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Die Drei in der Nacht

Max Brand: Die Drei in der Nacht - Kapitel 21
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDie Drei in der Nacht
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf
yearo.J.
translatorHellmuth Wetzel
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180225
projectid30d7648f
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Zwanzigstes Kapitel.
Er kommt

Ein leiser behutsamer Schritt draußen, leiser als ein Gedanke – das Geräusch kam näher. Der schwache Wind trug es mit sich zum Fenster herein. Es schien dicht neben ihnen, hinter ihnen, überall um sie herum. Jeder hatte das Gefühl, daß irgendein Wesen sich ungesehen heranschlich. Und dann erschien wie auf ein Zauberwort der schwarze zottige Kopf eines Wolfes in dem Blauschwarz der Nacht vor dem Fenster. Die Ohren waren lauschend gespitzt, und die Augen starrten sie an – grüne Augen, in denen das Licht der vom Wind gequälten Lampe zu tanzen und zu schwelen schien. Lange, unendlich lange verharrten alle in reglosem Schrecken. Und dann verschwand der Kopf wie er gekommen war, und sie hörten das leichte Trappeln in der Ferne verschwinden.

Buck Daniels war aufgestanden. Sie fuhren zusammen, als sie ihn reden hörten, er flüsterte nur:

»Ich geh' nach oben – ich werde die Tür verschließen – bei allem, was heilig ist – laß ihn – nicht hinauf –«

Geräuschlos stahl er sich hinweg. Sie hörten draußen die Treppe unter seinem Gewicht ächzen.

Nicht nur Buck Daniels war aufgestanden. Auch Kate hatte sich erhoben. Noch immer schreckliches Schweigen, und der Alte, der schwerkranke Mann – das Wesen, dessen Körper längst schon tot war und dessen Hirn allein noch lebte, glitt von seinem Lager und stand plötzlich aufrecht, wie ein Soldat auf dem Paradeplatz. Der Doktor hörte sich fieberhaft, hastig eine Formel flüstern, die er sich zurechtgemacht hatte und unablässig wiederholte, als könne sie ihn trösten: »Das Wesen, das auf dem Wege hierher ist, ist ein menschliches Wesen, es kann nicht mehr als menschlich sein; und solange es nichts weiter als menschlich ist, solange besteht kein Grund zur Furcht. Die Gesetze der Wahrheit sind unabänderlich, die Gesetze der Wissenschaft werden sich nicht plötzlich ändern.« Aber trotz dieser Formel durchrann ihn eine eisige Kälte, als träfe ein eisiger Windstoß seine nackte Seele.

Wieder hörte er draußen den Hufschlag eines Pferdes. Selbst sein unerfahrenes Ohr erkannte den Unterschied zwischen dem Schritt dieses Tieres und dem des Gauls, auf dem Buck Daniels gekommen war. Die Hufschläge folgten viel langsamer aufeinander, als könne das Tier viel weiter ausgreifen. Des Doktors Phantasie malte ihm ein gewaltiges Geschöpf, dessen riesige Mähne im Nachtwind wehend sich seinem ebenso riesenhaften Reiter auf die Brust legte. Kate, neben ihm, murmelte: »Dan! Du Lieber! Du Lieber!«

Und wieder hörten sie einen gedämpften Schritt, leise wie von den Pfoten eines Raubtiers, kaum lauter als der leise leichte Schritt des Wolfs. Die Türklinke drehte sich langsam, ohne jedes Geräusch. Die Tür ging auf, und ein Mann trat herein. Er war nicht größer als der Doktor, ein schlanker junger Bursche und trotz des langen Rittes, den er hinter sich haben mußte, von beinah koketter Sauberkeit des Anzugs. Nur die Krempe des Hutes war über der Stirn zurückgeschlagen, als habe der beständige Druck des Gegenwindes beim Reiten sie verbogen. All das bemerkte Randall Byrne nur nebenbei. Nur eines fiel ihm sofort jäh und peinlich auf: die Augen des Fremden. Es kam ihm vor, als habe er diese Augen schon irgendwo gesehen, und er erinnerte sich, daß dasselbe gelbe, quälende Licht in den Augen des Wolfhundes geloht hatte, als er vor ein paar Minuten draußen vor dem Fenster stand.

Der Fremde warf einen raschen Bück über alle, die im Zimmer versammelt waren, aber so rasch der Blick über sie hinwegging, so schien es doch, als halte er bei jedem Gesicht den Bruchteil einer Sekunde inne. Als Byrnes Augen diesem Blick begegneten, fuhr der Doktor zusammen.

