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Die Drei in der Nacht

Max Brand: Die Drei in der Nacht - Kapitel 2
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDie Drei in der Nacht
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf
yearo.J.
translatorHellmuth Wetzel
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180225
projectid30d7648f
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Erstes Kapitel.
Der Gelehrte

Im zarten Alter von sechs Jahren war Randall Byrne schon imstande, jeden Staat der Union zu benennen, seine Grenzen zu umzeichnen und das Datum seines Eintritts in die Nordamerikanische Union anzugeben. Mit neun lebte er auf vertrautestem Fuß mit dem Griechisch Homers und mit Cäsars Werken. Mit zwölf las er Aristophanes mit völligem Verständnis für die darin enthaltenen Anspielungen auf die Tagesereignisse jener Zeit und teilte seine Mußestunden zwischen Ovid und Horaz. Mit fünfzehn vertiefte er sich, nachdem ihm die Unkompliziertheit des Altenglischen und des Italienischen des vierzehnten Jahrhunderts rasch zum Überdruß geworden war, in die Geschichte der Philosophie, was ihn natürlich dazu führte, zur Zahlenlehre und der höheren Mathematik überzugehen. Mit achtzehn Jahren holte er sich die akademische Würde eines Bakkalaureus an der Havard-Universität, verbrachte einen angenehmen Sommer in harmlosem Müßiggang mit etwas Sanskrit und Hebräisch und benutzte die Gelegenheit, auch einen kleinen vorläufigen Abstecher in die Biologie und die damit verwandten Wissenschaften zu unternehmen. War er doch zu dem Schluß gekommen, daß Wahrheit wesentlicher ist als Güte oder Schönheit, denn Wahrheit umschließt die beiden anderen, und wie wir wissen, ist das Ganze größer als jedes seiner Teile. Mit einundzwanzig schob er das Diplom eines philosophischen Doktors in die Tasche und entwickelte zum erstenmal wirklichen Enthusiasmus: er stürzte sich mit fieberhaftem Eifer auf die ärztliche Wissenschaft. Mit vierundzwanzig war er Doktor der Medizin und ein berühmter Diagnostiker. Allerdings zog er es vor, in seinem Laboratorium zu arbeiten. Er hatte es sich zum Ziel gesetzt, die Elemente in einfachere Formen aufzulösen. Auch publizierte er zu dieser Zeit ein Werk über Anthropologie, dessen Auflage auf zweihundert Exemplare begrenzt war, und er erhielt als Gegengabe zweihundert beglückwünschende Schreiben von großen Männern, die den Versuch gemacht hatten, dieses Buch zu lesen. Mit siebenundzwanzig – an einem schönen Frühlingsmorgen – brach er in seinem Laboratorium ohnmächtig zusammen. Am selben Nachmittag noch schleppte man ihn vor einen großen Arzt, der außerdem ein recht vulgäres Wesen war. Der große Mann fühlte ihm den Puls und blickte in seine trüben Augen.

»Sie haben, lieber Herr«, sagte der berühmte Kollege, »ein Gehirn von hundertundzwanzig Pferdekräften, das leider nur auf einem Kleinwagenchassis montiert ist.«

»Ich bin zu Ihnen gekommen,« sagte Randall Byrne mit schwacher Stimme, »nicht, damit Sie mein Problem formulieren, sondern damit Sie es lösen.«

»Ich bin auch noch nicht fertig«, sagte der große Arzt. »Neben vielem anderen sind Sie ein verdammter Narr.«

An dieser Stelle rieb sich Randall Byrne verwundert die Augen.

»Und welche Schritte meinerseits halten Sie nun für nötig?« fragte er kläglich.

Der große Arzt spuckte geräuschvoll aus.

»Heiraten Sie ein Bauernmädchen!« sagte er brutal.

»Aber ...« sagte Randall Byrne etwas unsicher.

