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Die Drei in der Nacht

Max Brand: Die Drei in der Nacht - Kapitel 17
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDie Drei in der Nacht
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf
yearo.J.
translatorHellmuth Wetzel
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180225
projectid30d7648f
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Sechzehntes Kapitel.
Wenn die Nacht hereinbricht

Die Abenddämmerung war noch nicht völlig hereingebrochen. Die fernen Berge warfen ihre Schatten auf die Ebenen, und am Westhimmel hing noch der letzte Abendschein, aber in Jerry Stranns weit offenen Augen herrschte tiefste Mitternacht. Ohne einen Schrei, ohne Kampf, ohne den Kopf zu heben, war er hinübergegangen. Seine Augen hatten sich für einen kurzen Augenblick geschlossen, und in diesem Augenblick sah er wirklich wie ein Toter aus. Aber in der nächsten Sekunde schon hatten sich die Lider wieder geöffnet, er lächelte, der Wind spielte mit seinem blonden Haar. Niemals hatte er so glücklich und so lebendig ausgesehen wie in seinem letzten Augenblick. Fatty Matthews nahm einen Spiegel, hielt ihn vor die leichtgeöffneten Lippen, warf einen Blick darauf und zog sich langsam nach der Tür zurück, die Augen fest auf Mac Strann geheftet.

»Mac,« sagte er, »'s ist gekommen, wie es kommen mußte. Just ein Ding hab' ich dir noch zu sagen, Mac. Tu, was du willst, aber bleib innerhalb von Recht und Ordnung.«

Und damit glitt er durch die Tür und war verschwunden.

Mac Strann hob nicht den Kopf, warf ihm keinen Blick nach, er saß neben dem Bett und spielte mit Jerry Stranns schlaffen Fingern. Seine Augen wanderten abwesend zum Fenster hinaus, über die Dächer der Siedlung hin.

Ein Pferd klapperte durch die Gasse, der Reiter rief einem Bekannten ein Scherzwort zu. Der Staub trieb langsam durchs Fenster herein. In weiter Ferne weinte ein Kind, die Mutter tröstete es. Es klang wie das Gackern einer Henne. Das war alles!

Und doch hätte Heulen und Zähneklappern, Weinen und Beten sein sollen, denn Jerry Strann, der schöne Jerry, war gestorben. Aber niemand weinte um ihn. Niemand dachte daran, seinen Tod durch ehrfürchtige Stille zu ehren. In einer Küche in der Nachbarschaft rasselte jemand mit den Töpfen und trieb dann fluchend einen Hund vom Hausgang fort. Keines dieser Geräusche war besonders laut. Die Geräusche des Lebens sind selten laut, aber sie rinnen in einen nie endenwollenden Strom, und hier und da durchbricht ein abscheulicher Lärm die Eintönigkeit, um zu bezeugen, daß noch immer die Menschen schlafen und wachen, hungern und essen.

Haw-Haw Langleys lange dürre Gestalt tauchte hinter dem Bette auf. Er ging auf den Fußspitzen, warf einen Blick auf das Gesicht des Toten und grinste. Ein anhaltender nervöser Schauer lief über ihn hin, und sein Adamsapfel stieg und fiel. Dann schob er sich vorsichtig, Zoll um Zoll, zur Seite, so lange, bis es ihm gelang, Mac Strann ins Gesicht zu sehen. Es war ausdruckslos wie ein Kindergesicht. Und wenn ein Ausdruck darin zu lesen war, so war es der des tiefsten Erstaunens.

Zu guter Letzt schlich sich ein heiseres Flüstern über Haw-Haws grinsende Lippen. »Wollt Ihr ihm nicht die Augen zudrücken, Mac?«

Mac Strann bog schwerfällig seinen riesigen Kopf und blickte zu Haw-Haw auf, der mit einer verzweifelten Anstrengung das Grinsen von seinem Gesicht verbannte.