»Wo ist Buck?« fragte der Fremde. »Ich bin hinter ihm her.«

Als wisse er die Antwort, glitt der riesige zottige Hund hinter seinem Herrn her in das Zimmer. Kate streckte die Hand nach ihm aus. Sanft rief sie seinen Namen: »Bart!« aber ein lautloses Zähnefletschen begrüßte sie. Hastig zog sie die Hand zurück und die Tränen traten ihr in die Augen. Der Hund lief quer durchs Zimmer und machte an der Tür am anderen Ende halt. Er drehte den Kopf und sah wartend zu seinem Herrn hinüber. Byrne lief eine Gänsehaut über den Rücken. Es war die Tür, durch die Buck Daniels verschwunden war. Jetzt ging auch Barry auf diese Tür zu, und mit einer Art von Schwindelgefühl stellte der Doktor fest, daß seine Füße kein Geräusch auf dem Boden machten.

Kate sprang zwischen den Fremden und die Tür. Mit ausgestreckten Armen versperrte sie ihm den Weg. Bei ihrer hastigen Bewegung fegte ihr Rock den Hund fast in die Augen. Er kroch zur Seite, aber nicht aus Angst, sondern wie ein Raubtier, das zum Sprung ansetzt. Die spitzen Ohren legten sich steif nach hinten, ein bösartiges Knurren drang aus dem halbgeöffneten Rachen mit seinen mörderischen Zähnen. Trotz alledem gönnte Kate dem Tier keinen Blick. Es gab eine größere Gefahr, der es zu trotzen galt.

»Buck mag getan haben, was er will,« sagte sie, »er hat dir nicht wehtun wollen. Er hat's um deinetwillen getan, nur um deinetwillen, Dan. Und um Vaters willen. Ich lasse dich hier nicht weiter.«

Von dem Platze aus, wo er stand, konnte Doktor Byrne Dans Gesicht nicht beobachten, aber Kates Gesicht war für ihn wie ein Spiegel. Es lag ein solcher Ausdruck des Entsetzens und der Furcht darauf, als sähe sie plötzlich einen grinsenden Totenschädel vor sich, und nun hob Dan seine Hand und streckte sie langsam, zitternd nach dem Mädchen aus. Der wilde Wunsch, sie beiseitezustoßen, schien ihn zu beseelen und dennoch schien eine mahnende Stimme den erhobenen Arm zurückzuhalten. Der Doktor war unfähig, noch länger zu Kate hinüberzusehen. Scham und Mitleid zwangen ihn, die Augen niederzuschlagen.

Und da hörte er sie rufen: »Hast du mich vergessen – wie Bart mich vergessen hat? Hast du mich vergessen, Dan?«

Seine Hand sank nieder. Er trat von ihr zurück. Byrne konnte jetzt seine Augen sehen. Sie waren nicht auf Kate gerichtet, sie sahen durch sie hindurch, sie schienen durch das Eichenholz der schweren Tür zu dringen und die Beute dahinter zu erspähen. Dann glitt er mit denselben geräuschlosen Schritten wieder zu der Tür zurück, durch die er das Zimmer betreten hatte, der Hund immer an seinen Fersen. Kate Cumberland stützte sich kraftlos gegen die Wand und verbarg das Gesicht in den gekreuzten Armen. Auf Barrys starrem Gesicht verriet kein Zeichen, daß er überhaupt von ihrem Vorhandensein wußte. Erst als er an der Tür stand, machte er halt und richtete sich auf. Byrne sah, daß er Joe Cumberland anstarrte. Der Alte streckte flehend seine knochige Hand nach ihm aus.

»Mein Jung!« sagte er leise, »wie ich auf dich gewartet habe! Wie viele Jahre ist mir's vorgekommen!«

Geräuschlos wie ein Schatten war Barry zu ihm hinübergeglitten.

»Setz dich hin«, befahl er. Seine Stimme war leise und doch hörte Byrne einen metallischen Laut darin, wie wenn Stahl auf Stahl schlägt.

Joe Cumberland gehorchte wortlos. Er sank auf sein Lager zurück. Ein plötzlicher Krampf schien ihn befallen zu haben. Seine Hand, die auf Barrys Schulter lag, bebte und flog. Auch der Hund trottete nach Cumberlands Lager hinüber, er ließ sich neben seinem Herrn nieder und starrte erwartungsvoll zu ihm hinauf. Barry drehte sich zu Byrne und dem Mädchen herum. Seine Nasenflügel bebten, seine Lippen waren fest aufeinandergepreßt, und Byrne wagte nicht, der Flamme seines Blicks zu trotzen.

»Wer hat das getan?« fragte Barry, und noch immer hatte die Stimme den drohenden stählernen Klang. »Wer hat das getan?«

»Ruhig, mein Jung«, sagte Joe Cumberland mühsam. »Du brauchst mit niemandem Streit anzufangen. Ruhig, Dan, mein Junge und geh nicht wieder fort!«

Kate gab Byrne ein Zeichen, er gehorchte und verließ mit ihr das Zimmer.

»Laßt die beiden allein«, sagte sie draußen.

»Unmöglich,« protestierte Byrne, »Ihr Vater ist augenblicklich in einem ganz bedenklichen Zustand. Ich befürchte einen schweren inneren Zusammenbruch. Ich glaube jetzt selbst, daß er unbedingt ein Beruhigungsmittel braucht.«

Er hatte schon die Hand auf die Türklinke gelegt, aber Kate trat ihm in den Weg.

