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Die Drei in der Nacht

Max Brand: Die Drei in der Nacht - Kapitel 22
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDie Drei in der Nacht
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf
yearo.J.
translatorHellmuth Wetzel
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180225
projectid30d7648f
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Einundzwanzigstes Kapitel.
Mac Strann entschließt sich, das Gesetz zu achten

Einige Stunden später machten zwei Reiter auf einem Hügel südlich der Cumberland Ranch halt: Haw-Haw und Mac Strann. Vor ihnen zeichnete sich die zackige Silhouette der hohen Baumgruppe ab, die das Haus verbarg, und das spitze Dreieck einer Giebelwand. Dahinter verschwamm undeutlich die Unzahl der Schuppen und Gehege in der Dunkelheit.

»Wir sind am Ziel. Hier hört die Fährte auf«, meinte Mac Strann und trieb sein Pferd den Abhang hinunter. Haw-Haw drängte sein Reittier eilig an ihn heran.

»Mac, Ihr werdet doch nicht etwa ins Haus gehen, um nach ihm zu suchen?« fragte er. Er flüsterte, obwohl sie noch ein ganzes Stück entfernt waren. »'s kann sein, daß eine ganze Masse Menschen drin im Haus sind. Da ist ja Platz für 'ne halbe Armee. Ihr werdet Euch doch nicht etwa da hineinwagen, Mac.«

»Nein,« erklärte Mac Strann, »ich werd' nicht nach Barry suchen gehen, ich werd's so anfangen, daß er sich nach mir auf die Suche macht.«

Mit halbgeöffnetem Mund starrte ihn Haw-Haw verständnislos an.

»Was habt Ihr vor?«

»Würdet Ihr den Rappen wiedererkennen, wenn er Euch zu Gesicht kommt?« fragte Mac Strann.

»Den erkennt man doch unter Tausenden.«

»Der Gaul hat einen langen Ritt hinter sich. Denke, Barry hat ihn in einen der Schuppen untergestellt. 's kann gar kein Zweifel dran sein. Und ich denke, der Hund ist bei dem Pferd geblieben.«

»Hund – das Vieh sieht mehr aus wie ein richtiggehender Wolf«, murmelte Langley. »Ich möchte mit der Bestie nicht im Finstern zusammengeraten und dann möcht' ich wissen, was habt Ihr davon, wenn Ihr den Hund findet?«

»Wer dem Hund was tut,« erklärte Mac Strann gelassen, »der tut auch seinem Herrn etwas zuleide. Versteht Ihr das nicht? Ich werde Barrys Hund einen Denkzettel verabfolgen und da könnt Ihr Gift drauf nehmen, daß der Hund sich auf meine Fährte setzt und mir den Mann angeschleppt bringt, sobald er nur wieder eine Pfote heben kann. Glaubt nicht, daß ich dem Vieh den Hals umdrehen will. Ich will just nichts, als ihm einen kleinen Denkzettel geben.«

»Worauf soll das bloß 'rauslaufen?«

»Langley, wenn Barry mir nachsetzt, wie steht's dann? Dann ist er der Kerl, der das Gesetz nicht hält. Wenn ich ihn dann kaltmache, ist's Notwehr. Etwa nicht? Ich bin kein Mann, Haw-Haw, der sich gern gegen das Gesetz stellt. 's tut einem Mann nicht gut, wenn er sich was gegen das Gesetz erlaubt. Die Juristen, das sind Kerle, die sind fähig, mit ihrem Geschwätz einen Mann glattweg ins Grab zu bringen. Schlimmer als Gift sind die Kerle. Nein, Haw-Haw, ich denk' nicht dran, mir was gegen das Gesetz herauszunehmen. Ich werd' bloß dafür sorgen, daß der verdammte Wolf mich wiedererkennt, wenn er mich trifft. Wenn das Vieh wieder laufen kann, wird das erste sein, daß er meine Spur aufnimmt, und wenn er meine Spur aufnimmt, wird er Dan Barry auf die Fährte bringen, und wenn Dan Barry und ich zusammenkommen –« er schüttelte die Faust, »dann wird Jerry endlich ruhig schlafen können in seinem Grab.«

Sie waren jetzt dicht am Haus. Mac Strann setzte sein Pferd in Trab und ritt in einem großen Bogen um das Wohngebäude herum, auf die Ställe und Schuppen zu. Dahinter erhob sich ein kleiner Hügel, von dem aus man einen guten Überblick über die ganze Ranch haben mußte. Hier hielt Mac Strann an und stieg ab.