»Er muß doch sehen, welchen Weg er geht«, sagte Mac Strann. Und dann beugte er sich über den Toten und legte ihm seine gewaltige Hand auf die Schulter. »Jerry,« flüsterte er, »was siehst du?« Und lauter: »Hörst du mich denn nicht, Junge?«

Und plötzlich überwältigte ihn das Entsetzen. Er fiel neben dem Bett auf die Knie. Der Boden zitterte und ächzte unter seinem Gewicht. »Jerry, was ist los mit dir? Bist du böse auf mich? Wirst du kein Wort mehr reden? Vergißt du mich, Jerry?«

Er legte die Hände liebevoll um das Antlitz des Toten und sah ihm tief in die umschatteten Augen. Dann stand er stolpernd auf und sagte zu Haw-Haw, der sich an die Tür zurückgezogen hatte, in entschuldigendem Ton: »Hatte reineweg vergessen, daß er nicht mehr am Leben ist.« Er starrte den dürren Menschen an der Tür nachdenklich an. »Red' offen, Haw-Haw, von Mann zu Mann, meinst du, daß Jerry mich vergessen wird?«

Haw-Haws Gesicht war immer noch bleich vor Angst, aber etwas, was stärker war als seine Furcht, zwang ihn, im Zimmer zu bleiben, ja, es trieb ihn einen Schritt näher an Mac Strann heran. Seine Augen wanderten vom Gesicht des Toten zu dem Mac Stranns, und es war, als ob er aus beiden neue Lebenskräfte zöge. Er feuchtete die Lippen mit der Zunge an und vermochte zu sprechen:

»Euch vergessen, Mac? Sicher nicht, wenn Ihr den Kerl erwischt, der ihm so mitgespielt hat.«

»Willst du, daß ich den Kerl herbeischaffe, Jerry?« fragte Mac Strann, und er wartete auf eine Antwort.

»Ich weiß auch nicht«, murmelte er nach einer kurzen Pause. »Jerry hat immer am Kampf Freude gehabt, aber nicht am Töten, und er hat's nie gemocht, was ich getan habe. Solange er hier gelegen hat, hat er nie ein Wort gesagt, daß ich mit Barry abrechnen soll. Oder doch?«

Die Verblüffung beraubte Haw-Haw der Sprache. Schließlich gelang es ihm zu stammeln: »Was? Ihr wollt dem Kerl nicht an den Kragen gehen, Mac? Ist's möglich?«

»Ich weiß es auch nicht«, antwortete der Riese schwerfällig. »Ich hab' plötzlich nicht mehr das Herz dazu, einen zu töten. 's gibt genug Sterben in der Welt, auch ohne das.« Er preßte die Hand an die Stirn und schloß die Augen. »Wenn Jerry gewollt hätte, daß ich dem Kerl, dem Barry, aufs Fell rücke, dann hätte er mir etwas gesagt. Aber er hat nichts gesagt.« Er drehte sich zu dem Toten um. »Sieh dir Jerry an, der denkt nicht an Mord und Totschlag, Mann, da ist nichts zu reden. Er denkt an irgendein stilles Plätzchen, wo sich's sanft schlafen läßt, und ich weiß auch, wo wir ihn begraben werden.«

Während Mac Strann noch sprach, hatte Haw-Haw Langley einen Einfall und er streckte seine dürren Arme aus und drückte den Einfall verzückt ans Herz.

»Mac,« sagte er, »hast du denn keine Ahnung, warum Jerry nicht wollte, daß du auf den Kerl, den Barry, losgehst?«

»Was?« fragte Mac Strann und drehte sich um.

Aber im gleichen Augenblick glitt Haw-Haw Langley hinter ihn – er schien es leichter zu finden, wenn er Mac Strann beim Sprechen nicht ins Gesicht sehen mußte –, und hinter ihm stehend, die Arme wie flehend gegen ihn ausgestreckt, sagte er:

»Mac, hast du denn vergessen, wie alles gewesen ist? Dieser Barry hat Jerry dazu getrieben, daß er als erster den Revolver zog.«

»Ja, und was ist damit?«

»Alles mögliche hat er angestellt, daß Jerry zuerst den Revolver zog, ich war mit dabei. Barry hat darauf gewartet, daß Jerry losgeht. Versteht Ihr's immer noch nicht?«

»Ja – und was?«

»Mac, Ihr seid blind! Jerry hat wohl gewußt, warum er geschwiegen hat. Er hat gewußt, daß Ihr erledigt seid, wenn Ihr versucht, mit Barry anzubinden.«

Mac Strann wirbelte mit einer Schnelligkeit herum, die man ihm bei seinem Körperbau nie zugetraut hätte. Haw-Haw preßte sich schlotternd gegen die Wand.