»Ich bin außerordentlich beschäftigt, und Sie haben bereits zehn Minuten meiner kostbaren Zeit in Anspruch genommen«, schloß der große Arzt und kehrte sich dem Fenster zu. »Meine Sekretärin wird Ihnen eine Liquidation über tausend Dollar zugehen lassen. Guten Tag.«

Und so kam es, daß zehn Tage danach Randall Byrne in seinem Hotelzimmer in Elkhead saß.

Er hatte gerade niedergeschrieben (es war ein Brief an seinen Freund Swinnerton Loughburne, Artium Magister, Philosophiae Doctor, beider Rechte Doktor): »Ganz unwiderleglich verleitet die Einführung der persönlichen Gleichung zu ganz bedauernswerten Inversionen, und wenn wir Phänomene durch die Lupe des Ego betrachten, erblickt unser Wahrnehmungsvermögen zu oft eine rein zufällige Nebenwahrnehmung oder eine handgreifliche Verzerrung im Lichte positiver Wirklichkeit, denn das Physische (oder Persönliche) umwölkt allzuoft jenes Vermögen der Intuition, das an sich so unbeirrbar zu den verborgenen Wahrheiten des Unkörperlichen und des Übermateriellen vorzudringen vermag. Jedoch besitzt dieses Problem, das, wie ich fürchte, in Deinen Augen nicht besonders neu oder verwickelt ist, für mein Betrachtungsvermögen eine ganz ungewöhnliche Anziehungskraft. Wie ich es kurz formulieren möchte: Inwieweit vermag der Geist, der an sich sozusagen durch einen Muskel repräsentiert wird, sich den Gesetzen des physischen Geschehens zu entziehen und inwieweit und aus welchen Gründen vermögen die physischen Gesetze eine so unerbittliche Gewalt über die geistigen Vorgänge auszuüben, so daß eine Störung des Gesichtsnervs tatsächlich das Asomatische verzerrt und das Pneumatoskopische verhüllt.

Ich muß Dich, mein werter Loughburne, für dieses Abgleiten aus dem Allgemeinen ins Besondere um Verzeihung bitten, aber ich bitte Dich, in einem unbeschwerteren Augenblick der Muße diesem Problem einen flüchtigen Gedanken zu schenken, da ich es schmerzlicherweise jetzt als mein eigenes betrachten muß. Ich bitte Dich darum, obwohl die ganze Frage leider so tief im Schmutz des Gemeinplätzigen verwurzelt ist.

Aber Du hast mich in einem Brief neueren Datums nach dem physischen Aspekt gefragt, den meine augenblickliche Umgebung dem Auge darbietet, und obwohl, wie Du ja wohl weißt, es meine festgegründete Überzeugung ist, daß die physikalische Tatsache als solche nicht existent ist, und daß nur das Immaterielle als tatsächlich existent betrachtet werden kann, so beabsichtige ich doch, um Dir gefällig zu sein, mich ein wenig umzuschauen – wozu ich bis jetzt noch nicht Gelegenheit gehabt habe – und Dir zu guter Zeit eine detaillierte Schilderung der Umstände zu geben, unter denen ich mich hier befinde.«

