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Die Drei in der Nacht

Max Brand: Die Drei in der Nacht - Kapitel 18
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDie Drei in der Nacht
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf
yearo.J.
translatorHellmuth Wetzel
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180225
projectid30d7648f
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Siebzehntes Kapitel.
Buck bewerkstelligt seinen Rückzug

Fatty Matthews war aus dem Sterbezimmer in die Schankstube hinuntergeeilt. Allgemeines Schweigen empfing ihn. Alle Augen waren immer noch auf die ruhige Gestalt im äußersten Winkel des Zimmers gerichtet. Schwer atmend trabte Fatty zu dem Mann hin. In Brownsville hieß es immer, nur zwei Dinge könnten den fetten Konstabler in Trab bringen, die Mündung eines Revolvers und die Aussicht auf einen Trunk. Aber alle Regeln haben eine Ausnahme. Als er Barry erreicht hatte, schlug er ihm mit seiner schweren Hand auf die Schulter. Vielmehr, er wollte ihm auf die Schulter schlagen, aber es war, wie wenn der Schatten seiner Hand genügt hätte, Barry zu warnen. Die Hand fiel nieder und fiel ins Leere. Unmerklich war Barry auf seinem Stuhl zur Seite geglitten. Man sah es nicht, er schien sich nicht gerührt zu haben, und doch war seine Schulter auf irgendeine rätselhafte Art der plumpen Faust des Konstablers ausgewichen. Sie schlug dumpf auf eine Stuhllehne auf, und der Konstabler stieß einen wilden Fluch aus.

»Fremder,« sagte er hitzig, »ich will Euch bloß eines sagen. Eben hat droben Jerry Strann die Augen geschlossen. In zehn Sekunden wird Mac Strann hier unten sein, um nach einem gewissen Jemand zu sehen, und das seid Ihr!«

Er trat zurück und versuchte sein Schnaufen zu verstecken, indem er ein Liedchen trällerte. Barry rührte sich nicht. Er flocht mit geschickten Fingern an seinem Zügel weiter.

»Ich kann einen Doppelknoten, der den meisten neu ist,« sagte er, »wollt Ihr zuschauen, wie er geschlungen wird?«

Der Konstabler wendete sich den Zuschauern zu:

»Jungens,« rief er aus und fuchtelte mit den Armen, »der ist nicht richtig im Kopf. Habt ihr gehört, was er gesagt hat? Ihr wißt jetzt, daß ich ihn gewarnt habe, wie sich's gehört. Wenn wir ihn hier in Brownsville beerdigen müssen, bin ich dann schuld? Weiß Gott nicht!« Er trat an den Schanktisch und hämmerte mit der Faust darauf. »O'Brien, was zu trinken, in aller Heiligen Namen.«

Das war ein Vorschlag, der auch den übrigen Anwesenden angesichts der allgemeinen unbehaglichen Spannung willkommen war. Sie drängten an den Schanktisch. Während die Gläser klapperten, ging Buck Daniels langsam das Zimmer entlang, bis er bei Barry anhielt. Sein Gesichtsausdruck war rätselhaft. Niemand konnte erraten, wie ihm zumute war, höchstens wenn unter den Anwesenden einer war, der schon einer Hinrichtung beigewohnt hatte. Bei Dan Barry angelangt, machte er halt und blickte auf die geschmeidigen Finger hinunter, die eifrig bei der Arbeit waren. Barry hatte einen anderen Platz eingenommen, er kehrte jetzt der Tür und allen Anwesenden das Gesicht zu. Buck Daniels stand ihm gegenüber. Das Pferdehaar in Barrys Fingern glitt gleichmäßig hin und her durch die schon fertigen Maschen. Daniels betrachtete die geschäftigen Hände mit großer Aufmerksamkeit. Sie waren schlank, zart, mit spitz zulaufenden Fingern, wie die Hände eines sechzehnjährigen Mädchens.

»Dan,« sagte Buck, und seine Stimme zitterte wie eine angeschlagene Saite, »Dan, ich habe die ganze Zeit an etwas gedacht, und jetzt hab' ich meinen Entschluß gefaßt, ich muß dir's sagen.«

Barry blickte langsam zu ihm auf. Er schien überrascht.

Buck Daniels Gesicht war tödlich bleich. Er hatte eine Hand auf die Tischplatte gestemmt und beugte sich herunter, so daß sein Gesicht mit dem Barrys fast in gleicher Höhe war.

