth Wetzel
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180225
projectid30d7648f
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Zweiundzwanzigstes Kapitel.
Geduld

Randall Byrne hielt getreulich auf seinem Posten aus. Stunde um Stunde verrann und er saß mit gekreuzten Armen in seinem Stuhl auf der Diele, ohne sich zu rühren, selbst ohne mit der Wimper zu zucken. Zwei Dinge nahmen sein ganzes Denken in Anspruch. Die Erinnerung an Kate Cumberland, wie sie müde die Treppe hinaufkroch, ohne zurückzublicken und der Gedanke an den schweigenden Kampf, der sich hier neben ihm im Zimmer abspielen mußte – aber am häufigsten und hartnäckigsten kehrten seine Gedanken, wie ein gehetzter Hase, der seine Haken schlägt, zu Kate zurück, wie er sie zuletzt gesehen hatte, das blonde Haupt tief gebeugt in der Erkenntnis ihrer Niederlage. Der Mann hatte sie vergessen! Es war unglaublich – Byrne machte große erstaunte Augen – aber es war wahr. Der Mann hatte sie vergessen! Sie bedeutete für ihn nicht mehr als irgendeine Bettlerin, an der er unterwegs vorbeitrabte, ohne sie zu beachten.

Sein gespanntes Ohr vernahm ein leises Geräusch im Zimmer. Es war regelmäßig. Es klang wie ein gleichmäßiger Schritt, war aber dennoch so gedämpft, daß es sich eher wie das Hämmern eines Pulses anhörte. Randall Byrne richtete sich in seinem Stuhl auf. Ein leises Ächzen der Fußbodenbretter hier und da belehrte ihn darüber, daß drinnen tatsächlich jemand auf und ab ging.

Demnach stand der Fremde nicht mehr über das Lager des alten Cumberland gebeugt. Er ging auf und ab mit seinem seltsamen, raubtierartig gedämpften Schritt. Und woran dachte er?

Er hörte es leise von drinnen an der Tür kratzen. Es wiederholte sich. Schließlich stand er auf und öffnete die Tür. Der riesige zottige Hund drängte sich durch die Öffnung und glitt an ihm vorbei. Es überraschte Byrne, das Tier sich hinwegstehlen zu sehen, als ob Barry selbst schon gegangen sei. Er rief das Tier an. Die einzige Antwort war, daß der Hund ihm lautlos die Zähne wies. Byrne blieb wie angewurzelt stehen. Der große Hund war lautlos verschwunden, und Byrne schloß die Tür, ohne einen Blick ins Zimmer zu werfen. Er hatte eine besessene, närrische Angst davor.

Mit einemmal schien die Stille, die ringsum herrschte, voller drohender Vorbedeutung zu sein. Die Bilder, die sein Hirn bevölkert hatten, waren verflogen. Er empfand nur eines: gespannteste Erwartung. Als die Tür sich plötzlich geräuschlos in ihren Angeln drehte, war er anscheinend schon darauf vorbereitet. Er sprang auf. Vor ihm stand Dan Barry. Dan schloß die Tür und glitt in der Richtung, in der der Hund verschwunden war. Er hatte das Zimmer beinah schon verlassen, als Byrne endlich Worte fand.

»Mister Barry!« rief er.

Der Mann stutzte.

»Mister Barry!« wiederholte Byrne.

Dan Barry wandte sich um. Es erinnerte an die Art, wie der Wolfshund sich umgedreht hatte, um Byrne die Zähne zu zeigen. Eine rasche Bewegung. In seinen Augen blitzte es drohend auf.

»Mister Barry, wollen Sie uns verlassen?«

»Ich geh' hinaus.«

»Und kommen Sie zurück?«

»Ich weiß nicht.«

Doktor Byrnes Herz war einen Augenblick lang von triumphierender Freude erfüllt. Am liebsten hätte er laut herausgejubelt, aber da erinnerte er sich daran, wie das Mädchen zerbrochen, mit hängendem Kopf, die Treppe hinaufgestiegen war, und er beschloß, alles zu tun, was in seinen Kräften stand, um den Fremden auf der Ranch zurückzuhalten. Selbst wenn es ihm vergönnt gewesen wäre, hundert Jahre alt zu werden, hätte Randall Byrne keine edlere Tat tun können, als das, was er jetzt versuchte. Er schritt durchs Zimmer und vertrat Barry den Weg.

»Wenn Sie jetzt gehen,« sagte er ernsten Tones, »so werden Sie furchtbaren Schmerz über dieses Haus bringen.«

Ein Strahl des Zornes zuckte in Barrys Augen auf.

»Joe Cumberland schläft«, antwortete er. »Wenn er aufwacht, wird er sich viel kräftiger fühlen. Er braucht mich nicht mehr.«

»Er ist nicht der einzige, der Sie braucht. Seine Tochter hat Ihr Kommen mit großer Ungeduld erwartet.«

Barrys scharfer Blick begann zu flackern. Er sah von Byrne hinweg.