»Gehen Sie nicht hinein«, befahl sie mit schwacher Stimme. »Ich kann es Ihnen nicht erklären, nur soviel kann ich sagen, mein Vater hat Dan aufgefunden und seitdem besteht zwischen ihnen eine Beziehung, die keiner von uns verstehen kann, aber ich weiß, daß Dan Barry meinem Vater helfen kann. Ich weiß, daß Dad nicht in Gefahr ist, solange Dan bei ihm bleibt.«

»Ein niedliches Stück Aberglauben,« nickte der Doktor, »aber die ärztliche Wissenschaft, meine liebe Miss Cumberland, kann diesen Dingen keinen Platz einräumen.«

»Ich bestehe darauf, Doktor«, sagte sie. Sie mußte ihre ganze Kraft zusammennehmen, »ich bestehe darauf! Verlangen Sie nicht, daß ich es Ihnen erklären soll.«

»In diesem Fall«, antwortete er sehr kalt, »muß ich alle Verantwortung für die Folgen ablehnen.«

Mit einer müden Bewegung gab sie ihm den Weg frei.

»Werfen Sie einen Blick hinein. Wenn Sie bemerken, daß Vater irgendwie unruhig ist, können Sie ja hineingehen und sich seiner annehmen.«

Doktor Byrne gehorchte und öffnete leise die Tür. Joe Cumberland lag wie immer lang ausgestreckt auf seinem Lager. Die eine Hand ruhte, wie auch sonst, auf seiner Brust, die andere hielt Dan Barry mit beiden Händen umschlungen. Der Rancher schlief. Jawohl! Kein Zweifel war möglich. Zum erstenmal seit langer Zeit lag der alte Mann in ruhigem, gesundem Schlummer. Sein dürrer Brustkorb hob und senkte sich rhythmisch mit den gleichmäßigen Atemzügen. Dan Barry stand tief über den Schlummernden gebeugt, als müsse er seine Augen tief in die geschlossenen Augen Joe Cumberlands senken. Seine Körperhaltung verriet trotz ihrer Unbeweglichkeit die intensivste Anspannung. Er wirkte wie jemand, der bemüht ist, eine schwere Last zu heben, und Byrne hatte das Gefühl, daß von seinen Fingerspitzen irgendein mystischer Strom beruhigend in den Körper des Kranken überging.

Er hatte beim Öffnen der Tür nicht das geringste Geräusch gemacht, darauf konnte er schwören. Aber trotzdem wandte der Fremde den Kopf, und Byrne mußte zum zweitenmal einen erschreckten Blick in das gelbe flackernde Leuchten dieser Furcht einflößenden Augen tun. Im selben Augenblick stieß der Kranke ein leichtes Ächzen aus. Der Doktor schloß die Tür so behutsam, wie er sie geöffnet hatte und blickte Kate Cumberland nachdenklich an.

»Ich verstehe das Ganze nicht. Es ist nicht möglich«, flüsterte er.

»Niemand versteht's«, antwortete Kate mit einem traurigen Lächeln. »Machen Sie gar nicht erst den Versuch, Doktor Byrne. Gehen Sie zu Bett und versuchen Sie zu schlafen, wenn Sie können. Gute Nacht.«

»Und Sie?« Byrne ging ihr nach. »Sie sind beinah so krank wie Ihr Vater. Kann ich Ihnen gar nicht helfen?«

»Sie?« fragte sie überrascht. »Nein, nicht im geringsten.«

»Aber Sie haben keinen Tropfen Blut im Gesicht und Sie zittern so, Miss Cumberland.«

Sie schien es nicht zu hören.

»Wird er bleiben?« fragte sie sich selbst, »oder wird er, noch ehe der Morgen graut, wieder aufbrechen?«

»Ich werde dafür sorgen,« sagte der Doktor, »daß er bleibt. Ich werde hier vor der Tür warten, wenn Sie wollen und alles tun, daß er die Ranch nicht wieder verläßt.«

Ein flüchtiges, ironisches Lächeln antwortete ihm: »Können Sie den Wind am Blasen hindern, Doktor Byrne? Wenn ich glaubte, daß man ihn festhalten kann ...« Sie brach ab. »Er hat uns vergessen, er hat uns alle vergessen, bloß Dad nicht. Und wenn Dad ihn nicht bei uns halten kann, dann gibt es nichts, was fähig wäre, ihn hier noch festzuhalten. Es hat keinen Sinn, wenn Sie hier warten. Nochmals, gute Nacht, Doktor Byrne.«

Sie stieg die Treppe hinauf. Der Doktor, dessen Blick ihr folgte, sah, wie ihre Hand sich krampfhaft um das Geländer preßte, als müsse sie sich von einer Stufe zur anderen hinaufziehen.

Und dann rückte sich Byrne einen Stuhl zurecht und begann seine Nachtwache.

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