Haw-Haw Langley folgte diesem Beispiel nur mit Widerstreben. Er beklagte sich bitter: »Noch nie hab' ich gehört, daß einer bei so 'ner Sache seinen Gaul zurückläßt. Das ist nicht richtig, und so fängt man so was nicht an.«

Sein Gefährte ließ sich aber durch sein Knurren nicht beeinflussen. Mit langen Schritten steuerte er auf das Gewirr der Schuppen und Zäune zu. Der größte Teil des Viehs verbrachte die Nacht im Freien in den Gehegen. Hier und da konnte man ein Pferd stampfen oder einen Bullen schnauben hören. Nur von den Schuppen und Ställen her war kein Laut zu vernehmen. Mac Strann blieb stehen. Sie waren bei dem größten der Gebäude angelangt.

»Denke, 's ist just hier, wo sein Pferd ist«, sagte Mac Strann. »'s ist nicht die Sorte Gaul, die man mit anderen Pferden zusammenbringt. Sie werden ihn allein irgendwo eingesperrt haben. Wir wollen uns hier einmal umsehen, Haw-Haw.«

Er rollte eine Schiebetür zurück. Das Innere des Gebäudes war dunkel wie ein Sack, und Haw-Haw zog sich ängstlich zurück. Er bildete sich ein, aus allen Ecken Augen wie glühende Kohlen auf sich gerichtet zu sehen.

»Der Wolf«, flüsterte er, und packte seinen Gefährten an der Schulter. »Paß auf, daß du nicht über den Wolf stolperst, Mac.«

Mac Strann versetzte der Hand, die ihn festhielt, einen kräftigen Hieb. »Ein Wolf knurrt, eh er einen angreift,« flüsterte er, »und mehr braucht es nicht, um mich zu warnen.«

Allmählich gewöhnten sich ihre Augen an die Finsternis. Zu seiner Rechten konnte Haw-Haw in verschwommenen Umrissen die Pfostenreihe sehen, die das Gebäude, das ersichtlich als Stall diente, in einzelne Boxen schied. Mac Strann machte bei jedem einzelnen Stand halt und spähte in die Schatten hinein. Schließlich waren sie am anderen Ende angekommen.

»Er ist nicht hier,« seufzte Haw-Haw erleichtert auf, »Mac, an Eurer Stelle würd' ich warten, bis man wieder die Hand vor den Augen sehen kann, eh ich auf die Jagd nach dieser Bestie ginge.«

»Er muß aber hier sein«, brummte Mac Strann und entzündete ein Streichholz. Der plötzliche Lichtschein blendete sie zunächst. Mac Strann ließ einen hastigen Blick über die Wand schweifen, vor der sie standen. Das Streichholz brannte bis zu seinen hornigen Fingern nieder.

»Diese Wand«, sagte er, »ist nicht von demselben Holz gezimmert wie die Seitenwand. Und ein paar Jahre jünger ist sie auch. Haw-Haw, ich will dir was sagen, das hier ist nicht das Ende vom Stall. Hinter dieser Wand steckt auch noch was.« Er strich ein neues Zündholz an und fluchte leise vor sich hin. »Da schau hin!« befahl er. Mehr gegen die Seitenwand hin glitzerte etwas Metallenes. Es war der Riegel einer Tür, die die Wand durchbrach. Mac Strann stieß sie auf. Haw-Haw, der ihm über die Schulter spähte, sah zunächst nichts als ein unbestimmtes Glitzern. Und dann sah er den Rappen am Boden liegen. In einem Augenblick war das Tier auf den Füßen, zog sich in den äußersten Winkel des Raums zurück und starrte die beiden mit trotzig hochgehobenem Kopf und flammenden Augen an. »Das ist er!« flüsterte Haw-Haw. »Barrys Rappe. Und Gott sei Dank ist der Wolf nicht da.«

Aber Mac Strann trat zurück und schloß die Tür, die er geöffnet hatte, sorgfältig wieder hinter sich zu. Bei dem Licht des Zündholzes, das er in der Hand hielt, sah man, wie er gedankenvoll die Stirn runzelte und dann ließ er das brennende Streichholz fallen. Eine Handvoll Stroh, das auf dem Boden lag, fing Feuer und sandte ein unruhiges flackerndes Licht aus.