»Barry,« sagte er, »ich frage dich zum letztenmal, willst du dich auf deinen Gaul setzen und mit zu Kate Cumberland zurückkommen?«

Dan lächelte sanft und entschuldigend, wie immer.

»Ich sehe nicht, wie's möglich sein soll, Buck.«

»Dann«, preßte Buck zwischen den Zähnen heraus, »will ich dir mal etwas sagen, Mensch, – von allen verlogenen Hunden auf der Welt bist du der verlogenste und verkommenste und schäbigste, daß ich dir's nur sage! Mensch, es gibt kein Wort, das für dich hinreicht! Nimm das dafür!«

Seine Hand, die auf den Tisch gestützt war, schnellte hoch und traf Dan Barry auf die Wange. Beinahe im selben Augenblick drehte sich Buck auf dem Absatz herum und machte zwei oder drei Schritte nach der Mitte des Raumes zu.

Da war kein einziger, der Buck Daniels Worte nicht gehört und nicht den Schlag gesehen hätte. Und es war keiner unter ihnen, dem nicht mindestens erzählt worden war, wie der schlanke junge Fremde Jerry herausgefordert und über den Haufen geschossen hatte. Es war an derselben Stelle geschehen. Ein Ächzen ging durch die Stube, als hätte alle Anwesenden zu gleicher Zeit die schwerste Atemnot an der Kehle gepackt. Und wie auf Verabredung sprang jeder, der sich mit Daniels und Barry in einer Linie befand, zur Seite und drückte sich gegen den Schanktisch oder gegen die Wand. Ihre Augen klebten wie verzaubert, unverwandt an Barrys Gesicht. Daniels' fünf Finger waren – weiß gegen das flammende Rot der Wangen – noch deutlich darauf zu sehen, alle waren zunächst tödlich erschreckt gewesen, jetzt waren sie verblüfft; denn Dan Barry saß bolzengerade auf seinem Stuhl und starrte mit verwunderten Augen um sich. Seine rechte Hand schwebte, wie plötzlich erstarrt, über dem Kolben des Revolvers in seinem Halfter. Jeder wartete auf den Augenblick, wo diese Hand in Bewegung kam, die schlanken Finger den Kolben packten und mit einem Ruck die Waffe herausgerissen wurde; sie warteten auf das Aufblitzen des stählernen Laufs, den Knall, das dünn aufpuffende Rauchwölkchen, sie warteten auf den Augenblick, wo Buck Daniels wanken und mit dem Gesicht nach unten auf den Boden schlagen würde.

Aber die Hand bewegte sich nicht. Und Buck Daniels? Mit dem Rücken gegen den lauernden Tod gewendet, blieb er stehen, wo er stand, holte Tabak und Papier aus der Tasche und rollte sich in aller Ruhe eine Zigarette. Als er fertig war, langte er nach seiner Hüfttasche.

Plötzlich kam Bewegung in Dan Barry. Seine Hand schoß nach seiner Waffe hinunter. Er lehnte sich im Stuhl vor. In seinen Augen schwelte das bösartige gelbe Licht. Buck Daniels zog die Hand aus der Hüfttasche. Er hielt nichts als ein Streichholz zwischen den Fingern. Er hob den Fuß, strich mit dem Zündholz über den Absatz, ein blaues Flämmchen huschte auf, und Buck zündete gelassen seine Zigarette an. Dann stelzte er in herausfordernder Haltung aus der Tür.

Die doppelten Türflügel waren kaum hinter ihm zugefallen, als Barry mit einem seltsamen Schrei vom Stuhl in die Höhe fuhr. Niemals hatte einer der Anwesenden von menschlichen Lippen einen solchen Schrei gehört, so erfüllt von wildem Schmerz und tödlicher Entschlossenheit. Mit drei Sprüngen hatte Barry das Zimmer durchmessen und schoß, den Revolver in der Hand, aus der Tür. Die anderen folgten in wildem Aufruhr, und diejenigen, die rasch genug ins Freie kamen, konnten noch einen Blick auf Buck Daniels erhaschen, der tief im Sattel vorgebeugt, in die Finsternis hineinpreschte. Fast im selben Augenblick war er nur noch ein verschwommener Fleck in der Finsternis. Sie hörten die Hufschläge in der Ferne. Dan Barry stand mit halberhobener Waffe da. Eine Sekunde verging, eine zweite, dann machte er kehrt, ließ die Pistole in ihren Halfter zurückfallen und raste in der Richtung der Ställe davon.