»Mac,« stammelte er, »ich hab's ja nicht gesagt. Aber Jerry hat es sich in den Kopf gesetzt.«

»Hat Euch Jerry das gesagt?« fragte Mac.

»So wahr Gott mir helfe!«

»Und Ihr meint, Jerry hätte eigentlich gern gewollt, daß ich mit Barry abrechne?«

»Was sonst?« antwortete der Aasgeier in wilder Angst und Spannung, seine knochigen Finger ineinanderschlingend. »Ist es nicht ganz natürlich, Mac?«

Ein Beben durchlief Mac Strann.

»Ich weiß nicht,« sagte er zu sich selbst, »mir scheint's nicht das rechte, daß es noch mehr Blutvergießen hier geben soll.«

Langleys dürre Krallen berührten seine Schulter. »Ihr wißt doch noch – vergangene Nacht«, flüsterte er hastig, »seid Ihr auf 'ne Minute draußen gewesen. Jerry, der drehte den Kopf nach mir, er lag just, wie er jetzt liegt, und ich sag', Jerry, sag' ich, kann ich irgend was für Euch tun ...?«

Mac Strann faßte nach Haw-Haws Hand und drückte sie. »Ihr wart sein Freund,« murmelte er, »ich weiß es.«

Haw-Haws Zuversicht nahm zu: »Und Jerry«, fuhr er fort, »sagt' zu mir: ›Haw-Haw,‹ sagt' er zu mir, ›altes Haus, Ihr könnt für mich nichts mehr tun. Ich geh' um die Ecke – und bald! Aber wenn ich hin bin, dann seht dazu, daß Ihr Mac und Barry auseinanderhaltet!‹ Und ich sag' ihm drauf: ›Warum denn, Jerry?‹ sag' ich. Sagt' Jerry: ›Weil Barry ihn auslöschen wird, wie er mich ausgelöscht hat!‹ sagt' er. Sage ich: ›Ich will tun, was ich kann, um die beiden auseinanderzuhalten,‹ sag' ich, ›aber wollt Ihr, daß dem Mann, der Euch umgebracht hat, kein Haar gekrümmt wird?‹ Sagt' er: ›Oh, Haw-Haw,‹ sagt' Jerry, ›ich werd' nicht ruhig schlafen können, ich werd' keine Ruhe in meinem Grab haben, solang' ich nicht weiß, daß Barry zum Teufel befördert worden ist. Aber ich bitt' Euch um Gottes Himmels Willen,‹ sagt' er, ›Mac darf nicht erfahren, wie mir zumute ist, denn ich weiß, wenn er's erfährt, bindet er mit Barry an, und es wird ihm gehn, wie mir's gegangen ist.‹«

Mac Strann drückte Haw-Haws Hand so stark, daß er sie fast zerquetschte.

»Nachbar,« sagte er, »könnt Ihr darauf schwören?«

»So wahr mir Gott helfe!«

»Dann«, sagte Mac Strann, »werd' ich's andern überlassen müssen, Jerry zu begraben. Ich werd' sie bezahlen, wie sich's gehört, aber wir haben was anders vor. Wo hat sich dieser Barry hinverkrochen?«

»Der hat sich nicht verkrochen«, schrie Haw-Haw, den das Übermaß der Gefühle fast erstickte. »Der Narr der, der verdammte Narr! Unten in O'Briens Schankzimmer sitzt er und wartet auf Euch. Jawoll, Mann, er wartet, ob Ihr Euch traut.«

Mac Strann gab keine Antwort. Er warf einen letzten Blick auf Jerrys friedvolles Gesicht und sprang zur Tür. Haw-Haw wartete, bis sie hinter ihm ins Schloß gefallen war, dann wickelte er seine langen Arme um seinen eigenen Körper – er bog sich unter einem schweigenden Lachkrampf –, und eilte mit langen Schritten Mac Strann nach.

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