Diesem Vorsatz getreu, unterbrach Randall Byrne an dieser Stelle sein Schreiben, nahm seine gewaltigen Brillengläser ab und starrte aus dem Fenster, um den Anblick der Außenwelt in sich aufzunehmen. Ohne Brille sah er ganz verändert aus. Sein eulenhaftes Aussehen war ganz und gar verschwunden. Mit einem Schlag war er zehn Jahre jünger geworden. Er besaß ein Gesicht, das man gern genauer betrachtete. Es war hager und bleich. Die durchsichtige Haut war straff über Backenknochen, Nase und Kinn gespannt. Er besaß, trotz seiner Zartheit, ein gut gebautes, ein richtiges Kämpferkinn. Der Mund hatte keine rechte Farbe, aber die krampfhaft zusammengepreßten Lippen zeigten, daß man es mit einem fein entwickelten Temperament zu tun hatte. Die Nase war gerade und ungemein dünn, und in starkem Seitenlicht sah man das rote Blut in den durchsichtigen Nasenflügeln pulsieren. Die Augen saßen tief im Kopf, schwache Augen, die bei jedem Wechsel der Beleuchtung oder unter dem Einfluß eines plötzlichen Einfalls zu blinzeln pflegten – sehr weltfremde Augen, die das Muster der Tapete nicht in sich aufzunehmen fähig waren, aber sehen konnten, wie die Bäume auf den fernen Bergen wuchsen. Die unteren Augenlider waren rot und leicht entzündet. Am bemerkenswertesten an Byrne war jedoch die Stirn, die in der Art einer umgestülpten Pyramide aufwuchs, gegen den Scheitel hin mächtig auslud und durch eine tief eingeschnittene Furche in zwei deutlich abgegrenzte Rundungen geteilt war, was seinem Ausdruck etwas Ironisches gab. Man brauchte nur einen Blick auf diese Stirn zu werfen und man hatte einen erstaunlich lebendigen Eindruck von dem Hirn, das hinter dieser Stirn wirkte. Es schien überhaupt kein Knochengehäuse mehr vorhanden; schutzlos wucherte der Geist immer weiter und trieb die ihn einschließenden Wände mit unwiderstehlicher Gewalt nach außen.

Und der Eindruck der Zerbrechlichkeit, den dieser Kopf machte, wurde von dem Körper nur bestätigt. Für körperliche Arbeit war er nicht geschaffen. Unter dem Gewicht des Denkerhauptes hatte sich der schlanke Hals gebogen, hatten sich die Schultern nach vorne gewölbt. Wenn Randall Byrne den Arm bewegte, wirkte er wie der Arm eines Skeletts, das sich einen zu weiten Anzug hat anmessen lassen. Der Eindruck der Hände allerdings war weitaus anders. Sie waren dünn – im wesentlichen nichts als Knochen und Sehnen und auf dem Handrücken schimmerte das Violett der Adern durch die Haut –, aber es waren Hände, die etwas leisten konnten und die nicht zitterten. Hände, wie geschaffen für das Skalpell des Chirurgen, bei dessen Arbeit ein Irrtum nur um den Bruchteil eines Millimeters den Tod eines hilflosen Patienten bedeuten kann.

Nachdem er sich an dem Anblick der Landschaft gesättigt hatte, schrieb unser Gelehrter weiter:

»Der größere Teil von Elkhead ist bequem von meinem Fenster aus zu sehen. Ich bemerke eine Gemischtwarenhandlung, siebenundzwanzig Gebäude von relativ größerer und elf von geringerer Bedeutung, des weiteren fünf Kneipen. Die Straßen ...«

Die Straßen indessen sollten in dieser Session nicht die Ehre haben, von Randalls Byrnes Hand geschildert zu werden, denn in diesem Augenblick klopfte es nachdrücklich an die Tür, sie flog auf und es erschien Hank Dwight, der Besitzer des Elkhead-Salon, ein ungemein vielseitiger Mann, der sich hinter dem Schanktisch so gut auskannte wie hinter dem Amboß.

»Doc,« sagte Hank Dwight, »man braucht Sie.«

Randall Byrne schob seine Brille fester auf die Nase, um Hank Dwight genauer in Augenschein zu nehmen.

»Was ...«, fing er an. Aber Hank Dwight hatte schon auf dem Absatz kehrt gemacht.

»Kate Cumberland heißt sie. Bißchen fix, Doc, das Mädel hat's eilig.«

»Wenn kein anderer Arzt erreichbar ist,« erklärte Byrne protestierend, als er hinter ihm die Treppe hinunterstieg, »so werde ich sie mir wohl ansehen müssen.«

»Wenn ein anderer Doktor zu haben wär', in 'nem Umkreis von zehn Meilen, meinen Sie, ich würde Sie rufen?« fragte Hank Dwight.

Mit diesem Ausspruch geleitete er seinen Gast auf die Veranda hinaus und der Doktor erblickte ein Mädel in einem kurzen Reitrock, die ihre Hand im Stulphandschuh in die Hüfte stützte und mit der Gerte in der anderen ungeduldig gegen ihre Reitstiefel schlug.

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