Einige aus der Menge folgten ihm auch dahin. Als sie zurückkehrten, lautete ihr Bericht, der fast nur ungläubige Ohren fand, wie folgt:

Barry war geradeswegs auf das Gehege zur Linken losgerannt und hatte wie ein Wilder gearbeitet, um das Tor aufzureißen, das mit einer Kette und einem Vorhängeschloß gesichert war. Als er sah, daß es sich nicht öffnen ließ, rannte er in den Schuppen und kam mit Sattel und Zaumzeug wieder zurück. Beides warf er über die hohe Einzäunung in das Gehege hinein und schwang sich nach. Der schwarze Wallach hatte ihm ein- oder zweimal entgegengewiehert, und der große Wolfshund war winselnd und jaulend um seine Füße getanzt. Jetzt warf der Fremde seinem Gaul den Sattel auf den Rücken, hatte ihn im Handumdrehen festgeschnallt, schwang sich auf das Tier und trieb es nach der entgegengesetzten Seite des Geheges hinüber. Bis jetzt war keinem unter den Zuschauern eingefallen, was der Mann vorhaben konnte, denn der Zaun war mindestens sechs Fuß hoch, aber als Barry, am anderen Ende des umhegten Raumes angelangt, sein Pferd herumwarf, war es klar, daß er beabsichtigte, im Sprung über das Hindernis hinwegzusetzen. Auch das noch schien allen unwahrscheinlich. Keiner wagte seinen Augen zu trauen, wie O'Brien später noch oft und oft erzählte. Das Ganze wirkte wie ein Traum. Wie im Traum sahen sie den Rappen angaloppieren, sahen, wie der Hund zuerst über die Einzäunung schnellte, sahen, wie Reiter und Pferd in den nächtlichen Himmel hinaufschossen, hörten die Hufe klirrend über den obersten Balken der Einzäunung streifen, hörten den dumpfen Aufschlag, als Reiter und Pferd wohlbehalten landeten, und einen Augenblick später schoß der Fremde wie ein Blitz um die Ecke der Scheune und war verschwunden. In der Ferne verhallte der wilde Hufschlag wie ein Trommelwirbel.

Die Zuschauer kehrten wie schlafwandelnd in die Kneipe zurück, und sie hatten kaum den Schankraum wieder betreten, als die Tür sich öffnete und Mac Strann eintrat. Er ging geradeswegs auf O'Brien los.

Sie hörten alle seine Stimme, die zäh und heiser tief aus seinem Brustkasten kam. »Hier muß sich einer herumtreiben, der sich Dan Barry nennt, wo steckt er?«

Und O'Brien antwortete: »Mac, 's ist kaum zwei Minuten her, da hat er dort am Tisch gesessen, aber wo er jetzt sein kann, davon habe ich keine Ahnung.«

Haw-Haw Langleys dürres Gerippe erschien hinter Mac Strann. Ärger verzerrte sein Gesicht. »Wenn er vor zwei Minuten noch hier war,« sagte er, »dann ist er erst seit zwei Minuten weg.«

»Wo ist er hinaus?« fragte Mac Strann.

»Nordwärts«, antwortete ein ganzer Chor von Stimmen.

O'Brien trat an Mac Strann heran: »Mac, wir wissen, was du vorhast«, sagte er. »Wir wissen, wen du verloren hast, Mann, und 's ist keiner unter uns, dem's nicht leid tut um Jerry. Aber, Mac, ich sage Euch, ich gebe Euch jetzt den besten Rat, den Euch je einer in Eurem ganzen Leben gegeben hat. Geht Barry aus dem Weg!«

Haw-Haw beugte sich zu Mac Stranns Ohr. »'s ist derselbe Rat,« flüsterte er, »den Euch Jerry auf dem Sterbebett gegeben hat, und 's ist just auch der Rat, den ich Euch gebe, Mac. Barry ist ein Mann, von dem man besser die Finger läßt.«

»Haw-Haw,« antwortete Mac Strann, »wollt Ihr mir helfen, meinen Gaul zu satteln? Ich hab' eine Verabredung, und ich habe schon zwei Minuten Verspätung.«

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