»Ah!« meinte Mac Strann, »der Wolf ist nicht da, aber wir werden ihn bald da haben. Und das Mittel, mit dem wir ihn hierherbringen, ist dasselbe, mit dem wir uns den schwarzen Gaul vom Hals schaffen.«

»Habt Ihr Euch in den Kopf gesetzt, den Gaul zu stehlen?«

»Den Gaul stehlen? Was soll ich mit so einem dürren Biest? Er würde mein Gewicht keine zwei Meilen aushalten. Aber wenn Barry je wieder auf dem Gaul sitzt, dann will ich zugestehen, daß ich die Partie verloren habe. Der Gaul muß aus der Welt.«

Haw-Haw Langley würgte an etwas. Denn dort oben in den Bergen mag einer noch so tief gesunken sein, selbst in seinen schlimmsten Augenblicken wird es ihm beinah noch leichter sein, einen Menschen ums Leben zu bringen als ein Pferd.

Mac Strann riß einen Armvoll Heu aus der nächsten Futterraufe, brach ein paar der leichten Latten ab, aus denen die Raufe gemacht war und warf das Ganze auf den Boden. Das Heu breitete er zu unterst, das Holz darüber, und eben hatte er ein Streichholz entzündet und war im Begriff, es dem Heu zu nähern, als Haw-Haw leise rief: »Hört mal, Mac.«

Blitzschnell hatte Mac das Streichholz wieder ausgelöscht. Sie standen im Dunkeln und lauschten. Alles schien still. Aber plötzlich hörten sie hoch über sich den Chor der Wildgänse, die nach Norden flogen. Haw-Haw Langley kicherte. »Das war's, was ich gehört habe«, sagte er. »Vorhin klang's wie Stimmen. Ich dachte, es kommen Leute.«

Ein verächtliches Knurren Mac Stranns. Das Kratzen eines Streichholzes, und gleich darauf schlug eine Flamme aus dem aufgehäuften Heu und bleckte hoch an der Wand hinauf.

»'raus jetzt! Schnell!« befahl Strann. Und sie eilten nach dem Ausgang zu. Das Feuer hinter ihnen war nach dem ersten Aufpuffen wieder in sich zusammengesunken und warf ein gespenstisches zuckendes und schwaches Licht. Man hörte das Knistern des Holzes, das langsam in Brand geriet. Der Feuerschein genügte kaum, um den beiden den Weg zu zeigen, im Gegenteil, das flackernde unstete Licht verwirrte sie nur. Die Pfosten des Ganges warfen lange finstere Schatten, und jede Unebenheit des Bodens schien ein Hügel mit einem tiefen schwarzen Loch dahinter. Auf dem halben Weg zur Tür tauchte plötzlich vor Langley ein Schatten auf, der körperlicher schien als die anderen. Haw-Haw sah zwei grüne schimmernde Augen auf sich gerichtet und blieb stehen wie angewurzelt.

»Der Wolf!« flüsterte er, »Mac, was tun wir jetzt?«

Mac Strann hatte keine Zeit zu antworten. Der lebende Schatten hatte sich geduckt und sprang sie an. Das alles geschah schweigend, ohne Bellen, ohne Knurren, ohne das leiseste Geräusch. Hinter ihnen hatte jetzt endlich das Holz Feuer gefangen. Ein Strom gelben Lichtes ergoß sich unvermutet durch den Raum. Haw-Haw sah das riesige Tier auf sich zukommen und rettete sich mit einem Satz hinter Mac Stranns breite Schultern. Mac Strann aber begegnete dem Angriff, ohne mit der Wimper zu zucken. Sein Revolver lag schußbereit in seiner Hand.

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