»Möchte ganz gern bleiben,« murmelte er vor sich hin, »aber ich muß weg.«

Sie hörten beide einen dumpfen Ruf aus dem Zimmer.

»Das ist Joe Cumberland,« sagte Byrne, »Sie sehen, er schläft nicht.«

Barrys Stirn bewölkte sich. Er wandte sich düsteren Gesichts der Tür zu, aus der er gekommen war.

»'s kann sein, 's ist besser, ich bleibe.«

Aber noch ehe er einen Schritt gemacht hatte, hörte Byrne leise aus weiter Ferne den Schrei der Wildgänse, diesen seltsamen, disharmonischen und doch so musikalischen Ruf, den der Wind über ungezählte Meilen trug. Auf Barry wirkte es wie die Berührung eines Zauberstabes. Er wirbelte auf dem Absatz herum.

»Und doch muß ich weg«, wiederholte er.

Und trotzdem gab ihm Byrne den Weg zur Tür nicht frei. Es erforderte mehr Mut als alles, was Byrne in seinem Leben bisher unternommen hatte. Der Schweiß lief in großen Strömen an ihm herab, als Barry auf ihn zukam. Und jeder Tropfen Blut wich aus seinem Gesicht, als er in Barrys Augen sah – Augen, in denen jetzt ein unheimlicher gelber Schimmer aufzuckte.

»Nein,« sagte Byrne heiser, »Sie dürfen nicht gehen. Hören Sie doch! Der alte Cumberland ruft nach Ihnen! Ist Ihnen denn das ganz gleichgültig? Wenn das so wichtig ist, was Sie jetzt da hinaus ins Dunkle treibt, kann ich's dann nicht für Sie tun?«

»Nachbar,« sagte Barrys sanfte Stimme, »geht beiseite. Ich habe keine Zeit. Man braucht mich draußen.«

Randall Byrne straffte jeden Muskel in dem verzweifelten Entschluß, den Fremden von der Tür zurückzustoßen, und trotzdem geschah das Seltsame, das er gegen seinen Willen zur Seite trat. Er sah, wie Barry aus der Tür schlüpfte.

»Dan! Wo bist du?« rief es wieder aus Cumberlands Zimmer. Diesmal lauter.

Da gab es keinen Ausweg, er selbst mußte sich entschließen, ins Zimmer zu gehen – im Notfall den Alten anzulügen. Man konnte ihm sagen, Dan Barry sei nur für einen Augenblick vor die Tür gegangen und werde sogleich wieder zurück sein. Vielleicht genügte diese Notlüge, bis der Alte wieder eingeschlummert war. Am anderen Morgen würde er freilich herausfinden, daß man ihn getäuscht hatte. Aber daran wollte Byrne jetzt nicht denken. Es war genug mit den Sorgen des Augenblicks.

Einen Augenblick zögerte er noch, die Hand auf der Türklinke, dann ermannte er sich, öffnete und trat ein. Joe Cumberland hatte sich aufgerichtet. Er saß auf dem Rand seines Lagers. Eine Spur von Farbe war in seinem Gesicht, es schien Byrnes ungläubigen Augen, als sei er etwas weniger abgezehrt, und das Feuer, das in den Augen des alten Ranchers brannte, hatte gewiß nicht mehr den unheimlichen, unirdischen Glanz.

»Wo ist Dan?« rief er.

»Kann ich irgend etwas für Sie tun?« versuchte Byrne der Frage auszuweichen. »Brauchen Sie etwas? Kann ich Ihnen etwas bringen?«

»Ihn!« antwortete der Alte gereizten Tones. »Verdammt noch mal, ich brauche Dan! Wo ist er? Er war hier. Im Schlafe habe ich ihn neben mir gespürt. Wo ist er?«

»Er ist bloß für einen Augenblick hinausgegangen,« erklärte Byrne, »er wird sofort wieder zurück sein.«

»Hinausgegangen? – Hinausgegangen?« wiederholte der Alte schleppend. Plötzlich richtete sich seine dürre Gestalt zu ihrer ganzen Höhe auf.

»Doktor, Ihr lügt! Wo ist er hin?«

Doktor Byrne wurde unvermutet von seinen Gefühlen überwältigt.

»Zum Teufel ist er gefahren!« platzte er heraus, »dem Wind und den wilden Gänsen nach! Weiß der Teufel, wo er hin ist.«

Als wäre ein Stichwort gefallen, knallte draußen ein Schuß. Ein wildes dämonisches Geheul des Schmerzes und der Wut folgte, und dann kam ein Schrei, der so furchtbar war, daß Doktor Byrne das Gefühl hatte, er werde noch auf dem Totenbette sich an diesen Schrei erinnern müssen.

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